Zwischen „Galut“ und „Golus“

„Jude sein heißt im ‚Golus‘ sein.“
Franz Rosenzweig
Rabbiner Dr. Lothar Rothschild (1909 – 1974)

Bevor Lothar Rothschild zum renommierten Rabbiner der jüdischen Gemeinde in St. Gallen wurde, trat er seine erste Stelle als Rabbiner der Synagogengemeinde in Saarbrücken an. Der 1909 in Karlsruhe geborene Rabbiner hatte seine Studienzeit in Basel verbracht, wo er seine Dissertation über Johann Caspar Ulrich und dessen Sammlung jüdischer Geschichten in der Schweiz verfasste. Seine Stelle in Saarbrücken übernahm er 1934, kurz nachdem er sein Studium am berühmten Rabbinerseminar in Breslau abgeschlossen hatte.

Lothar Rothschild – Predigt am Vorabend zu Roschhaschana. 1935. B 1498

Bereits im zweiten Jahr seiner Tätigkeit sah sich Rothschild gezwungen, eine Predigt für Rosch Haschana zu schreiben, in der er von den grossen Veränderungen berichtete, die sich innerhalb eines Jahres in der Saarbrücker jüdischen Gemeinde vollzogen hatten.

Jüdische Rundschau 5.11.1935

Diese Predigt wurde später gedruckt und als Broschüre an alle ehemaligen Mitglieder der Saarbrücker Gemeinde verschickt. Ein seltenes Exemplar davon befindet sich in unserer Bibliothek. Sie war all jenen gewidmet, die Deutschland aufgrund der unerträglichen Zustände im Dritten Reich entweder gezwungenermassen oder aus freien Stücken verlassen hatten:

In dieser faszinierenden Predigt versucht Rothschild, den unlösbaren Konflikt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Weggehen und Bewahren, zu schlichten. Er spricht vom „Ende einer Epoche“, der Emanzipation der deutschen Juden, aber auch vom Beginn einer neuen. Er muss mit ansehen, wie seine einst so grosse Gemeinde, die noch vor einem Jahr die Synagoge füllte, immer kleiner wird.

Unsere Gemeinde hat sich in dem entschwindenden Jahr nicht aufwärts entwickelt; Aufstieg war ihr nicht vergönnt. Letztes Jahr mussten wir, um die Teilnahme an dieser Feierstunde allen zu ermöglichen, einen großen Nebengottesdienst einrichten, jetzt fasst dieses Gotteshaus, das einst viel zu klein zu werden drohte, für die rasch und stetig aufstrebende Gemeinde, heute an diesem Abend alle Beter.

Dennoch hegt Rothschild keinen Groll gegen diejenigen, die gegangen sind. Er hofft, dass sie ein neues Zuhause finden, das ihnen zur Heimat wird. Für ihn ist die Verbindung zwischen den Weggegangenen und den Gebliebenen das Wichtigste: Sie tragen gegenseitig die Verantwortung, sich zu beschützen und füreinander zu sorgen.

„Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter gestellt, den ganzen Tag und die ganze Nacht, nie sollen sie schweigen“. Das ist unsere Aufgabe, das Wachtamt zu übernehmen, für die Zukunft unserer Gemeinde und unseres Volkes, das Wachtamt um Jerusalem, hier und dort.

Ansicht der alten Saarbrücker Synagoge in der Kaiserstraße/Ecke Futterstraße. – Stadtarchiv Saarbrücken, Allgemeine Fotosammlung AF-AM, Nr. 9.

Besonders eindrucksvoll und innovativ ist Rothschilds Analyse der beiden Begriffe „Galut” und „Golus”. Was uns wie dasselbe erscheint – „Diaspora“ –, ist für ihn nicht nur eine unterschiedliche Aussprache, sondern ein entscheidender Moment im Verlauf des jüdischen Lebens durch die Geschichte hindurch.

Wir sind von der „Galut“ ins „Golus“ gewandert. „Galut“ bedeutet uns in der sefardischen Aussprache Zerstreuung unseres Volkes über die ganze Welt, das Hingeworfensein über die Oberfläche der ganzen Erde. Aber es ist ein unbelasteter Begriff, die Feststellung eines Zustandes, die wir ohne zu werten treffen. Aber der Begriff „Golus“ in der aschkenasischen Aussprache ist belastet, er verbindet unsere Vorstellung gleich mit dem zugehörigen Begriff der Nacht, der Dunkelheit, in der wir nur bestehen können durch das Licht der jüdischen Lehre, und des jüdischen Lebens, des einzelnen, der in der Gemeinschaft wurzelt und dadurch der Gemeinschaft selbst, erhellt wird und Hoffnung ausströmt, die wir aus unserer geistigen Substanz noch nähren können.

Für Rothschild war es eine Zeit des Übergangs: vom neutralen Begriff „Galut“ – der blossen, objektiven Tatsache, dass Juden über die ganze Welt verstreut sind –, hin zum vielschichtigen Begriff „Golus“ – den subjektiven, unerträglichen Aspekten des Jüdischseins. Er ruft zu einem aktiven jüdischen Leben auf und bietet einen Ausweg aus der Passivität und Hilflosigkeit einer blossen Lebensform hin zu einem engagierten jüdischen Leben, das diese Lebensform erträglich macht. Dazu verwendet er die Analogie von der Mauer und dem Garten von Franz Rosenzweig.

„Die Mauer steht ohne unser Zutun. Ob wir in der Mauer unbebautes, verkommendes Erdreich bewohnen wollen oder einen schönen Garten, das steht bis zu einem gewissen Grad bei uns.“ Liebe Freunde, das steht bis zu einem gewissen Grad bei uns. Vergessen wir, hinter unserer Mauer einen Garten anzulegen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir uns in verkommendem Erdreich wiederfinden! Wir haben die Möglichkeit, in dem Gärtlein, das uns bleibt, Blumen zu pflanzen; groß werden sie nicht werden, aber uns dennoch erfreuen, weil es unsere Blumen sind, gewachsen aus dem kulturellen Eigenbestand unseres Stammes.

Damit verdeutlicht Rothschild den Unterschied zwischen „Aufgeben“ und „Aufgaben“. Er weist jede pessimistische Sichtweise auf das aktuelle Geschehen zurück und ruft sowohl diejenigen, die gegangen sind, als auch diejenigen, die geblieben sind, zum Handeln auf.

Vor lauter Aufgaben dürfen wir nicht an Aufgeben denken, denn noch zu viele sind da, die uns brauchen und denen wir Halt und Stütze sind.

Mit eindringlichen Worten fordert er die auswandernden Gemeindemitglieder dazu auf, solidarisch zu sein, ihre armen, isolierten und überwiegend alten Brüder, die zurückbleiben, nicht zu vergessen und nicht aufzugeben. Das Gleiche verlangt er von den Zurückgebliebenen. Sie sollen nicht aufgeben, insbesondere nicht gegenüber denjenigen, die bleiben müssen, wie den Armen, Älteren und Kranken. Sie sollen aber auch für die Kinder und die nächsten Generationen das Erbe bewahren.

Die Jungen und die Armen sind ewige Wahrzeichnung von Leben unseres Stammes, ihnen Lenker und Helfer zu sein, sie die Aufforderung der Zeit auf uns.

Israelitisches Wochenblatt. 14.6.1935

Die Tragödie der deutschen Juden während der NS-Zeit zwang viele von ihnen zu einer unmöglichen Entscheidung: Bleiben oder gehen? Selbsterhaltung oder Erhalt der Gemeinschaft? Rothschild, der 1938 selbst zur Flucht gezwungen war, nachdem er mehrfach von der Gestapo verhört worden war, versuchte einen Mittelweg zu finden, bei dem das eine nicht schwerer wog als das andere, sondern das eine das andere ergänzte. Während die meisten den Schwerpunkt auf den zionistischen Traum legten, richtete er sein Augenmerk auch auf diejenigen, die zurückblieben, und auf die weniger glamouröse Aufgabe, die Gemeinschaft zu bewahren.

Spricht uns auch aus dem Begriff Golus der Hauch von jahrhundertealtem jüdischem Leid an, von schmerzhafter Ausstoßung untermalt, fassen wir doch Hoffnung aus der Erkenntnis, daß wir neben dem Niedergang hier in der aufblühenden Heimstätte unseres Volkes ein Aufsteigen erkennen dürfen und beugen uns demütig vor dieser wunderbaren Doppelheit der gegenwärtig-historischen Erscheinung.

Rothschild, der mit seiner Predigt selbst eine kleine Blume im Gärtlein neben der Mauer gepflanzt hat, steht uns bis heute zur Seite. In einer Zeit, in der die Frage nach der Verbindung und Verantwortung zwischen Diaspora und Heimatland erneut aufgeworfen wird, gibt er uns eine Antwort, die über eine einzige Perspektive hinausgeht.

Oded Fluss. Zürich, 8.9.2026

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Von Othello zu Itiel

Neben den zahlreichen religiösen und heiligen Büchern der Breslauer Sammlung befindet sich auch ein umfangreicher Bestand klassischer Literatur. Dazu gehören frühe – teilweise sogar die ersten – hebräischen Übersetzungen von Platon, Homer, Sophokles und anderen Werken der griechischen Klassik sowie Werke der klassischen westlichen Literatur von Autoren wie Goethe, Heine und Milton. Eines der Hauptziele des Breslauer Rabbinerseminars war die Ausbildung moderner Rabbiner, der sogenannten Rabbiner-Doktoren, die ebenso gut aus der Bibel und dem Talmud wie aus Goethe und Shakespeare zitieren konnten.

