Die Reise eines geraubten Buches

Giovanni Schiaparelli – Die Astronomie im alten Testament. J. Ricker’sche Verlag. Giessen, 1904.

Wie in einem Reisepass verraten die Stempel in einem Buch die Reise, die es gemacht hat.
Das Buch, das vor uns liegt, wurde 1904 in Giezen (Giessen) veröffentlicht und ist die deutsche Übersetzung eines Buches über Astronomie im Alten Testament des berühmten Astronomen Giovanni Schiaparelli (1835-1910).
Lasst uns versuchen, seine Reise in unsere Bibliothek nachzuzeichnen:

Oben auf der Titelseite sehen wir einen einfachen, teilweise gelöschten Stempel mit der Aufschrift „EX LIBRIS des LESEVEREINS der RABBINEN“. Unten finden wir einen schönen Stempel vom Oberrat der Isr. Religionsgemeinschaft Württemberg. In der Mitte des Stempels steht wie in einer Torarolle die hebräische Inschrift „al ha-emet ve-al ha-din ve-al ha-schalom“ („über die Wahrheit und über die Gerechtigkeit und über den Frieden“), ein Zitat aus der Mischna von Rabban Simeon ben Gamaliel, in der er die drei Fundamente der Welt benennt.

Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg war eine politische Einrichtung, die 1832 als gemischte staatliche und religiöse Behörde gegründet wurde und hatte seinen Sitz in Stuttgart. Die jüdische Religion wurde damit staatlich anerkannt, zugleich aber der strengen Reglementierung unterworfen, die auch für die christlichen Konfessionen bestand. Der Oberrat war die oberste Kultusbehörde der israelitischen Religionsgemeinschaften Württembergs im Sinne der Landesgesetze. Er beaufsichtigte unter anderem auch den Religionsunterricht. Unter Vorsitz eines jüdischen Regierungskommissärs gehörten ihr ein Rabbiner – mit dem Titel Kirchenrat –, drei weltliche Oberkirchenvorsteher und ein Sekretär als juristisches Mitglied sowie – zeitweise – ein Kanzleibeamter an. Alle Mitglieder der Oberkirchenbehörde wurden von der Regierung ernannt.

Auf den Einband des Buches geklebt finden wir das „Ex Libris des Lesevereins der Rabbinen Württemberg“, das so wirkt, als ob es die beiden oben genannten Stempel zusammenbringt. Auch wenn nicht viel über diesen Leseverein bekannt ist und Informationen darüber spärlich sind, gibt es doch ein Buch, auf das man sich beziehen kann.

Das von Dr. Rabbiner Aaron Tänzer (1871 – 1937) verfasste und 1937 veröffentlichte Buch „Die Geschichte der Juden in Württemberg“ gilt immer noch als eine der besten Quellen zur jüdischen Geschichte in Württemberg. Der in Pressburg geborene Rabbiner Tänzer studierte Philosophie, Germanistik und semitische Philologie in Berlin, schrieb seine Dissertation in Bern und wurde 1896 Rabbiner in Hohenems. Von 1907 bis 1937 lebte Aaron Tänzer in Göppingen in Württemberg, wo er die Göppinger Stadtbibliothek gründete. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich zum Dienst als Feldrabbiner. Für diesen Dienst im Feld wurde er mit mehreren Orden ausgezeichnet.

Das Ex Libris von Aaron Tänzer, das derzeit in der Ausstellung „Jüdische Ex Libris in der Schweiz“ in unserer Bibliothek präsentiert wird.

In seinem Buch schreibt Rabbiner Tänzer über den Leseverein: „Dieser Verein [Verein württ. Rabbiner] ist aus dem auf Anregung des Freudentaler Rabbiners Dr. Moses Haas i. J. 1867 gegründeten ‚Leseverein württ. Rabbiner‘ hervorgegangen. Er hat seine wertvolle Büchersammlung i. J. 1930 der Bibliothek des Oberrates überlassen. Im Jahre 1894 hatte der Leseverein sich mit dem damals von Kirchenrat Dr. Kroner gegründeten ‚Verein württ. Rabbiner‘ zusammengeschlossen, dessen Aufgabe es war, ‚über religiöse Angelegenheiten, wissenschaftliche Fragen, über die Angelegenheiten des Rabbineramtes und die Interessen der Gemeinden, endlich auch über die Standinteressen‘ zu beraten und zu beschliessen.“
Daraus können wir schliessen, dass dieses Buch zunächst in den Händen des Württembergischen Rabbiner Lesevereins war und dann 1930 zusammen mit seiner gesamten Büchersammlung dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg geschenkt wurde.

Der Elefant im Raum ist jedoch dieser Stempel, den wir auf mehreren Seiten in unserem Buch finden, sowie eine weitere kleinere Version davon in der Mitte des Buches. Es ist der Stempel des berüchtigten Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, das 1935 von der NSDAP mit dem Ziel gegründet wurde, die „Judenfrage“ „wissenschaftlich“ zu erforschen und das eine von vielen Institutionen war, die von den Nazis zur Verbreitung ihrer rassistischen Propaganda genutzt wurden.

Abgesehen davon, dass sie systematisch versuchten, jeglichen „jüdischen Einfluss“ aus der deutschen Kultur zu tilgen, versuchten die Nazis, die Geschichte zu manipulieren, indem sie so genannte Forschungsinstitute gründeten und sich zum Ziel setzten  „die neuere deutsche Geschichte, vor allem im Zeitraum zwischen der Französischen Revolution und der nationalsozialistischen Revolution zu erforschen und darzustellen“. Institute wie das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands und das Institut zur Erforschung der Judenfrage erhielten bereits ab 1933, als Hitler an die Macht kam, Bücher aus geplünderten jüdischen Bibliotheken und Institutionen. Man kann davon ausgehen, dass unser Buch das gleiche Schicksal hatte, aus der Bibliothek des Württembergischen Oberrats geraubt wurde und in der Bibliothek des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands landete.

Nach dem Holocaust bemühten sich Organisationen wie תקומה לתרבות ישראל „Jewish Cultural Reconstruction“ („Jüdischer Kulturwiederaufbau“) darum, die geraubten Bücher und Materialien zu finden und sie in überlebenden jüdischen Einrichtungen zu sichern, um zu retten, was von den Kulturgütern der deutschen Juden noch übrig war. Zu diesen jüdischen Einrichtungen gehörte auch unsere Bibliothek, in die viele Bücher aus zerstörten jüdischen Bibliotheken und Instituten gelangt waren.

Stempel der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich

Oded Fluss. Zürich, 27.10.2022.

Ein auf den Kopf gestellter Hiob – Margarete Susman über Adalbert Stifters „Abdias“

Ein Vortrag in der ICZ-Bibliothek anlässlich des 150. Geburtstags von Margarete Susman.
In Zusammenarbeit mit OMANUT – Forum für jüdische Kunst und Kultur.

Margarete Susman (1872-1966)

Meine Damen und Herren. Es ist selten, dass ich zwei meiner grössten Leidenschaften miteinander verbinden kann: unsere Bibliothek und den OMANUT Verein, die ich persönlich für die beiden wichtigsten jüdischen Kultureinrichtungen in der Schweiz halte.
Heute vor 150 Jahren wurde Margarete Susman geboren. Wir sitzen hier in der Gemütlichkeit einer Bibliothek im Enge Quartier, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem Margarete Susman ihre Zeit als junges Mädchen verbracht hat. Es gibt einen alten Witz, den ich zum ersten Mal von dem Schriftsteller Charles Lewinsky gehört habe. Wenn man gefragt wird, warum so viele Juden im Enge Quartier leben, lautet die Antwort: „Weil schon in der Bibel steht: Und der Herr trieb sein Volk in die Enge“.

Margarete Susman – Ich habe viel Leben gelebt. Deutsche Verlag-Anstalts. Stuttgart, 1964.

Susmans Zeit und Erfahrungen hier, wie sie sie in ihrer 1964 erschienenen Autobiographie «Ich habe viele Leben gelebt» beschreibt, bilden einige ihrer frühesten Erinnerungen, die ihren Charakter zu der aussergewöhnlichen Person formen sollten, als die wir sie heute kennen:

«Wir wohnten in einem schönen kleinen Haus im Kreis „Enge”, das noch heute unverändert steht, nur daß der wilde Wein, der es umrankte, verschwunden ist und auch die Pracht des Rosen­gartens, in dem mein Vater die seltensten Sorten zog. Hinter dem Haus lag ein großer Park; vor dem vorne gelegenen Wohnzim­merfenster zog sich die sanft gebogene Straße hin, auf der meine Hoffnungen in die Welt flogen. Hier fuhren oft die mit schön­geschmückten Pferden bespannten Wagen der jungen Hochzeits­paare vorbei, und von jedem dieser Paare glaubte ich, daß es un­endlich glücklich sei.
Und wie schön war das ganze damalige Zürich, in dem man noch ohne Angst vor dem Autoverkehr über die Straßen, auch über die lindenduftende Bahnhofstraße gehen konnte; wie wunderbar der damals noch klare, glänzende See, von dem unser Haus nicht weit entfernt lag und in dem ich sehr bald leidenschaftlich zu schwimmen begann. Dieses Schwimmen im Zürichsee war eine der schönsten Erfahrungen meiner Jugend. Mit dem Schwimmen konnte man mich erziehen, denn ein Tag, an dem ich nicht draußen baden durfte, war damals für mich ein verlorener. Auch bin ich bald, und zwar ohne Begleitung, durch die ganze Breite des Sees geschwommen und kann das Glücksgefühl noch nacherleben, das ich damals empfand

Heute möchten wir uns jedoch auf eine andere Zeit in Susmans Leben konzentrieren. Wenn wir Susmans Biographie folgen, wäre es vielleicht richtiger zu sagen, wir werden uns auf ein anderes Leben von ihr konzentrieren. Es ist ein anderes Leben, in dem sie sich hier in Zürich wiederfindet, diesmal als 61-jährige Immigrantin (Interessanterweise nennt sie dieses Kapitel in ihrem Buch „Emigration in die Heimat„). Sie lebte in Frankfurt, als Hitler in Deutschland an die Macht kam, und beschloss sofort, ihr Heimatland zu verlassen. Sie war bereits als Dichterin und Denkerin bekannt. Hinter ihr lagen viele der Bücher, die wir hier vor uns auf dem Tisch haben, und viele davon werden noch erscheinen. An diesem Punkt scheint eine Frage, die sie ihr ganzes Leben lang beschäftigt hat, ihren Höhepunkt zu erreichen. Und wenn wir sagen, ihr ganzes Leben lang, dann meinen wir das nicht als Übertreibung, wie eine kleine Passage aus ihrer Biografie zeigt, in der sie ihre zweitfrüheste Erinnerung als kleines Kind beschreibt:

