Der Anne Frank Baum

Zu den wenigen Freuden und Tröstungen, die Anne Frank während ihrer mehr als zweijährigen Zeit im Versteck in Amsterdam hatte, gehörte der alte Kastanienbaum vor dem Fenster ihres Unterschlupfs. Zusammen mit dem blauen Himmel und den singenden Vögeln symbolisierte er ihre Sehnsucht nach Natur, Freiheit und Liebe.

Miep Gies – Meine Zeit mit Anne Frank. Scherz Verlag. Bern, 1988. D 31610 (k).

Miep Gies, die die Familie Frank zusammen mit ihrem Mann und anderen Freunden versteckt hielt und nach deren Verhaftung Anne Franks Tagebuch rettete, berichtete in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank über Anne Franks besondere Beziehung zu dem Baum.

Ich stieg die steile Treppe hinauf. Als ich am Schlafzimmer der Franks vorbeikam, sah ich Anne allein am Fenster sitzen […] Anne saß an dem alten Küchentisch neben dem Fenster. Von ihrem Stuhl aus konnte sie auf den großen Kastanienbaum und die Grünanlagen blicken, ohne selber gesehen zu werden[…] Oben im Versteck zog mich Anne zum verhängten Fenster mit den inzwischen sehr schmutzigen Gardinen und zeigte mir jedes neue Grün an der großen Kastanie. Es war wirklich ein prachtvoller Baum, übersät mit prallen Knospen. Anne beobachtete genau, wie sie täglich dicker wurden und sich zu entfalten begannen.

Peter van Pels (1926-1945)

In ihrem berühmten Tagebuch erwähnt Anne Frank den geliebten Baum mehrfach – stets in einem positiven Kontext. Bemerkenswert ist die wesentliche Rolle, die dieser Baum in der sich entwickelnden Beziehung des Mädchens zu Peter spielt. Peter van Pels und seine Familie waren ebenfalls zusammen mit den Franks untergetaucht und oft wurde der Baum erwähnt, wenn sich die beiden sahen und unterhielten. Er scheint zusammen mit ihrer Beziehung zu wachsen und zu reifen und diese widerzuspiegeln. So erwähnt Anne den noch kahlen Baum am 23. Februar 1944 zum ersten Mal in ihrem Tagebuch, nur zwei Wochen nach dem Tu-Bischwat-Feiertag – was ihr jedoch vermutlich nicht bewusst war.

Liebe Kitty! Seit gestern ist es draußen herrliches Wetter, und ich bin vollkommen aufgekratzt[…] Ich gehe fast jeden Morgen zum Dachboden, um mir die dumpfe Stubenluft aus den Lungen wehen zu lassen. Heute morgen, als ich wieder zum Dachboden ging, war Peter am Aufräumen. Bald war er fertig, und während ich mich auf meinen Lieblingsplatz auf den Boden setzte, kam er auch. Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so, daß wir nicht mehr sprechen konnten.

Aus Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld. Fischer Sauerländer Verlag. Frankfurt, 2018.

Während ihrer kurzen ersten Liebeszeit verbringen sie die meiste Zeit nebeneinander am offenen Fenster, jeder auf einer Seite, und blicken auf den Baum. Sie sprechen über ihr Leben, ihre Ängste und Geheimnisse. Kein Wunder also, dass der Baum unmittelbar nach ihrem ersten Kuss wieder auftaucht. Jetzt ist er schon ziemlich grün und trägt kleine Kerzen.

Gestern sind Peter und ich dann endlich zu unserem Gespräch gekommen, das mindestens schon zehn Tage verschoben worden ist. Ich habe ihm alles von den Mädchen erklärt und mich nicht gescheut, die intimsten Dinge zu besprechen. […] Der Abend endete mit einem Kuss, ein bisschen neben dem Mund. Es ist wirklich ein tolles Gefühl! […] Unsere Kastanie ist schön ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.

18. April 1944

Die letzte Erwähnung des Baumes erfolgt weniger als drei Monate vor ihrer Gefangennahme. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich Peter und Anne in der Blüte ihrer Liebe – ebenso wie der Baum, der ebenfalls in voller Blüte steht. Sie verbringen jeden Abend gemeinsam und sprechen über ihre Hoffnungen und Träume. Zudem geben sie sich vor dem Schlafengehen einen Kuss. Es fügt sich daher schön, dass der Baum ausgerechnet zum Hochzeitstag von Annes Eltern erwähnt wird:

Liebe Kitty! Gestern hatte Vater Geburtstag und Vater und Mutter waren 19 Jahre verheiratet. Es war kein Putzfrau-Tag und die Sonne schien, wie sie 1944 noch nie geschienen hat. Unser Kastanienbaum steht von unten bis oben in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.

13. Mai 1944

Der Anne Frank Baum (2006).

Im Gegensatz zu Anne und Peter, die den Holocaust leider nicht überlebten, hatte der alte Kastanienbaum den Krieg überstanden. In den folgenden Jahren war er jedoch wiederholt von Verschmutzung, Pilzbefall und strukturellen Schwächen bedroht. Dies veranlasste die Amsterdamer Behörden, Erhaltungsmassnahmen zu finanzieren. Später erteilten sie inmitten intensiver Debatten in den 2000er Jahren eine Fällgenehmigung. Nach Protesten, rechtlichen Schritten, Gutachten und Verhandlungen installierten Befürworter im April 2008 eine Stahlstützkonstruktion, um das Leben des Baums zu verlängern.

Ein Setzling von Anne Franks Baum in Yad Vashem in Jerusalem. (Bild von Ehud Amir).

Trotz dieser Massnahmen stürzte der kranke Baum am 23. August 2010 bei einem starken Sturm um. Er brach etwa einen Meter über dem Boden ab und fiel harmlos in den Garten, ohne dass es zu Verletzungen oder Schäden an benachbarten Gebäuden kam. Vorausschauend hatten das Anne-Frank-Haus und Unterstützer bereits Kastanien gesammelt und Setzlinge gezogen. Diese Nachkommen des Baums wurden und werden seither weltweit gepflanzt – in Parks, Gedenkstätten wie Yad Vashem in Jerusalem sowie an Einrichtungen, die sich für Toleranz, Menschenrechte und Bildung einsetzen. Sie bilden ein lebendiges Denkmal und tragen Annes Botschaft von Hoffnung, Menschlichkeit und Liebe weiter. Gerade in diesen Tagen vor Tu biSchwat, dem jüdischen Neujahrsfest der Bäume, erblühen sie – stumme Zeugen einer Sehnsucht, die niemals vergeht.

Oded Fluss. Zürich, 27.1.2026.

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Der Ewige Jude in der Schweiz

Die tragische Volkssage vom „Wandernden Juden“ – auch bekannt als „der Ewige Jude“ – reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der Legende zufolge bat Jesus auf dem schmerzvollen Weg zur Kreuzigung einen jüdischen Schuhmacher, vor dessen Haus kurz ausruhen zu dürfen. Der Mann wies ihn barsch ab und verspottete ihn. Daraufhin sprach Jesus die Worte des Fluches: „Ich werde ruhen, du aber sollst gehen.“ Von diesem Augenblick an war der Jude (später meist Ahasverus genannt) verdammt, ruhelos durch die Welt zu irren, ohne je Erlösung durch den Tod zu finden.

Gustave Doré – Der wandernde Jude.

Die Figur des Ewigen Juden entwickelte sich zu einer Metapher für das jüdische Volk als Ganzes: ein Volk, das sich über Jahrhunderte hinweg auf die Suche nach Ruhe und einer stabilen Heimat begab, ohne diese dauerhaft zu erlangen – und das sich dennoch, allen Verfolgungen, Vertreibungen und Feindseligkeiten zum Trotz, bis in die Gegenwart behauptet hat. Der Ewige Jude erfüllt dabei zwei gegensätzliche Rollen: Einerseits dient er als antisemitisches Zerrbild des „bösen Juden“, der wie ein Gespenst die Welt heimsucht. Andererseits gilt er als letzter unmittelbarer Zeuge Jesu und scheint dessen historische Existenz zu belegen. Diese Figur inspirierte die Fantasie vieler Künstler, Autoren und Dichter und wurde zu einem Kernmythos, an den viele glaubten.

