Ein Grabstein zwischen den Seiten

Aaron Ben Abraham: „Sefer Hadrakha“. Breslau, 1830. BH 263

Ein sehr bekanntes Genre in der jüdischen Buchtradition ist die Mussar-Literatur [Sifrut-Mussar]. Sie stammt aus dem Mittelalter und dient als Anleitung zur Stärkung des Glaubens, der Tugend und des moralischen Lebens (Mussar ist das hebräische Wort für Moral). In Anlehnung an die biblische Literatur sind diese Bücher eher auf das tägliche Leben ausgerichtet und konzentrieren sich in vielen Fällen auf die Beziehungen zwischen den Menschen.
Bei dem uns vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine Untergattung der Sifrut Mussar – den so genannten Testament-Büchern. Es handelt sich um ein Buch, das ein Vater und Grossvater für seine Kinder und Enkel in Form eines Testaments geschrieben hat. Der Autor Aaron Ben Abraham, ein Gemeindeprediger aus Rawitsch [Rawicz] , glaubte, dass seine Aufgabe auf Erden, seine Nachkommen zu führen, nicht mit seinem Tod endet, und so nutzt er sein Buch „Sefer Hadrakha“ (Das Buch der Leitung), um sie auch nach seinem Tod zu leiten:

“ Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Kindern eine Ermahnung zu hinterlassen, um sie in der Furcht Gottes und in der Art seiner Anbetung zu unterweisen. Sogar wenn ein Mensch selbst vollkommen wäre, hätte er seine Pflicht nicht erfüllt, indem er nur sich selbst vervollkommnet hätte. Denn wenn er nicht den starken Drang verspürt, andere zu vervollkommnen, kann er für sich persönlich nicht vollkommen sein, da er das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ übersehen hat.“

Das Buch ist alphabetisch geordnet, beginnend mit dem hebräischen Buchstaben א [Alef] und endend mit dem letzten Buchstaben ת [Tav], und symbolisiert so eine ganze Lebensspanne. Jeder Buchstabe steht für einen Aspekt des Lebens oder des Glaubens, auf den der Autor eingeht. So ist zum Beispiel der Buchstabe א [Alef]: „Emuna“ (Glaube); ט [Tet]: Tom’a und Tohara (Unreinheit und Reinheit); צ [Tzadik]: Tzedaka und so weiter. Einen besonderen letzten Platz weist der Schreiber dem hebräischen Buchstaben ת [Tav] zu, der für das Wort „Toldot“ steht; ein ganz spezielles hebräisches Wort, das sowohl Ursprung als auch Ergebnis bedeutet und somit Vergangenheit und Zukunft verbindet. Indem der Vater seine Kinder dazu anleitet, Gott zu folgen, lenkt er ihr Schicksal, während diese, indem sie dem folgen, was er sie gelehrt hat, umgekehrt wiederum auch sein Schicksal nach seinem Tod lenken.

“ Im Tod ist zwar alles vorbei, aber wenn der Vater seine Kinder angeleitet hat, Gottes Wegen zu folgen, hängt ihre Tugend von ihm ab und damit hat er kein Ende, solange sein Same weiterlebt.“

Aaron Ben Abraham teilt viele seiner persönlichen Erfahrungen mit Sünde und Teschuwa (Umkehr) und erklärt in einem schönen Satz die Tugend des Weinens, ein sehr wichtiges jüdisches Motiv im Akt der Reue.

“ Manchmal werden Sie vom Jetzer (Trieb) ergriffen und mit Sünde beschmutzt […] in jedem Fall müssen Sie über die Sünde, die Sie begangen haben, in der Zeit der Beichte weinen, denn Weinen überwindet alles. Und wie unsere Väter z“l sagten: alle Tore waren verschlossen, ausser den Toren der Tränen, und die Tugend des Weinens ist es, von Sünde zu heilen.“

Am Ende des Buches schreibt Aaron Ben Abraham, wie seine Beerdigung ablaufen soll. Er bittet darum, dass niemand, der ihn hasst, während dieser Zeit in seiner Nähe sein darf, und droht, dass demjenigen etwas Schlimmes zustossen wird, wenn jemand dies gegen seinen Willen tut. Er will keine Grabreden, nicht während der Zeremonie und auch nicht danach, „weil ich in meiner Seele weiss, dass ich nicht einer bin, der es wert ist“. Er möchte nicht, dass man nach seinem Tod gut über ihn spricht, denn er war nie jemand, der nach Respekt strebte. Er bittet nur darum, dass seine Kinder und Freunde jeden Tag mindestens vier Kapitel der Mischna zu Ehren seiner Seele studieren. Diejenigen, die nicht religiös sind, bittet er, jeden Tag zehn Kapitel der Tehilim zu lesen. Zu seiner eigentlichen Beerdigung bittet er um ein bescheidenes Grab in der Nähe seiner Väter.

Eingangstor zum jüdischen Friedhof Rawitsch

Aaron Ben Abrahams Wunsch, seine letzte Ruhestätte in der Nähe seiner Väter zu finden, wurde erfüllt und er wurde – wie alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rawitsch – auf einem Friedhof im nahegelegenen Dorf Zirkobo begraben. Dies fand jedoch ein tragisches Ende mit dem Einmarsch der Nazis in Polen Anfang 1939 und der totalen Schändung und Zerstörung des Friedhofs durch sie. Das Einzige, was von dem Friedhof übrig blieb, war das Eingangstor und darüber die Schrift in Hebräisch und Deutsch: „ד‘ ממית ומחיה מוריד שאול ויעל“ „Gott tötet und belebt, führt in die Scheol [Hades] und führt herauf.“ (Samuel I 2,6).

Und so befahl er, auf seinen Grabstein zu schreiben: Zu seinen Lebzeiten/ fuhr ihn Gott auf einem schnellen Gewolk [Jesaja 19,1 ]/ Und nun nahm er seine Kraft [Daniel 10, 8 ]/ Aaron Ben Abraham z“l/ Möge seine Seele mit dem Band des ewigen Lebens verbunden sein.

Den Rawitsch-Friedhof gibt es nicht mehr, aber der Grabstein von Aaron Ben Abraham lebt weiter, und zwar in gedruckter Form. Ben Abraham hatte einen ganz bestimmten Wunsch, was auf seinem Grabstein stehen sollte. Seine Enkelkinder haben diesem Wunsch entsprochen und ihn auch in das Buch ihres Grossvaters gedruckt, und zwar in Form eines Grabsteins. Diese einzigartige Komposition aus einem gedruckten Grab und der Grabsteininschrift, die wir auf der letzten Seite des Buches finden, ermöglicht es, uns weiterhin an den Autor zu erinnern.

Oded Fluss. Zürich, 11.8.2022

Ein vergessener Autor in einem Buch wiederentdeckt

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Mainz, 1905

Über den Autor Moritz Steinhardt ist fast nichts bekannt. Er wurde 1867 in Eisenstadt (früher Ungarn, heute Österreich) geboren und starb 1923 in Berlin. In diesen 56 Jahren war er Verleger sowie Buchhändler und veröffentlichte ein paar Geschichten in verschiedenen jüdischen Zeitungen. Sein Buch „Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert“, das 1905 in Mainz erschien, hatte ihm den ehrenvollen Ruf eingebracht einer der authentischsten und realistischsten Autoren des Ghettolebens des 19. Jahrhunderts zu sein. Die rasche Assimilation der Juden und die veränderte politische Situation in Europa brachten eine Sehnsucht nach dem einfachen Ghettoleben der vorangegangenen Generation mit sich.
In seinem Vorwort zum Buch erklärt Steinhardt seine Motivation, das Buch zu schreiben, mit dem Ziel, ein falsches Bild vom Leben im Ghetto zu korrigieren:

„Durch dieses Büchlein wollte ich eine Schuld tilgen, indem ich der Erinnerung an die Heimat hiermit ein Dokument errichtet habe […] Das jüdische Ghetto, welches mein Büchlein behandelt, weist ein Bestehen von mehreren Jahrhunderten auf, als diejenigen der Grossstädte, wie wir sie in engen schmutzigen und winkeligen Gassen finden. Das Eisenstädter Ghetto gewährt keinen so finsteren und mittelalterlichen Eindruck, […] sondern der Lichtstrahl der Freiheit hat in dieses schon bei dessen Entstehen seine wohltuende Wärme geschenkt“.

Steinhardt betonte auch die Authentizität der Figuren und Geschichten im Buch:

„All‘ diese Sitten und Gebräuche, wie ich sie […] schildere, noch heute werden sie eingehalten. Alle Personen, wie ich sie gezeichnet, sie haben gelebt […] die Erinnerung an ihre Originalgestalten lebt fort im Munde der Generationen.“
Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Lehmann’s Volksbücherei. Mainz, 1906.

Das Buch wurde viermal veröffentlicht, die erste kleine nummerierte Ausgabe wurde 1905 in der Joh. Wirth’sche Hofbuchdruckerei in Mainz gedruckt. Ihr folgte schnell eine weitere Veröffentlichung im darauffolgenden Jahr als 40. Band der berühmten „Lehmann’s jüdische Volksbücherei“, herausgegeben von Oscar Lehmann in Mainz. Sieben Jahre später wurde das Buch im Gustav Engel Verlag in Leipzig veröffentlicht, jetzt mit einem neuen Vorwort des Autors, das einen politischeren Ansatz am Vorabend des Ersten Weltkriegs verfolgt. Steinhardt widmet das Buch dem Fürstenhaus Esterhàzy zum Dank dafür, dass die „Juden Eisenstadts […] sich [seit 1622] ungehindert ihrem religiösen Leben hingeben und ihren Berufen nachgehen konnten.“

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Gustav Engel Verlag. Leipzig, 1913.