Wilhelm Shakespeare

Eines der aussergewöhnlichsten Bücher der Sammlung ist die erste hebräische Übersetzung eines Shakespeare-Werkes überhaupt: Othello. Die 1874 in Wien veröffentlichte Übersetzung ist die erste vollständige nach einigen Teilübersetzungen von Ausschnitten und Auszügen. Im Gegensatz zu diesen basiert sie jedoch nicht auf einer deutschen Fassung, sondern direkt auf dem englischen Original. Was dieses Werk jedoch wirklich auszeichnet, ist die Identität des Übersetzers und die Übersetzung an sich.

Itiel ha-Kushi mi-Venetzia. Al Pi Shakespeare. Wien, 1874. BH 77

Die Entscheidung, den Titel des Buches und damit auch Othellos Namen in den biblischen Namen איתיאל Itiel („Gott ist mit mir”) zu ändern, ist ein bewusster Schritt, der sich durch das gesamte Werk zieht. Der Übersetzer, der auf der hebräischen sowie auf der englischen Titelseite lediglich mit den Initialen „J. E. S.” erscheint, steht in der Tradition früher hebräischer Übersetzer wie David Frischmann mit seinem „Zarathustra” oder Saul Tchernichowsky mit seiner „Ilias”. Diese entschlossen sich, ein klassisches Werk nicht nur ins Hebräische zu übersetzen, sondern es vielmehr zu „hebräisieren” und in manchen Fällen sogar zu „judaisieren”.

Liste der Figuren in der Übersetzung. Neben Othello, der zu Itiel wird, gibt es unter anderem auch Jago, der zu Do’eg wird, Chlown, der zu Letz wird, und Desdemona, die zu Osnat wird.

So finden sich im Stück neben hebräischen, biblischen Charakternamen auch Passagen, die nicht nur übersetzt, sondern durch Bibel- oder Talmudzitate ersetzt wurden. Ein Beispiel hierfür ist die Stelle, an der der Kopf des Kabeljaus (Cod) und der Schwanz des Lachses (Salmon) durch den Kopf eines Löwen (Arje) und den Schwanz eines Fuchses (Schual) ersetzt werden, wie es in „Maschet Abot” in der Mischna beschrieben wird: „Sei ein Schwanz der Löwen und sei nicht ein Haupt der Füchse”.

She that in wisdom never so frail
To change the cod's head for the salmon's tail
ולבה יבחן לדעת מה רמים ושפלים
כי זנב לאריות טוב מראש לשועלים

Oder wenn Iago versucht, Montano zu manipulieren und sagt: „Lieber würde ich mir diese Zunge aus dem Mund schneiden lassen.“ Die Übersetzung nimmt wunderschön Bezug auf die Psalmen und lautet: „Lieber würde mir meine Zunge am Gaumen kleben.“


I had rather have this tongue cut from my mouth
תדבק לשוני לחכי, אם אדבר דבר
Peretz ben Mosche Smolenskin (1842-1885)

Zu den Gründen für dieses Vorgehen gehörte zweifellos die poetische Qualität der hebräischen Bibelsprache. Da Shakespeares Stil bekanntermassen von der englischen Bibelübersetzung inspiriert war, glich die Übersetzung ins biblische Hebräisch fast einer Rückübersetzung. Einen besonders aufschlussreichen Grund für diese Motivation finden wir in der Einleitung des Publizisten und Autors Peretz ben Mosche Smolenskin zur Übersetzung. Smolenskin zählte zu den führenden Persönlichkeiten der jüdischen Haskala und setzte sich für die moderne hebräische Sprache ein. Er war die treibende Kraft hinter der Veröffentlichung dieses Buches und betrachtete die Übersetzung als weitaus mehr als nur eine Übersetzung, nämlich als Werkzeug im kulturellen Kampf.

Rache nehmen wir heute an dem britischen Volk. Es hat unsere heiligen Schriften genommen und damit gemacht, was jemand mit dem Eigenen tut: Es hat sie kopiert und auf der ganzen Welt verstreut, als ob sie ihm gehören würden. Und jetzt zahlen wir es ihm mit gleicher Münze heim. Wir werden ihre kostbaren Bücher, ihre heilige Schrift, die Visionen von Shakespeare, nehmen und in unsere heilige Sprache übertragen. Ist diese Rache nicht süß?!

Rache als Grund für die Übersetzung eines Werkes erscheint ziemlich hart. Auch der Übersetzer des Werkes hätte dem möglicherweise nicht zugestimmt. Dieser Mann, der sich später durch die Übersetzung eines weiteren Werks von Shakespeare, Romeo und Juliet, das er mit dem schönen hebräischen Titel רם ויעל „Ram und Yael“ versah, zu erkennen gab, war Isaac Edward Salkinson. Als Sohn einer orthodoxen jüdischen Familie begann er seine Übersetzungsarbeit mit Miltons „Paradise Lost“, das er unter dem Titel ויגרש את האדם („Und Er vertrieb den Menschen“) veröffentlichte.

Isaac Edward Salkinson (1820 – 1883).

Der in einem kleinen Dorf nahe Wilna geborene Salkinson war eine äusserst exzentrische Persönlichkeit der jüdischen Haskala. Er konvertierte im Laufe seines Lebens zum Christentum, nachdem er in London Vertreter der Missionsgesellschaft kennengelernt hatte. Obwohl er für seine aussergewöhnlich schönen Übersetzungen ins Hebräische von vielen bewundert wurde, stand er stets unter dem Verdacht, selbst ein Missionar zu sein. Ein gutes Beispiel für sein Bestreben, diesen Verdacht zu vermeiden, finden wir in seiner Übersetzung von Itiel. So relativiert er beispielsweise eine vermeintlich negative Überlieferung von Judas Iskariot und vermeidet den entsprechenden Satz aus Shakespeares Werk, in dem Jesus dem gesamten jüdischen Volk überlegen ist.

of one whose hand,
Like the base Judean, threw a pearl away
Richer than all his tribe;
כיהודי ההוא
אשר השליך ספיר מידו, יקר מכל הון ישראל.
Itiel ha-Kushi mi-Venetzia.Al Pi Shakespeare Hotzaat Ra’av. Tel Aviv, 2025.

Die Übersetzung von Othello gilt bis heute als Klassiker der hebräischen Sprache. Der Übersetzer ist jedoch – vermutlich aus den oben genannten Gründen – weitgehend in Vergessenheit geraten. Abgesehen von einigen anachronistischen Begriffen hat diese mehr als 150 Jahre alte Übersetzung den Test der Zeit zweifellos bestanden. Andere Übersetzer des Stücks ins Hebräische – darunter einige renommierte wie T. Carmi und Nathan Alterman, der seine eigene Übersetzung im Vergleich dazu als blossen „Versuch” bezeichnete – waren sich einig, dass Salkinsons Übersetzung überlegen ist und bis heute aktuell und frisch wirkt. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass diese Übersetzung wesentlich zur Erneuerung der hebräischen Sprache beigetragen hat. Im vergangenen Jahr wurde sie in Israel sogar in einer Neuausgabe veröffentlicht.

Oded Fluss. Zürich, 26.8.2026

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Brechts jüdische Frau

Zum 70. Todestag von Bertolt Brecht.

Am 6. Februar 1980 erschien in der Tiroler Tageszeitung ein Artikel, der für grosses Aufsehen sorgte. Rupert Kerer, der damals Chefredakteur der Zeitung war und bereits für seine antisemitischen Äusserungen berüchtigt war, machte darin die Juden für alle Probleme der Welt verantwortlich. Neben Freud, dem er vorwarf, die Liebe in Sex verwandelt zu haben, und Marx, der den Neid in die Politik gebracht habe, sah er die Juden als verantwortlich für alle Übel der Gesellschaft wie Anarchismus und Nihilismus. Sogar Hiroshima schob er Einstein und Oppenheimer in die Schuhe. Ein Name, den er erwähnte, kam jedoch überraschend. Inmitten seines ungezügelten Hasses auf Juden schrieb er:

Der Jude Brecht hat den Haß in die Literatur eingeführt, und das ,,Lexikon des Judentums“ zählt viele Fortschritte der Menschheit auf, die eigentlich Rückschritte in die Barbarei bedeuten.

Bertolt Brecht (1898- 1956)
Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0

Obwohl er alle „Anzeichen“ dafür hatte, wurde Brecht von den Nationalsozialisten und anderen Antisemiten seiner Zeit weder als Jude angesehen noch fälschlicherweise oder absichtlich als solcher eingestuft (Mehr dazu im unseren Beitrag Nichtjüdische Juden). Er war eine der schärfsten kritischen Stimmen gegen den Nationalsozialismus, ein überzeugter Marxist und stets von jüdischen Kolleginnen und Freunden umgeben. Vor allem aber war es seine Frau, die ihn auf gewisse Weise mit einem „jüdischen Schicksal“ verband. So schrieb er 1941 im Exil in der dritten Person über sich selbst in sein Tagebuch:

Brecht ist Arier […] Brechts Frau, die unter ihrem Mädchennamen Helene Weigel Schauspielerin am Staatstheater und bei Max Reinhardt war, ist dagegen Jüdin, was allein für Brecht ein Grund gewesen wäre, aus Deutschland zu emigrieren.

Und obwohl er ihr Schicksal teilte, wurde gerade Brecht – insbesondere nach der Shoah – dafür kritisiert, dass er die Verbrechen des NS-Regimes gegenüber den Juden angeblich nicht ausreichend thematisiert habe. Auch nach seinem Tod hatten viele den Eindruck, dass er den spezifisch gegen Juden gerichteten Nazi-Verbrechen nicht genügend Gewicht beimass und eher von faschistischen Verbrechern und Opfern im Allgemeinen sprach.

