Ein vergessener Autor in einem Buch wiederentdeckt

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Mainz, 1905

Über den Autor Moritz Steinhardt ist fast nichts bekannt. Er wurde 1867 in Eisenstadt (früher Ungarn, heute Österreich) geboren und starb 1923 in Berlin. In diesen 56 Jahren war er Verleger sowie Buchhändler und veröffentlichte ein paar Geschichten in verschiedenen jüdischen Zeitungen. Sein Buch „Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert“, das 1905 in Mainz erschien, hatte ihm den ehrenvollen Ruf eingebracht einer der authentischsten und realistischsten Autoren des Ghettolebens des 19. Jahrhunderts zu sein. Die rasche Assimilation der Juden und die veränderte politische Situation in Europa brachten eine Sehnsucht nach dem einfachen Ghettoleben der vorangegangenen Generation mit sich.
In seinem Vorwort zum Buch erklärt Steinhardt seine Motivation, das Buch zu schreiben, mit dem Ziel, ein falsches Bild vom Leben im Ghetto zu korrigieren:

„Durch dieses Büchlein wollte ich eine Schuld tilgen, indem ich der Erinnerung an die Heimat hiermit ein Dokument errichtet habe […] Das jüdische Ghetto, welches mein Büchlein behandelt, weist ein Bestehen von mehreren Jahrhunderten auf, als diejenigen der Grossstädte, wie wir sie in engen schmutzigen und winkeligen Gassen finden. Das Eisenstädter Ghetto gewährt keinen so finsteren und mittelalterlichen Eindruck, […] sondern der Lichtstrahl der Freiheit hat in dieses schon bei dessen Entstehen seine wohltuende Wärme geschenkt“.

Steinhardt betonte auch die Authentizität der Figuren und Geschichten im Buch:

„All‘ diese Sitten und Gebräuche, wie ich sie […] schildere, noch heute werden sie eingehalten. Alle Personen, wie ich sie gezeichnet, sie haben gelebt […] die Erinnerung an ihre Originalgestalten lebt fort im Munde der Generationen.“
Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Lehmann’s Volksbücherei. Mainz, 1906.

Das Buch wurde viermal veröffentlicht, die erste kleine nummerierte Ausgabe wurde 1905 in der Joh. Wirth’sche Hofbuchdruckerei in Mainz gedruckt. Ihr folgte schnell eine weitere Veröffentlichung im darauffolgenden Jahr als 40. Band der berühmten „Lehmann’s jüdische Volksbücherei“, herausgegeben von Oscar Lehmann in Mainz. Sieben Jahre später wurde das Buch im Gustav Engel Verlag in Leipzig veröffentlicht, jetzt mit einem neuen Vorwort des Autors, das einen politischeren Ansatz am Vorabend des Ersten Weltkriegs verfolgt. Steinhardt widmet das Buch dem Fürstenhaus Esterhàzy zum Dank dafür, dass die „Juden Eisenstadts […] sich [seit 1622] ungehindert ihrem religiösen Leben hingeben und ihren Berufen nachgehen konnten.“

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Gustav Engel Verlag. Leipzig, 1913.

Die Authentizität des Buches finden wir in einem dritten Vorwort, das 1920 für die dritte Ausgabe des Buches veröffentlicht wurde. Jetzt schon mitten im Krieg schreibt Steinhardt:

Seit erschienenen der zweiten Auflage hat der grimmige Weltkrieg unseren Planeten tüchtig durchgerüttelt. Dieser Bruderkampf ging auch an dem Ghetto nicht spurlos vorüber […] alle in diesem Buche geschilderten Typen, mit Ausnahme von einem, sie sind dahin in jene Gefilde, wo es keinen Kampf mehr gibt, nur im Munde der Epigonen leben sie fort.

Ironischerweise wurde der Mann, der sein ganzes literarisches Können in den Dienst des Gedenkens gestellt hatte, völlig vergessen. Ein paar Literaturlexika erwähnen ihn kurz mit ein paar Zeilen, aber sein persönliches Leben und seine Biografie bleiben unentdeckt. Auch hier kommt uns das Buch zu Hilfe und wie in vielen anderen Fällen findet man in den Beständen unserer Bibliothek Bücher, die Hinweise und Spuren in sich tragen, die es uns ermöglichen, das zu enthüllen, was sonst für immer verloren bleiben würde.

Die seltene Erstausgabe dieses Buches, die unsere Bibliothek besitzt, offenbart uns in ihrem Inneren einen Geschenk-Etikett und drei Handschriften, die jeweils unterschiedliche Anliegen zum Ausdruck bringen. Das Geschenk-Etikett ist ein solches, wie wir es oft in unsere Bibliotheks Büchern finden. Es wurde in der Vergangenheit von unserer Bibliothek verwendet, um Bücher, die uns geschenkt wurden, mit dem Namen der schenkenden Person zu kennzeichnen. Dieser Stempel trägt den Namen: Lotte Kloster-Steinhardt.

Eine der Handschriften im Buch gehört auch Lotte Kloster-Steinhardt und ist eine Widmung von ihr an unsere Bibliothek: „Für die Bibliothek geschenkt von der Tochter des Autors! Lotte Kloster -Steinhardt. 2. Juni 1958“. Daraus erfahren wir bereits, wann uns das Buch geschenkt wurde. Noch wichtiger ist jedoch, dass Moritz Steinhardt eine Tochter namens Lotte hatte und das Buch in ihrem Besitz war, bevor es in unsere Bibliothek kam. Über Lotte Kloster Steinhardt konnten wir leider keine anderen Informationen finden, als dass sie in der frühen zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Zürich lebte.
Was wir jedoch gefunden haben, ist eine kleine Anzeige in der Rubrik „Wer kann Auskunft geben“ des Israelitischen Wochenblatts vom 16.3.1945. Diese Rubrik war für Menschen gedacht, die während und nach dem Holocaust nach ihren Verwandten und Angehörigen suchten. Hier sehen wir, dass Lotte Kloster nach ihrer Schwester Irmgard Steinhardt und ihrer Mutter Bertha Steinhardt sucht. Als letzten bekannten Aufenthaltsort gibt sie Theresienstadt an.

Israelitisches Wochenblatt16.3.1945.

Kehren wir zurück zu unserem Buch, finden wir den Namen der Mutter Bertha in einer Widmung des Autors Moritz Steinhardt selbst an seine Frau: „Erstausgabe! Meiner geliebten Frau Bertha in Liebe zugeeignet. Chb. [Charlottenburg] 24/2. 1920. Moritz Steinhardt“.

Auf der anderen Seite des Titelblatts finden wir eine andere Handschrift von Moritz Steinhardt, die wahrscheinlich später geschrieben wurde: „Dieses Exemplar Soll in der Familie stets – an die älteste männliche Linie vererbt werden!“

Man könnte annehmen, dass der Wunsch des Vaters nicht erfüllt werden konnte, weil die Familie Steinhardt nur Töchter hatte (im Moment wissen wir von den beiden Töchtern Lotte und Irmgard) und das Buch deshalb in den Händen einer der Töchter landete. Es gibt jedoch noch einen weiteren Hinweis, den wir in der zweiten (vermehrten) Auflage des Buches finden, die 1913 veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe wird das Buch von einem schönen Schutzumschlag begleitet, auf dem der Künstler als Manfred Steinhardt angegeben ist.

Da es ein bisschen zu zufällig erscheint, dass sowohl der Autor als auch der Künstler denselben Nachnamen haben, finden wir nach ein bisschen Nachforschung heraus, dass der Künstler der Sohn von Moritz und Bertha, Manfred Steinhardt (1893 – 1952), ist. Wir finden auch heraus, dass Manfred Steinhardt ein recht erfolgreicher Künstler in Deutschland war und 1938 zusammen mit Ludwig Schwerin eine Ausstellung seiner Werke in Berlin hatte. In dieser Ausstellung befand sich ein Selbstporträt von ihm, das in der Jüdischen Rundschau vom 22. März 1938 abgebildet wurde.

Manfred Steinhardt – Selbstbildnis. (Jüdische Rundschau 22.3.1938)

Wir können davon ausgehen, dass Manfred Steinhardt dieses Buch auf Wunsch seines Vaters bis zu seinem Tod 1952 aufbewahrt hat. Danach wurde es seiner Schwester Lotte übergeben, die es 1958 der Bibliothek schenkte. Dieses Buch, das für seinen Autor sicherlich sehr wichtig war, reiste von Mainz nach Charlottenburg, von dort nach London und landete schliesslich in unserer Bibliothek in Zürich. Unterwegs sammelte es Hinweise und Spuren eines vergessenen Autors und des Schicksals seiner Familie, über die wir nun ein wenig mehr wissen. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig ein einziges Buch ist, um aufzudecken, was sonst wohl für immer unerzählt bliebe.

Oded Fluss, Zürich, 28.7.2022

Ein Buch voller Kuriositäten

Sefer Chibat Yerushalaim. Jeruslaem, 1884. Breslauer Sammlung: BH 310.

Ein ganz besonderes Buch, das sich in unserer Breslauer Sammlung befindet, ist das Sefer Chibat Yerushalaim (Buch der Zuneigung Jerusalems). Gedruckt 1884 in der berühmten Druckerei Israel Back (B“K), war es eines der ersten Bücher, die in Jerusalem gedruckt wurden. Das Buch wurde mit der Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“ gedruckt, benannt nach dem Philantropen Moshe Montefiore und seiner Frau Yehudit, die der Druckerei 1882 die Druckpresse schenkten („Mase’at“ bedeutet Geschenk auf Hebräisch).

Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“. Oberhalb eine Verzierung in Form eines Adlers, der eine Schlange hält.

Das Buch ist der Stadt Jerusalem, ihrer Geschichte, ihren Sehenswürdigkeiten und Einwohnern gewidmet und enthält „Haskamot“ (Imprimatur/Druckerlaubnisse) von zwei der wichtigsten Jerusalemer Einwohner der damaligen Zeit.

„Haskamot“ (Imprimatur) von Chaim Abraham Gagin und Jakob Antebi.

So haben wir die Worte von Chaim Abraham Gagin (1787 – 1848), bekannt als ha-Rishon le-Zion (der Erste von Zion), der zwischen 1842 und 1848 Oberrabbiner des ottomanischen Palästinas war. Auch haben wir die Worte des Rabbiners Jakob Antebi (1774 – 1846), der 30 Jahre lang Oberrabbiner von Damaskus war. Antebi, der ein Opfer der bekannten Damaskusaffäre – eine Ritualmordlegende über die Juden, die 1840 in Damaskus stattfand – war, würde dies und die Hilfe, die er von Moshe Montefiore erhielt, in dem Buch sogar bezeugen.

