Der Dichter, der Blumen schrieb

Agudat Perachim „Blüthenstrauß“, Altona 1880 Breslauer Sammlung BH 8

„Nehmt hin, liebe Leser, diese anspruchslosen Blüthen…“

Jochanan Wittkower (1830-1889) war Dichter, Übersetzer, Lehrer, aber vor allem Hebraist. Sein Buch אגדת פרחים „Blüthenstrauss“, das er 1880 im Selbstverlag herausgab, fasst sein Lebens- und Liebesprojekt auf einzigartige und wunderbare Weise zusammen. Das Buch ist der hebräischen Sprache gewidmet und ist ein frühes Zeugnis für die Bedeutung jüdischer deutscher Gelehrter bei der Erneuerung der alten Sprache im 19. Jahrhundert.

Als Geschenk zugedacht, sollte das Buch vor allem die Leidenschaft der jungen Generation für die heilige Sprache wieder erwecken, oder wie Wittkower in seinem schönen Vorwort schreibt „Nicht Ruhmbegier oder Aussicht auf pecuniäre Vorteile veranlassen mich zu diesem Schritte, sondern unbegrenzte Liebe zu unserer heiligen Sprache und das aufrichtige Streben, diese Liebe auch im Herzen unserer Jugend, wo sie leider erkältet ist, wieder anzufachen.“ Als Hebräischlehrer in der jüdischen Gemeinde von Altona erklärt Wittkower die pädagogische Idee, die dem Aufbau des Buches zugrunde liegt: „…in meiner langjährigen Praxis als Jugendbildner hatte ich vielfach Gelegenheit, zu bemerken, dass Schüler sowohl, als auch Schülerinnen eine leichte Übersetzung trefflicher Kernsprüche in poetischer Form mit Freuden ihrem geistigen Schatze einverleibten und oft dadurch angeeifert wurden, sich in Ähnlichem zu versuchen.“ Diesem Verständnis folgend, enthält das Buch hauptsächlich Gedichte, Fabeln und kurze Artikel in einer zweisprachigen Form, bei der die Originalsprache auf der einen Seite und die Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite steht. Wittkower hat diese sowohl aus dem Hebräischen ins Deutsche als auch aus dem Deutschen ins Hebräische übersetzen lassen, was sich im Buch als eine umfangreiche Sammlung präsentiert, die von Gedichten von Goethe und Schiller bis zu Gedanken und Sprüchen aus Talmud und Midrasch reicht.
Um eine Vorstellung von dem reichen Inhalt des Buches zu vermitteln, geben wir ein Verzeichnis der einzelnen Abteilungen mit Beispielen aus jedem Bereich wieder:

Der erste Teil פרחי לבנון „Moral-Gedichte zur Erbauung und Belehrung“ betrifft hauptsächlich religiöse und moralische Themen und soll lehren, wie man ein ethisches Leben führt.

Der zweite Teil פרחי נעמנים besteht aus Gedanken und Sprüchen aus dem Talmud, sowie aus Sinn- und Volkssprüchen.

Der dritte und unterhaltsamste Teil פרחי שעשועים „Epigramme“ enthält ernste und erbauliche, aber auch scherzhafte und satirische Inhalte.

Dieses Gedicht wurde zum Gedenken an den Bruder des Autors geschrieben und sollte neben seinem Grab rezitiert werden.

Der vierte Teil, פרחי העתים „Gelegenheits-Gedichte“, besteht, wie der Name schon sagt, aus Gedichten und Sprüchen, die zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten verwendet werden sollen. Hier bringt der Verfasser Gedichte für fröhliche Anlässe wie Hochzeiten und Geburtstage, auch für traurige Anlässe wie Beerdigungen.

Zwillinge, die im selben Grab liegen: „Nackt sind wir zusammen aus dem Mutterleib gekommen, und nackt kehren wir zusammen in den Mutterleib [die Erde] zurück“. ein Gott hat uns beide geschaffen, wie könnte der Tod uns trennen? gemeinsam kehren wir dorthin zurück, woher wir gekommen sind, gemeinsam werden wir am Tag der Erlösung wiederkommen.

Der Anhang des Buches besteht aus zwei Teilen, die vielleicht die interessantesten und wichtigsten auch für Forschungszwecke sind. Diese beiden Teile: פרחי תמרורים „Grabschriften“ und פרחי זכרון „Grabschriften der auf dem alten Friedhofe zu Altona ruhenden Rabbinen und Gelehrten“ bestehen aus Texten, die der Autor von Grabsteinen abgeschrieben hatte. Diese sind manchmal anonym und der Titel lautet einfach „Mutter eines Kindes“, „Ehemann und Ehefrau“ oder „Grabstein eines Augenarztes“, aber manchmal, wenn es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelt, bringen sie den vollen Namen des Verstorbenen. Viele Fälle sind faszinierend, wie der Grabstein der „Zwillinge, die zusammen im selben Grab lagen“ oder der von Rabbiner Jonathan Eibeschütz, der seine eigene Grabinschrift schrieb.

Die Grabinschrift des Rabbiners Jonathan Eibeschütz, „in seiner eigenen Handschrift gefunden und auf seinem Grab präsentiert“.

In der Breslauer Sammlung findet man auch ein Buch, das dem Autor des hier vorgestellt Buches, Jochanan Wittkower, gehörte. Das Buch „Sefer Bechinot Olam“ „das Buch der Untersuchung der Welt“ wurde 1768 in Dyhernfurth [heute Brzeg Dolny in Polen] gedruckt und auf der ersten Seite des Buches findet man die handschriftliche Signatur von Jochanan BSL“Z (ben Scholomo Zalman) Wittkower. Altona.

Eine Selicha in Zeiten der Pest

Machzor nach polnischem Brauch. Altona, 1744. Breslauer Sammlung BH 1495

Plagen sind der jüdischen Geschichte nicht fremd, auch nicht in den hohen Zeiten der ‚Yamim Nora’im‘. Eine berühmte Geschichte handelt von Rabbi Israel Lipkin Salanter (1810 – 1883), dem Begründer der religiös-ethischen Schule ‚Musar‘. 1848 in Wilna während eines schrecklichen Ausbruchs der Cholera hat Salanter Essen und Trinken am Jom Kippur erlaubt. Als die Menschen sich weigerten, seiner Empfehlung zu folgen, ass und trank er öffentlich in einer Synagoge während der Jom Kippur-Gebete. Dieses Ereignis wurde von dem hebräischen Schriftsteller David Frischmann (1859 – 1922) in einer Kurzgeschichte mit dem Titel שלושה שאכלו „Von dreien, die gegessen haben…“ wunderbar verarbeitet. Eine deutsche Übersetzung der Geschichte, die in 1929 in dem Jüdisches Volkblatt erschienen ist, finden Sie hier:

Eine andere, nicht so bekannte Geschichte bezieht sich direkt auf eines der Bücher in unserer Sammlung. 1623 breitete sich die Windpockenplage in der jüdischen Gemeinde von Prag schnell aus und forderte viele Opfer, darunter auch viele Kinder.
Der Rabbiner der Gemeinde, Mosche Menachem Mendel (1574 – 1641), war ein berühmter Aschkenazi Rabbiner, der seine Frau durch diese Seuche verlor und eine besondere Selicha schrieb, in der er Gott um Vergebung und Hilfe bat.
Die Selicha, die als „פזמון בשעת המגפה ח“ו“ „Ein Pizmon [Chor] in Zeiten der Pest, Gott bewahre“ beschrieben wird, ist in Form eines Akrostichons geschrieben, in dem der erste Buchstabe jedes Satzes den Namen des Verfassers bildet.


