Max Ettinger – ein turbulentes Leben eines jüdischen Komponisten.

Max Ettinger (1874-1951). Bild von Li Osborne.

Max (Mordechai, Marcus Wolf) Ettinger wurde 1874 in Lemberg, (Lewiw) geboren und stammte aus einer sehr bekannten, jüdisch-orthodoxen Familie.

Aus kleinen autobiographischen Notizen und Texten, die in seinem Archiv gefunden wurden, kann man schließen, dass der junge Ettinger, der schon von Kindesbeinen an zur Musik neigte, unter dem Einfluss von zwei gegensätzlichen Kräften lebte: Auf der einen Seite der Großvater, Isaac Aaron Ettinger, Oberrabbiner von Lewiw. Ein sehr strenger religiöser Mann, der jede Arbeit missbilligte, die nicht auf Gott gerichtet war. Auf der anderen Seite die tolerante und zulassende Mutter, Ernestine Ettinger-Landau, die ihre Kinder verwöhnte und sie ermutigte, ihren Leidenschaften zu folgen. Ettinger, der auch ein sehr kränkliches Kind war, wurde zwischen diesen beiden Welten hin- und hergerissen. Erst nach dem Tod des Grossvaters, nun 24 Jahre alt, nachdem er autodidaktisch Musik lernte, ging er zum professionellen Musikstudium nach Berlin.

Der Anfang war alles andere als vielversprechend. Seine späte Ankunft an der Berliner Hochschule sorgte für viel Aufsehen. Dort wo unter anderem, Heinrich von Herzogenberg sein Lehrer war, fand sein Talent nicht die optimale Förderung. Max Bruch, der berühmte Komponist und Dirigent, hat ihm sogar von der Musik abgeraten und stattdessen geraten, Kaufmann zu werden. Ettinger liess sich dadurch nicht entmutigen; er vertauschte den Norden mit dem Süden, machte nunmehr München, wo er mit einigen Unterbrechungen drei Jahrzehnte ansässig war, zu seiner Wahlheimat.

In München lernte er seine spätere Ehefrau kennen, die Sängerin Josephine (Josi) Ettinger und erlebte dort seine erfolgreichste Zeit. Schrieb Musik für Filme und bekannte Opern, die in ganz Europa, Amerika und auch Palästina mit großem Lob gespielt wurde. München war jedoch auch der Ort, wo er mit dem konfrontiert wurde, was auch seine größte Herausforderung in seinem kreativen und persönlichen Leben wurde: seine jüdische Identität.

Der Ettinger-Nachlass in der ICZ Bibliothek enthält einen kleinen Vortrag, den Ettinger 1936 in Bern hielt, mit dem Thema „Was ist jüdische Musik?“ Diese Frage, die unzählige Male gestellt und beantwortet wurde, wird von Ettinger auf einzigartige Weise behandelt, indem er sie nicht von einem theoretischen, akademischen Standpunkt aus, sondern in seiner subjektiven, persönlichen Art zu beantworten versucht. In einem der Höhepunkte dieses sehr interessanten Textes schreibt Ettinger: “Ich bin kein Historiker, – Ich will Ihnen in keiner Weise mit Gelehrsamkeit kommen, ich möchte dem Quell lebendigen Lebens nahekommen. Ich stamme aus einer alten orthodoxen Familie, Enkel berühmter Rabbiner. In meiner Jugend studierte ich Hebräisch und Talmud […] 1921 wurde in Nürnberg meine musikalische Tragödie “Judith” nach Hebbel, uraufgeführt. Der dortige erste Kritiker des Ersten, schon damals sehr national eingestellten Blattes, schrieb unter anderem sehr Lobenden: “Als Komponist gewinnt Ettinger durch sein offenes Bekenntnis zu seiner Konfession, oder sagen wir in diesem Falle besser, —Rasse. Seine Musik ist durchaus hebräischen Ursprunges; so evident treten diese natürlichen Anlagen zutage, dass man fast sagen konnte, die Juden haben hier einen nationalen Tondichter”.

Manuskript für Ettingers Vortrag „Was ist jüdische Musik“

Ettinger war offensichtlich von dieser Kritik überrascht und wusste nicht wie damit umzugehen, als er dann schreibt : “Ich habe mich immer, natürlich und selbstverständlich, als Jude gefühlt. Unbefangen und naiv machte ich Musik, ohne zu ahnen, dass sie hebräischen Ursprungs sei”.

