Im Judentum gibt es kaum ein Gebot, das ernster genommen wird als das Fasten an Jom Kippur. Der Verzicht auf Wasser und Nahrung vom Abend des Jom Kippur bis zum Abend danach zählt zu den „fünf Seelenqualen“, die am stärksten mit diesem Tag verbunden sind. Die Tradition ist so stark, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass sich sogar nichtreligiöse Jüdinnen und Juden daran beteiligen.
Maurycy Gottliebs Juden in der Synagoge am Jom Kippur. 1878.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Fastenbrechen sowie das Essen und Trinken in der Öffentlichkeit an diesem heiligen Tag des Judentums normalerweise stark verpönt sind und als Tabu gelten. Wenn dann noch ein bekannter Rabbiner während Jom Kippur das Fasten in der Synagoge seiner Gemeinde unterbricht, ist es kaum überraschend, dass dies für grossen Aufruhr sorgen kann.
Josef Budko – Schofar
Eine solche Geschichte ereignete sich im Jahr 1848 in Vilnius. Eine schreckliche Cholera-Epidemie hatte die Stadt heimgesucht und auch die jüdische Gemeinde nicht verschont. Da Jom Kippur bevorstand, waren sich alle Ärzte einig, dass das Fasten in Verbindung mit den anderen Bedingungen des Feiertags, wie Gedränge und Überforderung, Schwerkranken, Kranken sowie anfälligen Personen, wie Kindern und älteren Menschen, noch mehr schaden würde. Die religiösen Juden lehnten den Gedanken jedoch ab, an diesem heiligen Tag zu essen und zu trinken, da sie dies als grösste Sünde betrachteten.
Jakob Steinhardt – Pest.
Rabbiner Israel Salanter (1810–1883), der heute als einer der bedeutendsten Rabbiner des 19. Jahrhunderts gilt, war damals noch ein junger, wenig bekannter Rabbiner, der sich ebenfalls in Vilnius aufhielt. Als sehr strenger Rabbiner hielt er sich unerbittlich an alle Arten von Halacha. Salanter hatte jedoch eine sehr vernünftige Herangehensweise an die Religion. Nach Rücksprache mit einigen Ärzten nahm er es auf sich, so viele Leben seiner Gemeinde wie möglich zu retten.
Sigmund Forst – Rabbiner mit Schülern
Am Abend von Jom Kippur ging er von Synagoge zu Synagoge und versuchte, die Menschen davon zu überzeugen, nicht oder zumindest nicht so streng zu fasten, spazieren zu gehen und die Zeit in der Synagoge zu verkürzen. Doch seine Bemühungen waren vergeblich. Am nächsten Tag, Jom Kippur, beging er daraufhin eine der extremsten Taten in der Geschichte des Judentums. Nach dem Schacharit-Gebet betrat er die Bima [Podest], holte Wein und kleine Backwaren hervor, sprach den Kiddusch und ass in aller Öffentlichkeit.
Jakob Steinhardt – Juden in der Synagoge.
Die Leute waren entsetzt über seine Tat und bezeichneten ihn sogar als Sünder. Aber er ass weiter, Tränen liefen seine Wangen hinunter, bis schliesslich alle – angefangen bei den Ältesten der Gemeinde – auf die Bühne gekommen waren und es ihm gleichgetan hatten. Anschliessend besuchte er andere Synagogen in der Stadt und handelte genauso.
David Frischmann (1859-1922)
Diese Geschichte war so bekannt und hat so viele Menschen beeindruckt, dass der jüdische Schriftsteller David Frischmann (1859–1922) sich von ihr zu einer seiner bekanntesten Kurzgeschichten inspirieren liess: Drei, die gegessen haben …. Sie wurde erstmals im Jahr 1892 in Warschau veröffentlicht und ist die wohl bekannteste hebräische Geschichte über Jom Kippur.
Frischmann erzählt die Geschichte aus der Sicht eines kleinen Jungen, der sie miterlebt hat – tatsächlich wurde er jedoch erst Jahre später geboren. Und obwohl Frischmann ein aufgeklärter Jude war, der sich wahrscheinlich gegen den Rabbiner Israel Salanter gestellt hätte, verleiht er ihm in dieser Geschichte die Aura eines Helden, der im Namen der Vernunft seine ganze Gemeinde rettet. Er beginnt seine Geschichte äusserst gekonnt mit einem berühmten Zitat von Rabbi Schimon aus dem Masechet Avot der Mischna.
Drei Personen, die an einem Tisch essen und dabei keine Worte der Tora sprechen, gleichen denen, die von einem Totenmahl genießen, denn es heisst: alle Tische sind voll des Auswurfs und Schmutzes ohne Gott. Drei Personen jedoch, die an einem Tisch essen und dabei Worte der Tora sprechen, gleichen denen, die die Speisung vom Altar würdig sind.
Dieses merkwürdige Zitat passt sehr gut zu der folgenden Geschichte. Zunächst einmal geht es um das Essen, das einen grossen Teil unserer Geschichte ausmacht. Vor allem aber geht es um die richtige Art des Essens. Es ist von drei Personen die Rede, denn von zwei Personen, die gemeinsam essen, wird nicht erwartet, dass sie Worte der Tora sprechen. Bei drei Personen hingegen wird dies erwartet, denn es handelt sich nicht mehr um eine einfache Mahlzeit, sondern um eine Unterhaltung, bei der es wichtig ist, auch Gott miteinzubeziehen und sich nicht nur auf das Körperliche zu konzentrieren. Frischmann fügt am Ende des Zitats einen kleinen Kommentar hinzu:
Doch damals wusste ich noch nicht zu unterscheiden.
Dies deutet auf Frischmanns eigenen Konflikt zwischen Religion und Aufklärung hin, der am Ende der Geschichte noch eine Rolle spielen würde.
Frischmann nutzt das historische Ereignis, ändert jedoch Zeit und Ort – in seiner Geschichte findet das Geschehen in einem kleinen Dorf statt – und behält die meisten Details über die Pest und die Tat des Rabbiners bei. Er betrachtet das Geschehen als etwas Aussergewöhnliches, bei dem ein mutiger, innovativer Rabbiner bereit ist, eines der wichtigsten Gebote seiner Religion zu brechen, um seine Gemeinde vor einer Seuche zu retten. Es ist daher nicht überraschend, dass viele säkulare jüdische Kreise diese Geschichte übernommen und zur Pflichtlektüre in ihren Schulen gemacht haben.
Die Geschichte in einem Schulheft, das 1932 in Tel Aviv vom Omanut Verlag gedruckt wurde.
Ein kurioser Endabsatz, der nur in wenigen Versionen der Geschichte zu finden ist, erzählt von drei weiteren Juden, die am selben Ort und am selben Jom Kippur assen, ohne dies als Sünde zu betrachten. Dieses Ende ist jedoch mehrdeutig, denn es handelt von den aufgeklärten Juden, zu denen auch Frischmann gehörte. Einerseits ist es eine Kritik an Juden, die den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren haben. Andererseits ist es ein Lob, da sie von der Sache überhaupt nicht betroffen sind. Nachfolgend finden Sie eine deutsche Übersetzung der Geschichte ohne den letzten Absatz. Wenn Sie auch den Endabsatz lesen möchten, finden Sie ihn nachfolgend unter der Datei.
Auch Drei, die gegessen haben! Zur selben Zeit, als in der Synagoge das erzählte von sich ging, sassen drei Männer in einem Hause unweit der Synagoge und assen ebenfalls. Sie waren ebenfalls Juden, aber sie hielten sich für die Aufgeklärten unter ihren Brüdern. Ihre Bindung besteht aber lediglich darin, dass sie gelernt haben – das Wort Gottes zu missachten und Vätersitten mit Füssen zu treten. Sie leben in frevelndem Leichtsinne nur ihren Sinnen. Das Fenster ist offen, wir können sie beobachten: Der Tisch ist mit Speisersten und leeren Flaschen überdeckt; ein übermütiges Lachen ertönt hin und wieder, wenn einer dem andern im Kartenspiel – das sie zur geeigneten Stunde pflegen – tüchtig abgewonnen hat. Also auch Drei, die gegessen haben! Aber verdienen sie es auch, zu den Helden gezählt zu werden?
Am ersten Nachmittag von Rosch Haschanah geht man nach dem Minchah-Gottesdienst Taschlich machen. Dieser Brauch, dessen hebräischer Name wörtlich „du mögest werfen” bedeutet, wird am ersten Tag des jüdischen Neujahrsfestes durchgeführt. Fällt dieser Tag auf den Schabbat, wird er am zweiten Tag durchgeführt, da das Tragen am Schabbat nicht erlaubt ist. Er beinhaltet das Gehen zu einer fliessenden Wasserquelle und das Beten um Vergebung der Sünden im Freien. Aufgrund seines einzigartigen Charakters kommt er in vielen jüdischen Gedichten, Geschichten und Midraschim vor.
Theodor Zlocisti – Vom Heimweg. Verse eines Juden. Verlag der jüdischen Volkstimme. Brünn, 1903. D 4056.
Der um 1390 in Mainz wirkende Maharil (Rabbi Jakob ben Moses ha-Levi Molin, (1375–1427) berichtet in seinem bekannten Werk Sefer Maharil davon, dass Juden bereits zu seiner Zeit am ersten Tag des Neujahrsfestes ans fliessende Wasser gingen, Brotkrümel für die Fische ins Wasser warfen und dabei den Vers aus dem Buch des Propheten Micha sprachen:
Er wird sich uns zuwenden, sich unser erbarmen, unsere Sünden zertreten und all ihre Vergehungen in die Meerestiefen werfen.
Dieser alte, besondere Brauch ist einzigartig, denn er wird öffentlich durchgeführt – und das unter freiem Himmel. Da er weder in der Tora noch im Talmud offiziell erwähnt wird, können ihn die meisten Juden nicht nachvollziehen. Sie tun ihn daher oft als Aberglauben ab oder machen sich sogar darüber lustig.
kamunisten gehen tsu Tashlikh. varfen areyn in teykh zeyre groyse zind. Aus der jiddischen Zeitung Forwards. 2.9.1956.
Abraham Geiger (1810-1874), der Gründungsvater des Reformjudentums und bedeutender jüdischer Gelehrter im Bereich der Wissenschaft des Judentums, bezeichnete die Taschlich-Zeremonie an Rosch Haschana als volkstümliche Erfindung, die es nicht wert sei, im Kodex erwähnt zu werden. Auf die diesbezügliche Frage von Rabbi Emanuel Schreiber antwortete er:
Um dem Verfasser und Consorten die Mühe zu ersparen, am künftigen Neujahr den Abend des ersten Tages die Oder, die Ohlau und die Gräben der Stadt entlang aufzupassen, um zu sehen, ob ich denn auch meinen Rocktaschen Krumen schüttele, zum Zeichen, dass auch meine Sünden abgeschüttelt sein mögen — alle anderen Gründen sind spätere Erklärung — bin ich bereit, ihm ein Dokument auszustellen, dass ich diesen Gebrauch auch praktisch nicht mitmache.
Abraham Geiger – Porträt von Lesser Uri (1905).
Die Beobachtung, dass die Juden dabei eine schüttelnde Bewegung ausführen oder ihre Taschen ausschütten, führte zu der Annahme, es handele sich um eine unseriöse Zeremonie: ein wortwörtliches theatralisches Abschütteln der Sünden, die dann von den Wellen oder Fischen mitgenommen würden. Deshalb beschlossen viele, nicht teilzunehmen. Wie Pauline Wengeroff in ihren Memoiren einer Großmutter erzählt:
Pauline Wengeroff – Memoiren einer Grossmutter : Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert. Poppelauer. Berlin, 1908. D 749k
Diese Annahme ist jedoch nicht völlig zutreffend. Denn man kann diesen Brauch auch als Symbol mit einer tiefen, ernsten und religiösen Bedeutung betrachten. Das Wesentliche dieser symbolischen Handlung ist bereits in den Sprüchen aus Micha VII, 18–19 enthalten, aus denen das Taschlich-Gebet besteht.
מי אל כמוך נשא עון ועבר על פשע לשארית נחלתו לא החזיק לעד אפו כי חפץ חסד הוא ישוב ירחמנו יכבש עונתינו ותשליך במצלות ים כל חטאותם Wer ist wie du, o Gott, Schuld vergebend und über Missetat hinwegsehend, für den Rest seines Erbes? Nicht für immer hält er fest seinen Zorn, denn an Gnade hat er Gefallen. Er wird sich uns zuwenden, sich unser erbarmen, unsere Sünden zertreten und all ihre Vergehungen in die Meerestiefen werfen.
Aleksander Gierymski – Taschlich an Rosch ha-Schana. 1884.
Die Übung entspricht dem Sinn des Feiertags und gibt dem Gedanken Ausdruck, dass die Gnade Gottes die Sünden unwiderruflich tilgt, so wie eine Welle, die ins Meer zurückkehrt und nicht mehr feststellbar ist. Der Maharil begründet die symbolische Handlung damit, dass der Brauch auf die Opferung Isaaks bzw. auf die Pflichterfüllung Abrahams hinweise. Dieser habe sich durch kein Hindernis zurückhalten lassen, obwohl sich ihm, wie im Midrasch Tanchuma erzählt wird, der Satan in Gestalt eines Flusses entgegenstellte und dessen Fluten ihm bis zum Hals reichten. Abraham rief Gott um Hilfe an:
„Hilf mir, Gott, das Wasser kam bis zu meiner Seele (Hals).”
