Nun, da Homers Epos die Odyssee dank Christopher Nolans Verfilmung wieder in aller Munde ist, ist es vielleicht an der Zeit, auf ein vor genau 80 Jahren in Bern erschienenes Buch zurückzublicken. Der Autor, der im Jahr 1936 wegen seiner jüdischen Herkunft Deutschland verlassen musste und schliesslich an der Universität Istanbul in der Türkei landete, war der deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftler sowie Romanist Erich Auerbach (1892–1957). Sein Buch Mimesis, das heute leider weitgehend in Vergessenheit geraten ist, sorgte damals für Aufsehen und wurde zu einem Meilenstein der Literaturwissenschaft.

Vor seinem Exil stieg der in Berlin geborene Auerbach zum Professor für romanische Sprachen in Marburg auf. Dank seiner Beherrschung der klassischen und modernen westlichen Sprachen gelang es ihm, in jedem der 20 Kapitel die Ausdrucksweisen, die Sprache und den Stil der jeweiligen Epoche der westlichen Literaturgeschichte zu analysieren. Jedes Kapitel dreht sich um ein literarisches Werk, das für eine bestimmte Epoche typisch ist, sowie um den Vergleich mit anderen Werken.

Den Titel Mimesis hat Auerbach aus der griechischen Philosophie übernommen. Mithilfe dieses Begriffs, der „Nachahmung“ oder „Wiedergabe“ bedeutet, untersucht er die gesamte westliche Literatur von ihren Anfängen bis ins 20. Jahrhundert und ihren Versuch, die Wirklichkeit nachzuahmen. Dabei stellt er die Frage: Inwieweit versteht sich Literatur als authentische Nachahmung, als wahre Darstellung der Wirklichkeit?
Es war ursprünglich die platonische Fragestellung im zehnten Buch des Staates, Mimesis als drittes nach Wahrheit, in Verbindung mit Dantes Anspruch, in der Komödie wahre Wirklichkeit zu geben, von der ich anging.
Auerbach unternimmt mit uns eine Reise, die mit Homers Epos beginnt und uns durch eine zufällige, aber beeindruckende Auswahl westlicher Literatur führt – von Shakespeare und Dante über Proust und Dostojewski bis hin zu Virginia Woolf und James Joyce, um nur einige zu nennen. Interessanterweise ist der Ausgangspunkt des Buches – und vielleicht auch sein berühmtester Teil, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk zieht – ein Vergleich zwischen einer Szene aus Homers Odyssee und der Bindung Isaaks in der Bibel. Auerbach möchte aufzeigen, wie zwei sehr unterschiedliche, beinahe gegensätzliche literarische Stile die Grundlage der gesamten westlichen Literatur bilden.

Die Szene aus der Odyssee ist auch der Titel des ersten Kapitels: „Die Narbe des Odysseus”. Sie beschreibt die unvergessliche Ankunft des Odysseus in Verkleidung in seiner Heimat. Dort wird er von seiner alten Sklavin Eurykleia anhand einer Narbe erkannt, die er als Kind bei einem Besuch bei seinem Grossvater Autolykus erlitten hatte. Auerbach zeigt auf wunderbare Weise, wie diese detailreiche Szene wirkt, die fast als überladen erscheint, und wie sie keine noch so kleine Information auslässt.
Dies gibt zunächst Anlaß, den Leser über Autolykos zu unterrichten, über seinen Wohnort, die genaue Art der Verwandtschaft, seinen Charakter, und, ebenso ausführlich wie entzückend, über sein Benehmen nach der Geburt des Enkels; dann folgt der Besuch des zum Jüngling herangewachsenen Odysseus; die Begrüßung, das Gastmahl zum Empfang, Schlaf und Erwachen, der morgendliche Aufbruch zur Jagd, das Aufspüren des Tieres, der Kampf, die Verwundung Odysseus’ durch einen Hauer, das Verbinden der Wunde, die Genesung, die Rückkehr nach Ithaka, das besorgte Ausfragen der Eltern; alles wird erzählt, wiederum mit vollkommener, nichts im Dunkeln lassender Ausformung aller Dinge und aller sie verbindenden Glieder.

