Lajser Ajchenrand – ein jiddischer Dichter in der Schweiz

Es war ein Mann im Lande Schweiz, mit Namen Ajchenrand. So sollte ein Beitrag über einen modernen Hiob beginnen. Und Lajser Ajchenrand, der jiddische Dichter, der alles durch den Nazi-Terror verloren hatte, ist tatsächlich ein Hiob. Nicht nur, weil er alles verlor, sondern auch, weil seine Dichtung ein ständiger Streit mit Gott war. Ein oxymoronischer, „einseitiger Dialog“, bei dem einer spricht und der andere nicht hört.


Ajchenrands Biografie ist wie seine Poesie: sie fasst das Schicksal eines ganzen Volkes zusammen und bleibt doch einzigartig und individuell. Er wurde 1911 oder 19121 im damaligen russischen Demblin in eine arme Familie hineingeboren. Sein Vater war Melamed (Religionslehrer), die Mutter eine einfache Hausfrau. Er hatte keine formale Ausbildung und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, um die Familie zu unterstützen. Mit 15 Jahren versuchte er sein Glück in Warschau und begann dort während seiner Lehre als Schneider, jiddische Gedichte zu schreiben. Im Jahr 1934 gelang es ihm, sein erstes Gedicht in der Warschauer jiddischen Zeitung ליטערארישע וואכנשריפט [Literarische Wochenschrift] zu veröffentlichen:

Wenn letzter Gassnlamtern derbrennt,
Tog zehenkt sich iber Gassn un Hoifn,
nehm ich meine hugerike Hend
un trug sei zum Verkoifn

Dieses Gedicht „Hend zum verkoifn“ (Hände zum Verkaufen) zeigt bereits Ajchenrands Genie, das Einfache und Alltägliche auf die höchste Stufe der Spiritualität zu heben. Es zeigt auch, wie Ajchenrand seine Poesie einsetzt, um Licht auf die Elenden und Ausgestossenen der Gesellschaft zu werfen; Poesie nicht zum Erheben, sondern zum Trösten und Erbarmen.

Kreidezeichnung Lajser Ajchenrand von Wladimir Sagal (1959)

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs beschloss er, seinem Bruder nach Paris zu folgen, wo er sich der Fremdenlegion anschloss. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde er aus unbekannten Gründen entlassen und flüchtete in das „freie Gebiet“ (Vichy). Dort wurde er verhaftet und in ein Konzentrationslager geschickt. Wie der Rest seiner Familie sollte er in die Gaskammern geschickt werden, aber im Gegensatz zu ihnen gelang ihm die Flucht in die Schweiz. Seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern und das Schicksal seiner Familie und seines Volkes sollten seine Poesie beherrschen. Er wurde zum Propheten ohne Volk. Ein verspäteter Prophet, der die Menschen vor dem erschreckte, was bereits geschehen war.

Und so erschien 1942 in der Schweiz ein seltsamer Vogel: ein Dichter, der keine erbaulichen Gedichte schrieb, sondern nur traurige und düstere. Ein gläubiger Dichter, der seinen Gott verloren hatte und dessen Gedichte fast alle seine Leser/innen nur in der Übersetzung lesen konnten. Dieser Vogel weigerte sich jedoch, mit dem Singen aufzuhören. Seine erste Buchveröffentlichung erschien 1945 im Zürcher Carl Posen Verlag. Der Gedichtband mit dem Titel „Wir verstummen nicht“ war ein Gemeinschaftswerk mit zwei anderen Exilanten: Jo Mihaly und Stephan Hermlin. Ajchenrand war der einzige, dessen Gedichte nicht auf Deutsch, sondern auf Jiddisch mit lateinischen Buchstaben gedruckt wurden.

NZZ 19.12.1946

Wie das Schweizerdeutsche ist der Grundton des Jiddischen der des Mitteldeutschen, was Ajchenrand wahrscheinlich half, das Schweizer Publikum zu erreichen. 1946 wurde sein Gedicht „Meine Mutter“ im Feuilleton der NZZ in einer zweisprachigen Form mit jiddischer und deutscher Übersetzung veröffentlicht. Das Gedicht beginnt mit der Widmung: „Allen vergasten Müttern”. 1947 wurde sein erstes Buch „Hörst du nicht“ im Zürcher Carl Posen Verlag ebenfalls in beiden Sprachen gedruckt.

Ajchenrand hatte immer darauf bestanden, neben der deutschen Übersetzung auch das jiddische Original zu bringen: “Im Deutschen wird alles härter; ein jiddisches Gedicht zu verdeutschen heisst dann immer gleich: es verhärten.”2 Für Ajchenrand bedeutet dies jedoch nicht, dass die beiden Sprachen nicht nebeneinander existieren können: “Jemand sagte, dass trotz der Verwandtschaft beider Sprachen die jiddische Poesie nicht zur Deutschen gehöre. Wir aber sangen: Die Sprache des Dichters erhebt sich über alle nationalen und sprachlichen Grenzen – wie der lebendig schwingende Rhythmus des ewigen Alls.” Die Übersetzung ins Deutsche würde ihm helfen, das deutsche Volk zu erreichen, an das seine Gedichte auch gerichtet waren:

און גיב גאט…
אז ווען אונדזערע מערדער
וועלן אין זיך אריינקוקן
זאל זיי אנכאפן א גרויל
.פון זיך אליין

…und gebe Gott:
wenn unsere Mörder
in sich hineinsehen,
soll es ihnen vor sich selber
grauen.

Welchen Eindruck Ajchenrand auf die Schweizer Bevölkerung und die Schweizer Kulturkreise machte, zeigt ein offener Brief an ihn, den der berühmte Schriftsteller Hermann Hesse am 8. November 1947 in der NZZ veröffentlicht hatte. Der Brief war ursprünglich an Ajchenrand selbst gerichtet, aber Hesse beschloss, ihn zu veröffentlichen, um Ajchenrand bei seinen Schwierigkeiten mit der Schweizer Fremdenpolizei zu helfen, aber auch um sich durch Ajchenrand an alle leidenden Juden zu wenden:

Sie wissen schon, daß ich von Ihren jiddischen Gedichten einen starken und schönen Eindruck habe. lch habe sie längst nicht alle gelesen, aber die, die ich lesen konnte, haben zu mir gesprochen. Wir Dichter haben, unter andrem, die Aufgabe, das von den Menschen unserer Zeit Erlittene auszusprechen, und das können wir nur, wenn wir es nicht vom Hörensagen, sondern aus eigenem Erleiden kennen. Ob das Aussprechen nun auf pathetische oder sentimentale, auf klagende oder auf witzige oder auf anklägerische Art geschient, es ist auf jeden Fall notwendig, und muß der Menschheit auf ihren unbeholfenen Kinderschritten der Entwicklung ein wenig helfen. Die heutige Größe des Leides gibt uns eine Solidarität, die alle Völker und alle Arten von Dasein und Leiden umfaßt. Das Unerträgliche muß zu Wort kommen, um vielleicht überstanden zu werden. Darin sind wir Brüder.
NZZ 8.11.1947

Ajchenrand war in seinem ganzen Wesen ein Dichter und so kamen auch beim Schreiben eines Briefes oder einer Widmung seine poetischen Fähigkeiten zum Tragen. In unserer Bibliothek und in einigen Antiquariaten in der Schweiz sind ein Paar dieser Gedichtwidmungen aufgetaucht. Diese sind manchmal so schön und poetisch, dass sie selbst in einen Gedichtband passen könnten. Aus diesen Widmungen haben wir zwei sehr schöne ausgewählt und stellen sie Ihnen hier vor:

Die erste Widmung findet sich in unserer Bibliothek in Ajchenrands erstem Gedichtband „Hörst du Nicht„, der 1947 in Zürich im Carl Posen Verlag erschien. Die Widmung ist an eine unbekannte Person gerichtet, die Ajchenrand als „die gute Mirjam“ bezeichnet, und ist auf Dezember 1946 datiert:

טיף אויס דעם לייד געהויבן
ברענט יעדעס ווארט ווי איין פאקעל
איינגעקרעצט אין אונזער שטערן דער גלויבן
!און צו טויזענזער יאר אויף גאלעס שוועל

tif oys dem leyd gehoybn
brent yedes vart vi eyn fakel
eyngekretst in unzer shtern der gloybn
un tsu toyzenzer yar oyf gales shvel!

Und wenn wir es wortwörtlich ins Deutsche übersetzen wollen:

Tief aus dem Leid gehoben
brennt jedes Wort wie eine Fackel
eingeritzt in unsere Stirn der Glaube,
zu tausend Jahren auf Exils Schwelle!

Die zweite Widmung finden wir in Ajchenrands Buch ממעמקים [Mi’ma’amakim] (Aus der Tiefe). Es wurde 1953 im di goldene Pave Verlag in Paris gedruckt und war das erste Buch von Ajchenrand, das in jiddischer Schrift veröffentlicht wurde. Die ebenfalls auf Jiddisch verfasste Widmung ist für Ajchenrands gute Freundin und Dichterin Jo Mihaly (1902-1989). Mihaly war eine der beiden Dichter, die ihre Gedichte zusammen mit Ajchenrand in dem 1945 in Zürich erschienenen Buch „Wir verstummen nicht“ veröffentlichten. In diesem Buch hatte Ajchenrand ihr bereits ein Gedicht gewidmet, aber für die Widmung in unserem Buch, die acht Jahre später entstand, hatte Ajchenrand ihr ein ganz anderes Gedicht geschrieben, das nie veröffentlicht wurde.

פאר יא מיהאלי

איך ווייס, מיר טרעפן זיך תמיד אין שווייגן
,ווו עס איז מער ני דא קיין אנהייב און קיין סוף
ווו דער פרולינג פון אונזערע בליקן וונשט זיך אויף שווייגן
און לעשט זיך מער ניט אויס אין וואך זיין אור אין שלאף

וווי מיר צינדן אן  ס’גזאנג דאס פארלאשענער פון שטערן 
;און זאמלען איין דער שטויב פון פארשוויגענעם דור 
און זעען ווו גאט שפיגלט זיך זיין פארגעסענע טרענן
.און בעהעלט מיט זין שטיל זיין אייביק-ערשטן קאיאר

וווי מלאכים זוכן דורך אונדז דער וועג צום לעבן
?און פרעגן בלויזיך, וואס איז נעכטן, וואס איז היינט
און ווייסן ניט אז ער האט אין טונקעלער רגע געגעבן
.די שטילע אייביקייט וואס אטמעט צווישן פריינד

Far Jo Mihaly

Ikh veys, mir trefn zikh Tamid in shveygn
vu es iz mer nit da keyn Anheyb un keyn Sof
vu der Fruling fun unzere Blikn vunsht zikh oyf shveygn
un lesht zikh mer nit oys in Vakh zeyn ur in Shlaf.

vi mir tsindn an s’gzang das Farlashener fun Shtern
un zamlen eyn der Shtoyb fun farshvigenem Dor; 
un zeen vu Gat shpiglt zikh zeyn fargesene trenn
un behelt mit zin Shtil zeyn eybik-ershtn Kaiar.

vi Malakhim zukhn durkh undz der Veg tsum Lebn
un fregn bloyzikh, vas iz Nekhtn, vas iz Heynt?
un veysn nit az er hat in tunkeler Rega gegebn
di shtile Eybikeyt vas atmet tsvishn Freynd.