Gustave Doré – Der wandernde Ewige Jude. Aus Eduard Fuchs Die Juden in der Karikatur. München, 1921. Q 39a

Kein Wunder also, dass noch mehr als fünf Jahrhunderte nach Entstehung der Sage unzählige Menschen in ganz Europa – von Skandinavien bis Italien – ernsthaft versicherten, sie hätten den ruhelosen Wanderer mit eigenen Augen gesehen und sogar mit ihm gesprochen. Diese „Zeugnisse” wurden mündlich weitergegeben und entwickelten sich zu lokalen Volksgeschichten und Folklore. Auch die Schweiz bildet hierbei keine Ausnahme, denn auch hier lassen sich Spuren seiner Wanderungen finden.

Aus Jacob Grimms Deutsche Sagen.

So befindet sich in den Märchen der Brüder Grimm die Geschichte Der Ewige Jud auf dem Matterhorn. Darin manifestiert sich der Jude ironischerweise in der Rolle Jesu, eines erschöpften Reisenden, der keinen Ruheort findet (in einigen Versionen wird er von den Einheimischen verspottet und verjagt) und schliesslich die Gegend, durch die er reist, verflucht. Daraufhin verwandelte sich die einstmals lebendige Stadt in eine verlassene Wüste aus Eis und Schnee.

Jüdisches Museum der Schweiz JMS 1211.

Ein Besuch des Ewigen Juden wurde nicht nur in den Hochalpen, sondern auch in zentralen Regionen der Schweiz dokumentiert. Im Jüdischen Museum in Basel befindet sich ein frühes Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, das den Ewigen Juden beim Wandern durch Basel zeigt. Die eindeutig antisemitische Darstellung zeigt ihn mit abgetragenen Schuhen, einem Sack und einem Wanderstock. Darunter steht auf Französisch zu lesen:

Juif en haillons cachant un million. Epoque de la très haute et très noble chevallerie et de la bien sainte Inqusition. [Ein Jude in Lumpen, der eine Million versteckt. Die Zeit der edlen Ritterlichkeit und der heiligen Inquisition.]

Johann Caspar Ulrich- Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727

Ein besonders kurioser Zeitzeuge ist Johann Caspar Ulrich (1705–1768). Er war Pfarrer am Zürcher Fraumünster und Verfasser der Sammlung jüdischer Geschichten, die 1768 in Basel erschien (siehe dazu auch unseren früheren Beitrag). Darin berichtet er, wie ein Bekannter ihm von einem Treffen mit dem Ewigen Juden erzählte – allerdings nicht mit ihm selbst, sondern mit dessen abgenutzten Schuhen und Wanderstock, die sich in der Obrigkeitlichen Bibliothek in Bern befänden.

 Auf der obrigkeitlichen Bibliothek zu Bern wird ein kostbares Stück aufbewahrt, ein Stecken und ein Paar Schuhe von dem Ewigen Juden. Man muß aus der Bibliothek etliche Tritte herunter in ein Souterrain steigen, allwo ein türkischer Habit zu sehen. In gleichem Kabinet finden sich auch des unsterblichen Juden Stecken und Schuhe; der Stecken ziemlich grob und stark, die Schuhe ungemein groß und von hundert Bletzen zusammengesetzt, ein Meisterstück von einem Schuhmacher, weil sie mit vieler Mühe, Fleiß und Geschicklichkeit aus gar vielen ledernen Theilen zusammengeflickt worden.

Auch wenn Ulrich dies nie selbst bestätigt hat und es sich nur um Hörensagen handelt, hat sich diese Geschichte verbreitet. Wir finden den Wanderstock und die Schuhe des Ewigen Juden in weiteren Schweizer Quellen. So zum Beispiel in E. L. Rochholz‘ Schweizersagen aus dem Aargau (1856) wird berichtet, „bei seinem Weggang aus Bern ließ er [der Jude] Wanderstab und Reiseschuhe dort zurück”. C. Kohlrusch im Schweizerischen Sagenbuch (1854) kennt nur einen Schuh, der „in einer Plunderkammer unter der Bibliothek liegt und von dem es heißt, Ahasver habe ihn bei der Wanderung über die Grimsel von seinem Fuß verloren”. In seinem Werk Ueber Gespenster in Sage und Dichtung (1869) gibt Professor Karl Robert Pabst sogar das frivole Gerede wieder, Ahasver habe Stab und Schuhe als Pfand für Zechschulden zurücklassen müssen.

Karikatur aus: Nebelspalter: das Humor- und Satiremagazin. Zürich, 24. September 1881.
„Bald zwei Jahrtausende wandere ich in der Welt umher und stürze mich umsonst in alle Gefahren, um den Tod zu finden. Jetzt bleibt mir nur eins: Ich gehe in den Bahnhof Winterthur, dort kommt ja Keiner lebend davon. Dank Dir, Du gute N. O. B.! [Schweizer Nordostbahn]“

Ob sich diese Reliquien je wirklich in einem verborgenen Magazin der Berner Bibliothek befanden – oder gar noch heute dort schlummern –, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Der Forscher Dr. H. Dübi befasste sich 1906 mit dieser Frage, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Selbst wenn die Geschichte wahr wäre, wären die Schuhe und der Stock seiner Schlussfolgerung zufolge nicht auffindbar, da sie von Mäusen und Ratten gefressen worden seien, die „wie erzählt wird, gelegentlich aus dem daneben stehenden alten Kornmagazin in die Bücherräume eindrangen”.

Oded Fluss. Zürich, 21.1.2026

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Froschkönig Hessel

Ohne sein tragisches Schicksal wäre Franz Hessel heute wohl kaum als Schriftsteller jüdischer Herkunft bekannt. Er wurde 1880 im heutigen polnischen Szczecin in eine wohlhabende jüdische Familie hineingeboren. Seine Eltern waren jedoch bereits vor seiner Geburt zum Christentum übergetreten und hatten ihn und seinen älteren Bruder taufen lassen.


Als ich vor einigen Jahren einen befreundeten Zürcher Büchersammler besuchte und er mich bat, eine Widmung von Hessel zu entschlüsseln, war ich daher sehr überrascht, als ich das Buch öffnete und zwei Sätze in hebräischen Buchstaben auf dem Vorsatzblatt vorfand. Nach stundenlanger Mühe gelang es mir schliesslich, die Schrift zu entziffern. Sie war an seinen Freund Karl Wolfskehl adressiert. Die Schrift war zwar in hebräischen Buchstaben verfasst, aber die Sprache war Deutsch. Es handelte sich um ein kleines Scherzgedicht mit den seltsamen Worten:

„Königstochter jüngste / Hessel Franz, was stinkste“.

Franz Hessel (1880-1941)


Als Franz Hessel acht Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Berlin, das zu seiner ersten wahren Heimat wurde. Zwei Jahre später starb sein Vater. Das Erbe ermöglichte es dem jungen Mann, seiner Leidenschaft für das Schreiben zu folgen. Ähnlich wie bei den Umständen seiner Geburt scheint Hessel hier immer wieder mit dem Judentum in Berührung zu kommen, es jedoch nie vollständig anzunehmen.

Franz Hessel – Der Kramladen des Glücks. Ernst Rowohlt Verlag. Berlin, 1923. D 38356

Möglicherweise lässt sich ein seltener Hinweis auf den Grund dafür in seinem 1913 erschienenen Debütroman Der Kramladen des Glücks finden, einer stark autobiografisch gefärbten Pubertätsgeschichte. In einer aussagekräftigen Szene wird der Protagonist Gustav von einem Spielkameraden erstmals mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert und verspottet. Verwirrt fragt er: „Was ist das, ein Jude?“ Er erhält die schmerzhafte Antwort: „Er weiß selbst nicht, was er ist.“ Danach möchte der Junge nicht mehr mit den anderen spielen.

Karl Wolfskehl (1869-1948)


Obwohl Hessel stets von jüdischen Intellektuellen, Schriftstellern und Dichterinnen umgeben war, finden sich kaum Hinweise auf seine eigene Einstellung zu seinen Wurzeln. Zusammen mit seinem guten Freund Karl Wolfskehl, mit dem er kurzzeitig dem George-Kreis angehörte (im Gegensatz zu Wolfskehl, der später zu Georges engstem Vertrauten wurde), besuchte er 1903 den 6. Zionistenkongress in Basel. Alle Zeugnisse deuten jedoch darauf hin, dass es sich dabei nicht um ein wirkliches Interesse am Zionismus handelte, sondern lediglich um allgemeine Neugier und eine distanzierte Reaktion auf das Ereignis.