Salomon Ganzfried – Kitzur Schulchan Aruch. H 355
In seinem Kitzur Schulchan Aruch nennt Rabbiner Salomon Ganzfried (1804–1886) einen zweiten Grund dafür, dass man den Fluss aufsucht: Es sei eine alte Sitte gewesen, die jüdischen Könige am Ufer eines Flusses zu salben – oder, wie man heute sagen würde, zu krönen –, um anzudeuten, dass ihr Reich von langer Dauer sein möge, wie das Wasser ohne Unterbrechung den Fluss hinabfliesst. An Rosch Haschana wird Gott allegorisch als König der Welt gekrönt.
Samuel Hirszenberg – Taschlich
Darüber hinaus sagt Rabbiner Ganzfried, es sei besser, wenn der Flusslauf ausserhalb der Stadt liege und von Fischen belebt sei. Er führt dafür an, dass wir in vielfacher Hinsicht mit den Fischen verglichen werden. So seien wir beispielsweise vor den Schlingen des Todes ebenso wenig sicher wie die Fische vor dem Netz des Fischers. Dieser Gedanke sollte die Menschen zur Busse anregen. Andererseits können Verfolgungen unserer Gesamtexistenz so wenig anzuhaben vermögen wie die Nachstellungen des Fischers den Fischen, die sich immer wieder vermehren und als Gattung unausrottbar sind.
Jüdische Neujahrspostkarte mit dem Taschilich-Motiv.
Manuel Gottlieb nennt in seinem Buch דרכי נעם Darche Noam, die sich im Netz verfangenden Fische als Grund, warum kein Mensch sein Schicksal kennt. Dieser Gedanke ist ein Hinweis auf die entsprechende Stelle im Kohelet IX,12: „Kein Mensch weiss seine Zeit, wie die Fische, die arglos im Netz gefangen werden, und wie die Vögel, die in den Schlingen gefangen werden.“
Jüdische Neujahrspostkarte mit dem Taschilich-Motiv.
Offensichtlich wurde auch an die allegorische Auslegung mehrerer Talmudstellen über die Natur der Fische gedacht. In diesen wird das Bild der weit geöffneten, nicht von Augenlidern bedeckten Augen der Fische mit der göttlichen Vorsehung in Verbindung gebracht. Dies könnte einer der Gründe sein, warum man an Rosch Haschana Fisch oder Fischköpfe isst.
Imre Amos – „Taschlich“
Auch wenn es nicht auf religiöse Weise geschieht, kann man sich dennoch auf die symbolische Bedeutung des Brauchs des Taschlich beziehen. Manchmal sind wir durch vergangene Taten oder Untaten belastet und müssen etwas Symbolisches tun, um uns psychologisch zu erleichtern. Wie Shmarya Levin in seinem wunderschönen autobiografischen Buch Kindheit im Exil erzählt:
Shmarya Levin – Kindheit im Exil. Jüdische Buchvereinigung. Berlin, 1935. D 1606(k)
Interessanterweise gibt es ein altdeutsches Gegenstück zu Taschlich. Es war nämlich urdeutsche Sitte, am Johannisabend an einen Fluss zu gehen und unter Gesang oder leise gemurmelten Sprüchen Kräuter in den Fluss zu werfen. Mit den flussabwärts geschwemmten Kräutern sollte alles Unheil des nächsten Jahres hinweggeschwemmt werden. Als der italienische Dichter und Geschichtsschreiber Petrarca dieses Schauspiel am Rhein sah, als er aus Frankreich kommend in Köln war, war er so begeistert, dass er diesen Brauch an den Tiber verpflanzen wollte. Jedenfalls berichtet Jacob Grimm in einer zum Andenken Schillers im Jahr 1859 in der Akademie der Wissenschaften in Berlin gehaltenen Rede davon.
Marc Chagall – Taschlich
Gleichwohl lässt sich nicht eindeutig sagen, dass die Juden diesen altdeutschen Brauch übernommen haben. Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, wäre die Begründung und Auslegung des Taschlichmachens eine ganz andere geworden. Taschlich ist ein Gottesdienst in der freien Natur, der höchste religiöse Hingabe an den Gedanken der Teschuwa, der Rückkehr zu Gott, sowie Unterordnung unter das vom König der Welt über uns bestimmte Geschick bedeutet.
Taschlich am Rhein in Basel. (ca. 1986)
Über die frühe Praxis des Taschlich in der Schweiz gibt es nur wenige Informationen. Eine kurze Beschreibung findet sich jedoch in den Aufzeichnungen von Dr. Samuel Teitler (1900–1989). Der nichtorthodoxe Teitler arbeitete als Rechtsanwalt in St. Gallen, war stellvertretender Richter des Schweizerischen Obergerichts und Präsident der jüdischen Gemeinde St. Gallen. Wie er mit dieser „fremden Welt” in Kontakt kam, beschreibt er, als er zum ersten Mal Rosch Haschana in St. Gallen feierte. Interessanterweise interpretierte er den Taschlich-Brauch etwas anders:
Am ersten Tag Rosch Haschana durfte ich mit den Männern hinauf wandern zu den Drei-Weihern. Dort wurden Brotkrumen ins Wasser geworfen und Verse gesprochen, ein Vorgang, den ich später nie mehr miterlebte. Ich erkannte an dem Gehabe der Männer, dass es für sie eine bedeutungsvolle Handlung war, beruhend auf dem Gedanken und der Bitte, dass die Fluten, so wie die Krumen, das Unheil, das im kommenden Jahr kommen könnte, wegtragen möchten.
Dr. Samuel Teitler (1900 – 1989)
Wie man sieht, versteht Teitler dieses Ritual so, dass es sich auf zukünftige und nicht auf vergangene Sünden bezieht. Diese Interpretation geht auf Solomon ben Moses Raphael London (1661 – 1748) zurück. In seinem Buch Kehilat Shlomo adressiert er das Problem, dass andere Völker die Juden als ein Volk sehen, auf das man sich nicht verlassen kann, da sie Tashlich praktizieren und somit ihre Verfehlungen „auslöschen” können. Deshalb interpretiert er das Ritual so, dass es sich auf zukünftige Sünden bezieht.
Johann Pfefferkorn- Libellus de Judaica confessione sive sabbato afflictionis, 1508.
Erwähnenswert ist auch, dass manche behaupten, Juden seien in der Vergangenheit oft der Wasservergiftung bezichtigt worden, weil sie den Brauch des Tashlich ausüben. Das klingt nicht abwegig, denn bei dieser Zeremonie werfen Juden öffentlich Brotkrumen ins Wasser. Dies könnte Aussenstehenden verdächtig erscheinen und zu einer antisemitischen Vorurteilen führen.
Wilhelm Grögler – Taschlich am Wiener Donaukanal (1886).
Der überholte Spruch „Hinter jedem grossen Mann steht eine grosse Frau” gilt nicht für Hedwig Lachmann (1865–1918). Nicht, weil sie nicht grossartig war, sondern weil man sie – obwohl die Geschichte dies getan hat – nicht einfach hinter ihrem ebenso grossartigen Ehemann Gustav Landauer einordnen kann. Trotz seiner Bemühungen, ihr Werk zu verbreiten, ist Hedwig Lachmann heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Anlässlich ihres 160. Geburtstags ist es an der Zeit, dieses Versäumnis zu korrigieren.
Hedwig Lachmann (1865-1918)
Sie wurde 1865 in Stolp, einer kleinen Stadt in Pommern, als eines von sechs Kindern von Isaak und Mina Lachmann geboren. Ihr Vater war Chasan (Kantor) und ein grosser Bewunderer von Nigunim (religiöse Melodien), die sich von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. Um sein Wissen zu erweitern, zog er mit seiner Familie in das bayerische Dorf Hürben. Neben seiner Arbeit als Kantor der jüdischen Gemeinde verbrachte er dort viel Zeit damit, Neiomot (jüdische Gesänge) zu sammeln und zu dokumentieren. Das daraus entstandene Manuskript Awaudas Jisroel – Traditionelle Gesänge des süddeutschen Ritus ist erhalten geblieben und befindet sich heute in der Israelischen Nationalbibliothek.
Isaak Lachmann – Manuskript von Awaudas Jisroel – Traditionelle Gesänge des süddeutschen Ritus. Hürben, 1899. National Library of Israel.
Die Arbeit des Vaters hatte einen massgeblichen Einfluss auf Hedwig Lachmanns Liebe zur Sprache und ihr tolerantes und offenes Weltbild. Bereits in jungen Jahren entwickelte sie ein hervorragendes Sprachverständnis für Deutsch, Französisch, Ungarisch und Englisch. Im Alter von nur 15 Jahren hatte sie die Prüfung als Nachhilfelehrerin für Englisch und Französisch bestanden und begann mit 17 Jahren, als Privatlehrerin zu arbeiten.
Ihre Engagements führten sie zunächst nach England, dann nach Dresden und schliesslich nach Budapest. Nach vielen Jahren des Reisens kam sie nach Berlin, um sich um zwei alte und kranke Familienmitglieder zu kümmern. Hier lernte sie das wilde und ausschweifende Leben der Berliner Jugend und Bohème kennen.
Hedwig Lachmann – Unterwegs. Gesammelte Gedichte – Eigenes und Nachdichtungen. Herausgegeben von Gustav Landauer. Potsdam, 1919.
Ihre gleichzeitige Hinwendung zur Poesie ist eng mit ihrer Beziehung zu Richard Dehmel verbunden, der zu dieser Zeit zu den einflussreichsten und angesehensten Dichtern zählte. Über den Dehmel-Kreis lernte sie einige der talentiertesten und bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Kulturszene jener Zeit kennen, darunter die Dichter Bruno Wille, Julius und Henrich Hart sowie Karl Wolfskehl, die Dichterin Paula Dehmel, die Schriftstellerinnen Anna Croissant-Rust und Anselma Heine sowie die Malerin Julie Wolfthorn, die 1903 ihr Porträt malte.
Julie Wolfthorn-Porträt von Hedwig Lachmann (1897).
Lachmann begann zu schreiben, experimentierte mit Gedichten und verdiente ihren Lebensunterhalt hauptsächlich als Übersetzerin. Dank ihrer Kenntnisse mehrerer Sprachen avancierte sie zu einer der bedeutendsten Übersetzerinnen ins Deutsche, unter anderem von Oscar Wilde, Edgar Allan Poe, Honoré de Balzac, Paul Verlaine und Sándor Petőfi. Ihre bekannteste Übersetzung war Oscar Wildes Salome, die Richard Strauss später für seine weltberühmte Oper verwendete (Uraufführung in Berlin im Jahr 1905).
Oscar Wilde – Salome. Tragödie in einem Akt. Übertragung von Hedwig Lachmann, Zeichnungen von Marcus Behmer Leipzig, Insel-Verlag, 1903
Deutsche Übersetzungen von Wilde gab es bereits damals, aber keine konnte seinen sprachlichen Geist so einfangen wie Lachmanns. Darüber schrieb der berühmte österreichische Kunstschriftsteller und -Kritiker Arthur Roessler in einem am 6. August 1903 in der Ostdeutschen Rundschau erschienenen Artikel über Oscar Wilde:
Wie schwierig es darum ist Wildes Schriften zu übersetzen, kann sich jeder beiläufig denken. Die plötzliche Hochflut deutscher Ausgaben seiner Werke hat mich daher erschreckt und misstrauisch gemacht in bezug auf die Güte der Übersetzungen. Leider erhielt ich meine Besorgnis bestätigt, als ich verschiedene der Übersetzungen las. Nur eine Übersetzung ist tadellos: die Verdeutschung der „Salome” von Hedwig Lachmann.
Gustav Landauer (1870-1919)
Hedwig Lachmanns erste Begegnung mit Gustav Landauer fand Anfang 1899 in einer Berliner Kunstgalerie statt. Er war sofort von ihr fasziniert, was zu einer umfangreichen Korrespondenz zwischen den beiden führte. Lange Zeit redeten sie sich dabei mit dem formalen „Sie” an.
Sehr geehrtes Fräulein, 1/2 6 Uhr morgens, eben aus Berlin zurückgekehrt, sehe ich nach meinem Kind das lieb schläft, und sitze jetzt am Schreibtisch, um Ihnen zu schreiben. Ich hätte Sie vor einigen Stunden beinahe kennen gelernt. Beinahe – Ich scheine also doch keiner von denen, die dem Schicksal gewachsen sind. Glauben Sie mir, bitte: ich bin nicht dekadent, und ich bin auch nicht verliebt. Nicht Liebe auf den ersten Blick ist mein Fall, vielmehr etwas psychologisch weniger Naheliegendes: nennen wir’s Freundschaft, Freundschaft auf den ersten Blick.
(Aus dem ersten Brief von Gustav Landauer an Hedwig Lachmann. 28.02.1899)
Ihre Beziehung begann unter schwierigen Umständen, denn Landauer war zu diesem Zeitpunkt noch mit seiner ersten Frau Margarethe Leuschner verheiratet. In ihrer wunderbaren Biografie Mein Rundgang erzählt die zu Unrecht vergessene Anselma Heine (1855-1919), die damals mit Hedwig Lachmann befreundet war, von den Anfängen der Romanze zwischen den beiden.