Helene Weigel als „Mutter“ in Bertolt Brechts gleichnamigem Schauspiel; Berliner Ensemble,
Foto: Abraham Pisarek, Deutsche Fotothek, 1967

Vier Jahre nach Brechts Tod, im Jahr 1960, erhielt seine Frau Helene Weigel einen Brief des israelischen Journalisten und Pädagogen Zvi Zohar. Dieser gehörte zu den ersten Herausgebern von Brechts Werken auf Hebräisch. Darin berichtete er von seinem ersten Besuch in Deutschland nach dem Holocaust und von einigen Brecht-Stücken, die er zum Thema der Nazizeit gesehen hatte. Er brachte darin sein grosses Unbehagen darüber zum Ausdruck, dass Brecht die Juden und den Antisemitismus – und erst recht den Holocaust – in seinen Stücken ignorierte. Der Jubel und Beifall der jungen deutschen Zuschauer trugen nicht dazu bei, sein Unbehagen zu lindern.

Verdienen die Gräueltaten, die den Juden angetan wurden, und ihr Schicksal unter den Nationalsozialisten nicht die Träne eines Dichters? […] Hat Brecht die Juden tatsächlich ignoriert? Hat er keine Hinweise hinterlassen, die zeigen, dass er den größten und barbarischsten Ausbruch des Antisemitismus seiner Zeit und seines Umfelds wahrgenommen und bezeugt hat?

Zvi Zohar (1898 – 1975)

Zohar veröffentlichte den Brief und Weigels Antwort im Oktober 1960 in der israelischen Zeitung Al ha-Mishmar. Im Folgenden die Rückübersetzung eines Teils von Weigels Antwortbrief ins Deutsche:

Sehr geehrter Dr. Zohar, wir sind der Ansicht, dass es ungerecht ist, B. Brecht vorzuwerfen, er habe das „Judenproblem” ignoriert […] In seinen Theaterstücken und Gedichten war es seine ausdrückliche Absicht, dieses Thema im Kontext der Schrecken des Faschismus darzustellen. Seine Haltung sollte daher vor dem Hintergrund dieses grundlegenden antifaschistischen Ansatzes verstanden werden. Dann werden Sie in vielen seiner Stücke Momente finden, in denen er dieses Thema anspricht. Dies gilt insbesondere für den Akt „Die jüdische Frau“ aus „Furcht und Elend im Dritten Reich…

Bertolt Brecht – Furcht und Elend des III. Reiches. Malik Verlag. London, 1938.

Die jüdische Frau ist tatsächlich eines der wenigen Werke Brechts, das sich speziell mit der Situation der Jüdinnen und Juden in Deutschland auseinandersetzt. Es ist ein äusserst eindringliches und wirkungsvolles Werk, das die ausweglose Lage der deutschen Juden sowie die Ohnmacht und die bisweilen gleichgültige Haltung ihrer deutschen Mitbürger auf brillante Weise schildert.

Frankfurt, 1935. Es ist Abend. Eine Frau packt Koffer. Sie wählt aus, was sie mitnehmen will. Mitunter nimmt sie wieder etwas aus dem Koffer und gibt es an seinen Platz im Zimmer zurück, um etwas anderes einpacken zu können. Lange schwankt sie, ob sie eine große Photographie ihres Mannes, die auf der Kommode steht, mitnehmen soll. Dann läßt sie das Bild stehen.

Das Stück handelt von einer 36-jährigen Jüdin im Deutschland des Jahres 1935, die sich aufgrund der unerträglichen Lage entschliesst, nach Amsterdam zu fahren. Sie ist mit einem nichtjüdischen Arzt verheiratet, der nichts von ihrem Vorhaben weiss. Der Grossteil des kurzen Stücks besteht daraus, dass die Frau ihre zahlreichen Freunde anruft, um ihnen von ihrer Abreise zu erzählen. Man spürt, dass es ihnen nicht wirklich etwas ausmacht und dass sie nicht versuchen, sie von der Abreise abzuhalten.

Hier Judith Keith. Doktor, sind Sie es?- Guten Abend. Ich wollte nur eben mal anrufen und sagen, daß ihr euch jetzt doch nach einem neuen Bridgepartner um sehen müßt, ich verreise nämlich. – Nein, nicht für so sehr lange, aber ein paar Wochen werden es schon werden. – Ich will nach Amsterdam. – Ja, das Frühjahr soll dort ganz schön sein. – Ich habe Freunde dort. – Nein, im Plural, wenn Sie es auch nicht glauben. […] Ich weiß. Warum sollte ich so was denken? Nein, so plötzlich kam es gar nicht, ich habe nur immer verschoben, aber jetzt muß ich… Ja, aus unserm Kinobesuch wird jetzt nichts mehr, grüßen Sie Thekla. – vielleicht rufen Sie ihn sonntags mal an? – Also, auf Wiedersehen! – Ja, sicher, gern! – Adieu!

Wir hören lediglich, was die Frau am Telefon sagt, wodurch das Gefühl ihrer Einsamkeit noch verstärkt wird. Allen scheint klar zu sein, dass sie für immer geht. Dennoch spielen sie bei dieser Farce mit, als wäre es nur für kurze Zeit. Anschliessend verbrennt sie das Telefonbuch. Danach beginnt sie, mehrere imaginäre Gespräche mit ihrem Ehemann zu führen, in denen sie versucht, ihm zu erklären, warum sie gehen muss. Dabei schimpft sie mit ihm und den anderen.

ich weiß, du bist nicht feig, die Polizei fürchtest du nicht aber es gibt Schlimmeres. Sie werden dich nicht ins Lager bringen, aber sie werden dich nicht mehr in die Klinik lassen […] Sage nicht, du bist unverändert, du bist es nicht! Vorige Woche hast du ganz objektiv gefunden, der Prozentsatz der jüdischen Wissenschaftler sei gar nicht so groß. Mit der Objektivität fängt es immer an, und warum sagst du mir jetzt fortwährend, ich sei nie so nationalistisch jüdisch gewesen wie jetzt. Natürlich bin ich das […] Was wollen sie in Wirklichkeit? Was tue ich ihnen? Ich habe mich doch nie in die Politik gemischt […]Die Wände haben Ohren, wie? Aber ihr sagt ja nichts! Die einen horchen, und die andern schweigen. Pfui Teufel.

Das Ende bildet das tatsächliche Gespräch mit ihrem Ehemann, der nach Hause kommt und sieht, wie sie ihre Koffer packt. Zum ersten Mal hören wir einen Dialog zwischen zwei Personen. Das Gefühl der Einsamkeit, das die Monologe in uns hervorgerufen haben, dürfte dadurch ein wenig abgeschwächt werden. Dies tritt jedoch nur zu Beginn auf, denn es scheint, als wünsche sich der Ehemann, dass sie bleibt. Im letzten Absatz, als er ihr den Pelzmantel reicht – es ist Frühling –, wird jedoch deutlich, dass auch er es vorzieht, wenn sie ginge.

DER MANN: Höchst überflüssig. Wegen der paar Wochen.
DIE FRAU [die wieder zu packen begonnen hat]: Jetzt gib mir den Pelzmantel herüber, willst du?
DER MANN [gibt ihn ihr]: Schließlich sind es nur ein paar Wochen.

Die autobiografischen Parallelen zwischen den Figuren des Stücks und dem Autor sowie seiner Frau sind offensichtlich. Es geht um einen nichtjüdischen Mann und eine jüdische Frau, die im nationalsozialistischen Deutschland in eine ausweglose Situation gebracht wurden. (Im Hebräischen lautet der Titel des Stücks „Seine jüdische Frau“, was noch treffender ist.) Helene Weigel spielte die Rolle der Jüdin sogar auf der Bühne.

Helene Weigel als jüdische Frau (Szene aus: B. Brecht: „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ ) Berliner Ensemble
Eva Kemlein
Berlin, 1957
FotoTechniken; 24,00 cm x 18,00 cm
Inv.-Nr.: SM 2016-9860
© Stiftung Stadtmuseum Berlin
Reproduktion: Friedhelm Hoffmann, Berlin

Vielleicht ist das der Grund, warum sich Brecht nur so weit an dieses Thema herangewagt hat. Möglicherweise hat er sich auf diese Weise damit auseinandergesetzt, weil das Thema ihm zu nah und doch zu fern war. Eventuell lag es daran, dass der Holocaust selbst für den grossen Brecht – allein schon aufgrund seiner familiären Situation – etwas war, das jede Vorstellungskraft und jede künstlerische Form übersteigt.

Oded Fluss. Zürich, 12.8.2026.

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Die Odyssee und die Bibel

Nun, da Homers Epos die Odyssee dank Christopher Nolans Verfilmung wieder in aller Munde ist, ist es vielleicht an der Zeit, auf ein vor genau 80 Jahren in Bern erschienenes Buch zurückzublicken. Der Autor, der im Jahr 1936 wegen seiner jüdischen Herkunft Deutschland verlassen musste und schliesslich an der Universität Istanbul in der Türkei landete, war der deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftler sowie Romanist Erich Auerbach (1892–1957). Sein Buch Mimesis, das heute leider weitgehend in Vergessenheit geraten ist, sorgte damals für Aufsehen und wurde zu einem Meilenstein der Literaturwissenschaft.

Erich Auerbach um 1930

Vor seinem Exil stieg der in Berlin geborene Auerbach zum Professor für romanische Sprachen in Marburg auf. Dank seiner Beherrschung der klassischen und modernen westlichen Sprachen gelang es ihm, in jedem der 20 Kapitel die Ausdrucksweisen, die Sprache und den Stil der jeweiligen Epoche der westlichen Literaturgeschichte zu analysieren. Jedes Kapitel dreht sich um ein literarisches Werk, das für eine bestimmte Epoche typisch ist, sowie um den Vergleich mit anderen Werken.

Erich Auerbach – Mimesis: Dargestellte Wirklichkeit in der Abendländischen Literatur. A. Francke Verlag. Bern, 1946.

