Der Eisgang des Jahrhunderts im kleinen jüdischen Bona

Sipur Bekhi Neharot. Amsterdam, 1784 Breslauersammlung BH 130

Shimon aus Kopenhagen, der Autor des Buches „Sefer Or ha-Yashar“ (zur Geschichte der Cleve-Scheidung, die wir in unserem letzten Beitrag besprochen haben), hat ein weiteres historisch sehr bedeutsames Buch geschrieben.
Das Buch בכי נהרות „Bekhi Neharot“ (das Weinen der Flüsse), beschreibt ein unbekanntes historisches Ereignis aus dem Jahr 1784 in der Stadt Bona (Bonn), in der es eine kleine jüdische Gemeinde gab.
Der extreme Winter von 1783/1784 auf der nördlichen Hemisphäre, war Resultat einer natürlichen Klimaschwankung und gilt als einer der härtesten überhaupt in Mitteleuropa. Dieser harte Winter hatte den Rhein so gefrieren lassen, dass man mit schweren Wagen gezogen von Pferden und Eseln von einer Seite des Ufers, zur anderen reisen konnte. Das Tauwetter setzte aber so abrupt ein, dass der Rhein durch die Schneeschmelze über die Ufer trat und die kleine jüdische Siedlung fast vollständig überflutete.
Kopenhagen beschreibt wie die Menschen zunächst auf die Dächer ihrer Häuser stiegen, um dem Wasser zu entgehen, dann aber gemeinsam die Stadt verlassen mussten und in einem nahegelegenen Kloster unterkamen.
Die Synagoge der Stadt wurde ebenfalls völlig überflutet, und die Leute konnten die Torarollen gerade noch retten.

Das Proops Signet in der Mitte des Buches


Viele Mitglieder der kleinen Gemeinde verloren ihr Zuhause und einige von ihnen ertranken. Obwohl die christlichen Nachbarn nicht bereit waren Hilfe anzubieten, wurden die Behörden dafür hoch gelobt, dass sie der Gemeinde in ihrer Not geholfen haben.
Der Autor, ein grosser Gegner der aufklärerischen Bewegung, lässt es sich nicht nehmen, diejenigen, die er für diese Katastrophe verantwortlich macht, anzugreifen. Er warnt vor der „Stärkung der Säkularen und Häretiker“ und bittet „die Gläubigen und Söhne der Gläubigen“, jeden weiteren Kontakt mit „Religionsleugnern“ zu unterlassen. Er weist auf eine bestimmte Person hin, die ihm und seinen Lesern wohl bekannt war, zu dessen Identität er aber nur den Hinweis gibt: „ein Typ, der das Heilige verstümmeln und sich von der Tora lossagen will“.

Das Signet mit dem Aaronitischen Segen „So sollt ihr die Israeliten segnen“.

Das Buch wurde wunderschön von der Druckerei der Witwe und Waisen des berühmten Yaakob Proops in Amsterdam gedruckt. Die Namen der Orte, der Menschen und der Daten wurden in einer anderen Schrift, die der Handschrift ähnelt, übertragen und zum Teil ins Deutsche übersetzt.
Das ganz besondere Signet des Druckers, das zwei Hände und zwei Fische darstellt, wird im Buch dreimal abgebildet.

Eine der Seiten, die die beiden Schriftarten kombiniert
  • Am Ende des Buches bringt Shimon Baruch aus Mergentheim, der Sohn des bereits verstorbenen Autors, eine kleine Laudatio auf seinen Vater.
  • Adolf (Aron) Jellinek bringt in seiner קונטרס המקונן „Kontras ha-Mekonen“ (die Klugschrift der Klager. Wien, 1881) einer Klage mit einem alphabetischen Akrostichon, über die Überschwemmung von Bona, von Avraham ben Josef ha-Levi, einem Zeugen dieser Katastrophe (Seiten 63-65).
Das Signet am Ende des Buches

Die Kampfscheidung von Cleve

Moshe Rynecki – Ha-Get

Am 8.Elul 5526. (14. August 1766) heiratete Isaac (Izhak) – Sohn des Eliezer Neuburg aus Mannheim – Leah die Tochter von Jacob Guenzhäuser aus Bonn, nach einem scheinbar erfolgreichen Schidech (Heiratsvermittlung). Drei Jahre später schrieb Rabbi Aharon Shimon Yaakov Avraham von Kopenhagen, der an dieser Hochzeit teilnahm, das Buch ספר אור הישר „Sefer Or Hayashar“ (Das Licht des Ehrlichen), in dem die tragischen Folgen dieser Hochzeit beschrieben werden und die am Ende eine Kontroverse auslöste, die die rabbinische Welt des 18. Jahrhunderts bis ins Mark erschütterte. Sie wurde von da an als „ha-Get von Cleve“ bekannt. 

Aharon Shimon Yaakov Avraham von Kopenhagen – Sefer Or ha-Yashar, Amsterdam, 1769. Breslauer Sammlung BH 28