So oft sie „Gustav Landauer“ sagte, sah sie mich strahlend und lächelnd an, als habe sie mir damit ein köstliches Geschenk gemacht […]Noch war er verheiratet. Mit einer Frau, die ihn nicht freigab. In seiner ersten Jugend hatte er, der Hochkultivierter, ein Mädchen aus dem Proletariat geheiratet, wohl um vor sich selbst und anderen Zeugnis abzulegen von der Unbedingtheit seiner sozialen Einstellung. Bald aber — und ihm selber sehr unerwartet — verwandelte sich die Proletarierin in eine Kleinbürgerin mit all den Eigenschaften, die zu bekämpfen Gustav Landauer Lebenswerk war. „Es stösst sich die Flügel stumpf an ihrer Enge“, sagte mir Hedwig Lachmann mit Tränen des Zorns.
Darüber hinaus befand sich der junge Anarchist in einer sehr schlechten finanziellen Lage und musste eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wegen „Störung der öffentlichen Ordnung” absitzen. Hedwig war immer noch eng mit Richard Dehmel verbunden, der sie nicht so leicht ziehen liess. Ausserdem missbilligten ihre Familie, insbesondere ihr Vater und ihr Bruder Norbert, dass ein Mann in ihr Leben getreten war, der anscheinend nichts als Ärger mit sich brachte.
Ellen Fuhr – Porträt von Gustav Landauer.
Erst nach dem Tod ihres Vaters konnte sich die Beziehung entfalten. Die beiden reisten mit finanzieller Unterstützung von Auguste Hauschner, einer engen Freundin Landauers, die ihn sein ganzes Leben lang unterstützte, nach England. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1903 heirateten sie und bekamen ihre erste Tochter Gudula, ein Jahr später folgte die zweite Tochter Brigitte. 1906 kam auch Charlotte, Landauers Tochter aus erster Ehe, in die Familie.
Die Töchter Gudula (1902–1946) und Brigitte (1906–1985) stammen aus der Ehe mit Hedwig Lachmann. Charlotte (1894–1927) war die Tochter von Gustav Landauer aus erster Ehe.
In einem schönen Aufsatz, der am 22. August 1926 im Berliner Tageblatt veröffentlicht wurde, berichtet Gudula Landauer von einem Gedicht, das ihre Mutter zum Geburtstag ihres Vaters geschrieben und das die Töchter vor ihm rezitiert hatten:
Im selben Artikel schreibt Gudula über ihre Mutter:
Wie haben wir unsere Mutter so geliebt, wie in den Augenblicken, da sie uns an ihrem eigensten Leben teilnehmen liess und uns ein Gedicht schenkte, das uns verständlich war. Aus den einfachen Kinderworten ahnten wir schon die höhere Welt, in der sie lebte, und es füllte sich uns der Begriff ‚Dichterin‘ mit Heiligkeit. Nach ihrem Tode sagte mir mein Vater: „Weine nicht, mein Kind, man kann es nie zu Ende weinen.“
Hans Blüher – Werke und Tage. Eugen Diederichs in Jena, 1920.
Der Einfluss von Hedwig Lachmann auf Gustav Landauer kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihre Korrespondenz zeugt von grenzenloser Liebe und übereinstimmender Meinung zu fast jedem Thema. Selbst der antisemitische Philosoph Hans Blüher erkannte die Schönheit dieser Briefe. In seiner Autobiografie Werke und Tage widmet er diesem Briefwechsel die folgenden Sätze:
Wenn mich jemand fragen würde, welches die schönsten Liebesbriefe der letzten fünfzig Jahre seien, so würde ich unbedenklich antworten: die Briefe Gustav Landauers an Hedwig Lachmann. Von zarter Freundschaft und Innigkeit zu stürmender Begierde – aber ohne jede Gier – steigen sie an, gerichtet an eine schöne Jüdin und Dichterin.
Auch die Philosophin und Dichterin Margarete Susman, eine enge Freundin des Paares, würde die Schönheit und Einzigartigkeit dieser Briefe anerkennen. In einem 1929 in der Zeitschrift Der Morgen veröffentlichten Artikel schrieb sie:
Welch eine männliche Kraft und Festigkeit in der fast weiblich zentrierten Liebe und Hingabefähigkeit der wundervollen frühen Briefe an seine spätere Frau Hedwig Lachmann. Da ist kein Bruch, keine Problematik, keine Zerrissenheit und Müdigkeit wie die, durch die der moderne Mann die Gaben der Frau gar nicht mehr anzunehmen vermag. Im Gegenteil: hier ist der Mann der Gebende, der Schenkende, der Tragende.
Hedwig Lachmann – Im Bilde: Gedichte, und Nachdichtungen. Schuster & Loeffler. Berlin, 1902.
Der einzige Gedichtband, den Lachmann zu Lebzeiten herausbrachte, erschien ein Jahr vor ihrer Hochzeit mit Landauer. Im Bilde, 1902 im Schuster & Loeffler Verlag in Berlin veröffentlicht, ist ein wirklich bewegendes Werk einer reifen Dichterin, die die Natur und die Menschheit liebt. Die Gedichte sind zugleich unschuldig-kindlich und idealistisch-mündig.
Hedwig Lachmann – Winterbild. Im Bilde: Gedichte, und Nachdichtungen. Schuster & Loeffler. Berlin, 1902.
Auch wenn Lachmann danach keine Gedichtbände mehr veröffentlichte, sondern sich mehr auf das Übersetzen konzentrierte, hörte sie nie auf, Gedichte zu schreiben. Diese nahmen eine politischere, humanistischere Haltung ein und predigten vor allem den Pazifismus. Eines der schönsten Gedichte Lachmanns ist in einem Brief aus dem Jahr 1915 an Landauer zu finden. Es wurde später in Martin Bubers Monatsschrift Der Jude veröffentlicht.
Hedwig Lachmann – Mit den Besiegten. Der Jude Heft 5-6. 1918.
Auf dieses Gedicht antwortete Landauer mit den Worten:
Geliebte Frau! Zu allererst von Deinem Gedicht. Ich finde es wunderschön und bin innig gerührt, daß gerade dieses Gedicht in Dir nach dem vollendeten Ausdruck sucht. Ich danke Dir, Hedwig, Frau, Jüdin, Meine. Dein Mann.
Es ist durchaus möglich, dass Lachmann der Grund dafür war, dass Landauer seine sehr antimilitaristischen Ansichten auch während des Ersten Weltkriegs beibehielt, während viele deutsche Intellektuelle und seine engen Freunde wie Martin Buber dem patriotischen Wahn verfallen waren. Ebenso wahrscheinlich ist, dass Lachmann eine bedeutende Rolle bei Landauers späterer Rückkehr zum Judentum spielte. Sie hatte ihre jüdischen Wurzeln und ihre Abstammung, insbesondere aufgrund ihres Vaters, auch nach dessen Tod nie vergessen.
Hedwig Lachmann – Abstammung. Gesammelte Gedichte – Eigenes und Nachdichtungen. Herausgegeben von Gustav Landauer. Potsdam, 1919.
Der schreckliche Krieg und finanzielle Schwierigkeiten forderten ihren Tribut. Am 21. Februar 1918 starb Hedwig Lachmann schliesslich an einer Lungenentzündung. Kurz danach erschien in der Schaubühne ein beeindruckender Nachruf des Journalisten, Theaterkritikers, Dramaturgen und Historikers Julius Bab, der ein enger Freund von Hedwig Lachmann und ihrem Mann gewesen war. Bab hob den scheinbar widersprüchlichen Aspekt von Lachmanns Persönlichkeit hervor: Sie war sowohl still als auch stark. Über ihre Übersetzungsfähigkeiten schrieb er:
Hedwig Lachmann war eine Künstlerin, die ihr deutsches Sprachgefühl restlos fremdem Befehl hingab. Sie schuf aus innerster Hingabe die Verse Verlaines und Rosettis, Swinburnes, Poes und Wildes nach und gab den rhythmischen Ekstasen des Wallonen so lebendig deutschen Leib wie dem aristokratischen Raffinement der berühmten ‚Salome‘.
Gustav Landauer – Wie Hedwig Lachmann starb. [1918]. Martin und Paula Buber gewidmet. National Library of Israel.
Gustav Landauer verarbeitete den Verlust seiner Frau in der ergreifenden Schrift Wie Hedwig Lachmann starb, die er nur seinen engsten Freunden schenkte. Darin beschreibt er die Kraft, die ihm aus dem Schmerz um seine verstorbene Frau erwächst. Das äusserst bewegende und ungewöhnliche Prosastück schildert die letzten Tage ihres Lebens.
In einem seiner letzten Briefe an seinen Onkel Hugo Landauer schrieb er:
Es ist jetzt, um Hedwigs und um der Erneuerung der Menschheit willen, der Zeitpunkt, wo ich mich zu verbrauchen und nicht mehr zu schonen habe. Was ich von meinem Herzen zu erwarten habe, weiss ich; immerhin ich es so weit stärken, als es möglich ist.
Nur ein Jahr später wurde Landauer, der sich für die Revolution engagiert hatte, in einer Gefängniszelle erschossen. Zuvor hatte er sich noch um die Herausgabe von Lachmanns Werk bemüht. Die gesammelten Gedichte und die meisten Übersetzungen von Hedwig Lachmann wurden 1919 bei Gustav Kiepenheuer veröffentlicht.
Hedwig Lachmann – Gesammelte Gedichte – Eigenes und Nachdichtungen. Herausgegeben von Gustav Landauer. Potsdam, 1919.
Drei Monate vor seinem eigenen schrecklichen Tod nahm Landauer an der Beerdigung von zwei weiteren grossen Denkern und Mordopfern der Revolution teil: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Wie Martin Buber später erzählte, schloss Landauer in seine Grabrede ein Gedicht des ungarischen Nationaldichters und Revolutionärs Sándor Petőfi mit ein, der selbst Kriegsopfer geworden war. Er verwendete die Übersetzung seiner kurz zuvor verstorbenen Frau Hedwig Lachmann:
Mich quält ein leises Angstgefühl: Ich möchte nicht sterben auf weichem Pfühl- Will mich nicht qualvoll in Kissen wälzen, Will nicht langsam verwelken, zerschmelzen, Wie die Kerze, die man im Zimmer vergisst, Wie die Blume, die ein Wurm zerfrisst.
Ein Baum will ich sein und im Blitze zersplittern, Vom Sturm entwurzelt den Boden erschüttern, Ein Fels, den der Donner vom Riffe löst, Mit Titanenfaust in die Tiefe stösst. Wenn einst ein freiheitstrunkener Geist Die Sklavenvölker dem Schlummer entreisst, Sie sich den Schlaf aus den Augen reiben Und WELTFREIHEIT auf die Fahne schreiben Und auf gemeinsamen Kampfesplane Mit flammendem Antlitz und blutroter Fahne Dem Tyrannen entgegentreten – Und die schmetternden Kriegsdrommeten Weithin erschallen – Dann will ich fallen! Mein letztes Stöhnen Verschlinge das Dröhnen Der Schlachtkolosse, Und wiehernde Rosse Sollen über mich fliegen – So will ich liegen, Bis einst der grosse Begräbnistag graut, Da man mit Trauergesängen Und ernsten, gemessenen Klängen Die toten Helden dem Grabe vertraut, Die dir, o Freiheit, sich weihten, Dir hohen, gebenedeiten!
Hedwig Lachmanns Grab auf dem Jüdischen Friedhof in Hürben. „O Geist, dahingegeben/ Der dunkelsten Gewalt –/Wie sehnst du dich ins Leben,/ Zurück in die Gestalt!“
Als bester Freund des Menschen begleitet der Hund seine Besitzer: innen überall hin. Da Menschen leider oft Kriege anzetteln, daran beteiligt sind oder zu deren Opfern werden, finden sich auch Hunde in Kriegsgebieten wieder. Da Krieg ein zentrales Thema der jüdischen Literatur ist (und es wohl leider immer bleiben wird), taucht der Hund darin häufig auf: als Held, der zur Rettung kommt, als Zeuge der Gräueltaten oder als Kriegsopfer selbst.
Felix Salten mit Hund. ca. 1891.Felix Salten mit seinen Hunden. Zürich. ca. 1940.
Felix Salten, dessen 80. Todestag wir dieses Jahr begehen, war kein Unbekannter, wenn es um Hunde ging. Von klein auf bis zu seiner Zeit im Exil wurde er immer von dem besten Freund des Menschen begleitet. Da er viel über Tiere im Allgemeinen schrieb, ist es nicht verwunderlich, dass auch in vielen seiner Geschichten Hundefiguren vorkommen. In einem früheren Beitrag (Verwandlung in einen Hund) haben wir bereits kurz über seinen Roman Der Hund von Florenz berichtet. Salten war jedoch nicht nur mit Hunden, sondern leider auch mit Kriegen vertraut. Ein weiterer Roman, den er im Schweizer Exil schrieb, verbindet diese beiden Themen.
Felix Salten – Renni der Retter: Das Leben eines Kriegshundes. Mit 18 Federzeichnungen von Philip Arlen. Albert Müller Verlag. Rüschlikon, 1941. D 3562.
Das Buch Renni der Retter: Das Leben eines Kriegshundes erzählt die Geschichte von der Ausbildung und dem Leben des Deutschen Schäferhundes Renni und seines Besitzers Georg Hauser, der ihn zu einem Krieg- und Rettungshund erzieht. Obwohl es sich um einen fiktiven Roman handelt, hat Salten für dieses Buch über die Ausbildung von Hunden in der Schweizer Armee recherchiert.
Eine Anzeige für das Buch, die in der NZZ vom 31. August 1941 erschienen ist.