Den Titel Mimesis hat Auerbach aus der griechischen Philosophie übernommen. Mithilfe dieses Begriffs, der „Nachahmung“ oder „Wiedergabe“ bedeutet, untersucht er die gesamte westliche Literatur von ihren Anfängen bis ins 20. Jahrhundert und ihren Versuch, die Wirklichkeit nachzuahmen. Dabei stellt er die Frage: Inwieweit versteht sich Literatur als authentische Nachahmung, als wahre Darstellung der Wirklichkeit?

Es war ursprünglich die platonische Fragestellung im zehnten Buch des Staates, Mimesis als drittes nach Wahrheit, in Verbindung mit Dantes Anspruch, in der Komödie wahre Wirklichkeit zu geben, von der ich anging.

Auerbach unternimmt mit uns eine Reise, die mit Homers Epos beginnt und uns durch eine zufällige, aber beeindruckende Auswahl westlicher Literatur führt – von Shakespeare und Dante über Proust und Dostojewski bis hin zu Virginia Woolf und James Joyce, um nur einige zu nennen. Interessanterweise ist der Ausgangspunkt des Buches – und vielleicht auch sein berühmtester Teil, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk zieht – ein Vergleich zwischen einer Szene aus Homers Odyssee und der Bindung Isaaks in der Bibel. Auerbach möchte aufzeigen, wie zwei sehr unterschiedliche, beinahe gegensätzliche literarische Stile die Grundlage der gesamten westlichen Literatur bilden.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein – Odysseus and Euryclea

Die Szene aus der Odyssee ist auch der Titel des ersten Kapitels: „Die Narbe des Odysseus”. Sie beschreibt die unvergessliche Ankunft des Odysseus in Verkleidung in seiner Heimat. Dort wird er von seiner alten Sklavin Eurykleia anhand einer Narbe erkannt, die er als Kind bei einem Besuch bei seinem Grossvater Autolykus erlitten hatte. Auerbach zeigt auf wunderbare Weise, wie diese detailreiche Szene wirkt, die fast als überladen erscheint, und wie sie keine noch so kleine Information auslässt.

Dies gibt zunächst Anlaß, den Leser über Autolykos zu unterrichten, über seinen Wohnort, die genaue Art der Verwandtschaft, seinen Charakter, und, ebenso ausführlich wie entzückend, über sein Benehmen nach der Geburt des Enkels; dann folgt der Besuch des zum Jüngling herangewachsenen Odysseus; die Begrüßung, das Gastmahl zum Empfang, Schlaf und Erwachen, der morgendliche Aufbruch zur Jagd, das Aufspüren des Tieres, der Kampf, die Verwundung Odysseus’ durch einen Hauer, das Verbinden der Wunde, die Genesung, die Rückkehr nach Ithaka, das besorgte Ausfragen der Eltern; alles wird erzählt, wiederum mit vollkommener, nichts im Dunkeln lassender Ausformung aller Dinge und aller sie verbindenden Glieder.

Rembrandt – Die Bindung Isaaks

Im Gegensatz dazu steht die Geschichte von der Bindung Isaaks aus der Genesis. Auerbach beschreibt den biblischen Stil als hintergründig, fragmentarisch und sparsam. Die Figuren haben eine unbeleuchtete Tiefe und vieles bleibt unausgesprochen. Die biblische Geschichte wird – wie für sie typisch, hier aber vielleicht am deutlichsten – fast in einem Atemzug erzählt und betrifft nur das unmittelbare Geschehen. Es gibt keine Vorgeschichte, keine Landschaftsbeschreibung, keinen Grund für die Prüfung und vor allem keine Beschreibung der Gedanken oder Gefühle der Hauptfiguren – weder Abrahams noch Isaaks – während der drei qualvollen Tage auf dem Weg zum Berg Moriah.

Nur so viel von den Erscheinungen wird mitgeteilt, als für den Zweck der Erzählung nötig ist; alles andere bleibt im Dunkel; nur die entscheidenden Punkte der Erzählung werden hervorgehoben, was dazwischen liegt, existiert nicht; Zeit und Ort sind unbestimmt und fordern Deutung; Gedanken und Gefühle bleiben unausgesprochen, werden durch Schweigen und fragmentarische Reden angedeutet; das Ganze ist von der ungelösten Spannung durchdrungen und auf ein einziges Ziel gerichtet.

Ausserdem unterscheidet sich die biblische Erzählung von der homerischen dadurch, dass Homer zwei verschiedene Stile verwendet. Das Alltagsleben der einfachen Leute wird auf idyllische Weise geschildert. Die grossen Ereignisse der Herrscher und Götter hingegen werden auf erhabene Weise erzählt. Auerbach zufolge gibt es in der Bibel keinen stilistischen Unterschied zwischen dem Erhabenen und dem Alltäglichen. Hier halten beide zueinander und verschmelzen zu einer Einheit. Das Problematische und Tragische spielt sich nicht nur auf dem Schlachtfeld und im Königshaus, sondern auch im alltäglichen Familienleben ab.

Szenen wie die zwischen Kain und Abel, zwischen Noah und seinen Söhnen, zwischen Abraham, Sarah und Hagar, zwischen Rebekka, Jakob und Esau und so weiter, sind im homerischen Stil undenkbar.

Auch wenn Auerbach der Bibel und der Odyssee mehr oder weniger das gleiche Gewicht beimisst, verfolgen beide Werke doch unterschiedliche Ziele. Die Odyssee dient der Unterhaltung und erhebt keinen Anspruch auf Wahrheit. Homers Ziel war es, den Lesern ihre Realität für die Dauer des Lesens vergessen zu lassen (dies könnte ihre erfolgreiche Verfilmung erklären.). Die Bibel hingegen gründet auf Glauben und nicht auf Fantasie. Sie betrachtet sich als die einzige Wahrheit und als realer als die Realität der Lesenden.

Der Wahrheitsanspruch der Bibel ist nicht nur dringlicher als der Homers, er ist tyrannisch; er schließt alle anderen Ansprüche aus. Die Welt der Schriftgeschichten begnügt sich nicht damit, eine historisch wahre Wirklichkeit zu beanspruchen – sie besteht darauf, die einzige wirkliche Welt zu sein, sie ist zur Alleinherrschaft bestimmt.

Laut Auerbach ist die gesamte Literaturgeschichte eine Abfolge von Versuchen, die Realität nachzuahmen. Die Odyssee des Homer und die Bibel sind zwei Grundformen, die unterschiedliche Ansätze und Stile bei dieser Nachahmung (Mimesis) verfolgen, um unsere Realität darzustellen und dadurch auch unsere Wahrnehmung davon zu prägen. Während die Odyssee eine grandiosere, alternative Geschichte als die Realität erschafft und dabei keinen Anspruch auf Wahrheit erhebt, präsentiert sich die Bibel als die eine, einzige wahre Wirklichkeit.

Oded Fluss. Zürich, 29.7.2026.

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Das kurze Leben von Ernst Harburger

Tisha BeAv, an dem die Zerstörung beider Tempel begangen wurde, ist vielleicht der traurigste aller jüdischen Nationaltrauertage. Es mag eine Frage der Psychologie sein, aber an diesem Tag erhält eine persönliche Tragödie eine besondere, fast symbolische Bedeutung. Genau das ist vor 100 Jahren passiert, als ein 24-jähriger Jude bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Doch was hat das mit unserer Bibliothek zu tun? Die Geschichte beginnt elf Jahre zuvor, als der junge Mann seine Bar Mitzwa feierte.

Israels Gebete – Übersetzt und erläutert von Samson Raphael Hirsch. Verlag von J. Kaufmann. Frankfurt a.M. 1906. H 1507

Wenn man in unserer Bibliothek den alten Siddur תפלות ישראל Israels Gebete aufschlägt, der von Samson Raphael Hirsch übersetzt und erläutert und 1906 in Frankfurt am Main gedruckt wurde, findet man darin eine schöne Bar-Mitzwa-Widmung an einen Ernst Harburger von seinen drei Onkeln:

Zur Erinnerung an seine Barmizwah
ihrem lieben Neffen Ernst Harburger von seinen Onkeln
Heinrich Scheuer
Albert Scheuer
Max Scheuer

Leider fehlen in der Widmung sowohl das Datum als auch der Ort. In unserem Zeitungsarchiv haben wir jedoch eine kleine Anzeige in der Rubrik „Familien-Nachrichten” der Zeitung Der Israelit vom 27. Mai 1915 gefunden. Darin steht, dass die Bar-Mizwa am Samstag, dem 29. Mai 1915, im Betlokal der Israelitischen Religionsgesellschaft in Zürich stattfand.

Der Israelit. 27.5.1915

Wenn wir uns wieder dem Buch zuwenden, finden wir darin zwei weitere entscheidende Hinweise. Der eine ist der Besitzstempel des jungen Mannes selbst, Ernst Harburger. Der andere ist ein Geschenk-Exlibris, aus dem hervorgeht, dass unsere Bibliothek dieses Buch aus dem Nachlass seiner Eltern, Salomon (Saly) Harburger und Julie Harburger (geb. Scheuer), erhalten hat.

Saly Harburger wurde 1872 in Gailingen geboren. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung in Heilbronn zog er im Jahr 1896 nach Zürich. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRG) und war von 1925 bis 1928 deren Präsident. Doch auch über Zürich hinaus tat er der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz Gutes: Er interessierte sich sehr für alle jüdischen Belange und war 1919 an der Gründung des Etania-Hilfsvereins in Davos beteiligt. Zudem unterstützte er 1927 das Komitee der Freunde der Jeschiwa in Montreux. Über viele Jahre hinweg vertrat er die Religionsgemeinschaft Zürich im Jüdischen Gemeindebund, war aktives Mitglied des Erez-Israel-Komitees und Mitbegründer der koscheren Spitalpflege im Bethanien-Heim.

Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung, 1903.

