Drei Gräber, drei Frauen

Am 31. Mai 1866, vor 160 Jahren, ereignete sich in Zürich etwas Aussergewöhnliches. Viele hundert Menschen – die meisten von ihnen Christen, aber auch Juden – folgten einem Leichenzug, der sich in anderthalb Stunden vom Stadtzentrum zu einem jüdischen Friedhof bewegte. Mit diesem für die Stadt bisher beispiellosen Ereignis wurde zugleich eine neue jüdische Grabstätte eingeweiht, auf der bereits eine grosse Menschenmenge zum Empfang wartete.

Meyer Kayserling (1829–1905)

An der Spitze dieser Gruppe ging der berühmte Rabbiner der beiden jüdischen Gemeinden in Endingen und Lengnau, Dr. Meyer (Moritz) Kayserling (1829–1905). Er war ein entschlossener Kämpfer für die Gleichberechtigung der Juden und hatte vier Jahre zuvor den Kulturverein der Israeliten in der Schweiz gegründet. Zudem war Kayserling ein renommierter Historiker, der zahlreiche Bücher zu jüdischen Themen verfasste. Am bekanntesten sind seine Abhandlungen über die spanischen und portugiesischen Juden, sein bahnbrechendes Werk über jüdische Frauen in Geschichte, Literatur und Kunst, seine berühmte Biografie über Moses Mendelssohn sowie seine aufschlussreichen Zeitungsartikel über Juden in der Schweiz.

Ansicht des 1866 neuerrichteten jüdischen Friedhofs Friesenberg im heutigen Zürich-Wiedikon gegen Osten. Mai 1867. ZB Graphische Sammlung (GSM) ; Zürich 3.1, Friesenbergstrasse I, 1

Nach dem Rezitieren von Psalm 91 in hebräischer und deutscher Sprache hielt Rabbiner Kayserling die Einweihungsrede. Darin behandelte er zunächst die Bedeutung der Feier selbst sowie die eines Begräbnisplatzes als Bet ha-Chaim (Haus des Lebens). Anschliessend hielt er die Leichenrede, auf die das Hatzur-Tamim-Gebet in hebräischer und deutscher Sprache folgte. Es heisst, die treffliche Rede sowie der gesamte etwa dreiviertelstündige Auftritt hätten bei den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern einen erschütternden Eindruck hinterlassen.

Trotzdem wir uns an einer ernsten traurigen Stätte bestanden, dennoch freudige Gefühle in uns aufsteigen müssen, wenn wir erwägen, dass an einer Stelle, wo vor circa 400 Jahren die schrecklichste Verfolgungssucht gegen uns herrschte, jetzt die Vorurtheile zu schwinden beginnen und ein Geist der Liebe und der Duldung einziehe!

Einige Tage später berichtete die Neue Zürcher Zeitung über dieses einzigartige Ereignis. Der Artikel hob die edle, würdevolle und bescheidene Zeremonie hervor und betonte ihre Bedeutung für die Toleranz gegenüber dem Judentum in der Stadt. Die jüdischen Einwohner, die gerade die Gleichberechtigung erhalten hatten, werden nun auch in Zürich eine letzte Ruhestätte haben.

Donnerstag, den 31. Mai, hat bei Anlaß der Beerdigung einer Israelitischen Gattin und Mutter zugleich die Einweihung eines neu angelegten Israelitischen Todtenackers staatgefunden, der sich oberhalb Wiedikon, am Abhange gegen Morgen gelegen befindet. Die Feier war einfach, ohne allen Prunk. Am offenen Grabe stand, von den Leidtragenden und einem zahlreichen Publikum umringt, der Rabbiner. […] In wahrhaft edler Ausdruckweise wusste er der Befriedigung und Anerkennung Worte zu leihen, daß die Toleranz unsers Zeitgeistes, in dem altberühmten Zürich den Israeliten vergönnt habe, in derselben Erde, die sie im Leben bewohnt und beschritten, auch die Stätte der Ruhe oder eigentlich die Stätte zu finden, in deren Schooß ein neues, höheres Leben für die aus dem irdischen Leben Geschiedenen beginne.

Neue Zürcher Zeitung. 2.6.1866.