Das Buch folgt dem Motto: „Es gibt keine schlechten Hunde, nur schlechte Hundebesitzer.“ Renni ist eine Erfolgsgeschichte und hat mit Georg den idealen Besitzer gefunden. Der Hund Renni wird mit seinem Bruder Pascha verglichen. Letzterer ist ein armer Hund mit einem gewalttätigen und missbrauchenden Besitzer und erleidet ein tragisches Schicksal.
Der Roman wurde 1940 erstmals in englischer Sprache veröffentlicht und bereits ein Jahr später im Schweizer Albert Müller Verlag in Rüschlikon auf Deutsch herausgegeben. Ein Vergleich der beiden Ausgaben ist für die damalige Zeit sehr aufschlussreich. Abgesehen davon, dass die englische Version länger ist, fehlen in der deutschen Ausgabe einige Szenen sowie Hinweise auf die Schweiz, in der die Geschichte teilweise spielt. Zudem enthält nur die deutsche Ausgabe auf der ersten Seite die folgende Aussage:
Die Geschichte von Renni reicht von seiner frühen Junghundzeit über seine Ausbildung bis zu seinem Einsatz mit seinem Besitzer Georg im Krieg. Sie endet damit, dass sowohl Renni als auch Georg verwundet werden und aus dem Dienst entlassen werden müssen. Obwohl der Krieg noch andauert, blicken die beiden, als wären sie eine Einheit, hoffnungsvoll in die Zukunft:
In Rennis unschuldigen Augen war der verständnisvoll treue Abglanz des Hoffens deutlich zu lesen, das Georg durchströmte, und der gleiche Strom erwärmte ebenso das Herz des Hundes.
Friedrich Wolf
Eine ganz ähnliche Geschichte über einen Kriegshund finden wir bei dem Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf (1888-1953). Wie Salten war auch Wolf ein Hundeliebhaber, der für Kinder und Erwachsene („grosse Kinder“) schrieb. Seine „Tiergeschichten“ waren für beide Altersgruppen gedacht. In seiner wunderbaren Kurzgeschichte Lennox erzählt er von einem Wachhund, der im Krieg an die Armee ausgeliehen wird. Zunächst wird er als Militärhund eingesetzt, um Munition, Arzneimittel und Wasser zu transportieren. Schliesslich übernimmt er die äusserst schwierige Aufgabe, Minen zu suchen.
Friedrich Wolf – Bummi: Tiergeschichten für Grosse und kleine Kinder. Illustrationen von Ludwig Nawrotzky. Aufbau Verlag. Berlin, 1951.
Lennox erweist sich bei jeder Aufgabe als äusserst loyaler und intelligenter Hund. Er überwindet mühelos jedes Hindernis und ist voller Stolz, für seinen Sergeant im Einsatz zu sein. Es gibt jedoch eine Ausnahme. Lennox ist nämlich nicht der einzige Hund im Bataillon. Der von Friedrich Wolf wunderbar vermenschlichte Hund verliebt sich in eine Kollegin, eine „Dobermännin“ namens Dina.
Während Lennox Menschen schätzt und ihnen bedingungslos vertraut, selbst im Krieg, ist Dina sehr skeptisch. Die idealistische Hündin kann den Sinn eines Hundes in einer solchen Rolle nicht erkennen. Sie ist der Meinung, dass Hunde besser sind als Menschen. Sie kann den Sinn von Krieg nicht verstehen und nicht nachvollziehen, warum ein Hund für einen Menschen sterben sollte. Sie bevorzugt ein normales Hundeleben:
Dina beobachtete den Freund aus schrägen, halbgeschlossenen Augen. Dann meinte sie leicht spöttisch: »Weshalb möchtest du eigentlich für die Menschen sterben? Ich möchte viel lieber leben, über die freie Heide jagen, und wenn ich dann heiß geschwitzt bin, meine Schnauze so lange ins klare Wasser des Baches tauchen, bis ich ganz voll bin von flüssiger Freude
Lennox ist hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität und seiner Liebe zu Dina. Wenn es jedoch darum geht, Minen aufzuspüren oder mit ihr davonzulaufen, entscheidet er sich für die Loyalität. Als er vom Schlachtfeld zurückkehrt, muss er leider feststellen, dass Dina von einer der von ihr entdeckten Minen getötet wurde.
Lennox trat zu der toten Freundin. Einen Augenblick streckte er die Schnauze in die Höhe, seine Kehle spannte sich, das uralte Klagegeheul der Steppenwölle auszustoßen. Aber wen wollte er damit rufen? Wen mit seinem Geheul anklagen? Die Sonne, den Mond, die Erdmine, die seine Freundin zerrissen hatte, oder die Menschen? Es war sinnlos.
Auch nachdem der Krieg zu Ende ist, kann er sie nicht vergessen. Wie ein posttraumatischer Soldat irrt er umher, ohne seinen Platz zu finden. Wie viele andere Kriegshunde verleugnet auch er den Frieden und versucht immer wieder, zurück ins Schlachtfeld zu gelangen. Er wird von Halluzinationen geplagt, in denen er unaufhörlich nach Dina, seiner Geliebten, sucht.
Ja, truppweise wandern die ehemaligen Kriegshunde wie ein Gespensterzug vor allem nachts über die Straßen des Landes. Hinter diesen Rudeln aber treibt sich noch ein einzelner größerer Hund auf den nächtlichen Wegen umher. Man erkennt ihn immer wieder an seinem furchtbaren Geheul.
Dror Mishani
Das Thema des kriegsposttraumatischen Hundes ist auch Thema einer aktuellen Veröffentlichung des israelischen Autors Dror Mishani. In einer kürzlich erschienenen Ausgabe des Aufbau Magazins mit dem Titel Oskar und Lili. Oder: Eine kurze Geschichte über eine Hündin aus Gaza erzählt Mishani die Geschichte einer Hündin aus Gaza, die aus dem Kriegsgebiet flieht und in Israel ankommt. Da der Autor und seine Familie die Herkunft der Hündin nicht kennen, glauben sie zunächst, dass sie aus einem der Kibbuzim in der Gegend stammt, und adoptieren sie. Aufgrund einiger beunruhigender Vorfälle müssen sie jedoch schnell feststellen, dass sie sich getäuscht haben:
Wir warteten mit unserem jüngsten Sohn auf den Bus, als sich ein Soldat mit geschultertem Gewehr der Haltestelle näherte und Lili die Zähne fletschte und ihn drohend anknurrte, als wollte sie ihn angreifen oder unseren Sohn vor ihm verteidigen. In der Folgezeit stellten wir fest, dass Lili jedes Mal versuchte, von der Leine zu gehen und sich auf Soldaten in Uniform zu stürzen, vor allem, wenn sie sich in Begleitung unseres Sohnes befand.
Dror Mishani – Oskar und Lili. Oder: Eine kurze Geschichte über eine Hündin aus Gaza. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Aufbau – Das jüdische Monatsmagazin. Ausgabe 4. 30.5.2025.
Als die Familie mit der Hündin zum Tierarzt geht, deutet dieser an, dass sie wohl aus Gaza stammt und unter einem traumatischen Erlebnis mit Soldaten leidet. Später eskaliert die Situation, als Lili beim Spaziergang mit dem kleinen Sohn einen zufällig vorbeikommenden Soldaten angreift und beisst. Von da an muss Lili einen Maulkorb tragen. Sie wird von den Nachbarn gefürchtet und gehasst und darf nicht mehr mit den anderen Hunden spielen.
Die gesellige Hündin war ganz allein auf der leeren Hundwiese und hielt sehnsüchtig nach einem Freund oder einer Freundin Ausschau, mit denen sie spielen könnte. Die meiste Zeit aber stand sie am verschlossenen Tor und wartete – vergebens.
Die Geschichte nimmt eine positive und überraschende Wendung, als Lili Oskar trifft, einen alten israelischen Armeehund, der durch eine Minenexplosion in Gaza zwei Beine verloren hat. Da er sich aufgrund seiner Verletzung nicht verteidigen konnte, ist Oskar sehr schüchtern und unsicher geworden. Die beiden kriegsverletzten Hunde finden irgendwie Trost und Vertrauen zueinander und werden gute Freunde.
Trotz des Altersunterschieds zwischen ihnen war von dieser ersten Begegnung an klar: Oskar und Lili waren füreinander bestimmt. Sie trafen sich jeden Morgen bei Sonnenaufgang und jede Nacht gegen Mitternacht. Lili pflegte in Kreisen um Oskar herum zu jagen und ihnen beiden tiefe Mulden zu graben, und wenn Oskar sich in einer davon eingerichtet hatte, setzte sie sich neben ihn, legte zwei Pfoten auf seine Vorderläufe und gemeinsam betrachteten sie die erwachende oder die schlafende Stadt.
Joseph Roth
In einer seiner „Reportagen“, die am 1. August 1919 unter dem Titel Vom Hunden und Menschen in Der neue Tag erschien, beschreibt Joseph Roth (1894-1939) unter dem Pseudonym „Josephus“ ein neues „Fabelwesen“, das der Krieg hervorgebracht hat.
Der neue Tag. Wien, 1.8.1919.
Ein Kriegsinvalide mit gebrochenem Rücken sitzt an einer Strassenecke und verkauft Zeitungen. Auf seinem Rücken reitet sein treuer Hund, der ihn vor anderen Männern beschützt. Mit seiner typischen scharfen und bitteren Ironie beschreibt Roth, wie aus „Hundemenschen“ „menschliche Hunde“ werden. Zum Abschluss bringen wir Ihnen diese kurze Reportage in voller Länge:
Zu den vielen Straßenbildern des Wiener Kriegselends hat sich seit einigen Tagen ein neues gesellt: ein vom Kriege zum rechteckigen Winkel konstruierter Mensch – Invalide mit Rückgratbruch – bewegt sich auf eine fast unerklärliche Weise durch die Kärntnerstraße und kolportiert Zeitungen. Auf seinem, mit dem Trottoir eine Horizontale bildenden gebrochenen Rücken sitzt – ein Hund. Ein wohldressierter, kluger Hund, der auf seinem eigenen Herrn reitet und aufpaßt, daß diesem keine Zeitung wegkommt. Ein modernes Fabelwesen: eine Kombination von Hund und Mensch, vom Kriege ersonnen und vom Invalidenjammer in die Welt der Kärntnerstraße gesetzt. Ein Zeichen der neuen Zeit, in der Hunde auf Menschen reiten, um diese vor Menschen zu bewachen. Eine Reminiszenz an jene große Zeit, da Menschen wie Hunde dressiert und in einer sympathischen Begriffskombination als »Schweinehunde«, »Sch…hunde« usw. von jenen benannt wurden, die selbst Bluthunde waren und so nicht genannt werden durften. Eine Folge des Patriotismus, der die aufrechten Ebenbilder Gottes abhängig machte von vierfüßigen Geschöpfen, die niemals den Seelenaufschwung besaßen, Heldentum und Kanonenfutterage zu bilden und höchstens zur Sanität assentiert werden durften. An der Brust des Invaliden baumelt ein Karl-Truppenkreuz. Am Halse des Hundes hängt eine Marke. Jener mit dem Karl-Truppenkreuz ist ein Leidender. Dieser mit der Marke ein Tätiger. Er bewacht das Leid des Invaliden. Er bewahrt ihn vor Schaden. Das Vaterland und die Mitmenschen konnten ihm nur Schaden zufügen. Diesen hat er es zu verdanken, daß jener ihn bewacht. Oh, Zeichen der Zeit! Ehemals gab es Schäferhunde, die Schafherden, Kettenhunde, die Häuser bewachten. Heute gibt es Menschenhunde, die Invalide bewachen müssen, Menschenhunde als Folgeerscheinung der Hundemenschen. Wie eine Vision wirkte auf mich dieses Bild: ein Hund sitzt auf einem Menschen. Ein Mensch ist froh, von diesem Hunde abhängig sein zu können, da er sich erinnert, wie er von anderen abhängig sein mußte. Gibt es Traurigeres als diesen Anblick, der ein Symbol der Menschheit zu sein scheint? Ringsum lustwandelt der Kriegsgewinn mit der Telepathie und in der Mitte ein berittener Hund! Inferiorität der menschlichen Rasse, Superiorität der tierischen. Wir haben es herrlich weit gebracht durch diesen Krieg, in dem die Kavallerie abgeschafft wurde, damit Hunde auf Menschen reiten können! ..
Oded Fluss. Zürich, 21.8.2025.
Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:
הן עם כלביא יקום וכארי יתנשא Siehe da, ein Volk, wie eine Löwin erhebt es sich, und wie ein Leu richtet es sich auf.
Seit Beginn des Buchdrucks bemühten sich Druckereien darum, sich voneinander zu unterscheiden. Dies geschah einerseits aus urheberrechtlichen Gründen und andererseits, um die Herkunft der Bücher kenntlich zu machen. Eine weit verbreitete und beliebte Methode hierfür war die Verwendung einer Druckmarke. Diese auch als „Druckerzeichen” oder „Druckersignet” bekannten Marken verloren aufgrund fehlender Urheberrechtsgesetze schnell ihre ursprüngliche Funktion, gewannen jedoch eine künstlerisch-ästhetische Bedeutung. Die dekorativen Symbole verzierten das Buch und dienten ähnlich wie Familienwappen als Kennzeichen des jeweiligen Druckers.
Die ersten jüdischen Druckermarken. Links ist die Marke der Brüder Samuel und David Ibn Nahmias aus Konstantinopel (ca. 1485) zu sehen. Rechts daneben befindet sich die Marke von Elieser Alantansi aus Ixar (ca. 1493).