Seine frühe Erkenntnis der problematischen Situation der Juden in Deutschland ist vielleicht der Grund für seine frühe Ausreise aus Deutschland, 1930 nach Wien und dann 1933 von Wien nach Ascona, in der Schweiz. Vermutlich war dies wohl auch der Grund für Ettingers Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln. Es ist bekannt, dass sich Ettinger ab den späten 20. Jahren fast ausschließlich mit jüdischer Musik und jüdischen Themen beschäftigt hat.

Obwohl von der jüdischen Gemeinde in der Schweiz sehr geliebt und sowohl von der ICZ, wo er als „Hauskomponist“ bekannt war, als auch von Omanut, das zahlreiche seiner Konzerte veranstaltete, liebevoll aufgenommen, konnte Ettinger in der Schweiz nie den Erfolg wiederholen, den er in Deutschland und Österreich hatte. Hinzu kommt, dass die Anerkennung eines Juden als Flüchtling in der Schweiz erst 1944 möglich wurde. Bis dahin hatte Ettinger große finanzielle Schwierigkeiten, die ihn und seine Frau fast ihr Haus in Ascona kosteten.

Die drastische Veränderung von Ettingers Erfolg in Deutschland zu seiner Situation im Exil kann man tragischerweise am besten in dem Buch— „Judentum und Musik“ von Hans Brückner sehen. Dieses erstmals 1935 erschienene, alphabetische „Lexikon“ für „jüdische und nichtarische Musikbeflissner“ räumt Ettinger einen sehr langen Absatz ein, und hebt mit Ausrufezeichen jedes Mal hervor, in dem Ettinger es wagte, Musik für einen klassischen deutschen Autor zu schreiben.

In dem Jahrzehnt vor seiner Emigration 1933 war es Ettinger dank seiner Opern gelungen, im deutschen Musikleben zu etablieren. In Wien wurden drei von seinen Opern in der Universal-Edition Wien verlegt und sein letztes Werk dieser Gattung, “Dolores”, erhielt 1936 in Österreich noch den renommierten Emil-Hertzka Preis.
Der Preis wurde ihm jedoch nie persönlich übergeben und für das Werk fand sich bereits keine Bühne mehr bereit zur Aufführung.

Das kleinste Werk, das Vom Label Universal-Edition Wien verlegt wurde, heisst „Juana“. Dieser Einakter, geschrieben von Georg Kaiser (1878 – 1945) und komponiert von Ettinger im Jahr 1925, hat eine äußerst interessante und zugleich tragische Geschichte. Das Werk selbst handelt von einer klassischen Dreiecksbeziehung zwischen zwei Freunden und einer Frau. Der totgeglaubte Ehemann kehrt zurück und findet seine Frau in den Armen seines besten Freundes. Die Frau opfert sich daraufhin, um die heilige Freundschaft der beiden Männer zu retten.

Die Oper hatte einen enormen Erfolg und wurde mehrfach in ganz Europa gespielt. Diese Art von Ettingers Musik, deckt eine Seite auf, die uns, die wir ihn nur als jüdischen Komponisten kennen, nicht vertraut ist. Die Gesamtstimmung der Musik erinnert an frühe Hollywood-Filme und Musicals, was erklärt, warum Universal sich entschlossen hat, dieses Stück zu verlegen und dem amerikanischen Publikum anzubieten.

Dies war vielleicht Ettingers letzte wirkliche Chance auf internationalen Erfolg, als er am 17. Januar 1933 seine Musik für “Juana” persönlich im Berliner Rundfunk dirigierte. Diese wurde auf Schallplatten aufgenommen und sollte am 30. Januar um 12 Uhr nachts gespielt werden. Die Uhrzeit wurde speziell für die Hörer in New York gewählt, wo es die ideale Stunde von 18:00 Uhr abends sein würde. Der Komponist und seine Frau baten darum, die neuen Schallplatten im Rundfunkgebäude zu hören.
Aber um Mitternacht erschien ein Beamter, der etwas verlegen erklärte, die Sendung könne nicht stattfinden. Die Stunde sei für eine Regierungserklärung reserviert. Es war die erste Rede Hitlers, der eben zum Reichskanzler ernannt worden war.

Diese Schallplatten, insgesamt 11, wurden von Ettinger in die Schweiz gebracht und sind die ältesten Aufnahmen von ihm, die in seinem Nachlass existieren. Nachdem es uns gelungen ist, diese Aufnahmen in der ICZ-Bibliothek zu digitalisieren, bieten wir Ihnen an, sie jederzeit anzuhören.

Wir laden Sie ein, in die Bibliothek zu kommen und die Ausstellung „Max Ettinger – Hauskomponist der ICZ“ zu besuchen, die viele Gegenstände aus seinem Nachlass zeigt.