Eine zweite Erinnerung stammt aus einer um wenige Jahre späteren Zeit. Sie führt mich in ein anderes Zimmer, das mir auch nur durch die Stärke eines Erlebnisses im Gedächtnis geblieben ist. Es war dunkel um uns; nur die große hellgedeckte Platte des Tisches war durch die Lampe über ihr aus dem Dunkel herausge­schnitten. Wir hatten eben mit unseren Eltern, wie immer nach deutschem Brauch, Weihnachten gefeiert, und nun saßen wir vor dem Abendessen mit dem Kinderfräulein, an dessen große dunkle Augen ich mich heute noch erinnere – ich weiß auch noch, daß sie Amanda hieß –, an diesem Tisch, wo sie uns Geschichten erzählte. In meinem Herzen brannte noch der hohe Christbaum mit seinen vielen hellen Lichtern, die den großen Saal durchstrahlten. Was uns das Mädchen damals erzählte, weiß ich nicht mehr, es muß eine Geschichte von Juden und Christen gewesen sein. Und da mir das Wort Christ so viel schöner erschien als das Wort Jude und mit dem ganzen Glanz dieses Abends verwoben war, rief ich leidenschaftlich aus: „Ich will nicht ein Jude sein, ich will ein Christ sein.” Und niemals habe ich die Antwort vergessen, die mir das Mädchen entgegenwarf: „Das ist unmöglich. Wir sind Christen, ihr seid Juden.” Fest, wie gemeißelt, sind diese wenigen Worte in meiner Erinnerung stehen geblieben. Ich fühlte, wie an ihnen etwas in meinem Herzen zerbrach. Und ich glaube auch jetzt noch genau zu wissen, was mich in ihnen so furchtbar traf. Es war einmal das jähe Ausgestoßensein aus jener strahlenden Welt des Christbaums, die noch eben die meine gewesen war. Denn es hatte mir damals noch niemand den glänzenden Kern gezeigt, den die dunkle Schale des Wortes Jude birgt. Ich kannte es nur aus Kindergeschichten und vor allem aus dem Gedicht von Rückert „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt”, in dem der Jude als ein dunkler, häßlicher, böser Mann mit einem Sack auf dem krummen Rücken durch den Wald läuft und dem Bäum­lein die goldenen Blätter stiehlt. Und die ganze Schwere des unbegriffenen Wortes Jude fiel auf mein Kinderherz herab. Aber es war zugleich noch ein anderer Grund, der mich in den Worten des Mädchens verstörte, und vielleicht ist dieser der noch tiefere gewesen. Man hatte mich immer gelehrt, und ich hatte es vielleicht fast zu früh begriffen, daß jedes Verschulden Strafe for­dert, und ich hatte mich, wenn es auch nicht immer gelang, be­müht, ein gehorsames, braves Kind zu sein. Nun erfuhr ich plötz­lich die schwerste Strafe für eine Schuld, die ich nie begangen hatte. Mein Dasein, meine bescheidene Weltordnung selbst war mit diesem Geschehen auf den Kopf gestellt. Ich erfuhr plötzlich, daß unser Menschenleben von vornherein festgelegt ist und durch das reinste Wollen, das beste Tun nicht mehr verändert werden kann. Man kann sich die trostlose Einsamkeit kaum denken, die mit dieser Gewißheit in mich einzog, und ich konnte und wollte ja den Erwachsenen nicht sagen, daß sie mich eine falsche Ordnung gelehrt hatten.”

Etwa 50 Jahre später, kommt dieses frühe Verständnis eines kleinen Kindes auf die schrecklichste und gewalttätigste Weise zurück. Die Juden ihres Heimatlandes Deutschland, selbst die Assimilierten, die nichts mit ihrer Herkunft zu tun haben wollen, werden gejagt und bestraft, nur weil sie Juden sind. Es ist fast zu poetisch zu denken, dass diese frühe Erinnerung sich zu einer von Susmans entscheidenden Fragen entwickeln würde; die Frage nach dem Schicksal der Juden als Unschuldige-Schuldige, ihre Hiobsfrage.

Margarete Susman – „Stifters Abdias“. Der Morgen, 1934.

Und doch sind wir nicht hier, um Hiob zu diskutieren. Wir sind hier, um Licht auf eine eher obskure Figur zu werfen. Eine Figur, die Susman in den ersten Jahren nach ihrer Rückkehr in die Schweiz dennoch fasziniert hatte. Zwischen 1934 und 1935 schrieb sie zwei ähnliche, aber keineswegs identische Texte zu Adalbert Stifters Novelle „Abdias“. Den ersten in der jüdischen Monatsschrift „der Morgen“ und den zweiten als Nachwort für deren Neuveröffentlichung in der berühmten Schocken Bücherei.

Diese schöne, aber ziemlich seltsame Novelle, die erstmals 1842 erschien und die man als ‘hiobisch’ bezeichnen könnte, erzählt die tragische Geschichte eines Wüstenjuden, der in einer Zeit lebt, die das Ende des Mittelalters zu sein scheint. Die Geschichte ist in drei Kapitel unterteilt, die jeweils den Namen einer Frau aus dem Leben der Hauptfigur Abdias tragen. Das erste Kapitel „Esther“ erzählt die Geschichte von Abdias‘ Kindheit: Seine Eltern, Aharon und Esther, leben mitten in der Wüste in den Ruinen einer alten, «aus der Geschichte verlorenen Römerstadt». Sie leben in einer Umgebung, die für Aussenstehende wie grosse Armut aussieht. Der Zugang zu ihrem Haus führt durch Höhlen und Tunnel, die mit Lumpen und Gerümpel gefüllt sind, doch tief in diesen Höhlen sind ihre Schätze versteckt und sie geniessen ein recht komfortables Leben im Verborgenen, weit weg von den neidischen Blicken ihrer Nachbarn. An diesem Ort wird Abdias geboren. ein aussergewöhnlich schönes Kind, „das so schön wie einer jener himmlischen Boten gewesen ist, die einstens so oft in seinem Volk erschienen.“ Während seiner Kindheit wird er von seiner Mutter verwöhnt und sein Vater möchte ihm die Bräuche und die Weisheit seiner Vorfahren beibringen, aber es wird nichts daraus, „weil es in Vergessenheit geraten war.“

Adalbert Stifter – Abdias. Mit einem Nachwort von Margarete Susman. Schocken Verlag. Berlin, 1935.

Eines Tages beschliesst sein Vater, ihn allein in die Welt hinauszuschicken und befiehlt ihm, erst zurückzukommen, wenn es ihm gelingt, eine grosse Summe Geld zu erbeuten. Fünfzehn Jahre durchstreift Abdias die Welt, er kennt keine Sprache und lernt sie alle, schafft es, alle Hindernisse zu überwinden und gegen alle Widerstände erfolgreich zu sein. Er kehrt mit einer riesigen Summe Gold in sein Elternhaus zurück und besteht damit die Prüfung seines Vaters. Abdias holt die „schönäugige Deborah“ aus Balbek in sein Haus und heiratet sie, vermehrt seinen Reichtum auf seinen Reisen, sorgt für seine alten Eltern und beschenkt grosszügig seine Nachbarn.

Adalbert Stifter (1805-1868)

Das zweite Kapitel „Deborah“ spielt einige Jahre nach dem Tod seiner Eltern, als sich Abdias‘ Glück von ihm abwendet. Eine Pockenkrankheit entstellt sein Gesicht und seine Frau Deborah zieht sich angewidert von ihm zurück. Ungeachtet seiner Grosszügigkeit reagieren seine eifersüchtigen Nachbarn mit Schadenfreude. Abdias versucht, diesen Verlust durch noch grösseren Reichtum und Machtdemonstrationen auf seinen Reisen auszugleichen, indem er zum Beispiel einen arabischen Schuldner demütigt und seine Karawane tollkühn gegen einen Beduinenangriff verteidigt und sie dabei beschämt. Ein zweiter Schicksalsschlag trifft ihn, als er nach der Rückkehr von einer Reise sein Haus von der Bande des Beduinenführers, den er zuvor beleidigt hatte, ausgeraubt und verwüstet vorfindet. In den Ruinen findet er seine Frau Deborah, die er für unfruchtbar gehalten hatte, wie durch ein Wunder mit einem kleinen neugeborenen Mädchen im Arm. Zum ersten Mal seit langer Zeit zeigt sie ihm Zuneigung, aber die Geburt war zu schwierig und sie stirbt noch am selben Tag.

Adalbert Stifter – Ovadia. Mitzpe Verlag. Jerusalem, 1926.

Im dritten und letzten Kapitel „Ditha“ geht es um die Beziehung von Abdias zu seinem Kind. Das Mädchen, das nach Esthers Mutter Judith genannt wird, wird mit Ditha angesprochen und wird zum Mittelpunkt von Abdias‘ Leben. Sein ganzes Wesen verändert sich; er verzichtet auf die Verfolgung der Räuber und die Rache an seinen Feinden, gräbt seine versteckten Wertpapiere und Goldreserven aus und wandert nach Europa aus. Im Tal einer einsamen Bergregion kauft er ein Stück Land, baut darauf ein Haus und lebt dort zurückgezogen mit seiner Tochter. Der Vater merkt schnell, dass es ein Problem mit der Entwicklung seiner kleinen Tochter gibt und stellt nach einiger Zeit fest, dass sie blind ist. Nach vielen gescheiterten Versuchen, das Augenlicht seiner Tochter zu heilen, beschliesst er, sein Leben noch einmal zu ändern und zu seinen alten Händlergewohnheiten zurückzukehren, und möglichst viel Geld und Besitz zu erlangen, um seiner Tochter ein angenehmes Leben zu sichern. Erneut wird er zum Gegenstand des Neids und der Verachtung seiner Nachbarn, da er scheinbar mühelos Erfolg und Reichtum erlangt.

Und erneut ändert sich sein ganzes Leben, als durch einen übernatürlichen Schicksalsschlag ein Blitz in seine Tochter einschlägt und die Elfjährige plötzlich sehen kann. und so beginnt Abdias schönste Zeit des Lebens. Seine gute Laune kehrt zu ihm zurück und zusammen mit seiner Tochter entdeckt er die Schönheit der Welt und der Natur. Ditha wird, wie ihr Vater in seiner Kindheit, als aussergewöhnlich schön beschrieben. Auch scheint sie eine Art mystisches Geheimnis in sich zu tragen, das seinen Ursprung in ihren frühen Jahren als blindes Mädchen und ihrer Begegnung mit dem Blitz zu haben scheint. Sie ist fasziniert vom Licht, vom Blitz und vom Sturm; eine „Gewitterfreudigkeit“.  Ihre Beziehung zu ihrem Vater ist rein und Abdias erfährt zum ersten Mal wahre Liebe. Sogar die Nachbarn, die ihn nie mochten, beobachten ihn mit seiner Tochter und sehen ihn in einem anderen Licht. Und dann, fünf Jahre später, in einem weiteren absurden, ironischen Akt des Schicksals, verstecken sich Ditha und ihr Vater in einem Schuppen, als ein Sturm losbricht. Ein einzelner Blitz, der vom Himmel fällt, trifft Ditha erneut, dieses Mal tödlich. Zum Entsetzen seiner Nachbarn trägt Abdias seine tote Tochter zurück in sein Haus, wo er über 100 Jahre alt wird und in einem Zustand völligen Wahnsinns lebt.