Und auf Deutsch:

Für Jo Mihaly

Ich weiss, wir treffen uns immer schweigend,
wo es keinen Anfang und kein Ende gab
Wo der Frühling unserer Augen will schweigen
und verbringt seine Tage nicht mehr im Schlaf

Wo wir mit einem Gesang das Verblassen der Sterne erleuchten
und den Staub einer verschwiegenen Generation sammeln
Und sieh, wo Gott seine vergessenen Tränen spiegelt
und in seiner Stille sein ewiges erstes Abendrot behält

Wo Engel durch uns den Weg zum Leben suchen
Und frag nur, was war gestern, was ist heute?
Und weiss nicht, dass er in der dunklen Sekunde gab
die stille Ewigkeit, die zwischen Freunden atmet.
Hans Rippmann – Porträt Lajser Ajchenrand

Haben Sie auch eine Widmung von Ajchenrand in einem Ihrer Bücher? Wir würden uns freuen, wenn Sie sie mit uns teilen.3

Oded Fluss. Zürich, 26.1.2023

Der jüdische Verlag mit dem Hakenkreuz

Im „Giftschrank“ unserer Bibliothek – wo wir antisemitische Bücher und Dokumente aufbewahren – befindet sich eine kleine Broschüre, die 1925 im berüchtigten Hammer Verlag in Leipzig unter dem Titel „Der deutsche Buchhandel und das Judentum – ein Menetekel“ erschienen ist. Der Autor, der sich hinter dem Pseudonym „Lynkeus“ versteckt, ist eine eher obskure Figur namens Rudolf Linke.1. Sein „Menetekel“ ist die bekannte Verschwörungstheorie, dass die Juden den deutschen Buchhandel und Journalismus übernommen haben, um das deutsche Volk einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Sein angebliches Ziel in diesem Buch ist es, diese Juden zu entlarven, die seiner Meinung nach alles tun, um sich als solche zu verschleiern.

Die jüdische Mimikri sorgt dafür, dass in vielen Fällen aus den Namen der Firmen und Besitzer die Zugehörigkeit zum Judentum nicht hervorgeht: Der „verdächtige“ Vorname wird abgekürzt, der östliche Familienname, unter der passiven Förderung amtlicher Stellen, eingedeutscht, und wo dieses Ziel noch nicht ganz erreicht ist, da wählt man wohlklingende Firmenbezeichnungen, deren Neutralität zu durchschauen in den seltensten Fällen gelingen will. Zwar hilft mitunter der Name des Direktors, Geschäftsführers oder Prokuristen weiter, wenn es sich um eine Aktiengesellschaft oder eine G. m. b. H. handelt; es gibt aber grosse Konzerne, die ohne Angabe auch nur eines einzigen Eigennamens auszukommen verstehen. Sie werden schon wissen warum.

Das Buch stellt dann eine Liste mit über 200 Einträgen von Buchhandlungen, Buch- und Zeitungsverlagen und Antiquariaten vor, die sich im Besitz von Juden befinden, und „enttarnt“ sie als solche. Der Autor, der sich auf die berüchtigten und gefälschten zionistischen Protokolle stützt, behauptet eine „Entjudung“ und „Vergiftung“ der deutschen Kultur durch die jüdischen Buchhändler und möchte die „naiven“ Deutschen warnen, bevor sie bei ihnen kaufen.
Wie die meisten antisemitischen Bücher ist auch dieses kaum eine Erwähnung wert und enthält hauptsächlich grausame Lügen und Verleumdungen. Es gibt jedoch einen Eintrag in diesem Buch, der unser Interesse weckt, und sei es nur, um einen Ausgangspunkt für eine ziemlich rätselhafte Sache zu bieten.
Während die meisten Einträge sich damit begnügen, den Namen des Unternehmens, seinen Sitz und den Namen des jüdischen Inhabers anzugeben, sind einige ausführlicher und gehen auf spezifische Details ein. Unter dem Kapitel „Der Schönwissenschaftliche Verlag“, das sich mit Buchverlagen befasst, die Belletristik, Literatur, Poesie und Kunst publizieren, finden wir einen relativ langen Eintrag über den Georg Bondi Verlag:

Georg Bondi, Berlin. Inh.: Dr. phil. Georg Bondi.

Den Kern des Verlags bildet der Kreis der „Blätter für die Kunst“. Dessen geistiges Haupt, Stefan George, ist wohl kein Jude, aber das Judentum spielt in seinem Kreise eine unverhältnismäßig große Rolle: Hugo von Hofmannsthal, Ludwig Klages, Karl Wolfskehl, Leopold Andrian, Friedrich Gundolf (-Gundelfinger), gehören dazu. Die meisten dieser Autoren haben auch Bücher bei Bondi erscheinen lassen. — Als besonders taktlos muß es gerügt werden, daß sich der jüdische Verlag Bondi nicht scheut, auf den Einbänden der Bücher seiner jüdischen Autoren das arische Heilszeichen des Hakenkreuzes anzubringen.

Georg Bondi wurde 1865 in Dresden als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Er studierte Germanistik und promovierte in Leipzig. Dann begab er sich nach Berlin, wo er im Jahre 1895 den „Georg Bondi Verlag“ gründete. 1897 lernte er den damals noch eher unbekannten Dichter Stefan George kennen und fühlte sich, wie viele andere auch, sofort zu ihm und seinem Werk hingezogen. Der Bondi Verlag sollte der Hausverlag für Stefan George und seinen Kreis werden und entwickelte eine ganz eigene Ästhetik und einen Stil, der von gnostischen, mythologischen und kosmischen Motiven beeinflusst war und jede Publikation bis hin zum kleinsten Prospekt und Inserat verzierte. Dieser Stil passte zum eher esoterischen Gedankengut des George-Kreises, der oft als Sekte gesehen wurde, die ihrem ‚Meister‘, dem Propheten Stefan George, folgte – einem Mann, der sowohl ein genialer Dichter als auch ein sehr exzentrischer Mensch war.

Ähnlich wie Bondi selbst waren viele der Mitglieder des George-Kreises jüdischer Herkunft, aber meist assimiliert und nicht auf ihre jüdische Identität bedacht. Bondi hatte sich sogar öffentlich von seinem Judentum losgesagt, wie wir in einer kleinen Anzeige vom 13. Juli 1911 im „Israelitischen Familienblatt“ lesen können.

Das hielt die Antisemiten (auch innerhalb des George-Kreises) nicht davon ab, den „jüdischen Einfluss“ auf George, der als der deutscheste aller Dichter galt, und seinen Kreis zu kritisieren. Diese Kritik erhielt zusätzlichen Auftrieb durch das bereits erwähnte „arische Heilszeichen“, das der Bondi Verlag als Signet in vielen seiner Veröffentlichungen verwendete. Erschwerend kam hinzu, dass die erste Publikation, die das Hakenkreuz-Symbol trug, von dem Dichter und Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf (1880-1931) stammte, damals Stefan Georges rechte Hand und ein Jude.

Wie viele andere grafische Werke für den Georg Bondi Verlag wurde auch dieses Signet vom George-Kreis-Mitglied und begabten Künstler Melchior Lechter (1865-1937) entworfen. Dieses „Hakenkreuz“, oder besser gesagt diese „Swastika“, war eines von mehreren von Lechter entworfenen Signets und wurde speziell den wissenschaftlichen und biographischen Werken des George-Kreises zugedacht.

Verschiedene Signete des Georg Bondi Verlags

Das Design erschien bereits 1910, also bevor die Swastika von der nationalsozialistischen Partei als Symbol übernommen wurde und daher noch ein „unschuldiges“ Symbol war. Ursprünglich war die Swastika ein religiöses Kultursymbol, das vor allem in den verschiedenen antiken euroasiatischen, afrikanischen und amerikanischen Kulturen verwendet wurde; in der indischen Religion war es (und ist es immer noch) ein Symbol für Spiritualität und Göttlichkeit. Lechter liess sich auf einer seiner Indienreisen von diesem Symbol inspirieren und übernahm es, angeregt durch die kosmische Abteilung des George-Kreises (Alfred Schuler, Ludwig Klages, Karl Wolfskehl und Albert Verwey).

Die Kosmiker v. l. n. r.: Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Stefan George, Albert Verwey

In den 1920er Jahren, als das Swastika zum Hakenkreuz wurde, tauchten immer mehr Kritiker auf, die Stefan George und seinen Kreis mit der Nazi-Partei in Verbindung brachten2 und – wie wir oben gesehen haben – kritisierten, dass die Juden das Hakenkreuz benutzten, um sich zu tarnen. Dies veranlasste Georg Bondi, in seinem Verlagskatalog von 1927 eine Erklärung abzugeben, in der er dieses Problem ansprach:

Das Innenteil der vorstehenden Vignette wird vielfach fälschlich als „Hakenkreuz“ gedeutet. Demgegenüber sei festgestellt, daß dieses Innenteil schon seit 1910 auf Veröffentlichungen der „Blätter für die Kunst“ zu finden ist, und daß die obige Vignette in der jetzigen Gestalt seit 1916 den Werken der Wissenschaft aus dem Kreise der Blätter für die Kunst aufgedruckt ist. Als dieses uralte (indische) Zeichen im Oktober 1918 „Hakenkreuz“ benannt wurde und seinen heutigen Sinn bekam, konnte der Kreis der Blätter für die Kunst sein seit vielen Jahren eingeführtes Signum nicht abschaffen. Wer die unter diesem Zeichen veröffentlichten Bücher auch nur flüchtig kennt, dürfte wissen, daß sie mit Politik nichts zu tun haben.
Erstes Auftauchen der Swastika in Friedrich Gundolfs Übersetzung von Shakespeare’s „Coriolanus“ (Bondi Verlag, 1910).

Das Swastika-Symbol wurde von den Mitgliedern (Vor allem den Juden) des George-Kreises zunächst in seiner unschuldigen Bedeutung wahrgenommen. Sie hatten sich erlaubt, seine neu hinzugekommene Bedeutung zu ignorieren und zu verdrängen. Dies konnte jedoch nur kurz anhalten.3 Die Verwendung des Hakenkreuzes durch die nationalsozialistische Propaganda hatte es zu einem der berüchtigtsten Symbole der Menschheitsgeschichte gemacht und ihm seine ursprüngliche Bedeutung völlig beraubt.

Eine kleine Geschichte, die der Wirtschaftswissenschaftler Edgar Salin (1892-1974) in seinem Buch „Um Stefan George“ erzählt, bringt den tragischen Moment der Erkenntnis. Die Szene spielt nach der Beerdigung von Friedrich Gundolf, dem ersten aus dem Kreis, der die Swastika als dekoratives Element in seinem Buch hatte. Es ist Juli 1931 und Salin und Karl Wolfskehl, beide Juden aus dem George-Kreis, gehen über den Heidelberger Bergfriedhof und kommen ins Gespräch:

Dort auf dem Friedhof begann auch das Zeit-Gespräch, das nicht mehr abreissen sollte. Wir waren schon lange gewandert, hatten unter Tränen Erinnerungen getauscht und das Bild des Teuren so herzlich und stark beschworen, dass er im Geiste, wie einst im Leben, federnd und sprühend und beglückend mit uns schritt. Plötzlich blieb Wolfskehl mit allen Zeichen des Entsetzens stehen. Wir befanden uns in einer Reihe, in der einige Grabsteine neu errichtet waren, und der Blick des Blinden hatte einen Stein gesichtet, nein gewittert, den ein Hakenkreuz verunzierte. ,,Edgar! Das Zeichen!‘‘ stammelte er, ,,An heiliger Stätte verdrängt die Svastika das christliche Kreuz! Fort, fort, fort von hier“.