In Zürich-Aussersihl gründete er die Firma „Saly Harburger Eisen und Metallhandlung“. Seine Frau Julie (1879–1965) lernte er in Heilbronn kennen, als er seine kaufmännische Lehre bei ihren Eltern absolvierte. Das Paar traf sich in Zürich wieder und heiratete im Jahr 1901. Ihr Haus bildete ein Zentrum der damals noch jungen Israelitischen Religionsgesellschaft.

Zu den vielen Tragödien, die das Ehepaar ereilten – sie verloren drei ihrer Kinder in jungen Jahren –, gehört auch der Tod ihres ältesten Sohnes Ernst (Elijahu) Harburger (1902–1926) bei einem Autounfall vor genau 100 Jahren, am 21. Juli 1926. Der 1902 in Zürich geborene junge Mann war wie seine Eltern sehr im jüdischen Leben engagiert. Er arbeitete in der Firma seines Vaters und widmete sich zahlreichen ehrenamtlichen Aktivitäten. So war er beispielsweise bereits mit 20 Jahren Präsident des Kadimah-Vereins in Zürich. Er kam ums Leben, als er beim Autofahren versuchte, einem kleinen Jungen auszuweichen, der seinem Ball hinterher auf die Strasse gelaufen war.

Israelitisches Wochenblatt,30.7.1926

Die zahlreichen Nachrufe in Schweizer und ausländischen Zeitungen zeugen von diesem grossen Verlust. Dank des Siddurs, den er zur Bar Mitzwa geschenkt bekommen hatte und der sich heute in unserer Bibliothek befindet, konnten wir seine Erinnerung heute, genau 100 Jahre später, für kurze Zeit wieder aufleben lassen.

Jüdische Presszentrale Zürich. 23.7.1926.

Oded Fluss. Zürich. Erev Tisha beAw, 22.7.2026

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Hebräisch in der Schweiz?

Dass die Schweiz ein mehrsprachiges Land ist, ist bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass bereits vor 100 Jahren eine weitere, unerwartete Sprache versucht hat, sich hier einen Platz zu erobern. Ein kleines, seltenes Büchlein aus unserer Bibliothek mit dem Titel Hebräisch in der Schweiz, das 1926 in Bern erschien, zeigt, wie wichtig die hebräische Sprache damals für die Schweiz war – und umgekehrt. Dies geschah zu einer Zeit, in der sich das Hebräische noch immer in einem Erneuerungsprozess befand und versuchte, sich als Sprache des neuen jüdischen Siedlungsgebiets in Palästina zu etablieren.

Karl J. Lüthi – Hebräisch in der Schweiz. Buchdruckerei Büchler & Co. Bern, 1926. B 1320.

Der Autor dieses ungewöhnlichen Büchleins, das in einer Auflage von nur 300 Exemplaren gedruckt wurde, war der Schweizer Karl Jakob Lüthi (1876–1958). Er war Bibliothekar, Buchsammler und damals Leiter des Schweizer Gutenberg-Museums. Obwohl er selbst kein Jude war, faszinierte ihn die hebräische Sprache bereits im Kindesalter. Wie es dazu kam, erzählt er mit grosser Leidenschaft:

Meine Mutter sel. war – als sie noch ledig war – etliche Jahre Haushälterin bei Herrn Karl Gabriel Rudolf Blaser, Privatdozent der Mathematik an der Berner Hochschule (1867-1885), Herr Blaser war ein Freund der alten Sprachen und las zuweilen an langen Abenden die hebräische Bibel „wie die Zeitung“. So erzählte es mir meine Mutter oft und hatte selbst nach vielen Jahren einige hebräische Worte in Erinnerung behalten. Herr Blaser blieb zeitlebens ein Freund meiner Eltern und wurde mein Taufpate. Als solcher versprach er meiner Mutter, ich dürfte dann einst seine hebräischen und andern Bücher haben. Das hatte guten Klang in meinen Ohren! Leider wurde nichts daraus, da das Ableben des Paten meinen Eltern – damals in Erlach – nicht rechtzeitig bekannt geworden und dadurch das Testament hinfällig war. Aber die Liebe zum Hebräisch war geboren in mir, bevor ich einen hebräischen Buchstaben je gesehen hatte!

Karl Jakob Lüthi

Lüthi sollte später viele hebräische Buchstaben lesen können. Als begeisterter Büchersammler, vor allem von Bibeln, wurde er nicht nur Liebhaber, sondern auch Experte der hebräischen Schrift. Mit dieser Liebe ging auch Wertschätzung für die Träger dieser Sprache einher. Dies spiegelt sich in seinen herzlichen Schlussworten im Vorwort des Buches wider, die er mit „Shalom al Israel” in hebräischer Schrift beendet:

Allgemein bekannt ist, dass das Studium der hebräischen Sprache und Literatur, insbesondere des Alten Testaments, in der Schweiz seit der Reformation eine lange Tradition hat. Lüthi wollte jedoch aufzeigen, dass nicht nur das Studium, sondern auch der Druck hebräischer Bücher und die Entwicklung der hebräischen Druckschrift auf eine Tradition zurückblicken können, auf die die Schweiz stolz sein kann.

Anhand zahlreicher Beispiele, die durch Abbildungen ergänzt werden, zeigt er, dass nicht nur Basel, das in dieser Hinsicht bekannt war und nach wie vor eine führende Rolle einnimmt, sondern auch Zürich, Genf sowie Bern und Neuchâtel eine herausragende Rolle spielten.

Mit sorgfältiger und gründlicher Recherche widerlegte Lüthi alte Mythen – so wurde das erste hebräische Lehr-, Lese- und Wörterbuch beispielsweise nicht in Basel gedruckt – und präsentierte zugleich neue Erkenntnisse: So fand etwa die Reform der hebräischen Quadratschrift in die moderne hebräische Literatur durch den Typografen Josef Kaplan in der Schweiz statt. Mit seinem fachkundigen Wissen erstellte Lüthi eine umfassende Bibliografie der in der Schweiz gedruckten hebräischen Bücher vom 16. Jahrhundert bis zur Zeit des Zionismus, die nach Regionen (Basel, Zürich, Genf, Bern, Lausanne und Neuchâtel) geordnet ist.

Das kleine Büchlein zeugt von der Liebe eines Menschen zur heiligen Sprache und verdeutlicht zugleich den grossen Einfluss und die Beliebtheit, die das Hebräische in der Schweizer Geschichte hatte. Lüthi, der sich selbst als Zionist bezeichnete, spendete im Jahr 1932 seine gesamte Judaica-Sammlung an die damals neu gegründete National- und Universitätsbibliothek auf dem Berg Skopus in Jerusalem. In einem Brief an den damaligen Bibliotheksdirektor Hugo Bergmann schrieb er:

Sehr geehrter Herr Direktor! Heute lasse ich eine Kiste mit Büchern und Broschüren (zirka 300 Stücke) an Sie abgehen, mit der Bitte, Sie möchten die Schenkung auf meinen Namen lautend annehmen. Verschiedenes davon werden Sie wohl schon besitzen, aber ich hoffe doch, daß einiges für Ihre Bibliothek von Wert sein wird. Ich freue mich im Gedanken, in Jerusalem meine viele Jahre gehütete Judaica-Sammlung zu wissen, als ein zwar ganz bescheidener Zuwachs Ihrer Bibliothek, aber als ein Zeichen dauernder Freundschaft zum Judentum und seiner Heimat im Lande der Heiligen Väter der Bibel. Ich hoffte in meinem Leben immer, einmal das Heilige Land betreten zu dürfen; ich habe aber diesen sehnsüchtigen Gedanken beinahe begraben. Um so mehr freut es mich, daß wenigstens ein Teil meiner Bücher für immer in Israel Eingang finden wird. Dem Lande wünsche ich von Herzen ״Schalom al Jisrael“. Mit dem Ausdruck vollkommener Hochachtung begrüßt Sie ein Freund der ewigen Heimat Israels,
Karl J. Lüthi, Bibliothekar, Leiter des Gutenbergmuseums.

Auf dem wunderschönen hebräischen Exlibris, das Josef Kaplan für Karl Lüthi entworfen hat und das sich ebenfalls in unserem kleinen Büchlein befindet, steht Lüthis Motto aus dem Buch Maleachi in hebräischer Sprache: „הלא אב אחד לכולנו, הלא אב אחד בראנו, מדוע נבגד איש באחיו“ – „Haben wir nicht alle denselben Vater? Hat uns nicht ein einziger Gott erschaffen? Warum handeln wir treulos, ein jeder gegen den anderen?”

Oded Fluss. Zürich, 8.7.2026.

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Ein Schuss ins Leere

Vor 90 Jahren hallte ein Schuss durch die Schweiz. Für den jüdischen Schützen war es der letzte verzweifelte Versuch, die Welt aufzurütteln und die Aufmerksamkeit auf die schreckliche Lage der Juden im Dritten Reich zu lenken. Viele könnten zunächst an David Frankfurter denken, der am 4. Februar 1936 den Gauleiter Wilhelm Gustloff in Davos erschoss. Doch diese Tat fand nicht in Davos, sondern vier Monate später in Genf statt. Da Schütze und Opfer dieselbe Person waren, handelte es sich jedoch nicht um ein Attentat. Am 2. Juli 1936 nahm sich der jüdische Filmregisseur, Fotojournalist und Schriftsteller Stefan Lux vor der Generalversammlung des Völkerbundes in Genf das Leben.