Marcel Proust (1871-1922)


Gemeinsam mit seinem Kollegen und Bewunderer Walter Benjamin übersetzte er den bekannten Autor, aber weniger bekannten Juden Marcel Proust aus dem Französischen ins Deutsche – eine Arbeit, die bis heute als massgeblich gilt. Von Proust übernahm er die literarisch entfremdete, melancholische Ich-Perspektive, die alles beobachtet, aber immer aussen vor bleibt.

Franz Hessel – Spazieren in Berlin. Verlag Dr. Hans Epstein. Leipzig und Wien, 1929. D 38428

Mit seinem Freund Alfred Polgar schuf er Meisterwerke des Feuilletons, von denen einige Teil seines vielleicht bekanntesten Werkes Spazieren in Berlin wurden. Dadurch avancierte er zum archetypischen Flaneur. Er gehörte zu den Ersten, die die junge Mascha Kaléko entdeckten. Er war ihr treuer Lektor und ermutigte sie, weiterzuschreiben.

Porträt-Fotografie von Mascha Kaléko, 1933 © Deutsches Literaturarchiv Marbach

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, wurden Hessels Bücher verboten und verbrannt. Er floh nach Frankreich, seiner zweiten Heimat und Liebe. Polgar schilderte diese Liebe in einer typischen Anekdote:

An einem schönen Tag sei Hessel in München mit aufgespanntem Regenschirm spazieren gegangen. Als man ihn fragte, wozu er den Schirm aufgespannt habe, antwortete er: „In Paris regnet es.”

Im selben geliebten Frankreich wurde Hessel gefangen genommen und in ein Lager gebracht. Der bereits kranke Mann verliess das Lager als gebrochener Mensch. Die Strapazen wurden ihm schliesslich zum Verhängnis. Am 6. Januar 1941 – vor 85 Jahren – starb Franz Hessel in Sanary-sur-Mer an einem Schlaganfall. Mascha Kaléko beschrieb ihr letztes Treffen mit ihm, einen Spaziergang, den sie unternahmen, als Hitler bereits an der Macht war. Hessel blieb stehen und sagte:

„Hier ist eine Schlusszeile, zu der mir noch das Gedicht fehlt. Vielleicht fällt es Ihnen ein. Sie lautet: ‚Und Heimat ist Geheimnis – nicht Geschrei‘.“

Franz Hessel – Verlorene Gespielen. S. Fischer Verlag. Berlin, 1905

In seinem ersten Gedichtband Verlorene Gespielen, in dem sich die Widmung an Wolfskehl befindet, gibt es ein Gedicht mit dem Titel Froschkönig, das mit der Widmung übereinstimmt. Es greift das bekannte Märchen auf und spiegelt zugleich die scherzhafte Widmung wider. Der Frosch, in Wahrheit ein verzauberter König, fleht die Prinzessin an:

Recht verlangt auch der Geringste./ Das Geschick nimmt seinen Lauf./ Königstochter, jüngste,/ Mach mir auf! […] Und ich bin vielleicht ein König/ Oder eines König Sohn/ Draußen wartet schnellentönig/ Mein erlöster Wagen schon.

In diesen Zeilen klingt vielleicht etwas von Hessels eigener, nie ganz aufgelöster Suche nach Zugehörigkeit nach – ein leiser, poetischer Nachhall eines Lebens zwischen zwei Welten: der Welt eines Königs und der eines Froschs.

Oded Fluss. Zürich. 6.1.2026.

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Jedes Bild ein Licht

Licht in die Dunkelheit zu bringen, war schon immer ein zentrales Motiv von Chanukka – und das war in den dunkelsten Tagen des Holocaust nicht anders. Viele Jüdinnen und Juden in der Schweiz hatten das Privileg, ihrer Pflicht nachkommen zu können und ihren Brüdern und Schwestern aus ganz Europa zu helfen, die versuchten, in der Schweiz Zuflucht zu finden. Ein Hauptziel waren dabei natürlich die Flüchtlingskinder.

Israelitisches Wochenblatt 26.11.1943. Z 251.

Eine der Hauptorganisationen bei dieser vielfältigen Hilfeleistung war und ist bis heute der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF). Als damals eine grosse Welle jüdischer Flüchtlinge, die vor dem NS-Regime flohen, versuchte, in der Schweiz Sicherheit zu finden, wurde er aus zwei Zweigen gebildet, sodass das „F” im VSJF sowohl für „Fürsorge” als auch für „Flüchtlingshilfen“ stand.

Jüdisches Bilder. Images juives. Quadretti ebraici. Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen. Zürich, 1944. B 2148.

Ein kleines Mäppchen, das 1944, einem kritischen Jahr, vom VSJF als Chanukka-Geschenk an Flüchtlingskinder verschenkt wurde und acht Abbildungen von Gemälden des berühmten jüdischen Künstlers Moritz Oppenheim (1800–1882) enthält – ein Bild für jede Chanukka-Kerze –, sollte den Kindern ein wenig Licht in ihr Leben bringen und ihnen ein Gefühl von Heimat vermitteln.

Moritz Oppenheim – Chanukka.

Die Bilder von Oppenheim zeigen jüdische Feiertage wie Chanukka, Sukkot, Jom Kippur oder Pessach sowie religiöse Traditionen wie den Schabbat, die Havdala-Zeremonie oder den Einzug des Sefer Tora in die Synagoge. Das Besondere an ihnen ist, dass jedes einzelne Bild ein Gefühl von Familie, Zuhause und Gemeinschaft erweckt. Auf jedem Bild sind Erwachsene und Kinder zu sehen.

Alle Bilder aus dem Mäppchen.

Zu jeder Abbildung gehört ein Text, der über die Bedeutung des jeweiligen Feiertags oder der jeweiligen Tradition informiert. In einer sehr finsteren Zeit sollte dieses kleine Geschenk Trost und Licht spenden sowie kulturelle, traditionelle und religiöse Erkenntnisse vermitteln.

Das seltene Mäppchen mit dem Cover-Artwork des bekannten Schweizer Juden Gregor Rabinovitch (1884–1958) befindet sich nun in unserer Bibliothek. Es erinnert an die Fürsorge der Schweizer Jüdinnen und Juden für Flüchtlingskinder in den düstersten Zeiten der jüdischen Geschichte. Es endet mit warmen Worten, die in den drei Sprachen – Deutsch, Französisch und Italienisch – verfasst wurden:

Liebes Kind,
Dieses Mäppchen, das wir Dir schenken, enthält acht Abbildungen von Gemälden, die der jüdische Künstler Moritz Oppenheim vor bald hundert Jahren geschaffen hat. Ob du sie alle verstehen wirst? Der beigefügte Text soll Dir dabei helfen, und Dein Religionslehrer wird Dir auf alle Fragen gerne Antwort geben. An ihn, oder auch an uns direkt, kannst Du Dich immer wenden, wenn Du über unsere jüdische Religion etwas wissen willst.
Sage deinen Pflegeeltern, dass wir ihnen für alles, was sie für Dich tun, herzlich danken. Frage sie, ob Du eines oder zwei der Bildchen über Deinem Bett aufhängen darfst.
Mit vielen Chanuka-Wünschen grüsst dich der Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen.
Chanuka 5706
Dezember 1944

Oded Fluss. Zürich, 10.12.2025

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Der Fall des Zürcher Chanukkabaums

Vor mehr als 130 Jahren, am 5. Dezember 1893, erschien eine Ausgabe des Zürcher Tagblatts, die für Aufsehen sorgte. Neben mehreren Anzeigen zu den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen, die unter anderem Geschenke, Veranstaltungen und vor allem den Verkauf von Weihnachtsbäumen bewarben, erregte eine kleine Anzeige die Aufmerksamkeit vieler Leserinnen und Leser.

Tagblatt der Stadt Zürich. 5.12.1893.
ZB. Alte Drucke. UZ 1.

Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Der Verein Philharmonie, dessen Vorstand die Anzeige publizierte, war der Vorgänger des Zürcher Synagogenchors. Der 7. Dezember 1893 war der fünfte Tag von Chanukka, weshalb es ein günstiger Zeitpunkt war, um eine musikalische Chanukka-Feier zu veranstalten und die fünfte Kerze des Chanukka-Leuchters anzuzünden. Wenn man den in grossen Buchstaben geschriebenen Titel jedoch noch einmal liest, muss man sich fragen: Was um Himmels Willen ist ein „Chanukkabaum”?

Viele waren über diese Anzeige sehr verblüfft. Sie erschien in derselben Zeitung, in der Christen dazu aufgerufen wurden, nur bei anderen Christen zu kaufen. Sofort hörte man von Zürchern, die sich den Kopf darüber zerbrachen, warum jemand den Weihnachtsbaum nicht mit seinem „guten deutschen Namen” bezeichnen sollte, sondern gezwungen war, ihm einen jüdischen Namen zu geben.

Auch die Schweizer Juden waren darüber, gelinde gesagt, nicht glücklich. Abgesehen von der unerwünschten Aufmerksamkeit, der sie kurz nach Erlangung der religiösen Gleichberechtigung in der Schweiz ausgesetzt waren, war ihnen das Konzept eines Chanukkabaums völlig fremd.

Der Israelit. 11.12.1893.

Die jüdische Zeitung Der Israelit, die damals über alles rund um jüdische Themen in Europa berichtete, veröffentlichte am 11. Dezember einen bissigen Artikel dazu. Darin wurden die Beschwerden der „Züricher“ wiedergegeben und die Legitimität dieses nichtjüdischen Konzepts infrage gestellt, indem dessen Vorkommen in jüdischen Quellen und sogar dessen botanischer Hintergrund bestritten wurden. Der Artikel endet mit einer zynischen Frage zur Kaschrus eines solchen Baumes und kritisiert den Philharmonie-Verein dafür, eine solche Anzeige überhaupt zu veröffentlichen.

Der Israelit. 11.12.1893.

In der heutigen Zeit, in der Chanukka und Weihnachten harmonisch nebeneinander existieren und das Konzept von „Weihnukka”, bei dem beide Feste gemeinsam gefeiert werden, die Herzen vieler Menschen erobert hat, scheint die Aufregung über diese kleine Anzeige unangemessen. Die Idee eines Chanukkabaums, die sogar Theodor Herzl aufgriff, um seine Wertschätzung und seinen Respekt für beide Traditionen auszudrücken, erscheint uns heute unschuldig.

Der Israelit. 13..Dezember 1893.

Und unschuldig war es offenbar damals auch, wie einer kurzen Erklärung von Leo Dreyfus, dem Präsidenten des Philharmonie-Vereins, zu entnehmen ist. Diese wurde nur wenige Tage nach der ursprünglichen Anzeige veröffentlicht. Demnach war der Chanukkabaum lediglich ein unschuldiger Druckfehler.

Die korrigierte Anzeige. Tagblatt der Stadt Zürich. 7.12.1893.

Oded Fluss. Zürich, 4.12.2025.

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Seghers‘ Herkunft

Im Jahr 1928 erschien im Gustav-Kiepenheuer-Verlag in Potsdam ein kleines Buch, das sofort grosses Interesse weckte. Aufstand der Fischer von St. Barbara erzählte die ungewöhnliche Geschichte eines von Hunger, Elend und Not geprägten Fischerdorfs. Ein unerwarteter Held erhebt sich und führt den Protest an, der eine Lohnerhöhung fordert. Es folgten Verweigerung, stumme, verbissene Resistenz, Aufstand, Angriff, Niederlage und bittere Resignation.

Seghers – Aufstand der Fischer von St. Barbara. Gustav Kiepenheuer Verlag. Potsdam, 1928. D 5250.

Der Stil dieses Buches war auffällig: eine eigenartige, überaus kräftige innere Sprache mit knappen, nur vage angedeuteten Sätzen von höchster Prägnanz, deren Kunst im Ausdruck des Notwendigen wie im Andeuten des Hintergründigen liegt. Der Ruhm kam schnell, ebenso wie der angesehene deutsche Kleist-Preis. Dies erweckte natürlich Interesse für seinen Autor. Die Neugier stieg, da auf dem Bucheinband lediglich der Name „Seghers” zu lesen war.

Neues Wiener Abendblatt. 29.12.1928.

Die Sensation wurde noch grösser, als bekannt wurde, dass Seghers kein Autor, sondern eine Autorin war – und zwar eine sehr junge. Mit diesem Buch veröffentlichte Anna Seghers (1900-1983) ihren Erstlingsroman und wurde im Alter von nur 28 Jahren über Nacht zum Literaturstar. Sie war eine von nur zwei Frauen, die bis dahin diese renommierte Auszeichnung der deutschen Literatur erhalten hatten.

Die Begeisterung war gross – allerdings nicht bei allen. Das hatte weder mit dem Roman noch mit dem Talent der jungen Autorin zu tun. Auch dass sie eine Frau war, war nicht das Hauptproblem. Das Problem war vielmehr, dass Anna Seghers ein Pseudonym war und die Autorin in Wirklichkeit Anette „Netty“ Reiling hiess, eine Jüdin aus Mainz.

Netty Reiling (Anna Seghers): Jude und Judentum im Werke Rembrandts : Anna  Seghers, Netty Reiling, Christa Wolf, Rembrandt: Amazon.de: Bücher

Netty Reiling (Anna Seghers) – Jude und Judentum im Werke Rembrandts. Reclam Verlag. Leipzig, 1981. B 6197

Die Geschichte hinter dem Pseudonym wird meist wie folgt erzählt: Reiling studierte Kunstgeschichte an den Universitäten Köln und Heidelberg. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit dem Thema „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“. Im Umfeld Rembrandts stiess sie auch auf das Pseudonym, das sie fortan als Schriftstellerin tragen wollte. Hercules Seghers war ein Kupferstecher und Zeitgenosse Rembrandts.

Dieser Name ist so ungewöhnlich, der mußte auffallen, wenn er plötzlich über einer Erzählung in der Zeitung erscheint. Andererseits könnte ich mich auch hinter ihm verbergen.

Nach ihm nannte sich Annette Reiling fortan Anna Seghers. Bis heute ist sie eher unter ihrem Pseudonym als unter ihrem Geburtsnamen bekannt.

Für die Antisemiten war das damals keine „gute Ausrede“. Sie waren sich sicher, dass die Jüdin dies absichtlich getan habe, um ihre Herkunft zu verbergen und den angesehenen deutschen Literaturpreis zu gewinnen. Die nationalsozialistische Zeitung Völkischer Beobachter, die damals noch von Adolf Hitler herausgegeben wurde, verurteilte die Verleihung des Preises an die wohlhabende Jüdin, Tochter des reichen Kunsthändlers Isidor Reiling, scharf.

Völkischer Beobachter. 5.1.1929.

Fälschlicherweise wurde berichtet, Alfred Kerr (ebenfalls Jude) habe die Entscheidung getroffen, Seghers den Preis zu geben, um die bereits wohlhabende Jüdin mit mehr deutschem Geld und Ruhm zu belohnen, anstatt ihn einem „echten Deutschen” zu geben, der ihn tatsächlich gebraucht hätte. Auch der Inhalt des Buches wurde in Bezug auf die Autorin zynisch kritisiert. So wurde ihr vorgeworfen, die Not und das Elend von Menschen zu beschreiben, die sie selbst nie erlebt hatte.

Anna Seghers – Das siebte Kreuz. Roman aus Hitlerdeutschland. El Libro Libre. Mexico, 1942.

Dies war die erste, aber nicht die letzte Begegnung Anna Seghers’ mit den Nationalsozialisten. Die Autorin, deren 125. Geburtstag wir aktuell ehren, zählt zu den einflussreichsten antifaschistischen und pazifistischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Auch ihre zahlreichen späteren Werke wie Das siebte Kreuz und Der Ausflug der toten Mädchen inspirierten Widerstand, Aufstand und Resistenz. Dafür musste sie aus Nazi-Deutschland fliehen, doch sie hat sich einen Ehrenplatz unter den bedeutendsten Exilautorinnen erarbeitet.

Zweite Auflage des Buches. Der Umschlag trägt einen Hinweis auf den Kleist-Preis sowie ein Porträt der Autorin.

Oded Fluss. Zürich, 24.11.2025.