Oded Fluss. Zürich. 18.1.2023

Abraham Joshua Heschel als jiddischer Dichter.

Zu seinem 50. Todestag
Abraham Joshua Heschel (1907-1972)

Vor 50 Jahren starb einer der einflussreichsten und wichtigsten jüdischen Philosophen und Denker des 20. Jahrhunderts, Professor Rabbiner Abraham Joshua Heschel (1907-1972). Abraham Joshua Heschel wurde in Warschau als das jüngste von sechs Kindern geboren. Er stammte auf beiden Seiten seiner Familie von bedeutenden chassidischen Rabbinern ab. Nach einer traditionellen Jeschiwa-Ausbildung und dem Studium für die orthodoxe rabbinische Ordination (Semicha), promovierte Heschel an der Universität Berlin und erhielt die rabbinische Semicha an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Dort unterrichtete er Talmud und studierte bei einigen der besten jüdischen Pädagogen seiner Zeit. Ende Oktober 1938, als er in Frankfurt wohnte, wurde Heschel von der Gestapo verhaftet und im Rahmen der ‚Polenaktion‘ nach Polen deportiert. Dort verbrachte er zehn Monate damit, am Warschauer Institut für Jüdische Studien Vorlesungen über jüdische Philosophie und Tora zu halten. Sechs Wochen vor dem deutschen Einmarsch in Polen verliess Heschel Warschau in Richtung London. Heschels Schwester und Mutter wurden von den Nazis ermordet und zwei weitere Schwestern von ihm starben in Konzentrationslagern. Er kehrte nie wieder nach Deutschland, Österreich oder Polen zurück.

Abraham Joshua Heschel ca. 1945


Heschel kam im März 1940 in New York an. Er war fünf Jahre lang Mitglied der Fakultät des Hebrew Union College (HUC), der zentralen Hochschule des Reformjudentums, in Cincinnati. Im Jahr 1946 nahm er eine Stelle am Jewish Theological Seminary of America (JTS) in New York an, dem Zentrum des konservativen Judentum. Dort entwickelte er sein einzigartiges religiös-humanistisches und politisches Denken. Heschel hatte sich nie erlaubt, im Elfenbeinturm zu sitzen und betrachtete sein Denken als Teil des Lebens. In seinen politischen Aktivismus wurde er zur Stimme der Ungehörten; er war ein enger Freund und Kamerad von Martin Luther King in seinem Streben nach gleichen Rechten für Schwarze in Amerika und ein entschiedener Gegner des Vietnamkriegs. Beeinflusst von den biblischen Propheten, über die er auch sein erstes philosophisches Buch schrieb, war eine seiner Hauptideen der Dialog und die wechselseitige Interaktion zwischen Mensch und Gott: Der Mensch darf den Gräueltaten nicht tatenlos zusehen und ist verpflichtet, Gott bei der Schaffung einer besseren Welt zu „helfen“. Gott und Mensch sind voneinander abhängig und das Leid des Menschen bringt Gott Leid und vice-versa. Genauso wie der Mensch Gott sucht, sucht Gott den Menschen.

Ein paar seltene Bücher von Heschel aus unserer Bibliothek Bestand

Abraham Heschel wurde zu einem der bekanntesten und einflussreichsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts. Sein Gedanke sollte die Barriere der Religion durchbrechen und universell anerkannt werden. Unsere Bibliothek verfügt über zahlreiche Bücher von Heschel sowohl in deutscher, englischer als auch hebräischer Sprache, darunter seine frühesten Werke aus den 1930er Jahren und seine späteren Werke aus den letzten Jahren seines Lebens. Doch noch mehr Bücher, die über Heschel geschrieben oder von ihm direkt beeinflusst wurden, stehen in unseren Regalen und zeigen den immensen Einfluss, den sein Denken bis heute hat.

Es gibt jedoch einen Aspekt in Heschels Leben und Denken, der vielen unbekannt ist. 1925, vor seiner Ankunft in Berlin, ging der 18-jährige Heschel nach Wilna, um dort das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium zu absolvieren. Die Schule, die er besuchte, war das jiddischsprachige jüdische Realgymnasium, das von Leib Turbowicz geleitet wurde. Dort machte er Bekanntschaft mit der renommierten jiddischen Dichtergruppe יונג-ווילנע (Jung Vilna) und veröffentlichte 1933 sein eigenes jiddisches Gedichtbuch דער שם המפורש מענטש „Der Shem Hamefoyrosh: Mentsch“ [der ausdrückliche/ unaussprechliche Name: Mensch] .

Eine Anzeige auf der ersten Seite der jiddischen Zeitung „Haynt“ in Warschau vom 4. Dezember 1933.

Dieser Gedichtband ist mehr als alles andere ein biografisches Dokument einer sehr wichtigen Zeit in Heschels Leben Anfang der 30er Jahre in Wilna und Berlin. Darin schildert der junge Heschel mutig seine inneren Kämpfe mit zeitgenössischen Denkern, mit seiner chassidischen Herkunft, mit Gott und mit sich selbst. Hier wird zum ersten Mal Heschels einzigartige und aktive Herangehensweise an das jüdische Prinzip des Tikun Olam (Reparatur der Welt) dargestellt. Das Buch, der einzige Gedichtband von Heschel, wurde nie ins Deutsche übersetzt und wird überraschenderweise fast völlig übersehen, obwohl es viele von Heschels späteren Ideen und Gedanken enthält. Zu Ehren seines 50. Todestages haben wir beschlossen, eines der Gedichte aus seinem Buch ins Deutsche zu übersetzen, in der Hoffnung, dass dies andere dazu inspiriert, eine richtige Übersetzung dieses ganzen schönen Buches zu machen.

Das Gedicht איך און דו (Ich und du) ist das erste in diesem Band. Es kommt unter dem Kapitel „der mentsh iz heylik“ (der Mensch ist heilig) und steht im direkten Dialog mit Martin Bubers berühmtem Buch, das ebenfalls „Ich und du“ heisst. Wir finden hier einen Dialog zwischen Heschel und Gott, der nicht in Worten, sondern durch Gefühle geführt wird. Auffällig ist die direkte Beziehung, ja fast Identität, die Heschel zwischen Gott und Mensch herstellt. Im Gegensatz zur üblichen religiösen Poesie, in der der Sprecher die Hilfe und den Trost Gottes sucht, erscheinen hier Mensch und Gott als austauschbar; beide teilen Körper, Leiden und Träume. Sie sind in voller Synergie, wechseln ständig die Rollen und sind gleichermassen für einander verantwortlich.

Oded Fluss. Zürich, 5.1.2023

Ein zweisprachiges Geschenk

Viele der Bücher in unserer Bibliothek sind Geschenke von Spender/innen und Leser/innen. Diese kommen normalerweise persönlich, schicken eine E-Mail oder rufen uns an und fragen, ob wir an diesem oder jenem interessiert sind. Es gibt aber auch Fälle, in denen ein Buch anonym vor dem Eingang der Bibliothek abgelegt wird, in der Hoffnung, dass es von unserer Bibliothek „adoptiert“ wird. Vor ein paar Monaten wurden zwei schöne hebräische Kinderbücher auf diese Weise vor unserer Bibliothek hinterlegt. Wie immer in solchen Fällen haben wir geprüft, ob diese Bücher bereits in unserer Bibliothek vorhanden sind und in unseren Bestand passen. Stellen Sie sich unsere Überraschung vor, als wir die Bücher aufschlugen und feststellten, dass die Bücher nicht nur von der Autorin/Illustratorin Mariam Bartov signiert waren, sondern auch vollständig von ihr handschriftlich ins Deutsche übersetzt worden waren.

Mariam Bartov (1914-2012)

Mariam Bartov (1914-2012) war eine deutsch-israelische Künstlerin und Kinderbuchautorin. Im Sommer 1914 in Hamburg geboren, verlor sie in ihrer frühen Kindheit ihre Mutter und zog zu ihren Grosseltern nach Berlin. Schon als kleines Mädchen zeichnete sie hervorragend und studierte später an der Berliner Kunsthochschule. Noch bevor sie ihr Studium abschliessen konnte, wurde sie 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft von der Kunstschule verwiesen. 1935 beschloss ihre Familie, vor den Nazis nach Argentinien zu fliehen, doch sie als junge Zionistin entschied sich, nach Palästina zu reisen und sich einem Kibbuz anzuschliessen.

Ihre Kindheitsgeschichte erzählte sie kurz in einem kleinen Beitrag zusammen mit ihrem Selbstporträt in „ספר המאיירים הגדול“ [Das grosse Buch der Illustratoren]:

Ich hatte eine sehr einsame Kindheit im Haus meines Grossvaters erlebt. Meine Mutter starb, als ich vier Jahre alt war. Ich ging nicht in den Kindergarten und hatte keine Spielkameraden. Einmal kam ein Soldat zu uns nach Hause, um nach Waffen zu suchen. Das war 1920, zwei Jahre nachdem der Krieg zu Ende war und es Zivilisten nicht erlaubt war, Waffen in ihrem Haus aufzubewahren. Meine junge und anmutige Tante Trude flirtete mit dem Soldaten und „half“ ihm bei seiner Suche. Später fand ich heraus, dass das alles nur ein Ablenkungsmanöver war, denn in einem Schrank über dem Badezimmer war die Waffe meines Onkels versteckt. Der Soldat hatte mir grosse Angst eingejagt und ich zeichnete ihn so: [siehe Bild]. So begann meine Kunstkarriere.

Mit ihren geschickten Händen arbeitete sie zunächst als Spielzeug- und Puppenmacherin, während sie in der Zwischenzeit ihre ganz eigene Kunstform entwickelte. Mit Scherenschnitten, Holzschnitten und Glas wurde ihre Kunst vom deutschen Expressionismus und Bauhaus beeinflusst, wobei sie sich auf einfache Materialien und wenige Farben beschränkte.

1949 schrieb und illustrierte sie ihr erstes Buch: עליקמא הקטן Alikama ha-katan, nach einer Geschichte, die sie ihren Kindern mit Handpuppen erzählte. Dieses Buch wurde zu einem Klassiker unter den israelischen Kinderbüchern und Bartov sollte im Laufe ihres Lebens noch viele weitere Kinderbücher schreiben und illustrieren. Als einzigartige und bahnbrechende Künstlerin erhielt sie 1986 vom israelischen Nationalmuseum eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk, der ihr vom damaligen israelischen Präsidenten Chaim Herzog überreicht wurde. Ihre Kunstwerke sind auch heute noch sehr begehrt.

Die beiden Bücher, die in unserer Bibliothek gelandet sind, sind צפור השמחה (Tzipor ha-simcha) übersetzt von Bartov in „Freude-Vogel“ und מעשה בצמר פלא (Ma’ase be-tzemer pele) übersetzt in „Die Wunderwolle“. Wie in den Büchern angegeben, wurden beide von Mariam Bartov selbst 1997 übersetzt und einem Mädchen (oder einer Frau) namens Anni gewidmet (dieser Name ist der einzige Hinweis, den wir auf die Identität der Spenderin der Bücher haben). Das Besondere an unseren Exemplaren der Bücher ist, dass man auf jeder Seite neben dem gedruckten hebräischen Text auch Bartovs deutsche handschriftliche Übersetzung findet.