Sie beginnt mit den Sätzen „Moschel ba-elyonim ata yadata et kol ha-tla’a. Shalit ba-tachtonim ha-shole’ach mazor u-refu’a“ „Herrscher des Höchsten, du hast all das Elend gekannt. Herr des Niedrigen, der Heilung und Gesundheit schickt“. Weiter wird jede einzelne Sünde beschrieben, die von der Gemeinschaft begangen worden sein könnte: Nichtbeachtung des Schabbat, ungerechtfertigter Hass, obszöne Sprache, Verunglimpfung des Namen Gottes usw. Diese Selicha ist aus der Gattung der „Pizmon“, was bedeutet, dass sie einen Refrain enthält, der sich nach jeder Strophe wiederholt. Hier kommt nach jeder Sünde der Vers: „ליי אלהינו חטאנו. אל נא רפא נא לנו“ „zu Gott haben wir gesündigt, bitte heile uns“.


Die Selicha ist weitgehend unbekannt und wurde in unserer Breslauer Sammlung in einem in Altona gedruckten Machzor von 1744 gefunden. Möglicherweise wurde sie wegen eines Ausbruchs der Beulenpest, die zu dieser Zeit in Europa grassierte, gedruckt.

Die wandernde Bibliothek

Diejenigen von Ihnen, die uns auf Instagram folgen, wissen, dass wir seit ein paar Monaten jeden Sonntag ein Exlibris veröffentlichen, dass einem jüdischen Buchsammler gehörte oder von einer/m jüdischen Künstler*in angefertigt wurde.
Das folgende Buch aus der Breslauer Sammlung erlaubt uns, unseren #exlibrissonntag mit unserem Blog zu verbinden. Das Buch „Herkunft und Gesinnung“ von Manfred Sturmann ist eine Sammlung jüdischer Gedichte, die 1935 in Berlin im Erich Reiss Verlag erschienen ist.
Obwohl der Band an sich sehr interessant ist, möchten wir uns eigentlich auf die erste Seite dieses Buches konzentrieren, die das wunderbare, expressionistisch anmutende Exlibris der „Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden“ trägt.

Manfred Sturmann – Herkunft und Gesinnung. Berlin, 1935. Breslauersammlung BD 3221

Das Projekt, das offiziell 1934 begann und vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ins Leben gerufen wurde, sollte die kulturelle Leere füllen, der viele jüdische Gemeinden, insbesondere die kleinen, ausgesetzt waren. Kulturelle Veranstaltungen und Zusammenkünfte waren den Juden in ganz Deutschland bereits untersagt. Bücher von jüdischen Autor*innen oder mit jüdischem Bezug wurden aus Geschäften und Bibliotheken entfernt und waren nur noch sehr schwer zu bekommen. Daher wurde versucht, die isolierten jüdischen Gemeinden irgendwie miteinander und mit ihrer Kultur in Verbindung zu halten. Einer der Wege, auf dem dieser Versuch unternommen wurde, war durch das jüdische Buch.

Hermann Schildberger, ein jüdischer Komponist und Dirigent, der einer der Anführer dieser Initiative war, schreibt 1934 „Diese notwendige und wichtige Ergänzung kann in umfassender Weise, durch das Buch geschehen. Es gilt daher, das jüdische Buch – jüdisch hier in einem ganz weiten Sinne gemeint – an den Einzelnen heranzubringen, insbesondere dort, wo bisher keine oder nur geringe Möglichkeiten bestanden, geeignete Bücher sich zugänglich zu machen“. 

Hermann Schildberger (1899-1974)

Zu diesem Zweck wurde eine ganz besondere Bibliothek gegründet. Die Bibliothek enthielt ursprünglich etwa 800 Bücher (unser Buch trägt die Nummer 425). Jedes dieser Bücher wurde von einer Gruppe professioneller Leute – unter ihnen Leo Hirsch, Hilde Marx, Kurt Pinthus und Kurt Walter Goldschmidt – sorgfältig überlegt und ausgewählt. Das Ziel war es, eine kleine Sammlung von Büchern zu schaffen, von denen die Bücher werden „aus allen wichtigen Gebieten jüdischen Wissens und jüdischer Bildung, abgestuft nach der Bedeutung und dem Interesse, das sie für den Leser haben, gewählt”. Die Leser würden also eine wichtige Rolle bei der Erweiterung der Bibliothek spielen, indem sie Bücher nach ihrem Interesse und Geschmack auswählen und bewerten würden.

Das Einzigartige an dieser Bibliothek ist, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Bibliotheken keinen festen Standort hatte. Das Exlibris, dessen Künstler unbekannt ist und dessen einziger Hinweis auf seine Identität die Initialen SLD sind, stellt dies auf wunderbare Weise dar, denn es zeigt ein Buch, das aus einem Davidstern gezogen wird.
Die Bücher, meist Spenden, wurden nach Berlin gebracht, dort in Kisten verpackt und an Vertrauensleute in ganz Deutschland verschickt. Diese hatten jeweils eine Kiste mit etwa 20 Büchern verschiedener Genres und Themen in der Hand. Sie waren dafür verantwortlich, die Bücher unter den Menschen in ihrem jeweiligen Gebiet zu verteilen. Die Leser hatten die Verantwortung, die Bücher nach einer bestimmten Zeit an den Vertrauensmann zurückzugeben. Die Buchkisten wurden regelmäßig unter den Vertrauensleuten getauscht. In ihrer Blütezeit umfasste die Bibliothek etwa 3000 Bücher. Ein sehr interessanter Katalog, der diese Bücher nicht nur auflistet, sondern auch eine kurze Beschreibung und eine Begründung dafür liefert, warum sie zu diesem sehr begrenzten und sorgfältig ausgewählten Bestand gehören, wurde 1937 vom Berthold Levy Verlag veröffentlicht.