Die Authentizität des Buches finden wir in einem dritten Vorwort, das 1920 für die dritte Ausgabe des Buches veröffentlicht wurde. Jetzt schon mitten im Krieg schreibt Steinhardt:

Seit erschienenen der zweiten Auflage hat der grimmige Weltkrieg unseren Planeten tüchtig durchgerüttelt. Dieser Bruderkampf ging auch an dem Ghetto nicht spurlos vorüber […] alle in diesem Buche geschilderten Typen, mit Ausnahme von einem, sie sind dahin in jene Gefilde, wo es keinen Kampf mehr gibt, nur im Munde der Epigonen leben sie fort.

Ironischerweise wurde der Mann, der sein ganzes literarisches Können in den Dienst des Gedenkens gestellt hatte, völlig vergessen. Ein paar Literaturlexika erwähnen ihn kurz mit ein paar Zeilen, aber sein persönliches Leben und seine Biografie bleiben unentdeckt. Auch hier kommt uns das Buch zu Hilfe und wie in vielen anderen Fällen findet man in den Beständen unserer Bibliothek Bücher, die Hinweise und Spuren in sich tragen, die es uns ermöglichen, das zu enthüllen, was sonst für immer verloren bleiben würde.

Die seltene Erstausgabe dieses Buches, die unsere Bibliothek besitzt, offenbart uns in ihrem Inneren einen Geschenk-Etikett und drei Handschriften, die jeweils unterschiedliche Anliegen zum Ausdruck bringen. Das Geschenk-Etikett ist ein solches, wie wir es oft in unsere Bibliotheks Büchern finden. Es wurde in der Vergangenheit von unserer Bibliothek verwendet, um Bücher, die uns geschenkt wurden, mit dem Namen der schenkenden Person zu kennzeichnen. Dieser Stempel trägt den Namen: Lotte Kloster-Steinhardt.

Eine der Handschriften im Buch gehört auch Lotte Kloster-Steinhardt und ist eine Widmung von ihr an unsere Bibliothek: „Für die Bibliothek geschenkt von der Tochter des Autors! Lotte Kloster -Steinhardt. 2. Juni 1958“. Daraus erfahren wir bereits, wann uns das Buch geschenkt wurde. Noch wichtiger ist jedoch, dass Moritz Steinhardt eine Tochter namens Lotte hatte und das Buch in ihrem Besitz war, bevor es in unsere Bibliothek kam. Über Lotte Kloster Steinhardt konnten wir leider keine anderen Informationen finden, als dass sie in der frühen zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Zürich lebte.
Was wir jedoch gefunden haben, ist eine kleine Anzeige in der Rubrik „Wer kann Auskunft geben“ des Israelitischen Wochenblatts vom 16.3.1945. Diese Rubrik war für Menschen gedacht, die während und nach dem Holocaust nach ihren Verwandten und Angehörigen suchten. Hier sehen wir, dass Lotte Kloster nach ihrer Schwester Irmgard Steinhardt und ihrer Mutter Bertha Steinhardt sucht. Als letzten bekannten Aufenthaltsort gibt sie Theresienstadt an.

Israelitisches Wochenblatt16.3.1945.

Kehren wir zurück zu unserem Buch, finden wir den Namen der Mutter Bertha in einer Widmung des Autors Moritz Steinhardt selbst an seine Frau: „Erstausgabe! Meiner geliebten Frau Bertha in Liebe zugeeignet. Chb. [Charlottenburg] 24/2. 1920. Moritz Steinhardt“.

Auf der anderen Seite des Titelblatts finden wir eine andere Handschrift von Moritz Steinhardt, die wahrscheinlich später geschrieben wurde: „Dieses Exemplar Soll in der Familie stets – an die älteste männliche Linie vererbt werden!“

Man könnte annehmen, dass der Wunsch des Vaters nicht erfüllt werden konnte, weil die Familie Steinhardt nur Töchter hatte (im Moment wissen wir von den beiden Töchtern Lotte und Irmgard) und das Buch deshalb in den Händen einer der Töchter landete. Es gibt jedoch noch einen weiteren Hinweis, den wir in der zweiten (vermehrten) Auflage des Buches finden, die 1913 veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe wird das Buch von einem schönen Schutzumschlag begleitet, auf dem der Künstler als Manfred Steinhardt angegeben ist.

Da es ein bisschen zu zufällig erscheint, dass sowohl der Autor als auch der Künstler denselben Nachnamen haben, finden wir nach ein bisschen Nachforschung heraus, dass der Künstler der Sohn von Moritz und Bertha, Manfred Steinhardt (1893 – 1952), ist. Wir finden auch heraus, dass Manfred Steinhardt ein recht erfolgreicher Künstler in Deutschland war und 1938 zusammen mit Ludwig Schwerin eine Ausstellung seiner Werke in Berlin hatte. In dieser Ausstellung befand sich ein Selbstporträt von ihm, das in der Jüdischen Rundschau vom 22. März 1938 abgebildet wurde.

Manfred Steinhardt – Selbstbildnis. (Jüdische Rundschau 22.3.1938)

Wir können davon ausgehen, dass Manfred Steinhardt dieses Buch auf Wunsch seines Vaters bis zu seinem Tod 1952 aufbewahrt hat. Danach wurde es seiner Schwester Lotte übergeben, die es 1958 der Bibliothek schenkte. Dieses Buch, das für seinen Autor sicherlich sehr wichtig war, reiste von Mainz nach Charlottenburg, von dort nach London und landete schliesslich in unserer Bibliothek in Zürich. Unterwegs sammelte es Hinweise und Spuren eines vergessenen Autors und des Schicksals seiner Familie, über die wir nun ein wenig mehr wissen. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig ein einziges Buch ist, um aufzudecken, was sonst wohl für immer unerzählt bliebe.

Oded Fluss, Zürich, 28.7.2022

Ein Buch voller Kuriositäten

Sefer Chibat Yerushalaim. Jeruslaem, 1884. Breslauer Sammlung: BH 310.

Ein ganz besonderes Buch, das sich in unserer Breslauer Sammlung befindet, ist das Sefer Chibat Yerushalaim (Buch der Zuneigung Jerusalems). Gedruckt 1884 in der berühmten Druckerei Israel Back (B“K), war es eines der ersten Bücher, die in Jerusalem gedruckt wurden. Das Buch wurde mit der Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“ gedruckt, benannt nach dem Philantropen Moshe Montefiore und seiner Frau Yehudit, die der Druckerei 1882 die Druckpresse schenkten („Mase’at“ bedeutet Geschenk auf Hebräisch).

Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“. Oberhalb eine Verzierung in Form eines Adlers, der eine Schlange hält.

Das Buch ist der Stadt Jerusalem, ihrer Geschichte, ihren Sehenswürdigkeiten und Einwohnern gewidmet und enthält „Haskamot“ (Imprimatur/Druckerlaubnisse) von zwei der wichtigsten Jerusalemer Einwohner der damaligen Zeit.

„Haskamot“ (Imprimatur) von Chaim Abraham Gagin und Jakob Antebi.

So haben wir die Worte von Chaim Abraham Gagin (1787 – 1848), bekannt als ha-Rishon le-Zion (der Erste von Zion), der zwischen 1842 und 1848 Oberrabbiner des ottomanischen Palästinas war. Auch haben wir die Worte des Rabbiners Jakob Antebi (1774 – 1846), der 30 Jahre lang Oberrabbiner von Damaskus war. Antebi, der ein Opfer der bekannten Damaskusaffäre – eine Ritualmordlegende über die Juden, die 1840 in Damaskus stattfand – war, würde dies und die Hilfe, die er von Moshe Montefiore erhielt, in dem Buch sogar bezeugen.

„ליום חתונתו ושמחת לבו מאת מוקירו ומכבדו אליעזר ליזר לאנדסהוטה“

Unser Exemplar des Buches enthält eine handschriftliche Widmung von Eliezer (Lejser) Landshuth (1817 – 1887), einem berühmten jüdischen Gelehrten, der sich auf jüdische Lithurgie spezialisiert hatte. Die Widmung ist für die Hochzeit einer unbekannten Person bestimmt und lautet auf Hebräisch: „Für seinen Hochzeitstag und die Freude seines Herzens, von dem, der ihn hegt und ehrt Elieser Lejser Landshuth.“

Einen Hinweis, der uns vermuten lässt, wer die betreffende Person ist, finden wir auf der Titelseite des Buches, das neben dem Stempel des Breslauer Seminars auch den Stempel von Dr. David Rosin (1823 – 1894) trägt. Da Rosin und Landshuth Zeitgenossen waren und sich beide mit jüdischer Lithurgie beschäftigten, darf man annehmen, dass sie sich kannten und dass Landshuth an Rosins Hochzeit teilnahm und ihm dieses Buch schenkte. David Rosin, der selbst ein berühmter Gelehrter und der Nachfolger von Manuel Joël als jüdischer Philosophielehrer am Breslauer Seminar war, hatte wahrscheinlich dieses Buch der Bibliothek des Seminars überliefert.

Sefer Chibat Yerushalaim. Jerusalem, 1884. Aus der Sammlung David Jeselsohn.