Unsere Bibliothek, die sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, die Verbindung zwischen der deutschen und der hebräischen Sprache wiederherzustellen, hätte nicht glücklicher sein können, diese wunderbaren, einzigartigen Bücher zu bekommen. Wir laden unsere deutschen und hebräischen Leserinnen und Leser ein, diese Bücher von rechts nach links oder von links nach rechts zu lesen und die wunderbaren Geschichten und Zeichnungen von Mariam Bartov zu geniessen.

Oded Fluss. Zürich. 29.12.2022

Das Volk allein, dem es geschah, das feiert lieber Chanukah.

Siegfried Altmann; Erich Mühsam; Theodor Herzl; Abraham Reisen; Arno Nadel.

Es gibt wohl keinen anderen jüdischen Feiertag, der durch seine vielen Lieder so bekannt ist wie Chanukkah. Auch diejenigen, die kein Wort Hebräisch sprechen, können Lieder wie נר לי נר לי „ner li, ner li“ oder סביבון סוב סוב סוב „sevivon sov sov sov“ auswendig zitieren und natürlich wird das bekannteste (und zugleich unverständlichste) Lied מעוז צור „Maos Zur“ von jungen und alten Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt gesungen. Die bekannten Chanukka-Lieder, die sich an Kinder richten und vor allem von ihnen geliebt werden, wurden meist in den 1920er und 30er Jahren geschrieben. Sie beschreiben normalerweise das Wunder der Ölkrug, sowie die besonderen Bräuche und Speisen, die diesen Feiertag begleiten; das Anzünden der Kerzen für acht Tage, das Spielen mit dem Dreidel und das Essen der Latkes. All diese Lieder haben gemeinsam, dass sie auf Hebräisch sind.
Es gibt jedoch viele Chanukka-Lieder, oder besser gesagt, Gedichte, die geschrieben wurden und nie in den Kanon gelangten. Diese Gedichte wurden in deutscher und jiddischer Sprache verfasst, und der Lauf der Geschichte hat sie in Vergessenheit geraten lassen. Sie sind nicht unbedingt für Kinder gedacht und man kann durch sie die Bedeutung von Chanukka für die Juden von damals besser verstehen.

In einem früheren Beitrag [https://breslauersammlung.com/2022/12/15/herzl-und-chanukka/] haben wir bereits Theodor Herzls Gedicht „Menorah“ besprochen. Es ist nicht bekannt, wann das Gedicht geschrieben wurde, da es erst nach Herzls Tod veröffentlicht wurde, aber es ist ein gutes Beispiel für die Verwendung von Chanukka für zionistische Zwecke. Besonders bemerkenswert ist die letzte Zeile über den Sieg der Makkabäer und die Darstellung des jüdischen Volkes als Helden. Dies war ein bekanntes zionistisches Motiv, das darauf abzielte, den „neuen Juden“ zu schaffen. Bemerkenswert ist auch der Vergleich der Chanukka-Menorah mit einem Baum. Dieser Vergleich spielt gleich zwei wichtige Rollen: die Betonung der Wurzeln und des Wachstums des jüdischen Volkes sowie die indirekte Beziehung zum Weihnachtsbaum, den viele assimilierte Juden der damaligen Zeit in ihrem Haus hatten, während sie sowohl Chanukka als auch Weihnachten feierten.

Ein weiteres Gedicht, zu dem es hier einen logischen Übergang gibt, ist das Gedicht „Menorah“ von Siegfried Altmann (1887-1963). Logisch nicht nur, weil es denselben Titel wie Herzls Gedicht trägt, sondern auch, weil es einen von Herzls Versen: „Menorah schlanker Silberbaum“ als Refrain verwendet. Altmann, ein Pädagoge in der Blindenbildung und vor 1938 Direktor des Israelitischen Blindeninstituts in Wien, veröffentlichte dieses Gedicht im Dezember 1912 in der jüdischen Zeitung Freie jüdische Lehrerstimme. Das Gedicht zeigt sowohl den Einfluss von Herzl als zionistischem Vordenker als auch, einmal mehr, die Anpassung von Chanukka an den Zionismus, indem es zionistische Ziele und Wünsche durch den jüdischen Feiertag darstellt.

Arno Nadel – Chanukkah. Radierung von Joseph Budko. Aus Joseph Budko und Arno Nadel „Das Jahr des Juden“. Verlag für jüdische Kunst und Kultur Fritz Gurlitt. Berlin, 1920. D 440

Eine andere Art von Gedichten konzentrieren sich auf den Mut der Makkabäer, aber nicht auf eine zionistische, sondern auf eine persönliche, individuelle Weise. Dies war in der Chazal-Literatur (Mischna und Talmud) vermieden worden, um die Römer und andere Völker nicht zu verärgern: Ein von den Juden gefeierter Sieg hätte sie in Gefahr bringen können, da die Völker, unter denen sie lebten, hätten glauben können, dass sie nationale Bestrebungen hätten. Mit dem Aufkommen des politischen Antisemitismus wurde das Bedürfnis nach jüdischem Heldentum neu geboren, und eine Person wie Juda Makkabi wird in vielen Geschichten und Gedichten als Vorbild dienen. Das vorliegende Gedicht wurde von dem begabten Dichter, Musiker, Übersetzer und Künstler Arno Nadel (1878-1943) im Buch „Das Jahr des Juden“ verfasst, das er zusammen mit dem Künstler Joseph Budko (1888-1940) im Jahr 1920 schrieb. Im Gedicht „Chanukka“ geht es um den Kampf des Einzelnen gegen „die Welt“. Der Einzelne ist Juda Makkabi, der für den Kampf des jüdischen Volkes steht.

Abraham Reisen – wenn’ch zind di lichtlech an, di acht…

Wenden wir uns nun vom Zionismus und Heldentum einem anderen bekannten Chanukka-Motiv zu, das in vielen frühen Gedichten auftaucht: dem des Trostes. In dunklen Zeiten galten die Chanukka-Kerzen immer als eine Quelle des Lichts und der Hoffnung. Kombiniert man dies mit einer der wenigen Zeiten in der Geschichte, in denen Juden (in diesem Fall die Makkabäer) den Sieg erringen konnten, und dem göttlichen Eingreifen in der Geschichte des Chanukkawunders, kann man sich vorstellen, wie dieser Feiertag eine Quelle des Trostes für leidende Juden auf der ganzen Welt sein konnte. Abraham (Awrohom) Reisen (1876-1953) war einer der wichtigsten und bekanntesten jiddischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Lange Zeit zu Unrecht vergessen, hat er jedoch eines der schönsten Chanukka-Gedichte geschrieben, in dem Trost das Hauptthema ist:

Awrohom Reisen – Wenn ich die Lichtlein zünd, die acht… Jüdische Rundschau. Berlin, 26.11.1937

Erstmals um 1900 veröffentlicht, wurde das Gedicht zu Chanukka 1937 ins Deutsche übersetzt und in der berühmten Berliner Jüdischen Rundschau vor die deutschen Juden gebracht, die in dieser Zeit viel Trost brauchten. Die Übersetzung und Transkription wurde vom Verleger Dr. Sally (Saul) Rabinowicz (1889-1943) vorgenommen, der weniger als ein Jahr später versuchte, aus Nazi-Deutschland zu fliehen, landete im Westerbork und wurde von dort ins Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo er ermordet wurde.

Adolf Kulka – „Schamess der Chanukalichter“. Aus Libanon – Ein poetisches Familienbuch von Ludwig August Frankl. Wien, 1864

Eine andere Art von Trost finden wir in dem Gedicht „Schammes der Chanukalichter“ des Schriftstellers Adolf Kulka (1823-1898). Kulka verwendet den Chanukkakleuchter, um eine interessante Analogie zu schaffen. Der Schammes (der Diener) inmitten der anderen Chanukka-Kerzen ist eine Metapher für das jüdische Volk inmitten der anderen Völker der Welt. Wie die Schammes ist das jüdische Volk die Quelle des Lichts für alle anderen Völker, aber es ist dazu bestimmt, einsam zu stehen, weit weg von seinen Brüdern, denen es dient. Der Trost kommt hier in der Art des Schicksals; das jüdische Volk ist dazu bestimmt, abgeschieden zu sein, aber dadurch dienen sie als das Licht der Welt.

Aus „Moaus zur : ein Chanukkahbuch. Jüdischer Verlag. Berlin, 1918

Obwohl es noch zahlreiche weitere Gedichte zu Chanukka gibt, wollen wir hier mit einer eher positiven Note enden und uns andere Gedichte für das nächste Jahr aufheben. Weil es so schwer zu verstehen und doch so bekannt ist, hat Maos Zur viele Parodien mit sich gebracht, die die ersten paar Worte des Liedes, die jeder kennt, aufgreifen, aber auf komische Weise fortsetzen. Das obige Beispiel mit dem einfachen Titel „Kinderlied“ stammt aus einer Anthologie für Chanukka namens „Moaus zur : ein Chanukkahbuch“, die 1918 in Berlin veröffentlicht und von S.Y. Agnon herausgegeben wurde. Wie die meisten Parodien beginnt es mit dem bekannten Vers „Moaus zur jeschuossi“, gleitet dann aber in die Gefilde des Unsinns.

Erich Mühsam – Heilige Nacht. Die Weltbühne. 27. Dezember, 1923.

Eine weitere sehr bekannte Parodie ist das Gedicht „Heilige Nacht“ von dem Dichter und Anarchisten Erich Mühsam (1878-1934). Im letzten Heft von 1923 der „Weltbühne“ nahm Mühsam den Titel des bekannten Weihnachtsliedes und die Geschichte von der Geburt Jesu, die „jeder Arier“ feiert, nur um mit der Pointe zu enden, dass Jesus in Wirklichkeit ein Jude war und sein Volk, dem diese Geschichte tatsächlich widerfahren ist, sich überhaupt nicht für Weihnachten interessiert und stattdessen lieber Chanukka feiert.

Oded Fluss. Zürich, 19.12.2022 נר שני של חנוכה

„Und kein Amt ist beglückender als das eines Dieners am Licht.“ Theodor Herzl und Chanukka

„Darum glaube ich, dass ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder aufstehen.“
Theodor Herzl – Schlusswort von „Der Judenstaat“ (1896)
Eine Chanukka-Menorah mit dem Porträt von Theodor Herzl

Mit dem Aufkommen der zionistischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts bekam Chanukka eine zusätzliche aktuelle Bedeutung. Die Vordenker des Zionismus nutzten diesen Feiertag, um ein nationales Ethos der Verbundenheit mit dem Land Israel und der Tapferkeit und Hingabe für dieses Ziel zu schaffen. Die Idee des „neuen Juden“, der den Platz des alten „Ghetto-Juden“ einnehmen sollte, war die eines aktiven, heldenhaften und kompromisslosen Menschen in Form des Makkabäers.