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Die seltsame Geschichte von Hitler, dem Juden

Als Adolf Hitler im Jahr 1933 in Deutschland an die Macht kam, stiessen verschiedene Medien weltweit auf eine sensationelle Geschichte. Anhand angeblicher genealogischer Dokumente und Inschriften auf Grabsteinen entstanden Berichte über die Herkunft des „allmächtigen Führers“ des Dritten Reichs. Hitler, der einen Grossteil seiner Popularität seiner arischen Rhetorik und seinem Antisemitismus verdankte, soll demnach selbst jüdischer Abstammung gewesen sein.


Österreiches Abendblatt. Wien, 12.7.1933.

Da er selbst kein Aushängeschild für das von ihm gepredigte arische Aussehen war, stand Hitler bereits im Vorfeld unter Verdacht. Seine fragwürdige Vergangenheit und die Schadenfreude, die eine solche Enthüllung mit sich gebracht hätte, liessen viele hoffen, dass er Opfer seiner eigenen Giftpropaganda werden würde. Noch mehr als das war es jedoch sein Nachname, der diesen Verdacht ins Rampenlicht rückte.

Telegraf. Wien,16.5.1933.

Heute ist es vielleicht schwer vorstellbar, aber Hitler bzw. Hittler war ein recht häufiger jüdischer Nachname, insbesondere in Russland und Osteuropa. Die Etymologie des Namens liefert uns einige mögliche Erklärungen. Eine davon ist, dass sich jüdische Familien oft nach ihrer Matriarchin benannten und Gitel ein sehr häufiger jüdischer Frauenname im alten Russland war. Da es in der russischen Sprache keinen ‚H-Laut‘ gibt und im polnischen Teil des Gebiets jedes ehemalige „G” zu einem „H” wurde, wurden alle russischen „Gitlers” in Polen zu „Hitlers”.

Der Grabstein des jüdischen Hutmachers Abraham Elijahu (Adolf) Hittler (1832–1892). Er hatte einen Hutladen in der Royal-Strasse in Bukarest.

Eine andere Erklärung ist, dass Juden ihren Nachnamen oft in Verbindung mit ihrem Beruf erhielten. Beispiele hierfür sind Goldschmidt, Schneider oder Becker. In Tschechien und Rumänien gab es jedoch auch einige Fälle von jüdischen Hutmachern, die Hütler hiessen. Aus „Hütler“ zu „Hitler“ war es dann nicht mehr weit.


Österreiches Abendblatt. Wien, 14.7.1933.

Obwohl die meisten dieser Berichte in Klatschzeitungen erschienen und in seriösen Forschungen zumeist als unbegründet galten, war die Aufregung – vor allem in jüdischen Kreisen – enorm. In jiddischen und hebräischen Zeitungen entstanden zahlreiche Geschichten, die versuchten, Hitlers jüdische Vorfahren auszumachen. Grabsteinbilder mit dem berüchtigten Namen, verziert mit hebräischen Buchstaben, waren kaum zu übersehen. Wenn der Vorname dann auch noch Adolf war, war das eine echte Sensation.

„Jacob Hitler aus Kahir“ Ein ägyptischer Jude behauptet, dass Hitler sein nächster Verwandter sei. Doar ha-Yom 2.1.1933

Für den deutschen „Führer” muss es eine grosse Belastung gewesen sein, als er in verschiedenen Zeitungen erfuhr, dass ein jüdischer Einwanderer einen Pass bei den deutschen Behörden beantragt hatte und diese schockiert waren, als sie den Namen „Adolf Hitler” auf dem Dokument sahen. Ein weiterer Fall war der ägyptische Jude Jacob Hitler aus Kairo, der behauptete, denselben Vater wie der „Führer” zu haben. Er war sogar bereit, einen Bluttest zu machen, um dies zu beweisen.


Österreiches Abendblatt. Wien, 14.7.1933.

Sogar von einem angeblich von Hitlers Grossmutter verfassten jüdischen Kochbuch auf Jiddisch, das bei seiner Schwester gefunden wurde, berichteten die Zeitungen. Sie soll als Oberköchin ausgerechnet in der Mensa der Accademica Judaica in Wien gearbeitet haben.

The Chronicler-Spokesman. Louisville, 21.12.1934.

Das war nicht nur für Hitler, sondern auch für die Juden mit dem inzwischen berüchtigten Nachnamen peinlich. Sie mussten ihn loswerden, genauso wie viele ihren nicht mehr angesagten Hitlerschnauz. Wir hören beispielsweise von einer Hochzeit, die fast geplatzt wäre, weil der Bräutigam den unglücklichen Namen Hittler trug. Die Hochzeit konnte gerettet werden, als er sich entschied, seinen Namen in das viel angenehmere Hilton zu ändern.

Schalom Asch – Hitlers Geburt. Yidishn fraternaln folks-ordn, Cooperative Book League of the Jewish Peoples Fraternal Order. New York, 1944

Adolf Hitlers Herkunft ist bis heute umstritten. Seine ziemlich komplizierte Familiengeschichte – sein angeblicher Vater hiess ursprünglich Schicklgruber und änderte seinen Namen in Hitler, seine Mutter stammte ursprünglich aus der Familie Hüttler – wird Historiker wohl noch viele Jahrzehnte beschäftigen. Uns würde es reichen, wenn wir uns dem jiddischen Schriftsteller Schalom Asch anschliessen würden. In seiner 1942 erschienenen Novelle Hitlers Geburt stellt er Hitler schlicht als den Sohn des Teufels dar.

Oded Fluss. Zürich, 13.11.2025.

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Novemberpogrom im Breslauer Rabbinerseminar

Wie so viele andere jüdische Institutionen in Deutschland musste auch das jüdisch-theologische Seminar in Breslau nach den schrecklichen Ereignissen der Novemberpogrome im Jahr 1938 schliessen. Trotz der wenigen Beweise und Zeugenaussagen haben wir uns entschlossen, diesen Blogeintrag dem tragischen Ende des Seminars und seiner weltweit berühmten Bibliothek zu widmen. Unsere Bibliothek hat Tausende Bücher geerbt, die diesen Pogrom überlebt haben. Sie sind heute als die Breslauer Sammlung bekannt.

Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung für das Jahr 1937. Breslau, Januar, 1938. D 7117.


Anfang Januar 1938 veröffentlichte das jüdisch-theologische Seminar seinen Jahresbericht für das Jahr 1937, der eine detaillierte Liste der Studierenden, Lehrenden, Vorstandsmitglieder und Spender sowie einen Kursplan für das Sommer- und das noch laufende Wintersemester enthielt. Über die im Januar 1938 anstehende Gedenkfeier für Jonas Fraenkel, den Gründer des Seminars, müssen wir uns auf die jüdischen Zeitungen beziehen. Wir entnehmen ihnen, dass der scheidende Vorsitzende Dr. Albert Lewkowitz (1853–1954) die Zuversicht geäussert hat, dass der Bestand einer Anstalt, die für das Judentum so segensreich wirkt, in einer Zeit, in der seelische Erhebung und Stärkung des jüdischen Bewusstseins nötiger sind denn je, nicht gefährdet sei. Anschliessend übernahm der Seminarrabbiner Dr. Moses Ochs (1886–1944) den Vorsitz und überreichte drei jungen Rabbinern ihre Entlassungsdiplome.

Der Bibliotheksbericht wurde von dem damals jungen Dr. Ephraim (Elimelech) Urbach (1912–1991) gemeinsam mit der Bibliothekarin Lotte Pinczower (1889–1975) verfasst. Er umfasste alle Ankäufe und Geschenke von Büchern des vergangenen Jahres, die sich auf 301 Werke beliefen, davon 118 auf Hebräisch und 183 in anderen Sprachen. Vor ihrer Zerstörung umfasste die Bibliothek schätzungsweise mehr als 40.000 Bücher und über 400 Handschriften.

Die Bibliothek des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau


Die in diesem Bericht beschriebene düstere Stimmung ist, obwohl sie sehr subtil ist, nicht zu übersehen. Abgesehen von der vergleichsweise geringen Anzahl an Büchern, die die Bibliothek beschaffen konnte, enthält der Jahresbericht einige Hinweise darauf, dass das Institut bereits um sein Überleben kämpft. Die mehrfache Erwähnung von „staatslosen Hörern”, „gegenwärtigen Bedingungen”, „Schwierigkeiten” sowie Hörern in „finanzieller Notlage” verrät, was nicht ausdrücklich gesagt werden konnte. Tatsächlich war dieser Jahresbericht, der 83 Jahre nach der Gründung des Seminars im Jahr 1854 erschien, der letzte, den das Seminar veröffentlichte.