Im Gegensatz dazu steht die Geschichte von der Bindung Isaaks aus der Genesis. Auerbach beschreibt den biblischen Stil als hintergründig, fragmentarisch und sparsam. Die Figuren haben eine unbeleuchtete Tiefe und vieles bleibt unausgesprochen. Die biblische Geschichte wird – wie für sie typisch, hier aber vielleicht am deutlichsten – fast in einem Atemzug erzählt und betrifft nur das unmittelbare Geschehen. Es gibt keine Vorgeschichte, keine Landschaftsbeschreibung, keinen Grund für die Prüfung und vor allem keine Beschreibung der Gedanken oder Gefühle der Hauptfiguren – weder Abrahams noch Isaaks – während der drei qualvollen Tage auf dem Weg zum Berg Moriah.
Nur so viel von den Erscheinungen wird mitgeteilt, als für den Zweck der Erzählung nötig ist; alles andere bleibt im Dunkel; nur die entscheidenden Punkte der Erzählung werden hervorgehoben, was dazwischen liegt, existiert nicht; Zeit und Ort sind unbestimmt und fordern Deutung; Gedanken und Gefühle bleiben unausgesprochen, werden durch Schweigen und fragmentarische Reden angedeutet; das Ganze ist von der ungelösten Spannung durchdrungen und auf ein einziges Ziel gerichtet.
Ausserdem unterscheidet sich die biblische Erzählung von der homerischen dadurch, dass Homer zwei verschiedene Stile verwendet. Das Alltagsleben der einfachen Leute wird auf idyllische Weise geschildert. Die grossen Ereignisse der Herrscher und Götter hingegen werden auf erhabene Weise erzählt. Auerbach zufolge gibt es in der Bibel keinen stilistischen Unterschied zwischen dem Erhabenen und dem Alltäglichen. Hier halten beide zueinander und verschmelzen zu einer Einheit. Das Problematische und Tragische spielt sich nicht nur auf dem Schlachtfeld und im Königshaus, sondern auch im alltäglichen Familienleben ab.
Szenen wie die zwischen Kain und Abel, zwischen Noah und seinen Söhnen, zwischen Abraham, Sarah und Hagar, zwischen Rebekka, Jakob und Esau und so weiter, sind im homerischen Stil undenkbar.
Auch wenn Auerbach der Bibel und der Odyssee mehr oder weniger das gleiche Gewicht beimisst, verfolgen beide Werke doch unterschiedliche Ziele. Die Odyssee dient der Unterhaltung und erhebt keinen Anspruch auf Wahrheit. Homers Ziel war es, den Lesern ihre Realität für die Dauer des Lesens vergessen zu lassen (dies könnte ihre erfolgreiche Verfilmung erklären.). Die Bibel hingegen gründet auf Glauben und nicht auf Fantasie. Sie betrachtet sich als die einzige Wahrheit und als realer als die Realität der Lesenden.
Der Wahrheitsanspruch der Bibel ist nicht nur dringlicher als der Homers, er ist tyrannisch; er schließt alle anderen Ansprüche aus. Die Welt der Schriftgeschichten begnügt sich nicht damit, eine historisch wahre Wirklichkeit zu beanspruchen – sie besteht darauf, die einzige wirkliche Welt zu sein, sie ist zur Alleinherrschaft bestimmt
Laut Auerbach ist die gesamte Literaturgeschichte eine Abfolge von Versuchen, die Realität nachzuahmen. Die Odyssee des Homer und die Bibel sind zwei Grundformen, die unterschiedliche Ansätze und Stile bei dieser Nachahmung (Mimesis) verfolgen, um unsere Realität darzustellen und dadurch auch unsere Wahrnehmung davon zu prägen. Während die Odyssee eine grandiosere, alternative Geschichte als die Realität erschafft und dabei keinen Anspruch auf Wahrheit erhebt, präsentiert sich die Bibel als die eine, einzige wahre Wirklichkeit.
Oded Fluss. Zürich, 29.7.2026.
































































