Theodor Herzl (1860-1904), der Begründer der zionistischen Bewegung, war in dieser Hinsicht nicht anders und hat die Geschichte von Chanukka häufig benutzt, um die Juden zu begeistern und sie für seine Zwecke zu gewinnen.
An Chanukka 1897, ein paar Monate nach dem ersten zionistischen Kongress in Basel, veröffentlichte Herzl unter dem Namen Benjamin Seff eine kleine Geschichte mit dem Titel „Die Menorah“. Der Titel ist einer, den Herzl auch für ein kleines Gedicht verwendete, das er geschrieben hatte und das erst nach seinem Tod veröffentlicht werden sollte. Das Gedicht enthält viele der Symbole und Allegorien der Geschichte, wie z.B. die Menora als Baum und das Anzünden der Kerzen als das Wiederaufleben des jüdischen Volkes.

Theodor Herzl – „Menorah“. Aus Julius Moses – Hebräische Melodien“. Modernes Verlagbureau. Berlin-Leipzig, 1907. D 5013 (K)


Die Geschichte, deren Held Herzl selbst ähnelt, erzählt von einem assimilierten Juden und der Rückkehr zu seinen jüdischen Wurzeln. Der Mann, dem es in seinem Leben gut geht, betrachtet den aufkommenden Antisemitismus zunächst als eine vorübergehende Modeerscheinung, stellt aber schnell fest, dass er von Dauer ist. Auch wenn er den Funken des Judentums in sich spürte, erschien ihm das Ziel, zu seinen Wurzeln zurückzukehren, anfangs unmöglich. Er fühlte sich zu sehr von seinen ’nicht-jüdischen‘ Gewohnheiten vereinnahmt:

Als ein Mensch und Künstler von modernen Anschauungen war er doch mit vielerlei unjüdischen Gewohnheiten verwachsen und hatte aus den Kulturen der Völker, durch die ihn sein Bildungsgang geführt, unvertilgbares in sich aufgenommen. Wie war dies mit seiner Rückkehr zum Judentum zu versöhnen?

Die Idee, wie man diese Herausforderungen meistern kann, findet er in der Chanukka-Menorah. Die alte jüdische Form inspiriert ihn sowohl als Mann, der aus einem traditionellen jüdischen Haus stammt, als auch als Künstler. Intuitiv findet er in der Form der Menorah, die er mit der eines Baumes vergleicht, das, was zwischen seinen jüdischen Wurzeln und seinem Willen, über sie hinauszuwachsen, vermitteln könnte.

Die Gestalt war offenbar einst vom Baum genommen worden. In der Mitte der stärkere Stamm, rechts und links vier Zweige, einer unter dem andern, die in einer Ebene liegen und alle acht sind gleich hoch. Eine spätere Symbolik brachte den neunten kurzen Arm, welcher nach vorne steht und der Diener heißt.
Herzls Studierzimmer in Wien. In der Mitte unter dem Bild seiner Mutter ist eine Chanukka-Menorah zu sehen.

Inspiriert von der alten Form, aber ohne sich ihr zu unterwerfen, beschliesst er, eine neue Version einer Menorah zu entwerfen, die sein Gefühl für seine alte neue Identität besser zum Ausdruck bringt. Aus dem alten, leblosen Objekt möchte er etwas Lebendiges schaffen.

Und unser Mann, der ja ein Künstler war, dachte bei sich, ob es denn nicht möglich wäre, die erstarrte Form der Menorah wieder zu beleben, ihre Wurzeln zu tränken, wie die eines Baumes.

Von seinen jüdischen Freunden verspottet, setzt er dennoch seine „Heimkehr“ fort, indem er seinen Kindern die Geschichte von Chanukka im Licht der ersten Kerze beibringt und ihnen erlaubt, ihm die Geschichte dieses Festes an der zweiten Kerze beizubringen. Auf diese Weise können Vergangenheit und Zukunft, die alte und die neue Generation in Harmonie zusammenleben und sich gegenseitig beleben.

Unser Freund erzählte seinen Kindern, was er wusste. Es war nicht gerade viel, aber ihnen genügte es. Bei der zweiten Kerze erzählten sie es ihm wieder, und als sie es ihm erzählten, erschien ihm alles, was sie doch von ihm hatten, ganz neu und schön.
Benjamin Seff [Theodor Herzl] – „Die Menorah“. „Die Welt“. Wien, 31.12.1897. Z 253

Die Wiederbelebung des Chanukkafestes im Leben des Mannes soll die Wiederbelebung des jüdischen Volkes im Allgemeinen widerspiegeln. Der Protagonist ist das Symbol des Schamasch (des Dieners), dessen Feuer alle anderen Kerzen der Menorah entzündet, ein Symbol für Juden in aller Welt. Und so beendet Herzl seine kleine Geschichte mit einem Satz, in dem er seine eigene Berufung beschreibt:

Und kein Amt ist beglückender als das eines Dieners am Licht.

Diese Geschichte bringen wir Ihnen hier in ihrer Gesamtheit:

Theodor Herzl – Die Menorah

Es war ein Mann, der hatte die Not ein Jude zu sein, tief in seiner Seele empfunden. Seine äußeren Umstände waren nicht unbefriedigend. Er hatte sein genügendes Auskommen und auch einen glücklichen Beruf, indem er das schaffen durfte, wozu ihm sein Herz hinzog. Er war nämlich ein Künstler. Um seine jüdische Herkunft und den Glauben seiner Väter hatte er sich schon lange nicht mehr gekümmert, als der alte Hass unter einem modischen Schlagworte sich wieder zeigte. Mit vielen anderen glaubte auch unser Mann, dass die Strömung sich bald verlaufen werde. Aber es wurde nicht besser, sondern stets ärger und die Angriffe schmerzten ihn immer von Neuem, obwohl sie ihn nicht unmittelbar betrafen; so dass nach und nach seine Seele eine einzige blutende Wunde war. Es geschah ihm nun, dass er durch diese inneren und verschwiegenen Leiden auf deren Quelle, also auf sein Judentum hingelenkt wurde und was er in guten Tagen vielleicht nie vermocht hätte, weil er davon schon so ferne war: Er begann es mit einer großen Innigkeit zu lieben. Auch von dieser wunderlichen Zuneigung gab er sich nicht gleich deutliche Rechenschaft, bis sie endlich so mächtig war, dass sie aus dunklen Gefühlen zu einem klaren Gedanken erwuchs, den er dann auch aussprach. Es war der Gedanke, dass es aus der Judennot nur einen Ausweg gebe, und zwar die Heimkehr zum Judentum.
Als dies seine besten Freunde erfuhren, die sich in ähnlicher Lage befanden, wie er selbst, schüttelten sie über ihn die Köpfe und meinten, er wäre in seinem Geiste verwirrt geworden. Denn wie könne das ein Ausweg sein, was ja nur die Verschärfung und Vertiefung des Übels bedeute. Er aber dachte, dass die sittliche Not so empfindlich wäre, weil den neuen Juden jenes Gegengewicht abhanden gekommen sei, das unsere starken Väter in ihrem Inneren besaßen. Man spöttelte hinter ihm drein. Manche lachten ihm sogar unverhohlen ins Gesicht, doch ließ er sich durch die albernen Bemerkungen von Leuten, deren Einsicht er früher nie hoch zu schätzen Gelegenheit gehabt, nicht irre machen und ertrug die bösen oder guten Scherze gelassen. Und da er sich im übrigen nicht unvernünftig gebärdete, so ließ man ihn allmählich sich seiner Schrulle hingeben, die freilich von einigen auch mit härterem Wort als eine fixe Idee bezeichnet wurde.
Der Mann zog aber in seiner geduldigen Art eine Konsequenz nach der andern aus seiner einmal gefassten Meinung. Dabei gab es eine Anzahl von Übergängen, die ihm selbst nicht leicht fielen, wenn er dies auch nicht sehen lies. Als ein Mensch und Künstler von modernen Anschauungen war er doch mit vielerlei unjüdischen Gewohnheiten verwachsen und hatte aus den Kulturen der Völker, durch die ihn sein Bildungsgang geführt, unvertilgbares in sich aufgenommen. Wie war dies mit seiner Rückkehr zum Judentum zu versöhnen? Daraus erwuchsen ihm selbst manche Zweifel an der Richtigkeit seines leitenden Gedankens, seiner idée maitresse, wie es der französische Denker nennt. Vielleicht war die unter dem Einfluss anderer Kulturen großgezogene Generation nicht mehr fähig zu jener Heimkehr, die er als die Lösung gefunden hatte. Aber die nächste Generation würde schon dazu fähig sein, wenn man ihr bei Zeiten die Richtung gab. So bekümmerte er sich denn darum, dass wenigstens seine Kinder auf den rechten Weg kämen. Die wollte er von Haus aus zu Juden erziehen.
Früher hatte er das Fest, welches die wunderbare Erscheinung der Makkabäer durch so viele Jahrhunderte mit dem Glänze kleiner Lichter bestrahlte, vorüber gehen lassen, ohne es zu feiern. Nun aber benützte er diesen Anlass um seinen Kindern eine schöne Erinnerung für kommende Tage vorzubereiten. In diese jungen Seelen sollte früh die Anhänglichkeit an das alte Volkstum gepflanzt werden. Eine Menorah wurde angeschafft, und als er diesen neunarmigen Leuchter zum erstenmal in der Hand hielt, wurde ihm eigenthümlich zu Mute. Auch in seinem Vaterhause hatten die Lichtlein in einer nun schon entlegenen Jugendzeit gebrannt und es war etwas trauliches und anheimelndes darin. Die Tradition nahm sich nicht frostig, nicht erstorben aus. Das war so durch die Zeiten herübergegangen, immer ein Lichtlein am anderen entzündet. Auch die altertümliche Form der Menorah regte ihn zum Sinnen an. Wann war der primitive Bau dieses Lichthalters geschaffen worden? Die Gestalt war offenbar einst vom Baum genommen worden, In der Mitte der stärkere Stamm, rechts und links vier Zweige, einer unter dem andern, die in einer Ebene liegen und alle acht sind gleich hoch. Eine spätere Symbolik brachte den neunten kurzen Arm, welcher nach vorne steht und der Diener heißt. Was haben die Geschlechter die aufeinander folgten, in diese ursprünglich einfache und von der Natur genommene Kunstgestalt hineingeheimnisst? Und unser Mann, der ja ein Künstler war, dachte bei sich, ob es denn nicht möglich wäre, die erstarrte Form der Menorah wieder zu beleben, ihre Wurzeln zu tränken, wie die eines Baumes. Auch der Klang des Namens, den er nun an jedem Abende vor seinen Kindern sprach, gefiel ihm wohl. Es war ein Klang darin, besonders lieblich, wenn das Wort aus dem Kindesmunde kam.
Die erste Kerze wurde angebrannt und dazu die Herkunft des Festes erzählt. Die wundersame Begebenheit vom Lämpchen, das so unerwartet lange lebte; dazu, die Geschichte der Heimkehr aus dem babylonischen Exil, der zweite Tempel, die Makkabäer. Unser Freund erzählte seinen Kindern, was er wusste. Es war nicht gerade viel, aber ihnen genügte es. Bei der zweiten Kerze erzählten sie es ihm wieder, und als sie es ihm erzählten, erschien ihm alles, was sie doch von ihm hatten, ganz neu und schön. Von da ab freute er sich jeden Tag auf den Abend, der immer lichter wurde. Kerze um Kerze stand an der Menorah auf und mit den Kindern träumte der Vater in die kleinen Lichter hinein. Es wurde schließlich mehr, als er ihnen sagen konnte und wollte, weil das noch über ihrem Verständnis war.
Er hatte, als er sich entschloss, zum alten Stamm heimzukehren und sich zu dieser Heimkehr offen zu bekennen, nur gemeint, etwas Ehrliches und Vernünftiges zu thun. Dass er auf diesem Heimweg auch eine Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schönen finden würde, das hatte er nicht geahnt. Und nichts geringeres widerfuhr ihm. Die Menorah mit ihrem wachsenden Lichterscheine war etwas gar schönes, und man konnte sich dazu erhabene Dinge denken. So ging er her und entwarf mit seiner geübten Hand eine Zeichnung für die Menorah, die er seinen Kindern übers Jahr schenken wollte. Frei gestaltete er das Motiv der acht gleich hoch auslaufenden Arme aus, die rechts und links in der Ebene des Stammdurchschnittes liegen. Er hielt sich an die steife überlieferte Form nicht für gebunden, sondern schuf wieder aus Natürlichem heraus, unbekümmert um andere Deutungen, die ja darum auch ihr Recht behalten mochten. Er war auf lebensvolle Schönheit ausgegangen. Doch wenn er auch in die erstarrten Formen eine neue Bewegung brachte, hielt er sich dennoch an ihr Gesetz, an den vornehm alten Stil ihrer Anordnung. Es war ein Baum mit schlanken Ästen, deren Enden wie Kelche sich erschlossen und in diesen Blütenkelchen sollten die Lichter stecken.
Unter so gedankenvoller Beschäftigung verstrich die Woche. Es kam der achte Tag, an dem die ganze Reihe brennt, auch der treue neunte, der Diener, der sonst nur zum Anzünden der Übrigen da ist. Eine große Helligkeit strömte von der Menorah aus. Die Augen der Kinder glänzten. Unserem Mann aber wurde das Ganze zum Gleichnis für die Entflammung der Nation. Erst eine Kerze, da ist es noch dunkel, und das einsame Licht sieht noch traurig aus. Dann findet es einen Gefährten, noch einen, noch mehr, die Finsternis muss weichen. Bei den Jungen und Armen leuchtet es zuerst auf, dann schließt er sich den Anderen an, die das Recht, die Wahrheit, die Freiheit, den Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schönheit lieben. Wenn alle Kerzen brennen, dann muss man staunen und sich freuen über das getane Werk. Und kein Amt ist beglückender als das eines Dieners am Licht.
Zionistische Postkarte mit einer Chanukka-Menorah in Form eines Baumes mit führenden Vertretern der zionistischen Bewegung.
Herzl steht ganz oben. Chanukka, 1921.