Central-Verein Zeitung. Berlin. 3.11.1938. Z 405.

In ihrer letzten Ausgabe vor der Schliessung, vom 3. November 1938 (auch aufgrund der Pogromnacht) veröffentlichte die Zeitung des Berliner Central-Vereins (C. V.) einen umfangreichen Artikel über das jüdische Breslau. Darin ging es unter anderem um das Breslauer Rabbinerseminar und die Aktivitäten seiner Studierenden und Lehrenden. Im Gegensatz zum Jahresbericht des Seminars war in dem Artikel noch eine hoffnungsvolle Stimmung zu spüren – und das nur wenige Tage vor den schrecklichen Ereignissen, die zur Schliessung des Seminars führten.

Central-Verein Zeitung. Berlin. 3.11.1938. Z 405.

Einer der im Artikel und Jahresbericht erwähnten Lehrer war der Historiker Dr. Willy Cohn (1888–1941). Er hatte erst ein Jahr zuvor seine Lehrtätigkeit am Seminar aufgenommen. Zuvor war er ein angesehener Lehrer am Johannesgymnasium in Breslau gewesen, war jedoch aus antisemitischen und nationalsozialistischen Gründen entlassen worden. Seine nach seinem Tod entdeckten Tagebücher sind eine wertvolle Quelle für die Ereignisse, die die jüdische Gemeinde in Breslau während der Zeit des Dritten Reichs betrafen. In ihnen erhalten wir auch ein Zeugnis aus erster Hand über die letzten Tage des Breslauer Rabbinerseminars.
Am 1. November 1938 schrieb er:

Seminar; dort hörte ich, dass drei Hörer polnischer Staatsangehörigkeit abgeschoben worden sind […] Nach der Sitzung mit Fritz Günther Nathan ein Stück gegangen; darüber gesprochen, dass man mir im Seminar nicht die jüdisch-geschichtlichen Vorlesungen übertragen hat. Aber ich will zu dieser Sache nichts mehr tun, da das Seminar über das Wintersemester kaum noch eine nennenswerte Zahl von Hörern haben wird.

Willy Cohn (1888-1941)

Eine Woche später, am 8. November – einen Tag nach dem Attentat des Herschel Grynszpan auf den Botschaftssekretär Ernst von Rath, das Goebbels als Vorwand für die kommenden Pogrome nutzte – schrieb er:

Seminar ‚Spanien‘ und ‚Tasso‘. Es wird immer schwieriger, die Leute auf die geistigen Dinge zu konzentrieren. Immer wieder hat ein junger Mensch Passschwierigkeiten. […] Die heutigen Zeitungen bringen eine für uns sehr schlimme Nachricht. Der Botschaftssekretär von Rath ist in Paris in der deutschen Botschaft von einem polnischen Juden angeschossen und schwer verwundet worden, eine sehr feige Tat, die sicherlich die schlimmsten Folgen für uns in Deutschland haben wird.

Dies ist der letzte Tagebucheintrag, den Cohn im Seminar schreiben wird. Am 10. November wird es nach dem Einmarsch von Nazi-Anhängern teilweise zerstört und für immer geschlossen. Drei Jahre später, am 29. November, werden Cohn, seine Frau Gertrud und die beiden Töchter Susanne und Tamara im IX. Fort zusammen mit 2.000 Juden aus Breslau und Wien erschossen.

Alfred Jospe (1909-1994)

Ein weiteres Zeugnis stammt von dem deutschen Rabbiner Alfred Jospe (1909–1994). Er war Student im jüdisch-theologischen Rabbinerseminar und besuchte wie viele andere auch die Universität Breslau. In einer 1963 veröffentlichten Gedächtnisschrift für das Seminar beschreibt er dessen letzte Tage:

Am 10. November 1938 wurde das Seminar von den Nazis überfallen, teilweise zerstört und auf polizeiliche Anordnung geschlossen. Zahlreiche Studenten wurden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, der Unterricht musste eingestellt werden, Versammlungen des Lehrkörpers wurden verboten. Aus den Protokollen der Fakultät geht hervor, dass sich drei Fakultätsmitglieder, Dr. Isaac Heinemann, Dr. Samuel Ochs und Dr. Nachum Wahrmann, am 8. Dezember 1938 zu einer informellen Besprechung über die Situation trafen. Dr. Heinemann berichtete, dass ‚von den Behörden noch keine Nachricht über die Wiedereröffnung des Seminars eingegangen ist‘. Er empfahl, den Abschluss aller in Frage kommenden Oberstufenschüler auf jede erdenkliche Weise zu erleichtern. Da ein Verstoß gegen das Versammlungsverbot vermieden werden müsse, solle jeder Schüler aufgefordert werden, jeden Lehrer zu Hause aufzusuchen, um seine Prüfung abzulegen. Die Ergebnisse der Prüfungen würden in das Fakultätsprotokoll eingetragen.

Das Seminar in der Wallstrasse 1b

Das Novemberpogrom von 1938 war einer der Vorboten des tragischen Schicksals der europäischen Juden. Für das Breslauer Rabbinerseminar bedeutete es das Ende einer der wichtigsten und einflussreichsten jüdischen Institutionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Seminar war ein Pionier der Wissenschaft des Judentums. In seinen 84 Jahren des Bestehens hat es einige der bedeutendsten Gelehrten, Rabbiner und Denker der Neuzeit hervorgebracht. Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), der ebenfalls am Seminar studiert hatte, äusserte sich zu seinem Beitrag wie folgt:

Wir alle, die wir in der Arbeit für das Judentum stehen wollen, wir denken voller Dankbarkeit an das, was die Breslauer Theologie gegeben hat. Wir alle, wel­chen Weg oder welchen Umweg wir auch gegan­gen sind, wir kommen doch, schliesslich, auch von Frankel, von Graetz, von Bernays her. Und wir alten Breslauer, wir erinnern uns oft voll dankbarer Wehmut an die theologische Atmosphä­re in dem alten Hause, in seinen Hörsälen und in seiner Synagoge, auf seinen Treppen auch und in seinen Wohnungen, an die theologische Luft in dem alten Garten hinter dem Hause, oft gleich­sam, wenn es so gesagt werden darf, dem Garten Epikurs‘ und der ‚Epikureer’.

Obwohl es für immer geschlossen wurde, blieb das Seminar eine Inspiration und ein Vorbild für viele spätere Schulen und Einrichtungen. Von der einst reichhaltigen Bibliothek, von der nur ein kleiner Teil erhalten blieb, sind heute Teile über die ganze Welt verstreut. Unsere Bibliothek hat grosses Glück, einen grösseren Teil davon erhalten zu haben. Die in diesem Blog vorgestellten Bücher, die häufig aus der Bibliothek des Breslauer Seminars stammen, sind eine ewige Erinnerung an das Seminar und die Menschen, die es geprägt haben.

Oded Fluss. Zürich, 6.11.2025.

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An die Deutschen

Zwischen 1946 und 1947 erschienen zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Gedichtbände. Sie wurden von Juden verfasst, die ins Exil fliehen mussten. Beide sind eine Art Anklage und Vorwurf an das deutsche Volk von damals. Sie wurden beide auf Deutsch verfasst. Vor allem tragen sie den gleichen aussagekräftigen Titel: An die Deutschen. Der eine stammt vom bekannten Dichter und Meister der deutschen Sprache Karl Wolfskehl, der andere von der weitgehend unbekannten Dichterin Juliette Pary, für die Deutsch nicht die Muttersprache war.

Karl Wolfskehl – An die Deutschen. Origo-Verlag. Zürich, 1947. D 4565(K).


Karl Wolfskehls Gedichtband erschien im damals noch jungen Origo-Verlag in Zürich. Es sollte das letzte vollständige Werk des bedeutenden jüdischen Dichters zu dessen Lebzeiten bleiben. Zu diesem Zeitpunkt lebte Wolfskehl bereits seit acht Jahren in Neuseeland, insgesamt verbrachte er 14 Jahre im Exil. Als einer der engsten Freunde und Bewunderer von Stefan George war er wohl der bekannteste Dichter, der aus dem berühmten George-Kreis hervorging.