Unser Nachbar und Mitglied der ICZ-Gemeinde Dr. David Jeselsohn, dessen Büchersammlung weltberühmt ist, hat ebenfalls ein Exemplar dieses Buches in seiner Sammlung, allerdings mit einer anderen Titelseite. Dies lässt den Verdacht aufkommen, dass unser Buch zu einem späteren Zeitpunkt gedruckt wurde und das Datum auf dem Buch nicht korrekt ist. Ein Verdacht, den wir leider noch nicht bestätigen oder dementieren konnten.

Oded Fluss. Zürich, 14.7.2022.

Ein jüdischer und ein christlicher Nationalrat treffen sich in einem Buch.

Moses Mendelssohn – Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Berlin, 1767.

Ein Buch ist manchmal ein Treffpunkt zwischen zwei grossen Menschen. In vielen unserer Bücher finden wir Widmungen, die uns in eine frühe Zeit zurückwerfen, in der diese geschrieben wurden. Eines der seltenen Bücher im Bestand unserer Bibliothek ist eine Erstausgabe von Moses Mendelssohns „Phaedon – oder über die Unsterblichkeit der Seele“ von 1767.
Das Buch, das unserer Bibliothek am 27. Dezember 1948 geschenkt wurde, enthält eine Widmung von David Farbstein (1868 – 1953), Rechtsanwalt und erster jüdischer Nationalrat der Schweiz.

David Farbstein, in orthodoxem Milieu in Warschau geboren, studierte nach einer Rabbinerausbildung in Osteuropa Jura in Deutschland und der Schweiz. Nach seiner Einbürgerung 1897 liess er sich als Anwalt in Zürich nieder. Farbstein war ein enger Vertrauter von Theodor Herzl und der Ort des ersten Zionistenkongresses geht auf ihn zurück: Nach vielen Querelen um München und Zürich hatte Herzl Farbstein in einem Brief vom 9. Juni 1897 gebeten, einen günstigen Kongressort in der Schweiz zu finden, nicht weit von der österreichisch-schweizerischen Grenze entfernt. Schliesslich wurde Basel der historische Ort, von dem das Basler Programm und Jahre später die Staatlichkeit Israels ihren Ausgang nahmen.

David Farbstein


Farbstein war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, Mitglied des Zürcher Kantonsrats und Mitglied des Nationalrats. Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehörte die Förderung der Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz und ein erbitterter Kampf gegen den Antisemitismus. Er war ein frühes Mitglied der ICZ und sein Grab war das erste auf dem damals neu eingerichteten jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg.

Grab David und Rosa Farbstein auf dem Israelitischen Friedhof Oberer Friesenberg

Der Empfänger dieser Widmung ist der Schweizer Pfarrer, Politiker und Gründer des Schweizer Sozialarchivs Paul Pflüger (1865 – 1947). Bekannt als „roter Pfarrer“ zählt er zu den Pionieren der Schweizer Sozialpolitik. Wie Farbstein war auch er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.
Aus dem Inhalt geht hervor, dass die Widmung 1945 geschrieben wurde und Pflüger das Buch von Farbstein zu dessen 80. Geburtstag bekommen hat.

Aus verschiedenen Hinweisen können wir erkennen, dass zwischen Farbstein und Pflüger eine wahre Freundschaft bestand. Letzterer hat Farbstein in seiner „Lebenserinnerung“ als „den intimsten Freund“ bezeichnet. In einem Nachruf schrieb Farbstein 1947: „Der Unterzeichnete verliert in Paul Pflüger einen alten guten Freund. Die Menschheit verliert in ihm einen edlen Menschenfreund. Das Andenken dieses Gerechten, dieses Zaddik sei gesegnet“.

Israelitisches Wochenblatt, 19.12.1947


Unter der ersten Widmung finden wir eine weitere, die an unsere Bibliothek gerichtet ist. Sie ist auf 1948 datiert, ein Jahr nach Pflügers Tod, und wurde von Pflügers Sohn ( der ebenfalls Paul heisst) geschrieben. Er schrieb, dass er dieses Buch im Nachlass seines Vaters gefunden hat und es unserer Bibliothek schenken möchte.

Karikatur von David Farbstein von dem jüdischen Künstler Gregor Rabinovitch (Nebelspalter, 1926).

Oded Fluss, Zürich, 29.6.2022

Die Leiden des jungen Walthers

Walther Rathenau – Selbstporträt


„in den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“ Walther Rathenau – „Staat und Judentum“ (1911).

Vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde Walther Rathenau (geb. 1867) ermordet. Die Kugel, die sein Herz durchbohrte, zerschlug auch die Illusion von der Möglichkeit eines Weltfriedens, und vielleicht noch mehr: beendete die Illusion der Judenemanzipation im Deutschland der Weimarer Republik, denn Rathenau wurde nicht nur als deutscher Aussenminister sondern vor allem als Jude ermordet. Die Proto-Nazis, die ihn ermordeten, taten dies, weil sie die Vorstellung nicht ertragen konnten, dass Deutschland offiziell von einem Juden repräsentiert wurde.

Antisemitisches, deutschnatinonales Wahlflugblatt zur Wahl in die Nationalversammlung, 1919. In der Mitte eine Karikatur von Rathenau.

Walther Rathenau war der erstgeborene Sohn von Emil Rathenau und Mathilde (Nachman) Rathenau. Sein Vater war einer der grössten Industriellen, die Deutschland je gesehen hat. Er war der erste, der die elektrische Glühlampe und das Telefon auf den Markt brachte und er war der Gründer der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (A.E.G). Mathilde Rathenau stammte aus der alten jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie Nachman(n), die ihren Stammbaum bis zum Talmudgelehrten und Kabbalisten Mose Ben Nachman (1194–1270) zurückführen konnte.

Hermann Brinckmeyer – Die Rathenaus. Wieland Verlag. München, 1922.

Walther Rathenau studierte Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Strassburg und wurde 1889 in Physik promoviert. Darüber hinaus bildete er auch seine künstlerisches Talent aus und versuchte – wenn auch vergeblich – ein Drama zu inszenieren, das er noch während seines Studiums geschrieben hatte. Bei seinem Onkel, dem grossen Maler Max Liebermann, studierte er Malerei, von der einige Skizzenbücher erhalten geblieben sind. Er diente in der deutschen Armee, arbeitete in der Firma seines Vaters, verliess dann aber alles, um eine Karriere in der Politik zu machen. Er wurde der erste und einzige Jude, der den Titel des deutschen Aussenministers erlangte. Seine Beziehung zu seiner jüdischen Herkunft kannte viele Wendungen, und obwohl er sie nur als einen kleinen Teil seiner Identität betrachtete, hatte sie einen grossen Einfluss auf sein Leben und Denken.

„Von vorn herein will ich bekennen, dass ich Jude bin.“ Walther Rathenau „Höre Israel“ (1897).

Der obige Satz war der erste, den Walther Rathenau jemals in einem Buch veröffentlicht hat. Er wurde ursprünglich unter dem etwas Pseudo-Pseudonym „W. Hartenau“ gedruckt und umfasste sein ganzes, kurzes Leben. Denn dieser Satz, der sowohl apologetisch als auch trotzig ist, fängt Rathenaus Ambivalenz gegenüber seiner jüdischen Herkunft ein. Eine Herkunft, die er einerseits widerwillig hinnahm, auf die er aber andererseits stolz war. Eine Herkunft, die er nie als seine primäre Identität betrachtet hatte, die er aber dennoch nicht hinter sich lassen wollte oder konnte.

Walther Rathenau – Impressionen. Hirzel Verlag. Leipzig, 1902.

In dem Artikel „Höre Israel“, der zuerst 1897 in der Zeitschrift „Die Zukunft“ und fünf Jahre später unter seinem richtigen Namen in seiner ersten Publikation „Impressionen“ (1902) erschien, wollte Rathenau, sich an deutsche jüdische Mitmenschen zu wenden und versuchte sie zu ermutigen, sich stärker für ihre soziale Assimilation einzusetzen. Er war der Meinung, dass der Grund für die gescheiterte Assimilation und den zunehmenden Antisemitismus vor allem bei den Juden selbst lag, die sich immer noch an ihre Geschichte und Tradition klammerten und sich als schwach und feige darstellten: „Meint ihr, der alte Stammesgott werde seinen König Messias senden, um euch zu helfen? Ach, es ist euch nicht aufgefallen , dass er seit ein paar tausend Jahren sich mit euch nichts mehr zu schaffen gemacht hat! Der Herr des Zornes und des Sieges hatte an einem Volke von Kriegern gefallen; für ein Volk von Krämern und Maklern interessiert er sich nicht.“
Der Artikel kam bei den Juden der damaligen Zeit nicht gut an, da sie ihn als Opferbeschuldigung ansahen. Es wird erzählt, dass Rathenaus Vater besonders verärgert war und alle Kopien aufkaufte, die er finden konnte, damit der Artikel nicht noch mehr Menschen erreichte.

