
Als das jüdischste Werk von Joseph Roth gilt sein 1930 in Berlin erschienener Roman Hiob. Er erzählt die tragische Geschichte des armen, frommen Schtetl-Juden Mendel Singer, der als Melamed (Torahlehrer) arbeitet und grosse Schicksalsschläge erleidet. Singer, „ein ganz alltäglicher Jude“, verliert seine Familie und damit seinen Glauben, findet ihn nach seiner Auswanderung nach Amerika jedoch wieder. Der Roman berührte die jüdischen Leserinnen und Leser so sehr, dass der Jiddist Abraham Suhl behauptete, er müsse „eine Übersetzung aus dem Jiddischen“ sein. Er wurde auch als Fortsetzungsgeschichte in der jüdischen Zeitung Israelitisches Familienblatt abgedruckt.

Die Handlung des Romans, die für die damalige Zeit sehr relevant war und in den folgenden Jahren noch an Bedeutung gewann, sprach jedoch nicht nur jüdische Lesende, sondern Menschen allgemein an. So wurde der Roman zu Roths bekanntestem und erfolgreichstem Werk und erschien in zahlreichen Auflagen.

Es ist daher nicht überraschend, dass der Roman weltweit für Aufsehen sorgte und in viele Sprachen übersetzt wurde. 1931, knapp ein Jahr nach der Erstveröffentlichung, erschienen bereits eine hebräische Übersetzung von Yitzhak Lamdan sowie eine englische Übersetzung von Dorothy Thompson.

Das eindeutige „Happy End“ des Romans und die Tatsache, dass ein Teil von ihm in Amerika spielt, das darin positiv porträtiert wird, weckten auch das Interesse Hollywoods. Sechs Jahre nach Erscheinen des Romans kam 1936 die erste von vielen Verfilmungen unter dem Titel Sins of Man heraus. Die Regie führte Otto Brower, die Hauptrolle spielte Jean Hersholt.

Eine Verfilmung von Joseph Roths Werk durch Hollywood war keineswegs selbstverständlich. Im Jahr 1934 veröffentlichte Roth den Essayband Der Antichrist. Darin ging er polemisch auf das ein, was er als die Gespenster seiner Zeit betrachtete. Neben Nationalismus und Kommunismus wandte er sich darin auch gegen das „Wunder” der Technik und insbesondere gegen die Filmindustrie und Hollywood, das er als „Hölle-Wut” bezeichnete. Am 14. Juni 1934 schrieb er an seinen Freund Stefan Zweig:
Der Film ist keine zeitliche Erscheinung allein. Er mag die Menschen selig machen, auch der Teufel macht sie zuweilen selig. Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, dass sich im quasi lebendigen Schatten der Teufel offenbart. Der Schatten, der selbst agiert und sogar spricht, ist der wahre Satan. Mit dem Kino beginnt das 20. Jahrhundert, das ist: das Vorspiel zum Untergang der Welt.

Allerdings hätte Roth, der sich Anfang der 1930er Jahre in einer finanziellen Notlage befand, eine Verfilmung seines Romans zugutekommen können. Im Dezember 1930 schrieb er an seinen Verleger Gustav Kiepenheuer: „Ich bekomme von allen Seiten Glückwünsche zum ‚Hiob‘. Hoffentlich rettet er mich […]”. In einem Brief aus dem Jahr 1931 an seine Schwiegermutter äusserte er jedoch seine Skepsis, ob dies im damaligen, vom Antisemitismus geprägten Klima möglich sein würde.
…der herrschende Antisemitismus verhindert die Verfilmung eines jüdischen Stoffes. Vor einem Jahr hätte ich mit [Hiob] 100.000 Mark verdient. Aber ich habe Glück so wenig, wie jeder alte Jud.
Trotz allem kam fünf Jahre später der Film Sins of Man mit dem Hinweis „Based on the novel ‚Job‘ by Joseph Roth” in die Kinos. Bei vielen Fans des Romans weckte der Film hohe Erwartungen. Diese wurden jedoch aus einem recht ungewöhnlichen Grund enttäuscht: Nicht die Qualität des Films oder die schauspielerischen Leistungen waren das Hauptproblem, sondern eine sehr merkwürdige Veränderung der Handlung, die vor allem den Glauben der Charaktere betraf. Kurz gesagt: Aus Roths jüdischstem Roman wurde ein christlicher Film.

So wird vor allem die Hauptfigur des Romans, der jüdische Thora-Lehrer Mendel Singer aus Zuchnow in Russland, im Film zum protestantischen Glöckner Christopher Freyman aus der Stadt Schanbrock in Tirol, Österreich. Das hiobische Leiden, das Mendel Singer im Roman durchlebt, hängt mit seiner jüdischen Identität zusammen und führt schliesslich dazu, dass er an Gott zweifelt. Im Film wird dieses Leiden durch „allgemeinere” Leiden ersetzt. Dort betet sein Parallelcharakter Christopher Freyman in der Kirche und findet seinen Glauben wieder. In seinem Artikel »Hiob als Film«, erschienen in der Pariser Tageszeitung, fasste der Journalist Harry Kahn die Angelegenheit wie folgt zusammen:
In welcher Art der psychologische Gehalt von Roths Roman verbogen und verloren wurde, das lässt sich nicht beschreiben. Es genügt, wenn man den Titel erwähnt, unter dem der Film dann lief. Er lautete: »Die Sünden der Väter«.
Die bekannte Tatsache, dass Roth nach dem Ersten Weltkrieg zum Christentum konvertiert war und dies offenbar mit Stolz trug, hat viele zu der Annahme veranlasst, er sei mit den Änderungen an seinem Roman, wie sie im Film umgesetzt wurden, zumindest einverstanden gewesen – wenn nicht sogar dafür verantwortlich. Die lauteste Kritik in dieser Hinsicht kam vom Journalisten, Rabbiner und Religionswissenschaftler Fritz Rosenthal, der unter dem Pseudonym Schalom Ben-Chorin bekannt war.