Israelitisches Wochenblatt. Zürich, 12.12.1947.

Das nur wenige Seiten umfassende Büchlein war eine wortgewaltige Anklage, geprägt von Bitterkeit und Heimweh, aber auch von Stolz und Selbstbewusstsein. Der Dichter wendet sich darin direkt an seine Leser in der zweiten Person Plural und spricht zu den Deutschen, die damals seine Anhänger, Bewunderer, Kollegen und sogar Freunde waren. Sie ermöglichten, dass deutschen Juden wie ihm, deren Wurzeln und Geschichte weit in die Vergangenheit Deutschlands zurückreichten und die selbst „deutscher“ waren als die sogenannten „Arier“, ihre deutsche Identität, Kultur und Sprache entrissen wurde

Euer Wandel war der Meine,
Eins mit euch auf Hieb und Stich.
Unverbrüderlich was uns eine,
Eins das Grosse, eins das Kleine:
Ich war Deutsch und ich war Ich.
Deutsche Gau hat mich geboren,
Deutsches Brot speiste mich gar,
Deutschen Rheines Reben goren
Mir im Blut ein Tausendjahr

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Karl Wolfskehl (1869-1948).

Mit unvergesslichen Versen macht sich Wolfskehl eindrucksvoll zum Sprachrohr der damals fast ausgestorbenen deutschen Juden. Mit gemessenem Stolz, der durch die Schande nicht gemindert wurde, bekannte er sich in dem wohl berühmtesten Vers dieses Gedichts zu seinen Überzeugungen:

Zu mir traten eure Besten,
Zu mir, den die Flamme heisst –
Ob im Osten, ob im Westen:
Wo ich bin, ist deutscher Geist.

Gegen Ende des Gedichts wechselt Wolfskehl zur informellen Anrede „du“. Es bleibt unklar, ob er sich dabei an die Deutschen oder den deutschen Teil seiner zerbrochenen deutsch-jüdischen Identität wendet. Dieser „Abgesang“ verstärkt die Tragik des Dichters, der ein Jahr später im Exil in Neuseeland starb und dessen Grabstein die Inschrift „Exul Poeta“ trägt:

Wo du bist, du Immertreuer,
Wo du bist, du Freier, Freister,
Du der wahrt und wagt und preist –
Wo du bist, ist Deutscher Geist!

Waikumete Friedhof & Krematorium.
Glen Eden, Auckland Council, Auckland, Neuseeland.

Völlig unbekannt und fast vollständig in Vergessenheit geraten ist der wenige Monate zuvor erschienene Gedichtband mit demselben Titel: An die Deutschen. Er wurde unter dem Pseudonym Julia Renner im Pariser Verlag Editions Réalité veröffentlicht. Es war bereits das zweite Pseudonym der jüdischen Autorin Juliette Pary (1903–1950), deren richtiger Name Julia Gourfinkel lautete.

Julia Renner – An die Deutchen. Éditions Rèalite. Paris, 1946. B 1652.

Trotz vieler Ähnlichkeiten – gleicher Titel, Anklage gegen die Deutschen, Verwendung der zweiten Person und das alles auf Deutsch – könnten die beiden Gedichtbände nicht unterschiedlicher sein. Dies betrifft weder die formalen Aspekte, wie den Ort der Veröffentlichung – Zürich im Vergleich zu Paris –, noch die Qualität der Publikation: einen bibliophilen, zweifarbigen Druck in einer Auflage von 600 Exemplaren im Vergleich zu einer sehr einfachen Broschur. Es hängt mit der deutschen Dichterin zusammen, die weder Deutsche noch Dichterin war.

Juliette Pary (1903-1950). Archiv der Alliance Israélite Universelle, Sammlung Isaac Pougatch

Die russische Jüdin Pary wurde in Odessa geboren. In ihrem ereignisreichen Leben arbeitete sie unter anderem als Erzieherin und Journalistin, vor allem aber als Übersetzerin, hauptsächlich vom Deutschen ins Französische. Obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache war, verfasste sie ihre Gedichte auf Deutsch. Aus ihren kompromisslosen Worten kann man entnehmen, dass sie es allerdings vorgezogen hätte, gar nicht auf Deutsch zu schreiben. Sie tat es jedoch, um von den Deutschen verstanden zu werden:

Ich bin eine rächende Judenstimm,
Die aus Euerem Mord ersteht
Und ich spreche zu Euch in Eurem Deutsch,
Damit Ihr mich versteht“.
[…]
Es ist für mich ein Fluch,
Dass ich in dem verfluchten Deutsch
Gedichte schreiben muss.

Anders als Wolfskehl fühlt sich Pary nicht an bestimmte Umgangsformen oder eine gehobene Sprache gebunden. Sie verspürt weder Heimweh noch Verpflichtungen gegenüber der deutschen Kultur, obwohl sie sich sehr gut damit auskennt, von ihr beeinflusst ist und in einigen ihrer Gedichte sogar zugibt, dass sie Teile davon liebt. In erster Linie betrachtet sie sich als Jüdin, die sich mit den Deutschen ihrer Zeit auseinandersetzt:

Ich hab keine Muttersprache,
Weil ich eine Jüdin bin.
Zu verkörpern meine Gabe,
Mich der fremden Sprach bedien

Pary schreckt auch nicht davor zurück, die Verbrechen der Nazis auf äusserst anschauliche und teilweise sogar obszöne Weise zu beschreiben. Während Wolfskehl von Beleidigung und Verzweiflung spricht, scheint Pary aus reinem Hass und Rache zu schreiben:

Auf welcher Strasse deutsches Tier
Mit deutschen Waffen rollte.
In Lagern deutsches Nazi-Volk
Peitscht blutig Russen-Knaben.
Es lässt in Dreck, Urin und Kot
Die Juden täglich baden.
In Dreck und Kot, bis alle tot!
[…]
Ihr braunen Nazis,
Braun zum Erbrechen,
Schwarzbraungelbblutig,
Ihr seid noch da!
ich will Euch töten.
Wie mit den Taten.
So mit der Schrift.
In Eurer Sprache
Will ich Euch töten,

Ihre Unbekanntheit, die Tatsache, dass sie nicht ihre Muttersprache verwendete, ihre sehr direkte, unpoetische und vielleicht undeutsche Haltung – all dies hätte dazu führen können, dass dieses Buch völlig unbemerkt geblieben wäre und heute fast völlig in Vergessenheit geraten wäre.

Julia Renner – An die Deutchen. Éditions Rèalite. Paris, 1946. B 1652.

In unserer Bibliothek befindet sich ein Exemplar der seltenen Erstausgabe mit einer Widmung der Autorin an den bedeutenden Exilverleger Emil Oprecht aus dem Jahr 1946. Da die Seiten des Buches bisher ungeschnitten waren, kann man davon ausgehen, dass nicht einmal er es gelesen hat.

Julia Gourfinkel ist auch unter den Namen Juliette Pary und Juli Renner bekannt.

Vier Jahre später, im Jahr 1950, starb Juliette Pary in Vevey. Zuvor war sie nach Palästina gereist, um als eine der ersten Journalistinnen über die Anfänge des Staates Israel zu berichten. Dort erkrankte sie an einer schweren Form der Dysenterie, von der sie sich nicht mehr erholen konnte.

An die Deutschen - Cover
Juliette Pary – An die Deutschen. Persona Verlag. Mannheim, 2025. D 41425.

Erfreulicherweise ist nun eine Neuauflage des Gedichtbands im Persona Verlag erschienen. Neben den nach wie vor relevanten und kraftvollen Worten dieser unbekannten Frau enthält sie auch ein sehr aufschlussreiches Nachwort von Andreas F. Kelletat mit vielen wertvollen biografischen Anmerkungen zu dieser fast vergessenen jüdischen Übersetzerin, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Dichterin, die an die Deutschen schrieb.

Oded Fluss. Zürich, 3.11.2025

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Zwischen „Judenbuche“ und jüdischem Buch.

Nie kann mir eine Zeder werden,
was mir die deutsche Buche war.
Jakob Loewenberg.