„ליום חתונתו ושמחת לבו מאת מוקירו ומכבדו אליעזר ליזר לאנדסהוטה“

Unser Exemplar des Buches enthält eine handschriftliche Widmung von Eliezer (Lejser) Landshuth (1817 – 1887), einem berühmten jüdischen Gelehrten, der sich auf jüdische Lithurgie spezialisiert hatte. Die Widmung ist für die Hochzeit einer unbekannten Person bestimmt und lautet auf Hebräisch: „Für seinen Hochzeitstag und die Freude seines Herzens, von dem, der ihn hegt und ehrt Elieser Lejser Landshuth.“

Einen Hinweis, der uns vermuten lässt, wer die betreffende Person ist, finden wir auf der Titelseite des Buches, das neben dem Stempel des Breslauer Seminars auch den Stempel von Dr. David Rosin (1823 – 1894) trägt. Da Rosin und Landshuth Zeitgenossen waren und sich beide mit jüdischer Lithurgie beschäftigten, darf man annehmen, dass sie sich kannten und dass Landshuth an Rosins Hochzeit teilnahm und ihm dieses Buch schenkte. David Rosin, der selbst ein berühmter Gelehrter und der Nachfolger von Manuel Joël als jüdischer Philosophielehrer am Breslauer Seminar war, hatte wahrscheinlich dieses Buch der Bibliothek des Seminars überliefert.

Sefer Chibat Yerushalaim. Jerusalem, 1884. Aus der Sammlung David Jeselsohn.

Unser Nachbar und Mitglied der ICZ-Gemeinde Dr. David Jeselsohn, dessen Büchersammlung weltberühmt ist, hat ebenfalls ein Exemplar dieses Buches in seiner Sammlung, allerdings mit einer anderen Titelseite. Dies lässt den Verdacht aufkommen, dass unser Buch zu einem späteren Zeitpunkt gedruckt wurde und das Datum auf dem Buch nicht korrekt ist. Ein Verdacht, den wir leider noch nicht bestätigen oder dementieren konnten.

Oded Fluss. Zürich, 14.7.2022.

Ein jüdischer und ein christlicher Nationalrat treffen sich in einem Buch.

Moses Mendelssohn – Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Berlin, 1767.

Ein Buch ist manchmal ein Treffpunkt zwischen zwei grossen Menschen. In vielen unserer Bücher finden wir Widmungen, die uns in eine frühe Zeit zurückwerfen, in der diese geschrieben wurden. Eines der seltenen Bücher im Bestand unserer Bibliothek ist eine Erstausgabe von Moses Mendelssohns „Phaedon – oder über die Unsterblichkeit der Seele“ von 1767.
Das Buch, das unserer Bibliothek am 27. Dezember 1948 geschenkt wurde, enthält eine Widmung von David Farbstein (1868 – 1953), Rechtsanwalt und erster jüdischer Nationalrat der Schweiz.

David Farbstein, in orthodoxem Milieu in Warschau geboren, studierte nach einer Rabbinerausbildung in Osteuropa Jura in Deutschland und der Schweiz. Nach seiner Einbürgerung 1897 liess er sich als Anwalt in Zürich nieder. Farbstein war ein enger Vertrauter von Theodor Herzl und der Ort des ersten Zionistenkongresses geht auf ihn zurück: Nach vielen Querelen um München und Zürich hatte Herzl Farbstein in einem Brief vom 9. Juni 1897 gebeten, einen günstigen Kongressort in der Schweiz zu finden, nicht weit von der österreichisch-schweizerischen Grenze entfernt. Schliesslich wurde Basel der historische Ort, von dem das Basler Programm und Jahre später die Staatlichkeit Israels ihren Ausgang nahmen.

David Farbstein


Farbstein war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, Mitglied des Zürcher Kantonsrats und Mitglied des Nationalrats. Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehörte die Förderung der Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz und ein erbitterter Kampf gegen den Antisemitismus. Er war ein frühes Mitglied der ICZ und sein Grab war das erste auf dem damals neu eingerichteten jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg.

Grab David und Rosa Farbstein auf dem Israelitischen Friedhof Oberer Friesenberg

Der Empfänger dieser Widmung ist der Schweizer Pfarrer, Politiker und Gründer des Schweizer Sozialarchivs Paul Pflüger (1865 – 1947). Bekannt als „roter Pfarrer“ zählt er zu den Pionieren der Schweizer Sozialpolitik. Wie Farbstein war auch er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.
Aus dem Inhalt geht hervor, dass die Widmung 1945 geschrieben wurde und Pflüger das Buch von Farbstein zu dessen 80. Geburtstag bekommen hat.

Aus verschiedenen Hinweisen können wir erkennen, dass zwischen Farbstein und Pflüger eine wahre Freundschaft bestand. Letzterer hat Farbstein in seiner „Lebenserinnerung“ als „den intimsten Freund“ bezeichnet. In einem Nachruf schrieb Farbstein 1947: „Der Unterzeichnete verliert in Paul Pflüger einen alten guten Freund. Die Menschheit verliert in ihm einen edlen Menschenfreund. Das Andenken dieses Gerechten, dieses Zaddik sei gesegnet“.

Israelitisches Wochenblatt, 19.12.1947


Unter der ersten Widmung finden wir eine weitere, die an unsere Bibliothek gerichtet ist. Sie ist auf 1948 datiert, ein Jahr nach Pflügers Tod, und wurde von Pflügers Sohn ( der ebenfalls Paul heisst) geschrieben. Er schrieb, dass er dieses Buch im Nachlass seines Vaters gefunden hat und es unserer Bibliothek schenken möchte.

Karikatur von David Farbstein von dem jüdischen Künstler Gregor Rabinovitch (Nebelspalter, 1926).

Oded Fluss, Zürich, 29.6.2022

Die Leiden des jungen Walthers

Walther Rathenau – Selbstporträt


„in den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“ Walther Rathenau – „Staat und Judentum“ (1911).

Vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde Walther Rathenau (geb. 1867) ermordet. Die Kugel, die sein Herz durchbohrte, zerschlug auch die Illusion von der Möglichkeit eines Weltfriedens, und vielleicht noch mehr: beendete die Illusion der Judenemanzipation im Deutschland der Weimarer Republik, denn Rathenau wurde nicht nur als deutscher Aussenminister sondern vor allem als Jude ermordet. Die Proto-Nazis, die ihn ermordeten, taten dies, weil sie die Vorstellung nicht ertragen konnten, dass Deutschland offiziell von einem Juden repräsentiert wurde.

Antisemitisches, deutschnatinonales Wahlflugblatt zur Wahl in die Nationalversammlung, 1919. In der Mitte eine Karikatur von Rathenau.

Walther Rathenau war der erstgeborene Sohn von Emil Rathenau und Mathilde (Nachman) Rathenau. Sein Vater war einer der grössten Industriellen, die Deutschland je gesehen hat. Er war der erste, der die elektrische Glühlampe und das Telefon auf den Markt brachte und er war der Gründer der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (A.E.G). Mathilde Rathenau stammte aus der alten jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie Nachman(n), die ihren Stammbaum bis zum Talmudgelehrten und Kabbalisten Mose Ben Nachman (1194–1270) zurückführen konnte.

Hermann Brinckmeyer – Die Rathenaus. Wieland Verlag. München, 1922.

Walther Rathenau studierte Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Strassburg und wurde 1889 in Physik promoviert. Darüber hinaus bildete er auch seine künstlerisches Talent aus und versuchte – wenn auch vergeblich – ein Drama zu inszenieren, das er noch während seines Studiums geschrieben hatte. Bei seinem Onkel, dem grossen Maler Max Liebermann, studierte er Malerei, von der einige Skizzenbücher erhalten geblieben sind. Er diente in der deutschen Armee, arbeitete in der Firma seines Vaters, verliess dann aber alles, um eine Karriere in der Politik zu machen. Er wurde der erste und einzige Jude, der den Titel des deutschen Aussenministers erlangte. Seine Beziehung zu seiner jüdischen Herkunft kannte viele Wendungen, und obwohl er sie nur als einen kleinen Teil seiner Identität betrachtete, hatte sie einen grossen Einfluss auf sein Leben und Denken.

„Von vorn herein will ich bekennen, dass ich Jude bin.“ Walther Rathenau „Höre Israel“ (1897).

Der obige Satz war der erste, den Walther Rathenau jemals in einem Buch veröffentlicht hat. Er wurde ursprünglich unter dem etwas Pseudo-Pseudonym „W. Hartenau“ gedruckt und umfasste sein ganzes, kurzes Leben. Denn dieser Satz, der sowohl apologetisch als auch trotzig ist, fängt Rathenaus Ambivalenz gegenüber seiner jüdischen Herkunft ein. Eine Herkunft, die er einerseits widerwillig hinnahm, auf die er aber andererseits stolz war. Eine Herkunft, die er nie als seine primäre Identität betrachtet hatte, die er aber dennoch nicht hinter sich lassen wollte oder konnte.

Walther Rathenau – Impressionen. Hirzel Verlag. Leipzig, 1902.

In dem Artikel „Höre Israel“, der zuerst 1897 in der Zeitschrift „Die Zukunft“ und fünf Jahre später unter seinem richtigen Namen in seiner ersten Publikation „Impressionen“ (1902) erschien, wollte Rathenau, sich an deutsche jüdische Mitmenschen zu wenden und versuchte sie zu ermutigen, sich stärker für ihre soziale Assimilation einzusetzen. Er war der Meinung, dass der Grund für die gescheiterte Assimilation und den zunehmenden Antisemitismus vor allem bei den Juden selbst lag, die sich immer noch an ihre Geschichte und Tradition klammerten und sich als schwach und feige darstellten: „Meint ihr, der alte Stammesgott werde seinen König Messias senden, um euch zu helfen? Ach, es ist euch nicht aufgefallen , dass er seit ein paar tausend Jahren sich mit euch nichts mehr zu schaffen gemacht hat! Der Herr des Zornes und des Sieges hatte an einem Volke von Kriegern gefallen; für ein Volk von Krämern und Maklern interessiert er sich nicht.“
Der Artikel kam bei den Juden der damaligen Zeit nicht gut an, da sie ihn als Opferbeschuldigung ansahen. Es wird erzählt, dass Rathenaus Vater besonders verärgert war und alle Kopien aufkaufte, die er finden konnte, damit der Artikel nicht noch mehr Menschen erreichte.