 Richard Seewald – Abdias (1921)

Wir sitzen hier in der Gemütlichkeit einer Bibliothek, nicht nur einer Bibliothek, sondern einer jüdischen Bibliothek. Die einzige jüdische Bibliothek im deutschsprachigen Raum, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs geöffnet bleiben konnte. Ungefähr zu dieser Zeit sass Margarete Susman nicht weit von uns entfernt und wunderte sich über diese seltsame Geschichte des Juden Abdias. „Nicht zufällig ist es das Schicksal eines Juden“, würde sie in den beiden Texten schreiben, die dieser Novelle gewidmet sind. Aber wir müssen uns fragen, warum muss diese Geschichte die Geschichte eines Juden sein? Abgesehen von der Tatsache, dass der Autor, ein Nicht-Jude, beschlossen hat, dass seine Hauptfigur Jude ist, scheint nichts Jüdisches daran zu sein.
Dieses Buch, eine Anomalie in unserer Bibliothek, ist auch eine Anomalie in der Schocken Bücherei. Es wurde zu einer Zeit gedruckt, in der so genannte „arische“ Bücher nicht mehr in jüdischen Verlagen veröffentlicht werden durften.

In einer Broschüre, die der Schocken Bücherei beilag und ihren Zweck beschrieb, hiess es:

“Die Bücherei des Schocken Verlags will in allmählichem Aufbau aus dem fast unübersehbaren und häufig unzugänglichen jüdischen Schrifttum aller Länder und Zeiten in sorgfältiger Auswahl dasjenige darbieten, was den suchenden Leser unserer Tage unmittelbar anzusprechen vermag. Die alte hebräische Literatur, deren Lebendigkeit sich gerade in kritischen Zeiten bewährt, soll durch sinnvolle Auszüge und angemessene Übertragungen, sowie durch zweisprachige Ausgaben dem heutigen Leser erschlossen werden. Aus dem zeitgenössischen jüdischen Schrifttum werden dichterische und erörternde Arbeiten aufgenommen, die in gedrängter Form Gültiges mitzuteilen haben. Verschollene oder nicht gebührend bekannte Werke der jüngeren Vergangenheit werden in Neudrucken herausgegeben. Hinzu kommen in wachsendem Mass Bücher belehrenden Inhalts.”

Verfolgt dieses Buch einen dieser Zwecke?

Die Schocken Bücherei hatte noch eine andere, versteckte Absicht. In einer düsteren Zeit, in der die assimilierten Juden in Deutschland sahen, wie ihre ganze Welt zusammenbrach, wie ihre nichtjüdischen Mitbürger ihnen den Rücken kehrten und wie ihnen die deutsche Kultur, die die meisten von ihnen besser kannten als die jüdische, entrissen wurde, brauchten diese deutschen Juden etwas mehr als alles andere:

Dies sind die ersten Zeilen des ersten Buches, das in der Schocken Bücherei veröffentlicht wurde. Die Worte des Propheten ישעיהו Jesaja kommen hier nicht zufällig vor. Es sind Worte, die sich an die jüdischen Leserinnen und Leser in Deutschland richten und ihnen durch das Medium eines Buches etwas geben, was ihnen in dieser Zeit auf keine andere Weise gegeben werden kann: Trost.

Die Tröstung Israels. Mit der Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Bücherei des Schocken Verlags (1). Berlin, 1933.


An Heiligabend 1934, kurz nach der Veröffentlichung ihres ersten Abdias Textes und kurz vor der Veröffentlichung ihres zweiten Textes, schrieb Susman einen Brief aus ihrer Wohnung in der Krönleinstrasse 2 in Zürich an ihren lieben Freund Karl Wolfskehl, der sich zu dieser Zeit in Florenz aufhielt:

“Wenn Sie mich aber so dringlich nach dem fragen, »was mich nun bewegt«, so muß ich Ihnen die für Sie unfaßliche Antwort geben: immer noch dasselbe. Meine Hiobsfrage; denn die ist kein Bild, sondern eine immer gegenwärtige, all mein Sein und Denken durchdringende Wirklichkeit – und nun über mein ganzes Leben erstreckt: die Frage aus dem immer neuen grausamen und sinnlosen Geschlagensein meines zur blühendsten Freude, zur vollsten Leistung geschaffenen Lebens. Kann Gott sich selbst so widersprechen?

Ein paar Zeilen später fährt sie fort:

“Denn meine Lebensform: die jüdisch-christliche, ist sicher da, wo sie stark und tief ist, lebbar nur unter der vollen Strenge des Gesetzes oder unter der göttlichen Vertretung durch Christus. Ohne diese, in der heutigen Welt muß sie dämonisch werden, als Leid, als Liebe, als Güte selbst – nur daß sich diese Dämonie nicht wie die des schweifenden Menschen gegen den Anderen kehrt, sondern gegen das eigene Selbst. – So sehe ich es nun auch bei Abdias, in gewisser Weise auch bei Rahel. Der Christ, der unter sich die heidnische Welt hat, kann, auch wenn er nicht mehr das Kreuz über sich hat, dahin einen Ausweg finden; für den Juden gibt es nur das Gesetz oder Christus.”
Karl Wolfskehl (1869-1948)

Ähnlich wie ihr Lieblingsphilosoph Baruch Spinoza sieht Susman die Möglichkeit der Freiheit in der Notwendigkeit und dem Verständnis dafür. Durch Abdias würde Susman den Juden ihrer Zeit mehr als nur Trost, sondern auch Verständnis bieten. 

“Das Ende dieses Daseins im Wahnsinn”, schreibt sie über Abdias, “weist uns hin auf die Unlebbarkeit der jüdischen Lebensform überhaupt, wenn sie von Gott und von dem Gesetz Gottes gelöst ist […]Es ist dies unirdische Daseinsgesetz, das sich im Judentum an die Stelle aller anderen Gesetze setzt. Enthüllt es im Abdias seine Wahrheit an einem Einzelnen, an einer großen prophetischen Natur, so zeigt es sich nicht weniger klar am Schicksal des Volkes als Ganzem.”

Für Susman ist Abdias ein gescheiterter Prophet. Er wurde von Gott auserwählt, ein Stern leuchtete über ihm, aber er war sich dessen überhaupt nicht bewusst.
Dieser auf den Kopf gestellte Hiob, ein Hiob, der keine Freunde hat, die ihn trösten, keine Frau, die mit ihm leidet und vor allem keinen Gott, zu dem er klagen, aber auch glauben kann. Statt den anzubeten, der alles erschaffen hat, verehrt er seine Tochter, die er selbst erschaffen hat. Als sie ihm weggenommen wird, verfällt er dem Wahnsinn. Für Susman ist er die perfekte Verkörperung des deutschen Judentums ihrer Zeit. Ein auserwähltes Volk, das sich nicht bewusst ist, dass es so ist. Ein Volk, das seinen Ursprung vergass und so wurde sein Schicksal zum Gericht.

“Auch unser Schicksal ist unlebbar geworden. Das Antlitz unseres Volkes ist entstellt; die Liebe hat sich von ihm abgewendet. Mit der ganzen europäischen Menschheit hingerissen in ein Leben, in dem Liebe, Leid und Schuld blind und gesetzlos schweifen, haben wir unseres göttlichen, botenumstrahlten Ursprungs vergessen. Darum ist das Schicksal, in dem wir heute stehen, nicht bloßes Schicksal; es ist Gericht. Aber mit eben diesem Gericht fühlen wir in diesem Augenblick plötzlich unser verworrenes Leben sichtbar von Gesetz und Ordnung wieder aufgenommen. Der Strom des Heils beginnt neu das vertrocknete Flußbett unseres Daseins zu durchströmen. Und so fällt wirklich in diesem düstersten Augenblick der Schimmer eines Blattes aus jener heiteren Blumenkette über das schmerzhafte Mysterium von Schuld und Schicksal, Auserwählung und Verwerfung, das das unseres Volkes ist. In dem Wissen des Dichters, daß das düstere Gericht Gottes in all seiner Erbarmungslosigkeit als unergründlich heitere Blumenkette durch die Welt hängt, lebt etwas von der überschwenglichen Wahrheit des achtundneunzigsten Psalms, in dem die Seele ihrem eigenen Gericht als dem gerechten Gericht Gottes entgegenjauchzt. Es lebt darin das Wissen um das heiligste und stillste Mysterium der jüdischen Verheißung: daß die Gerechtigkeit Gottes, indem sie sich vollzieht, aufblüht zur heiteren, allversöhnenden Liebe.”

Hiob ist im Vergleich zu Abdias ein Ideal, etwas, das man anstreben sollte. In Hiob gibt es zumindest einen Dialog, einen Hader es gibt Trost, es gibt die Idee, alles zurückzugewinnen, was verloren wurde. Es gibt das Gottesgericht, an dem sich die Seele erfreuen kann, während sie in der sinnlosesten Zeit nach einem Sinn sucht.

תהילים צ“ח

זַמְּר֣וּ לַיהוָ֣ה בְּכִנּ֑וֹר בְּ֝כִנּ֗וֹר וְק֣וֹל זִמְרָֽה: ו בַּ֭חֲצֹ֣צְרוֹת וְק֣וֹל שׁוֹפָ֑ר הָ֝רִ֗יעוּ לִפְנֵ֤י | הַמֶּ֬לֶךְ יְהוָֽה: ז יִרְעַ֣ם הַ֭יָּם וּמְלֹא֑וֹ תֵּ֝בֵ֗ל וְיֹ֣שְׁבֵי בָֽהּ: ח נְהָר֥וֹת יִמְחֲאוּ-כָ֑ף יַ֝֗חַד הָרִ֥ים יְרַנֵּֽנוּ: ט לִֽפְֽנֵי-יְהוָ֗ה כִּ֥י בָא֮ לִשְׁפֹּ֪ט הָ֫אָ֥רֶץ יִשְׁפֹּֽט-תֵּבֵ֥ל בְּצֶ֑דֶק וְ֝עַמִּ֗ים בְּמֵישָׁרִֽים:
Eine kleine Ausstellung von Margarete Susmans Büchern, die für die Veranstaltung in der ICZ-Bibliothek eingerichtet wurde.

Oded Fluss. Zürich, 14.10.2022

Jom Kippur durch die Augen der Assimilierten.