Stefan Lux

Der unbekannte Stefan Lux, 1888 in Wien geboren, war alles andere als ein Unbekannter, wenn es um Selbstaufopferung ging. Die wenigen Details aus seinem Leben zeigen, wie bewusst er seine letzte Tat angegangen ist. Freunde beschrieben ihn als Idealisten und Verfechter der Gerechtigkeit, der sich oft für die Belange von Menschen einsetzte, denen Unrecht widerfahren war. Bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, begann er als Frontsoldat an den Film „Gerechtigkeit” zu arbeiten. Obwohl er selbst im Krieg schwer verwundet worden war, setzte er sich mit diesem Werk für die „Unglücklichen dieser Welt” ein. Es sollte einer der ersten Spielfilme werden, die sich explizit mit Antisemitismus auseinandersetzen. Bekannte jüdische Schauspieler wie Fritz Kortner und Rudolf Schildkraut wirkten mit und der Berliner Tietz-Konzern finanzierte das Projekt. Der Film wurde 1920 fertiggestellt, aber nie aufgeführt. Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch distanzierten sich die Geldgeber und zogen ihre Unterstützung zurück. Offensichtlich war die Welt noch nicht bereit für Gerechtigkeit.

Plakat zur Ankündigung des Films Gerechtigkeit in Maximilian Hardens Die Zukunft. 13. März, 1920. Der Film kam nie in die Kinos.

Lux zog daraus seine Konsequenz: Wer wirklich gehört werden will, darf nicht von anderen abhängig sein. Voller Erwartungen und Hoffnungen zog er nach Berlin. Doch bald sollte er erfahren, was es bedeutete, als „freier Schriftsteller“ abgelehnt zu werden und zu hungern – nun mit einer Frau und einem kleinen Kind. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh er 1933 nach Prag. Dort schrieb er für die Prager Selbstwehr und gründete die „Jüdischen Kammerspiele“, eine Bühne, um aus Deutschland geflüchteten jüdischen Bühnenkräften Arbeit zu verschaffen.

Stefan Lux über die von ihm gegründeten „Jüdischen Kammerspiele” in Selbstwehr. Prag, 1. März 1935.

Allmählich spürte Lux jedoch, dass die konventionellen Mittel von Bühne und Zeitschrift nicht ausreichten, um die drohende Katastrophe aufzuhalten, die nicht nur den Juden, sondern ganz Europa drohte. Um die Welt zu warnen, müsse man so sprechen, dass die Welt es höre, und dafür schien ihm der Völkerbund die geeignetste Tribüne zu sein. So fuhr er nach Genf, erhielt mit einem Empfehlungsschreiben einer Prager Zeitung Zugang zum Sitzungssaal und hörte den Debatten zu. Schnell wurde ihm jedoch klar, dass seine Worte diese zynischen „Politiker der weißen Handschuhe” nicht erreichen würden. Es gab nur noch eine Möglichkeit, sie aufzurütteln: sich selbst zu opfern.

Geneva, Bâtiment électoral – der Ort, an dem 1936 die Generalversammlung des Völkerbundes stattfand.

In seinen letzten beiden Tagen sass Lux ununterbrochen am Schreibtisch in seinem Hotelzimmer und schrieb in fieberhafter Eile Briefe: an den französischen Präsidenten Lebrun, den Premierminister Laval, die Zeitungen Times und Manchester Guardian, den Generalsekretär des Völkerbunds, M. Avenol, den König von England und den britischen Aussenminister Anthony Eden. Letzterem schrieb er:

Sir Eden! Wenn ein Mensch unmittelbar vor seinem bewusst und über­legt gewählten freiwilligen Tod das Wort ergreift, so hat er einen Anspruch darauf, gehört zu werden […] Ich flüstere nicht, Sir Eden – ich schreie es heraus: Sie haben es auf deutscher Seite mit Verbrechern zu tun. Die deutschen Partner, mit denen Sie verhandeln und diskutieren und Noten wechseln, sind Verbrecher. […] ich bitte Sie mit meiner letzten Kraft:  schauen Sie den Tatsachen ins Gesicht, werfen Sie die tödliche Apathie von sich. […]  Der beste Teil der alten Welt wird an Ihrer Seite stehen. Mit einer solchen Front können Sie heute noch die Verbrecher bezwingen, denn sie sind ja, wie alle Verbrecher, feige und weichen sofort zurück, wenn sie entschliessender Energie und festen Willen begegnen […] Ich will inbrünstig daran glauben, dass das Wunder geschieht und dass der Tod eines kaum bekannten, kleinen Schriftstellers, eines „unbekannten Soldaten des Lebens“ etwas, Klarheit und Wahrheit verbreitet.

An seine Frau Dora schrieb er:

Nicht weich werden! Nicht klein! Ich muss mich zusammennehmen. Du – Ich gehe jetzt. Vielleicht, vielleicht hat es seine Wirkung getan. Wenn das Land dann wieder rein wird, wenn diese Pest vergeht – Du, dann hat es doch gelohnt, und dann werden alle frei, und man wird wieder atmen und leben können. Lohnt diese Aussicht und diese Möglichkeit nicht?

Der Transport des schwer verletzten Stefan Lux. – La tribune de Genève, 4. Juli 1936,

Und tatsächlich ging er. Er schoss sich vor den versammelten Politikern in die Brust. Zwar waren diese zunächst sehr schockiert, setzten ihre Sitzung aber fort, sobald Lux hinausgebracht worden war und sie merkten, dass es sich nicht um ein Attentat handelte. Auch die Briefe blieben ohne Wirkung. Die meisten wurden nie gelesen und die wenigen, die Aufmerksamkeit erhielten, wurden etwa zwei Monate lang in den Zeitungen thematisiert, bevor sie in Vergessenheit gerieten. Einige enge Freunde verfassten zwar herzerwärmende Nachrufe, doch die meisten hielten den Selbstmord für die Tat eines Verrückten.

Streicher, J. Der Stürmer : Sonderblatt zum Kampf um die Wahrheit. Nürnberg. August 1936. Archiv für Zeitgeschichte: PR 111

Die Nazi-Zeitungen hatten ihren Spass daran und verspotteten Lux wegen seines „erbärmlichen Versuchs“. In einem Artikel mit dem Titel „Enttäuschte Hoffnung“ schrieb Julius Streicher in Der Stürmer, wie kontraproduktiv die Tat von Lux gewesen sei:

Ein unbekannter „Dichter” schloss sich mit einem kleinen, spöttischen Gedicht an:

Im Völkerbund ist koscheres Blut ge­flossen,
Ein Jud’ hat Gesten halber sich erschossen.
Er tat der Welt nach außen kund:
Erschossen ist der Völkerbund.

Einige Monate später folgte eine kleine, vielleicht unbedeutende, aber dennoch befriedigende Rache bei der Generalversammlung des Völkerbundes. Nun waren auch NS-Journalisten eingeladen, und einer von ihnen erhielt denselben Platz, den zuvor Stefan Lux eingenommen hatte. Auf seinem Platz fand er einen kleinen Zettel mit der Aufschrift:

Parteigenosse! Hier hat sich der feige, minderwertige Jude Lux erschossen, um gegen das Hakenkreuzlertum zu protestieren. Die Hakenkreuzlerpartei erwartet nun von dir, dass du dich auf demselben Platz erschießt, zum Protest gegen die Juden.“

Stefan Lux war ein Prophet, dessen Botschaft niemand hörte. Er hat sich vergeblich geopfert, denn es sollten viele weitere folgen. Der selbsternannte „unbekannte Soldat des Lebens“ ist bis heute unbekannt geblieben. Auf seinem Grabstein auf dem Cimetière israélite de Veyrier in Genf steht schlicht: „Martyr d’Israël”.

Oded Fluss. Zürich, 30.6.2026.

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Zeit für Klage und Zeit für Tanz

Als Bibliothekar:innen raten wir unseren Lesern grundsätzlich davon ab, in Bücher zu schreiben. Die Handschriften, die wir gelegentlich in alten Büchern finden, können jedoch als historische Dokumente dienen. Aufgrund traditioneller Gewohnheiten – besonders bei aschkenasischen Juden – oder des Papiermangels in früheren Zeiten nutzten die Vorbesitzer und manchmal auch die Leser der Breslauer Bibliothek viele der Bücher aus der Breslauer Sammlung als Schreibfläche. Wenn es sich nicht um Kritzeleien handelt, sind die meisten Handschriften kleine Notizen und Erklärungen zum Inhalt der jeweiligen Bücher. In seltenen Fällen wurde die Oberfläche – in der Regel auf der Vorder- oder Rückseite – wie ein Notizblock oder Tagebuch genutzt. So werden historische Ereignisse und Fakten enthüllt, die sonst völlig in Vergessenheit geraten wären.

Jehuda Leib ben Zeev – Ozer ha-Schorashim. Anton Schmidt Druckerei. Wien, 1816. BH 43

Ein handschriftliches Dokument, das auf der Vorderseite eines Buches aus der Breslauer Sammlung entdeckt wurde, gibt uns einen direkten Einblick in die Geschichte einer jüdischen Familie des 19. Jahrhunderts. Es ist in zwei Teile unterteilt: „עת ספוד” („Eine Zeit für die Klage”) und „עת רקוד” („Eine Zeit für den Tanz”), was einem Zitat aus dem dritten Kapitel des Buches Kohelet entspricht. Unter jedem Titel befindet sich eine Liste der freudigen Ereignisse und Trauerfälle der gesamten Familie.

„Zeit für die Klage / Zeit für den Tanz“ Kohelet 3,4

Die Listen wurden aus der Ich-Perspektive verfasst, was einige der enthaltenen Notizen, insbesondere auf der Seite der Trauerfälle, sehr ergreifend macht. Ein Beispiel ist der Tod der geliebten Mutter, der den Titel „Meine liebe Mutter” trägt und dem ein Zitat aus der Mischna angefügt ist: „חיב אדם לברך על הרעה כשם שהוא מברך על הטובה” („Jeder ist verpflichtet, Gott für das Böse zu danken, genauso wie man Gott für das Gute dankt”).

„Zeit für die Klage“

Besonders tragisch ist der Tod der erst siebenjährigen Tochter Bertha an einem Schabbat, dem siebten Tag der Woche. Er wird mit dem treffenden Zitat aus dem Buch Genesis „ויכל אלהים ביום השביעי מלאכתו אשר עשה” („Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte”) begleitet.