Obwohl dieser Bibliotheksdienst nicht lange andauerte, zeigt er, wie wichtig den jüdischen Gemeinden Bücher auch in Zeiten grosser Not waren. Er zeigt auch, welche Anstrengungen die Menschen auf sich nahmen, um die jüdische Kultur am Leben zu erhalten.

Wie dieses Buch in die Breslauer Sammlung gelangte ist unbekannt. Es ist jedoch ein weiterer wichtiger Beweis dafür, dass ein Buch eine Geschichte erzählen kann, die sonst in Vergessenheit geraten würde.

„Die kleine Geographie“, ein Buch und eine Zeitkapsel.

„Bücher sind nicht tote Dinge, sondern enthalten eine Lebenspotenz, dazu angetan, so tätig zu sein, wie die Seele war, deren Kinder sie sind; ja, sie bewahren, wie in einer Phiole die reinste Wirksamkeit und Essenz des lebendigen Geistes, der sie erzeugte.“

John Milton
Ascher Rodin – „Die kleine Geographie“, Königsberg 1860. BH 170.

Ein Buch ist eine Zeitkapsel, es enthält Fakten, die zu der Zeit, in der es gedruckt wurde, stimmen. Es kann uns aber auch heute noch viel lehren.

Das Buch הגעאגראפיע הקטנה (die kleine Geographie), das vor uns liegt, wurde von Ascher Rodin geschrieben und 1860 in Königsberg gedruckt. Es ist ein schöner und etwas unbeholfener Versuch, die Welt zu beschreiben, geographisch, mit einem – noch – sehr begrenzten hebräischen Wortschatz. Wörter, die im modernen Hebräisch „aufgegeben“ wurden und schließlich ganz aus den europäischen Sprachen übernommen wurden, treffen hier auf höfliche Übersetzungsversuche: „Atmosphäre“, die im modernen Hebräisch einfach אטמוספירה ist, wird hier mit עיגול האויר „der Luftkreis“ übersetzt. „Republik“, das im modernen Hebräisch רפובליקה bleibt, wird hier als כנסיה, dem heutigen hebräischen Wort für Kirche, gebraucht. „Kontinent“, das im modernen Hebräisch יבשת heißt, wird hier in der schönen Übersetzung מצוק הארץ , „Kliff des Landes“ gebraucht.

Auch die historischen Fakten sind sehr interessant. Wir finden zum Beispiel „die Namen der aktuellen Könige Europas“: Alexander der Zweite, Napoleon der Dritte und Königin Victoria. Die Vereinigten Staaten, damit Sie es wissen, sind in zwei Teile geteilt: der nördliche Teil: „in dem es keine Sklaverei gibt“ und der südliche Teil, «in dem Sklaverei verbreitet ist» (das Land befand sich gerade am Rande des Bürgerkriegs).

Wir können nicht ohne die Schweiz enden, die hier als „Kirche“ mit 22 Kantonen vorgestellt wird. Sie teilt ihre Grenzen „mit Aschkenas, Italien und Frankreich“. Sie ist „das höchste Land in Europa und hat die höchsten Berge, die immer mit Schnee bedeckt sind“. Auf den Gipfeln der Berge ist die Luft «fade», aber in den Tälern „ist es angenehm und manchmal sogar sehr warm“.

Dieses Buch ist nicht nur inhaltlich eine Zeitkapsel, denn wenn man es aufschlägt, findet man einen einfachen Nachlass Zettel des Oberkantors Cerini (1860-1923). Dieser etwas italienisch klingende Name ist eigentlich ein Pseudonym von Salomo Itzik-ha-Kohen Steifmann (sein richtiger Name ist handschriftlich im Buch angegeben), der ein sehr berühmter Kantor und Opernsänger war.

Die Geschichte erzählt, dass in einem sehr frühen Alter Cerinis stimmliches Talent entdeckt wurde, und obwohl er erhebliche Hindernisse und Schwierigkeiten erlebte, um dieses Talent zu entwickeln, konnte er es bis zu einem Punkt großer Anerkennung, entfalten. Seine Gesangsausbildung erhielt er in kleineren Synagogen und später an verschiedenen anderen Orten, wo er für jüdische Musik und weltliche Musik ausgebildet wurde.  Einmal war er Mitglied im Chor der Neuen Synagoge in Berlin unter der Leitung des Chorleiters Louis Lewandowski. Er wuchs schnell zu einem bemerkenswerten Opernsänger heran und entwickelte eine sehr erfolgreiche Karriere als Opernsänger unter dem Pseudonym Cerini. Er beendete seine Karriere als Oberkantor der Breslauer Synagoge, der er später seine Bibliothek vermachte. Sein Sohn Hermann, der ebenfalls Kantor war und den Namen Cerini annahm, wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Die Kinder von Selmar Cerini: ganz rechts ist Hermann Cerini, der in Auschwitz ermordet wurde.
  • Alle Bilder von Selmar Cerini und seiner Familie wurden von selmarcerini.com übernommen

*Update 30.9.2021 :Professor Raphi Jospe aus Jerusalem, der Urenkel von Selmar Cerini, war so freundlich, uns weitere Informationen über das Familienbild zukommen zu lassen:

1) Wenn ich mich nicht irre, ist die Frau seine Tochter und ältestes Kind, Rosa. Sie war die Mutter meines Vaters (d.h. meine Großmutter), die nach dem Tod ihres Mannes Josef (ebenfalls Kantor) nach Berlin zu Josefs Brüdern in die Helmstedterstraße 23, ein „Judenhaus“, zog. Von dort aus wurden sie alle nach Auschwitz deportiert.
2) Der Vater meines Cousins Sherwin, Arthur („Tulle“), war das jüngste Kind; er befindet sich ganz links auf dem Foto.
3) Aufgrund des Altersunterschieds war Tulle, obwohl er der Onkel meines Vaters war, nur ein paar Jahre älter als mein Vater, Rabbiner Dr. Alfred Jospe (1909 Berlin – 1994 Washington, DC). Tulles Söhne Sherwin und Jeffrey sind, obwohl sie eigentlich Cousins meines Vaters sind, etwa in meinem Alter.
4) Sherwin und Jeffrey sind also die Enkel von Selmar; meine Schwestern und ich sind die Urenkel von Selmar.