Walther Rathenau – Zur Kritik der Zeit. S. Fischer Verlag. Berlin, 1912

In seinen späteren Jahren distanzierte sich Rathenau von diesem frühen Artikel und entfernte ihn aus der Veröffentlichung seiner gesammelten Aufsätze. In einer Sache jedoch änderte er nie seine Meinung, und das war die Konversion. Rathenau hielt die Idee der Taufe von Anfang an für schlecht da sie zu mehr Antisemitismus führen würde. Er erkannte die Nachteile des Jüdischseins in Deutschland, hielt aber eine Konversion aus diesem Grund für völlig falsch. In seinem berühmten Artikel „Staat und Judentum“, der 1912 in dem Buch „Zur Kritik der Zeit“ erschienen ist, schreibt er: „Mit der Zugehörigkeit zum Judentum sind nur bürgerliche Nachteile, mit dem Übertritt zum Christentum erhebliche Vorteile verknüpft […] Die Forderung der Taufe nötigt schließlich den Juden, durch den Akt löblicher Unterwerfung sich einverstanden zu erklären mit der preußischen Judenpolitik, die nicht weniger bedeutet, als die schwerste Kränkung, die ein Staat einer Bevölkerungsgruppe zuzufügen vermag.“

Nicht nur Juden, sondern auch christliche Deutsche hielten die Idee der Konversion für eine gute Lösung. 1917 veröffentlichte der Schriftsteller Curt Trützschler von Falkenstein sein Buch „Die Lösung der Judenfrage im Deutschen Reiche“, in dem er erklärt, dass die einzige Möglichkeit für eine echte Assimilation der Juden in Deutschland ihre Konversion zum Christentum sei. Die einzige realistische Lösung sei die folgende: „Es wäre im inneren und äusseren Interesse der Juden gelegen, wenn sie sämtlich einsehen würden, dass die christliche Nächstenliebe der jüdische Morallehre gegenüber einen religiösen, kulturellen, geistigen Fortschritt bedeutet. Aus diesem Grund sollten die deutschen Juden den Entschluss fassen, jüdische Christen zu werden.“
Der Autor schickte ein Exemplar an Rathenau und fragte ihn nach seiner Meinung, was zu einem Buch führte, das noch im selben Jahr erschien, in dem Rathenau seine Antwort in Form eines offenen Briefes veröffentlichte.

Rathenau selbst betrachtete die „jüdische Frage“ nicht als eine religiöse Frage. Er stellte die christlichen Dogmen dem dogmenfreien Monotheismus des Judentums gegenüber und erkannte nicht nur dessen Existenzberechtigung an, sondern kommt auch zum Schluss, dass sich nur der jüdische Glaube mit der Religiosität des modernen Menschen vereinen lässt: „Im Gegensatz zum nachpaulinisichen Christentum bildet die mosaische Religion keine Kirche. Mögen ihre Bekenner durch Landesgesetzgebung zu Religionsgemeinschaften vereinigt sein: diese Bindung ist des Staates, nicht des Glaubens. Es gibt keinen Tempel: der eine, der auf Zion stand, zur Zeit als der Mosaismus noch die Form der Staatsreligion und der Kirche durchlief, ist zerstört; kein Gesetz fordert seinen Aufbau.“

Max Liebermann – Porträt Walther Rathenau (1912)

Aus diesem letzten Zitat kann man schon erahnen, welches Verhältnis Rathenau zum Zionismus hatte. Er lehnte ihn komplett ab, da er nur ein nationalistisches Gefühl kannte – das deutsche.
In unzähligen seiner Briefe findet man Aussagen wie: „Ich fühle deutsch und werde mich nie von meinem deutschen Volke trennen.“ Oder „Ich habe und kenne kein anderes Blut als deutsches“. Er würde immer wieder versuchen, einen Kompromiss zwischen den Deutschen und den Juden zu finden, denn Rathenaus Jüdischsein war für ihn eine Nuance seines Deutschseins: „Wir sind nichts anderes als Glieder einer Nation, wir sind Deutsche. Doch auf uns lasten zwei Jahrtausende des Schmerzes und wenige von uns können je von ganzem Herzen heiter sein. Willst Du damit die Sorge um mein deutsches Vaterland mildern, dass Du mir die Schmerzen meiner Väter vor Augen hältst?“

Rathenau war der jüdische Glaube jedoch nicht fremd. In einem Brief seiner Mutter an Ernst Jakob aus dem Jahr 1926 schrieb sie: „Mein Sohn hatte keinen jüdischen Religionsunterricht, wohl aber nahm er im Wilhelmsgymnasium an dem Unterricht im Hebräischen teil und sein Lehrer Weinbaum betrachtete ihn als seinen vorzüglichsten Schüler, auf den er sehr stolz war. Auch später beschäftigte er sich noch mit dem Studium des Hebräischen, besonders mit der Grammatik. Er hielt nichts von Dogmen und Vorschriften, um so mehr aber von dem Geist des Judentums und hatte nicht nur jüdischen Verstand, sondern ein wahres jüdisches Herz. Dies bewies er besonders, indem er unzähligen Menschen im Stillen half, sondern indem er auch sie aufsuchte und der Notzuvorkam. Er sorgte unentwegt für geistige und werktätige Arbeiter. Bibel, Talmud und andere jüdische Schriften kannte er wie ein Rabbiner und das Neue Testament wie ein Prediger.“

Obwohl Rathenaus Mutter übertrieben haben könnte, wissen wir mit Sicherheit, dass Walther Rathenau seine Hebräischstudien sehr ernst genommen hat. Man kann sogar hebräische Passagen in seinen Briefen finden. Wir wissen auch, dass er sehr stark von jüdischen Denkern beeinflusst wurde. Die beiden Denker, die ihn am meisten beeinflussten, waren Martin Buber und Baruch Spinoza. Buber, der Rathenau persönlich kannte, wusste zu berichten, wie seine chassidischen Schriften für Rathenau von grossem Einfluss und Bedeutung waren: „Ich war mit Rathenau gut bekannt […] Meinen beiden ersten chassidischen Büchern („Die Geschichten des Rabbi Nachmans“, 1906, und „Die Legende des Baalschem“, 1907) und den sechs ersten meiner „Reden über das Judentum“ war er ein aufmerksamer Leser, wie ich aus allerlei Bemerkungen und Hinweisen erkannt habe. […] Er hatte den Wunsch, in eigener Arbeit zu den Quellen vorzudringen, und hat eine Zeitlang […] eifrig Hebräisch gelernt: sein Lehrer von damals, den ich nach vielen Jahren in Palästina wiedergesehen habe, erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie ernst und gründlich Rathenau dieses Studium betrieben hat.“

Walther Rathenaus jiddischer Brief an seine Mutter, als er 7 Jahre alt war (17.3.1874)

Auch wenn sie es in ihrem Brief nicht erwähnt, war einer von Rathenaus ersten Briefen an seine Mutter, als er sieben Jahre alt war, in jiddischer Sprache. Seine Mutter kannte Jiddisch aus ihrem Elternhaus und es scheint, dass sie es mit ihrem Sohn sprach. Dies ist ein seltener Einblick in Walther Rathenaus Kindheit, der eine unbekannte Seite von ihm offenbart. Oben ist der Brief sowohl in deutscher als auch in jiddischer Schrift.

 Gedenkakt im Reichstag für Walther Rathenau.


Die Ermordung von Walther Rathenau im Juni 1922 hat Deutschland zutiefst erschüttert. Ein nationaler Gedenktag wurde ausgerufen, Strassen und Wege wurden nach dem beliebten Mann benannt, Denkmäler mit seiner Figur errichtet. Dies änderte sich jedoch alles sehr schnell. Die Stimmung in Deutschland veränderte sich im nächsten Jahrzehnt drastisch und zehn Jahre später war keine Spur mehr von seinem Andenken zu finden. Die verbleibenden Mörder und Verschwörer des Mordes wurden freigestellt und gefeiert. Für die Mörder, die gestorben waren, wurden nun Denkmäler errichtet.
Walther Rathenau wurde ermordet, weil er Jude war, aber mehr als das: er wurde ermordet, weil er ein deutscher Jude war, vielleicht der deutsche Jude. Der Mensch, der „deutscher als deutsch“ gewesen war, hatte sein ganzes Leben lang darum gekämpft, Jude zu bleiben.

Walther Rathenau auf seinem Sterbebett.
Oded Fluss. Zürich, 22.6.2022

Das Buch Ruth und Schawuot

Ludwig Schwerin – Das Buch Ruth (1934)
.כִּי אֶל-אֲשֶׁר תֵּלְכִי אֵלֵךְ, וּבַאֲשֶׁר תָּלִינִי אָלִין--עַמֵּךְ עַמִּי, וֵאלֹהַיִךְ אֱלֹהָי (רות א', טז)
"Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, wo du bleibst, bleibe auch ich, dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott" (Ruth 1, 16)

Chag Schawuot (das Wochenfest) ist ein Feiertag, der menschliche und natürliche Elemente mit universellen und moralischen Elementen verbindet. Der Empfang der zehn Gebote auf dem Berg Sinai ist das Ereignis, bei dem der singuläre Wille der Vielen zum universellen Gesetz wird und ein Volk zu einer Nation.  Die Tradition des Tikun Schawuot (Tikun ist aramäisch für Dekoration), bei der die ganze Nacht über die Tora studiert wird, um die Seele zu reparieren (Tikun ist hebräisch für Reparatur), ist mit dem Erwachen der Natur verbunden, die sich regeneriert und die Erde mit Farben schmückt und Düfte verbreitet. Die Ernte der Feldfrüchte, die während Schawuot anfällt, ist mit Dankbarkeit gegenüber Gott und Wohltätigkeit gegenüber Menschen in Not verbunden.