Walther Rathenau – Zur Kritik der Zeit. S. Fischer Verlag. Berlin, 1912

In seinen späteren Jahren distanzierte sich Rathenau von diesem frühen Artikel und entfernte ihn aus der Veröffentlichung seiner gesammelten Aufsätze. In einer Sache jedoch änderte er nie seine Meinung, und das war die Konversion. Rathenau hielt die Idee der Taufe von Anfang an für schlecht da sie zu mehr Antisemitismus führen würde. Er erkannte die Nachteile des Jüdischseins in Deutschland, hielt aber eine Konversion aus diesem Grund für völlig falsch. In seinem berühmten Artikel „Staat und Judentum“, der 1912 in dem Buch „Zur Kritik der Zeit“ erschienen ist, schreibt er: „Mit der Zugehörigkeit zum Judentum sind nur bürgerliche Nachteile, mit dem Übertritt zum Christentum erhebliche Vorteile verknüpft […] Die Forderung der Taufe nötigt schließlich den Juden, durch den Akt löblicher Unterwerfung sich einverstanden zu erklären mit der preußischen Judenpolitik, die nicht weniger bedeutet, als die schwerste Kränkung, die ein Staat einer Bevölkerungsgruppe zuzufügen vermag.“

Nicht nur Juden, sondern auch christliche Deutsche hielten die Idee der Konversion für eine gute Lösung. 1917 veröffentlichte der Schriftsteller Curt Trützschler von Falkenstein sein Buch „Die Lösung der Judenfrage im Deutschen Reiche“, in dem er erklärt, dass die einzige Möglichkeit für eine echte Assimilation der Juden in Deutschland ihre Konversion zum Christentum sei. Die einzige realistische Lösung sei die folgende: „Es wäre im inneren und äusseren Interesse der Juden gelegen, wenn sie sämtlich einsehen würden, dass die christliche Nächstenliebe der jüdische Morallehre gegenüber einen religiösen, kulturellen, geistigen Fortschritt bedeutet. Aus diesem Grund sollten die deutschen Juden den Entschluss fassen, jüdische Christen zu werden.“
Der Autor schickte ein Exemplar an Rathenau und fragte ihn nach seiner Meinung, was zu einem Buch führte, das noch im selben Jahr erschien, in dem Rathenau seine Antwort in Form eines offenen Briefes veröffentlichte.

Rathenau selbst betrachtete die „jüdische Frage“ nicht als eine religiöse Frage. Er stellte die christlichen Dogmen dem dogmenfreien Monotheismus des Judentums gegenüber und erkannte nicht nur dessen Existenzberechtigung an, sondern kommt auch zum Schluss, dass sich nur der jüdische Glaube mit der Religiosität des modernen Menschen vereinen lässt: „Im Gegensatz zum nachpaulinisichen Christentum bildet die mosaische Religion keine Kirche. Mögen ihre Bekenner durch Landesgesetzgebung zu Religionsgemeinschaften vereinigt sein: diese Bindung ist des Staates, nicht des Glaubens. Es gibt keinen Tempel: der eine, der auf Zion stand, zur Zeit als der Mosaismus noch die Form der Staatsreligion und der Kirche durchlief, ist zerstört; kein Gesetz fordert seinen Aufbau.“

Max Liebermann – Porträt Walther Rathenau (1912)

Aus diesem letzten Zitat kann man schon erahnen, welches Verhältnis Rathenau zum Zionismus hatte. Er lehnte ihn komplett ab, da er nur ein nationalistisches Gefühl kannte – das deutsche.
In unzähligen seiner Briefe findet man Aussagen wie: „Ich fühle deutsch und werde mich nie von meinem deutschen Volke trennen.“ Oder „Ich habe und kenne kein anderes Blut als deutsches“. Er würde immer wieder versuchen, einen Kompromiss zwischen den Deutschen und den Juden zu finden, denn Rathenaus Jüdischsein war für ihn eine Nuance seines Deutschseins: „Wir sind nichts anderes als Glieder einer Nation, wir sind Deutsche. Doch auf uns lasten zwei Jahrtausende des Schmerzes und wenige von uns können je von ganzem Herzen heiter sein. Willst Du damit die Sorge um mein deutsches Vaterland mildern, dass Du mir die Schmerzen meiner Väter vor Augen hältst?“

Rathenau war der jüdische Glaube jedoch nicht fremd. In einem Brief seiner Mutter an Ernst Jakob aus dem Jahr 1926 schrieb sie: „Mein Sohn hatte keinen jüdischen Religionsunterricht, wohl aber nahm er im Wilhelmsgymnasium an dem Unterricht im Hebräischen teil und sein Lehrer Weinbaum betrachtete ihn als seinen vorzüglichsten Schüler, auf den er sehr stolz war. Auch später beschäftigte er sich noch mit dem Studium des Hebräischen, besonders mit der Grammatik. Er hielt nichts von Dogmen und Vorschriften, um so mehr aber von dem Geist des Judentums und hatte nicht nur jüdischen Verstand, sondern ein wahres jüdisches Herz. Dies bewies er besonders, indem er unzähligen Menschen im Stillen half, sondern indem er auch sie aufsuchte und der Notzuvorkam. Er sorgte unentwegt für geistige und werktätige Arbeiter. Bibel, Talmud und andere jüdische Schriften kannte er wie ein Rabbiner und das Neue Testament wie ein Prediger.“

Obwohl Rathenaus Mutter übertrieben haben könnte, wissen wir mit Sicherheit, dass Walther Rathenau seine Hebräischstudien sehr ernst genommen hat. Man kann sogar hebräische Passagen in seinen Briefen finden. Wir wissen auch, dass er sehr stark von jüdischen Denkern beeinflusst wurde. Die beiden Denker, die ihn am meisten beeinflussten, waren Martin Buber und Baruch Spinoza. Buber, der Rathenau persönlich kannte, wusste zu berichten, wie seine chassidischen Schriften für Rathenau von grossem Einfluss und Bedeutung waren: „Ich war mit Rathenau gut bekannt […] Meinen beiden ersten chassidischen Büchern („Die Geschichten des Rabbi Nachmans“, 1906, und „Die Legende des Baalschem“, 1907) und den sechs ersten meiner „Reden über das Judentum“ war er ein aufmerksamer Leser, wie ich aus allerlei Bemerkungen und Hinweisen erkannt habe. […] Er hatte den Wunsch, in eigener Arbeit zu den Quellen vorzudringen, und hat eine Zeitlang […] eifrig Hebräisch gelernt: sein Lehrer von damals, den ich nach vielen Jahren in Palästina wiedergesehen habe, erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie ernst und gründlich Rathenau dieses Studium betrieben hat.“

Walther Rathenaus jiddischer Brief an seine Mutter, als er 7 Jahre alt war (17.3.1874)

Auch wenn sie es in ihrem Brief nicht erwähnt, war einer von Rathenaus ersten Briefen an seine Mutter, als er sieben Jahre alt war, in jiddischer Sprache. Seine Mutter kannte Jiddisch aus ihrem Elternhaus und es scheint, dass sie es mit ihrem Sohn sprach. Dies ist ein seltener Einblick in Walther Rathenaus Kindheit, der eine unbekannte Seite von ihm offenbart. Oben ist der Brief sowohl in deutscher als auch in jiddischer Schrift.

 Gedenkakt im Reichstag für Walther Rathenau.


Die Ermordung von Walther Rathenau im Juni 1922 hat Deutschland zutiefst erschüttert. Ein nationaler Gedenktag wurde ausgerufen, Strassen und Wege wurden nach dem beliebten Mann benannt, Denkmäler mit seiner Figur errichtet. Dies änderte sich jedoch alles sehr schnell. Die Stimmung in Deutschland veränderte sich im nächsten Jahrzehnt drastisch und zehn Jahre später war keine Spur mehr von seinem Andenken zu finden. Die verbleibenden Mörder und Verschwörer des Mordes wurden freigestellt und gefeiert. Für die Mörder, die gestorben waren, wurden nun Denkmäler errichtet.
Walther Rathenau wurde ermordet, weil er Jude war, aber mehr als das: er wurde ermordet, weil er ein deutscher Jude war, vielleicht der deutsche Jude. Der Mensch, der „deutscher als deutsch“ gewesen war, hatte sein ganzes Leben lang darum gekämpft, Jude zu bleiben.

Walther Rathenau auf seinem Sterbebett.
Oded Fluss. Zürich, 22.6.2022

120 Jahre Altneuland

In diesem Monat jährt sich zum 120. Mal die Veröffentlichung von Herzls zionistischem Roman „Altneuland“, in dem er versuchte, den zionistischen Plan in seiner Entstehung zu beschreiben.  Nach dem Theaterstück „Das neue Ghetto“, das 1894 veröffentlicht wurde und vom Erwachen des zionistischen Gefühls handelt, und „Der Judenstaat“, der ein Jahr später erschien und einen abstrakten Plan für die Errichtung eines jüdischen Landes darstellte, war es der letzte Teil von Herzls „zionistischer Trilogie“. Er wurde zwar als Roman geschrieben , versuchte aber, seinen Plan angesichts der aktuellen Probleme und der aktuellen Situation in Palästina in konkrete Details zu fassen. 

Theodor Herzl – Altneuland. Hermann Seemann Nachvolger Verlag. Leipzig, 1902. (D 1404).

Das Buch war ein faszinierender Versuch, den Zeitgeist in Bezug auf den Zionismus zu bündeln, und obwohl es heute als „utopisch“ gilt, lässt es sowohl Hoffnung als auch Zweifel zu Wort kommen. Die Worte „Gott“, mit denen der Roman endet, und „Traum“, mit denen das Nachwort der Bücher schliesst, symbolisieren mehr als alles andere, dass man Herzls Roman als utopisch im ernsten Sinne betrachten sollte, als Beschreibung eines Ideals, das mehr als wahrscheinlich nicht zu verwirklichen ist. Das oft zitierte Motto auf der Titelseite des Buches „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“, ist leider das Einzige, was die meisten von uns heute von diesem Roman kennen. Vielleicht ist es auch gut, sich daran zu erinnern, dass auf der letzten Seite dieses Buches nach vier Punkten, die die Kontinuität von der ersten bis zur letzten Seite symbolisieren, einige Worte stehen, die das berühmte Zitat beenden: „….Wenn Ihr aber nicht wollt, so ist und bleibt es ein Märchen, was ich Euch erzählt habe.“

Zwei letzte Seiten des Romans

In unserer Bibliothek haben wir die seltene Erstausgabe ,die 1902 in Leipzig im Hermann Seemann Nachfolger Verlag erschienen ist. Am Zustand des Buches kann man erkennen, dass es viel gelesen wurde. Interessant ist auch, die Entwicklung dieses Buches zu verfolgen, das zwischen 1896 und 1902 geschrieben wurde. Herzl hat in seinen Tagebüchern viele interessante Hinweise auf den Schreibprozess hinterlassen. Er hatte aber auch einige öffentliche Hinweise auf dieses Buch gegeben und diese findet man in der zionistischen Zeitschrift „Die Welt“, deren Chefredakteur Herzl viele Jahre lang war.

Die Welt : Zentralorgan der Zionistischen Bewegung (Z 253).