Wie so oft dauerte es auch hier eine Weile, bis jüdische Drucker diesen Trend aufgriffen. Im 15. Jahrhundert gab es lediglich zwei jüdische Druckermarken. Das änderte sich im 17. und 18. Jahrhundert, als jüdische Druckmarken weit verbreitet waren. Diese wiesen oft jüdische Motive auf und standen in Bezug zum Namen oder zur Herkunft des Druckers. Da es nur wenige Informationen über jüdische Buchdrucker aus dieser Zeit gibt, können diese Druckermarken äusserst wichtige historische Zeugnisse sein und sind für die Forschung von grossem Nutzen.
Druckerzeichen von Loeb Süssmans in J. Janszoons gedrucktem Buch „Quinque Libri Mosis. ספר עזרת הסופר. Amsterdam, 1769.
Eine der schönsten und beeindruckendsten Buchmarken, die wir in zahlreichen Büchern der Breslauer Sammlung finden, stammt von der Druckerei Yehuda Loeb Süssmans (יהודה ליב זוסמנש) in Amsterdam. Süssmans begann seine Karriere als Lehrling und Assistent des bekannten niederländischen Druckers und Kartografen Johann Janssonius (Janszoon). Mit dessen hebräischen Veröffentlichungen machte er sich schnell einen Namen. Schon damals tauchte in Janszoons Büchern das auf, was später zu Süssmans Markenzeichen werden sollte: die Löwen-Druckmarke.
Sefer Ohel Moshe. Loeb Süssmans. Amsterdam, 1759. HB 73.
Süssmans gründete 1759 seine eigene Druckerei in Amsterdam, in der er bis 1771 tätig war. Anschliessend zog er mit seiner Druckerei erst nach Leiden und dann nach Den Haag, wo er bis 1778 Bücher druckte. In dem ersten von ihm gedruckten Buch Ohel Moshe (Moses‘ Zelt), das sich in unserer Breslauer Sammlung befindet, ist auf der Titelseite ein aufrecht stehender Löwe zu sehen, der ein mit einer Krone versehenes Tora-Buch in seinen Pfoten hält. Auf dem Körper des Löwen steht der hebräische Name זוסמאנש (Süssmans). Neben dem Löwen steht auf Hebräisch:
בדפוס החדש המשובח והנאה בכל מיני יופי. בנייר יפה ואותיות מחכימות אין בהן דופי. בבית התורני המשכיל בהר“ר ליב בכה“רר משה זוסמנש זצ“ל In neuem und feinem Druck, in aller Herrlichkeit, auf schönem Papier und in bildenden, makellosen Buchstaben, im Hause des Gelehrten Loeb, Sohn des Moses Süssmans sz“l
Sefer Minchat Yehuda. Leob Süssmans. Amsterdam, 1763. HB 3606.
Das Motiv des aufrecht stehenden Löwen ist in vielen von Süssmans Büchern zu finden und wird in wunderschönen Varianten dargestellt. Meistens ist der Löwe mit dem Namen Süssmans in hebräischer Schrift verziert und hält ein Buch in den Pfoten. In anderen Fällen, wie zum Beispiel in dem schönen Buch Sefer Minchat Yehuda, das 1763 in Amsterdam gedruckt wurde, findet man nicht nur einen, sondern gleich drei Löwen, die die Titelseite zieren. Der untere Löwe ist wieder mit Süssmans hebräischem Namen verziert, aber diesmal streckt er seine Zunge heraus. Oben im Buchrahmen sind zwei Löwen zu sehen. Es wirkt, als würden sie einen offenen Thoraschrank in ihrer Mitte bewachen.
Der Löwe, der in vielen anderen Varianten in unseren Büchern und manchmal auch auf den Rückseiten auftaucht, lässt sich auf verschiedene Arten erklären. Der offensichtlichste Bezug ist der Name des Druckers, Loeb oder Arye, was „Löwe“ bedeutet. Eine weitere Möglichkeit ist ein Hinweis auf seinen zweiten Namen, Yehuda. Der israelitische Stamm der Yehuda hatte den Löwen als Symbol. Es könnte sich auch um die Fortsetzung einer Druckertradition handeln. Wie wir oben bereits gesehen haben, verwendete einer der ersten hebräischen Drucker, Eliezer Alantansi, ebenfalls einen stehenden Löwen als Druckermarke.
Sefer Oreah le’Chaim.. Loeb Süssmans. Amsterdam. 1770. H 7447.
Und vielleicht waren es die typischen Eigenschaften, die wir mit dem Löwen verbinden, die Süssmans dazu brachten, ihn als Druckmarke zu verwenden. Stärke, Mut und Widerstandsfähigkeit – solche Eigenschaften zieren einen Löwen auf einer der Rückseiten seiner gedruckten Werke. Mit den hebräischen Initialen בילאו בנלכ ולאעי (ברוך י לעולם אמן ואמן ברוך נותן לעיף כח ולאין אונים עצמה ירבה), was so viel bedeutet wie „Gesegnet sei Gott, der den Müden Kraft und den Hilflosen Macht gibt”, wird deutlich, dass Gott dem jüdischen Volk in schwierigen Zeiten Kraft gibt und es wie Löwen aufrichtet.
Die letzte Seite des ersten von Loeb Süssmans gedruckten Buches „Ohel Yehuda“. „Mit diesem neuen, tollen Druck werden viele Bücher in aller Schönheit und in jeder Sprache gedruckt werden.“ HB 73.
Das 100-jährige Jubiläum von Adolf Hitlers berüchtigtem Buch Mein Kampf ist kein Grund zum Feiern. Ein Buch, das genau zehn Jahre später unter dem Titel Sein Kampf – Antwort an Hitler erschien, ist es jedoch. Dieses Buch, das den Zweck verfolgte, die „Hakenkreuzbibel” zu widerlegen, wurde von der frommen Katholikin und „Arierin” Irene Harand (1900–1975) geschrieben. Aus humanistischen und religiösen Gründen erkannte sie die Irrtümer und Gefahren der nationalsozialistischen Ideologie, insbesondere die rassistischen, und wollte sie um jeden Preis bekämpfen.
Irene Harand – Sein Kampf: Antwort an Hitler. Selbstverlag. Wien, 1935. D 1749 (K).
Harands Engagement begann jedoch nicht erst mit diesem Buch. Die junge Wienerin wurde bereits Anfang der 1930er Jahre aktiv, als sie den zunehmenden Antisemitismus und die schlechte Behandlung von Juden in Europa miterlebte. Sie nahm sich zur Aufgabe, aufzuzeigen, dass das Christentum das genaue Gegenteil von Antisemitismus und Rassismus ist. Zu diesem Zweck organisierte sie Vorträge in ganz Europa und gründete die „Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot”, die später als „Harand-Bewegung” bekannt wurde. 1933 begann sie, die Wochenzeitung Gerechtigkeit, das Sprachrohr der Harand-Bewegung, mit dem Motto „Gegen Rassenhass und Menschennot“ herauszugeben. In jeder Ausgabe der Wochenschrift stand Harands Zitat:
Ich bekämpfe den Antisemitismus, weil er unser Christentum schändet.
In diesem Jahr veröffentlichte Irene Harand, damals stellvertretende Vorsitzende der Kleingruppierung „Österreichische Volkspartei“ (ÖVP), ihre erste Streitschrift gegen den Nationalsozialismus mit dem Titel So oder so – Die Wahrheit über Antisemitismus. Noch im selben Jahr wurde sie ins Jiddische übersetzt und erschien unter dem Titel azoi oder azoi? der emet wegen antisemitism. Unsere Bibliothek besitzt ein Exemplar dieser sehr seltenen Ausgabe.
Bereits hier wird ihr Kampf gegen den Kern der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten deutlich. Mit Kapiteln über die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion”, die Lügen über den Talmud, die sogenannten „Blutfibeln”, durch die Juden in Verruf gebracht wurden, sowie über die Unwahrheiten über die Beziehung der Juden zu Kapital, Bolschewismus und Freimaurerei und ihre angebliche Verantwortung für alles Schlechte in Deutschland, entlarvte sie die nationalsozialistische Bewegung als das, was sie war: eine Hass- und Lügenbewegung.
„Irene Harand – Die mutige farkempferin gegen dem antisemitisem in oestereich“ Aus der jiddischen Ausgabe von „So oder so”. JB 103.
Unermüdlich setzte sich Harand ein, investierte viel von ihrem eigenen Geld und brachte sich damit in grosse Gefahr. So wurde sie schnell zum Gesicht der antifaschistischen Bewegung in Österreich und erlangte weltweite Bekanntheit. Es war jedoch im Jahr 1935, also genau zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Hitlers Mein Kampf, und kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs, als sie sich direkt mit dem „Führer“ anlegte.
Mit dem polemischen Titel Sein Kampf stellte sie sich offen gegen Adolf Hitler. Darüber hinaus stellte sie die Wahrheit der Lüge und das christliche Kreuz dem sogenannten Hakenkreuz entgegen. So hoffte sie, zumindest die zahlreichen Christen, die Zeugen der nationalsozialistischen Gräueltaten gewesen waren, zurückzugewinnen.
Die Lüge ist eine unsaubere Waffe, die Lüge ist ein Verbrechen gegen Gott, gegen die Natur und die Menschen. Darum will ich das Hakenkreuz entlarven. Die Welt soll erkennen, dass das Hakenkreuz durch Missachtung der Religion, der Sitte und der Moral, durch Schändung der Wahrheit und der Gerechtigkeit seinen Sieg errungen hat, und dass es die Pflicht aller Menschen und Völker ist, das Hakenkreuz zu bekämpfen, damit sich diese Pest nicht über die Grenzen des Dritten Reiches hinaus verbreite und damit auch die Millionen, die in dem deutschen Käfig schmachten, erlöst werden.
In ihrem Buch kritisierte Harand das wichtigste Propagandamittel der Nazis, Der Stürmer, was zu zahlreichen Artikeln und einer Verleumdungsklage gegen sie führte. Sie hatte auch populäre Hauptpublikationen der Nazis angegriffen, darunter das berüchtigte Buch Juden sehen dich an von Johann von Leers, dem sie ein ganzes Kapitel widmete.
Ein Artikel in Der Stürmer, dessen Ziel es ist, die Harand-Bewegung zu diffamieren. August 1938.
Sein Kampf wurde in Deutschland sofort verboten, wodurch Harand in noch grössere Gefahr geriet. Sie gab jedoch nicht auf, sondern verschickte das Buch weiterhin in alle Welt und bemühte sich, es in viele Sprachen übersetzen zu lassen. Gleichzeitig trat Harand mit ihrem Buch weltweit auf. Im April 1936 besuchte sie anlässlich einer grossen Veranstaltung der Europa-Union auch Zürich, wo eine Zweigstelle der Harand-Bewegung gegründet wurde.
Neue Zürcher Zeitung 3.April.1936.
Als 1937 in Berlin die antisemitische Ausstellung Der ewige Jude mit der Absicht eröffnet wurde, alle Beiträge der Juden zur westlichen Kultur zu diffamieren, setzte Harand alles daran, die falschen Prämissen der Ausstellung zu widerlegen. So liess sie Briefmarken mit bedeutenden Juden aus der Geschichte wie Heinrich Heine, Paul Ehrlich, Walter Rathenau und Baruch Spinoza drucken, um den grossen Beitrag der Juden zur westlichen Kultur und Gesellschaft zu verdeutlichen.
Werbemarken der Harand-Bewegung (Harandmarken) gegen die NS-Schau „Der Ewige Jude“ 1937 und 1938.
Was ihr möglicherweise das Leben gerettet hat, war die Tatsache, dass sie im Jahr 1938 in London Vorträge über ihr Buch hielt, während die Nazis in Österreich einmarschierten. Auf sie wurde ein Kopfgeld von 10.000 Mark ausgesetzt, ihre Bücher wurden in Wien verbrannt. Nach vielen Gerüchten über ihren Tod erschien Harand im Herbst 1938 in New York und setzte sich dort für die Beschaffung von Visa für jüdische Familien ein, damit diese in die Vereinigten Staaten einreisen konnten. Ausserdem gründete sie die Austrian-American League, um österreichischen Flüchtlingen vor dem Nationalsozialismus zu helfen, und wurde Direktorin der Frauenabteilung der Anti-Nazi League of New York. Sie begann ihre Arbeit am Austrian Institute of New York und setzte ihre Aktivitäten auch nach dem Krieg fort.
Irene Harand und ihr Ehemann Frank Harand bei einem ihrer Besuche in Israel in den 1960er Jahren.
Irene Harand wurde eine grosse Unterstützerin und Bewunderin des jungen Staates Israel und bezeichnete sich selbst als Zionistin. Am 5. Oktober 1968 wurde sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Chasidat Umot Olam „Gerechte unter den Völkern” anerkannt. Harand starb vor 50 Jahren, im Jahr 1975 in New York. Obwohl sie zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist, während der Mann, gegen den sie gekämpft hat, leider in Erinnerung geblieben ist, sollte man sich ihrer als eine der mutigsten Frauen bewusst sein. In einer Zeit, in der viele andere geschwiegen haben, führte sie unermüdlich ihren Kampf für die Wahrheit und gegen Antisemitismus.
Anfang November 1938 erfuhren Juden auf der ganzen Welt von der schrecklichen Pogromnacht in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Notlage der Juden in Europa fast ihren Höhepunkt erreicht. In Zürich erschien derweil eine äusserst ungewöhnliche Broschüre, die sich in unserer Bibliothek befindet.