Das Buch Ruth in einer Miniaturbibel aus der Breslauer Sammlung

Es ist also kein Wunder, dass Megillat Ruth (das Buch Ruth), die all dies in einer einfachen kurzen Geschichte zusammenfasst, in die Schawuot-Tradition aufgenommen wurde. Diese Idylle, die in der Zeit der Ernte spielt, erzählt die Geschichte von Ruth, einer moabitischen Frau, die trotz grosser Not und nach dem Verlust ihres Mannes in einem Akt grossen Glaubens die jüdische Religion annimmt. Sie lehnt die Aufforderung ihrer jüdischen Schwiegermutter Noemi ab, zu ihrer Familie zurückzukehren, und lässt diese zusammen mit ihrem Land und ihrem Volk hinter sich, um Noemi in ihre Heimatstadt Bet Lechem zu begleiten. In Bet Lechem, umgeben von reifen Gerstenfeldern, trifft Rut auf ihren zukünftigen Ehemann Boas, der sie wegen ihrer tugendhaften Taten in sein Herz schliesst. Ruth wird für ihre Treue mit einem Sohn belohnt und wird schliesslich die Urgrossmutter von König David werden.

Das Buch Ruth im Machzor ke-Minhag Aschkenazim. Wilmersdorf 1750.

Die Geschichte enthält alle Merkmale des Feiertags Schawuot, eines Feiertags, der im Gegensatz zu anderen jüdischen Feiertagen kein herausragendes Symbol hat. In der Geschichte nimmt Ruth die jüdische Religion an und symbolisiert dadurch die Annahme der Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Die Idee der Almosen und des Mitleids, die sowohl Ruth gegenüber ihrer Schwiegermutter als auch Boas gegenüber Ruth zeigt, als er ihr erlaubt, in seinem Feld zu sammeln, sind mit der Idee von „Chesed“ und Altruismus verwoben, für die Schawuot bekannt ist. Die halachische Tradition, nach der König David an Schawuot geboren wurde und auch starb, kommt ebenfalls ins Spiel, denn das Buch schliesst mit der Erwähnung, dass David der Nachkomme von Ruth ist und als Belohnung für ihre Taten gesehen wird. Auch die Natur spielt in der Geschichte eine grosse Rolle, denn sie spielt sich hauptsächlich in der Zeit der Ernte und vor dem Hintergrund offener Felder ab.

Dieses kurze Buch (nur 24 Verse), das in vielen der Machzorim und Tikunim unserer Bibliothek vorkommt und in einigen unserer Machzorim nur eine Seite einnimmt, hat sowohl die jüdische, zionistische als auch die nichtjüdische Literatur und Kunst stark beeinflusst. Die einfache Struktur und Sprache des Buches, hinter der sich eine sehr tiefe Bedeutung und Moral verbirgt, ermöglichte es, von zahlreichen Autoren und Gelehrten interpretiert und angepasst zu werden. Aus den Kommentaren, die von Jahrhundert zu Jahrhundert zum Buch Ruth verfasst wurden, konnte man den Geist der jeweiligen Zeit, des Ortes oder der Kultur herauslesen und konstruieren.

Marc Chagall – Noemi und ihre Schwiegertöchter (1960)

In einem früheren Beitrag (Rabbiner Goethe: https://breslauersammlung.com/2022/03/21/rabbiner-goethe/) haben wir bereits über den grossen Einfluss gesprochen, den dieses Buch auf Goethes „Hermann und Dorothea“ hatte. Hier werden wir uns jedoch auf zwei seltene Bücher aus unserer Bibliothek konzentrieren, die sich auf interessante und ungewöhnliche Weise mit Buch Ruth beschäftigen.

Das erste Buch, das wir besprechen werden, befindet sich in unserer Breslauer Sammlung und wurde 1834 ebenfalls in Breslau gedruckt. Der Autor ist Isaac Jojade Cohn (1771-1841), ein Hebräischlehrer, der auch als Lehrer des berühmten niederländischen Malers Jozef Israels bekannt ist. Das Buch „Boas und Ruth“ wurde zweisprachig auf Hebräisch und Deutsch in Form eines Dramas veröffentlicht. Wie viele Theaterstücke der damaligen Zeit war es nicht für die Bühne gedacht, sondern sollte als Idylle gelesen werden.

Da Jojade Cohn das Buch Ruth als aktuell ansah, versuchte er, die biblische Geschichte für seine Zeit und seinen Glauben fruchtbar zu machen und anzupassen. Das Drama nimmt die bekannten Figuren aus dem Buch Ruth und nutzt sie, um die Ideen der Haskala (jüdische Aufklärung) wie Gleichheit zwischen den Geschlechtern, Pluralismus und Gleichheit zwischen Juden und Nichtjuden voranzutreiben. Jojade Cohn nutzt sowohl das Buch Ruth als auch die vielen Midraschim und Agadoth, insbesondere Midrasch Ruth Zuta, um seine Ideen zu vermitteln.

Jojade Cohn schrieb drei Einleitungen zu seinem Buch. Eine apologetische, in der er erklärt, dass er die biblische Quelle nicht genau verwendet, und die vielen Fragen und Zweifel erwähnt, die das Buch Ruth aufwirft. Die zweite heisst „Anrede dieses Werkes an den Leser“, in der er aus der Perspektive des Buches selbst schreibt, das zeitgemäss sei und nicht nur in den Bibliotheken verstauben soll. Die dritte Einleitung ist unapologetisch und Jojade erklärt darin, was ihn motiviert hat, das Buch zu schreiben, hauptsächlich die Ideen der Haskala, und warum er sein Buch für wichtig hält.

Aus „Die Welt“ 29.4.1904.

Ein zweites Buch, das sich eindeutig mit dem Buch Ruth beschäftigt, ist das 1903 erschienene „Ruth und andere Gedichte“ von Siegmund Werner (1867 – 1928). Werner war ein Mann mit vielen Eigenschaften, ein Zahnarzt, Schriftsteller und viele Jahre lang Redakteur der zionistischen Zeitung „Die Welt“. Er war auch ein sehr aktives Mitglied der zionistischen Bewegung sowie Sekretär und enger Freund von Theodor Herzl.

Mit dem Erwachen der zionistischen Bewegung, haben viele Juden ihr Interesse an der Bibel und ihrer Darstellung des Heiligen Landes geweckt. Das inspirierte viele Künstler und Autoren dazu, sich Palästina so vorzustellen, wie es in der Bibel vorkommt. Das Buch Ruth war in der zionistischen Bewegung schon immer sehr beliebt, denn es handelt von der Rückkehr in die Heimat, der Verbundenheit mit der Natur und der Feldarbeit. Werners Buch entsprach der Mode der Zeit, biblische Motive in romantischer Form darzustellen. Er nahm die grundlegende Geschichte und die Hauptfiguren des Buches und schrieb daraus moderne, zionistische Gedichte.

Unsere Bibliothek ist die einzige in Europa, die dieses sehr seltene Buch besitzt, das auch eine ausklappbare Notenseite zu einem von Werners Gedichten „Ich werde sein“ enthält, das von dem berühmten jüdischen Komponisten und engen Freund von Johannes Brahms, Ignaz Brüll (1846 – 1907) komponiert wurde:

Oded Fluss. Zürich, 2.6.2022

120 Jahre Altneuland

In diesem Monat jährt sich zum 120. Mal die Veröffentlichung von Herzls zionistischem Roman „Altneuland“, in dem er versuchte, den zionistischen Plan in seiner Entstehung zu beschreiben.  Nach dem Theaterstück „Das neue Ghetto“, das 1894 veröffentlicht wurde und vom Erwachen des zionistischen Gefühls handelt, und „Der Judenstaat“, der ein Jahr später erschien und einen abstrakten Plan für die Errichtung eines jüdischen Landes darstellte, war es der letzte Teil von Herzls „zionistischer Trilogie“. Er wurde zwar als Roman geschrieben , versuchte aber, seinen Plan angesichts der aktuellen Probleme und der aktuellen Situation in Palästina in konkrete Details zu fassen. 

Theodor Herzl – Altneuland. Hermann Seemann Nachvolger Verlag. Leipzig, 1902. (D 1404).

Das Buch war ein faszinierender Versuch, den Zeitgeist in Bezug auf den Zionismus zu bündeln, und obwohl es heute als „utopisch“ gilt, lässt es sowohl Hoffnung als auch Zweifel zu Wort kommen. Die Worte „Gott“, mit denen der Roman endet, und „Traum“, mit denen das Nachwort der Bücher schliesst, symbolisieren mehr als alles andere, dass man Herzls Roman als utopisch im ernsten Sinne betrachten sollte, als Beschreibung eines Ideals, das mehr als wahrscheinlich nicht zu verwirklichen ist. Das oft zitierte Motto auf der Titelseite des Buches „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“, ist leider das Einzige, was die meisten von uns heute von diesem Roman kennen. Vielleicht ist es auch gut, sich daran zu erinnern, dass auf der letzten Seite dieses Buches nach vier Punkten, die die Kontinuität von der ersten bis zur letzten Seite symbolisieren, einige Worte stehen, die das berühmte Zitat beenden: „….Wenn Ihr aber nicht wollt, so ist und bleibt es ein Märchen, was ich Euch erzählt habe.“

Zwei letzte Seiten des Romans

In unserer Bibliothek haben wir die seltene Erstausgabe ,die 1902 in Leipzig im Hermann Seemann Nachfolger Verlag erschienen ist. Am Zustand des Buches kann man erkennen, dass es viel gelesen wurde. Interessant ist auch, die Entwicklung dieses Buches zu verfolgen, das zwischen 1896 und 1902 geschrieben wurde. Herzl hat in seinen Tagebüchern viele interessante Hinweise auf den Schreibprozess hinterlassen. Er hatte aber auch einige öffentliche Hinweise auf dieses Buch gegeben und diese findet man in der zionistischen Zeitschrift „Die Welt“, deren Chefredakteur Herzl viele Jahre lang war.