Den ersten Hinweis auf dieses Buch finden wir in einem Vortrag, den Herzl in London am 26. Juni 1899 in der St. Martin’s Town Hall hielt und der kurz darauf in „Die Welt“ veröffentlicht wurde. Man kann bereits den Zweifel erkennen, den Herzl mit seinem Roman hatte:

Mit dem Ende des Zionistenkongresses in Basel schien sich die Idee, den Roman zu veröffentlichen, sowie die allgemeine Idee des Romans in Herzls Kopf zu verfestigen, wie wir in der kurzen Mitteilung in „Die Welt“ vom 1. September 1899 lesen können:

Eineinhalb Monate später finden wir zum ersten Mal auch den Namen des Romans, ebenfalls in einer sehr kurzen Ankündigung:

Die folgenden zwei Jahre waren für Herzl sehr schwierig, da er sowohl mit seinem Roman als auch mit der Umsetzung seiner Idee kämpfte. Das nächste Mal, dass wir öffentlich von dem Roman hören, ist am 2. Mai 1902, kurz vor seiner Veröffentlichung:

Der Roman wurde tatsächlich in mehrere Sprachen übersetzt, wobei die ersten beiden absichtlich Hebräisch und Jiddisch waren. Die jiddische Übersetzung, die bereits 1902 in Warschau im Tzfira Verlag veröffentlicht wurde, trägt den Namen des Übersetzers „Dr. Is. El“. Das sind die Initialen des berühmten Arztes, Autors und jiddischen Literaturkritikers Israel Isidor Eljaschoff (1873 – 1924), auch bekannt als Ba’al Makhshoves.

Theodor Herzl – Altnayland. ha-Tsfira Drukh. Warschau, 1902. (J 109).

Die hebräische Übersetzung, ebenfalls aus dem gleichen Jahr, Ort und Druckerei des Jiddischen, trägt den einzigartigen Namen „Tel Aviv“. („Tel“ ist das hebräische Wort für vielschichtiger Siedlungshügel und „Aviv“ für Frühling), der später den Namen der Stadt Tel Aviv inspirierte. Die wunderschöne Übersetzung, die bis heute als Klassiker gilt, stammt von dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Pionier des modernen hebräischen Journalismus und hebräischen Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Nachum Sokolow (1859 – 1939).

Theodor Herzl – Tel Aviv, Defus ha-Tsfira. Warschau, 1902.
Oded Fluss. Zürich 19.5.2022

Vom Leuchter zur Menorah. Stefan Zweig und die jiddische Sprache.

"Ich bitte Sie, es mir abzunehmen, dass ich ein Stück weit Beschämung empfinde, dass ich zwar Jiddisch verstehe, es aber nicht aktiv beherrsche." Aus Stefan Zweigs Begrüssungsworten an das Exekutivbüro des Yivo, (Das jiddische wissenschaftliche Institut) in Wilna, 1938.  
Stefan Zweig – Yermiyahu. Übersetzt von Ch. Brakarz. Turem Verlag, Warschau, 1929.
Porträt von Zweig von dem Pariser Maler Henri Le Fauconnier (1881 – 1946). Das Originalbild ist verschollen.

Lange bevor Stefan Zweig in der hebräischen Leserschaft bekannt wurde, war er bereits in der jiddischen Leserschaft etabliert. Zugegebenermassen hatte er die jiddische Sprache nie gelernt, aber die Literatur, das Theater und die Kunst waren ihm durch deutsche und englische Übersetzungen gut bekannt. Zweig hatte auch viele ostjüdische Freunde und Bekannte wie Efraim Lilian, Schalom Ash, Moshe Nadir, Melekh Ravitsch und vor allem den in Brody geborenen Joseph Roth, mit denen er, wie viele Briefe zeigen, über die jiddische Kultur diskutierte. In einem Gruss an das Yivo-Institut anlässlich seines 13. Geburtstages, der auf Jiddisch in der März-April-Ausgabe 1938 der Yivo Blätter in Wilna erschien, beschreibt er seine sich gewandelte Einstellung zur jiddischen Sprache: „Zu meinem Bedauern bin ich selbst nicht in der Lage, Jiddisch zu lernen. Ich will Ihnen aber offen bekennen, dass ich – wie die Mehrheit der deutschen Juden – der Existenz, Wirksamkeit und Verbreitung der jiddischen Sprache lange Zeit mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüberstanden bin. Erst in den letzten Jahren, auf meinen Überreisen nach Nord – und Südamerika, ist mir bewusst geworden, wie unermesslich gross die Beharrungskraft des Jiddischen ist, vielleicht sogar ebenso gross wie die Kraft der gemeinsamen Leiden, und es ist, meiner Meinung nach, ein schwerer Fehler, wenn Juden ihre gemeinsame Sprache nicht schätzen, ihr nicht aufhelfen und ihre spezifische Geistigkeit nicht fördern. […] ich bitte Sie, es mir abzunehmen, dass ich ein Stück weit Beschämung empfinde, dass ich zwar Jiddisch verstehe, es aber nicht aktiv beherrsche. Ich hoffe nur, dass in der kommenden Generationen die Erkenntnis Platz greifen wird, dass das Jiddische das beste Mittel ist, die in den unterschiedlichen Ländern zerstreuten Juden zusammenzuhalten.“

Jiwobleter – The Monthly of the Yiddish scientific Institute. Wilna, März-April 1938.

Die erste uns bekannte Übersetzung von Zweig ins Jiddische, erschien in der Zeitschrift „Forward“ am 14. Februar 1926 kurz nach seiner ersten deutschen Veröffentlichung. Es handelt sich um eine Übersetzung von Zweigs bekannter Kurzgeschichte „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ (erstmals auf Deutsch in der Neuen Freien Presse am 25.12.1925 veröffentlicht). Sie wurde vom Dramatiker und Übersetzer Chone Gottesfeld (1890 – 1964) übersetzt.

„fir aun tsvantsik shtunden fun dem lebn fun a froy“ Forward, New York, 14.2.1926.

Gottesfeld übersetzte nur 35 Jahre später ein weiteres Werk von Zweig, das erneut im „Forward“ erschien. Diesmal war es die Kurznovelle „Brief einer Unbekannten“, die auf Jiddisch unter dem Titel „dray nekht“ (drei Nächte) veröffentlicht wurde. Fast alle anderen Werke von Zweig (Zweigs Buch „Romain Roland“ wurde 1929 von Isaac Bashevis Singer übersetzt und erschien in Warschau im „Bikhr“-Verlag) wurden nun von Chaim Brakarz (1899 – ?) übersetzt, einer etwas verschollenen Figur der jiddischen Kultur, die jedoch eine wichtige Rolle dabei spielte, Zweig bei seinen jiddischen Lesern zu etablieren.

Chaim Brakarz חיים בראקאזש Erklärung zum Beitritt in den Jüdischen Professionellen Artistenverein in Polen. Warschau, 7.9.1922.

Über Brakarz ist nicht viel bekannt, nicht einmal sein Todesjahr. Was wir jedoch wissen ist, dass er der offizielle jiddische Übersetzer von Stefan Zweigs Hauptwerk war, denn auf den in den von ihm übersetzten Zweig-Büchern steht auf Jiddisch „Autorisierte Übersetzung von Ch. Brakarz“. Aus einem Dokument, das in den Yivo-Archiven gefunden wurde, wissen wir auch, dass er Mitglied der Wilnaer Truppe war: ein Ensemble jüdischer Schauspieler, die Theaterstücke auf Jiddisch aufführten. Dieses Dokument enthält auch ein Bild von Brakarz aus dem Jahr 1922.

Stefan Zweig – „Derwachung“. Autorisierte Übersetzung von Ch. Brakarz. Brzoza Verlag. Warschau, 1928.

Die erste Übersetzung von Chaim Brakarz trägt den Titel „Derwachung“ und wurde 1928 in Warschau gedruckt. Es ist eine Übersetzung von Zweigs frühem Kurzgeschichtenbuch „Erstes Erlebnis“, das 1911 veröffentlicht wurde. Zweig gab diesem Buch den Untertitel „vier geschichten aus Kinderland“, der von Brakarz mit „ben hashmashot geshikhte“ übersetzt wurde, wörtlich „zwischen den Sonnen“ (das ist die halachische Bezeichnung für die Zeit zwischen dem Ende des Tages und dem Beginn der Nacht).
„Erstes Erlebnis“ ist Zweigs erster Teil der „Drei-Ringe-Anthologie“, einer Anthologie von Kurzgeschichten und Novellen, die Zweig zwischen 1911 und 1927 veröffentlichte.
Brakarz hat alle drei übersetzt, die zweite war „Amok“ 1929 im Warschauer Verlag „Turem“ (Im selben Jahr hatte er auch Zweigs „Jeremias“ im Turem Verlag veröffentlicht) und die dritte „Der plonṭer fun gefiln“, eine Übersetzung von „Verwirrung der Gefühle“, die erst 1942 in Josef Girshfeld Verlag bereits im Exil in Buenos Aires veröffentlicht wurde.

Die vielleicht wichtigste Zweig-Übersetzung von Chaim Brakarz wurde 1942 ebenfalls im Josef Girshfeld Verlag in Buenos Aires veröffentlicht: das Buch „Di bagrobene Menoyre“, eine Übersetzung von Zweigs „jüdischster“ Novelle „Der begrabene Leuchter“. Wir wissen, dass Zweig selbst in Erwägung zog, seine Geschichte „Menorah“ zu nennen (ein passenderer Titel für eine solche jüdische Geschichte), da er ein kurzes Stück der Novelle mit diesem Name im Jüdischen Almanach 5697 (1936) veröffentlichte.

Jüdischer Almanach auf das Jahe 5697. „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt in Prag (1936-1937).