Bereits vor der Hochzeit zeigte der Bräutigam Anzeichen von Unzufriedenheit und Elend. Als er von der Braut und ihrer Familie danach gefragt wurde, führte er dies auf die finanzielle Notlage zurück. Am Sabbat nach der Hochzeit nahm der frisch vermählte Ehemann 94 goldene Kronen an sich und verschwand. Nach ausgiebiger Suche wurde er zwei Tage später im Haus eines Juden im Dorf Farenheim im Bett gefunden und nach Hause gebracht. Einige Tage später teilte er der Familie seiner Frau mit, dass er wegen einer grossen Gefahr, die ihn bedrohe, nun nach England auswandern müsse und nicht mehr in Deutschland bleiben könne. Er erklärte seine Bereitschaft, sich von seiner Frau scheiden zu lassen (er behauptete sie hätte den bösen Blick), um zu verhindern, dass sie zur Aguna (eine jüdische Frau, die in einer Ehe „steckt“, weil ihr Mann nicht bereit ist, sich von ihr scheiden zu lassen) werde. Nachdem man versucht hatte ihn daran zu hindern diesen Schritt zu tun, wurde sein Angebot von der Braut und ihrer Familie angenommen. Um einen Skandal zu vermeiden, wurde Cleve an der deutsch- niederländischen Grenze als Scheidungsort ausgewählt. Israel Eliezer Lipschütz, der Av Bet Din von Cleve, wurde bestimmt die Scheidung durchzuführen.  Drei Jahre später beschrieb er die Geschichte in seinem Buch ספר אור ישראל „Sefer Or Israel“ (Das Licht Israels).

Eliezer Lipschütz: Sefer Or Yisrael, Cleve 1769. Breslauer Sammlung BH 27

Nach einer kurzen, aber gründlichen Untersuchung, war Lipschütz überzeugt davon dass die Scheidung  notwendig ist und erklärte sich bereit, sie durchzuführen. Die Scheidung fand am selben Tag, dem 21. von Elul, statt. Am Abend verabschiedete sich Isaac von seiner Ex- Frau, aber sie drehte ihm den Rücken zu und weigerte sich, mit ihm zu sprechen. Er wurde zitiert, zu ihr gesagt zu haben: „Sei nicht gemein zu mir. Mit Gottes Hilfe werde ich bald den Kindern, die du von einem anderen Mann gebären wirst, Geschenke machen“. Leah kehrte nach Mannheim zurück und Isaac ging nach England, was das Ende einer kurzen und tragischen Ehe bedeutete.

Dies war jedoch erst der Anfang. Als Isaacs Vater von der Scheidung erfuhr, war er wütend. Er vermutete, dass die ganze Angelegenheit von den Verwandten der Frau erfunden worden war, um das Ketuba-Geld (jüdische Ehevertrag) von seinem Sohn zu erpressen. Er wandte sich an R. Tevele Hess aus Mannheim und erklärte ihm, dass sein Sohn Isaac psychische Probleme hatte und zum Zeitpunkt der Scheidung nicht wusste, was er tat. Hess fand die Erklärung des Vaters ausreichend und auch seiner Meinung nach war der Ehemann nicht gesund (meshuga), als er die Scheidung verlangte. Um das Urteil nicht alleine zu fällen, bat Hess den Bet Din aus Frankfurt und Naphtali Hirsch Katzenellenbogen aus der Pfalz, Eliezer Katzenellenbogen aus Hagenau und Joseph Steinhardt aus Fürth und bat sie um Bestätigung seiner Entscheidung. Der Bet Din aus Frankfurt unter der Leitung von Abraham b. Ẓevi Hirsch aus Lissau stimmte nicht nur zu, sondern bat Lipschütz selbst, den Get für ungültig zu erklären und Leah als noch verheiratete Frau zu proklamieren. Die Rabbiner von Pfalz, Hagenau und Fürth bestätigten jedoch Lipschütz‘ Get, erklärten die Scheidung für gültig und die Frau durfte wieder heiraten. Beide Seiten appellierten an fast alle bekannten rabbinischen Behörden der damaligen Zeit. Der Rabbi von Cleve erhielt die Unterstützung vieler führender Gelehrter der Generation, einschliesslich Saul b. Aryeh Leib Löwenstamm aus Amsterdam, Jacob Emden, Hesekiel Landau aus Prag, Isaac Horowitz aus Hamburg, David aus Dessau, Aryeh aus Metz, Elhanan aus Danzig, Solomon b. Moses von Chelm und zehn Gelehrte von der Klaus (Bet-Midrasch) von Brody. Der Frankfurter Bet Din war in seiner Opposition praktisch allein, weigerte sich jedoch, zurückzutreten. Der bewegende Geist im Streit war der Frankfurter Dayan Nathan b. Solomon Maas, auf dessen Initiative hin die Frankfurter Rabbiner sogar öffentlich und feierlich die schriftlichen Stellungnahmen der polnischen Rabbiner aus Protest gegen ihre Intervention zugunsten von Lipschütz verbrannten.

Dieser Streit dauerte Jahre, das unmittelbare Opfer war natürlich die Braut Leah, die sich mitten in einer halachischen Debatte befand, in der es nicht nur um den Geisteszustand ihres Mannes ging, während er einen Get gab, sondern auch um widersprüchliche Aussagen von autoritativen Personen aus verschiedenen jüdischen Gemeinden, die keine Einigung erzielen konnten. Eine unbestätigte Quelle behauptet, dass das geschiedene Paar schliesslich wieder geheiratet habe und dass bei der Zeremonie aus Rücksicht vor der Meinung von Rabbi Abraham von Frankfurt kein Segen gegeben wurde. Stattdessen soll der Bräutigam gesagt haben: „Mit diesem Ring bist du immer noch mit mir verheiratet“. Diese Geschichte, die sich in zwei Büchern aus der Sammlung Breslau entfaltet, ist ein seltenes historisches Dokument, das von zwei Männern geschrieben wurde, die an der vorliegenden Angelegenheit beteiligt waren. Durch einen bestimmten Vorfall gibt der Inhalt der Bücher einen Einblick in das jüdische Leben im 18. Jahrhundert und beschreibt aus erster Hand eine der berühmtesten halachischen Kontroversen der Zeit.

Seite 32 (לב) unserer Kopie des Buches. Normalerweise fehlt diese Seite.