„Zeit für den Tanz“

Auf der Seite der freudigen Ereignisse sind die Geburtstage einiger Kinder und vieler Enkelkinder verzeichnet, jeweils mit Datum im jüdischen und im gregorianischen Kalender. Dies zeigt, wie gross und fruchtbar diese Familie war. Am Ende der Liste befindet sich eine Notiz in einer anderen Handschrift. Sie verrät uns die Identität der Person, die beide Listen geschrieben hat. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Verwandter die Liste gefunden und als letzte Anmerkung das Todesdatum unseres Verfassers hinzugefügt hat: der Arzt Max Kirski (Kierski), der am 6. April 1882 während des Pessachfestes starb und in Belgard begraben wurde.

Datum und Ort des Todes und der Beerdigung von Max Kirski (Kierski) in hebräischer und deutscher Sprache.

Dr. Max Kierski gehörte zu den ersten jüdischen Ärzten, denen es gelang, die unsichtbare Barriere zu durchbrechen und sich als herausragende Persönlichkeit in der europäischen Medizin zu etablieren. Im Jahr 1861 wurde er zum Kreiswundarzt des Kreises Belgard ernannt.
In der Ausgabe der Deutschen Medizinischen Wochenschrift vom 15. April 1882 wird sogar über seinen Tod berichtet, was bestätigt, dass es sich um dieselbe Person handelt.

Deutschen Medizinischen Wochenschrift. 15.4.1882.

Oded Fluss. Zürich. 24.6.2026.

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Einstein im Buch

Ob zum Geburtstag, zur Einweihungsfeier oder zur Pensionierung – ein Buch ist immer ein gutes Geschenk. Und auch wenn es heute nicht mehr üblich ist, wurden Bücher früher auch häufig als Hochzeitsgeschenk überreicht. In den alten Büchern unserer Bibliothek finden sich oft Widmungen, die darauf hindeuten, dass sie zur Hochzeit geschenkt wurden. Meist stammten diese von den Eltern des Brautpaares, aber auch andere Familienmitglieder oder Freunde schenkten Bücher. Es war auch üblich, dass der Rabbiner, der die Hochzeit geleitet hatte, das Geschenk machte.

Israelitisches Andachtsbuch. Herausgegeben von Dr. S. Baer. Rödelheim, 1900. H 551.

In der Regel beziehen sich die Bücher auf den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, wie etwa das Eheleben oder die Elternschaft. Aus diesem Grund sind sie besonders gut als Hochzeitsgeschenk geeignet. Daher war es überraschend, in unserem Bibliotheksbestand das Buch תוצאות החיים – Israelitisches Andachtsbuch mit einer Hochzeitswidmung zu finden. Im Untertitel wird es nicht als besonders hochzeitgeeignet beschrieben, denn es ist ein „Erbauungsbuch für die trauernde Familie“ und eine Sammlung:

aller bei Kranken, Sterbenden, im Krankenhause und beim Besuche der Gräber von Angehörigen zu verrichtenden Gebete, sowie aller auf die Totenbestattung und die Trauerpflicht sich beziehenden Regeln und Gebräuche

Auf der ersten Seite des Buches finden wir die Widmung an Herrn und Frau Robert Einstein zu ihrer Hochzeit. Als Schenkender ist darunter der Name von Rabbiner Jonas (Jomtov) Laupheimer (1846-1914) vermerkt, zusammen mit dem Datum und dem Ort ihrer Hochzeit am 18. Juli 1905 in Buchau. Laupheimer hatte am Breslauer Rabbinerseminar studiert und war von 1887 bis zu seinem Tod als Rabbiner in Buttenhausen und Bad Buchau tätig.

Herrn u. Frau Robert Einstein zum Hochzeitsangebinde von Rabbiner Laupheimer. Buchau 18. Juli 1905.

Wir hätten es dabei belassen können, doch bestimmte Aspekte geben Anlass zu weiteren Nachforschungen. Zunächst stellt sich – und das gilt nicht nur für dieses Buch – die Frage, wie es in unsere Bibliothek gelangt ist. Ein weiterer Punkt ist natürlich der Nachname des Ehepaares und der Ort ihrer Hochzeit. Wenn man den Namen Einstein hört, denkt man sofort an den grossen Geist und Nobelpreisträger Albert Einstein. Er wurde zwar in Ulm geboren, doch sein Vater Hermann stammte aus einer alteingesessenen Familie in Buchau, dem Ort, an dem die Hochzeit stattfand. Könnte es sein, dass wir es hier mit einem unbekannten Verwandten Albert Einstein zu tun haben?

Hermann Einstein (1847 – 1902)

Wir haben uns bereits Gedanken über die ungewöhnliche Wahl dieses Buches als Hochzeitsgeschenk gemacht. Gerade diese Ungewöhnlichkeit kann uns jedoch bei unserer Mission helfen. Auf der zweiten Seite des Buches finden wir ein „Erinnerungsblatt“, eine Art Formular, in das der Besitzer die Namen seiner verstorbenen Verwandten eintragen soll. Dank des von Robert Einstein ausgefüllten Blattes erfahren wir etwas über seine engsten Familienangehörigen. Seine Mutter Helene Einstein-Löwenthal starb am 19. Februar 1895, sein Vater Hermann Jacob Einstein am 19. März 1898, seine Schwester Louise am 7. Dezember 1905 und sein Bruder Adolf am 2. August 1915.

Da „Einstein“ in Buchau ein sehr verbreiteter Name war, hilft uns diese Information dabei, das Ehepaar genau zu bestimmen. Robert (Ruppert) Einstein wurde 1868 in Buchau geboren. Seine Frau Rachel (Recha) Einstein, geborene Weil, kam 1876 in Randegg zur Welt. Das Ehepaar lebte bis 1913 in Buchau, zog dann nach Zürich und hatte einen Sohn namens Hermann, der nach Amerika auswanderte. Das Ehepaar lebte bis zu seinem Tod in Zürich. Dies könnte erklären, wie das Buch in unsere Bibliothek gelangte.

Aus Aron Tänzers „Prof. Albert Einsteins Württemb.Stammbaum“. Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 1.6.1930.

Robert Einstein war zwar kein naher, aber immerhin ein entfernter Verwandter von Albert Einstein. Mithilfe des von Rabbiner Aron Tänzer im Jahr 1930 erstellten Einstein-Stammbaums konnten wir gemeinsame Ururgrosseltern von Robert und Albert ausfindig machen. Dabei handelte es sich um Naphtali Hirsch Einstein (1733–1799), der auch unter dem Namen Naphtali ben David bekannt war und um Helene Handel Einstein. Mit anderen Worten waren Albert Einsteins Grossvater Ruppert Einstein (1759–1834) und Robert Einsteins Grossvater Joseph Einstein (1754–1834) Brüder.

Die Tat. 16. Februar 1953

Robert Einstein aus unserem Buch starb 1953 und wurde auf dem Unteren Friesenberg in Zürich begraben. Aus einer Kleinanzeige in der Zeitung Die Tat vom 16. Februar 1953 geht hervor, dass er als „Staatenloser” verstorben ist. Seine Frau Rachel überlebte ihn und starb 1964 im Alter von 90 Jahren. Sie wurde auf dem Oberen Friesenberg in Zürich beerdigt.

Oded Fluss. Zürich, 9.6.2026.

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Drei Gräber, drei Frauen

Am 31. Mai 1866, vor 160 Jahren, ereignete sich in Zürich etwas Aussergewöhnliches. Viele hundert Menschen – die meisten von ihnen Christen, aber auch Juden – folgten einem Leichenzug, der sich in anderthalb Stunden vom Stadtzentrum zu einem jüdischen Friedhof bewegte. Mit diesem für die Stadt bisher beispiellosen Ereignis wurde zugleich eine neue jüdische Grabstätte eingeweiht, auf der bereits eine grosse Menschenmenge zum Empfang wartete.

Meyer Kayserling (1829–1905)

An der Spitze dieser Gruppe ging der berühmte Rabbiner der beiden jüdischen Gemeinden in Endingen und Lengnau, Dr. Meyer (Moritz) Kayserling (1829–1905). Er war ein entschlossener Kämpfer für die Gleichberechtigung der Juden und hatte vier Jahre zuvor den Kulturverein der Israeliten in der Schweiz gegründet. Zudem war Kayserling ein renommierter Historiker, der zahlreiche Bücher zu jüdischen Themen verfasste. Am bekanntesten sind seine Abhandlungen über die spanischen und portugiesischen Juden, sein bahnbrechendes Werk über jüdische Frauen in Geschichte, Literatur und Kunst, seine berühmte Biografie über Moses Mendelssohn sowie seine aufschlussreichen Zeitungsartikel über Juden in der Schweiz.

Ansicht des 1866 neuerrichteten jüdischen Friedhofs Friesenberg im heutigen Zürich-Wiedikon gegen Osten. Mai 1867. ZB Graphische Sammlung (GSM) ; Zürich 3.1, Friesenbergstrasse I, 1

Nach dem Rezitieren von Psalm 91 in hebräischer und deutscher Sprache hielt Rabbiner Kayserling die Einweihungsrede. Darin behandelte er zunächst die Bedeutung der Feier selbst sowie die eines Begräbnisplatzes als Bet ha-Chaim (Haus des Lebens). Anschliessend hielt er die Leichenrede, auf die das Hatzur-Tamim-Gebet in hebräischer und deutscher Sprache folgte. Es heisst, die treffliche Rede sowie der gesamte etwa dreiviertelstündige Auftritt hätten bei den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern einen erschütternden Eindruck hinterlassen.