Die Bedeutung dieser Übersetzung liegt in der Zeit ihres Erscheinens und darin, dass sie zum ersten Mal eine Einleitung von Chaim Brakarz zu seiner Übersetzung enthält, in der er auf den tragischen Tod von Stefan Zweig eingeht. Diese Einleitung, die 30 tage nach dem Tod von Zweig geschrieben wurde, ist ein faszinierendes Dokument, das sowohl Zweigs Beziehung zu seinem jiddischen Übersetzer als auch sein Verhältnis zur jiddischen Sprache beschreibt. Es fängt auch den Geist der Zeit in einer der schwierigsten Perioden der jüdischen Geschichte ein. Wir haben es ins Deutsche übersetzt und stellen es hier in vollem Umfang vor:

„Di bagrobene Menoyre“ ist nach dem dramatischen Gedicht „Jeremiyau“ das zweite große Werk von Stefan Zweig, das auf jüdischem Stoff basiert. Und es ist vielleicht mehr Zufall, dass diese beiden Werke, in denen der große Meister seine Ideen durch Symbole und Anspielungen zum Ausdruck bringt, in einem jüdischen Kleid erscheinen: Symbole – Anspielungen und Gleichnisse sind dem jüdischen Geist zutiefst vertraut und der Dichter Stefan Zweig, der sich formal und inhaltlich auf demselben hohen Niveau befindet, konnte so mühelos menschliche Inhalte in die jüdische Form einbringen.
Dies zeigt weiter, dass Stefan Zweig, der große Europäer, der Weltbürger, durch Bildung und Umwelt des zeitgenössischen jüdischen Volkslebens beraubt, dennoch tief innerlich, mehr als man auf den ersten Blick vermuten könnte, mit dem jüdischen Geist in höherem Sinne verbunden war. Es ist undenkbar, dass so hochmenschliche und zutiefst jüdische Werke wie „Jeremiyahu“ und „Di bagroybene Menora“ auf andere Weise entstehen konnten.
Dies sollte besonders in einer Zeit betont werden, in der dieses noch junge Grab eines tragisch verstorbenen Dichters verschiedenen Parteien ermöglicht, ungerechtfertigte und unbegründete Behauptungen über seine jüdische Gesinnung aufzustellen.
*
Und vielleicht gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen „Jeremiyahu“ und „Die bagroybene Menora“: So wie „Jeremiyahu“ der Aufschrei und Protest des Dichters gegen den Weltunsinn von 1914 war, so ist vielleicht „Di bagroybene Menora“, die einige Jahre vor der neuen Weltkatastrophe geschrieben wurde, die tiefe Prophezeiung der unvermeidlich bevorstehenden Katastrophe: „Di Bagroybene Menora“ beginnt mit der emotionalen Beschreibung, wie die Vandalen, die Barbaren, plötzlich und unerwartet in das Zentrum einer antiken Stadt stürmen und sie bis auf den Grund ausplündern und ausrauben.
*
Di bagroybene Menorah“ ist eine Symphonie aus Trauer, Zweifel, Verzweiflung und Hoffnung: Der schwierige Kampf des Göttlichen inmitten einer bösen, rauen Welt. Viele harte Wege und bittere Prüfungen müssen durch die Herrlichkeit der Menorah gehen und viele Inkarnationen müssen durch die Menorah selbst gehen, bis sie ihr Heiligtum erreicht. Nicht nur einmal wird sie brutal aus den Händen ihrer rechtmässigen Besitzer gerissen und ins Abseits geworfen; aber am Ende leuchtet sie nicht den starken Räubern, sondern den schwachen Beraubten; nicht in Rom und nicht in Byzanz, sondern in Jerusalem, von wo ihr Licht aufstieg.
Stefan Zweig hat diese menschliche Herrschaft in eine jüdische Form gegossen. Eine Form, die sich verwandelt und verselbständigt: das jüdische Schicksal, die ewige Not, das uralte Leiden in einer Welt der Bosheit und Ungerechtigkeit und die ewige Sehnsucht nach Licht und Gerechtigkeit – „Thora und Menora“ – dass dieses große Werk einen Ehrenplatz unter den Werken unserer großen Nationaldichter verdient.
*
Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Stefan Zweig dem jiddischen Übersetzer seiner Werke die Erlaubnis gab, seine Werke ins Jiddische zu übersetzen, und dies tat der weltberühmte Dichter mit wunderbarer Herzlichkeit und Freundlichkeit. Gelegentlich wies er den Übersetzer auch darauf hin, welche seiner Werke er als besonders geeignet für die Übersetzung ins Jiddische erachtete.
„Di bagroybene Menorah“ wurde 1936 von Stefan Zweig selbst in einem Manuskript an seinen jiddischen Übersetzer, den Autor dieser Zeilen, übergeben, mit dem Hinweis: „Das Buch dürfte die Juden interessieren.“ Leider war die Veröffentlichung der jiddischen Übersetzung von „Di bagroybene Menorah“ in Buchform aufgrund der Lage des jüdischen Verlagswesens erst sechs Jahre später möglich, und – ein trauriges Schicksal! Dreißig Tage nach dem tragischen Tod des Dichters.

Möge die Übersetzung von „Di Bagroybene Menorah“, die mit Treue und Liebe angefertigt wurde, ein bescheidener Rosenkranz auf dem frischen Grab des großen Meisters sein.
Buenos Aires, März 1942.
Der Übersetzer

Beinecke Rare Book and Manuscript Library.
Box 14 | Folder 176.

Obwohl wir keine Briefe von Zweig an Brakarz oder umgekehrt finden konnten, wissen wir, dass sie in Kontakt standen und dass Zweig sogar versuchte, Brakarz dabei zu helfen, einen Verlag für seine Übersetzungen zu finden. Dieser Brief von Zweig an den jiddischen Autor Shalom Ash zeigt Zweigs Bemühungen und seine Wertschätzung für Brakarz, den er als „einen der besten Übersetzer“ bezeichnete. Er zeigt auch, dass sich Brakarz bereits im September 1937 in Buenos Aires aufhielt und seine Adresse dort angab (Castelli, 383).

Stefan Zweig – Di Velt fun Nekhtn. Yidbukh Verlag. Buenos Aires, 1959.

Das letzte von Chaim Brakarz übersetzte Buch erschien 1959 in Buenos Aires im Yidbukh Verlag. Es ist die jiddische Übersetzung der berühmten Autobiografie von Stefan Zweig „Die Welt von Gestern“, hier unter dem Titel „Di Velt von Nekhten“. Wir wissen nicht, ob das Buch noch zu Lebzeiten des Übersetzers oder erst nach seinem Tod gedruckt wurde. In der Einleitung dieses Buches bittet der Verlag die Menschen um Hilfe und Unterstützung bei der Verbreitung und Förderung der jiddischen Literatur. Die jiddische Sprache war zu diesem Zeitpunkt auf dem absteigenden Ast und hatte viele Lesende an Englisch und Hebräisch verloren.

Stefan Zweig – Romain Roland. Übersetzt von Isaac Bashevis Singer. Bikhr Verlag, Warschau, 1929

Oded Fluss, Zürich 28.04.2022.

Von „Chad Gadja“ zu „Joggeli söll ga Birli schüttle“ – der Einfluss der Pessach-Haggada auf zwei Schweizer Kinderlieder

Als grösste jüdische Bibliothek der Schweiz liegt unser Hauptaugenmerk auf dem jüdischen Volk, der jüdischen Tradition und dem Judentum in der Schweiz. In diesem Sinne ist das Buch „Sammlung jüdischer Geschichten“ von Johann Casper Ulrich eines der wichtigsten Bücher in unserem Bestand. 

Johann Caspar Ulrich- Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727

Johann Caspar Ulrich ( 9. September 1705 in Steinegg, Thurgau; † 27. Februar 1768 in Zürich) ist vor allem als Pfarrer am Zürcher Fraumünster bekannt. Er studierte in Zürich und wurde im Alter von 22 Jahren zum Predigtamt zugelassen. Er schrieb seine Dissertation über „De 12 Fontibus et 70 Palmis ab Israëlitis in Elim repertis“ und setzte seine rabbinischen Studien bei jüdischen Gelehrten in Hamburg und Altona fort. 1730 erhielt Ulrich die Pfarrstelle von Uitikon, 1742 wurde er Diakon in der Heilig-Geist-Gemeinde in Zürich und 1745 Pfarrer am Fraumünster sowie Mitglied des Kirchen- und Schulrats. Hier kam er erstmals in Kontakt mit den Juden von Lengnau und Endingen im heutigen Kanton Aargau. Seine Faszination für die Juden und ihre Traditionen veranlasste ihn dazu, nach Dokumenten aus dem Mittelalter zu forschen, einer Zeit, die heute als die unbekannteste in der Geschichte des jüdischen Volkes gilt. Eifrig stellte er alle Informationen zusammen, die er finden konnte, und seine „Sammlung jüdischer Geschichten“, die 1768 in Basel gedruckt wurde, gilt als das erste Buch, das die Geschichte der Juden in der Schweiz erforscht.

Johann Casper Ulrich (1705 – 1768)


Sieht man von einigen unbedachten Sätzen ab, die eher dem Zeitgeist geschuldet sind, könnte man dieses Buch als Liebesbrief an die Juden der Schweiz lesen und als Versuch, die Bedeutung der jüdischen Tradition in der Schweiz und ihren Einfluss auf die Schweiz zu betonen.
In der Vorrede des Buches widmet er einen besonderen Teil seinen jüdischen Lesern, indem er sie als seine Brüder, die Söhne Israels, anspricht und sein Mitgefühl und Mitleid für ihre derzeitige Situation im Exil zum Ausdruck bringt. Dieser Teil zeigt seine gute Kenntnis der hebräischen und jüdischen Quellen (Ulrich war auch ein gelehrter Hebraist) und seine aufrichtige Liebe und Sympathie für seine jüdischen Freunde und Nachbaen.

Aus der Vorrede des Buches.


Es wäre müssig, alle Geschichten, Beispiele und Kuriositäten in diesem reichhaltigen Buch zu erwähnen, aber jetzt, da Pessach vor der Tür steht, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Teil zu lenken, in dem die Pessach-Haggada, genauer gesagt zwei sehr bekannte Lieder aus ihr, ins Spiel kommen und eine sehr interessante Verbindung zwischen einer alten jüdischen Tradition und zwei Schweizer Kinderliedern aufzeigen.
Im fünften Kapitel des Buches, das sich mit alten jüdischen Osterliedern befasst, versucht Ulrich zu zeigen, wie weit die Geschichte der Juden in der Schweiz zurückreicht und wie eng die Beziehung zwischen den jüdischen Kindern und den christlichen Kindern war: ”Wir haben noch bis auf den heutigen Tag in Zürich von den Juden, nebent denen bereits angeführten verschiedenen Denkmalen ihres ehmaligen Daseins noch andere eben nicht verachtens, würdige Documenta. Wir zehlen dahin verschiedene Lieder, Spiele, Redens, Arten, und Wörter die ganz jüdisch sind. Hier ist ein etwelcher Beweis welcher unsere Gedanken erklärt.”

Deutsche Übersetzung des חד גדיא Chad Gadia-Liedes.