Das Buch „Sefer Or Israel“ ist das einzige Buch, das jemals in der kleinen Stadt Cleve gedruckt wurde. Dies geschah insbesondere aufgrund der historischen Bedeutung des Ereignisses. Für den Druck mussten spezielle Ausrüstung und hebräische Buchstaben aus Amsterdam gebracht werden .
Aufgrund der Kontroverse wurden in vielen Exemplaren des Buches die beiden Seiten לא-לב , die die Frankfurter Rabbiner kritisieren, bewusst entfernt. Unser Buch enthält jedoch diese beiden Seiten.

נתן לי הבח‘ המושלם ר‘ דוד בהקצין התורני
בהר“ר יצחק איצק מנאך שבמדינת קליווא יע“א

In unserem Exemplar des Buches „Sefer Or Israel“ kann man eine Signatur des Vorbesitzers „Isaac Itzik von Cleve“ finden, wahrscheinlich der Enkel des Autors.
Auf der Rückseite findet man eine Handschrift, von der wir vermuten, dass sie dem Autor Simon von Kopenhagen selbst gehört, in der er einige der Personen lobt, die die Scheidung unterstützt haben. Erwähnt werden: Aryeh aus Metz und Saul aus Amsterdam.
Er schreibt sowohl in Raschi-Schrift als auch in Handschrift und zitiert viele Verse aus Tehilim und aus der Geschichte von Aharon ha-Kohen, als er dieser mit Öl für das Priestertum geweiht wurde, tropfte aus seinem Bart auch auf Moshe Rabenu Öl. Dadurch illustriert der Autor, wie die von ihm erwähnten Rabbiner ihr Wissen auch ihm verliehen haben.

להגיד כי ישר כשמן הטוב היורד על הזקן אהרן היורד על פי מדותיו שם משמעון
הוא הרב המחבר מו“ה שמעון אהרן קאפנהאגן יצ“ו והגאון המס“פ אור ישראל
ושניות מדברי סופרים הוא ספר אור הישר אור זרוע לצדיק ולי“ל [ולישרי לב] שמחה
המה ראשי המדברים להחזיק מגן תליו עליו כל שלטי הגבורים הגאון המפורסם
מ“ו זקיני מ“ו שאול נ“י אב“ד דק“ק אמשטרדם והגאון המפורסם מ“ו…[?] לונדון ז“ל
ובנו הגאב“ד מלונדן והגאון המפורסם מ“ו שאול ז“ל אב“ד דק“ק האג
והגאון המפורסם בעל שאגת ארי אב“ד דק“ק מץ

*Ich danke Yaakov Fuchs von der Manuskriptabteilung des NLI für seine grosse Hilfe bei der Entschlüsselung des handgeschriebenen Textes

Eine Titelseite voller Rätsel.

„Sefer Imre Bina“ (Worte der Einsicht) Berlin, 1784 (BH 93)

Die beste Freundin von Bibliothekar/innen ist die Titelseite eines Buches. Darin findet man normalerweise alle Informationen zum Buch: den Autor, den Ort und das Datum der Veröffentlichung, den Verlag usw. Manchmal, und besonders wenn es um alte Bücher geht, enthält die Titelseite noch mehr hilfreiche Informationen. In einigen anderen Fällen fehlen sehr wichtige Informationen vollständig. Am problematischsten, und dies geschieht aus verschiedenen Gründen, ist, wenn die Titelseite vollständig fehlt. In allen oben genannten Fällen müssen Bibliothekar/innen ihre normale Rolle als Katalogisierende und Archivierende aufgeben und die Detektivkleidung anziehen.
Das vor uns liegende Buch ist ein gutes Beispiel dafür, wie verfänglich eine Titelseite sein kann. Es gibt keine Informationen über den Verlag, den Drucker oder den Ort der Veröffentlichung. Ausserdem wird das Buch beschrieben, als aus einer alten Bibliothek stammend und dass darin „Haskamot“ ( Zustimmungen/ Imprimatur) von alten angesehenen „Geonim“ (Genies) enthalten sind. Der Autor des Buches bleibt ein Rätsel und wird nur durch das Wort „Pil’i“ (wunderbar, rätselhaft) erwähnt. Was uns bleibt, ist das Erscheinungsdatum, das in Gematrie auf das Jahr 1784 berechnet wird, und zwei sehr einzigartige Informationen: die erste eine Stempel aus einer unbekannten Quelle, die andere eine handschriftliche Widmung.


Die Widmung wurde in schöner Handschrift am Tag Dalet von Elul (ד‘ באלול) im Jahr (תקנ“א) 5551 geschrieben. Das ist der 3. September 1791. Der Empfänger ist Dov Beer Flies, „Führer der Adligen“, der Vater des Arztes Itzek Flies, aus Anlass des Hochzeitstages seines Sohnes mit der Tochter des „Nadiv“ Moshe.
Die Widmung ist nicht unterschrieben.
Eine schnelle Untersuchung im Berliner Adresskalender zeigt, dass es tatsächlich einen jüdischen Arzt namens Itzek Flies (manchmal Fliess) gab, der Mitte des 18. Jahrhunderts in Berlin lebte und Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin arbeitete. Sein Vater Dov Beer Flies wird ebenfalls als Einwohner Berlins erwähnt.
Öffnen wir das Buch „Geschichte der hebräischen Typografie“ von Chaim Dov (Bernard) Friedberg unter dem Kapitel „Berlin“, finden wir tatsächlich unser Buch, das 1784 „ohne den Namen des Druckers“ gedruckt wurde, in Berlin vom Drucker und wirklichen Autor des Buches Isaac Satanow (1732-1804) geschrieben.