Doch wer war die erste Person, die an dieser Ruhestätte beigesetzt wurde – diese im Artikel nicht namentlich genannte „israelitische Gattin und Mutter“? Die Antwort findet sich zehn Tage später, am 12. Juni 1866, in der Allgemeinen Zeitung des Judentums aus Leipzig. Unter dem Titel „Schweiz” berichtet der anonym bleibende Autor, dass die Verstorbene, der diese Ehre zuteilwurde, Clara Ris, die Ehefrau des Seidenfabrikanten David Ris, war.

Gestatten Sie mir, Ihnen heute über einen seltenen Act, die anläßlich des Hinscheidens der Frau Clara Ris, Gattin des Seidenfabrikanten, Herrn David Ris, stattgehabte Einwei­hung unseres neuen Begräbnißplatzes zu berichten. Die­selbe fand Donnerstag den 31. Mai durch Hrn. Rabb. Kayserling in erhebender Weise statt. Viele Hunderte der christlichen Bewohner Zürichs aus allen Ständen folgten dem Leichenzuge nach dem neuen 1/2 Stunde von der Stadt entfernten Gottesacker, woselbst sich eine große Menschenmenge vor Beginn der Feier bereits versammelt hatte.

Grabstein Clara Ris (1816-1866).

Über die Bedeutung der Familie Ris und ihres Vorfahren, des Rabbiners Raphael Ris, für die Schweiz haben wir bereits in einem früheren Beitrag gesprochen. Erwähnenswert ist jedoch auch, dass keine andere Familie die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Zürich und insbesondere die der Israelitischen Cultusgemeinde so stark geprägt hat. So erhielt der Bankier Aron Ris (1777–1860), ein Enkel von Raphael Ris, bereits im Jahr 1813 eine langfristige Aufenthaltsbewilligung in der Stadt Zürich. Aufgrund seines erfolgreichen Geschäfts, durch das er in der Lage war, hohe Steuern zu zahlen, wurde seine Aufenthaltsgenehmigung immer wieder verlängert. Im Jahr 1837 erhielt er als erster Jude seit dem Mittelalter die Niederlassungsbewilligung in Zürich und damit das Recht, ein Haus zu kaufen. Im Zürcher Steuerregister von 1833 ist er als „Aron Ris, Jud” verzeichnet.

Eidgenössische Zeitung. 9. April, 1856.

Im Jahr 1837 meldete Aron Ris sein Handelsunternehmen „Ris, A. & Komp., Tuch- und Manufakturwaren” im Ragionenbuch der Stadt Zürich an. Er führte das erfolgreiche Unternehmen gemeinsam mit seinem Sohn Jacques (Jacob). Später kamen die Söhne Raphael und David hinzu. David und Jacques Ris Gehörten zu den wichtigsten der zwölf Gründungsmitgliedern der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Die Brüder, die das Vermögen und das Geschäft ihres Vaters erbten, avancierten zu einflussreichen Persönlichkeiten im Zürich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Jacques Ris war einer der Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt, aus der später die Credit Suisse Group hervorging. Von 1866 bis 1869 präsidierte er die Israelitische Cultusgemeinde. David, der für den Handel mit Baumwollstoffen bekannt war, wurde der erste Aktuar der Israelitischen Cultusgemeinde. Die Unterschriften beider sind in den ersten Statuten der Israelitischen Cultusgemeinde zu sehen.

Statuten des Israelitischen Cultusvereins Zürich, Jan. 1864. AfZ: IB ICZ-Archiv / 194

David heiratete im Jahr 1840 Clara, geborene Bernheimer, aus Hohenems. Zunächst lebte er mit seiner Frau unter dem Dach seines Vaters in der Schmidgasse in Zürich. Erst 1851 zogen sie in die Stadelhoferstrasse, von wo aus 15 Jahre später der Leichenzug begann.

Salomon Ludwig Steinheim (1789-1866)

Über die Umstände von Clara Ris’ Tod im Alter von nur 50 Jahren ist nichts bekannt. Es war jedoch reiner Zufall, dass sie die Erste war, die auf dem heute als Unterer Friesenberg bekannten Friedhof beigesetzt wurde. Passender wäre sicherlich der deutsche Mediziner, Religionsphilosoph und Gelehrte Salomon Ludwig Steinheim gewesen, der eine Woche vor Clara Ris in Zürich verstorben war. Zur Enttäuschung vieler hatte seine Witwe beschlossen, ihn auf dem christlich-reformierten Friedhof zu Oberstrass begraben zu lassen. Einer der Enttäuschten war Rabbiner Kayserling. Er schrieb am 5. Juni 1866 einen Artikel darüber in der Allgemeinen Zeitung des Judentums.