Der Eisgang des Jahrhunderts im kleinen jüdischen Bona

Sipur Bekhi Neharot. Amsterdam, 1784 Breslauersammlung BH 130

Shimon aus Kopenhagen, der Autor des Buches „Sefer Or ha-Yashar“ (zur Geschichte der Cleve-Scheidung, die wir in unserem letzten Beitrag besprochen haben), hat ein weiteres historisch sehr bedeutsames Buch geschrieben.
Das Buch בכי נהרות „Bekhi Neharot“ (das Weinen der Flüsse), beschreibt ein unbekanntes historisches Ereignis aus dem Jahr 1784 in der Stadt Bona (Bonn), in der es eine kleine jüdische Gemeinde gab.
Der extreme Winter von 1783/1784 auf der nördlichen Hemisphäre, war Resultat einer natürlichen Klimaschwankung und gilt als einer der härtesten überhaupt in Mitteleuropa. Dieser harte Winter hatte den Rhein so gefrieren lassen, dass man mit schweren Wagen gezogen von Pferden und Eseln von einer Seite des Ufers, zur anderen reisen konnte. Das Tauwetter setzte aber so abrupt ein, dass der Rhein durch die Schneeschmelze über die Ufer trat und die kleine jüdische Siedlung fast vollständig überflutete.
Kopenhagen beschreibt wie die Menschen zunächst auf die Dächer ihrer Häuser stiegen, um dem Wasser zu entgehen, dann aber gemeinsam die Stadt verlassen mussten und in einem nahegelegenen Kloster unterkamen.
Die Synagoge der Stadt wurde ebenfalls völlig überflutet, und die Leute konnten die Torarollen gerade noch retten.

Das Proops Signet in der Mitte des Buches


Viele Mitglieder der kleinen Gemeinde verloren ihr Zuhause und einige von ihnen ertranken. Obwohl die christlichen Nachbarn nicht bereit waren Hilfe anzubieten, wurden die Behörden dafür hoch gelobt, dass sie der Gemeinde in ihrer Not geholfen haben.
Der Autor, ein grosser Gegner der aufklärerischen Bewegung, lässt es sich nicht nehmen, diejenigen, die er für diese Katastrophe verantwortlich macht, anzugreifen. Er warnt vor der „Stärkung der Säkularen und Häretiker“ und bittet „die Gläubigen und Söhne der Gläubigen“, jeden weiteren Kontakt mit „Religionsleugnern“ zu unterlassen. Er weist auf eine bestimmte Person hin, die ihm und seinen Lesern wohl bekannt war, zu dessen Identität er aber nur den Hinweis gibt: „ein Typ, der das Heilige verstümmeln und sich von der Tora lossagen will“.

Das Signet mit dem Aaronitischen Segen „So sollt ihr die Israeliten segnen“.

Das Buch wurde wunderschön von der Druckerei der Witwe und Waisen des berühmten Yaakob Proops in Amsterdam gedruckt. Die Namen der Orte, der Menschen und der Daten wurden in einer anderen Schrift, die der Handschrift ähnelt, übertragen und zum Teil ins Deutsche übersetzt.
Das ganz besondere Signet des Druckers, das zwei Hände und zwei Fische darstellt, wird im Buch dreimal abgebildet.

Eine der Seiten, die die beiden Schriftarten kombiniert
  • Am Ende des Buches bringt Shimon Baruch aus Mergentheim, der Sohn des bereits verstorbenen Autors, eine kleine Laudatio auf seinen Vater.
  • Adolf (Aron) Jellinek bringt in seiner קונטרס המקונן „Kontras ha-Mekonen“ (die Klugschrift der Klager. Wien, 1881) einer Klage mit einem alphabetischen Akrostichon, über die Überschwemmung von Bona, von Avraham ben Josef ha-Levi, einem Zeugen dieser Katastrophe (Seiten 63-65).
Das Signet am Ende des Buches

Die Kampfscheidung von Cleve

Moshe Rynecki – Ha-Get

Am 8.Elul 5526. (14. August 1766) heiratete Isaac (Izhak) – Sohn des Eliezer Neuburg aus Mannheim – Leah die Tochter von Jacob Guenzhäuser aus Bonn, nach einem scheinbar erfolgreichen Schidech (Heiratsvermittlung). Drei Jahre später schrieb Rabbi Aharon Shimon Yaakov Avraham von Kopenhagen, der an dieser Hochzeit teilnahm, das Buch ספר אור הישר „Sefer Or Hayashar“ (Das Licht des Ehrlichen), in dem die tragischen Folgen dieser Hochzeit beschrieben werden und die am Ende eine Kontroverse auslöste, die die rabbinische Welt des 18. Jahrhunderts bis ins Mark erschütterte. Sie wurde von da an als „ha-Get von Cleve“ bekannt. 

Aharon Shimon Yaakov Avraham von Kopenhagen – Sefer Or ha-Yashar, Amsterdam, 1769. Breslauer Sammlung BH 28

Bereits vor der Hochzeit zeigte der Bräutigam Anzeichen von Unzufriedenheit und Elend. Als er von der Braut und ihrer Familie danach gefragt wurde, führte er dies auf die finanzielle Notlage zurück. Am Sabbat nach der Hochzeit nahm der frisch vermählte Ehemann 94 goldene Kronen an sich und verschwand. Nach ausgiebiger Suche wurde er zwei Tage später im Haus eines Juden im Dorf Farenheim im Bett gefunden und nach Hause gebracht. Einige Tage später teilte er der Familie seiner Frau mit, dass er wegen einer grossen Gefahr, die ihn bedrohe, nun nach England auswandern müsse und nicht mehr in Deutschland bleiben könne. Er erklärte seine Bereitschaft, sich von seiner Frau scheiden zu lassen (er behauptete sie hätte den bösen Blick), um zu verhindern, dass sie zur Aguna (eine jüdische Frau, die in einer Ehe „steckt“, weil ihr Mann nicht bereit ist, sich von ihr scheiden zu lassen) werde. Nachdem man versucht hatte ihn daran zu hindern diesen Schritt zu tun, wurde sein Angebot von der Braut und ihrer Familie angenommen. Um einen Skandal zu vermeiden, wurde Cleve an der deutsch- niederländischen Grenze als Scheidungsort ausgewählt. Israel Eliezer Lipschütz, der Av Bet Din von Cleve, wurde bestimmt die Scheidung durchzuführen.  Drei Jahre später beschrieb er die Geschichte in seinem Buch ספר אור ישראל „Sefer Or Israel“ (Das Licht Israels).