Ben-Chorin war ein grosser Bewunderer von Roths Roman Hiob und sehr gespannt darauf, den Film Sins of Man zu sehen, der 1938 endlich in Palästina anlief. Seine grosse Enttäuschung darüber drückte er in einem äusserst bissigen Artikel in der hebräischen Zeitung Haaretz vom 30. Dezember 1938 aus. Der Artikel mit dem vielsagenden Titel Mendel Singer lässt sich taufen kritisierte nicht nur den Film, sondern auch Roth selbst, den Ben-Chorin dafür verantwortlich machte.
Da Joseph Roth, der Jude, ein österreichischer Katholik wurde, entspricht es dem Geist des Autors, dass der Melamed Mendel Singer aus Zuchnow zum protestantischen Glöckner Christoph Freyman aus Tirol wird. Dennoch bleibt der Jude ein Jude. Selbst wenn er keine jüdische Großmutter hat und lediglich eine fiktive Romanfigur ist […] Diese „Übersetzung” oder besser „Fälschung” führt zu einem androgynen Wesen voller Widersprüche, das mit amerikanischem Kitsch gefüllt ist.
Ben-Chorin belässt es jedoch nicht dabei, sondern wirft Roth Verrat vor. Für ihn kann die Tatsache, dass der Film in Jerusalem gezeigt und als Adaption eines Buches des „bedeutenden jüdischen Autors” beworben wurde, als Provokation angesehen werden.
Dieses bedauerliche Filmwerk, das auch heute noch als Beispiel für eine unangemessene Darstellung von Glaubensrichtungen und Meinungen angesehen werden könnte, wurde vor einiger Zeit in einem Kino in Jerusalem gezeigt. In der Werbung wurde besonders hervorgehoben, dass der Film auf dem Roman des berühmten jüdischen Autors Joseph Roth basiert. Die Tatsache, dass der Film eine ganze Woche lang gezeigt wurde, beweist, dass unsere öffentliche Meinung noch nicht ausgereift ist. Ein jüdisches Publikum mit einem ausgeprägteren kritischen Gespür hätte dieses Werk, das eine unangemessene Assimilationsleidenschaft widerspiegelt, als unangebrachte Provokation empfunden.

„Die Geschichte eines einfachen Mannes, basierend auf dem Buch ‚Hiob‘ von Joseph Roth.“
Ob und inwieweit Roth selbst an dem Film beteiligt war, ist unklar. Der ungarisch-österreichische Filmregisseur Géza von Cziffra berichtet in seinen Erinnerungen an Joseph Roth, dass dieser den jüdischen Drehbuchautor Osip Dymov aufgrund dessen umfassender Kenntnisse des osteuropäischen Judentums persönlich für die Verfilmung seines Hiob ausgewählt hat. Das Ergebnis gefiel den Hollywood-Produzenten jedoch nicht, weshalb sie eine Überarbeitung verlangten, die besser zum amerikanischen Publikum passen würde. Laut von Cziffra sah Roth das Endprodukt selbst nicht als etwas, das mit seinem Hiob zu tun hatte. Offensichtlich wusste auch Stefan Zweig, dass Roth den Film nicht mochte. Am 20. Mai 1936 schrieb er ihm mit einer Prise Sarkasmus:
Ihr Hollywooder Hiob soll zum Brüllen schön sein. Aus Mendel Singer haben sie einen Tiroler Bauer gemacht. Aus Menuchim einen Sänger. Ich muss den Film bald sehen. Ich werde für Sie fröhlich sein.

Die beste Antwort erhalten wir jedoch von Joseph Roth persönlich. Er gelangte irgendwie an den kritischen Artikel von Schalom Ben-Chorin und antwortete ihm in einem privaten Brief. Ben-Chorin veröffentlichte am 16. Juni 1939, wenige Wochen nach Roths Tod in Paris, einen kleinen Nachruf auf ihn in der Zeitung Haaretz und zitierte den Brief vollständig– allerdings in einer hebräischen Übersetzung. Im Folgenden wird erstmals eine Rückübersetzung von Roths Worten ins Deutsche vorgestellt:
Sehr geehrter Ben-Chorin,
ich bedanke mich sehr für Ihren Artikel. Ich werde mir Zeit nehmen, mich damit zu befassen, auch wenn ich es nicht schätze, in Polemiken zu geraten. Bitte beachten Sie, dass ich keinerlei Verantwortung für den Film trage, der nach meinem Roman „Hiob” gedreht wurde. Ich habe kein Cent von diesem Geld gesehen und laut meinem Vertrag auch keine Erlaubnis erhalten, mich an der Produktion des Films zu beteiligen. Ich bin seit Kriegszeiten katholisch und habe meine jüdische Herkunft nicht nur nie geleugnet, sondern immer betont.
Ich bin enttäuscht, dass der Ton der „Weltbühne” auch in die hebräische Sprache vorgedrungen ist.Mit allem Respekt: J.R.
Paris. 8. Februar, 1939.

Dies ist der erste von mehreren Beiträgen zum Thema „Hiob in der jüdischen Literatur“. Begleitend dazu wird derzeit eine Ausstellung in der ICZ-Bibliothek aufgebaut.
Oded Fluss. Zürich, 10.3.2026.














































