Logo der Jüdischen Freyschule Berlin, 1779

Satanow war im 18. Jahrhundert ein sehr umstrittener Gelehrter und hebräischer Schriftsteller. Er war Leiter der Druckerei der Berliner Jüdischen Freyschule, einer Schule für arme jüdische Kinder, die stark von den Ideen der Aufklärung beeinflusst war und als erste jüdische Schule nichtreligiöse Themen unterrichtete. Satanow war auch als jemand bekannt, der Bücher schrieb, sie aber als Schriften präsentierte, die er gefunden hatte und die in der Antike geschrieben worden waren. Er tat dies sowohl, um seine Bücher wichtiger zu machen, als auch um darin bestimmte Meinungen zu vertreten, die zu dieser Zeit höchst inakzeptabel waren. Heute können wir auf ihn zurückblicken und sagen, dass er nicht nur umstritten, sondern auch eine der Schlüsselfiguren bei der Wiederbelebung der modernen hebräischen Sprache war. Sein wichtigstes und berühmtestes Buch „Mishle Asaf“ (Assaf’s Spruchweisheiten), das wie unser Buch als verlorenes Manuskript präsentiert wird, trägt die Namen: Itzek und Dov Beer Flies als Unterstützer und Finanziers. Wir können daraus den Schluss ziehen, dass die vorliegende Widmung von Satanow selbst für die Hochzeit seines Bekannten geschrieben wurde.

Wir haben bereits viele wichtige Details herausgefunden: den Namen des Autors und des Druckers, den Ort der Veröffentlichung sowie den Widmenden und seine Verbindung zum Gewidmeten.
Unsere nächste Herausforderung ist der Stempel. Es ist keiner, den wir aus anderen Breslauer Büchern kennen, und eine erste Suche nach ähnlichen Stempeln führt zu keinen Ergebnissen. Eine Sache, die klar ist, ist das Wort „ZYD“, das polnisch für „Jude“ ist. Wir wissen daher, dass wir im polnischen Kontext nach diesem Stempel suchen müssen. Nach vielen Versuchen und Anfragen in verschiedenen Foren stossen wir in einem Buch in der Yad va-Shem-Bibliothek auf einen ähnlichen Stempel.

Hier ist es etwas einfacher die Schrift zu erkennen, aber immer noch schwer sie vollständig zu verstehen.
Zwei weitere Wörter, genauer gesagt Abkürzungen, sind KAL, was für die polnische Stadt Kalisz steht, und KSIA, was wahrscheinlich eine Abkürzung für das polnische Wort „Ksiazka“ d.h „Buch“, ist.
Wir wissen, dass Kalisz eine sehr wohlhabende und wichtige alte jüdische Gemeinde hatte, die während des Holocaust vollständig ausgelöscht wurde. Dieser Buchstempel, der noch nicht ganz klar ist, gehört wahrscheinlich zu einer alten Bibliothek oder Synagoge dieser alten Gemeinde und ist ein sehr seltenes Zeugnis ihrer Existenz.
Die Buchstaben GR und SR im unteren Teil des Stempels bleiben uns unbekannt und ein Rätsel. Eine gute Annahme unserer Bibliothekarin Kerstin Paul ist, dass es das Bezirksgericht Kalisz (Sąd Rejonowy) sein könnte, das die gleichen Initialen und auch ein ähnliches Wappen hat, aber wir konnten es nicht überprüfen. Selbstverständlich würden wir uns wie immer freuen, wenn Sie uns helfen, herauszufinden, was diese Initialen bedeuten.

Logo des Bezirksgerichts (Sąd Rejonowy) Kalisz

*Update:
Auf Facebook hatte Stefan Litt, Bibliothekar und Archivar der Nationalbibliothek Israel diesen Kommentar hinzugefügt:

Bücher in Zeiten der Pest geschrieben

Bild aus dem Buch „Zur Hygiene der Juden“, Menorah Verlag. Wien, 1926

Es ist manchmal unmöglich, biografisches Material über die Autoren der Bücher in der Breslauer Sammlung zu finden. Die Mehrheit der hebräischen Schriftsteller in früheren Generationen gab uns keinen Hinweis auf Persönliches oder über die Ursache, die sie dazu veranlasste, ein Buch zu schreiben. Im Gegensatz zu dem, wie sich heute Autoren präsentieren und ihrer grossen Anstrengung, sich einen Namen zu machen und für ihre Bücher zu werben, haben die hebräischen Autoren der Vergangenheit ihrem eigenen Selbst und ihrer Biographie wenig Bedeutung beigemessen. Die Autoren haben sich fast immer selbst verkleinert, in dem sie stattdessen die Namen ihrer Rabbiner/Lehrer geschrieben und hervorgehoben und manchmal ihre eigenen Namen weggelassen haben.
Es ist daher immer eine Freude, einer historische Hinweis in einem Buch zu finden, der etwas Licht auf das Leben und die Person einer unserer Schriftsteller wirft, insbesondere wenn er unserer gegenwärtigen Zeit entspricht.
Bei zwei Büchern aus der Sammlung, die kürzlich hier in unserer Bibliothek katalogisiert wurden, stellte sich heraus, dass sie in einer Zeit der Pest geschrieben wurden. Wir alle wissen, dass man in einer solchen Situation aus seinem gewohnten Alltag heraus fällt und so haben unsere beiden Autoren beschlossen, dies in ihren Büchern zu erwähnen.