Eliezer Lipschütz: Sefer Or Yisrael, Cleve 1769. Breslauer Sammlung BH 27

Nach einer kurzen, aber gründlichen Untersuchung, war Lipschütz überzeugt davon dass die Scheidung  notwendig ist und erklärte sich bereit, sie durchzuführen. Die Scheidung fand am selben Tag, dem 21. von Elul, statt. Am Abend verabschiedete sich Isaac von seiner Ex- Frau, aber sie drehte ihm den Rücken zu und weigerte sich, mit ihm zu sprechen. Er wurde zitiert, zu ihr gesagt zu haben: „Sei nicht gemein zu mir. Mit Gottes Hilfe werde ich bald den Kindern, die du von einem anderen Mann gebären wirst, Geschenke machen“. Leah kehrte nach Mannheim zurück und Isaac ging nach England, was das Ende einer kurzen und tragischen Ehe bedeutete.

Dies war jedoch erst der Anfang. Als Isaacs Vater von der Scheidung erfuhr, war er wütend. Er vermutete, dass die ganze Angelegenheit von den Verwandten der Frau erfunden worden war, um das Ketuba-Geld (jüdische Ehevertrag) von seinem Sohn zu erpressen. Er wandte sich an R. Tevele Hess aus Mannheim und erklärte ihm, dass sein Sohn Isaac psychische Probleme hatte und zum Zeitpunkt der Scheidung nicht wusste, was er tat. Hess fand die Erklärung des Vaters ausreichend und auch seiner Meinung nach war der Ehemann nicht gesund (meshuga), als er die Scheidung verlangte. Um das Urteil nicht alleine zu fällen, bat Hess den Bet Din aus Frankfurt und Naphtali Hirsch Katzenellenbogen aus der Pfalz, Eliezer Katzenellenbogen aus Hagenau und Joseph Steinhardt aus Fürth und bat sie um Bestätigung seiner Entscheidung. Der Bet Din aus Frankfurt unter der Leitung von Abraham b. Ẓevi Hirsch aus Lissau stimmte nicht nur zu, sondern bat Lipschütz selbst, den Get für ungültig zu erklären und Leah als noch verheiratete Frau zu proklamieren. Die Rabbiner von Pfalz, Hagenau und Fürth bestätigten jedoch Lipschütz‘ Get, erklärten die Scheidung für gültig und die Frau durfte wieder heiraten. Beide Seiten appellierten an fast alle bekannten rabbinischen Behörden der damaligen Zeit. Der Rabbi von Cleve erhielt die Unterstützung vieler führender Gelehrter der Generation, einschliesslich Saul b. Aryeh Leib Löwenstamm aus Amsterdam, Jacob Emden, Hesekiel Landau aus Prag, Isaac Horowitz aus Hamburg, David aus Dessau, Aryeh aus Metz, Elhanan aus Danzig, Solomon b. Moses von Chelm und zehn Gelehrte von der Klaus (Bet-Midrasch) von Brody. Der Frankfurter Bet Din war in seiner Opposition praktisch allein, weigerte sich jedoch, zurückzutreten. Der bewegende Geist im Streit war der Frankfurter Dayan Nathan b. Solomon Maas, auf dessen Initiative hin die Frankfurter Rabbiner sogar öffentlich und feierlich die schriftlichen Stellungnahmen der polnischen Rabbiner aus Protest gegen ihre Intervention zugunsten von Lipschütz verbrannten.

Dieser Streit dauerte Jahre, das unmittelbare Opfer war natürlich die Braut Leah, die sich mitten in einer halachischen Debatte befand, in der es nicht nur um den Geisteszustand ihres Mannes ging, während er einen Get gab, sondern auch um widersprüchliche Aussagen von autoritativen Personen aus verschiedenen jüdischen Gemeinden, die keine Einigung erzielen konnten. Eine unbestätigte Quelle behauptet, dass das geschiedene Paar schliesslich wieder geheiratet habe und dass bei der Zeremonie aus Rücksicht vor der Meinung von Rabbi Abraham von Frankfurt kein Segen gegeben wurde. Stattdessen soll der Bräutigam gesagt haben: „Mit diesem Ring bist du immer noch mit mir verheiratet“. Diese Geschichte, die sich in zwei Büchern aus der Sammlung Breslau entfaltet, ist ein seltenes historisches Dokument, das von zwei Männern geschrieben wurde, die an der vorliegenden Angelegenheit beteiligt waren. Durch einen bestimmten Vorfall gibt der Inhalt der Bücher einen Einblick in das jüdische Leben im 18. Jahrhundert und beschreibt aus erster Hand eine der berühmtesten halachischen Kontroversen der Zeit.

Seite 32 (לב) unserer Kopie des Buches. Normalerweise fehlt diese Seite.


Das Buch „Sefer Or Israel“ ist das einzige Buch, das jemals in der kleinen Stadt Cleve gedruckt wurde. Dies geschah insbesondere aufgrund der historischen Bedeutung des Ereignisses. Für den Druck mussten spezielle Ausrüstung und hebräische Buchstaben aus Amsterdam gebracht werden .
Aufgrund der Kontroverse wurden in vielen Exemplaren des Buches die beiden Seiten לא-לב , die die Frankfurter Rabbiner kritisieren, bewusst entfernt. Unser Buch enthält jedoch diese beiden Seiten.

נתן לי הבח‘ המושלם ר‘ דוד בהקצין התורני
בהר“ר יצחק איצק מנאך שבמדינת קליווא יע“א

In unserem Exemplar des Buches „Sefer Or Israel“ kann man eine Signatur des Vorbesitzers „Isaac Itzik von Cleve“ finden, wahrscheinlich der Enkel des Autors.
Auf der Rückseite findet man eine Handschrift, von der wir vermuten, dass sie dem Autor Simon von Kopenhagen selbst gehört, in der er einige der Personen lobt, die die Scheidung unterstützt haben. Erwähnt werden: Aryeh aus Metz und Saul aus Amsterdam.
Er schreibt sowohl in Raschi-Schrift als auch in Handschrift und zitiert viele Verse aus Tehilim und aus der Geschichte von Aharon ha-Kohen, als er dieser mit Öl für das Priestertum geweiht wurde, tropfte aus seinem Bart auch auf Moshe Rabenu Öl. Dadurch illustriert der Autor, wie die von ihm erwähnten Rabbiner ihr Wissen auch ihm verliehen haben.

להגיד כי ישר כשמן הטוב היורד על הזקן אהרן היורד על פי מדותיו שם משמעון
הוא הרב המחבר מו“ה שמעון אהרן קאפנהאגן יצ“ו והגאון המס“פ אור ישראל
ושניות מדברי סופרים הוא ספר אור הישר אור זרוע לצדיק ולי“ל [ולישרי לב] שמחה
המה ראשי המדברים להחזיק מגן תליו עליו כל שלטי הגבורים הגאון המפורסם
מ“ו זקיני מ“ו שאול נ“י אב“ד דק“ק אמשטרדם והגאון המפורסם מ“ו…[?] לונדון ז“ל
ובנו הגאב“ד מלונדן והגאון המפורסם מ“ו שאול ז“ל אב“ד דק“ק האג
והגאון המפורסם בעל שאגת ארי אב“ד דק“ק מץ

*Ich danke Yaakov Fuchs von der Manuskriptabteilung des NLI für seine grosse Hilfe bei der Entschlüsselung des handgeschriebenen Textes

Eine Titelseite voller Rätsel.