Jom Kippur hat als bedeutender religiöser Tag schon immer eine starke Wirkung auf religiöse und praktizierende Juden gehabt. Auch säkulare Juden wurden immer wieder von diesem Feiertag beeinflusst und er war ein wiederkehrendes Thema in der Literatur vieler assimilierter Juden in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ob es ihre Kindheitserinnerungen an diesen Tag waren, als sie noch in religiösen Häusern lebten, ihre Reisen, die sie in den Osten unternahmen, wo die ‚Ostjuden‘ noch das Bild der alten Tradition trugen, oder ihre persönlichen Erfahrungen und Gefühle als säkulare Juden angesichts dieses heiligen Tages: Ihre Schriften über Jom Kippur sind ein faszinierendes Dokument aus einer Zeit, in der Juden – auch wenn sie sich selbst nicht als solche sahen – mit ihrer Herkunft konfrontiert wurden. Einige dieser Schriften, die wir in unserer Bibliothek aufbewahren, werden hier vorgestellt, um die komplexe Beziehung, die assimilierte Juden zu ihrer Identität hatten sowie die historischen Zeugnisse einer vergessenen Zeit zu beleuchten.

Pauline Wengeroff – Memorien einer Grossmutter. M. Poppelauer Verlag. Berlin, 1913.

Pauline Wengeroff (1833-1916) war eine jüdisch-russische Schriftstellerin und Philanthropin. Geboren in Babrujsk im Russischen Reich als Pessele Epstein war sie die Autorin der ersten modernen Memoiren einer jüdischen Frau. Darin reflektierte sie über die Entstehung und Entfaltung der jüdischen Moderne im Russisch-Polen des neunzehnten Jahrhunderts. Ihr zu Unrecht vergessenes Buch „Erinnerungen einer Großmutter“ ist die einzige Autobiografie, die von einer Frau in der Zeit der Haskalah (jüdische Aufklärung) geschrieben wurde, und ihre Erinnerungen an Jom Kippur im ihrem Elternhaus sind ein einzigartiges Zeugnis und historisches Dokument:

Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur (des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlichen Hause, da unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich, um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine Henne, man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel wird geschlachtet und gegessen.
Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht. Schon ganz früh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete nannte man alte Frauen, deren selbst gestellte Lebensaufgabe es ist, fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit einem ganzen Packet Tchines — kleine Gebetbücher nur für Frauen in jüdisch -deutsch geschrieben — und einem ungeheuer großen Knäuel Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. . Meine Mutter pflegte vorher nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemüt ist weicher. Meine Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schürze, stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit
weinender Stimme an, die Namen aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom Döchtfadenknäuel weiter gezogen, bis alle erwähnt waren und ein gehörig dickerDocht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr gefährlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht für Wachskerzen zum Jom-Kippur zu gebrauchen.
Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher Stimmung; man ass nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches (Segenssprüche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich in weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Richter zu treten. Beim Vorabendgebet (Minche) muß man sich schon 35mal an die Brust schlagen, wobei die-Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sich noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücken schlagen. Ich erinnere mich, daß sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas Unsagbarem und Schwerem.
Joseph Roth – Juden auf Wanderschaft. Die Schmiede Verlag. Berlin, 1927.

Eine sehr beliebte Buchgattung im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Reisebücher. Diese Bücher, die ursprünglich dazu gedacht waren, dem Leser die Welt zu zeigen und zu entdecken, waren im Fall der assimilierten Juden auch ein Mittel der ‚Heimkehr‘ oder einer inneren Reise der Selbstentdeckung wie im berühmten Fall von Joseph Roths „Juden auf Wanderschaft“. Roth, der 1894 in Brody im Habsburger Reich geboren wurde, hatte immer eine starke Bindung an seine ostjüdischen Wurzeln. In seinem Vorwort antwortet er auf die Frage, für wen sein Buch bestimmt sei folgendermassen: „Der Verfasser hegt die törichte Hoffnung, daß es noch Leser gibt, vor denen man die Ostjuden nicht zu verteidigen braucht; Leser, die Achtung haben vor Schmerz, menschlicher Größe und vor dem Schmutz, der überall das Leid begleitet; Westeuropäer, die auf ihre sauberen Matrazen nicht stolz sind; die fühlen, daß sie vom Osten viel zu empfangen hätten und die vielleicht wissen, daß aus Galizien, Rußland, Litauen, Rumänien große Menschen und große Ideen kommen…“ Seine Beschreibung des Jom-Kippur-Abends ist die des spirituellen Sieges über das Irdische, voller lebhafter Bilder, Sehnsucht nach seinem Geburtsort sowie Mitgefühl:

Er beginnt am Vorabend, um vier Uhr nachmittag. In einer Stadt, deren Einwohner in der überwiegenden Mehrzahl Juden sind, fühlt man das größte aller jüdischen Feste wie ein schweres Gewitter in der Luft , wenn man sich auf hoher See auf einem schwachen Schiff befindet. Die Gassen sind plötzlich dunkel, weil aus allen Fenstern der Kerzenglanz bricht, die Läden eilig und in furchtsamer Hast geschlossen werden — und gleich so unbeschreiblich dicht, daß man glaubt, sie würden erst am jüngsten Tag wieder geöffnet. Es ist ein allgemeiner Abschied von allem Weltlichen: vom Geschäft, von der Freude, von der Natur und vom Essen, von der Straße und von der Familie, von den Freunden, von den Bekannten. Menschen, die vor zwei Stunden noch im alltäglichen Gewand, mit gewöhnlichen Gesichtern herumgingen, eilen
verwandelt durch die Gassen, dem Bethaus entgegen, in schwerer schwarzer Seide und im furchtbaren Weiß ihrer Sterbekleider, in weißen Socken und lockeren Pantoffeln, die Köpfe gesenkt, den Gebetmantel unter dem Arm und die große Stille, die in einer sonst fast orientalisch lauten Stadt hundertfach stark wird, lastet selbst auf den lebhaften Kindern, deren Geschrei in der Musik des Alltagslebens der stärkste Akzent ist. Alle Väter segnen jetzt ihre Kinder. Alle Frauen weinen jetzt vor den silbernen Leuchtern. Alle Freunde umarmen einander. Alle Feinde bitten einander um Vergebung. Der Chor der Engel bläst zum Gerichtstag. Bald schlägt Jehovah das große Buch auf, in dem Sünden, Strafen und Schicksale dieses Jahres verzeichnet sind. Für alle Toten brennen jetzt Lichter. Für alle Lebenden brennen andere. Die Toten sind von dieser Welt, die Lebenden vom Jenseits nur je einen Schritt entfernt. Das große Beten beginnt. Das große Fasten hat schon vor einer Stunde begonnen. Hunderte, tausende, zehntausende Kerzen brennen neben- und hintereinander, beugen sich zueinander, verschmelzen zu großen Flammen. Aus tausend Fenstern bricht das schreiende Gebet, unterbrochen von stillen, weichen, jenseitigen Melodien, dem Gesang der Himmel abgelauscht. Kopf an Kopf stehen in allen Bethäusern die Menschen. Manche werfen sich zu Boden, bleiben lange unten, erheben sich, setzen sich auf Steinfließen und Fußschemel, hocken und springen plötzlich auf, wackeln mit den Oberkörpern, rennen auf kleinem Raum unaufhörlich hin und zurück, wie ekstatische Wachtposten des Gebets, ganze Häuser sind erfüllt von weißen Sterbehemden, von Lebenden, die nicht hier sind, von Toten, die lebendig werden, kein Tropfen netzt die trockenen Lippen und erfrischt die Kehlen, die so viel des Jammers hinausschreien — — nicht in die Welt, in die Überwelt. Sie werden heute nicht essen und morgen auch nicht. Es ist furchtbar, zu wissen, daß in dieser Stadt heute und morgen niemand essen und trinken wird. Alle sind plötzlich Geister geworden, mit den Eigenschaften von Geistern. Jeder kleine Krämer ist ein Übermensch, denn heute will er Gott erreichen. Alle strecken die Hände aus, um Ihn am Zipfel seiner Gewänder zu erfassen. Alle, ohne Unterschied: die Reichen sind so arm, wie die Armen, denn Keiner hat etwas zu essen. Alle sind sündig und alle beten. Es kommt ein Taumel über sie, sie schwanken, sie rasen, sie flüstern, sie tun sich weh, sie singen, rufen, weinen, schwere Tränen rinnen über die alten Bärte und der Hunger ist verschwunden vor dem Schmerz der Seele und der Ewigkeit der Melodien, die das entrückte Ohr vernimmt.
Alfred Döblin – Reise in Polen. S. Fischer Verlag. Berlin, 1926.

Obwohl er es in seinem Buch nicht erwähnt, war Roths Buch auch eine Erwiderung auf ein anderes Reisebuch, das ein Jahr zuvor von einem anderen berühmten assimilierten Juden, Alfred Döblin, veröffentlicht worden war. Im Gegensatz zu Roth nahm Döblin eine distanziertere Haltung gegenüber den Ostjuden ein, die er beobachtete und dann 1926 in seinem Buch „Reise in Polen“ beschrieb (Roths zuvor zitiertes Vorwort scheint an Döblin gerichtet zu sein, und er schrieb sogar eine Rezension zu Döblins Buch in der Frankfurter Zeitung, da er es zu steril fand.) Wie im nächsten Absatz aus Döblins Buch zu sehen ist, ist seine Sicht auf Jom Kippur ganz anders als die von Roth. Die Szene, die sich in Warschau abspielte, beschreibt er fast klaustrophobisch als einen Tumult aus unzähligen Menschen und Lärm:

Rüsttag des jüdischen Versöhnungsfestes. Ich wandere durch die lange Gesiastraße am Vormittag. Noch sind einige Geschäfte offen, die Mehrzahl schließt schon. Es ist ein ungeheures Menschenwogen in der Straße, die Elektrischen überfüllt.[…] Ein Menschenstrom wallt nach der Okopawastraße. Da ist der große Friedhof; eine niedrige rote Mauer umzieht ihn; das Eisentor ist geöffnet. Drin ein Vorplatz mit Bänken, besetzt von Männern, meist mit Kaftan und Käppchen oder Schirmmütze; einzelne rauchen Zigaretten. An der Mauer, an den Stämmen, zwischen den Bäumen stehen Männer, für sich und gruppenweise, halten ein Buch in der Hand, murmeln, summen, schaukeln sich, treten von einem Fuß auf den andern. Schon hier fällt mir das murrende Geräusch auf, das von rechts her, vom Friedhof herüber dringt, vereinzeltes Rufen, sehr lautes, abgerissenes Sprechen, auch Singtöne. Es muß eine große Volksmenge, eine sehr große Menge hier sein; ich sehe sie noch nicht. Es ist wie in der Nähe einer großen Versammlung. Manchmal ist das Singen, Rufen, das allgemeine verworrene Geräusch so stark, daß es wie von einem Jahrmarkt klingt. Der Menschenstrom biegt rechts die Mauer entlang. Da führt der Hauptzug zwischen die Gräber, breit, ein Ehrenweg. Reiche Denkmäler, Marmortafeln, schwarz und weiß, erheben sich hier […]
Da werde ich durch heftiges hohes Frauenschreien erschreckt. Es beginnt und endet, oft sich erneuernd, mit einem langen schmerzlichen Sington. Niemand beachtet es. […] an der Erde liegt ein elegant gekleidetes Fräulein neben einer älteren Frau. Die Frau, ganz geschmiegt, geklammert an den Grabstein unten – ich sehe ihr Gesicht nicht, sie hat ein großes schwarzes Tuch über Kopf und Schulter-, sie schreit, ruft, ruft, stöhnt. Sie ruft, jiddisch: «Vater, unser lieber Vater, du warst so gut, du hast in der Stube bei mir gesessen, die ganzen Jahre, im Laden. Ich bin hier geblieben. Ich bin hier. Hilf mir, daß die Kinder lernen, daß es ihnen gut geht. Das Leben ist schwer. Das Leben ist so schwer, Sara ist hier. Es geht uns nicht gut. Was bist du gestorben, für uns. Ich habe dir nichts Schlechtes getan.» Das Fräulein richtet sich manchmal hoch, schneuzt sich, wischt sich die Augen, legt sich wieder. […] Männer mit Gebetbüchern stehen da und da, hinter den Grabsteinen. Und aus der ganzen Wiese, auch da, wo ich keine Menschen sehe, kommt Singen, Schreien, Ächzen, Stöhnen. Wie einzeln aufsteigende Rauchfäden, die eine dichte Wolke werden. Ab und zu hebt sich aus dem Grün etwas, ein Rücken, Kopf, Gesicht. Immer Frauen, Mädchen, in Tüchern, Federhüten, unter den alten beblümten Perücken. Sie liegen auf den Gräbern, weinen, schreien, klagen sich an, beklagen sich, rufen, besänftigen die Toten. In einem einfachen Schmerzens- und Klageton rufen viele. […]
Von einer Stelle kommt eine Frauenstimme wie scheltend in Absätzen. Eine alte runzlige Frau kniet und liegt da ; sie schreit laut, bellend, immer mit kurzen Pausen. Sie hält den Grabstein mit beiden Armen umfaßt. Eine Gruppe Männer im Kreis an einem Grab; sie schaukeln sich mit ihren Büchern; einer liest lautschallend vor. […]
Wie ich aus dem Meer des Murrens, Klagens, des Frauengeschreies mich ziehe und zum Ausgang dränge – es ist gegen elf Uhr vormittags -, hat sich in der Hauptallee die ganze Bettlerschaft der Stadt versammelt, dazu die jugendlichen Vertreter der jüdischen Hilfsorganisationen. Heute gibt man, als wenn man sich loskaufen wollte von Strafen für das Böse, das man einmal den Toten getan hat, und für alle Sünden des verflossenen Jahres. Der Tag der Toten und der Armen. Bettler, Blinde und Taube liegen nun in Scharen vor den Gräberreihen. Stehen in der Mitte der Alleen, zerteilen den Menschenstrom. Schieben sich zwischen die Menschen. Rufen, klagen, fassen an, halten die Vorübergehenden bei der Hand, sind unerbittlich – wie die Selbstvorwürfe dieser Menschen. Da sind Stumme, die lallen und die Hände ausstrecken. Da schnattert einer eine mächtige Litanei. Überall ruft es: «Jüdische Leute, Rachmones!» – «Jüdische Kinder, gebt’s.» Gräßlich, gräßlich zerlumpte Frauen tragen Kinder in Umschlagtüchern; gelbe alte Jüdinnen stehen in ihren harten Perücken. Ein großer Menschenkreis hat sich um ein Marmorgrab gebildet: ein junger Mann liegt davor, bläst Schaum. Seine Arme und Beine zucken rhythmisch, die Hände folgen schlaff. Neben sich hat er seine Mütze liegen. Auf dem Hinweg habe ich schon einen Blick auf ihn geworfen; jetzt liegt er noch da. Seine Mütze ist gefüllt mit Scheinen; immer fliegt unter Mitleidsworten Geld zu ihm herunter. Der dicke Schaum bewegt sich mit der Atmung: es ist Seifenschaum, der Mann ist ein Professioneller, ein Schwindler.
Mascha Kaléko – Verse für Zeitgenossen. Schoenhof Verlag. Cambridge, 1945.

Wir enden mit einem kleinen, (un)bekannten Gedicht von Mascha Kaléko. Bekannt, weil es in ihrem geliebten Gedichtband „Verse für Zeitgenossen“ unter dem Titel „Gebet“ veröffentlicht worden war. Unbekannt, weil eine andere unbekannte Version davon bereits sechs Jahre zuvor in der Exilzeitschrift Aufbau unter dem Titel „Jom Kippur“ veröffentlicht wurde.


Mascha Kaléko (gebürtig Golda Malka Aufen), geboren am 7. Juni 1907 in Chrzanów, Galizien, Österreich-Ungarn, ist eine der bekanntesten und beliebtesten jüdischen Dichterinnen deutscher Sprache. Als assimilierte Jüdin und wie Joseph Roth und Alfred Döblin zum Exil gezwungen, hat ihre jüdische Herkunft eine grosse Rolle in ihrer Dichtung gespielt.


Das Gedicht „Jom Kippur“, das am 15. September 1939 auf der Titelseite von Aufbau veröffentlicht wurde, ist fast identisch mit dem 1945 veröffentlichten Gedicht „Gebet“. Abgesehen vom anderen Titel ist jedoch die zweite Strophe des Originalgedichts die Schlussstrophe des späteren Gedichts. Die Schlussstrophe des Originalgedichts wurde entfernt und eine neue Strophe als zweite Strophe des neuen Gedichts hinzugefügt.
Über den Grund der Änderungen in Namen und Inhalt des Gedichts können sich die Lesenden ihre eigenen Gedanken machen.

Oded Fluss. Zürich, 29.9.2022

Ein unbekanntes Kindermärchen für Rosch Haschana und Jom Kippur.

Siegfried Abeles – Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt. Jakob B. Brandeis Verlag. Breslau, 1922.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine Blütezeit der deutsch-jüdischen Kinderbücher und Zeitschriften. Ausgestattet mit wunderbaren Zeichnungen versuchten diese Bücher, dem jüdischen Kind Geschichten zu vermitteln, die es nachvollziehen kann. So wurden zum Beispiel in vielen Büchern alte jüdische Legenden und Geschichten aus der Bibel, dem Talmud und anderen jüdischen Quellen in eine besser lesbare, moderne Form gebracht. Viele versuchten, jüdische Kostüme und Feiertage in ein neues Licht zu rücken. Einige versuchten, die Schwierigkeiten, Herausforderungen, aber auch Freuden, mit denen ein jüdisches Kind konfrontiert war, zu thematisieren. Der Zionismus war natürlich auch ein sehr beliebtes Thema.

Siegfried Abeles – Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt. Gans Verlag. Berlin, 2022

Die Tatsache, dass Kinderbücher im Allgemeinen nicht gut aufbewahrt werden, sowie die systematische Vernichtung jüdischer Bücher während des Naziregimes haben dazu geführt, dass viele dieser Bücher in Vergessenheit geraten sind. Ein Nachdruck eines vergriffenen Buches ist also immer ein Grund zum Feiern, vor allem, wenn es sich um ein jüdisches Kinderbuch handelt.

Siegfried Abeles (1884 – 1937)

Über den Kinderbuchautor Siegfried Abeles (1884 – 1937) ist nicht viel bekannt. Er war Pädagoge, Primaschullehrer, arbeitete während des Ersten Weltkriegs für die jüdische Kriegsblindenfürsorge und beschäftigte sich mit der Blindenschrift für die jiddische und hebräische Sprache. In der österreichischen Republik war er pädagogisch tätig als Inspektor von Kindergärten und Heimen des Vereins der jüdischen Kinderfreunde. Seine Leidenschaft galt der Arbeit mit den Kindern der jüdischen Gemeinde Wiens, die er beim Lernen unterstützte und mit ihren jüdischen Wurzeln verband.

Menorah, Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Wien. Heft 6. 1923.

Diese Kinder erreichte er unter anderem durch Geschichten, die er in verschiedenen jüdischen Zeitschriften veröffentlichte, insbesondere in „Menorah, Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur“, manchmal unter seinem richtigen Namen und manchmal unter dem Pseudonym „Onkel Ben Nahthan“. Aus diesen Kurzgeschichten entstanden drei wunderbare jüdische Kinderbücher, von denen das erste „Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt“ in diesem Jahr eine wohlverdiente Neuauflage im Gans Verlag in Berlin erfuhr.
Diese enthält nicht nur alle Geschichten aus dem Originalbuch, sondern auch eine digitale Restaurierung der Originalzeichnungen von F. V. Kosak (1887 – 1968) und ein erhellendes Nachwort mit vielen nützlichen Informationen über den Autor und das Buch.

Der Maler Viktor Kosak (1887 – 1968)

Das Schicksal von Siegfried Abeles war – wie das vieler Juden dieser Zeit – tragisch. Sein Sohn Norbert, der den Einmarsch der Nazis in Wien durch einen Kindertransport nach England überlebte, erzählte viele Jahre später von seiner Vermutung, dass sein Vater sich 1937 durch einen Sprung in den Donaukanal das Leben genommen hatte; eine Vermutung, die wir durch einen kleinen Ausschnitt in unserem Zeitungsarchiv aus der „Israelit“ vom 1. Juli 1937 bestätigen können.

Der Israelit. Frankfurt a. M, 1.7.1937


„Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt“ erzählt die Geschichte von Tam, einem von vier Brüdern (die alle die Namen der vier Söhne aus der Pessach-Haggada tragen), der während des Sederabends auf den Gedanken kommt: „Wie schön muss es im Lande unserer Väter sein, morgen will ich nach Palästina gehen.“ Und so macht sich Tam denn auf den Weg und gelangt nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten in das Haus des palästinensischen Bauern Jehuda. Jehuda erzählt nun dem kleinen Tam Märchen, jüdische Märchen. Er erzählt ihm Märchen, die er „beim Lesen der Bibel“, Märchen, die er „im alltäglichen Leben“, und solche, die er „an Festtagen gesehen hat“ . Tam wird so durch die gesamte jüdische Tradition geführt, bis er es bejaht und nach Hause in die Galuth (Diaspora) zurückkehrt, um Eltern und Geschwister mit nach Palästina zu nehmen. Bis auf den einen Bruder, der bezeichnenderweise den Namen Rascha (d. i. Bösewicht ) trägt , willigt die ganze Familie begeistert in den Vorschlag Tams ein.

Unsere Bibliothek besitzt die erste seltene Erstausgabe des Buches, die nicht ausleihbar ist. Auf der ersten Seite finden wir einen kleinen Hinweis auf den:die Vorbesitzer:in (leider ohne Namen), der auf Hebräisch geschrieben hat „von Vater zu meinem 7. Geburtstag“.