Die Welt : Zentralorgan der Zionistischen Bewegung (Z 253).

Den ersten Hinweis auf dieses Buch finden wir in einem Vortrag, den Herzl in London am 26. Juni 1899 in der St. Martin’s Town Hall hielt und der kurz darauf in „Die Welt“ veröffentlicht wurde. Man kann bereits den Zweifel erkennen, den Herzl mit seinem Roman hatte:

Mit dem Ende des Zionistenkongresses in Basel schien sich die Idee, den Roman zu veröffentlichen, sowie die allgemeine Idee des Romans in Herzls Kopf zu verfestigen, wie wir in der kurzen Mitteilung in „Die Welt“ vom 1. September 1899 lesen können:

Eineinhalb Monate später finden wir zum ersten Mal auch den Namen des Romans, ebenfalls in einer sehr kurzen Ankündigung:

Die folgenden zwei Jahre waren für Herzl sehr schwierig, da er sowohl mit seinem Roman als auch mit der Umsetzung seiner Idee kämpfte. Das nächste Mal, dass wir öffentlich von dem Roman hören, ist am 2. Mai 1902, kurz vor seiner Veröffentlichung:

Der Roman wurde tatsächlich in mehrere Sprachen übersetzt, wobei die ersten beiden absichtlich Hebräisch und Jiddisch waren. Die jiddische Übersetzung, die bereits 1902 in Warschau im Tzfira Verlag veröffentlicht wurde, trägt den Namen des Übersetzers „Dr. Is. El“. Das sind die Initialen des berühmten Arztes, Autors und jiddischen Literaturkritikers Israel Isidor Eljaschoff (1873 – 1924), auch bekannt als Ba’al Makhshoves.

Theodor Herzl – Altnayland. ha-Tsfira Drukh. Warschau, 1902. (J 109).

Die hebräische Übersetzung, ebenfalls aus dem gleichen Jahr, Ort und Druckerei des Jiddischen, trägt den einzigartigen Namen „Tel Aviv“. („Tel“ ist das hebräische Wort für vielschichtiger Siedlungshügel und „Aviv“ für Frühling), der später den Namen der Stadt Tel Aviv inspirierte. Die wunderschöne Übersetzung, die bis heute als Klassiker gilt, stammt von dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Pionier des modernen hebräischen Journalismus und hebräischen Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Nachum Sokolow (1859 – 1939).

Theodor Herzl – Tel Aviv, Defus ha-Tsfira. Warschau, 1902.
Oded Fluss. Zürich 19.5.2022

Vom Leuchter zur Menorah. Stefan Zweig und die jiddische Sprache.

"Ich bitte Sie, es mir abzunehmen, dass ich ein Stück weit Beschämung empfinde, dass ich zwar Jiddisch verstehe, es aber nicht aktiv beherrsche." Aus Stefan Zweigs Begrüssungsworten an das Exekutivbüro des Yivo, (Das jiddische wissenschaftliche Institut) in Wilna, 1938.  
Stefan Zweig – Yermiyahu. Übersetzt von Ch. Brakarz. Turem Verlag, Warschau, 1929.
Porträt von Zweig von dem Pariser Maler Henri Le Fauconnier (1881 – 1946). Das Originalbild ist verschollen.

Lange bevor Stefan Zweig in der hebräischen Leserschaft bekannt wurde, war er bereits in der jiddischen Leserschaft etabliert. Zugegebenermassen hatte er die jiddische Sprache nie gelernt, aber die Literatur, das Theater und die Kunst waren ihm durch deutsche und englische Übersetzungen gut bekannt. Zweig hatte auch viele ostjüdische Freunde und Bekannte wie Efraim Lilian, Schalom Ash, Moshe Nadir, Melekh Ravitsch und vor allem den in Brody geborenen Joseph Roth, mit denen er, wie viele Briefe zeigen, über die jiddische Kultur diskutierte. In einem Gruss an das Yivo-Institut anlässlich seines 13. Geburtstages, der auf Jiddisch in der März-April-Ausgabe 1938 der Yivo Blätter in Wilna erschien, beschreibt er seine sich gewandelte Einstellung zur jiddischen Sprache: „Zu meinem Bedauern bin ich selbst nicht in der Lage, Jiddisch zu lernen. Ich will Ihnen aber offen bekennen, dass ich – wie die Mehrheit der deutschen Juden – der Existenz, Wirksamkeit und Verbreitung der jiddischen Sprache lange Zeit mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüberstanden bin. Erst in den letzten Jahren, auf meinen Überreisen nach Nord – und Südamerika, ist mir bewusst geworden, wie unermesslich gross die Beharrungskraft des Jiddischen ist, vielleicht sogar ebenso gross wie die Kraft der gemeinsamen Leiden, und es ist, meiner Meinung nach, ein schwerer Fehler, wenn Juden ihre gemeinsame Sprache nicht schätzen, ihr nicht aufhelfen und ihre spezifische Geistigkeit nicht fördern. […] ich bitte Sie, es mir abzunehmen, dass ich ein Stück weit Beschämung empfinde, dass ich zwar Jiddisch verstehe, es aber nicht aktiv beherrsche. Ich hoffe nur, dass in der kommenden Generationen die Erkenntnis Platz greifen wird, dass das Jiddische das beste Mittel ist, die in den unterschiedlichen Ländern zerstreuten Juden zusammenzuhalten.“

Jiwobleter – The Monthly of the Yiddish scientific Institute. Wilna, März-April 1938.

Die erste uns bekannte Übersetzung von Zweig ins Jiddische, erschien in der Zeitschrift „Forward“ am 14. Februar 1926 kurz nach seiner ersten deutschen Veröffentlichung. Es handelt sich um eine Übersetzung von Zweigs bekannter Kurzgeschichte „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ (erstmals auf Deutsch in der Neuen Freien Presse am 25.12.1925 veröffentlicht). Sie wurde vom Dramatiker und Übersetzer Chone Gottesfeld (1890 – 1964) übersetzt.

„fir aun tsvantsik shtunden fun dem lebn fun a froy“ Forward, New York, 14.2.1926.

Gottesfeld übersetzte nur 35 Jahre später ein weiteres Werk von Zweig, das erneut im „Forward“ erschien. Diesmal war es die Kurznovelle „Brief einer Unbekannten“, die auf Jiddisch unter dem Titel „dray nekht“ (drei Nächte) veröffentlicht wurde. Fast alle anderen Werke von Zweig (Zweigs Buch „Romain Roland“ wurde 1929 von Isaac Bashevis Singer übersetzt und erschien in Warschau im „Bikhr“-Verlag) wurden nun von Chaim Brakarz (1899 – ?) übersetzt, einer etwas verschollenen Figur der jiddischen Kultur, die jedoch eine wichtige Rolle dabei spielte, Zweig bei seinen jiddischen Lesern zu etablieren.

Chaim Brakarz חיים בראקאזש Erklärung zum Beitritt in den Jüdischen Professionellen Artistenverein in Polen. Warschau, 7.9.1922.

Über Brakarz ist nicht viel bekannt, nicht einmal sein Todesjahr. Was wir jedoch wissen ist, dass er der offizielle jiddische Übersetzer von Stefan Zweigs Hauptwerk war, denn auf den in den von ihm übersetzten Zweig-Büchern steht auf Jiddisch „Autorisierte Übersetzung von Ch. Brakarz“. Aus einem Dokument, das in den Yivo-Archiven gefunden wurde, wissen wir auch, dass er Mitglied der Wilnaer Truppe war: ein Ensemble jüdischer Schauspieler, die Theaterstücke auf Jiddisch aufführten. Dieses Dokument enthält auch ein Bild von Brakarz aus dem Jahr 1922.

Stefan Zweig – „Derwachung“. Autorisierte Übersetzung von Ch. Brakarz. Brzoza Verlag. Warschau, 1928.

Die erste Übersetzung von Chaim Brakarz trägt den Titel „Derwachung“ und wurde 1928 in Warschau gedruckt. Es ist eine Übersetzung von Zweigs frühem Kurzgeschichtenbuch „Erstes Erlebnis“, das 1911 veröffentlicht wurde. Zweig gab diesem Buch den Untertitel „vier geschichten aus Kinderland“, der von Brakarz mit „ben hashmashot geshikhte“ übersetzt wurde, wörtlich „zwischen den Sonnen“ (das ist die halachische Bezeichnung für die Zeit zwischen dem Ende des Tages und dem Beginn der Nacht).
„Erstes Erlebnis“ ist Zweigs erster Teil der „Drei-Ringe-Anthologie“, einer Anthologie von Kurzgeschichten und Novellen, die Zweig zwischen 1911 und 1927 veröffentlichte.
Brakarz hat alle drei übersetzt, die zweite war „Amok“ 1929 im Warschauer Verlag „Turem“ (Im selben Jahr hatte er auch Zweigs „Jeremias“ im Turem Verlag veröffentlicht) und die dritte „Der plonṭer fun gefiln“, eine Übersetzung von „Verwirrung der Gefühle“, die erst 1942 in Josef Girshfeld Verlag bereits im Exil in Buenos Aires veröffentlicht wurde.