„Sefer Chesed le-Avraham“, Sulzbach, 1685. Breslauersammlung BH 334

Das erste Buch ist „Chesed le-Avraham“ (Gnade für Abraham). 1816 brach in Hebron die Pest aus. Der Kabbalist Rabbi Avraham ben Mordechai Azulai, der bereits während des dort stattfindenden Bürgerkriegs von Fès in Marokko in das Land Israel fliehen musste, floh später erneut nach Jerusalem, dann wegen des Ausbruchs der Pest von dort nach Gaza. In Gaza schrieb er das kabbalistische Buch „Chesed le-Avraham“. Er erzählt in der Einleitung über seine Erfahrungen: „Ich, der junge Abraham […] erinnere mich noch gut an die Tage der Vergangenheit, in denen ich in meiner Heimatstadt Fès, unter den Klügsten und den Grössten war […] Dann kam der Zorn Gottes und ich befand mich im Chaos, das Er in seinem Zorn verursachte und in dem Er die Stadt meines Vaters verspottete. Aus Druck und Angst verliess ich meine Stadt und mein Haus, frei von jeglichem Besitz und schwor in das Land Israel zu fliehen […] Ich habe nicht geruht, bis ich endlich Frieden in der Stadt Hebron gefunden habe. Dort habe ich mit Gottes Hilfe mein Buch „Kiryat Arba“ geschrieben, das ein Perush (Interpretation) des Sohars war. Und dann im Jahr 5379 [1618], dem Jahr der Vergeltung, haben wir alle um unsere Toten getrauert, die von der Hand Gottes getroffen worden waren, und ich und meine Familie flohen in die heilige Stadt Jerusalem. Aber Gottes Zorn hatte sich auch dort ausgebreitet und er plagte sein Volk […] und sie würden alle durch die Tore des Todes gehen. Ich wusste nicht mehr in welche Richtung ich fliehen sollte, also habe ich ein Gelübde abgelegt, da es eine Pflicht (Mizva) ist, in einer Zeit der Not […] ein Gelübde abzulegen. Gott hörte meinen Ruf und stoppte die Pest [. ..] Deshalb habe ich mein Buch aus zwei Gründen „Chesed le-Avraham“ genannt. Der erste Grund ist die Gnade, die mir Gott gab und daraufhin die Pest stoppte. Der zweite Grund ist, jedem zu danken, der dieses Buch aus Gnade liest, die er mir gab und mit der Hoffnung, dass dieses Buch ihm Gnade zurückgeben wird….“

Einleitung des Autors

Über eine andere Pest, die Anfang des 17. Jahrhunderts in Prag ausbrach, lesen wir in dem Buch „Amude Shesh“ (sechs Säulen), das erstmals 1617 von dem damaligen Av Beth Din (Herr des Gerichts) der jüdischen Gemeinde in Prag Rabbi Shlomo Ephraim Luntschitz veröffentlicht wurde.

„Sefer Amude Shesh“ Amsterdam, 1773. Breslauer Sammlung BH 1272

Sehr selten zu dieser Zeit, schrieb er in der Einleitung dieses Buches eine lange Biographie, wie es ihn von seiner Geburtsstadt Luntschitz nach Prag führte. Er beschrieb dann, wie er von Prag in die nahe gelegene Stadt Bischitz fliehen musste, wo er das Buch schrieb: „Und in diesen Zeiten, im Monat Tishre 5367 [1606], hatte Gott seinen Zorn über alle Nationen auf sie gesandt den ‚Dever‘ [Pest], bis alle aus Angst vor dem Tod geflohen sind und Israel auch unter ihnen ist und die Mehrheit unserer Gemeinde – und ich unter ihnen – in eine kleine Stadt namens Bischitz […] geflohen sind und in der Zeit von meiner Flucht, als ich frei von der Last meiner täglichen Pflichten war, schrieb ich jeden Tag meine Draschot [Predigten] auf ein Stück Papier.“.

Einleitung des Autors

Rabbi Luntschitz signierte sein Buch mit einer kleinen apologetischen Erklärung, die Gott von allen Fehlern befreit, und schrieb alles Schlechte den Sünden von ihm und seiner Gemeinde zu: „Dieses Buch hier soll zeigen, dass alles was uns bisher passiert ist, aus unseren eigenen Händen kam und nicht von Gott…“.

Inschrift des Autors

Eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz

„Zeit für die Klage / Zeit für den Tanz“ Kohelet 3,4

Als Bibliothekare raten wir unseren Lesern dringend, nicht in Bücher zu schreiben. Jedoch, manchmal kann von Hand Geschriebenes, dass wir in alten Büchern finden, als ein historisches Dokument dienen.
Aufgrund des Papiermangels, wurden viele der Bücher in der Breslauer Sammlung als Schreibfläche für ihre Vorbesitzer und manchmal für die Leser der Breslauer-Bibliothek verwendet. Die meisten Handschriften die wir finden, sind kleine Notizen und Erklärungen des Inhalts der Bücher, in die sie geschrieben wurden. In seltenen Fällen jedoch, und dies geschieht normalerweise auf der Vorder- oder Rückseite eines Buches, wird die Oberfläche als Notizblock oder Tagebuch verwendet und enthüllt als solche historische Ereignisse und Fakten, die sonst völlig vergessen worden wären.