Viktor Kosak – Der Schofarmacher

Daraus bringen wir Ihnen einen Scan der Kurzgeschichte „Der Schofarmacher – Ein Rosch-haschana und Jom-Kipurmärchen“ Eine schöne Erzählung für Jung und Alt, die sehr gut zu dieser Jahreszeit passt. Die Neuausgabe können Sie gerne in unserer Bibliothek ausleihen.

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

Der Mann, der die Vernichtung seiner Gemeinde dokumentiert hat.

Uriel Birnbaum – Ex-Libris Abraham Toncman.

Vor achtzig Jahren, am 31. Dezember 1942, schrieb Abraham Toncman, ein Religionslehrer, Chazan und Sekretär der kleinen jüdischen Gemeinde in Pekela in den Niederlanden, den letzten Eintrag in das Protokollbuch seiner Gemeinde. Einen Monat zuvor waren fast alle 125 Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde in die Vernichtungslager von Auschwitz und Sobibor deportiert worden. Toncman und seine Familie gehörten zu den letzten 14 Mitgliedern der Gemeinde Oude-Pekela, die bis zur endgültigen Deportation am 9. Februar 1943 blieben.

Abraham Toncman (1904 – 1943)


Das Protokollbuch wurde in den Ruinen der Synagoge der Gemeinde gefunden. Toncman fuhr fort, darin zu schreiben und Aufzeichnungen zu machen, selbst als klar war, dass es keine Hoffnung mehr gab. Neben technischen Notizen über den Gemeindehaushalt und die immer geringer werdende Zahl der Gemeindemitglieder klagte er: „Wie lange wird diese Handvoll in Frieden gelassen werden?“

Letzte Notiz des Protokollbuchs der jüdischen Gemeinde Oude-Pekela. 31.12.1942.


In seinem letzten Eintrag, der eines der wichtigsten historischen Dokumente über den Holocaust und die Vernichtung der Juden in Holland darstellt, schrieb er sowohl auf Niederländisch als auch auf Hebräisch: „und jetzt sind wir nur noch wenige von vielen: wir werden wie Schafe zur Schlachtbank geführt; um getötet zu werden und in Elend und Schande zu verenden. möge den Juden Erleuchtung und Befreiung widerfahren! Schnell in unseren Tagen, Amen!
Toncman starb am 30. April 1943 im Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Seine Frau Esther, seine Schwägerin Branca und seine Kinder waren bereits am 12. Februar desselben Jahres, unmittelbar nach ihrer Ankunft, ermordet worden.

Abraham Horodisch – Die Exlibris des Uriel Birnbaum. Der Safaho-Stiftung Verlag. Zürich, 1957.


Das Ex-Libris von Toncman, das Sie in unserer aktuellen Bibliotheksausstellung finden, wurde von dem renommierten Künstler Uriel Birnbaum (1894 – 1956) geschaffen. Es zeigt die Verwendung des Namens Abraham im biblischen Sinne sowie eine Darstellung von Toncman als Religionslehrer. Dem Bibliophilen Abraham Horodisch gelang es, Birnbaums eigene Erklärungen zu seiner Ex-Libris-Arbeit in einem Buch festzuhalten, das kurz nach Birnbaums Tod veröffentlicht wurde. Über das Toncman Ex-Libris, das er auf den November 1934 datiert, sagte er:

Weitere Informationen über unsere Ausstellung jüdischer Ex-Libris in der Schweiz finden Sie hier: https://breslauersammlung.com/exlibris/

Oded Fluss. Zürich, 15.9.2022.

Schofar blasen, um den Teufel zu verwirren

Josef Budko – Schofar

Glied für Glied haben sich in der Kette der jüdischen Generationen viele Rituale und Bräuche, Überzeugungen und Meinungen zu dem zusammengefügt, was wir heute über die Tage Rosch Haschana und Jom Kippur, die Tage dazwischen und die Tage davor wissen. Eines der wichtigsten und bekanntesten Rituale ist das Schofarblasen.
Der Schofar ist ein Blasinstrument, das in der Regel aus dem Horn eines Widders hergestellt wird. Das Verbot, ein Kuhhorn als Schofar zu verwenden, besteht nach der talmudischen Literatur darin, dass sich ein Ankläger (קטגור) nicht in einen Fürsprecher (סניגור) verwandeln darf; dies ist ein Verweis auf die Sünde des Goldenen Kalb.
Das jüdische Gesetz schreibt vor, dass der Schofar an beiden Tagen von Rosch Haschana 30 Mal geblasen werden muss, aber nach einem Brauch wird es an jedem Tag 100 oder 101 Mal geblasen. Manche schreiben dieses Ritual nur den Tagen von Rosch Haschana zu, während nach anderen Traditionen das Schofarblasen vom Beginn des Monats Elul bis zum Ende des Jamin Noraim stattfinden sollte.


Die Gründe für das Blasen des Schofars an diesen Tagen sind vielfältig. Rosch Haschana ist auch unter dem Namen Jom Teruah (Tag des Blasens) bekannt, weil im Buch Bamidbar erwähnt wird: „Am ersten Tag des siebten Monats sollt ihr eine heilige Versammlung abhalten; an diesem Tag dürft ihr keine schwere Arbeit verrichten. Es soll für euch ein Tag des Lärmblasens sein.“ Manche sehen darin eine Erinnerung an die Bindung Isaaks (Akedat Yitzhak), denn der Schofar erinnert an die geplante Opferung Isaaks durch Abraham für Gott. An Isaaks Stelle wurde dann aber ein Widder geopfert, dessen Hörner Gott an das stellvertretende Sühneopfer Israels erinnern sollten.

Marc Chagall – Schofar

Wir wollen uns hier auf eine andere Begründung konzentrieren, die in der jüdischen Tradition immer wieder erwähnt wird und auch in Agnons Jamim Noraim-Buch (Siehe auch unseren früheren Beitrag über Agnons Buch hier: https://breslauersammlung.com/2022/08/29/jamim-noraim/) viele Beispiele findet, nämlich das Blasen des Schofars, um den Teufel (Satan) zu verwirren oder wörtlich: durcheinander zu bringen (לערבב את השטן).

Uriel Birnbaum – Jom Kippur

Nach einigen jüdischen Überlieferungen wird die Zeit vor und während Rosch Haschana vom Teufel genutzt, um das Volk Israel anzuprangern und gegen es auszusagen. Der Schofar wird hier als Mittel der Sabotage gegen den Teufel eingesetzt, um ihn daran zu hindern, sich einzumischen. Agnon bringt uns ein paar Quellen zu diesem Brauch, von denen viele in unserer Breslauer Sammlung zu finden sind.
Beginnen wir mit demjenigen, der lernen will, wie man das Horn bläst. Bereits in dieser Phase erwähnt Agnon eine Regel von Rabbi Elijah Spira (1660 – 1712) in seinem Buch אליה רבה Elijah Raba:

Elijahu ben Benjamin Wolf – Sefer Elijah Raba. Sulzbach, 1757. BH 1068.

Wer blasen will, um zu lernen, wie man bläst, tut dies in einer Mikwe oder einem geschlossenen Raum, um Satan nicht daran zu gewöhnen.

Was genau damit gemeint ist, dass der Teufel sich daran gewöhnt, werden wir besser verstehen, wenn wir zwei andere Quellen heranziehen, die Agnon zusammenführt, eine aus dem Sefer לבוש Lewusch von Rabbi Mordechai Jaffe (1530 – 1612) und die andere aus dem Sefer מטה משה Mate Moshe von Rabbi Moshe ben Avraham von Przemyśl (Mat) (1550 – ca. 1606):

Moshe Mat – Sefer Mate Moshe. Frankfurt, 1719. H 7110.

Nachdem man mit den Selichot fertig ist und man Schacharit betet, soll kein Horn geblasen werden wie an den anderen Tagen des Elul, dies, um eine Pause zwischen dem Brauchblasen und dem Pflichtblasen zu machen, also dem Blasen des Monats Elul, das ein Brauch ist, und dem Blasen von Rosch Haschana, das die Tora anordnet (Sefer Levusch) Und um den Satan zu verwirren, damit er nicht weiß, wann Rosch Haschana ist und uns nicht anprangert, weil er denkt, dass der Tag des Gerichts schon vorbei ist.(Mate Mosche)
Sefer Chemdat Jamim. Venedig, 1763. BH 1157.

Eine weitere Quelle, die Agnon anführt, ist das Buch חמדת ימים „Chemdat Jamim“, ein kabbalistisches Buch, dessen Autor bis heute unbekannt ist (manche schreiben es Natan ha-azati zu). Agnon liefert hier eine weitere Erklärung dafür, wie der Schofar den Teufel verwirren kann:

unsere Vorväter hatten gesagt, dass der Sinn des Schofars darin besteht, den Satan zu verwirren, der denken würde, dass der Messias gekommen ist, denn der Satan ist so unwissend, dass er dieses Schofar mit dem Schofar der Tage des Messias verwechseln würde [… ] beim ersten Blasen würde er sich nicht so sehr fürchten, denn er ist bereits daran gewöhnt, dass bei diesem Volk ein erstes Zeichen nie in Betracht gezogen wird, weil ihr Ohr verstopt ist, aber wenn er das Schofar ein zweites Mal hört, würde er sich fürchten und denken, dass der Messias sicherlich gekommen ist, denn er weiss, dass ein zweites Zeichen von uns allen gehört wurde und wir alle Teschuwa gemacht haben und der Messias gekommen und der Tod beseitigt worden ist […]

Agnon bringt eine weitere Erklärung aus dem Sefer Orchot Chaim, in der Satan nur ein Allegorie für den „Yetzer hara“ ist, also für den bösen Trieb des Menschen:

Und es gibt diejenigen, die interpretieren „Satan zu verwirren“, als das Besiegen des bösen Triebs, wie es geschrieben steht (Amos, 3): „Bläst in der Stadt jemand ins Horn, / ohne dass das Volk erschrickt“. und Satan ist der böse Trieb, er ist der Todesangel.
Arno Nadel – Un’sane Tokef

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

Aus Knechtschaft zur Freiheit: Exlibris von David Frankfurter und Emil Ludwig

»Durchs Radio die Nachricht gehört, dass der nationalsozialistische Gauleiter, Agent und Spion in Davos von einem jugoslavischen Agenten erschossen worden. Warum hat man ihn so lange geduldet?«
Thomas Manns Tagebuch. Davos. 4. Februar, 1936.

Eines der Hauptexponate in unserer Ausstellung über jüdische Exlibris in der Schweiz ist das Exlibris von David Frankfurter (1909 – 1982). Es wurde uns grosszügigerweise von Moshe Frankfurter, dem Sohn von David Frankfurter, der in Jerusalem lebt, zur Verfügung gestellt.