Das wehmüthige Gefühl, das in uns über den Verlust dieses geist- und gemüthreichen Mannes er­weckt wurde, wird noch dadurch gesteigert, daß er nicht unter seinen Glaubensbrüdern ein Grab gefunden hat. Wir glauben keine Indiscretion zu begehen, wenn wir constatiren, daß mehrere angesehene Glieder der israelitischen Cultus-Gemeinde Zürich, sobald sie von dem Hinscheiden Steinheim’s Kunde erhalten, seiner tief­betrübten, körperlich und geistig angegriffenen Gattin den Vorschlag machten, diesen allverehrten Glaubens­bruder auf dem von ihnen neu angelegten israelitischen Friedhofe nach jüdischem Ritus zu bestatten; da hieß es jedoch, es wäre Steinheim’s Wunsch und letzter Wille gewesen, auf dem reformierten (Oberstraß) Stadt­kirchhof beerdigt zu werden.

Grabstein Amalie Ris (1834-1866).
Die Schrift auf dem Grabstein ist schwer lesbar und lautet: „Zum Andenken an die unvergessliche Gattin und Mutter: Amalie Ris, geb, Hirsch“.

Noch tragischer ist die Tatsache, dass Clara Ris die erste von drei Frauen aus der Familie Ris war, die innerhalb von weniger als vier Monaten nacheinander auf demselben Friedhof beigesetzt wurden. Clara starb am 31. Mai 1866, gefolgt von ihrer Schwägerin Amalie Ris (geb. Hirsch), der Frau von Jacques Ris, am 28. August desselben Jahres. Amalie wurde nur 31 Jahre alt und in Grab Nr. 2 neben ihrer Schwägerin beigesetzt. In der NZZ vom 29. August 1866 finden wir eine kleine Todesanzeige des Witwers Jacques.

Neue Zürcher Zeitung. 29.8.1866.

Der tragischste Fall ist jedoch der von Emma Ris, der Tochter von David und Clara Ris. Sie starb eine Woche nach Amalie und wurde neben ihrer Mutter und ihrer Tante in Grab Nr. 3 auf dem Friedhof beigesetzt. Sie wurde nur 24 Jahre alt.

Grabstein Emma Ris (1841-1866).

Auch hier finden wir eine herzzerreissende Todesanzeige. Sie wurde am 6. September 1866 in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht und stammt vom trauernden Vater David Ris. Erwähnenswert sind die Worte „auch” und „Einzige”, die darauf hinweisen, dass er neben seiner Frau, seiner Tochter und seiner Schwägerin auch zwei weitere Kinder verloren hatte: Mathilde und Eugen, die zwischen 1844 und 1846 bei der Geburt gestorben waren.

Neue Zürcher Zeitung. 6.9.1866.

Die Familie Ris spielte nicht nur zu Lebzeiten ihrer Mitglieder eine grosse Rolle für die jüdische Geschichte Zürichs, sondern tut dies auch nach deren Tod. Die ersten drei Gräber, mit denen der Jüdische Friesenberg-Friedhof eingeweiht wurde, gehören drei jungen Frauen dieser Familie. Diese Frauen waren zu Lebzeiten völlig unbekannt und standen im Schatten der erfolgreichen Männer in ihrem Leben. Obwohl sie diese Männer nicht überlebten, nahmen sie nach ihrem Tod dennoch einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte Zürichs ein. Ihre Gräber sind die ersten drei, um die herum der gesamte Friedhof vor 160 Jahren angelegt wurde.

Oded Fluss. Zürich, 27.05.2026.

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  1. Wir möchten uns bei Ron Epstein für den Hinweis auf dieses Bild bedanken.

2 Kommentare zu „Drei Gräber, drei Frauen

  1. Ich habe mit grossem Interesse die Entstehung des jüdischen Friedhofs in Zürich gelesen wie auch die interessante und traurige Geschichte der Familie Ris. Ich würde es sehr begrüssen, wenn der
    ICZ Newsletter mit ähnlichen Artikeln neuerdings versehen wird – dies ein grosser Schritt nach vorwärts. Danke.

    1. Vielen Dank für Ihre Nachricht, Herr Bloch! Wir freuen uns sehr über Ihre Meinung und sind ermutigt, mit solchen Beiträgen fortzufahren.
      Mit freundlichen Grüssen, Oded Fluss.

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