„Sefer Imre Bina“ (Worte der Einsicht) Berlin, 1784 (BH 93)

Die beste Freundin von Bibliothekar/innen ist die Titelseite eines Buches. Darin findet man normalerweise alle Informationen zum Buch: den Autor, den Ort und das Datum der Veröffentlichung, den Verlag usw. Manchmal, und besonders wenn es um alte Bücher geht, enthält die Titelseite noch mehr hilfreiche Informationen. In einigen anderen Fällen fehlen sehr wichtige Informationen vollständig. Am problematischsten, und dies geschieht aus verschiedenen Gründen, ist, wenn die Titelseite vollständig fehlt. In allen oben genannten Fällen müssen Bibliothekar/innen ihre normale Rolle als Katalogisierende und Archivierende aufgeben und die Detektivkleidung anziehen.
Das vor uns liegende Buch ist ein gutes Beispiel dafür, wie verfänglich eine Titelseite sein kann. Es gibt keine Informationen über den Verlag, den Drucker oder den Ort der Veröffentlichung. Ausserdem wird das Buch beschrieben, als aus einer alten Bibliothek stammend und dass darin „Haskamot“ ( Zustimmungen/ Imprimatur) von alten angesehenen „Geonim“ (Genies) enthalten sind. Der Autor des Buches bleibt ein Rätsel und wird nur durch das Wort „Pil’i“ (wunderbar, rätselhaft) erwähnt. Was uns bleibt, ist das Erscheinungsdatum, das in Gematrie auf das Jahr 1784 berechnet wird, und zwei sehr einzigartige Informationen: die erste eine Stempel aus einer unbekannten Quelle, die andere eine handschriftliche Widmung.


Die Widmung wurde in schöner Handschrift am Tag Dalet von Elul (ד‘ באלול) im Jahr (תקנ“א) 5551 geschrieben. Das ist der 3. September 1791. Der Empfänger ist Dov Beer Flies, „Führer der Adligen“, der Vater des Arztes Itzek Flies, aus Anlass des Hochzeitstages seines Sohnes mit der Tochter des „Nadiv“ Moshe.
Die Widmung ist nicht unterschrieben.
Eine schnelle Untersuchung im Berliner Adresskalender zeigt, dass es tatsächlich einen jüdischen Arzt namens Itzek Flies (manchmal Fliess) gab, der Mitte des 18. Jahrhunderts in Berlin lebte und Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin arbeitete. Sein Vater Dov Beer Flies wird ebenfalls als Einwohner Berlins erwähnt.
Öffnen wir das Buch „Geschichte der hebräischen Typografie“ von Chaim Dov (Bernard) Friedberg unter dem Kapitel „Berlin“, finden wir tatsächlich unser Buch, das 1784 „ohne den Namen des Druckers“ gedruckt wurde, in Berlin vom Drucker und wirklichen Autor des Buches Isaac Satanow (1732-1804) geschrieben.

Logo der Jüdischen Freyschule Berlin, 1779

Satanow war im 18. Jahrhundert ein sehr umstrittener Gelehrter und hebräischer Schriftsteller. Er war Leiter der Druckerei der Berliner Jüdischen Freyschule, einer Schule für arme jüdische Kinder, die stark von den Ideen der Aufklärung beeinflusst war und als erste jüdische Schule nichtreligiöse Themen unterrichtete. Satanow war auch als jemand bekannt, der Bücher schrieb, sie aber als Schriften präsentierte, die er gefunden hatte und die in der Antike geschrieben worden waren. Er tat dies sowohl, um seine Bücher wichtiger zu machen, als auch um darin bestimmte Meinungen zu vertreten, die zu dieser Zeit höchst inakzeptabel waren. Heute können wir auf ihn zurückblicken und sagen, dass er nicht nur umstritten, sondern auch eine der Schlüsselfiguren bei der Wiederbelebung der modernen hebräischen Sprache war. Sein wichtigstes und berühmtestes Buch „Mishle Asaf“ (Assaf’s Spruchweisheiten), das wie unser Buch als verlorenes Manuskript präsentiert wird, trägt die Namen: Itzek und Dov Beer Flies als Unterstützer und Finanziers. Wir können daraus den Schluss ziehen, dass die vorliegende Widmung von Satanow selbst für die Hochzeit seines Bekannten geschrieben wurde.

Wir haben bereits viele wichtige Details herausgefunden: den Namen des Autors und des Druckers, den Ort der Veröffentlichung sowie den Widmenden und seine Verbindung zum Gewidmeten.
Unsere nächste Herausforderung ist der Stempel. Es ist keiner, den wir aus anderen Breslauer Büchern kennen, und eine erste Suche nach ähnlichen Stempeln führt zu keinen Ergebnissen. Eine Sache, die klar ist, ist das Wort „ZYD“, das polnisch für „Jude“ ist. Wir wissen daher, dass wir im polnischen Kontext nach diesem Stempel suchen müssen. Nach vielen Versuchen und Anfragen in verschiedenen Foren stossen wir in einem Buch in der Yad va-Shem-Bibliothek auf einen ähnlichen Stempel.

Hier ist es etwas einfacher die Schrift zu erkennen, aber immer noch schwer sie vollständig zu verstehen.
Zwei weitere Wörter, genauer gesagt Abkürzungen, sind KAL, was für die polnische Stadt Kalisz steht, und KSIA, was wahrscheinlich eine Abkürzung für das polnische Wort „Ksiazka“ d.h „Buch“, ist.
Wir wissen, dass Kalisz eine sehr wohlhabende und wichtige alte jüdische Gemeinde hatte, die während des Holocaust vollständig ausgelöscht wurde. Dieser Buchstempel, der noch nicht ganz klar ist, gehört wahrscheinlich zu einer alten Bibliothek oder Synagoge dieser alten Gemeinde und ist ein sehr seltenes Zeugnis ihrer Existenz.
Die Buchstaben GR und SR im unteren Teil des Stempels bleiben uns unbekannt und ein Rätsel. Eine gute Annahme unserer Bibliothekarin Kerstin Paul ist, dass es das Bezirksgericht Kalisz (Sąd Rejonowy) sein könnte, das die gleichen Initialen und auch ein ähnliches Wappen hat, aber wir konnten es nicht überprüfen. Selbstverständlich würden wir uns wie immer freuen, wenn Sie uns helfen, herauszufinden, was diese Initialen bedeuten.