Die vielleicht wichtigste Zweig-Übersetzung von Chaim Brakarz wurde 1942 ebenfalls im Josef Girshfeld Verlag in Buenos Aires veröffentlicht: das Buch „Di bagrobene Menoyre“, eine Übersetzung von Zweigs „jüdischster“ Novelle „Der begrabene Leuchter“. Wir wissen, dass Zweig selbst in Erwägung zog, seine Geschichte „Menorah“ zu nennen (ein passenderer Titel für eine solche jüdische Geschichte), da er ein kurzes Stück der Novelle mit diesem Name im Jüdischen Almanach 5697 (1936) veröffentlichte.

Jüdischer Almanach auf das Jahe 5697. „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt in Prag (1936-1937).

Die Bedeutung dieser Übersetzung liegt in der Zeit ihres Erscheinens und darin, dass sie zum ersten Mal eine Einleitung von Chaim Brakarz zu seiner Übersetzung enthält, in der er auf den tragischen Tod von Stefan Zweig eingeht. Diese Einleitung, die 30 tage nach dem Tod von Zweig geschrieben wurde, ist ein faszinierendes Dokument, das sowohl Zweigs Beziehung zu seinem jiddischen Übersetzer als auch sein Verhältnis zur jiddischen Sprache beschreibt. Es fängt auch den Geist der Zeit in einer der schwierigsten Perioden der jüdischen Geschichte ein. Wir haben es ins Deutsche übersetzt und stellen es hier in vollem Umfang vor:

„Di bagrobene Menoyre“ ist nach dem dramatischen Gedicht „Jeremiyau“ das zweite große Werk von Stefan Zweig, das auf jüdischem Stoff basiert. Und es ist vielleicht mehr Zufall, dass diese beiden Werke, in denen der große Meister seine Ideen durch Symbole und Anspielungen zum Ausdruck bringt, in einem jüdischen Kleid erscheinen: Symbole – Anspielungen und Gleichnisse sind dem jüdischen Geist zutiefst vertraut und der Dichter Stefan Zweig, der sich formal und inhaltlich auf demselben hohen Niveau befindet, konnte so mühelos menschliche Inhalte in die jüdische Form einbringen.
Dies zeigt weiter, dass Stefan Zweig, der große Europäer, der Weltbürger, durch Bildung und Umwelt des zeitgenössischen jüdischen Volkslebens beraubt, dennoch tief innerlich, mehr als man auf den ersten Blick vermuten könnte, mit dem jüdischen Geist in höherem Sinne verbunden war. Es ist undenkbar, dass so hochmenschliche und zutiefst jüdische Werke wie „Jeremiyahu“ und „Di bagroybene Menora“ auf andere Weise entstehen konnten.
Dies sollte besonders in einer Zeit betont werden, in der dieses noch junge Grab eines tragisch verstorbenen Dichters verschiedenen Parteien ermöglicht, ungerechtfertigte und unbegründete Behauptungen über seine jüdische Gesinnung aufzustellen.
*
Und vielleicht gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen „Jeremiyahu“ und „Die bagroybene Menora“: So wie „Jeremiyahu“ der Aufschrei und Protest des Dichters gegen den Weltunsinn von 1914 war, so ist vielleicht „Di bagroybene Menora“, die einige Jahre vor der neuen Weltkatastrophe geschrieben wurde, die tiefe Prophezeiung der unvermeidlich bevorstehenden Katastrophe: „Di Bagroybene Menora“ beginnt mit der emotionalen Beschreibung, wie die Vandalen, die Barbaren, plötzlich und unerwartet in das Zentrum einer antiken Stadt stürmen und sie bis auf den Grund ausplündern und ausrauben.
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Di bagroybene Menorah“ ist eine Symphonie aus Trauer, Zweifel, Verzweiflung und Hoffnung: Der schwierige Kampf des Göttlichen inmitten einer bösen, rauen Welt. Viele harte Wege und bittere Prüfungen müssen durch die Herrlichkeit der Menorah gehen und viele Inkarnationen müssen durch die Menorah selbst gehen, bis sie ihr Heiligtum erreicht. Nicht nur einmal wird sie brutal aus den Händen ihrer rechtmässigen Besitzer gerissen und ins Abseits geworfen; aber am Ende leuchtet sie nicht den starken Räubern, sondern den schwachen Beraubten; nicht in Rom und nicht in Byzanz, sondern in Jerusalem, von wo ihr Licht aufstieg.
Stefan Zweig hat diese menschliche Herrschaft in eine jüdische Form gegossen. Eine Form, die sich verwandelt und verselbständigt: das jüdische Schicksal, die ewige Not, das uralte Leiden in einer Welt der Bosheit und Ungerechtigkeit und die ewige Sehnsucht nach Licht und Gerechtigkeit – „Thora und Menora“ – dass dieses große Werk einen Ehrenplatz unter den Werken unserer großen Nationaldichter verdient.
*
Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Stefan Zweig dem jiddischen Übersetzer seiner Werke die Erlaubnis gab, seine Werke ins Jiddische zu übersetzen, und dies tat der weltberühmte Dichter mit wunderbarer Herzlichkeit und Freundlichkeit. Gelegentlich wies er den Übersetzer auch darauf hin, welche seiner Werke er als besonders geeignet für die Übersetzung ins Jiddische erachtete.
„Di bagroybene Menorah“ wurde 1936 von Stefan Zweig selbst in einem Manuskript an seinen jiddischen Übersetzer, den Autor dieser Zeilen, übergeben, mit dem Hinweis: „Das Buch dürfte die Juden interessieren.“ Leider war die Veröffentlichung der jiddischen Übersetzung von „Di bagroybene Menorah“ in Buchform aufgrund der Lage des jüdischen Verlagswesens erst sechs Jahre später möglich, und – ein trauriges Schicksal! Dreißig Tage nach dem tragischen Tod des Dichters.

Möge die Übersetzung von „Di Bagroybene Menorah“, die mit Treue und Liebe angefertigt wurde, ein bescheidener Rosenkranz auf dem frischen Grab des großen Meisters sein.
Buenos Aires, März 1942.
Der Übersetzer

Beinecke Rare Book and Manuscript Library.
Box 14 | Folder 176.

Obwohl wir keine Briefe von Zweig an Brakarz oder umgekehrt finden konnten, wissen wir, dass sie in Kontakt standen und dass Zweig sogar versuchte, Brakarz dabei zu helfen, einen Verlag für seine Übersetzungen zu finden. Dieser Brief von Zweig an den jiddischen Autor Shalom Ash zeigt Zweigs Bemühungen und seine Wertschätzung für Brakarz, den er als „einen der besten Übersetzer“ bezeichnete. Er zeigt auch, dass sich Brakarz bereits im September 1937 in Buenos Aires aufhielt und seine Adresse dort angab (Castelli, 383).

Stefan Zweig – Di Velt fun Nekhtn. Yidbukh Verlag. Buenos Aires, 1959.

Das letzte von Chaim Brakarz übersetzte Buch erschien 1959 in Buenos Aires im Yidbukh Verlag. Es ist die jiddische Übersetzung der berühmten Autobiografie von Stefan Zweig „Die Welt von Gestern“, hier unter dem Titel „Di Velt von Nekhten“. Wir wissen nicht, ob das Buch noch zu Lebzeiten des Übersetzers oder erst nach seinem Tod gedruckt wurde. In der Einleitung dieses Buches bittet der Verlag die Menschen um Hilfe und Unterstützung bei der Verbreitung und Förderung der jiddischen Literatur. Die jiddische Sprache war zu diesem Zeitpunkt auf dem absteigenden Ast und hatte viele Lesende an Englisch und Hebräisch verloren.

Stefan Zweig – Romain Roland. Übersetzt von Isaac Bashevis Singer. Bikhr Verlag, Warschau, 1929

Oded Fluss, Zürich 28.04.2022.

Von „Chad Gadja“ zu „Joggeli söll ga Birli schüttle“ – der Einfluss der Pessach-Haggada auf zwei Schweizer Kinderlieder

Als grösste jüdische Bibliothek der Schweiz liegt unser Hauptaugenmerk auf dem jüdischen Volk, der jüdischen Tradition und dem Judentum in der Schweiz. In diesem Sinne ist das Buch „Sammlung jüdischer Geschichten“ von Johann Casper Ulrich eines der wichtigsten Bücher in unserem Bestand. 

Johann Caspar Ulrich- Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727

Johann Caspar Ulrich ( 9. September 1705 in Steinegg, Thurgau; † 27. Februar 1768 in Zürich) ist vor allem als Pfarrer am Zürcher Fraumünster bekannt. Er studierte in Zürich und wurde im Alter von 22 Jahren zum Predigtamt zugelassen. Er schrieb seine Dissertation über „De 12 Fontibus et 70 Palmis ab Israëlitis in Elim repertis“ und setzte seine rabbinischen Studien bei jüdischen Gelehrten in Hamburg und Altona fort. 1730 erhielt Ulrich die Pfarrstelle von Uitikon, 1742 wurde er Diakon in der Heilig-Geist-Gemeinde in Zürich und 1745 Pfarrer am Fraumünster sowie Mitglied des Kirchen- und Schulrats. Hier kam er erstmals in Kontakt mit den Juden von Lengnau und Endingen im heutigen Kanton Aargau. Seine Faszination für die Juden und ihre Traditionen veranlasste ihn dazu, nach Dokumenten aus dem Mittelalter zu forschen, einer Zeit, die heute als die unbekannteste in der Geschichte des jüdischen Volkes gilt. Eifrig stellte er alle Informationen zusammen, die er finden konnte, und seine „Sammlung jüdischer Geschichten“, die 1768 in Basel gedruckt wurde, gilt als das erste Buch, das die Geschichte der Juden in der Schweiz erforscht.