In einer der umstrittensten Taten der Schweizer Geschichte war Frankfurter 1936 für das Attentat auf Wilhelm Gustloff, ein deutscher Nazi, notorischer Antisemit und Landesgruppenleiter der Auslandorganisation (AO) der NSDAP in der Schweiz, in Davos verantwortlich.
Frankfurter, der sich nach der Tat der Polizei stellte, erklärte seine Aktion sowohl als Racheakt für das jüdische Volk, das unter der mörderischen Hand des Dritten Reiches gelitten hatte, als auch als Präventivmassnahme, um die Ausbreitung der Nazi-Ideologie in der Schweiz zu verhindern:

»Ich habe die Schweiz sehr liebgewonnen. Sie war mir zu schade, daß solche Hunde das Gute hier verderben!«.

Die öffentliche Meinung in der Schweiz war während des Prozesses sehr gespalten. Es gab viele, die Verständnis für seine Tat zeigten, und viele, die sich darüber empörten. Der Prozess, der auch sehr politisch war, wurde vom deutschen Regime stark beeinflusst, welches Frankfurters Tat für seine Propaganda nutzte.

Das Exlibris wurde von einem Zellengenossen für ihn angefertigt während der Zeit, die er nach dem Attentat im Gefängnis in Chur verbrachte. Es ist ein Holzschnitt und besteht aus drei Hauptmotiven: eine Sonne, ein Davidstern und eine Kette. Die Sonne scheint stark auf den Davidstern unter ihr und zersprengt die Kette, die den Davidstern gefangen hielt. Dies soll die Situation von David Frankfurter darstellen, der für seine Tat zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Das Ex-Libris enthält auch die hebräische Schrift: „מעבדות לחרות“ „me-Avduth le-Cherut“, was „Aus der Knechtschaft zur Freiheit“ bedeutet und den Wunsch des jüdischen Volkes symbolisiert. Ironischerweise wurde der Künstler und Zellengenosse Walter Hausmann später ein Nazi (manche sagen, er wurde dazu gezwungen) und produzierte auch Arbeiten für die Nazi-Propaganda.

Das Ex-Libris von Emil Ludwig und eine Widmung des Autors Julius Bab an ihn.

Neben dem Exlibris von Frankfurter liegt in unserer Vitrine ein seltsames Exlibris, das den Namen Ludwig trägt. Es zeigt eine Nachbildung einer von Rembrandts berühmtesten Darstellungen seines Sohnes Titus, der ein Buch liest. Dank der Widmung neben dem Bild wissen wir, dass es sich um das Exlibris des berühmten Autors und Biografen Emil Ludwig (1881-1948) handelt. Ludwig, der ein grosser Bewunderer von Rembrandt war und auch zwei Bücher über ihn geschrieben hat, war David Frankfurters grösster Verteidiger während seines Prozesses. Noch im Jahr der Ermordung nahm Ludwig es auf sich, den Fall Frankfurter zu untersuchen. Er sammelte alle Informationen, die er bekommen konnte, befragte Frankfurters Familie und Bekannte und veröffentlichte sein berühmtes Buch „Der Mord in Davos“.

Emil Ludwig – Der Mord in Davos. Querido Verlag, Amsterdam, 1936.

„»Wie konnten Sie das tun! Sie haben ja so gute Augen!« David aber sah ihr ins Gesicht und erwiderte: »Ich bin ein Jude, Das sollte genügen«.“

Das Buch ist ein Plädoyer für Frankfurter, indem es sowohl seine Lebensgeschichte als Rabbinersohn verfolgt als auch den Prozess der Nazifizierung Europas detailliert beschreibt. Es vergleicht das Attentat mit anderen politischen Morden, die aus einem Gefühl von Gerechtigkeit und Ehre heraus begangen wurden, und kritisiert die Schweizer Justiz, die von der Angst vor dem deutschen Regime beeinflusst wurde.

Wolfgang Diewerge – „Der Fall Gustloff“ (1936) und „Ein Jude hat geschossen“ (1937) Franz Eher Nachf. Verlag, München.

Das Buch wurde 1936 vom berühmten Exilverlag Querido in Amsterdam veröffentlicht und in der Schweiz als Greuelpropaganda verboten, während zwei andere Bücher des Antisemiten, Nationalisten und Propagandisten Wolfgang Diewerge, die offen gegen Frankfurter hetzten und seine Auslieferung an Deutschland forderten, in der Schweiz zugelassen wurden.

David Frankfurter und Emil Ludwig, 1945.
Bild im Besitz von Moshe Frankfurter

„Ein gesunder junger Mann, nicht gross, gedrungen, mit ebenmässigen, gebräunten Zügen, mit offenem Blick und schmalen Munde trat durch das Gartentor und lächelte verlegen, als er dem alten Herrn Zum ersten Male die Hand schüttelte, der ihn damals vor der Welt verteidigt hatte.“

Die zweite Auflage des Buches mit dem treffenden Titel „David und Goliath“ erschien 1945 im Carl Posen Verlag in Zürich und enthält einen Epilog, der das erste Treffen zwischen David Frankfurter und Emil Ludwig beschreibt, nach dem ersterer aus dem Gefängnis entlassen worden war (er war zu 18 Jahren verurteilt worden, wurde aber bereits nach neun Jahren freigelassen):

Emil Ludwig – David und Goliath. Carl Posen Verlag. Zürich, 1945.

Oded Fluss. Zürich, 1.9.2022.

Monat Elul und die Jamim Noraim

Ephraim Moses Lilien – Elul Melodien

Im weitesten Sinne ist ‚Jamim Noraim‘ der Name, mit dem wir die Tage ab dem ersten Tag des Monats Elul und bis zum Ende des Jom Kippur bezeichnen. Tage, an denen Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt Barmherzigkeit und Teschuwa (Umkehr) praktizieren. Der Monat Elul ist der letzte Monat im jüdischen Kalender, und für das kommende neue Jahr ist man verpflichtet, sich von seinen Sünden zu reinigen. Diese Tage gelten daher als Tage der Ehrfurcht vor Gott, und der Name ‚Jamim Noraim (ehrfurchtserweckende Tage) soll dies ausdrücken. „Jamim Noraim“ ist auch der Name einer sehr bekannten Anthologie, die der hebräische Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Josef (Shai) Agnon (1888 – 1970) 1938 im Schocken Verlag zusammengestellt hat. Sie hat schnell einen kanonischen Status erreicht und ist bis heute als klassisches Buch bekannt, das man zur Zeit des ‚Jamim Noraim‘ mit in die Synagoge nimmt.

Samuel Josef Agnon – Jamim Noraim. Schocken Verlag, 1938. H 368

Die Anthologie ist eine Sammlung von Gebräuchen, Midrashim und Legenden, die Agnon aus Tausend verschiedenen Quellen zusammengetragen hat. Sie war seiner Meinung nach dazu gedacht, die Zeit zwischen den Gebeten zu überbrücken und die Menschen davon abzuhalten, während dieser Zeit zu reden und über alltägliche Dinge nachzudenken.
Da die Anthologie nie ins Deutsche übersetzt wurde, haben wir uns entschlossen, Ihnen hier jede Woche während der Jamim Noraim einen übersetzten Beitrag zusammen mit der hebräischen Quelle zu bringen. Sobald wir die Originalquelle, die Agnon benutzt hat, in unserem Bestand haben, werden wir auch ein Bild davon hinzufügen.

Abraham Danzig – Sefer Chaje Adam. Wilna, 1810. Breslauer Sammlung H 5159

Der erste Beitrag stammt aus dem Buch „Chaje Adam“ von Rabbi Abraham Danzig (1748 – 1820), das 1810 in Wilna veröffentlicht wurde und sich mit den Gesetzen beschäftigt, die im Abschnitt Orach Chayim des Shulchan Aruch von Yosef Karo behandelt werden. Das Buch ist in 224 Abschnitte unterteilt, die sich mit dem täglichen Verhalten und dem Gebet sowie mit Schabbos (Sabbat) und Yom Tov (Feiertagen) befassen. Unser Beitrag behandelt die Bedeutung des Monats Elul im Prozess der Umkehr. Als ersten Beitrag in dem Abschnitt, der dem Monat Elul gewidmet ist, hatte Agnon beschlossen, folgende Worte zu zitieren, die die Bedeutung des Monats Elul im Akt der Teschuwa verdeutlichen:

„Da G’tt sein Volk Israel liebt, hat er Wohltat an uns gemehrt und uns befohlen, jederzeit umzukehren, wann auch immer wir sündigen. Obwohl also die Umkehr gut ist zu jeder Stunde, ist dennoch der Monat Elul besonders zu Umkehr ausersehen. Denn die Umkehr in diesem Monat wird wohlgefälliger aufgenommen als an den übrigen Tagen des Jahres, da dies Tage, Tage der Zuneigung sind von der Stunde an, in der wir zum Volke erwählt wurden. Als nämlich Israel die Sünde des goldenen Kalbes beging und die heiligen Tafeln zerbrochen wurden, da stieg Mosche ein zweites Mal auf den Berg Sinai, am ersten Tage des Monats Elul, um seinem Volke die Thora zu bringen, und weilte dort bis Jom Kippur, dem Abschluss der Sühne ( Aus „Chaje Adam“)“.

Fortsetzung folgt hier: https://breslauersammlung.com/2022/09/08/schofar/

Oded Fluss. Zürich, 29.8.2022

עודד פלוס ב‘ באלול ה’תשפ“ב

Wagners jüdischer Dirigent

„…es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen…“
Franz von Lenbach – „Kopf des Dirigenten Hermann Levi“. 1882.

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte und das ist auch bei einem Ex-Libris der Fall. Eines der seltensten Exponate in unserer aktuellen Ausstellung jüdischer Exlibris ist das Ex-Libris des Dirigenten Hermann Levi (1839-1900). Der Spross einer Familie mit mehr als zehn Generationen von Rabbinern – sein Vater war der Landrabbiner von Hessen, sein Grossvater der von Worms – fand jedoch seine Leidenschaft in der Musik. In seiner Heimatstadt Giessen wurde er schnell als pianistisches Wunderkind erkannt, und im Alter von zwölf Jahren begann er mit der Musikschule. In weniger als 20 Jahren wurde er zu einem der renommiertesten Dirigenten Deutschlands, und im Alter von 33 Jahren leitete er als Generalmusikdirektor und Hofkapellmeister das weltberühmte Königliche Hof- und Nationaltheater in München.

Hermann Levi mit Johannes Brahms und Julius Allgeyer

Levi verkehrte mit vielen berühmten Musikern seiner Generation und war mit Johannes Brahms sehr eng befreundet. Am bekanntesten und berüchtigtsten war jedoch seine Beziehung zu Richard Wagner und dessen zweiter Frau Cosima. Levi bewunderte Wagner und war einer seiner treuesten Anhänger und Förderer, während Wagner selbst seinen Antisemitismus offen zum Ausdruck brachte, insbesondere in seinem berüchtigten Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ (1850), das bis heute als einer der schrecklichsten und hasserfülltesten Texte gilt, die über die Rolle der Juden in der deutschen Musikwelt geschrieben wurden und später die antisemitische Propaganda des Nazi-Regimes inspirierte.