Aus dem 1816 in Wien gedruckten Buch „אוצר השרשים“ („Otzer Haschoraschim“). Bresaluersammlung Signatur BH 43

Ein handschriftliches Dokument, dass in einem der Umchläge der Bücher der Breslauer Sammlung gefunden wurde, gibt uns einen Beweis aus erster Hand für die Familiengeschichte des 19. Jahrhunderts. In zwei Teile unterteilt: „עת ספוד“ („Eine Zeit für die Klage“) und „עת לרקוד“ („Eine Zeit für den Tanz“), ein Zitat aus dem dritten Kapitel des Buches Kohelet, enthält es eine Liste der Geburtstdaten und Todestage einer ganzen Familie.
Die Liste wurde in der Ich-Perspektive geschrieben, die einige der darin enthaltenen Nachrichten wirklich herzzerreissend macht. Zum Beispiel der Tod der geliebten Mutter, die den Titel „Meine liebe Mutter“ trägt und dem ein Zitat aus der Mischna angefügt ist: „חיב אדם לברך על הרעה כשם שהוא מברך על הטובה„(„Jeder ist verpflichtet, Gott für das Böse zu danken, genauso wie man Gott für das Gute dankt“).
Am tragischsten ist jedoch der Tod der erst siebenjährigen kleinen Tochter an einem Samstag (dem siebten Tag), der von dem Zitat aus dem Genesis-Buch „ויכל אלוהים ביום השביעי מלאכתו אשר עשה“ („Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, dass er geschaffen hatte“) begleitet wird.

Aus dem 1816 in Wien gedruckten Buch „אוצר השרשים“ („Otzer Haschoraschim“). Breslauersammlung Signatur BH 43


Die Liste der positiven Ereignisse bringt Geburtstage von Kindern und Enkelkinder hervor und zeigt, wie gross und fruchtbar diese Familie war.
Am Ende der Liste, finden wir eine Notiz in einer anderen Handschrift, die für uns die Identität der Person preisgibt, die beide Listen geschrieben hat. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Verwandter diese Liste gefunden und als letzte Anmerkung das Todesdatum unseres Autors hinzugefügt hat: der Arzt Max Kirski (Kierski), der am 6. April 1882 während des Pessachfestes starb und in Białogard begraben wurde.

Datum und Ort des Todes und der Beerdigung von Max Kirski (Kierski) in Hebräisch und Deutsch

Von Euklid bis zum Gaon von Wilna in einem Buch

Obwohl die Sammlung hauptsächlich aus religiösen Büchern besteht, zeigt sich die Einzigartigkeit der Breslauer Sammlung in den vielen nicht-religiösen Büchern, die sie enthält. In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag haben wir bereits die erste hebräische Übersetzung von Shakespeare besprochen, die in unserer Sammlung gefunden wurde («Ein aus Rache übersetztes Buch» 13.10.2020). Nun möchten wir jedoch ein Buch aus dem Bereich der exakten Wissenschaften vorstellen.

Sefer Oklidus (Das Buch Euklid), Haag, 1780. Breslauersammlung BH 32

Euklid von Alexandria(ca. 367–283 v. Chr.) war ein griechischer Mathematiker und gilt als Vater der Geometrie. Sein einflussreichstes Buch „Die Elemente“, befindet sich in unserer Sammlung in seiner ersten Übersetzung ins Hebräische. „Sefer Oklidus“ (Das Buch Euklid) wurde 1780 in Haag vom berühmten Drucker Leib Zusmench gedruckt und ist ein weiterer Beweis für den reichen und ungewöhnlichen Lehrplan, den man im Breslauer Rabbiner Seminar erlebt hat. Es war mehr als ungewöhnlich, dass Jeschiwa oder Rabbinerschulen etwas anderes als Tora und Halacha unterrichteten, aber die Tatsache, dass dieses Buch seinen Weg in die Bibliothek des Seminars fand, zeigt uns den innovativen Versuch, das Judentum dort zu modernisieren.

Baruch Schick von Shklov (1744-1808) der Übersetzer des Buches, war bekanntermassen einer der Pioniere der jüdischen Aufklärungsbewegung und der Erste, der aus dem Englischen ins Hebräische übersetzte. Mangels wissenschaftlicher Konzepte war es fast unmöglich, ein Buch, wie das, was uns vorliegt, zu übersetzen, ohne die Sprache neu zu erfinden. Baruch von Shklov war einer der ersten Erneuerer der modernen hebräischen Sprache, und dieses Buch ist ein lebendiger Beweis dafür. Interessant und verwirrend ist die Verwendung hebräischer Buchstaben als Zahlen.

„כפי מה שיחסר לאדם ידיעות משארי החכמות, לעומת זה יחסר לו מאה ידות בחכמת התורה, כי התורה והחכמה נצמדים יחד“

Eine äusserst interessante Sache wird uns in der Einleitung des Buches fast beiläufig mitgeteilt. Daraus erfahren wir etwas über die enge Beziehung des Autors zu niemand anderem als dem Gaon von Wilna (1720-1797), der diese Buchübersetzung nicht nur genehmigte, sondern tatsächlich darum bat. Das genaue Zitat des Gaons stammt von Shklov in seiner Einleitung und ist seitdem ein Zeichen seiner Weisheit und Offenheit: «Was einem Menschen an anderer Weisheit fehlt, wird ihm hundertmal mehr an Weisheit der Tora fehlen, weil die Tora und die Weisheit aneinander haften».

Rabbi Hirsch Baschwitz Besitzvermerk

Wie viele unserer Bücher trägt auch dieses den Besitzvermerk eines Vorbesitzers. diesmal ist es Rabbi Hirsch Baschwitz (1753-1837), ein Buchdrucker und Verkäufer, der 20 Jahre lang als Rabbiner für die Gemeinde Frankfurt an der Oder tätig war, da kein Rabbiner gefunden wurde, der diese Position besetzen konnte.