In unserer Bibliothek und in unserem Blog beschäftigen wir uns oft mit dem „jüdischen Buch“, ohne jedoch zu klären, was genau damit gemeint ist. Ist es ein Buch, das von einem Juden geschrieben wurde? Ein Buch, in dem jüdische Sprachen wie Hebräisch oder Jiddisch verwendet werden? Oder eines, in dem jüdische Themen und Motive der Religion, Kultur oder Geschichte im Vordergrund stehen? Da Juden als das „Volk des Buches“ bekannt sind, ist das eine ziemlich wichtige Frage, auch wenn sie nicht wirklich beantwortet werden kann.

Die erste Veröffentlichung von Die Judenbuche erschien im Morgenblatt für gebildete Leser. 22. April 1842.

In diesem Beitrag werden wir uns nicht direkt mit der Frage nach dem „jüdischen Buch“ beschäftigen, sondern mit Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff. Dies hat nichts mit der ähnlichen Tonalität der Wörter „Buch“ und „Buche“ zu tun, sondern damit, dass uns dieses 1842 erschienene Werk bei der Beantwortung der Frage nach dem „jüdischen Buch“ hilfreich sein könnte.

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Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage in der grünen Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges.

Mit diesen Worten beginnt die Novelle Die Judenbuche – Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen. Der Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, die sich in der westfälischen Heimat der Dichterin zutrug. Sie handelt von Friedrich Mergel, der aus schlimmen Verhältnissen stammte, in den Bannkreis des Bösen geriet und den Juden Aaron, dem er Geld schuldete, unter einer Buche ermordete. Die örtlichen Juden kauften den Baum, an dem die Tat begangen wurde, und beschrifteten ihn auf Hebräisch. Viele Jahre später kehrte Mergel in das Dorf zurück und erhängte sich an derselben Buche.

Alfred Kubin – Die Judenbuche.

Was als kleines Gedicht begann und um eine Kriminalgeschichte ergänzt wurde, entwickelte sich zum bekanntesten und vollkommensten Werk der Autorin. Die Novelle erlangte schnell den Status eines Klassikers und wurde in den deutschen Kanon aufgenommen. Sie hat aber auch einen Platz in den Herzen vieler Jüdinnen und Juden gefunden, die sich, wenn auch nur am Rande, passiv und hauptsächlich als Opfer, auf äusserst interessante Weise darin wiedergefunden haben.

Annette von Droste-Hülshoff – Etz ha-Yehudim. Ins Hebräische übersetzt und gezeichnet von Lea Goldberg. Dvir Verlag. Tel Aviv, 1970.

In ihrer Novelle zeigt Annette von Droste-Hülshoff eindrucksvoll die frühen Wurzeln des modernen Antisemitismus auf. Sie beschreibt, wie sich das anfänglich noch nicht feindselige oder absichtlich hasserfüllte Vorurteil gegenüber dem jüdischen Volk im Kopf des Jungen Friedrich Mergel zu einer Saat entwickelt, die später zu einer schrecklichen Bluttat führt.

Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. „Fritzchen,“ sagte sie, „willst du jezt auch fromm seyn, daß ich Freude an dir habe, oder willst du unartig seyn und lügen, oder saufen und stehlen?“ – „Mutter, Hülsmeyer stiehlt.“ – „Hülsmeyer? Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? wer sagt dir so schlechtes Zeug?“ – „Er hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen.“ – „Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein ordentlicher angesessener Mann, und die Juden sind alle Schelme.“

Aus der ersten Veröffentlichung der Novelle.

Ein weiteres sehr interessantes Element der Novelle ist der kleine hebräische Absatz, der darin zu finden ist. Nach der Ermordung des Juden Aaron beschriften die örtlichen Juden die Buche, unter der er getötet wurde, mit hebräischen Worten. Die Autorin verwendet die Originalsprache und -schrift, ohne sie sofort zu übersetzen. Erst am Ende der Geschichte erfahren die deutschen Leser, was auf dem Baum stand.

Der letzte Satz der Novelle.

Wir kehren zur Frage des „jüdischen Buches” zurück. Zweifellos ist Die Judenbuche, obwohl sie von einer nichtjüdischen Autorin geschrieben wurde, für Juden ein interessantes Buch. Es hat einen sehr wichtigen Stellenwert in der jüdischen Geschichte und Kultur und enthält sogar jüdische Sprache. Allerdings scheint es doch etwas weit hergeholt, es als „jüdisches Buch” zu bezeichnen.

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Salman Schocken (1877-1959)

Eine Person, die eine andere Meinung vertrat, war der berühmte deutsch-jüdische Geschäftsmann und Verleger Salman Schocken. Als jüdische Verlage und Geschäfte 1936 bereits stark eingeschränkt waren, bestand er darauf, Die Judenbuche in seiner bekannten Schocken-Bücherei zu veröffentlichen. Er wollte dieses Werk in einer Reihe veröffentlichen, die laut einer Broschüre des Verlags aus den Bausteinen der jüdischen Literatur, Kultur und Geschichte zusammengesetzt sein sollte.

Schocken tat dies, obwohl ihm bewusst war, dass die Novelle in vielen anderen Publikationen, unter anderem im Insel Verlag, erhältlich war. Noch merkwürdiger ist es jedoch, dass er es tat, obwohl ihm bewusst war, dass die Veröffentlichung von „arischen” Autoren in jüdischen Verlagen vom Naziregime verboten war, wie sein damaliger Geschäftsführer Lambert Schneider ihm die Worte des deutschen Zensors berichtete:

Es sei eine typisch jüdische Frechheit, die Dichtung dieser großen arischen Menschen in einer jüdischen Bücherei herauszubringen, wurde uns bedeutet.

Schocken veröffentlichte das Buch trotz des Risikos, welches sich leider als real erwies. Anders als bei anderen „arischen“ Werken aus der Bücherei – wie beispielsweise Adalbert Stifters Abdias, bei dem mehr Nachsicht geübt wurde – gingen die deutschen Zensoren dieses Mal keine Kompromisse ein.

Es geht nicht an, dass das Buch dieser deutscher Dichterin in Ihrem Verlage erscheint, und ich ersuche Sie, es innerhalb von 3 Tagen aus dem Verkehr zu ziehen und jede weitere Verbreitung zu unterlassen.
Präsident RSK (Reichsschrifttumskammer) an Schocken Verlag, 16.4.1937.

Sehr wahrscheinlich lag dieses strenge Vorgehen an der „problematischen“ moralischen Natur des Buches, in dem eine Person, die einen Juden ermordet hat, am Ende mit dem Tod bestraft wird. Schätzungen zufolge wurden nach dieser Meldung etwa 3.000 Exemplare des Buches von der nationalsozialistischen Zensur vernichtet.

Annette von Droste-Hülshoff – Die Judenbuche. Nr. 68 der Schocken-Bücherei. Schocken Verlag. Berlin, 1936.

Die Schocken-Ausgabe von Die Judenbuche ist somit eines der seltensten Bücher der Schocken-Bücherei und das einzige, das sich eine Reihennummer mit einem anderen Buch teilt. Schocken wollte die Nummer 68, unter der Die Judenbuche veröffentlicht wurde, zunächst als leere Nummer angeben – möglicherweise, um den Lesern einen Hinweis darauf zu geben, dass es sich um ein verbotenes Buch handelte. Er entschied sich jedoch dagegen, da dies als Provokation aufgefasst werden könnte. Stattdessen beschloss er, diese Nummer einem anderen Buch der Reihe zu geben.

Die beiden Bücher mit der Nummer 68 aus der Schocken-Bücherei: Annette von Droste-Hülshoffs Die Judenbuche (links) und als Ersatznummer Fischel Schneersohns Die Geschichte von Chajim Grawitzer dem Gefallenen (rechts).

Diese kleine Begebenheit, die sich fast hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung von Annette von Droste-Hülshoffs Die Judenbuche ereignete, bestärkt uns darin, diese wunderbare Novelle – wenn schon nicht als „jüdisches Buch”, so doch zumindest mit einem Ehrenplatz in unserer jüdischen Bibliothek auszuzeichnen. Wie viele andere Bücher in unserer Bibliothek stand auch diese Novelle allein aufgrund ihrer Beschaffenheit vor der Vernichtung.

Oded Fluss. Zürich, 23.10.2025.

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