Oded Fluss. Zürich, 15.12.2022.

„Jesus zu Chanukka, das passt nun mal nicht.“ Anne Frank und das Lichterfest

Erste niederländische Ausgabe des Tagebuchs. Amsterdam, 1947.

In ihrem Versteck in Amsterdam, in dem sie mehr als zwei Jahre verbrachte, feierte die Familie Frank zweimal Chanukka, was in Annes berühmtem Tagebuch erwähnt wird. Die assimilierte Familie, die von ihren christlichen Freunden versteckt wurde, feierte das jüdische Lichterfest zusammen mit dem christlichen, das normalerweise ungefähr zur gleichen Zeit stattfindet. Es ist interessant zu sehen, wie Chanukka und Weihnachten für die Familie eine grosse Rolle spielten, sowohl als Brücke zwischen ihnen und ihren Helfer*innen als auch als dringend benötigtes Licht in den sehr dunklen Zeiten ihres Verstecks.

Der Eingang zum Versteck durch das Bücherregal

Die erste Erwähnung von Chanukka durch Anne Frank erschien nicht in der offiziellen Ausgabe des Tagebuchs. Der Eintrag wurde offenbar in einem anderen Tagebuch geschrieben, das Anne Frank verfasst hatte und das erst in die Gesamtausgabe aufgenommen wurde. Die kleine Passage stammt vom 5. Dezember 1942, kaum sechs Monate nachdem die Familie untergetaucht war. Anne schreibt über den Abend davor, was bedeutet, dass sie den zweiten Abend von Chanukka (d.h. zweite Kerze) meint. Denn im Jahr 1942 begann Chanukka am 3. Dezember:

Beste Kitty,
Gestern Abend war es herrlich, wie haben erst Kerze angezündet und sind dann nach oben gegangen, dort war alles mit Blumen übersät, von Pim für Mama, von Herrn v.Pels und Herrn Pf. für Mama, von Herrn v.Pels für Frau [van Pels] und von Pim und Herrn Pf. für Frau [van Pels]. Mutter hat noch ein Päckchen Zigaretten und 1 Tafel Schokolade bekommen. Margot und ich jede ein reizendes Nähkästchen, Piet und wir zwei sehr viele Zuckerplätzchen, und M. und ich 1 Tafel Schokolade und 1 silbernes Schälchen. Ich noch ein Schloss für mein Tagebuch.
Anne Frank (1929-1945)

Die zweite Erwähnung von Chanukka findet sich in einem Eintrag zwei Tage später am Montag, den 7. Dezember 1942. Hier ist bereits deutlich zu erkennen, wie Chanukka und die Vorweihnachtszeit miteinander vermischt und von der Familie und ihren Helfer*innen als Einheit gefeiert werden. Die Hauptmotive beider Feiertage – das Licht und die Lieder neben den Geschenken – sind besonders bemerkenswert:

Liebe Kitty!
Chanukka und Nikolaus fielen dieses Jahr fast zusammen, der Unterschied war nur ein Tag. Für Chanukka haben wir nicht viele Umstände gemacht, ein paar hübsche Sächelchen hin und her und dann die Kerzen. Da ein Mangel an Kerzen herrscht, wurden sie nur zehn Minuten angezündet, aber wenn das Lied nicht fehlt, ist das auch ganz gut. Herr van Daan hatte einen Leuchter aus Holz gemacht, sodass das auch geregelt ist.
Der Nikolausabend am Samstag war viel schöner. Bep und Miep hatten uns sehr neugierig gemacht und schon die ganze Zeit immer mit Vater geflüstert, sodass wir irgendwelche Vorbereitungen wohl vermutet hatten. Und wirklich, um acht Uhr gingen wir alle die Treppe hinunter, durch den stockdunklen Flur (mir schauderte, und ich wünschte mich schon wieder heil und sicher oben!) zu dem Durchgangszimmer. Dort konnten wir Licht anmachen, weil dieser Raum keine Fenster hat. Vater machte den großen Schrank auf. »Oh, wie hübsch!«, riefen wir alle.
In der Ecke stand ein großer Korb, mit Nikolauspapier geschmückt, und ganz oben war eine Maske vom Schwarzen Piet befestigt. Schnell nahmen wir den Korb mit nach oben. Es war für jeden ein schönes Geschenk mit einem passenden Vers drin. Nikolausverse wirst du wohl kennen, darum werde ich sie dir auch nicht schreiben. Ich bekam eine Puppe aus Brotteig, Vater Buchstützen und so weiter. Es war jedenfalls alles schön ausgedacht, und da wir alle acht noch nie in unserem Leben Nikolaus gefeiert haben, war diese Premiere gut gelungen.

Deine Anne

P. S. Für unsere Freunde unten hatten wir natürlich auch was, alles noch aus den früheren guten Zeiten, und bei Miep und Bep ist Geld ausserdem immer passend. Heute haben wir gehört, dass Herr Voskuijl den Aschenbecher für Herrn van Daan, den Bilderrahmen für Dussel und die Buchstützen für Vater selbst gemacht hat. Wie jemand so kunstvolle Sachen mit der Hand machen kann, ist mir ein Rätsel!

Fast ein Jahr später, am 3. November 1943, wird Chanukka von den Mitgliedern der Familie Frank und von ihren Helfer*innen erneut diskutiert. Otto Frank hatte es für sehr wichtig gehalten, dass die Familie und vor allem die Töchter auch während der schwierigen Zeit im Versteck ihren Horizont erweiterten und weiterbildeten. Chanukka wurde als eine gute Gelegenheit für ein Bildungsgeschenk angesehen. Das Geschenk, das der Vater vorschlug, passte jedoch besser zum christlichen Feiertag, der kurz bevorstand:

Liebe Kitty!
Um uns etwas Abwechslung und Fortbildung zu verschaffen, hat Vater den Prospekt des Leidener Lehrinstituts angefordert. Margot hat das dicke Buch schon dreimal durchgeschaut, ohne dass sie etwas nach ihrem Geschmack oder ihrer Geldbörse fand. Vater entschied sich schneller, er wollte eine Probelektion »Grundkurs Latein« bestellen. Gesagt, getan. Die Lektion kam, Margot machte sich begeistert an die Arbeit, und der Kurs, egal wie teuer, wurde genommen. Für mich ist er viel zu schwer, obwohl ich sehr gerne Latein lernen würde. Damit ich auch etwas Neues anfangen kann, bat Vater Kleiman um eine Kinderbibel, damit ich endlich auch etwas vom Neuen Testament erfahre. »Willst du Anne zu Chanukka etwa eine Bibel schenken?«, fragte Margot etwas entsetzt.
»Ja … eh, ich denke, dass Nikolaus eine passendere Gelegenheit ist«, antwortete Vater.
Jesus zu Chanukka, das passt nun mal nicht.

Eineinhalb Monate später, am 22. Dezember 1943, wird Chanukka zum letzten Mal im Tagebuch erwähnt. In diesem Jahr würde die erste Kerze von Chanukka am 21. Dezember angezündet, drei Tage vor Heiligabend, und die beiden Feiertage wurden teilweise zur gleichen Zeit gefeiert. Die enge Verbindung zwischen den beiden Feiertagen wird wieder spürbar, wenn Anne beide Feiertage wie in einem Atemzug beschreibt. Was wir normalerweise Chanukka zuschreiben: Öl und Süssigkeiten, beschreibt Anne Frank auf der Weihnachtsseite, die Geschenke, die wir Weihnachten zuschreiben, auf der Chanukka-Seite:

Zu Weihnachten gibt es extra Öl, Süssigkeiten und Sirup. Zu Chanukka hat Herr Dussel Frau van Daan und Mutter eine Torte geschenkt. Miep hat sie auf Dussels Ersuchen gebacken. Bei all der Arbeit musste sie auch das noch tun. Margot und ich haben eine Brosche bekommen, aus einem Centstück gemacht und schön glänzend. Es lässt sich kaum beschreiben, wie prächtig!
Für Miep und Bep habe ich auch etwas zu Weihnachten. Ich habe seit ungefähr einem Monat den Zucker zum Brei gespart und Kleiman hat zu Weihnachten Fondant davon machen lassen.
Das Wetter ist trüb, der Ofen stinkt, das Essen drückt schwer auf aller Magen, was von allen Seiten donnernde Geräusche verursacht.
Kriegsstillstand, Miststimmung.