Ben Chaim – Juda erwache! Proklamation an das jüdische Volk. J. Rüegg Schnee. Zürich, 1938. B 526.
Mit ihrem auffälligen Titel Juda, erwache! Proklamation an das jüdische Volk von „Ben Chaim“ – ein sehr jüdisch klingender Name – schien diese Broschüre auf den ersten Blick eine von vielen Publikationen zu sein, die zu dieser Zeit erschienen, um den Juden Trost zu spenden – eine Art Antwort auf den damals weit verbreiteten Nazi-Slogan „Deutschland, erwache! Jude verrecke!“.
Der allgemeine Haß und die allgemeine Ablehnung, die unserem Volk in der Welt, vor allem in Europa zuteil wird, erreicht in unserer Zeit ein Ausmaß, wie es kaum noch überboten werden kann. Wie ein Mann haben sich die Völker erhoben und erklären zwar mit verschiedener Lautstärke, aber im wesentlichen übereinstimmend, daß sie der sogenannten „Judenfrage“ überdrüssig geworden sind und verlangen nach radikalen Lösungen, angefangen von öffentlicher nationaler Diskriminierung bis zur zwangsweisen Vertreibung unserer einzelnen Volksgruppen. Die Leiden unseres armen jüdischen Volkes haben damit einen Grad erreicht, der bis zu seiner völligen Ermattung und völligem Untergang nicht mehr sehr weit ist
Zunächst scheint es tatsächlich so, als stamme dieser Text von einem besorgten Juden. Liest man jedoch etwas weiter, nimmt die Argumentation des Autors eine scharfe, düstere Wendung. In Gestalt eines harmlosen Büchleins verbreitet er auf sehr listige Weise etwas, das nur als verschleierte Nazi-Propaganda bezeichnet werden kann. Als ob es persönlich von Goebbels stamme, lobt das Buch Hitler als Genie und von der Vorsehung gesandten Führer des deutschen Volkes. Ausserdem ruft das in der Schweiz veröffentlichte Buch „zur Sammlung“ aller Deutschen – auch der „deutschen Schweizer“ – unter dem Führer auf.
Neue Zürcher Zeitung. 7. November 1938.
Die Publikation wurde als „ein nichtantisemitisches Dokument” beworben, entpuppte sich jedoch als extrem antisemitisch. Laut Ben Chaim sind die Juden selbst schuld an ihrer tausendjährigen Verfolgung. Sie müssten sich von der Vorstellung lösen, das auserwählte Volk Gottes zu sein. Sie sollten sich vom Bolschewismus lossagen und sich mit der nationalsozialistischen sowie der faschistischen Bewegung versöhnen.
Ausserdem sollten die Juden aufhören, in „jüdischen Berufen” zu arbeiten. Der Autor schlägt vor, dass sie 50 Jahre lang nicht als Advokaten und 100 Jahre lang nicht in kaufmännischen Berufen arbeiten sollten. Zudem sollten sie eine eigene „Nationalsemitismus”-Bewegung gründen und die Araber in Palästina bekämpfen – jedoch nicht, um dort religiös zu leben, sondern um das Land für das Dritte Reich zu erobern. Die erste Massnahme des künftigen Judenstaates müsse das Verbot der Ausübung der jüdischen Religion sein.
Abrascha Stutschinsky
Abgesehen von einigen faschistisch und antisemitisch eingestellten Schweizer Zeitungen wurde das Buch heftig kritisiert. Fast alle, einschliesslich der jüdischen Presse, waren der Meinung, dass der Autor kein Jude war. Man war sich einig, dass es sich bei dem Buch um ein Machwerk der Nazi-Propaganda handelte, das in der Schweiz Chaos stiften sollte. Ein kreativer Versuch, das Buch lächerlich zu machen, kam von dem zu Unrecht vergessenen Journalisten und Dramaturgen Abrascha Stutschinsky (1907-1978). Der aus Suwałki stammende Autor behauptete, Ben Chaim als einen Kownoer Juden erkannt zu haben, und schrieb einen offenen Brief an den Leiter einer der grössen Irrenanstalten in Litauen. Dieser wurde in einer litauischen Zeitung veröffentlicht. Der Brief trug die Überschrift „Herr Doktor, ein Patient ist Ihnen entlaufen!”.
Aus Der Stürmer. Januar 1940.
Der grösste Schaden durch das Buch entstand jedoch ausserhalb der Schweiz. Die gut geölte Propagandamaschinerie der Nazis wusste genau, wie sie es zu ihrem Vorteil missbrauchen konnte. Zitate daraus wurden in allen populären Publikationen und Zeitungen der Nazis verbreitet. Dass ein Jude solche Dinge über sein eigenes Volk zugab, war natürlich eine Sensation. So schrieb zum Beispiel der nationalsozialistische Journalist und Politiker Hermann Esser in seinem Buch Die jüdische Weltpest.
«Juda, erwache!» ist ein Selbstspiegel des Judentums, der in grauenvoller Wirklichkeit die jüdische Weltpest zeigt, wie sie in ihrer unüberbietbaren Abscheulichkeit ist. Ein Jude hat diese Selbstkritik seiner Rasse niedergeschrieben, ein Jude von reinstem Wasser mit dem Namen Ben Chaim. Mit brutalster Schonungslosigkeit, die in der politischen Weltliteratur kaum ihresgleichen hat, geht Ben Chaim gegen seine Rassebrüder und Rasseschwestern vor, geisselt sie mit geistigen Peitschenhieben bis zum Weissbluten und gipfelt in der Feststellung, dass der Jude Weltparasit ist und sein muss, einfach deshalb, weil die jüdische Religion nicht Religion, sondern politische, auf Zersetzung aller Nichtjuden eingestellte Erziehung ist.
Hermann Esser – Die jüdische Weltpest. Zentralverlag der NSDAP. München, 1939. (Giftschrank der ICZ-Bibliothek).
Die Identität des sogenannten Ben Chaim ist bis heute unklar. War er ein selbsthassender Jude? Ein getarnter Antisemit, der als Schraube in der Nazi-Propagandamaschine diente? Oder war er, wie Stutschinsky glaubte, eine „harmlose, tragische Figur”? Vielleicht werden wir es nie erfahren. Eines war jedoch klar: Juda erwache! wurde ein echter Weckruf für die Juden in der Schweiz. Es zeigte ihnen, wie nah die Nazi-Propagandamaschinerie ihnen bereits gekommen war.
Die Märchen der Gebrüder Grimm sind längst ein wichtiger Teil unserer Kultur – nicht nur für Deutschsprachige, für die sie ursprünglich gedacht waren, sondern für die gesamte westliche Welt. Sie wurden in unzählige Sprachen übersetzt und werden weltweit von Kindern und Erwachsenen gelesen und geliebt. Auch Juden und Jüdinnen bildeten da keine Ausnahme. Die assimilierten Deutschen gehörten zu denen, die schon früh mit den Märchen der Gebrüder Grimm in Berührung kamen. Auch in Israel sind sie in ihren zahlreichen hebräischen Übersetzungen sehr beliebt. In fast jedem Haushalt sind sie ein Begriff.
Bat ha-mayim (Die Wassernixe). Übersetzung ins Hebräische von Chaim Nachman Bialik. Zeichnung von Tom Seidmann-Freud.
Und obwohl die meisten dieser Märchen universelle Elemente enthalten, mit denen sich alle identifizieren können, gibt es einige, die eine bestimmte Stimmung erzeugen, die vor allem Juden beunruhigt. Insbesondere vier Märchen fallen in diese Kategorie: In ihnen taucht eine jüdische Figur auf, die stets antisemitisch dargestellt wird und meist ein tragisches Ende nimmt. Es handelt sich um die Märchen „Der gute Lappen”, „Der gute Handel”, „Die klare Sonne bringt’s an den Tag” und „Der Jude im Dorn”, das Thema unseres Beitrags. All diese kurzen Märchen sind online verfügbar. „Der Jude im Dorn” ist hier zu finden: https://de.wikisource.org/wiki/Der_Jude_im_Dorn_(1857) Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung des Märchens:
Der Jude im Dorn. Illustration von Frédéric Baudry, 1855.
Ein naiver junger Knecht arbeitet drei Jahre lang fleissig und loyal, ohne dafür bezahlt zu werden. Als er endlich von seinem sehr geizigen Herrn entlohnt wird, begibt er sich in die Welt hinaus und verschenkt sein wenig Geld an den ersten Bettler, den er trifft. Dieser gewährt ihm drei Wünsche. Der junge Mann wünscht sich ein Vogelrohr, das alles trifft, eine Fidel, die jeden, der sie hört, unkontrolliert tanzen lässt, und die Fähigkeit, dass niemand seine Wünsche abschlagen wird. Später trifft der junge Mann auf einen Juden, den er an seinem langen Ziegenbart erkennt, während dieser einem Vogel beim Singen lauscht. Grosszügig bietet er ihm an, den Vogel für ihn zu erschiessen. Als der Vogel in einen Dornbusch unter dem Baum fällt, kriecht der Jude hinein, um ihn zu holen. Der junge Mann beginnt, auf der Fidel zu spielen, sodass der Jude unkontrolliert tanzen muss. Erst als der Jude blutüberströmt und seine Kleidung zerfetzt ist, hört der junge Mann auf – allerdings nur, weil der Jude ihm sein ganzes Geld anbietet. In der nächsten Stadt beschuldigt der Jude den jungen Mann des Raubes. Eine Anschuldigung, die den dortigen Beamten plausibel erscheint. Der junge Knecht wird zum Tod durch den Strang verurteilt. Er bittet um eine letzte Chance, auf seiner Fidel zu spielen, und lässt alle tanzen, bis der Richter ihm die Freiheit verspricht, wenn er nur aufhört. Dann gesteht der Jude aus unerfindlichen Gründen, das Geld gestohlen zu haben, das der junge Mann nun „redlich verdient“ habe. Er wird an seiner Stelle gehängt.
Berthold Auerbach (1812-1882)
Bereits im Jahr 1867 stösst man auf eine äusserst interessante Aussage des bekannten jüdischen Autors und Dichters Berthold Auerbach (1812-1882). In einem Brief an seinen Freund, den Pädagogen Jakob Auerbach, bringt er die jüdische Haltung zu diesem Märchen in einem herzzerreissenden Satz auf den Punkt:
Ach, lieber Jakob, wie geplagt sind wir Juden und werden oft so grausenhaft aufgeschreckt. Ich werde nie vergessen, wie ich, ganz verzaubert von den Grimm’scehen Märchen, plötzlich auf das Märchen „der Jude im Dorn“ kam, das riss mir wie leibhaftig Wunden.
Die Worte „leibhaftige Wunde“ sind kein Zufall und mehr als nur eine Metapher oder poetische Sprache. Sie zeigen, wie sehr sich Auerbach mit dem elenden Charakter des Juden in diesem Grimmschen Märchen identifiziert. Dies drückt sich nicht nur in körperlichem Schmerz, sondern auch in Erniedrigung aus. Das Märchen erreicht sein „Happy End“ durch den vollständigen Untergang des unschuldigen Juden, der erst gezwungen wird, im Dornenbusch zu tanzen, und dann gehängt wird, sowie durch das ungestrafte Davongelangen des Knechts, der ihn beraubt hat, und des Herrn des Knechts, der wiederum den Knecht beraubt hat.
Theodor Knesing – Der Jude im Dorn
Schon lange wird behauptet die Tatsache, dass die meisten Märchen alte Volkssagen sind, die von den Gebrüdern Grimm gesammelt wurden, könne Aufschluss über die psychologische Entwicklung eines Volkes geben. Die Gebrüder Grimm haben die deutschen Märchen gewissermassen aus dem Munde des Volkes genommen und sie in einer unvergleichlich schönen, volkstümlichen Form dem deutschen Volk wiedergeschenkt. Darüber hinaus kann man der Meinung sein, dass diese Märchen aufgrund ihrer häufigen Lektüre durch Kinder deren noch nicht gefestigte Persönlichkeit beeinflussen können. In gewisser Weise spiegeln sich die bewussten und unbewussten Eigenschaften eines Volkes, sein Wille und seine Ängste, in diesen Märchen wider.
Arnold Zweig (1887-1968)
Einer der ersten, der die Märchen der Gebrüder Grimm mit dem Nationalsozialismus in Verbindung brachte, war der deutsch-jüdische Schriftsteller Arnold Zweig. 1936 veröffentlichte er im Exil in Die Neue Weltbühne den Beitrag „Der Jude im Dorn”.
In diesem Buch nun, das unter leichter Verhüllung ältestes und urältestes Mythen- und Vorstellungsgut der Menschen deutscher Zunge wiedererzählt, befindet sich auch ein antisemitisches Stück: „Der Jude im Dorn“. Als Kinder liebten wir nicht, es beim Aufblättern zu treffen, wir lasen es auch nicht so häufig wieder wie die anderen. Aber als ich es mir jüngst von meinenı kleinen Sohn vorlesen liess, gingen mir Ohren und Augen auf. Dieses Märchen bestätigt unsere Meinungen über den deutschen Antisemitismus so grundsätzlich und so durchaus, als hätten wir es erfunden. Man höre und urteile selbst.
Die neue Weltbühne. 4.6.1936.