Johann Casper Ulrich (1705 – 1768)


Sieht man von einigen unbedachten Sätzen ab, die eher dem Zeitgeist geschuldet sind, könnte man dieses Buch als Liebesbrief an die Juden der Schweiz lesen und als Versuch, die Bedeutung der jüdischen Tradition in der Schweiz und ihren Einfluss auf die Schweiz zu betonen.
In der Vorrede des Buches widmet er einen besonderen Teil seinen jüdischen Lesern, indem er sie als seine Brüder, die Söhne Israels, anspricht und sein Mitgefühl und Mitleid für ihre derzeitige Situation im Exil zum Ausdruck bringt. Dieser Teil zeigt seine gute Kenntnis der hebräischen und jüdischen Quellen (Ulrich war auch ein gelehrter Hebraist) und seine aufrichtige Liebe und Sympathie für seine jüdischen Freunde und Nachbaen.

Aus der Vorrede des Buches.


Es wäre müssig, alle Geschichten, Beispiele und Kuriositäten in diesem reichhaltigen Buch zu erwähnen, aber jetzt, da Pessach vor der Tür steht, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Teil zu lenken, in dem die Pessach-Haggada, genauer gesagt zwei sehr bekannte Lieder aus ihr, ins Spiel kommen und eine sehr interessante Verbindung zwischen einer alten jüdischen Tradition und zwei Schweizer Kinderliedern aufzeigen.
Im fünften Kapitel des Buches, das sich mit alten jüdischen Osterliedern befasst, versucht Ulrich zu zeigen, wie weit die Geschichte der Juden in der Schweiz zurückreicht und wie eng die Beziehung zwischen den jüdischen Kindern und den christlichen Kindern war: ”Wir haben noch bis auf den heutigen Tag in Zürich von den Juden, nebent denen bereits angeführten verschiedenen Denkmalen ihres ehmaligen Daseins noch andere eben nicht verachtens, würdige Documenta. Wir zehlen dahin verschiedene Lieder, Spiele, Redens, Arten, und Wörter die ganz jüdisch sind. Hier ist ein etwelcher Beweis welcher unsere Gedanken erklärt.”

Deutsche Übersetzung des חד גדיא Chad Gadia-Liedes.

Das erste Lied, das Ulrich zitiert, ist das bekannte Lied חד גדיא Chad Gadja (ein Zicklein, ein Zicklein) aus der Pessach-Haggada. Nachdem er die deutsche Übersetzung des Liedes gebracht hat, versucht Ulrich, die Wurzeln des Liedes mit Hilfe von Forschungsbüchern und der Korrespondenz mit seinen Freunden, von denen einige jüdischer Herkunft sind, zurückzuverfolgen. Zugegebenermassen erfolglos, geht er dann zu einer sehr interessanten Theorie über, die in diesem Buch zum ersten Mal vorgestellt wird und in der ein Vergleich zwischen dem bekannten „Zürcher“ Kinderlied „Joggeli söll ga Birli schüttle“ und dem Chad-Gadja-Lied gezogen wird. Laut Ulrich kann man den Ursprung des „Joggeli“ auf das Chad-Gadja-Lied zurückführen. Das, was heute jedes Schweizer Kind als „Jöggeli“-Lied kennt, wird im Allgemeinen Lisa Wegner (1858 – 1941) zugeschrieben, taucht aber bereits Anfang des 16. Jahrhunderts in der deutschen Literatur auf. Die hier von Ulrich vorgetragene Version ist kürzer und einfacher, als wir es gemeinhin kennen:

Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Liedern, insbesondere in der Struktur, sind kaum zu übersehen. Ulrich sieht darin einen Beweis für die frühe Begegnung zwischen Schweizer und jüdischen Kindern und die Interaktion zwischen den beiden, oder wie Ulrich es selbst ausdrückt: „[…] dieses Lied ehmalen unter unseren Burgers Kindern, die wie leicht zuerachten mit den Juden Kindern vielen Umgang gehabt, gar bekannt müsse gewesen sein […] So geht dieses Züricherische Kinder-Lied dem jüdischen Oster-Lied nach bis zum Ende, und beweiset so bis auf den heutigen Tag, dass die Juden hier in Zürich nicht nur gewohnt, sondern auch mit den Christlichen Burgeren gute Bekanntschaft müssen gemacht haben.“

deutsche Übersetzung des אחד מי יודע „Eins weiss ich“-Liedes

Ulrich hört hier nicht auf und bringt noch ein zweites Lied aus der Pessach-Haggada, von dem er behauptet, es sei die Quelle für ein weiteres Zürcher Kinderlied. Das besprochene Lied ist ein weiteres sehr bekanntes Pessach-Lied אחד מי יודע „Eins weiss ich“. Das Zürcher Kinderlied „Guter Gesell ich frage dich“, mit dem der Vergleich gemacht wird, ist heute offensichtlich weniger bekannt als das „Joggeli-Lied“, aber man kann davon ausgehen, dass es in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Ulrich sein Buch schrieb, ein bekanntes Kinderlied in Zürich war.

Es ist wieder leicht, die Ähnlichkeit zwischen den beiden Liedern in der Struktur zu erkennen und es wurde von Ulrich wieder als Beweis genommen, für eine Beziehung zwischen christlichen und jüdischen Kinder in Zürich. Diesmal sieht er es aber auch als Beweis für die lange Zeit, in der in Zürich Juden lebten, da dieses Lied seiner Meinung nach auf die Zeit vor der Reformation zurückgeht: „Ich sage wenn wir mit dem jüdischen Oster-Lied אחד מי יודע Eins das weiss ich, das so eben vorgetragene Züricherische Kinder-Lied vergleichen, so sehen wir ganz deutlich, dass es einer der ehrlichen alten zum Gebrauch der Christen-Kinder habe eingerichtet, es sei um die Juden damit zu vexiren, oder die Christen-Kinder, die dieses Lied zur Oster-Zeit gar östers von denen Juden-Kinderen, mit denen sie auf den Gassen herumgelaufen, und gute Bekanntschaft gemacht, gehört, denen es denn auch wol mag gefallen haben: (wie es denn auch für die Kinder, eben wie das Zicklein, eine artige Meloden hat) etwas bessers zu belehren. Sei denn aber wie ihm wolle, so ist einmahl dieses Kinder-Lied heimit ein Zeuge, dass ehedem Juden in Zürich gewesen, und zwarn der längstem, zumalen dieses Lied ganz gewiss vor der sel. Reformation aufgesezt worden, wie aus denen acht Stucken der Seligkeit, denen neun Chören der Engeln und denen eilf tausend Martyreren klar zu sehen.“

Der Abschluss der Vorrede des Buches mit christlichem und jüdischem Datum.

Diese Untersuchung von Ulrich und seine Schlussfolgerungen sollten natürlich mit Vorsicht genossen werden. Er gibt selbst zu, dass das, was er schreibt, auf unvollständigen Informationen und wenigen Dokumenten beruht. Dennoch ist es ein faszinierendes Dokument und an sich schon ein Beweis dafür, wie viel Interesse die Juden und ihre Traditionen in der Schweiz schon im 18. Jahrhundert erweckten sowie ein Versuch, sie der Schweizer Kultur näher zu bringen.

Abraham Cohn – Hebräischer Dichter und Büchersammler

Handschrift von Abraham Cohn in Hebräisch und Deutsch. In Hebräisch steht „Abraham lemikna“ aus dem Vers aus dem Buch Genesis.

In unserer Sammlung der Breslauer Bibliothek stossen wir immer wieder auf den Namen Abraham Cohn (Kohn) (27. April 1816 in Glogau – 4. Mai 1903 in Posen). Der Name erscheint auf einer Vielzahl von Büchern in der Sammlung, sei es auf Hebräisch sei es auf Deutsch, handschriftlich oder gestempelt, und auch in diesem einfachen uns vorliegenden Exlibris:

Eines der Bücher in der Sammlung trägt seinen Namen auch gedruckt, denn er ist der Autor des 1896 in Posen erschienenen Gedichtbandes “באר אברהם” „Beer Abraham“. Dieses Exemplar ist Abraham Cohns eigene Arbeitskopie mit vielen Korrekturen und Ergänzungen.

Sefer Beer Avraham – Sammlung hebräischer Dichtungen. Posen, 1896. BH 109

In den Jahresberichten des Breslauer Seminars von 1904 erfahren wir, dass Cohn seine gesamte Büchersammlung von 1500 Büchern der Bibliothek des Seminars vermacht hatte. Viele dieser Bücher sind in unserer Bibliothek angekommen.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung, 1904.

Die Bedeutung und Bekanntheit seiner Sammlung können wir aus der Zeitschrift „Hebräische Bibliographie“ aus dem Jahr 1858 erfahren:

Über Abraham Cohns Person und seine Bedeutung in seiner Gemeinde können wir in einem Nachruf im Israelit von 1903 lesen:

Der Israelit 22.6.1903