Eine kurze biografische Notiz über Euklide, handgeschrieben von Rabbi Hirsch Baschwitz

Chanukka in den Büchern der Breslauer Sammlung

Chanukka ist in der Tat ein Feiertag ohne einen dazugehörigen kanonischen Text. Es gibt jedoch Erwähnungen von Chanukka und der Geschichte von Channuka in deuterokanonischen Texten und Büchern, die nicht speziell für Channuka geschrieben wurden. Aus diesem Grund wurden viele Versuche unternommen, Chanukka-Anthologien zu erstellen: Bücher, die all diese Teile sammeln und versuchen, sie zusammenzusetzen. Diese Anthologien umfassen normalerweise Teile der beiden Bücher der Makkabäer, Erwähnungen von Chanukka aus dem Talmud, Geschichten der Chassidim, Gedichte, Lieder und so weiter.

Asher Anshil Grünwald, „Ner Mitzwa“. Uschhorod, 1929. Breslauersammlung BH 64


Einen schönen Versuch für eine solche Anthologie finden wir in unserer Sammlung mit dem Buch „Ner Mitzva“ (die Kerze des Gebotes). Dieses Buch wurde 1929 in Uschord, Ukraine, von R. Asher Anshil Grünwald geschrieben und verkündet selbst, „alle Angelegenheiten von Chanukka“ zu enthalten. Abgesehen von allen Regeln und Streitigkeiten über das Ritual des Kerzenanzündens, enthält das Buch Erwähnungen und Hinweise auf den Feiertag im Talmud, Gedichte, Lieder und Piyutim. Des Weiteren sind Teile der historischen und unkanonischen Texte, die die Geschichte von Chanukka erzählen, wie die Bücher der Makkabäer oder die Antiochos-Megilla, abegdruckt.

Psalm 67 in Form einer Menora. Nach der Tradition besteht eine Verbindung zwischen diesem Psalm und Chanukka.


Ein weiteres sehr einzigartiges Buch in der Sammlung ist Sefer Hachashmonaim („die Hasmonäer“), geschrieben 1816 in Prag von Jsaschar Beer Schlesinger (1773–1836), einem Dichter aus der Haskala-Generation (jüdische Aufklärung). Der Dichter versuchte, die vergangenen Elemente der Makkabäer-Zeit in die aktuellen poetischen Motive des frühen 19. Jahrhunderts zu integrieren. Das Buch ist daher eine einzigartige Kombination von biblischen Motiven mit Elementen des 19. Jahrhunderts, und man kann im selben Vers eine Erwähnung von Jehuda ha-Makkabi zusammen mit Dante, Milton und Sokrates finden.

Jisaschar Beer Schlensinger: Sefer ha-Hashmonaim (Die Hasmonäer) Prag, 1816. Breslauersammlung BH 343

Ein sehr interessanter Teil dieses Textes ist die Erklärung, die am Ende dieses Buches kommt. Aus Angst vor Missverständnissen, erklärt Schlesinger entschuldigend, dass sein Text nur im Kontext der Zeit des Hasmonäer zu lesen ist. Er betont seine Wertschätzung für die Christen seiner Zeit und führt aus, dass jedes Mal, wenn ein Nichtjude negativ erwähnt wird (ערלים, זרים, נכרים, גוים), dies nur für die „asiatischen Griechen“ der Hasmonäer-Zeit gilt.

Noch ein weiteres Buch in der Breslauersammlung, das sich mit Chanukka befasst, ist „Sefer Minhagim“. Dieses Buch, das ursprünglich 1566 von Rabbi Isaac Tyrnau in Venedig geschrieben wurde arrivierte zu einem der beliebtesten Bücher, um die verschiedenen Rituale der jüdischen Religion zu erklären. Auf den wenigen Seiten über Chanukka wird zum Beispiel erklärt, wie die Kerzen angezündet werden (zum Beispiel aus welcher Richtung man sie anzünden sollte), die Reihenfolge des Kerzenanzündens an Schabbat oder was eine Person tut soll, wenn sie weit weg ist von zu Hause aus und daher keine Kerzen anzünden kann.

Rabbi Isaac Tyrnau: Sefer Minhagim (Das Buch der Rituale), Amsterdam, 1681. Breslauersammlung BH 537

Die Ausgabe in der Breslauersammlung stammt aus dem Jahr 1688 und wurde in Amsterdam gedruckt. Wie viele Bücher in der Breslauer Bibliothek enthält dieses Buch Spuren seiner früheren Besitzer. Auf der ersten Seite wird in Handschrift offenbart, dass dieses Buch im Besitz des berühmten Abraham Cohn von Posen war, ein jüdischer Gelehrter und einer der Pioniere der erneuerten hebräischen Sprache im 19. Jahrhundert.

Eine handschriftliche Eigentumsunterschrift von Abraham Cohn in hebräischer und deutscher Sprache.
das Kapitel über Chanukka in Sefer Minhagim

Mit beweglichen Rädern und schönen Illustrationen ist dieses Buch ein grossartiges Beispiel dafür, wie fortschrittlich der hebräische Buchdruck im frühen 18. Jahrhundert war.

„Sefer Evronot“ (Das Buch der Zeitrechnung) Offenbach, 1722. Breslauersammlung BH 686

Eines der am schönsten konstruierten und illustrierten Bücher der Sammlung ist „Sefer Evronot“. Das 1722 in Offenbach gedruckte Buch wurde ursprünglich von Rabbi Eliezer ben Jacob Beillin Ashkenazi, einem deutschen Gelehrten des 17. Jahrhunderts, geschrieben. Das Buch wurde erstmals 1615 veröffentlicht („Evronot“, Lublin, 1615). Der Kalender basiert auf der Arbeit von Rabbi Jacob Marcaria (Riva di Trento, 1561) und wurde durch die Hinzufügung einer runden Tabelle verbessert, die die Bestimmung von Feiertagen und anderen wichtigen Daten des jüdischen Kalenders erleichterte. Es wurde in Lublin (1640) und Frankfurt an der Oder (1691) nachgedruckt. Im Kapitel „Chodeshei ha’Notsrim“(Monate der Christen) werden die christlichen Feiertage in Deutschland, Polen und Russland sowie die Daten der Messen und Markttage aufgeführt, die das ganze Jahr über stattfinden.