Deine Anne
Abbildung der ‚Weihnukka‘-Feier der Familie Frank.
Ari Folman – Das Tagebuch der Anne Frank: Graphic Diary. S. Fischer Verlag, 2017

Dies war das letzte Chanukka der Familie Frank im Versteck und auch Annes letzte Worte über den Feiertag in ihrem Tagebuch. Am 4. August 1944 wurde das Versteck von der deutschen Ordnungspolizei gestürmt und die Familie wurde gefangen genommen, von der Gestapo verhört und nach Westerbork geschickt. Im September wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und die beiden Mädchen im Oktober von dort nach Bergen-Belsen. Über Anne Franks letztes Chanukka in Lagerhaft wissen wir von einer anderen jungen Frau, die zu dieser Zeit nach Bergen-Belsen geschickt wurde. Rebekka Brilleslijper (1912-1988) überlebte im Gegensatz zu Anne Frank das Lager und wurde später als die berühmte jiddische Sängerin und Tänzerin Lin Jaldati bekannt. In ihren Erinnerungen schreibt sie über Anne Franks letztes Chanukka::

Eines Tages im Dezember bekamen wir alle ein extra Stückchen Harzer Käse und etwas Marmelade. Die SS und die Aufseherinnen zogen sich nachmittags zurück und feierten. Es war Weinachten. Mit Margot und Anne Frank und den Schwestern Daniels waren wir jetzt drei Schwesterpaare. Wir wollten an diesem Abend Sint Niklaas, Chanukka und Weihnachten auf unsere Weise feiern.
Jannie hatte eine Gruppe von Ungarinnen kennengelernt, von denen einige in der SS-Küche arbeiteten. Mit deren Hilfe gelang es ihr, zwei Hände voll Kartoffelschalen zu ‚organisieren‘. Anne gabelte irgendwo ein Stückchen Knoblauch auf, die Schwestern Daniels ‚fanden‘ eine rote Rübe und eine Mohrrübe. Ich sang in einem anderen Block vor Aufseherinnen einige Lieder und tanzte einen Walzer von Chopin, die Melodie sang ich selbst dazu, dafür bekam ich eine Handvoll Sauerkraut. Wir sparten uns ein bisschen Brot vom Munde ab, und jeder bereitete für die anderen mit diesem Brot kleine Überraschungen vor. Etwas Muckefuck hatten wir in einem Blechnapf noch vom Morgen aufbewahrt , wir wärmten ihn auf einem Öfchen und rösteten Kartoffelschalen. So feierten wir. Leise sangen wir holländische und jiddische Lieder, auch lustige wie „Constant hat een hobbelpaard“. Wir erzählten uns Geschichten und malten uns aus, war wir alles tun würden, wenn wieder nach Hause kämen. „Dann werden wir bei Dikker und Thijs, einem der teuersten Restaurants von Amsterdam, ein Festessen machen“, meinte Anne. Und wir stellten uns schon das Menü zusammen, lauter leckere Sachen. Wir träumten — und waren in diesem Augenblick sogar etwas glücklich. Wir sahen einander in die Augen, runde Augen mit einem grünlichen Schimmer, wir waren immer magerer geworden.
Lin Jaldati (1912-1988)

Chanukka 1944, das letzte von Anne Frank, fiel nicht mit Weihnachten zusammen. Die achte und letzte Kerze wurde am 17. Dezember angezündet. Anne, ihre Schwester und ihre Freundinnen waren sich dessen nicht bewusst und feierten Chanukka zu spät, da sie es nur in Übereinstimmung mit dem Weihnachtsfest begehen konnten.
Obwohl sie das Lager nicht überlebt hat, ist Anne Frank durch ihr Tagebuch zu einem Symbol geworden, nicht für das Leid, sondern für das Licht, das die Dunkelheit durchbricht, wie der erste schwache Kerzenschein des Chanukka-Leuchters, der von Tag zu Tag heller wird, bis er zu acht strahlenden Flammen aus einer schimmernden Flamme wird. Anne Frank formte den dienenden Geist, der zuerst die Flamme der Sehnsucht und dann die Flammen der Hoffnung in den Herzen entzündet, wie der Schamasch am Chanukkaleuchter. Und so wie das Licht der Chanukkia die Jahrhunderte überdauert hat, war das Interesse an Anne Frank und ihrer Botschaft kein Strohfeuer, das aufflackert und erlischt, sondern eines, das bis heute anhält. Ihre Botschaft hat nicht nur jüdische Herzen erreicht, denn sie durchbricht die Barriere der Religion und bildet eine Brücke, auf der sich Licht, Mitmenschlichkeit und Grosszügigkeit gegen alles Böse erheben.

Grabstein für Margot und Anne Frank auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen.
Im Hebräischen steht geschrieben: „Gottes Kerze ist die Seele des Menschen“.

Oded Fluss. Zürich, 1.12.2022

Von Willy Arnold zu Jochanan Arnon – die Geschichte eines Schweizer Konvertiten

Osias Hofstatter (1905-1994) – Ex-Libris von Jochanan Arnon (1941-2017)

Die meisten Ex-Libris in unserer Ausstellung jüdischer Ex-Libris in der Schweiz stammen von Juden oder Jüdinnen, die jüdisch geboren wurden. Das Ex-Libris, das wir heute vorstellen wollen, ist eine Ausnahme, denn es ist das Ex-Libris eines Konvertiten.
Jochanan Arnon (1941-2017) war ein sehr bekannter Bibliothekar und Literaturwissenschaftler in Israel. Er war Leiter der Echad ha-Am Bibliothek in Tel Aviv und schrieb einige der wichtigsten Bücher über den Dichter Uri Zvi Grinberg und Nobelpreisträger Shai Agnon.
Weniger bekannt ist, dass Jochanan Arnon ein Pfarrerssohn war, der in Schwyz als protestantischer Christ mit dem Namen Willy Arnold geboren wurde. Seine Familie glaubt, von Karl dem Grossen abzustammen.
In einem Interview mit der israelischen Zeitung Maariv (30.11.1969) erzählte Arnon:

Ich wurde evangelisch in der katholischen Umgebung der Stadt Schwyz geboren. Die Einstellung uns gegenüber war die einer Minderheit. Ich wurde ständig von den katholischen Kindern wegen meiner Religion geschlagen und schikaniert. Als ich 12 Jahre alt war, zog ich nach Basel und plötzlich war ich auf der Seite der Mehrheit. Dann lernte ich eine andere Minderheit kennen — die Juden, und ich hatte das Verlangen mich mit ihnen zu identifizieren.
Jochanan Arnon (1941-2017)

Gemeinde- und Bibliothekskommissionsmitglied Esra Wyler, der in Basel aufgewachsen und zusammen mit Willy Arnold in die Realschule gegangen ist, konnte uns ein bisschen mehr erzählen:

Willy Arnold war ein grosser und kräftiger Junge. Er begleitete mich und meinen Bruder öfters von der Schule nachhause, um uns vor einem anderen Klassenkameraden zu schützen, der es auf uns jüdische Jungens abgesehen hatte. Er scheute auch nicht davor zurück, gegebenenfalls seine Fäuste sprechen zu lassen.

Der junge Willy Arnold lernte mehr und mehr über das Judentum und war davon fasziniert. Einen grossen Einfluss auf ihn hatte der damalige Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Basel Leo Adler (1915-1978), der ihn ermutigte und ihm half, das Judentum tiefer kennenzulernen. Der Entschluss, zu konvertieren, war bereits gefasst, aber er war noch zu jung, um dies legal zu tun. Als Bücherliebhaber hatte er in Basel bereits eine Ausbildung zum Bibliothekar und Buchhändler begonnen und zog kurzzeitig nach Freiburg, um sein Französischstudium fortzusetzen.

Rabbiner Leo Adler (1915-1978)

Dort habe ich aus erster Hand erfahren, wie eine sterbende jüdische Gemeinde aussieht. Ich war in der Synagoge dort und sie konnten kaum einen Minjan abhalten. Während des Gebets lasen sie die Zeitung und besprachen ihre täglichen Geschäfte miteinander. Rabbiner Margulies [Isaak Margulies (1924-2014)], ein junger religiöser Mann, der gerade sein Studium an der Pariser Ecole Rabbinique beendet hatte, war sehr froh über meine Ankunft. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und ich habe viel von ihm gelernt. Als ich zurück nach Basel kam, erzählte ich Rabbiner Adler von meinem Wunsch zu konvertieren und er konvertierte mich zum Judentum. Ich hätte in Basel leicht einen Job als Buchhändler bekommen können, aber ich beschloss, dass ich als Jude nach Israel gehen und dort leben sollte.
Eine kleine Anzeige aus dem Jahr 1962 im Israelitischen Wochenblatt über Willy Arnolds Beitritt zum Bne Akiwa Komitee.

Willy Arnold zog zunächst in einen Kibbuz, wo er seine zukünftige Frau Yael kennenlernte, die Tochter von Rabbiner Maatok Dabi, einem der bekanntesten Rabbiner in Ägypten. In seiner Zeit in Israel änderte er auch seinen Namen in einen, der besser zu seiner neuen jüdischen und hebräischen Umgebung passte, und aus Willy Arnold wurde Jochanan Arnon. Vom Kibbuz zog das Paar nach Tel Aviv, wo Arnon zunächst als Buchhändler arbeitete und dann einer der bekanntesten Bibliothekare Israels wurde.

Osias (Yishayahu) Hofstatter (1905-1994)

Arnon war ein bekannter Bibliophiler und Büchersammler. Er hatte auch eine riesige Sammlung jüdischer Ex-Libris und schrieb über dieses Thema. Sein eigenes Ex-Libris wurde von dem Künstler Osias Hofstatter (1905-1994) angefertigt. Hofstatter (eigentlich Hofstätter) wurde in Galizien geboren, in Frankfurt und Wien aufgezogen, flüchtete vor den Nazis nach Belgien, wurde von dort als ‚deutscher Spion‘ nach Frankreich ausgewiesen, gefasst und ins Lager Gurs gebracht. Dort zeichnete er auf Packpapier am Boden, floh nach dem Zusammenbruch Frankreichs vor den Deutschen und gelangte irgendwie über die Schweizer Grenze in ein Internierungslager. Dank eines amerikanischen Komitees, dem er seine Arbeiten einschickte, wurde ihm die Weiterführung seines Studiums in Zürich erlaubt. 1947 veranstaltete er seine erste Kunstausstellung in Basel und 1957 liess er sich in Israel nieder. Seine Kunst ist expressionistisch, aber er ist vor allem als ‚Holocaust-Künstler‘ bekannt.

Die Herkunftsfamilie Arnons (Arnold) hatte ein Familienwappen, das vom Künstler Hofstatter miteinbezogen wurde. Über die Bedeutung seines einzigartigen Ex-Libris erzählte Jochanan Arnon:

Er [Hofstatter] „spielte“, wie er sich ausdrückte, mit unserem Familienwappen, bis sich der Löwe mit dem Äskulap-Stab in einen Hund mit Gabel verwandelte, fügte einen siebenarmigen Leuchter sowie Bücher und Leserköpfe hinzu; und so bin ich heute stolzer Besitzer eines Hofstatter-Exlibris, das nicht nur hochmodern, sondern zugleich mittelalterlich wirkt.

Oded Fluss. Zürich, 24.11.2022

Theodor Herzl und der erste zionistische ‚Photoshop‘

„Es ist wie bei einer photographischen Aufnahme, bei der die Hand des Aufnehmers gezittert hätte. Das Bild wird ein wenig verschwommen sein.“ (Theodor Herzl. Tagebucheintrag vom 19. Oktober 1898)
Theodor Herzl – Zionistische Schriften. Jüdischer Verlag. Berlin-Charlottenburg, 1905.