Auf sehr interessante Weise, die später auch den jüdischen Psychoanalytiker Otto Fenichel inspirieren sollte, bringt Zweig das zum Ausdruck, was später als „Sündenbock-Theorie“ bekannt wurde. Ähnlich wie im jüdischen Brauch, bei dem ein Ziegenbock die Sünden der Gemeinschaft auf sich nimmt und geopfert wird, wurden die Juden im Laufe der Geschichte dazu gemacht, die Sünden der herrschenden Klasse zu tragen – und dafür geopfert.
[…]der deutsche Antisemitismus diene dem Deutschen als Ventil, Hass, Wut und Empörung gegen seine Herrenklasse abzuführen, die er aus guten Gründen diesen unbarmherzigen und wohlbewaffneten Gruppen gegenüber nicht zu äussern wage. […] wir haben ferner dargelegt, dass und warum der Jude den deutschen Untertanen besonders geeignet erscheinen musste, eine solche Ersatzgestalt zu werden – unter anderem, weil er zum Unterschied von seinem Herrn eben unbewaffnet, zahlenmässig schwach und de facto ungefährlich war. Ihm gegenüber durften sich Racheimpulse austoben, die dem Herrn gegenüber am besten nicht einmal in die Mienen, ja, noch besser, nicht einmal ins Bewusstsein der Untertanen stiegen.
„Der Jude im Dorn“ illustriert von Otto Ubbelohde.
Für Zweig ist das Märchen Der Jude im Dorn die Verkörperung der antisemitischen psychologischen Verfassung der Deutschen. Da sie sich im Laufe der Geschichte nicht gegen diejenigen erheben konnten, die sie wirklich misshandelt hatten, suchten sie sich als Ersatz diejenigen, die immer unter ihnen standen und immer ungeschützt waren: die Juden. Die herrschende Klasse, die ebenfalls davon profitierte, hat dies gefördert, um nicht für das von ihr verursachte Leid verantwortlich gemacht zu werden. Zweig zeigt jedoch auch, wie das Märchen den Deutschen ein gutes Gewissen und sogar Freude („Spass“) an ihrer sadistischen Behandlung der Juden vermittelt. Dies fasst er auf tiefgründige Weise zusammen, bis hin zu den damals bereits aktuellen Konzentrationslagern.
Zergliedert man dieses kleine Stück ausgezeichneter Prosa, so hat man alles beisammen, was den europäischen Antisemitismus macht: erstens den Juden, der an dem Unrecht, das dem Knecht widerfuhr, schuldlos ist, und der durch seinen orientalischen Bart fremdartig, durch seinen Sinn für das Naturwunder des Vogelgesanges als geistig überlegen, auf einer älteren und höheren Kulturstufe stehend, anerkannt wird; der schliesslich diesen singenden Vogel besitzen will, wie die Herren und Fürsten, Minister und Paschas sich Singvögel in ihren Häusern halten. Dann die plumpe zerstörende Art, mit der der Knecht das Verlangen des Juden erfüllt, indem er dem Rausch der Waffe nachgibt; schliesslich den Sadismus der Konzentrationslager, das Volksfest mit Spass und Jokus beim Pogrom, endlich die Erpressung der Beute: der mit Gold gefüllte Beutel, den eigentlich der Knecht seinem Herrn hätte abverlangen müssen, und den er daher guten Gewissens der Ersatzfigur raubt. Und als Schlusspunkt des Ganzen der Hohn, mit dem das Opfer seines qualvollen Springens wegen bedacht wird.
Erika Mann in der „Pfeffermühle“
Es ist wichtig hinzuzufügen, dass dieses und andere Märchen, die als Symptom des Antisemitismus angesehen werden können, später im Kampf gegen Antisemitismus und Faschismus verwendet wurden. Bertolt Brecht, Erich Weinert und Erika Mann griffen sehr geschickt auf die Märchen der Gebrüder Grimm zurück, um ihren Kulturkampf gegen den Nationalsozialismus zu führen. Ausgehend von traditionellen Grimmschen Märchen und allgemeinen Märchenmotiven schufen Erika und Klaus Mann Lieder und Kostümentwürfe für ihre „Pfeffermühle”-Aufführung „Lauter Märchen”. Damit lösten sie die Märchen aus ihrem vertrauten klassischen Kontext und verliehen ihnen eine zeitgenössische Bedeutung. Wie Erika Mann in der Rolle der Märchendichterin deutlich machte, sollten diese Entwürfe die Märchen von ihren Missbrauchern zurückgewinnen und die zeitgenössische Welt kritisch reflektieren.
Lauter Märchen, – jetzt kommen lauter richtige Märchen, wie sie im Märchenbuch stehn und wie das Volk und die Dichter sie erfunden haben in grauer Vorzeit und zu ihrer reinen Belustigung. Heut erzählt man sie den kleinen Kindern, und allenfalls noch die Freunde von der rückwärts gewandten Sorte nehmen sie für sich in Anspruch und für ihre romantisch-chaotische Denkungsart. Lasst doch einmal sehen, was sich zuträgt in diesen Geschichten und ob sie nicht vielleicht für uns geschrieben worden sind, auch für uns, — gerade für uns und ob es nicht unsere eigene, sonderbare Menschenwelt ist, – die sich – noch immer, – in ihnen spiegelt.
Martin Littmann – Aus jüdischem Geist – Gelesenes und Gehörtes. Verein Kadimah. Zürich, 1937. D 659 (k)
Man sucht etwas und schlägt ein Buch auf, wie man es normalerweise in einer Bibliothek tut. Das Buch Aus jüdischem Geist – Gelesenes und Gehörtes erschien 1937 in Zürich. Es wurde von dem bekannten Rabbiner Martin Littmann (1864-1945) verfasst, der von 1897 bis 1937 Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich war.
Doch statt das Gesuchte zu finden, wird man plötzlich mit einem alten Schwarz-Weiss-Bild konfrontiert. Es zeigt ein junges Mädchen mit traurigen Augen. Die Schrift darunter verrät ihren Namen: Doris Guggenheim. Ihre Lebensdaten (1898–1911) lassen darauf schliessen, dass sie im Alter von dreizehn Jahren verstorben ist, wahrscheinlich nicht lange nach der Aufnahme des Fotos. Es folgt ein Zitat von Felicitas Rose aus einer ihrer Geschichten – eine Grabinschrift, die die Tragik eines kurzen Lebens offenbart:
Du kamst, Du gingst, ein kurzer Gast in diesem armen Erdenland, Woher, wohin — wir wissen nur, Aus Gotteshand, in Gotteshand.
Neben dem Bild im Buch befindet sich eine Art Exlibris, ein Aufkleber mit der Aufschrift „Doris Guggenheim-Stiftung“. Man erfährt, dass diese Stiftung dem Schüler Alex Ulmann das Buch geschenkt hat, als er die Religionsschule der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich abschloss. Unter dem offiziellen Stempel der Schulpflege der Israelitischen Cultusgemeinde ist in sehr kleiner Schrift, die kaum zu erkennen ist, erneut der Name Guggenheim zu lesen: „Guggenheim & Co., Zürich“. Ist dies nur ein Zufall?
Man könnte es dabei belassen, aber etwas in den Augen dieses Mädchens, etwas in ihrem Blick, lässt uns nicht los. Wir nehmen uns deshalb vor, ein wenig zu recherchieren und mehr herauszufinden. Das erweist sich jedoch als keine einfache Angelegenheit. Der Name Guggenheim ist einer der häufigsten jüdischen Namen in der Schweiz, weshalb eine einfache Google-Suche uns hier nicht weiterbringt. In diesem Fall ist unser Zeitungsarchiv die beste Quelle, und tatsächlich dauert es nicht lange, bis wir die herzzerreissende Todesanzeige vom 27. November 1911 finden.
Neue Zürcher Zeitung. 27.11.1911.
Mit dem genauen Sterbedatum (26.11.1911), dem Namen der Eltern Hermann und Therry (Theresa) – hier fälschlicherweise „Dherry” geschrieben – sowie dem Mädchennamen der Mutter („Wyler”) und den Namen der Geschwister (Willy und Erna) kommen wir der Sache einen Schritt näher. Bei der Durchsicht unseres Archivs im Zeitraum um dieses Datum finden wir eine weitere Anzeige, diesmal fünf Tage später in der jüdischen Zeitung Israelitisches Wochenblatt:
Israelitisches Wochenblatt 1.12.1911
Doris Guggenheim stammte aus einer der bedeutendsten jüdischen Künstlerfamilien Zürichs. Ihr Vater, Hermann Guggenheim (1864–1912), war ein weltweit bekannter Lithograf und Fotograf sowie Gründer des 1893 gegründeten Ansichtskartenverlags H. Guggenheim & Co. Dies war einer der ersten Ansichtskartenverlage in der Schweiz. Der Verlag ist vor allem aufgrund seiner umfangreichen Postkartenproduktion von Interesse. Neben Ansichtskarten wurden auch andere lithografische Produkte aus den letzten Jahrzehnten des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hergestellt, darunter Briefköpfe, Visitenkarten, Speisekarten, Porträts, kleine Alben mit Ansichten lokaler Orte und illustrierte Broschüren. Seine Werke sind bis heute sehr bekannt und begehrte Sammlerstücke.
Die Familie Guggenheim-Wyler. In der Mitte der Vater Hermann. Links die Zwillinge Erna und Willy. Rechts Doris mit ihrer Mutter Therry. Aus dem Buch „Varlin“ von Ludmila Vachtova. Ed. Scheidegger. Zürich, 1978. Q 398A.
Der tragische Tod von Doris, die an einer durch Tuberkulose verursachten Meningitis verstarb, war jedoch nicht die letzte Tragödie der Familie Guggenheim. Fast genau zwei Monate später, am 2. Februar 1912, erlag Hermann Guggenheim, ein hochgeschätztes Mitglied der ICZ, einem Herzinfarkt. Wie dem ICZ-Jahresbericht von 1911 zu entnehmen ist, war er zum Zeitpunkt seines Todes bereits Mitglied der Schulpflegekommission:
ICZ-Jahresbericht 1911. Zürich, 13.4.1912.
Obwohl erst zu Beginn des laufenden Jahres eingetreten, halten wir es für unsere Pflicht unseres leider verstorbenen Mitgliedes Herrn Hermann Guggenheim-Wyler zu gedenken, welcher an den Arbeiten unserer Commission stets mit besonderem Eifer teilnahm und unserer Schule reges Interesse und Verständnis für ihre Bedürfnisse entgegenbrachte.
Zuvor hatten er und seine Frau die bereits erwähnte Doris Guggenheim-Stiftung zum Gedenken an ihre Tochter gegründet. Über den Zweck dieser Stiftung erfahren wir von Martin Littmann, dem Autor des Buches, in dem wir Doris‘ Bild gefunden haben. In einem Artikel vom 12. April 1912 im Israelitischen Wochenblatt berichtet Littmann über den ersten Einsatz der Stiftung.
Am 7. Tag Pessach fand im Anschluss an die Predigt des Vormittagsgottesdienstes die Entlassung der Schüler und Schülerinnen der obersten Klasse aus der Religionsschule statt. Die Synagoge war dichtgefüllt. Es kamen zehn Knaben und zehn Mädchen zur Entlassung. Jedes erhielt zum Andenken ein Buch, als Geschenk aus der Doris-Guggenheim-Stiftung. Herr Rabbiner Dr. Littmann betonte in seiner Ansprache an die Kinder, dass sie die ersten seien, die aus dieser Stiftung beschenkt werden, und dass sie, da die leider verstorbene Doris Guggenheim auch zu ihrer Klasse gehört hätte und eigentlich auch jetzt zur Entlassung kommen sollte, das Buch als ein besonderes heiliges Vermächtnis entgegennehmen sollten, zur Erinnerung an die liebe Dahingeschiedene und an deren Vater, Hrn. Herm. Guggenheim-Wyler, der sein Töchterchen nur wenige Monate überleben sollte.
Doris Guggenheim war Schülerin der Religionsschule der Israelitischen Cultusgemeinde. Die nach ihr benannte Stiftung übernahm es, den Schülerinnen und Schülern, die die Schule abschlossen, ein Buch zu schenken. Das erste Buch, das von der Stiftung verschenkt wurde, ging an Doris‘ Klassenkameraden. Über die Stiftung selbst ist nur wenig bekannt, doch zumindest bis 1952 erfüllte sie ihre Aufgabe, wie die Aufzeichnungen in unserem Archiv zeigen.
Israelitisches Wochenblatt 18.4.1952
Dies wird jedoch nicht das letzte Mal sein, dass wir von der Familie Guggenheim hören. Wie bereits erwähnt, hatte Doris zwei jüngere Geschwister: die Zwillinge Erna und Willy Guggenheim. Letzterer avancierte zu einem der berühmtesten jüdischen Künstler der Schweiz. Man kennt ihn heute unter dem Künstlernamen Varlin. In einem kurzen autobiografischen Text erwähnt Varlin (1900-1977) seine früh verstorbene ältere Schwester und seinen verstorbenen Vater in einem Atemzug.
Als ich 12 Jahre alt war, starb mein Vater, 2 Monate vorher meine ältere Schwester.
Erna, Willy und Doris Guggenheim. 1901. Aus dem Buch „Varlin“ von Ludmila Vachtova. Ed. Scheidegger. Zürich, 1978. Q 398A.
Über das unvollendete Leben von Doris Guggenheim konnten wir leider nur wenige Informationen finden. Das Bild, das wir in einem unserer Bücher entdeckt haben, ist möglicherweise der letzte Hinweis auf ihr kurzes Erdenleben. Auf allen anderen Bildern, die wir finden konnten, ist sie stets mit demselben traurigen Blick zu sehen.
