Dass die Schweiz ein mehrsprachiges Land ist, ist bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass bereits vor 100 Jahren eine weitere, unerwartete Sprache versucht hat, sich hier einen Platz zu erobern. Ein kleines, seltenes Büchlein aus unserer Bibliothek mit dem Titel Hebräisch in der Schweiz, das 1926 in Bern erschien, zeigt, wie wichtig die hebräische Sprache damals für die Schweiz war – und umgekehrt. Dies geschah zu einer Zeit, in der sich das Hebräische noch immer in einem Erneuerungsprozess befand und versuchte, sich als Sprache des neuen jüdischen Siedlungsgebiets in Palästina zu etablieren.

Der Autor dieses ungewöhnlichen Büchleins, das in einer Auflage von nur 300 Exemplaren gedruckt wurde, war der Schweizer Karl Jakob Lüthi (1876–1958). Er war Bibliothekar, Buchsammler und damals Leiter des Schweizer Gutenberg-Museums. Obwohl er selbst kein Jude war, faszinierte ihn die hebräische Sprache bereits im Kindesalter. Wie es dazu kam, erzählt er mit grosser Leidenschaft:
Meine Mutter sel. war – als sie noch ledig war – etliche Jahre Haushälterin bei Herrn Karl Gabriel Rudolf Blaser, Privatdozent der Mathematik an der Berner Hochschule (1867-1885), Herr Blaser war ein Freund der alten Sprachen und las zuweilen an langen Abenden die hebräische Bibel „wie die Zeitung“. So erzählte es mir meine Mutter oft und hatte selbst nach vielen Jahren einige hebräische Worte in Erinnerung behalten. Herr Blaser blieb zeitlebens ein Freund meiner Eltern und wurde mein Taufpate. Als solcher versprach er meiner Mutter, ich dürfte dann einst seine hebräischen und andern Bücher haben. Das hatte guten Klang in meinen Ohren! Leider wurde nichts daraus, da das Ableben des Paten meinen Eltern – damals in Erlach – nicht rechtzeitig bekannt geworden und dadurch das Testament hinfällig war. Aber die Liebe zum Hebräisch war geboren in mir, bevor ich einen hebräischen Buchstaben je gesehen hatte!

Lüthi sollte später viele hebräische Buchstaben lesen können. Als begeisterter Büchersammler, vor allem von Bibeln, wurde er nicht nur Liebhaber, sondern auch Experte der hebräischen Schrift. Mit dieser Liebe ging auch Wertschätzung für die Träger dieser Sprache einher. Dies spiegelt sich in seinen herzlichen Schlussworten im Vorwort des Buches wider, die er mit „Shalom al Israel” in hebräischer Schrift beendet:

Allgemein bekannt ist, dass das Studium der hebräischen Sprache und Literatur, insbesondere des Alten Testaments, in der Schweiz seit der Reformation eine lange Tradition hat. Lüthi wollte jedoch aufzeigen, dass nicht nur das Studium, sondern auch der Druck hebräischer Bücher und die Entwicklung der hebräischen Druckschrift auf eine Tradition zurückblicken können, auf die die Schweiz stolz sein kann.

Anhand zahlreicher Beispiele, die durch Abbildungen ergänzt werden, zeigt er, dass nicht nur Basel, das in dieser Hinsicht bekannt war und nach wie vor eine führende Rolle einnimmt, sondern auch Zürich, Genf sowie Bern und Neuchâtel eine herausragende Rolle spielten.

Mit sorgfältiger und gründlicher Recherche widerlegte Lüthi alte Mythen – so wurde das erste hebräische Lehr-, Lese- und Wörterbuch beispielsweise nicht in Basel gedruckt – und präsentierte zugleich neue Erkenntnisse: So fand etwa die Reform der hebräischen Quadratschrift in die moderne hebräische Literatur durch den Typografen Josef Kaplan in der Schweiz statt. Mit seinem fachkundigen Wissen erstellte Lüthi eine umfassende Bibliografie der in der Schweiz gedruckten hebräischen Bücher vom 16. Jahrhundert bis zur Zeit des Zionismus, die nach Regionen (Basel, Zürich, Genf, Bern, Lausanne und Neuchâtel) geordnet ist.

Das kleine Büchlein zeugt von der Liebe eines Menschen zur heiligen Sprache und verdeutlicht zugleich den grossen Einfluss und die Beliebtheit, die das Hebräische in der Schweizer Geschichte hatte. Lüthi, der sich selbst als Zionist bezeichnete, spendete im Jahr 1932 seine gesamte Judaica-Sammlung an die damals neu gegründete National- und Universitätsbibliothek auf dem Berg Skopus in Jerusalem. In einem Brief an den damaligen Bibliotheksdirektor Hugo Bergmann schrieb er:
Sehr geehrter Herr Direktor! Heute lasse ich eine Kiste mit Büchern und Broschüren (zirka 300 Stücke) an Sie abgehen, mit der Bitte, Sie möchten die Schenkung auf meinen Namen lautend annehmen. Verschiedenes davon werden Sie wohl schon besitzen, aber ich hoffe doch, daß einiges für Ihre Bibliothek von Wert sein wird. Ich freue mich im Gedanken, in Jerusalem meine viele Jahre gehütete Judaica-Sammlung zu wissen, als ein zwar ganz bescheidener Zuwachs Ihrer Bibliothek, aber als ein Zeichen dauernder Freundschaft zum Judentum und seiner Heimat im Lande der Heiligen Väter der Bibel. Ich hoffte in meinem Leben immer, einmal das Heilige Land betreten zu dürfen; ich habe aber diesen sehnsüchtigen Gedanken beinahe begraben. Um so mehr freut es mich, daß wenigstens ein Teil meiner Bücher für immer in Israel Eingang finden wird. Dem Lande wünsche ich von Herzen ״Schalom al Jisrael“. Mit dem Ausdruck vollkommener Hochachtung begrüßt Sie ein Freund der ewigen Heimat Israels,
Karl J. Lüthi, Bibliothekar, Leiter des Gutenbergmuseums.

Auf dem wunderschönen hebräischen Exlibris, das Josef Kaplan für Karl Lüthi entworfen hat und das sich ebenfalls in unserem kleinen Büchlein befindet, steht Lüthis Motto aus dem Buch Maleachi in hebräischer Sprache: „הלא אב אחד לכולנו, הלא אב אחד בראנו, מדוע נבגד איש באחיו“ – „Haben wir nicht alle denselben Vater? Hat uns nicht ein einziger Gott erschaffen? Warum handeln wir treulos, ein jeder gegen den anderen?”
Oded Fluss. Zürich, 8.7.2026.