Wagners Beziehung zu Hermann Levi war zweischneidig. Er bewunderte sein Genie, machte aber gleichzeitig eine Verachtung gegenüber Levis jüdischen Glaubens deutlich. Die Antwort auf dieses ‚Problem‘ war sowohl für Wagner als auch für seine Frau einfach: die Taufe.
Für sein letztes Werk „Parsifal“ wählte Wagner Levi als Dirigenten. Die Ehre, die Uraufführung eines Werkes von Wagner zu dirigieren wurde nur einer Handvoll Menschen zuteil. Es hatte jedoch seinen Preis, und wie Cosima Wagner es damals giftig formulierte:

„Ungetauft darf Levi den Parsifal nicht dirigieren. Ich taufe ihn und dann gehen wir alle zusammen zum Abendmahl.“

Im Gegensatz zu vielen assimilierten Juden der damaligen Zeit fiel Hermann Levi die Taufe nicht leicht. Die Beziehung zu seiner jüdischen Familie, insbesondere zu seinem Vater, und sein Bewusstsein für die Familiengeschichte hinderten ihn daran, die Konversion zu vollziehen. Durch die Versuchung, Parsifal zu dirigieren, zusammen mit seinem Unwillen, sich taufen zu lassen, hatte er unter grossem Druck gestanden, und schliesslich erlitt er einen psychischen Zusammenbruch. Dass das Thema der Oper Parsifal zum Teil die Taufe betrifft, half auch nicht. Dies wird deutlich, wenn wir den Brief lesen, den Levi am 1. Januar 1878 an seinen Freund und späteren Nobelpreisträger Paul Heyse geschrieben hatte:

„Vor mir liegt das Textbuch von Parsifal … Meine Meinung über den Text halte ich aus guten Gründen zurück. Bedenklich ist mir die äusserst christliche Tendenz; es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen, wenn ich es hier einstudieren werde .…“

Der Höhepunkt kam Ende Mai 1881, als Levi, überfordert und unter zu grossem Druck, Bayreuth überstürzt verliess, ohne die Absicht, zurückzukehren. Nur ein paar Tage später erhielt er einen Brief von Wagner selbst:

„Um Gottes Willen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen! Verlieren Sie nichts von Ihrem Glauben, aber gewinnen Sie auch einen starken Mut dazu! Vielleicht – gibt’s eine große Wendung für Ihr Leben – für alle Fälle aber – sind Sie mein Parsifal-Dirigent.“

Wagners Versprechen wurde tatsächlich erfüllt und Hermann Levi dirigierte am 26. Juli 1882 in Bayreuth die letzte Oper des Komponisten. Am Ende der Aufführung kam Wagner auf die Bühne und bedankte sich bei allen Darstellern, insbesondere bei „seinem Freund“ Levi, der die Arbeit mit einer Beharrlichkeit, einem Verständnis und Enthusiasmus vollbracht hatte, die ihresgleichen suchten. Sechs Monate später starb Richard Wagner nach einem Herzinfarkt. Levi war einer der zwölf Männer, die seinen Sarg zur letzten Ruhestätte trugen.

Ex-Libris Hermann und Mary Levi von Hans Thoma (1839 – 1924).

Wagners antisemitische Worte wurden leider nicht mit ihm begraben. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde Levi klar, dass selbst wenn er Wagners Wunsch erfüllen würde, dies vergeblich sein würde, da selbst konvertierte Juden dem Feuer des antisemitischen Hasses nicht entkommen konnten. 1896, nach einer späten Heirat mit Mary Fiedler, einer Christin, zog er sich von allen öffentlichen Aktivitäten zurück und konzentrierte sich hauptsächlich auf Übersetzungen von Libretti und den Werken Goethes. Zwei Jahre nach seiner Heirat entstand das Ex-Libris, das sowohl seinen als auch den Namen seiner Frau trägt. Es zeigt einen jungen Mann, der seinen Kopf mit einem aufgeschlagenen Buch bedeckt. Wie auch immer der Löwe und die Schlange im Bild zu deuten sind, ein anderes Symbol herrscht über alles. Zwei Jahre vor seinem frühen Tod und wie ein letztes Erbe wählte er den Davidstern als Hauptsymbol für sein Ex-Libris und wies damit darauf hin, dass seine jüdische Herkunft, ähnlich wie die Sonne, die sowohl Leben bringen als auch verbrennen kann, immer auf sein Leben und sein Schicksal schien.

Oded Fluss. Zürich, 18.8.2022.

Ein Grabstein zwischen den Seiten

Aaron Ben Abraham: „Sefer Hadrakha“. Breslau, 1830. BH 263

Ein sehr bekanntes Genre in der jüdischen Buchtradition ist die Mussar-Literatur [Sifrut-Mussar]. Sie stammt aus dem Mittelalter und dient als Anleitung zur Stärkung des Glaubens, der Tugend und des moralischen Lebens (Mussar ist das hebräische Wort für Moral). In Anlehnung an die biblische Literatur sind diese Bücher eher auf das tägliche Leben ausgerichtet und konzentrieren sich in vielen Fällen auf die Beziehungen zwischen den Menschen.
Bei dem uns vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine Untergattung der Sifrut Mussar – den so genannten Testament-Büchern. Es handelt sich um ein Buch, das ein Vater und Grossvater für seine Kinder und Enkel in Form eines Testaments geschrieben hat. Der Autor Aaron Ben Abraham, ein Gemeindeprediger aus Rawitsch [Rawicz] , glaubte, dass seine Aufgabe auf Erden, seine Nachkommen zu führen, nicht mit seinem Tod endet, und so nutzt er sein Buch „Sefer Hadrakha“ (Das Buch der Leitung), um sie auch nach seinem Tod zu leiten:

“ Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Kindern eine Ermahnung zu hinterlassen, um sie in der Furcht Gottes und in der Art seiner Anbetung zu unterweisen. Sogar wenn ein Mensch selbst vollkommen wäre, hätte er seine Pflicht nicht erfüllt, indem er nur sich selbst vervollkommnet hätte. Denn wenn er nicht den starken Drang verspürt, andere zu vervollkommnen, kann er für sich persönlich nicht vollkommen sein, da er das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ übersehen hat.“

Das Buch ist alphabetisch geordnet, beginnend mit dem hebräischen Buchstaben א [Alef] und endend mit dem letzten Buchstaben ת [Tav], und symbolisiert so eine ganze Lebensspanne. Jeder Buchstabe steht für einen Aspekt des Lebens oder des Glaubens, auf den der Autor eingeht. So ist zum Beispiel der Buchstabe א [Alef]: „Emuna“ (Glaube); ט [Tet]: Tom’a und Tohara (Unreinheit und Reinheit); צ [Tzadik]: Tzedaka und so weiter. Einen besonderen letzten Platz weist der Schreiber dem hebräischen Buchstaben ת [Tav] zu, der für das Wort „Toldot“ steht; ein ganz spezielles hebräisches Wort, das sowohl Ursprung als auch Ergebnis bedeutet und somit Vergangenheit und Zukunft verbindet. Indem der Vater seine Kinder dazu anleitet, Gott zu folgen, lenkt er ihr Schicksal, während diese, indem sie dem folgen, was er sie gelehrt hat, umgekehrt wiederum auch sein Schicksal nach seinem Tod lenken.

“ Im Tod ist zwar alles vorbei, aber wenn der Vater seine Kinder angeleitet hat, Gottes Wegen zu folgen, hängt ihre Tugend von ihm ab und damit hat er kein Ende, solange sein Same weiterlebt.“

Aaron Ben Abraham teilt viele seiner persönlichen Erfahrungen mit Sünde und Teschuwa (Umkehr) und erklärt in einem schönen Satz die Tugend des Weinens, ein sehr wichtiges jüdisches Motiv im Akt der Reue.

“ Manchmal werden Sie vom Jetzer (Trieb) ergriffen und mit Sünde beschmutzt […] in jedem Fall müssen Sie über die Sünde, die Sie begangen haben, in der Zeit der Beichte weinen, denn Weinen überwindet alles. Und wie unsere Väter z“l sagten: alle Tore waren verschlossen, ausser den Toren der Tränen, und die Tugend des Weinens ist es, von Sünde zu heilen.“

Am Ende des Buches schreibt Aaron Ben Abraham, wie seine Beerdigung ablaufen soll. Er bittet darum, dass niemand, der ihn hasst, während dieser Zeit in seiner Nähe sein darf, und droht, dass demjenigen etwas Schlimmes zustossen wird, wenn jemand dies gegen seinen Willen tut. Er will keine Grabreden, nicht während der Zeremonie und auch nicht danach, „weil ich in meiner Seele weiss, dass ich nicht einer bin, der es wert ist“. Er möchte nicht, dass man nach seinem Tod gut über ihn spricht, denn er war nie jemand, der nach Respekt strebte. Er bittet nur darum, dass seine Kinder und Freunde jeden Tag mindestens vier Kapitel der Mischna zu Ehren seiner Seele studieren. Diejenigen, die nicht religiös sind, bittet er, jeden Tag zehn Kapitel der Tehilim zu lesen. Zu seiner eigentlichen Beerdigung bittet er um ein bescheidenes Grab in der Nähe seiner Väter.

Eingangstor zum jüdischen Friedhof Rawitsch

Aaron Ben Abrahams Wunsch, seine letzte Ruhestätte in der Nähe seiner Väter zu finden, wurde erfüllt und er wurde – wie alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rawitsch – auf einem Friedhof im nahegelegenen Dorf Zirkobo begraben. Dies fand jedoch ein tragisches Ende mit dem Einmarsch der Nazis in Polen Anfang 1939 und der totalen Schändung und Zerstörung des Friedhofs durch sie. Das Einzige, was von dem Friedhof übrig blieb, war das Eingangstor und darüber die Schrift in Hebräisch und Deutsch: „ד‘ ממית ומחיה מוריד שאול ויעל“ „Gott tötet und belebt, führt in die Scheol [Hades] und führt herauf.“ (Samuel I 2,6).

Und so befahl er, auf seinen Grabstein zu schreiben: Zu seinen Lebzeiten/ fuhr ihn Gott auf einem schnellen Gewolk [Jesaja 19,1 ]/ Und nun nahm er seine Kraft [Daniel 10, 8 ]/ Aaron Ben Abraham z“l/ Möge seine Seele mit dem Band des ewigen Lebens verbunden sein.

Den Rawitsch-Friedhof gibt es nicht mehr, aber der Grabstein von Aaron Ben Abraham lebt weiter, und zwar in gedruckter Form. Ben Abraham hatte einen ganz bestimmten Wunsch, was auf seinem Grabstein stehen sollte. Seine Enkelkinder haben diesem Wunsch entsprochen und ihn auch in das Buch ihres Grossvaters gedruckt, und zwar in Form eines Grabsteins. Diese einzigartige Komposition aus einem gedruckten Grab und der Grabsteininschrift, die wir auf der letzten Seite des Buches finden, ermöglicht es, uns weiterhin an den Autor zu erinnern.

Oded Fluss. Zürich, 11.8.2022