Erna, Willy und Doris Guggenheim. 1905. Aus dem Buch „Varlin“ von Ludmila Vachtova. Ed. Scheidegger. Zürich, 1978. Q 398A.
Auf einer Postkarte, die von der Firma ihres Vaters hergestellt und am 7. Mai 1907 an Doris geschickt wurde, konnten wir jedoch etwas über die besondere Verbindung erfahren, die sie als älteste Tochter (damals neun Jahre alt) zu ihrem Vater hatte. Hermann Guggenheim schrieb ihr aus Turin, vermutlich während einer seiner zahlreichen Reisen, die er unternahm, um zu fotografieren und seine Kunden zu besuchen.
Liebes Dorisli, war sehr erstaunt die mir erbetene Nachricht nach San Remo nicht vorzufinden und hoffe alles wohl und munter. Werde voraussichtlich kommenden Freitag wieder heim kommen u. soll es mich freuen zu vernehmen, dass du, Erna und Willy während meiner Abwesenheit recht lieb und brav wart. Inzwischen empfange Du und die l. kleinen innigen Gruss und Kuss. Papa
Diese enge Verbindung zwischen den beiden, die sich auf poetische Weise bewies, als der Vater zwei Monate nach seiner Tochter verstarb, besteht bis heute. Auf dem jüdischen Friedhof der Israelitischen Cultusgemeinde Unterer Friesenberg in Zürich stehen zwei Grabsteine nebeneinander. Neben dem Grabstein ihres Vaters Hermann Guggenheim, der kurz nach ihr verstarb, befindet sich der schöne Grabstein der Tochter Doris Guggenheim, dem Mädchen mit dem traurigen Blick.
Oded Fluss. Zürich. 25.6.2025
Bei der Erstellung dieses Beitrags haben wir grossartige Unterstützung erhalten. Wir möchten uns ganz besonders bei Frau Patrizia Guggenheim, Herrn Daniel Teichman und Frau Ruth Freiburghaus bedanken. Letztere ist Autorin eines mit Spannung erwarteten Buches über Hermann Guggenheim und seinen Postkartenverlag, das noch in diesem Jahr im Chronos Verlag erscheinen wird. Daniel Teichman und Patrizia Guggenheim haben ebenfalls zu diesem Buch beigetragen.
Wenn man an die bekanntesten jiddischen Autoren denkt, wird Schalom Asch (1880-1957) oft vergessen. Das ist überraschend, denn er ist wohl der einzige jiddische Schriftsteller, der bereits zu Beginn seiner Karriere Weltruhm erlangte. Dieser Ruhm war jedoch von Anfang an auch mit einem gewissen Berüchtigtsein verbunden.
Schalom Asch ca. 1903.
Es war das Jahr 1906, als der damals 26-jährige Asch, der zu diesem Zeitpunkt in der jiddischen Literaturszene bereits relativ bekannt war, sein berühmtestes und vielleicht auch umstrittenstes Drama גאט פון נקמה Got fun Nekome (Der Gott der Rache) schrieb. Als erstes Stück durchbrach es die unsichtbare Barriere der jiddischen Sprache.
Schalom Asch – der Got fun nekome. Bicherverlag „Zukunft“ Wilna, 1907
Der renommierte Theaterregisseur Max Reinhardt nahm es sofort in sein Repertoire auf (Seine Frau, Else Heims-Reinhardt, gehörte zu den ersten Schauspielerinnen, die eine Hauptrolle in diesem Stück spielten). Die Regie der Uraufführung in Berlin übernahm Efraim Frisch. Von dort aus wurde es auf allen wichtigen Bühnen der Welt gespielt – auch von der berühmten Wilnaer Truppe – und war ein sofortiger Erfolg. Es sorgte jedoch auch für grossen Aufruhr um den jungen Autor.
Schalom Asch – Der Gott der Rache. S. Fischer Verlag. Berlin, 1907. D30061.
Was wie eine normale jüdische Maiseh über eine typisch jüdische Familie beginnt, in der die Eltern versuchen, ihre einzige Tochter zu verheiraten, entwickelt sich zu einer Geschichte über die dunkelsten Ecken des Ghettos. Das Haus, in dem die Familie wohnt, ist alles andere als typisch. Während das Obergeschoss ganz normal aussieht, betreibt der Vater Jankel Schepschowitsch im Untergeschoss ein Bordell. Die Mutter Sara war früher selbst eine Prostituierte. Da sie beide hoffnungslose Sünder sind, beschliesst der Vater, ein Thora-Buch anfertigen zu lassen und es im Zimmer seiner unschuldigen Tochter Riwkele aufzustellen. Er erhofft sich, dass dies sie vor den Sünden der Familie bewahren wird.
Else Heims-Reinhardt als Riwkele. Berlin 1907.
Doch die Tochter ist alles andere als unschuldig. Ohne dass ihr Vater davon weiss, geht sie oft in den unteren Teil des Hauses, wo sie eine besondere Beziehung zu einer Prostituierten hat. Die Liebesgeschichte zwischen Riwkele und Manjka ist die erste bekannte lesbische Liebesgeschichte in jiddischer Sprache. Asch beschreibt diese Beziehung auf vorbildliche Weise als wunderschön und sehr anschaulich mit Worten, die dem Hohelied sehr ähnlich sind. Dabei bricht er Tabus, indem er den Figuren keine negativen Eigenschaften zuschreibt, sondern sie mit vollem Verständnis darstellt.
Manjka: [spricht mit verhaltener Leidenschaftlichkeit, leise doch tief und klangvoll] Ist dir kalt, Riwkele? Schmieg dich fest an mich… so ganz fest… Wärm‘ dich an mir… ganz dicht drück dich an… Komm, wir wollen uns dahin setzen, auf den Diwan… [führt sie nach dem Diwan und setzt sich neben sie.] So…so…Leg‘ deinen Kopf an meine Brust… so… so… Liebkose mich mit deinem Leib… Ah, so kühl…als würde Wasser zwischen uns rinnen… Ich hab‘ dir die Brust entblösst, hab‘ sie mit Regen gekühlt, der über meiner Hand, wie weisser Schnee, wie Eis. Ich hab‘ dir das Haar gelöst… so… so…[fährt mit den Fingern durch Riwkeles Haar]… Ich hab‘ dein Haar unter den Regen gehalten… Wie es duftet – ah! Wie der Regen… [verbirgt ihr Gesicht in Riwkeles Haar.] Mairegen duftet darin! so zart, so weich… und so frisch… wie Gras auf der Wiese!… Wie Äpfel am Baume!… So… kühl‘ mich mit deinem Haar! [sie fährt über ihr Gesicht mit Riwkeles Haar.] Kühl mich…so! Wie weich! Kühl mich wie einer Braut… In der Mitte den Scheitel… und zwei lange schwarze Zöpfe…[kämmt Riwkeles Haar.] Willst du, Riwkele – ja, willst du? Riwkele: [nickt bejahend] Ja… ich will…
Eine Anzeige für das Theaterstück im „Intimes Theater“ in Bern aus dem Jahr 1908: „Nur Erwachsene haben Zutritt.“ Berner Tagwacht 11.1.1908.
Wie viele andere jüdische Autoren seiner Zeit zeigt auch Schalom Asch grosses Mitgefühl für die Ärmsten und Geschundenen im Ghetto. Er kritisiert die ungerechte Ordnung der Gesellschaft, den blinden Hass auf bestimmte Gruppen und Individuen, deren einzige „Sünde” darin besteht, so geboren zu sein, sowie deren verzweifelten Versuch, sich aus dieser Situation zu befreien. Mit besonderer Einfühlsamkeit beschreibt Asch die beiden Prostituierten Resl und Bassja, die ungeachtet ihrer schwierigen Lage lediglich das Leben in vollen Zügen geniessen möchten.
Bassja: wisst ihr was? Ich kauf mir ein neues Sommerjacke und fahre mal zu Pfingsten nach Hause…[Läuft in ihre Kammer, bringt einen grossen modernen Strohhut mit langen Bändern heraus, setzt ihn auf und stellt sich vor den Spiegel.] Seht! Wenn ich dort zu Pfingsten in dem Hute die Bahnstrasse entlang geh – ach, die Galle würde ihnen platzen vor Neid! Nicht? Wenn ich nur nicht solche Angst vor’m Vater hätte…
Asch begnügt sich nicht nur damit, die Gesellschaft zu kritisieren. Er geht noch einen Schritt weiter und kritisiert Gott selbst. Das tragische Ende dieser „Hiob-Geschichte“ zeigt, wie der Familienvater seinen grossen Wohlstand, sein Ansehen und seine Tochter an einen rachsüchtigen Gott verliert. Riwkele läuft mit Manjka weg und wird so selbst zur Prostituierten. Somit wird das Kind für die Sünden des Vaters bestraft. Kritisiert wird auch der Fetischismus der jüdischen Religion, nach dem ein gekauftes Tora-Buch alle Sünden wiedergutmachen soll.
Jankel: [erregt] Alles darf man reden… Die Wahrheit heraus! Ich bin Jankel Schepschowitsch, der Bordellwirt, gewiss… Aber die Wahrheit darf auch ich Gott sagen! Ich habe keine Angst mehr… Ich kam zu Euch ins Bethaus… Ich hab Euch alles erzählt… und Ihr habt mir geraten, die Tora schreiben zu lassen… Da hinein, in ihr Zimmer, hab ich sie gestellt… ganze Nächte hab ich vor ihr gestanden und hab zu ihr gesprochen: „Du bist Gott, du weisst um alles, was ich tu, und wenn du mich strafen willst – straf mich, straf mein Weib, wir haben gesündigt – aber schone mein unschuldiges Kind… Erbarme dich meines Kindes…! […] was bin ich noch wert auf dieser Welt? Selbst ein Sünder…sündige Nachkommen hinterlassen… und so pflanzt sich die Sünde fort von Geschlecht zu Geschlecht…
Rudolf Schildkraut und Hedwig Wangel als Jankel und Sara Schepschowitch bei der Premiere von Der Gott der Rache im Deutschen Theater Berlin im Jahr 1907. „Ost und West“. Juli, 1907. Z 254.
Obwohl das Stück allgemein sehr gelobt und Asch sogar als „jüdischer Dickens” bezeichnet wurde, waren es jüdische Kreise und Zeitungen, die es scharf kritisierten. Sie warfen dem Stück fast einstimmig Antisemitismus vor und bezeichneten Asch als selbsthassenden Juden. Das Stück, das fast 30 Jahre lang auf den Bühnen zu sehen war und sogar verfilmt wurde, wurde schliesslich als unerwünscht eingestuft. Bereits 1911 verbot Lord Chamberlain in London die Aufführung des Stücks. Der Höhepunkt war jedoch der Prozess in New York im Jahr 1923 gegen den berühmten österreichisch-jüdischen Schauspieler Rudolph Schildkraut (1862-1930) und den Rest des Ensembles von DerGott der Rache, da das Stück als unsittlich empfunden wurde.
Das jüdische Echo. 15.6.1923.
Schalom Asch setzte sich unermüdlich dafür ein, dass sein Stück aufgeführt wurde. Dies tat er sowohl gegenüber jüdischen Kreisen, die es als antisemitisch empfanden, als auch gegenüber der breiten Öffentlichkeit, die es als unmoralisch und obszön empfand. Anfang der 1930er Jahre änderte sich dies jedoch, als sich die Lage der Juden in Europa und insbesondere die der Ostjuden verschlechterte. Im Jahr 1934 nahm Asch offiziell Stellung gegen die geplante Aufführung seines Stücks in Prag und Budapest.
In der heutigen Welt, da es in konfessionellen Dingen so viele Reibungsflächen gibt, will ich nicht, daß mein Stück mißverstanden werde. Die Aufführung des Stückes könnte eventuell zu Gehässigkeiten Anlaß bieten. Als ich das Stück schrieb, war ich bemüht, objektiv zu sein. Seither haben sich die Zeiten geändert, Dinge, die damals harmlos waren, erhielten seither eine ganz andere Bedeutung. Ich muß daher meine materiellen Interessen zurückstellen und die Aufführung des Stückes untersagen.
Jüdisch-liberale Zeitung 21.8.1934.
Bis zu seinem Lebensende blieb Schalom Asch bei seiner Entscheidung, Der Gott der Rache nicht mehr aufführen zu lassen. Das Stück, das ihn berühmt gemacht hatte und mehr als alles andere mit ihm in Verbindung gebracht wurde, verbot der Autor selbst. Dies ist möglicherweise einer der Gründe, warum er heute nicht ganz oben auf der Liste der bekanntesten jiddischen Autoren wie Scholem Alejchem, J. L. Perez oder Mendele Mocher Sforim steht. Bereits 1930 hatte er in einem kurzen biografischen Text vorausgeahnt, was kommen würde, und Folgendes geschrieben:
In Deutschland geriet ich seit dem Kriege fast völlig in Vergessenheit. Die ältere Generation erinnerte sich gerade noch meines Namens im Zusammenhang mit dem einstigen Erfolg von „Gott der Rache“: „Schalom Asch“ — hieß es — ,,aha, das ist der Mann, der ,Gott der Rache‘ gemacht hat!“ Als hätte ich seither keine Zeile mehr geschrieben… „Der Gott der Rache“ war mein Segen, aber auch mein Fluch — darum: hütet euch vor Jugenderfolgen!
(„Schalom Asch erzählt sein Leben“. Menorah. November 1930.)