Das erste Lied, das Ulrich zitiert, ist das bekannte Lied חד גדיא Chad Gadja (ein Zicklein, ein Zicklein) aus der Pessach-Haggada. Nachdem er die deutsche Übersetzung des Liedes gebracht hat, versucht Ulrich, die Wurzeln des Liedes mit Hilfe von Forschungsbüchern und der Korrespondenz mit seinen Freunden, von denen einige jüdischer Herkunft sind, zurückzuverfolgen. Zugegebenermassen erfolglos, geht er dann zu einer sehr interessanten Theorie über, die in diesem Buch zum ersten Mal vorgestellt wird und in der ein Vergleich zwischen dem bekannten „Zürcher“ Kinderlied „Joggeli söll ga Birli schüttle“ und dem Chad-Gadja-Lied gezogen wird. Laut Ulrich kann man den Ursprung des „Joggeli“ auf das Chad-Gadja-Lied zurückführen. Das, was heute jedes Schweizer Kind als „Jöggeli“-Lied kennt, wird im Allgemeinen Lisa Wegner (1858 – 1941) zugeschrieben, taucht aber bereits Anfang des 16. Jahrhunderts in der deutschen Literatur auf. Die hier von Ulrich vorgetragene Version ist kürzer und einfacher, als wir es gemeinhin kennen:

Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Liedern, insbesondere in der Struktur, sind kaum zu übersehen. Ulrich sieht darin einen Beweis für die frühe Begegnung zwischen Schweizer und jüdischen Kindern und die Interaktion zwischen den beiden, oder wie Ulrich es selbst ausdrückt: „[…] dieses Lied ehmalen unter unseren Burgers Kindern, die wie leicht zuerachten mit den Juden Kindern vielen Umgang gehabt, gar bekannt müsse gewesen sein […] So geht dieses Züricherische Kinder-Lied dem jüdischen Oster-Lied nach bis zum Ende, und beweiset so bis auf den heutigen Tag, dass die Juden hier in Zürich nicht nur gewohnt, sondern auch mit den Christlichen Burgeren gute Bekanntschaft müssen gemacht haben.“

deutsche Übersetzung des אחד מי יודע „Eins weiss ich“-Liedes

Ulrich hört hier nicht auf und bringt noch ein zweites Lied aus der Pessach-Haggada, von dem er behauptet, es sei die Quelle für ein weiteres Zürcher Kinderlied. Das besprochene Lied ist ein weiteres sehr bekanntes Pessach-Lied אחד מי יודע „Eins weiss ich“. Das Zürcher Kinderlied „Guter Gesell ich frage dich“, mit dem der Vergleich gemacht wird, ist heute offensichtlich weniger bekannt als das „Joggeli-Lied“, aber man kann davon ausgehen, dass es in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Ulrich sein Buch schrieb, ein bekanntes Kinderlied in Zürich war.

Es ist wieder leicht, die Ähnlichkeit zwischen den beiden Liedern in der Struktur zu erkennen und es wurde von Ulrich wieder als Beweis genommen, für eine Beziehung zwischen christlichen und jüdischen Kinder in Zürich. Diesmal sieht er es aber auch als Beweis für die lange Zeit, in der in Zürich Juden lebten, da dieses Lied seiner Meinung nach auf die Zeit vor der Reformation zurückgeht: „Ich sage wenn wir mit dem jüdischen Oster-Lied אחד מי יודע Eins das weiss ich, das so eben vorgetragene Züricherische Kinder-Lied vergleichen, so sehen wir ganz deutlich, dass es einer der ehrlichen alten zum Gebrauch der Christen-Kinder habe eingerichtet, es sei um die Juden damit zu vexiren, oder die Christen-Kinder, die dieses Lied zur Oster-Zeit gar östers von denen Juden-Kinderen, mit denen sie auf den Gassen herumgelaufen, und gute Bekanntschaft gemacht, gehört, denen es denn auch wol mag gefallen haben: (wie es denn auch für die Kinder, eben wie das Zicklein, eine artige Meloden hat) etwas bessers zu belehren. Sei denn aber wie ihm wolle, so ist einmahl dieses Kinder-Lied heimit ein Zeuge, dass ehedem Juden in Zürich gewesen, und zwarn der längstem, zumalen dieses Lied ganz gewiss vor der sel. Reformation aufgesezt worden, wie aus denen acht Stucken der Seligkeit, denen neun Chören der Engeln und denen eilf tausend Martyreren klar zu sehen.“

Der Abschluss der Vorrede des Buches mit christlichem und jüdischem Datum.

Diese Untersuchung von Ulrich und seine Schlussfolgerungen sollten natürlich mit Vorsicht genossen werden. Er gibt selbst zu, dass das, was er schreibt, auf unvollständigen Informationen und wenigen Dokumenten beruht. Dennoch ist es ein faszinierendes Dokument und an sich schon ein Beweis dafür, wie viel Interesse die Juden und ihre Traditionen in der Schweiz schon im 18. Jahrhundert erweckten sowie ein Versuch, sie der Schweizer Kultur näher zu bringen.

Rabbiner Goethe

„Wenn er aufwachte, kam er sich vor wie jener Deutsche, von dem der Dichter sagt: `Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.´“
„כיוון שננער רואה היה את עצמו כאותו גרמני שפייט עליו פייטנם ´הנה אנכי עומד אני שוטה עלוב, והרי אני חכם כמות שהייתי´.“
S.J Agnon – Gestern, Vorgestern ש.י עגנון – תמול שלשום

Es gibt eine bekannte Geschichte über den Rabbiner Zwi Hirsch Chajes, ein berühmter Rabbiner und Talmudlehrer, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Zolkiew lebte. 1832 wurde er in der Synagoge der Stadt gesehen, wie er mit verstörtem Gesicht still dasass. Als er gefragt wurde, was passiert sei, antwortete er: „Der Rabbiner ist gestorben! Rabbiner Goethe ist gestorben!
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war in der Tat eine Art Rabbiner, zumindest was die geistige Bewegung der Haskala (jüdische Aufklärung) und die Wiedergeburt der hebräischen Sprache angeht. Man ist erstaunt, wenn man hebräische Zeitschriften wie „Bikhure ha-Itim“ oder „Kokhave Izchak“ aufschlägt und schon ab 1825 eine Fülle von Versuchen findet, Goethe in die heilige Sprache zu übersetzen. Tatsächlich ist Goethe einer der meistübersetzten Dichter in die hebräische Sprache, an zweiter Stelle vielleicht nur nach Heinrich Heine, aber im Gegensatz zu letzterem war er kein Jude.

Zeichnung von Goethes Gedicht „Der Fischer“ von Max Liebermann.

Die Faszination der Juden für Goethe kann auf viele Arten erklärt werden. Erstens war (und ist) er einfach der bekannteste Dichter der deutschen Sprache. Zweitens wurden seine Ideen, die fast immer eine universelle Qualität hatten, von den säkularen Juden, die sich assimilieren wollten, begeistert aufgenommen. Sein ständiges Wiederauftauchen in der Bibliothek des Breslauer Rabbinerseminars bedarf jedoch einer etwas genaueren Erklärung; Goethe war natürlich stark vom Alten Testament beeinflusst, aber das waren fast alle grossen Dichter. Seine Bücher, wie andere Bücher der westlichen Literatur in unserer Sammlung (Platon, Homer, Sophokles, Shakespeare usw.) sind ein Beweis für die radikale Wende, die das Seminar bei der Ausbildung zukünftiger Rabbiner vollzog. Die Idee war, einen modernen Rabbiner zu schaffen, der genauso gut aus Goethe wie aus dem Talmud zitieren kann.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung 1867

Dies wird deutlich, wenn man die vielen Jahresberichte des Seminars aufschlägt und die Kurse untersucht, die es seinen Studenten anbot: Kurse, die von Talmud und Halacha über Homer und Platon bis Goethe reichen. Es ist also kein Wunder, dass die Bibliothek des Seminars Bücher anbot, die diese Kurse begleiteten, darunter einige echte Perlen:

Meir (Max) ha-Levi Letteris – Tofes Kinor ve-Ugav, Wien 1860. BH 3625

Das erste Buch, das wir besprechen werden, wurde 1860 in Wien gedruckt. Es ist eine Sammlung von Gedichten und Übersetzungen des hebräischen Schriftstellers, Dichters, Literaturforschers und Orientalisten Meir (Max) ha-Levi Letteris (1800-1871). Das Buch mit dem schönen Titel „Tofes Kinor ve-Ugav“, ein Teil eines Verses aus dem Buch Genesis („Der Stammvater aller Zither- und Flötenspieler“), ist einer der ersten Versuche, die klassische deutsche Poesie ins Hebräische zu bringen. Letteris, der ein großer Bewunderer Goethes war und drei Jahre später auch die erste hebräische Adaption des „Faust“ veröffentlichen sollte, brachte zwei Balladen von Goethe in das Buch ein: „Der Schatzgräber“:

„Arm am Beutel, krank am Herzen,

Schleppt’ ich meine langen Tage.

Armuth ist die größte Plage,

Reichthum ist das höchste Gut!“

Und „Der Fischer“:

„Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.“

Gehen wir chronologisch weiter zu einem Buch, das wir schon einmal besprochen haben, Jochanan Wittkowers 1880 in Altona erschienenen „Blüthenstrauss“ (אגודת פרחים)(https://breslauersammlung.com/2021/10/12/der-dichter-der-blumen-schrieb/). Dieses Buch, das eine unerschöpfliche Quelle für Gedichte, Epigramme, Legenden und Übersetzungen ist, ist in einer Form der Zweisprachigkeit gehalten und hebt so die Verbindung zwischen Deutsch und Hebräisch hervor.
Auch in diesem Buch finden wir viele von Goethes Gedichten, aber auch Epigramme, die ins Hebräische übersetzt wurden:

J. W. Goethe – Hermann und Dorothea, Übersetzt von Sh. Ben-Zion. Berlin, 1922. BH 282

Das dritte vor uns liegende Buch ist eine Übersetzung von Goethes „Hermann und Dorothea“, die 1922 in Berlin im Moriah Verlag erschienen ist. Dies ist schon die zweite Übersetzung des Buches, die erste wurde bereits 1857 unter dem Titel „Neweh Hazedek“ („Wohnung der Tugend“) in Warschau veröffentlicht. Während in der ersten Übersetzung des Buches versucht wurde, das Originalbuch zu verwischen und die Geschichte so „jüdisch“ wie möglich zu gestalten, versucht diese Übersetzung, so nah wie möglich an der deutschen Quelle zu bleiben. Diese Publikation enthält auch das berühmte klassische Gemälde von Wilhelm von Kaulbach (1805-1874), auch wenn es ihm nicht zugeschrieben wird.

Viele jüdische Gelehrte fühlten sich von der Geschichte von Hermann und Dorothea angezogen, da sie einerseits den universellen Zustand der Heimatlosigkeit beschreibt, andererseits aber auch stark vom Buch Rut inspiriert ist, indem Hermann den biblischen Boas darstellt und die ausländische Dorothea, die er zur Frau nimmt, Rut.

Unsere Ausgabe des Buches trägt einen Geschenkstempel von Lippmann Bloch (1849-1934), ein berühmter Spender unter anderem für das Breslauer Seminar und ein Zionist aus dem Kreis von Theodor Herzl.

Saul Tschernichowski „Schirim“ (Gedichte). Leipzig, 1923. BH13412

Einer der bekanntesten modernen hebräischen Dichter und Übersetzer ist Saul Tschernichowski (1875-1943). Auf der letzten Seite des letzten Kapitels eines Buches mit seinen Gedichten aus dem Jahr 1923 finden wir ein übersetztes Lied von Goethe. Obwohl das Gedicht ohne Titel ist, kann man leicht erkennen, dass es sich um Goethes bekanntes Gedicht „Über allen Gipfeln“ handelt:

Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Dieses Gedicht ist Goethes meistübersetztes Gedicht ins Hebräische und wurde mehr als 35 Mal in die hebräische Sprache übersetzt (Tschernichowski selbst hatte es fünf Mal übersetzt).
Salomon Mandelkern (1846 – 1902), ein ukrainischer Autor, Dichter und Übersetzer, nannte seine Übersetzung dieses Gedichts מנוחה „Menucha“ (Ruhe). Es erschien in seinem berühmten Gedichtband „שירי שפת עבר“ „Hebräische Gedichte“ im Jahr 1882.