Logo des Bezirksgerichts (Sąd Rejonowy) Kalisz

*Update:
Auf Facebook hatte Stefan Litt, Bibliothekar und Archivar der Nationalbibliothek Israel diesen Kommentar hinzugefügt:

Bücher in Zeiten der Pest geschrieben

Bild aus dem Buch „Zur Hygiene der Juden“, Menorah Verlag. Wien, 1926

Es ist manchmal unmöglich, biografisches Material über die Autoren der Bücher in der Breslauer Sammlung zu finden. Die Mehrheit der hebräischen Schriftsteller in früheren Generationen gab uns keinen Hinweis auf Persönliches oder über die Ursache, die sie dazu veranlasste, ein Buch zu schreiben. Im Gegensatz zu dem, wie sich heute Autoren präsentieren und ihrer grossen Anstrengung, sich einen Namen zu machen und für ihre Bücher zu werben, haben die hebräischen Autoren der Vergangenheit ihrem eigenen Selbst und ihrer Biographie wenig Bedeutung beigemessen. Die Autoren haben sich fast immer selbst verkleinert, in dem sie stattdessen die Namen ihrer Rabbiner/Lehrer geschrieben und hervorgehoben und manchmal ihre eigenen Namen weggelassen haben.
Es ist daher immer eine Freude, einer historische Hinweis in einem Buch zu finden, der etwas Licht auf das Leben und die Person einer unserer Schriftsteller wirft, insbesondere wenn er unserer gegenwärtigen Zeit entspricht.
Bei zwei Büchern aus der Sammlung, die kürzlich hier in unserer Bibliothek katalogisiert wurden, stellte sich heraus, dass sie in einer Zeit der Pest geschrieben wurden. Wir alle wissen, dass man in einer solchen Situation aus seinem gewohnten Alltag heraus fällt und so haben unsere beiden Autoren beschlossen, dies in ihren Büchern zu erwähnen.

„Sefer Chesed le-Avraham“, Sulzbach, 1685. Breslauersammlung BH 334

Das erste Buch ist „Chesed le-Avraham“ (Gnade für Abraham). 1816 brach in Hebron die Pest aus. Der Kabbalist Rabbi Avraham ben Mordechai Azulai, der bereits während des dort stattfindenden Bürgerkriegs von Fès in Marokko in das Land Israel fliehen musste, floh später erneut nach Jerusalem, dann wegen des Ausbruchs der Pest von dort nach Gaza. In Gaza schrieb er das kabbalistische Buch „Chesed le-Avraham“. Er erzählt in der Einleitung über seine Erfahrungen: „Ich, der junge Abraham […] erinnere mich noch gut an die Tage der Vergangenheit, in denen ich in meiner Heimatstadt Fès, unter den Klügsten und den Grössten war […] Dann kam der Zorn Gottes und ich befand mich im Chaos, das Er in seinem Zorn verursachte und in dem Er die Stadt meines Vaters verspottete. Aus Druck und Angst verliess ich meine Stadt und mein Haus, frei von jeglichem Besitz und schwor in das Land Israel zu fliehen […] Ich habe nicht geruht, bis ich endlich Frieden in der Stadt Hebron gefunden habe. Dort habe ich mit Gottes Hilfe mein Buch „Kiryat Arba“ geschrieben, das ein Perush (Interpretation) des Sohars war. Und dann im Jahr 5379 [1618], dem Jahr der Vergeltung, haben wir alle um unsere Toten getrauert, die von der Hand Gottes getroffen worden waren, und ich und meine Familie flohen in die heilige Stadt Jerusalem. Aber Gottes Zorn hatte sich auch dort ausgebreitet und er plagte sein Volk […] und sie würden alle durch die Tore des Todes gehen. Ich wusste nicht mehr in welche Richtung ich fliehen sollte, also habe ich ein Gelübde abgelegt, da es eine Pflicht (Mizva) ist, in einer Zeit der Not […] ein Gelübde abzulegen. Gott hörte meinen Ruf und stoppte die Pest [. ..] Deshalb habe ich mein Buch aus zwei Gründen „Chesed le-Avraham“ genannt. Der erste Grund ist die Gnade, die mir Gott gab und daraufhin die Pest stoppte. Der zweite Grund ist, jedem zu danken, der dieses Buch aus Gnade liest, die er mir gab und mit der Hoffnung, dass dieses Buch ihm Gnade zurückgeben wird….“

Einleitung des Autors

Über eine andere Pest, die Anfang des 17. Jahrhunderts in Prag ausbrach, lesen wir in dem Buch „Amude Shesh“ (sechs Säulen), das erstmals 1617 von dem damaligen Av Beth Din (Herr des Gerichts) der jüdischen Gemeinde in Prag Rabbi Shlomo Ephraim Luntschitz veröffentlicht wurde.

„Sefer Amude Shesh“ Amsterdam, 1773. Breslauer Sammlung BH 1272

Sehr selten zu dieser Zeit, schrieb er in der Einleitung dieses Buches eine lange Biographie, wie es ihn von seiner Geburtsstadt Luntschitz nach Prag führte. Er beschrieb dann, wie er von Prag in die nahe gelegene Stadt Bischitz fliehen musste, wo er das Buch schrieb: „Und in diesen Zeiten, im Monat Tishre 5367 [1606], hatte Gott seinen Zorn über alle Nationen auf sie gesandt den ‚Dever‘ [Pest], bis alle aus Angst vor dem Tod geflohen sind und Israel auch unter ihnen ist und die Mehrheit unserer Gemeinde – und ich unter ihnen – in eine kleine Stadt namens Bischitz […] geflohen sind und in der Zeit von meiner Flucht, als ich frei von der Last meiner täglichen Pflichten war, schrieb ich jeden Tag meine Draschot [Predigten] auf ein Stück Papier.“.

Einleitung des Autors

Rabbi Luntschitz signierte sein Buch mit einer kleinen apologetischen Erklärung, die Gott von allen Fehlern befreit, und schrieb alles Schlechte den Sünden von ihm und seiner Gemeinde zu: „Dieses Buch hier soll zeigen, dass alles was uns bisher passiert ist, aus unseren eigenen Händen kam und nicht von Gott…“.