Sefer Evronot wurde von Beilin als Handbuch vorbereitet, „um einem entwöhnten Kind zu helfen, das Gebot [der Mischna-Tora zu erfüllen] um zu wissen, wie man bestimmt, welcher der erste Tag eines jeden Monats des Jahres ist.“. Der jüdische Kalender ist luni-solar; die Monate werden vom Mond und das Jahr von der Sonne berechnet. Das Fachwissen, das benötigt wird, um die notwendigen kalendarischen Anpassungen vorzunehmen, erfordert für religiöse Juden die Beherrschung der Astronomie.

Eine Illustration, die erklärt, wie man die jüdischen Monate mit den einzelnen Fingern und der Handfläche berechnet.


Das Buch besteht aus beweglichen Rädern und Illustrationen von Rabbi Meir Natan Yehushua, die dem jungen Studenten helfen sollen, die Schwierigkeiten bei der Berechnung der jüdischen und nicht jüdischen Feiertage und anderer wichtiger Daten besser zu verstehen.

Ein Baum aus Worten

Wachsende Verse in Baumgestalt zur verherrlichung des R. Jacob Tam. Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars „Fraenckel´scher Stiftung“, Breslau 1888.

David Rosin (1823–1894) war jüdischer Theologe, Lehrer und Übersetzer. Er war einer der hervorragenden Studenten des Breslauer Seminars und kehrte zwanzig Jahre nach seinem Abschluss als Lehrer und Nachfolger von Emanuel Joël, einem der Gründerväter des Seminars, an seinen Studienort zurück. 1888 trug er mit einer Übersetzung zahlreicher Gedichte von Rabbi Ibn Esra zum Jahresbericht des Seminars bei.  Dabei stellte er seiner deutschen Übersetzung jeweils das hebräische Original gegenüber.
Das Gedicht, das wir Ihnen hier präsentieren, ist Rabbenu Tam (Jacob ben Meir Tam) gewidmet, einem Freund von Ibn Esra und Enkel des grossen Raschi. Ibn Esra hatte oft mit Formen von Wörtern und Sätzen gespielt und es wurde sogar gemunkelt, dass er Rabbenu Tam einmal gezeigt hätte, wie man aus Wörtern einen Golem erschaffen könne. Die Worte des vorliegenden Gedichts sind kunstvoll in der Form eines Baumes dargestellt; Rosin ist es gelungen, die Form des Baums auch in seiner deutschen Übersetzung beizubehalten. Der Baum hier repräsentiert den herausragenden Mann (Rabbenu Tam), der „in seinem Geiste und seiner reichen Gelehrsamkeit einen ganzen Garten schöpferischer Gedankensprossen [birgt]“.

Die Schweiz im 19. Jahrhundert durch die Augen eines Juden

Abraham Mendel Mohr – „Schwile Olam“ (die Pfade der Welt) Lemberg, 1856. Breslauer Sammlung Signatur BH 852

Der 1815 in Lemberg geborene Abraham Mendel Mohr verbrachte seine Jugend in einer Jeschiwa, lernte tagsüber Talmud und las nachts heimlich die verbotenen Bücher der Haskala (jüdische Aufklärung). Schon früh heiratete er die Tochter eines reichen Kaufmanns, wodurch er den grössten Teil seines Lebens mit Lernen und Schreiben verbringen konnte.

Mitte des 19. Jahrhunderts wandte er sich einem äusserst beliebten Genre seiner Zeit, dem Reisebuch, zu. In „Schwile Olam“ (1856) beschreibt er auf eine ganz persönlichen Weise und in schönstem Hebräisch detailliert die Landschaft, Wirtschaft, Religion und Kultur Europas.
Wir bringen Ihnen aus diesem Werk in Übersetzung einige sehr interessante und farbenfrohe Absätze, die sich mit der Schweiz des 19. Jahrhunderts befassen.

„Ein sanftes Land, dem die Natur die Schönheit vieler Farben und kostbare Dinge geschenkt hat. Dieses Land besitzt Schönheit, doppelt so viel wie jedes andere europäische Land. Eine Republik ohne Herrscher oder Rabbiner, frei wie ein Vogel hat sie keinen König … dieses Land ist das höchste aller europäischen Länder, und viele Berge bedecken es … seine Luft ist durchschnittlich und sehr gut, die Kälte des Winters stark und mutig und die Hitze des Sommers schwach und schlaff … der gute Käse, der aus der Milch seiner Kühe hergestellt wird, wird um die ganze Welt geführt und man kann keine Stadt in Europa ohne einen Schweizer Käse finden. Die besten Käsesorten sind Emmental, Simmental und Schabziger … die Menschen, die dort leben, zählen zwei Millionen und vierhunderttausend, wovon eineinhalb Millionen Protestanten sind, die der Luther-Religion folgen, der Rest sind katholischer Christen und drei tausend Söhne von Israels. Alle sind dem Geist treu, im Herzen ehrlich und fleissig. Sie sind sehr einladende Menschen, essen und trinken im richtigen Masse, sie sind Liebhaber der Freiheit und ihre Liebe zu ihrem Land ist so gross, dass sie oft sterben, wenn sie ein Land im Ausland besuchen…“

Abraham Mendel Mohr: 1815 – 1868 (National library of Israel – Schwadron collection)