Ein weiteres Gedicht von Goethe, das wir in diesem Buch finden, ist „Grenzen der Menschheit“:

„Wenn der uralte,
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät
Küss ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.

Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was underscheidet
Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sie dauernd,
An ihres Daseins
Unendliche Kette.“

Goethe war von der hebräischen Sprache begeistert. In seiner Autobiografie erzählt er von seinem erfolgreichen Versuch, seinen Vater davon zu überzeugen, sie zu lernen: „Ich eröffnete daher meinem Vater die Notwendigkeit, Hebräisch zu lernen, und betrieb sehr lebhaft seine Einwilligung: denn ich hatte noch einen höhern Zweck.“ Auch das Thema Übersetzungen faszinierte ihn und er las seine Werke gerne in anderen Sprachen. In dem Buch „Gespräche mit Goethe“ von Johann Peter Eckermann wird er mit den Worten zitiert: „‚Hermann und Dorothea‘ […] ist fast das einzige meiner grösseren Gedichte, das mir noch Freude macht; ich kann es nie ohne innigen Anteil lesen. Besonders lieb ist es mir in der lateinischen Übersetzung, es kommt mir in da vornehmer vor, als wäre es, der Form nach, zu seinem Ursprunge zurückgekehrt.'“ (18.1.1825). Und wir müssen uns fragen, was Goethe über seine hebräischen Übersetzungen geäussert hätte.

Pyramidenförmige Goethe-Statue des jüdischen Bildhauers Nat Smolin in der Bibliothek der Yale University – Forwart Magazin, 1932.
Oded Fluss 21.3.2022

„Das Herz Europas“ – Stefan Zweigs Schriften über die Schweiz

"...hier im natürlichen Zustand des Friedens war die edle
Abseitigkeit der Natur wieder natürlich geworden, und ich
liebte die Schweiz, wie ich sie nie zuvor geliebt." (Stefan Zweig - "Die Welt von Gestern")
Stefan Zweig – „Das Herz Europas – Ein Besuch im Genfer Roten Kreuz„, Max Rascher Verlag. Zürich, 1918.

In diesen Tagen, in denen sich Europa mitten in einem neuen Krieg befindet und die Frage nach der Schweizer Neutralität wieder diskutiert wird, bietet sich die Gelegenheit, in eine Zeit zurückzugehen, in der diese Neutralität nicht so zynisch gesehen wurde, wie wir sie heute verstehen: verbunden mit politischen Interessen, Angst und vor allem Geld. Stefan Zweig, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 80. Mal jährt, war in den Tagen während und nach dem Ersten Weltkrieg ein begeisterter Anhänger der Schweiz. Er sah sie als eine Insel der Vernunft, auf die es von ringsherum Wahnsinn regnete. Einige kurze unbekannte Texte, die er zwischen 1917 und 1918 veröffentlichte, und seine Novelle „Episode am Genfer See“, die 1919 erstmals erschien, erlauben uns, seine doch sehr naive Darstellung der Rolle der Schweiz in dieser Zeit und deren auf den Rest der Welt machenden Eindruck, zu untersuchen.

Stefan Zweig – „Das Herz Europas“. Neue Freie Presse, Wien, 1917.

Es scheint, dass Zweigs kurze Zeit in der Schweiz zwischen 1917 und 1919, in der er die Rolle des Genfer Roten Kreuzes untersuchte, ihn zu dem berühmten Pazifisten gemacht hat. In seinem Text „Das Herz Europas – ein Besuch im Genfer Roten Kreuz„, der am 23. Dezember 1917 in der Neuen Freien Presse veröffentlicht wurde, schrieb er: „Mögen andere die Schlachten schildern, Feldherren bejubeln, Kaiser und Herzoge rühmen – ich habe nichts gesehen in diesem Kriege, was mir wichtiger schiene, zu schildern, würdiger, erhoben zu werden, als das kleine Haus auf der Place Neuve in Genf”. Zweig beschreibt die zentrale Bedeutung dieses Ortes und die wichtige Rolle, die die Menschen dort übernommen haben:  “[…]in diesen drei Jahren, war es die Seele, war es das Herz Europas. In unsichtbarer Brandung strömt hier jeden Tag die Angst, die Sorge, die fragende Not, der schreiende Schrecken von Millionen Völkern heran. In unsichtbarer Ebbe strömt hier täglich Hoffnung, Trost, Ratschlag und Nachricht zu den Millionen zurück. Draußen, von einem Ende zum  anderen unserer Welt, blutet aus unzähligen Wunden der gekreuzigte Leib Europas. Hier aber schlägt noch sein Herz. Denn hier antwortet dem wahrhaft unmenschlichen Leiden der Zeit noch ein ewiges Gefühl: das menschliche Mitleid”.

Stefan Zweig – „Die Schweiz als Hilfsland Europas“ Donauland. Illustrierte Monatsschrift. Wien, 1918

Fast ein Jahr später, in seinem Text „Die Schweiz als Hilfsland Europas„, weitete Zweig sein Lob auf die gesamte Schweiz aus. Während der Rest der Welt seine ganze Energie für den Krieg verschwendet, ist es die Schweiz, die ihre “[…]Energie nicht zur Zertrümmerung, sondern zum Aufbau, nicht zur Verwundung, sondern zur Heilung verwandt wurde.” Nachdem er erneut das Genfer Rote Kreuz gelobt hatte, das von “Schweizer Bürgern begründet wurde. Und für sie, diese Millionen zu sorgen, über die Konventionen zu ihrem Schutze zu wachen, wäre schon Leistung genug gewesen.”, erwähnt Zweig einen etwas unterschätzten Akteur, der während des Krieges in der Schweiz tätig war und kaum Anerkennung fand, nämlich “die Postvermittlung, die sie – und das ist zu wenig bekannt – unentgeltlich, das klingt ein wenig dieses Wort, aber welche Resonanz hat es, welche ungeheuerliche Resonanz, wenn man bedenkt, dass die Schweiz in diesen vier Jahren fünfhundert Millionen Briefe, an 100 Millionen Pakete, 10 Millionen Postanweisungen umsonst befördert hat. Rechnet man den normalen internationalen Tarif dafür , so kann man wohl getrost sagen, dass die Schweiz durch den Verzicht auf jedes Entgelt den kriegführenden Staaten ein Geschenk von 100 Millionen Franken gemacht hat, abgesehen von der gigantischen Arbeit, die nur eine so meisterlich organisierte Postverwaltung bewältigen konnte, die Postverwaltung des Lands, in dem die internationale Weltpost begründet wurde und ihr Denkmal hat.” Auf poetische, zukunftsweisende Art, beendet Zweig den Text mit der Beschreibung der Schweizer Flagge: „Nie war das Schweizer Wappen – das weiße Kreuz auf rotem Grunde – so sehr das Symbol des Friedens inmitten des Bluts. Und in diesem Sinne wird eine zukünftige Menschheit immer diese Fahne grüßen.“.

Stefan Zweig – „Episode vom Genfer See“. Moderne Welt, Wien 1919.

In Zweigs Prosa finden wir diese Eindeutigkeit jedoch nicht. Obwohl das Motiv der Schweiz als Hilfsinsel auch in seiner Kurznovelle „Episode vom Genfer See“ vorkommt, tauchen die Schwierigkeiten, die Kulturkonflikte und die Unfähigkeit, die Welt von gestern hinter sich zu lassen, ebenfalls auf. Die Novelle, die erstaunlich aktuell ist, erzählt die Geschichte eines jungen russischen Soldaten während des Ersten Weltkriegs, der, desorientiert und erschöpft, von einem Fischer in der Nähe von Villeneuve aus dem Genfersee gerettet wird. Obwohl er von den Einheimischen freundlich behandelt wird, ist der Soldat völlig verzweifelt, da er die lokale Sprache nicht beherrscht. Als er schließlich den Manager eines örtlichen Hotels trifft, der Russisch kann, erzählt er seine tragische Geschichte, die eines Soldaten, der weder weiß, wo er ist, noch wofür er kämpft. Alles was er will, ist zu seiner Familie zurückzukehren. Als der Manager ihm erklärt, dass er in der Schweiz bleiben muss, da die Grenzen geschlossen sind, weigert er sich ungeduldig, das zu verstehen. Was folgt, ist eine Handlung, die sowohl als ein kläglicher und hoffnungsloser Versuch, dorthin zurückzuschwimmen, wo er herkam, als auch als ein vorsätzlicher Selbstmord durch Ertrinken interpretiert werden kann.

Es ist verlockend, das Ende dieser Geschichte als Vorahnung des eigenen tragischen Schicksals von Stefan Zweig zu sehen. Zweig, der sich als Flüchtling in Brasilien wiederfand, konnte sich nicht von seinen europäischen Wurzeln lösen. Er fand sich in einem Land wieder, in dem, obwohl er sicher und gut versorgt war, alles, was ihn ausmachte, seine Kultur, seine Sprache, keine Rolle mehr spielte. Seine berühmte Autobiographie „Die Welt von Gestern„, die er in den letzten Jahren seines Lebens schrieb, war vielleicht sein letzter Versuch, die Hoffnung auf die Zukunft aufrechtzuerhalten, indem er sich an die Vergangenheit klammerte. Die Schweiz in diesem Buch ist immer noch diese Idee „[…] des Beisammenseins der Nationen im selben Raume ohne Feindlichkeit, diese weiseste Maxime durch wechselseitige Achtung und eine ehrlich durchlebte Demokratie sprachliche und volkliche Unterschiede zur Brüderlichkeit zu erheben – welch ein Beispiel dies für unser ganzes verwirrtes Europa!“. Zweig wusste jedoch, dass die Schweiz des Ersten Weltkriegs nicht dieselbe war wie die des Zweiten. Viel rotes Blut würde um die Schweizer Insel fließen. Was blieb, war lediglich die Idee. Er hat sich für Brasilien entschieden, weil er die Hoffnung auf Europa als Ganzes verloren hatte, und aus demselben Grund, so nimmt man an, wählte er auch den Selbstmord.