Inschrift des Autors

Eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz

„Zeit für die Klage / Zeit für den Tanz“ Kohelet 3,4

Als Bibliothekare raten wir unseren Lesern dringend, nicht in Bücher zu schreiben. Jedoch, manchmal kann von Hand Geschriebenes, dass wir in alten Büchern finden, als ein historisches Dokument dienen.
Aufgrund des Papiermangels, wurden viele der Bücher in der Breslauer Sammlung als Schreibfläche für ihre Vorbesitzer und manchmal für die Leser der Breslauer-Bibliothek verwendet. Die meisten Handschriften die wir finden, sind kleine Notizen und Erklärungen des Inhalts der Bücher, in die sie geschrieben wurden. In seltenen Fällen jedoch, und dies geschieht normalerweise auf der Vorder- oder Rückseite eines Buches, wird die Oberfläche als Notizblock oder Tagebuch verwendet und enthüllt als solche historische Ereignisse und Fakten, die sonst völlig vergessen worden wären.

Aus dem 1816 in Wien gedruckten Buch „אוצר השרשים“ („Otzer Haschoraschim“). Bresaluersammlung Signatur BH 43

Ein handschriftliches Dokument, dass in einem der Umchläge der Bücher der Breslauer Sammlung gefunden wurde, gibt uns einen Beweis aus erster Hand für die Familiengeschichte des 19. Jahrhunderts. In zwei Teile unterteilt: „עת ספוד“ („Eine Zeit für die Klage“) und „עת לרקוד“ („Eine Zeit für den Tanz“), ein Zitat aus dem dritten Kapitel des Buches Kohelet, enthält es eine Liste der Geburtstdaten und Todestage einer ganzen Familie.
Die Liste wurde in der Ich-Perspektive geschrieben, die einige der darin enthaltenen Nachrichten wirklich herzzerreissend macht. Zum Beispiel der Tod der geliebten Mutter, die den Titel „Meine liebe Mutter“ trägt und dem ein Zitat aus der Mischna angefügt ist: „חיב אדם לברך על הרעה כשם שהוא מברך על הטובה„(„Jeder ist verpflichtet, Gott für das Böse zu danken, genauso wie man Gott für das Gute dankt“).
Am tragischsten ist jedoch der Tod der erst siebenjährigen kleinen Tochter an einem Samstag (dem siebten Tag), der von dem Zitat aus dem Genesis-Buch „ויכל אלוהים ביום השביעי מלאכתו אשר עשה“ („Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, dass er geschaffen hatte“) begleitet wird.

Aus dem 1816 in Wien gedruckten Buch „אוצר השרשים“ („Otzer Haschoraschim“). Breslauersammlung Signatur BH 43


Die Liste der positiven Ereignisse bringt Geburtstage von Kindern und Enkelkinder hervor und zeigt, wie gross und fruchtbar diese Familie war.
Am Ende der Liste, finden wir eine Notiz in einer anderen Handschrift, die für uns die Identität der Person preisgibt, die beide Listen geschrieben hat. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Verwandter diese Liste gefunden und als letzte Anmerkung das Todesdatum unseres Autors hinzugefügt hat: der Arzt Max Kirski (Kierski), der am 6. April 1882 während des Pessachfestes starb und in Białogard begraben wurde.

Datum und Ort des Todes und der Beerdigung von Max Kirski (Kierski) in Hebräisch und Deutsch

Von Euklid bis zum Gaon von Wilna in einem Buch

Obwohl die Sammlung hauptsächlich aus religiösen Büchern besteht, zeigt sich die Einzigartigkeit der Breslauer Sammlung in den vielen nicht-religiösen Büchern, die sie enthält. In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag haben wir bereits die erste hebräische Übersetzung von Shakespeare besprochen, die in unserer Sammlung gefunden wurde («Ein aus Rache übersetztes Buch» 13.10.2020). Nun möchten wir jedoch ein Buch aus dem Bereich der exakten Wissenschaften vorstellen.

Sefer Oklidus (Das Buch Euklid), Haag, 1780. Breslauersammlung BH 32

Euklid von Alexandria(ca. 367–283 v. Chr.) war ein griechischer Mathematiker und gilt als Vater der Geometrie. Sein einflussreichstes Buch „Die Elemente“, befindet sich in unserer Sammlung in seiner ersten Übersetzung ins Hebräische. „Sefer Oklidus“ (Das Buch Euklid) wurde 1780 in Haag vom berühmten Drucker Leib Zusmench gedruckt und ist ein weiterer Beweis für den reichen und ungewöhnlichen Lehrplan, den man im Breslauer Rabbiner Seminar erlebt hat. Es war mehr als ungewöhnlich, dass Jeschiwa oder Rabbinerschulen etwas anderes als Tora und Halacha unterrichteten, aber die Tatsache, dass dieses Buch seinen Weg in die Bibliothek des Seminars fand, zeigt uns den innovativen Versuch, das Judentum dort zu modernisieren.

Baruch Schick von Shklov (1744-1808) der Übersetzer des Buches, war bekanntermassen einer der Pioniere der jüdischen Aufklärungsbewegung und der Erste, der aus dem Englischen ins Hebräische übersetzte. Mangels wissenschaftlicher Konzepte war es fast unmöglich, ein Buch, wie das, was uns vorliegt, zu übersetzen, ohne die Sprache neu zu erfinden. Baruch von Shklov war einer der ersten Erneuerer der modernen hebräischen Sprache, und dieses Buch ist ein lebendiger Beweis dafür. Interessant und verwirrend ist die Verwendung hebräischer Buchstaben als Zahlen.

„כפי מה שיחסר לאדם ידיעות משארי החכמות, לעומת זה יחסר לו מאה ידות בחכמת התורה, כי התורה והחכמה נצמדים יחד“

Eine äusserst interessante Sache wird uns in der Einleitung des Buches fast beiläufig mitgeteilt. Daraus erfahren wir etwas über die enge Beziehung des Autors zu niemand anderem als dem Gaon von Wilna (1720-1797), der diese Buchübersetzung nicht nur genehmigte, sondern tatsächlich darum bat. Das genaue Zitat des Gaons stammt von Shklov in seiner Einleitung und ist seitdem ein Zeichen seiner Weisheit und Offenheit: «Was einem Menschen an anderer Weisheit fehlt, wird ihm hundertmal mehr an Weisheit der Tora fehlen, weil die Tora und die Weisheit aneinander haften».

Rabbi Hirsch Baschwitz Besitzvermerk

Wie viele unserer Bücher trägt auch dieses den Besitzvermerk eines Vorbesitzers. diesmal ist es Rabbi Hirsch Baschwitz (1753-1837), ein Buchdrucker und Verkäufer, der 20 Jahre lang als Rabbiner für die Gemeinde Frankfurt an der Oder tätig war, da kein Rabbiner gefunden wurde, der diese Position besetzen konnte.

Eine kurze biografische Notiz über Euklide, handgeschrieben von Rabbi Hirsch Baschwitz