Trotzdem wir uns an einer ernsten traurigen Stätte bestanden, dennoch freudige Gefühle in uns aufsteigen müssen, wenn wir erwägen, dass an einer Stelle, wo vor circa 400 Jahren die schrecklichste Verfolgungssucht gegen uns herrschte, jetzt die Vorurtheile zu schwinden beginnen und ein Geist der Liebe und der Duldung einziehe!

Einige Tage später berichtete die Neue Zürcher Zeitung über dieses einzigartige Ereignis. Der Artikel hob die edle, würdevolle und bescheidene Zeremonie hervor und betonte ihre Bedeutung für die Toleranz gegenüber dem Judentum in der Stadt. Die jüdischen Einwohner, die gerade die Gleichberechtigung erhalten hatten, werden nun auch in Zürich eine letzte Ruhestätte haben.

Donnerstag, den 31. Mai, hat bei Anlaß der Beerdigung einer Israelitischen Gattin und Mutter zugleich die Einweihung eines neu angelegten Israelitischen Todtenackers staatgefunden, der sich oberhalb Wiedikon, am Abhange gegen Morgen gelegen befindet. Die Feier war einfach, ohne allen Prunk. Am offenen Grabe stand, von den Leidtragenden und einem zahlreichen Publikum umringt, der Rabbiner. […] In wahrhaft edler Ausdruckweise wusste er der Befriedigung und Anerkennung Worte zu leihen, daß die Toleranz unsers Zeitgeistes, in dem altberühmten Zürich den Israeliten vergönnt habe, in derselben Erde, die sie im Leben bewohnt und beschritten, auch die Stätte der Ruhe oder eigentlich die Stätte zu finden, in deren Schooß ein neues, höheres Leben für die aus dem irdischen Leben Geschiedenen beginne.

Neue Zürcher Zeitung. 2.6.1866.

Doch wer war die erste Person, die an dieser Ruhestätte beigesetzt wurde – diese im Artikel nicht namentlich genannte „israelitische Gattin und Mutter“? Die Antwort findet sich zehn Tage später, am 12. Juni 1866, in der Allgemeinen Zeitung des Judentums aus Leipzig. Unter dem Titel „Schweiz” berichtet der anonym bleibende Autor, dass die Verstorbene, der diese Ehre zuteilwurde, Clara Ris, die Ehefrau des Seidenfabrikanten David Ris, war.

Gestatten Sie mir, Ihnen heute über einen seltenen Act, die anläßlich des Hinscheidens der Frau Clara Ris, Gattin des Seidenfabrikanten, Herrn David Ris, stattgehabte Einwei­hung unseres neuen Begräbnißplatzes zu berichten. Die­selbe fand Donnerstag den 31. Mai durch Hrn. Rabb. Kayserling in erhebender Weise statt. Viele Hunderte der christlichen Bewohner Zürichs aus allen Ständen folgten dem Leichenzuge nach dem neuen 1/2 Stunde von der Stadt entfernten Gottesacker, woselbst sich eine große Menschenmenge vor Beginn der Feier bereits versammelt hatte.

Grabstein Clara Ris (1816-1866).

Über die Bedeutung der Familie Ris und ihres Vorfahren, des Rabbiners Raphael Ris, für die Schweiz haben wir bereits in einem früheren Beitrag gesprochen. Erwähnenswert ist jedoch auch, dass keine andere Familie die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Zürich und insbesondere die der Israelitischen Cultusgemeinde so stark geprägt hat. So erhielt der Bankier Aron Ris (1777–1860), ein Enkel von Raphael Ris, bereits im Jahr 1813 eine langfristige Aufenthaltsbewilligung in der Stadt Zürich. Aufgrund seines erfolgreichen Geschäfts, durch das er in der Lage war, hohe Steuern zu zahlen, wurde seine Aufenthaltsgenehmigung immer wieder verlängert. Im Jahr 1837 erhielt er als erster Jude seit dem Mittelalter die Niederlassungsbewilligung in Zürich und damit das Recht, ein Haus zu kaufen. Im Zürcher Steuerregister von 1833 ist er als „Aron Ris, Jud” verzeichnet.

Eidgenössische Zeitung. 9. April, 1856.

Im Jahr 1837 meldete Aron Ris sein Handelsunternehmen „Ris, A. & Komp., Tuch- und Manufakturwaren” im Ragionenbuch der Stadt Zürich an. Er führte das erfolgreiche Unternehmen gemeinsam mit seinem Sohn Jacques (Jacob). Später kamen die Söhne Raphael und David hinzu. David und Jacques Ris Gehörten zu den wichtigsten der zwölf Gründungsmitgliedern der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Die Brüder, die das Vermögen und das Geschäft ihres Vaters erbten, avancierten zu einflussreichen Persönlichkeiten im Zürich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Jacques Ris war einer der Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt, aus der später die Credit Suisse Group hervorging. Von 1866 bis 1869 präsidierte er die Israelitische Cultusgemeinde. David, der für den Handel mit Baumwollstoffen bekannt war, wurde der erste Aktuar der Israelitischen Cultusgemeinde. Die Unterschriften beider sind in den ersten Statuten der Israelitischen Cultusgemeinde zu sehen.

Statuten des Israelitischen Cultusvereins Zürich, Jan. 1864. AfZ: IB ICZ-Archiv / 194

David heiratete im Jahr 1840 Clara, geborene Bernheimer, aus Hohenems. Zunächst lebte er mit seiner Frau unter dem Dach seines Vaters in der Schmidgasse in Zürich. Erst 1851 zogen sie in die Stadelhoferstrasse, von wo aus 15 Jahre später der Leichenzug begann.

Salomon Ludwig Steinheim (1789-1866)

Über die Umstände von Clara Ris’ Tod im Alter von nur 50 Jahren ist nichts bekannt. Es war jedoch reiner Zufall, dass sie die Erste war, die auf dem heute als Unterer Friesenberg bekannten Friedhof beigesetzt wurde. Passender wäre sicherlich der deutsche Mediziner, Religionsphilosoph und Gelehrte Salomon Ludwig Steinheim gewesen, der eine Woche vor Clara Ris in Zürich verstorben war. Zur Enttäuschung vieler hatte seine Witwe beschlossen, ihn auf dem christlich-reformierten Friedhof zu Oberstrass begraben zu lassen. Einer der Enttäuschten war Rabbiner Kayserling. Er schrieb am 5. Juni 1866 einen Artikel darüber in der Allgemeinen Zeitung des Judentums.

Das wehmüthige Gefühl, das in uns über den Verlust dieses geist- und gemüthreichen Mannes er­weckt wurde, wird noch dadurch gesteigert, daß er nicht unter seinen Glaubensbrüdern ein Grab gefunden hat. Wir glauben keine Indiscretion zu begehen, wenn wir constatiren, daß mehrere angesehene Glieder der israelitischen Cultus-Gemeinde Zürich, sobald sie von dem Hinscheiden Steinheim’s Kunde erhalten, seiner tief­betrübten, körperlich und geistig angegriffenen Gattin den Vorschlag machten, diesen allverehrten Glaubens­bruder auf dem von ihnen neu angelegten israelitischen Friedhofe nach jüdischem Ritus zu bestatten; da hieß es jedoch, es wäre Steinheim’s Wunsch und letzter Wille gewesen, auf dem reformierten (Oberstraß) Stadt­kirchhof beerdigt zu werden.

Grabstein Amalie Ris (1834-1866).
Die Schrift auf dem Grabstein ist schwer lesbar und lautet: „Zum Andenken an die unvergessliche Gattin und Mutter: Amalie Ris, geb, Hirsch“.

Noch tragischer ist die Tatsache, dass Clara Ris die erste von drei Frauen aus der Familie Ris war, die innerhalb von weniger als vier Monaten nacheinander auf demselben Friedhof beigesetzt wurden. Clara starb am 31. Mai 1866, gefolgt von ihrer Schwägerin Amalie Ris (geb. Hirsch), der Frau von Jacques Ris, am 28. August desselben Jahres. Amalie wurde nur 31 Jahre alt und in Grab Nr. 2 neben ihrer Schwägerin beigesetzt. In der NZZ vom 29. August 1866 finden wir eine kleine Todesanzeige des Witwers Jacques.

Neue Zürcher Zeitung. 29.8.1866.

Der tragischste Fall ist jedoch der von Emma Ris, der Tochter von David und Clara Ris. Sie starb eine Woche nach Amalie und wurde neben ihrer Mutter und ihrer Tante in Grab Nr. 3 auf dem Friedhof beigesetzt. Sie wurde nur 24 Jahre alt.

Grabstein Emma Ris (1841-1866).

Auch hier finden wir eine herzzerreissende Todesanzeige. Sie wurde am 6. September 1866 in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht und stammt vom trauernden Vater David Ris. Erwähnenswert sind die Worte „auch” und „Einzige”, die darauf hinweisen, dass er neben seiner Frau, seiner Tochter und seiner Schwägerin auch zwei weitere Kinder verloren hatte: Mathilde und Eugen, die zwischen 1844 und 1846 bei der Geburt gestorben waren.

Neue Zürcher Zeitung. 6.9.1866.

Die Familie Ris spielte nicht nur zu Lebzeiten ihrer Mitglieder eine grosse Rolle für die jüdische Geschichte Zürichs, sondern tut dies auch nach deren Tod. Die ersten drei Gräber, mit denen der Jüdische Friesenberg-Friedhof eingeweiht wurde, gehören drei jungen Frauen dieser Familie. Diese Frauen waren zu Lebzeiten völlig unbekannt und standen im Schatten der erfolgreichen Männer in ihrem Leben. Obwohl sie diese Männer nicht überlebten, nahmen sie nach ihrem Tod dennoch einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte Zürichs ein. Ihre Gräber sind die ersten drei, um die herum der gesamte Friedhof vor 160 Jahren angelegt wurde.

Oded Fluss. Zürich, 27.05.2026.

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