Stefan Zweig – Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers , Bermann-Fischer Verlag. Stockholm, 1942
Oded Fluss, Zürich 8.3.2022

Stefan Zweig – Jüdische Wurzeln,  zionistische Blätter

"Wandervolk, Gottesvolk, 
blick in die Ferne! Blick nicht zurück!
Die verweilen, haben die Heimat,
Doch die wandern, haben die Welt!" (Stefan Zweig "Jeremias")

Stefan Zweig traf Theodor Herzl zum ersten Mal Anfang 1901. Der 20 Jahre junge Autor, hatte gerade seinen ersten Gedichtband veröffentlicht und wollte nun eine Bühne für seine Prosa finden. Den berühmten Feuilletonchef der „Neuen Freien Presse“ besuchte er, um ihm eine Kurzgeschichte zum Lesen zu geben. Vierzig Jahre nach diesem Treffen beschrieb er Herzl als: “der erste Mann welthistorischen Formats, dem ich in meinem Leben gegenüberstand – freilich ohne selbst zu wissen, welch ungeheure Wendung seine Person im Schicksal des jüdischen Volkes und in der Geschichte unserer Zeit zu erschaffen berufen war”. Zweig wurde in Wien als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie geboren und war weder religiös – er bezeichnete sich selbst als „Jude durch Zufall“ – noch zionistisch. Sein Treffen mit Herzl war jedoch ein entscheidender Moment in seinem Leben, denn zu Zweigs Überraschung las Herzl sein Manuskript unverzüglich und erklärte ihm kurz darauf: “Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß Ihre schöne Arbeit für das Feuilleton der ›Neuen Freien Presse‹ angenommen ist”. Seine Gefühle in diesem Moment beschreibt Zweig in seiner berühmten Autobiografie „Die Welt von Gestern“ mit dem Satz: „Es war, als ob Napoleon auf dem Schlachtfelde einem jungen Sergeanten das Ritterkreuz der Ehrenlegion anheftete.”. Dieser kurze Ausdruck fasst in gewisser Weise Zweigs Verhältnis zum Zeitgeschehen im Allgemeinen und zur zionistischen Bewegung im Besonderen zusammen. Er versuchte immer sich von der Gegenwart zu distanzieren und fand seine wahre Leidenschaft und sein Interesse in der Vergangenheit. Stets zog er das Ideale und Romantische dem Konkreten und Politischen vor. 

E.M Lilien – Stefan Zweigs Exlibris

Schon im Jahr 1903 hat Zweig in seiner Einleitung zum Buch über den Künstler Efraim Lilien (der auch sein Exlibris entworfen hat) eine eindeutige sowie romantische Vorstellung vom Wesen des Zionismus: “Man braucht ihn heute nicht mehr zu erklären. Er ist keine neue Idee. Seit tausenden von Jahren rauscht er im heimatlosen Volke. Aus den Liedern, die sich in Traurigkeit zu verlieren drohen, hebt er die silberne Stimme der Verheißung. In den Gebeten der Frommen an schlichten und festlichen Tagen flammt er als innigster geheimster Wunsch. In jedem gottergebenem Leben ist es die letzte und seligste Sehnsucht, das Haupt im Sterben auf den verlorenen Heimatsboden Jerusalems legen zu können.  Der Zionismus, der in der gewaltigen agitatorischen Person Dr. Herzls seine programmatische Gestalt gewonnen hat, ist nur das Banner, um das sich die Wünsche schmiegen, der ladende Ruf, der die Tausende um sich versammelt. Er hat das Judentum wieder bewusst gemacht, die schlafenden künstlerischen Werte geweckt, er hat in tausend Augen, die trostlos ins Dunkel starrten, das Sternbild einer realen Möglichkeit entzündet.”

„Die Welt: Zentralorgan der Zionistischen Bewegung“ , 6.12.1901

Obwohl Zweig Herzls Versuche ablehnte, ihn davon zu überzeugen, der zionistischen Bewegung als Mitglied beizutreten, fühlte er sich Herzl gegenüber verpflichtet. Es ist unbekannt und Zweig selbst hat es nicht öffentlich erwähnt, dass er in der Zeit, in der er in Herzls „Neue Freie Presse“ veröffentlichte, auch zwei Gedichte und eine kurze Novelle in „Die Welt“, der Hauptzeitung der zionistischen Bewegung, publizierte. Diese Veröffentlichungen haben natürlich einen jüdischen Inhalt. Die beiden Gedichte sind: „Spinoza“, das eine romantische Beschreibung des grossen jüdischen Philosophen darstellt und „Das Gericht“, das ebenfalls in Berthold Feiwels jüdischer Anthologie „Junge Harfen“ (1902) erschien und später in Zweigs Gedichtband „Die frühen Kränze“ (1906) mit einigen Änderungen unter dem Namen „Biblische Ballade“ veröffentlicht wurde und die Geschichte der Bestrafung der 250 Männer von Korach erzählt.

„Die Welt: Zentralorgan der Zionistischen Bewegung“, 11.10.1901

Interessant auch ist die kurze und bis heute ziemlich unbekannte Novelle „Im Schnee“, die als eine der beiden wahrhaft „jüdischen“ Geschichten Zweigs gilt. Sie wurde am 2. Aug. 1901 veröffentlicht und erzählt die bittere Geschichte einer jüdischen Gemeinde im Deutschland des Mittelalters. Die Menschen feiern gerade Chanukka, als plötzlich die Nachricht eintrifft, dass die Flagellanten, eine christliche Laienbewegung, die für ihre Grausamkeit gegenüber jüdischen Menschen bekannt war, auf dem Weg in ihr Dorf sind.  Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde beschliessen, ihr Dorf zu verlassen und zu fliehen. Sie schaffen es, dem Pogrom zu entkommen, finden aber im kalten Schnee den Tod.

Stefan Zweig „Im Schnee“. Mit Zeichnungen von Fritz Fischer
Verlag der internationalen Stefan Zweig Gesellschaft, Wien, 1963

Nur 36 Jahre später sollte Zweig eine weitere Geschichte mit einem starken jüdischen Thema veröffentlichen. 1937 erschien seine bekannteste jüdische Geschichte „Der begrabene Leuchter“ (Ein kurzer Teil der Geschichte erschien im Jüdischen Almanach 5697 unter dem Namen „Menorah“), die von Benjamin erzählt, einem einfachen jüdischen Jungen, der sein ganzes Leben damit verbringt, den heiligen Siebenarmigen Leuchter zu suchen und an seinen rechtmäßigen Platz in Jerusalem zurückzubringen. Die Geschichte hat ein etwas zionistisches Ende, denn der heilige Leuchter wird erfolgreich nach Jerusalem zurückgebracht, wird dort aber vergraben und wartet darauf, dass das jüdische Volk zurückkommt und ihn findet.

Stefan Zweig „Der begrabene Leuchter“
Herbert Reichner, Wien•Leipzig•Zürich, 1937

Ein paar andere Werke von Zweig, die erwähnt werden sollten, sind das Theaterstück „Jeremias“ (1917), das in Zürich uraufgeführt wurde und zu Zweigs Lebzeiten auch in Palästina im „Ohel“-Theater gespielt wurde. Das Stück, das biblische Motive verwendet und den Propheten Jeremias als Sprachrohr einsetzt, beschäftigt sich jedoch mehr mit Weltpolitik und Pazifismus als mit dem Judentum.
„Die Legende der dritten Taube“ (geschrieben 1915), die die unbekannte Geschichte der dritten Taube aus der Arche Noah erzählt, die in ihrer Unfähigkeit zu sterben oder Frieden zu finden dem Mythos des ewigen Juden ähnelt.
Und die Kurzgeschichte „Rahel rechtet mit Gott“ (1930), in der Rahel als Proto-Feministin dargestellt wird, die im Gegensatz zu ihrem Mann Jakob in ihrem körperlichen und gewissermaßen erotischen Kampf mit Gott erfolgreich ist und dem Volk Israel Frieden bringt.

Stefan Zweig „Jeremias“. Insel Verlag, Leipzig, 1918
Widmungsexemplar aus der Sammlung von Martin Dreyfus

2016 hat eine grosse Entdeckung von Zweigs Briefen in der Stadt Bat Yam in Israel mehr Licht auf seine Beziehung zum Judentum und zum Zionismus geworfen. Dieser Briefwechsel und andere Briefe über das Judentum wurden kürzlich von Stefan Litt in seinem Buch „Stefan Zweig – Briefe zum Judentum“ veröffentlicht. In einem Briefwechsel mit einem jungen Mann namens Hans Rosenkranz der Jahre 1921-1922 offenbart Zweig viele tiefe Einsichten: „Ich las gerade in diesen Tagen Theodor Herzls Tagebücher: wie gross war die Idee, wie rein, solange sie noch ganz Traum war, ungemengt mit Politik und Soziologie? […] ich erinnere mich noch an eine Stunde, wo er lange mit mir sprach (den er gewissermaßen ‘entdeckt’ hatte und den er mit einem seltenen Vertrauen trotz der Jugend ehrte) und ich ihm sagte, ich könnte nur ganz etwas tun und dies heisse: Alles andere aufgeben. Dazu hatte ich nicht die Kraft, ich hing zu sehr an der Kunst, an der Welt als Ganzem, um mich bloss einer Nation hinzugeben.” 

Stefan Zweig – Briefe zum Judentum. Hrsg. Stefan Litt
Suhrkamp / Jüdischer Verlag, 2021

In einem weiteren Brief an Rosenkranz erklärt Zweig sein doppeltes Verhältnis zum Judentum: „Was ich für den Einzelnen ablehne, ist nur, diese Blüte, diese Freude, diese collective Leistung als Stolz zu empfinden, stolz zu werden und hochmütig auf sein Judentum – man darf kaum auf eigene Leistung pochen, aber nie auf die einer selbst homogenen Masse (der deutsche Philister, der sich auf Goethe, der italienische Faulenzer, der sich auf Dante beruft, darf im geistigen Menschen kein Gegenspiegel haben.) Aber uns als minderwertig zu empfinden, am Judentum wie an einer Schuld, an einer ererbten Krankheit zu leiden, das ist ein gleicher Fluch – wir müssen mit amor fati unser Schicksal lieben und nie versuchen es uns wegzudiscutieren“.

Collage von Zweigs Porträts der Künstler: Frans Masereel, Walter Kornhas, Theodor Kern, Heinrich Rauchinger und Fred Dolbin.

Stefan Zweig nahm sich am 22. Februar 1942 zusammen mit seiner Frau im brasilianischen Exil das Leben. Zu Ehren seines 80. Todestages hat die Bibliothek der Israelitische Cultusgemeinde in Zürich eine Ausstellung eingerichtet, die bis zum 15. Mai 2022 zu sehen sein wird.

"Einmal bin auch ich ein Mutiger gewesen. Nur die Zeit und das Alter haben mich zum Zagenden gemacht. Verzeiht den Kleinmut meines Herzens! [...] Herr, ich will sterben. Was sparst du mich auf und weisst doch, ich will nicht mehr! Herr, Lass es genug sein! Ich habe verzagt, so wirf mich hinweg! Ich bin müde. Herr, ich will, ich kann nicht mehr! Herr, lass es genug sein! Herr, lass mich sterben!..." (Stefan Zweig "Der begrabene Leuchter").
Oded Fluss, Zürich, 22.2.2022