Das obige Foto, das wir in Zeitungen, Postkarten und vielen Büchern in unserer Bibliothek finden, ist eines der bekanntesten und einflussreichsten Fotos der zionistischen Bewegung. Es wurde im Oktober 1898 während Theodor Herzls Besuch in Palästina aufgenommen, bei dem er schliesslich Kaiser Wilhelm II, den Kaiser von Deutschland und König von Preussen, treffen sollte. Nach dem ersten Zionistenkongress in Basel setzte sich Herzl für die Idee eines jüdischen Staates ein und tat alles, was in seiner Macht stand, um dieses „Märchen“ Wirklichkeit werden zu lassen.

Theodor Herzl und die Delegation auf ihrer Fahrt nach Palästina.

Eines seiner wichtigsten politischen Ziele war es, die Unterstützung der renommiertesten Staatsoberhäupter der damaligen Zeit zu erhalten, und Kaiser Wilhelm II. war offensichtlich einer von ihnen. Auch wenn die Chancen sehr gering waren, wussten Herzl und seine Mitstreiter, dass allein ein Bild von ihm zusammen mit dem Kaiser und vor allem in Palästina einen grossen Einfluss auf die Weltöffentlichkeit haben würde.
Trotz der sehr schwierigen Bedingungen, insbesondere der Hitze und des Unwohlseins von Herzl, war die Szene perfekt inszeniert. Mit Hilfe seines guten Freundes, des anglikanischen Geistlichen und Zionisten Wilhelm Hechler, erhielt Herzl die Nachricht von einem geplanten Besuch des Kaisers und seiner Delegation in der Landwirtschaftsschule Mikweh Israel in der Nähe von Jerusalem am 28. Oktober 1898. In einem Eintrag in seinem Tagebuch vom Tag danach schreibt Herzl:

Gestern früh fuhr ich zeitig hinaus nach Mikweh Israel. Ich war schon unwohl, hielt mich aber mit Anstrengung aufrecht. Das Bild der Zöglinge an den landwirtschaftlichen Geräten war sehr hübsch. […] Um neun kündigte eine Bewegung auf der mit einer mixed multitude von arabischen Bettlern, Weibern, Kindern und Reitern besetzten Landstraße das Herannahen des kaiserlichen Zuges an. Grimmige türkische Reiter sprengten mit verhängten Zügeln, drohenden Gewehren, noch drohenderen Rundblicken einher. Dann die Vorreiter des Kaisers. Und dort in einer grauen Gruppe mit einigen Damen er selbst.
Ich gab dem Schülerchor von Mikweh das Zeichen zum Absingen des „Heil Dir im Siegerkranz “ mit der Hand. Ich stellte mich an einen der Pflüge hin und zog den Korkhelm. Der Kaiser erkannte mich schon von fern. Es gab ihm einen kleinen Ruck, er lenkte sein Pferd zu mir herüber — und hielt vor mir an. Ich trat zwei Schritte vor; und als er sich auf den Hals des Pferdes niederbeugte und mir die Hand herunterstreckte, trat ich ganz dicht an sein Pferd heran, streckte meine Hand hinauf und stand entblößten Hauptes vor ihm.
Er lachte und blitzte mich mit seinen Herrenaugen an:
„Wie geht’s?“
„Danke, Majestät! Ich sehe mir das Land an. Wie ist die Reise Majestät bisher bekommen?“
Er blinzelte mächtig mit den Augen:
„Sehr heiß! Aber das Land hat eine Zukunft.“
„Vorläufig ist es noch krank“, sagte ich.
„Wasser braucht es, viel Wasser!“ sprach er herab.
„Ja, Majestät! Kanalisierungen in großem Maßstab!“
Er wiederholte:„Es ist ein Land der Zukunft!“
Vielleicht sprach er noch einiges, was mir entfallen ist, denn mein Aufenthalt dauerte einige Minuten. Dann reichte er mir wieder die Hand herunter und trabte davon.

Dieses eher beiläufige Gespräch war dennoch von enormer historischer Bedeutung. Obwohl sich Herzl und der Kaiser bereits einige Wochen zuvor getroffen hatten, war dies das erste Mal, dass das Treffen öffentlich stattfand und gab Herzl die öffentliche Anerkennung, die er so sehr brauchte. Das Einzige, was fehlte, war natürlich eine Aufzeichnung dieses Treffens, aber hier hatte sich ein peinlicher Zwischenfall ereignet.

Das Originalfoto von David Wolffsohn.

Die Aufgabe, das Foto zu machen, war David Wolffsohn anvertraut worden. Der talentierte Geschäftsmann und einer der engsten Weggefährten von Theodor Herzl war leider kein professioneller Fotograf. Die rauen Bedingungen und die Aufregung vor Ort haben dazu beigetragen, dass das Foto, das die historische Szene verewigen sollte, kläglich scheiterte:

Wolffsohn, der Brave, hatte zwei Momentaufnahmen der Szene gemacht. Wenigstens glaubte er es. Er klopfte sich stolz auf seinen Kodak. „Die Platte geb’ ich nicht um zehntausend Mark her.“
Aber als wir nach Jaffa zum Photographen kamen und die Platten entwickeln ließen, zeigte sich, daß auf der ersten Aufnahme nur ein Schatten des Kaisers und mein linker Fuß zu sehen war; die zweite Platte war ganz verdorben.

Nun werden Sie vielleicht fragen: „Wie haben wir denn nun ein richtiges Bild von diesem historischen Ereignis erhalten?“ Die Antwort ist, dass dieses Bild, auch wenn wir es nicht mit dem modernen Konzept der „Fake News“ gleichsetzen können, definitiv kein richtiges Bild ist. Es ist nicht völlig gefälscht, denn es beschreibt ein Ereignis, das wirklich stattgefunden hat. Es ist jedoch ein manipuliertes Bild.


Herzl und seine Begleiter waren von dem Vorfall so enttäuscht, dass sie beschlossen, das zu tun, was wir heute als Photoshop bezeichnen würden. Dem aufmerksamen Betrachter wird vielleicht auffallen, dass das Bild ein wenig seltsam ist. Herzl scheint ein anderes Farbschema zu tragen und auch die Schatten sind ein wenig unpassend. Kaiser Wilhelm II. wirkt fast so, als wäre er auf das Pferd gemalt worden, und wer sich ein wenig mit Geschichte auskennt, weiss, dass er auf seiner Reise in Palästina ein weisses Pferd ritt und nicht ein schwarzes wie auf dem Bild.

Kaiser Wilhelm II. auf seinem weissen Pferd in Jerusalem

In der Zeit vor Photoshop war es üblich, eine Art Fotomontage zu verwenden, um Bilder zu „verbessern“ oder ein „Ereignis“ zu fotografieren, das eigentlich nie stattgefunden hat. In diesem Fall wurde Herzl noch einmal fotografiert, dieses Mal auf dem Dach eines Hauses in Jaffa, wie er seinen Hut hält, und dieses Bild wurde in das Originalfoto eingefügt. Ausserdem wurde der Kaiser auf das schwarze Pferd hinter ihm übertragen, und das weisse Pferd wurde ganz ausradiert.

Herzls Foto auf einem Dach in Jaffa, das später in die Fotomontage eingefügt werden sollte

Und so lernen wir auch bei Herzl, dass wir zwar ein bisschen Willen brauchen, um ein Märchen in die Realität umzusetzen, aber auch ein paar Photoshop-Fähigkeiten.

Oded Fluss. Zürich, 17.11.2022

Der Teddybär aus Bergen-Belsen

Dan Rubinstein: Ex-Libris von Michael J. Flörsheim (Sammlung David Jeselsohn).

Eines der einzigartigsten Ex-Libris in unserer aktuellen Ausstellung wurde von dem Künstler und unserem lieben Gemeindemitglied Dan Rubinstein angefertigt. Es ist sowohl in seiner Erscheinung als auch in der Geschichte, die sich dahinter verbirgt, aussergewöhnlich.

Anzeigen aus dem Israelit, dem Israelischen Familienblatt und der Jüdischen Rundschau, in denen die Geburt von Michael J. Flörsheim angekündigt wird. 19.5.1938


Michael Jules Flörsheim (1938-1992), dem dieses Ex-Libris angefertigt wurde, wurde in Amsterdam geboren und war ein internationaler Rohstoffhändler, Investor, Philanthrop und ein Sammler von Judaica und japanischer Kunst. In seinem Exlibris finden sich Hinweise auf all diese Interessen; die Chanukkia und das Buch mit dem Bild der Schabbat-Lampe stehen für seine Judaica-Sammlung; das Buch auf der rechten Seite mit der japanischen Figur und der japanischen Flagge steht für seine Liebe zur japanischen Kunst; die niederländische, israelische und schweizerische Flagge stehen für seine Wohnorte im Laufe der Jahre und das Schiff für seine vielen Geschäftsreisen.

Eine der Vitrinen in unserer Ausstellung. In der Mitte steht das Ex-Libris von Michael J. Flörsheim,

Der Elefant (oder in diesem Fall der Bär) im Raum ist der grosse Teddybär, der fast den gesamten Raum des Ex-Libris einnimmt und auch unten, wo Flörsheims Name steht, in klein erscheint. Dieser freundliche Teddybär mit einem etwas ernsten Gesichtsausdruck weist uns auf die bewegende Geschichte eines Holocaust-Überlebenden hin.
Michael J. Flörsheim wurde als Sohn von Carl Alexander Flörsheim und Ilse (Möller) in einer prominenten Bankiersfamilie geboren. Zwei Jahre nach seiner Geburt marschierte die deutsche Armee in Holland ein. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und hinterliess ihn als Einzelkind seiner verwitweten Mutter. Nach ihrer Internierung im holländischen Konzentrationslager Westerbork wurden beide 1943 nach Bergen-Belsen deportiert.
Seine Frau Dr. Yonat Flörsheim erzählte uns von ihrem Mann:

Michael wurde ein grosser Teil seiner Kindheit und Jugend genommen, und sein ganzes Leben lang war er damit beschäftigt, diesen Verlust wiedergutzumachen. Während unserer Flitterwochen gestand er mir etwas verschämt seine Liebe zu Teddybären: Sein einziges Spielzeug während der langen Jahre in Bergen-Belsen war ein kleiner Teddybär, der sich schliesslich aufgelöst hatte. „Der Teddybär hat mich gerettet“, hat er oft gesagt. In einem unserer Skiurlaube in den Schweizer Bergen entdeckte er einen identischen Bären, und von diesem Moment an begleitete ihn dieser kleine „Kerl“, den er „Arosali“ nannte, überall hin. Oft, wenn er sich über etwas freute oder ärgerte, sprach er mit seinem Teddybär: „Schau Arosali, was sie uns antun…“, oder „Arosali, sag Mama, dass sie nicht böse sein soll.“

Wenn man den Schatten, der den Bären im Ex-Libris umgibt, genau betrachtet, kann man sehen, dass er Stacheldraht ähnelt. Das soll vielleicht die Zeit andeuten, die der kleine Michael zusammen mit seinem einzigen Freund, dem Teddybär, im Konzentrationslager Bergen-Belsen verbracht hat. „Er wollte mit dem Teddybär begraben werden, aber die ‚Chewra Kadischa‘ hat es nicht erlaubt“, erzählte uns seine Frau.
Das zeigt einmal mehr, wie ein Ex-Libris, wenn es richtig gemacht wird, die ganze Geschichte der Person, der es gehörte, einschliessen und später mit den Menschen teilen kann, die es wiederentdecken.

Arosali

Oded Fluss. Zürich, 3.11.2022