
Zwei Jahre vor der Gründung unserer Bibliothek, im Jahr 1937, gab es in Zürich bereits eine weitere jüdische Leihbibliothek. Die Buchhandlung Enge befand sich am Bleicherweg 56 und war somit weniger als 500 Meter von unserem heutigen Standort entfernt. Sie war die einzige jüdische Buchhandlung in der Gegend. Neben jüdischen und hebräischen Büchern bot sie ihren Kunden auch ein Sortiment an Bar-Mizwa- und Chanukka-Geschenken sowie einen „modernen Buchverleih” an.
Zu äußerst günstigen Konditionen können hier Bücher in deutscher, französischer, englischer und italienischer Sprache ausgeliehen werden. Besondere Abonnementsbedingungen gestatten auch dem eifrigsten Leser seine literarische Kost recht billig zu beziehen und gibt ihm außerdem die Gewähr vom Fachmann bedient zu werden.

Dieser „Fachmann“ war jedoch eine „Fachfrau“, genauer gesagt sogar zwei: die Schwestern Luise (Lili) und Selma Steinberg. Zusammen mit ihrer ältesten Schwester Sophie Menzel-Steinberg zählten diese drei Schwestern während des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts sowie auch danach zu den bedeutendsten Verlegerinnen der Schweiz. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts in Hamburg-Altona als Töchter jüdisch-rumänischer Eltern geboren, jeweils im Abstand von einem Jahr. Die gesamte Familie zog nach Zürich, wo sie 1914 die Schweizer Staatsbürgerschaft erhielten. Alle drei waren begeisterte Leserinnen und Buchliebhaberinnen.

Was als bescheidenes Unternehmen der beiden jungen Schwestern Selma (1901–1979) und Lili (1900–1979) begann – eine kleine Buchhandlung mit einer grossen Auswahl an lokaler und internationaler Literatur – entwickelte sich schliesslich zu einem der einflussreichsten Exilverlage Zürichs. Über die Entstehungsgeschichte des Steinberg Verlags erzählt der Schweizer Schriftsteller, Journalist und Mäzen Carl Seelig:
Das Kriegsjahr 1941 ging seinem Ende zu, als sich im zürcherischen Enge-Quartier die wuchtige Gestalt des […] Dramatikers und Übersetzers Werner Johannes Guggenheim in die kleine Buchhandlung der Schwestern Luise und Selma Steinberg schob. Zigarettenqualmend berichtete er, daß kürzlich ein Verlag seine deutschsprachige Fassung des Romans Samuel Belet von C. F. Ramuz abgelehnt und damit auf die Option von weiteren Werken des westschweizerischen Erzählers verzichtet habe. „Wie schade!“ bedauerten die literaturbegeisterten Schwestern wie im Chor, denn Ramuz eigenwillige Persönlichkeit und Begabung war ihnen wohlbekannt. „Bringen Sie meine Übersetzung doch selber heraus!“ schlug Guggenheim vor. – „Ja, womit denn? Zu einem Verlag braucht es doch Geld!“ – „Stimmt. Aber wozu gibt es Kredite? Sprechen Sie mit einem anständigen Drucker, ob er Ihnen keinen Kredit einräumt und den Roman sauber setzt!“ Gesagt, getan. Das Resultat der Unterredung war, daß das ergreifende Meisterwerk Samuel Belet, das mit dem Satz schließt: „So sind die Menschen: sie sollten sich selber prügeln und sie prügeln ihr Pferd“ als erstes Werk des Steinberg-Verlages am 1. April 1942 ausgeliefert werden konnte. Unerwarteterweise liefen so viele Bestellungen ein, daß am Ende des Jahres von den dreitausend Exemplaren fast die Hälfte verkauft war. Das machte dem Schwesternpaar Mut, das bescheidene Unternehmen auszubauen

Der Steinberg Verlag konzentrierte sich vorwiegend auf Übersetzungen aus dem Englischen und Russischen. Die Steinberg-Schwestern pflegten einen grossen internationalen Kreis von Autor:innen, die ihnen ihre Werke zur Übersetzung schickten, als dies in Deutschland aufgrund des Naziregimes unmöglich geworden war. Der Verlag diente auch als die Heimat für Exilautor:innen wie Klaus Mann, Max Brod, Margarete Susman, Jo Mihaly und Erich Fromm. Zudem waren im Verlag Exilanten wie der jüdische Autor Kurt Münzer angestellt.

Da die Schwestern sehr schüchtern waren, sind Aussagen von ihnen nur schwer zu finden. Einen seltenen Einblick in die Gedanken, Motive und die geistige Arbeit des Steinberg-Verlags bietet jedoch ein Interview, das Selma Steinberg dem „Schweizer Frauenblatt” am 30. April 1943 gab. Darin äussert sie ihre Gedanken über die Herausforderung, in Kriegszeiten einen Buchverlag in der Schweiz zu führen.
Soll man noch überhaupt erwähnen, wie in diesen unseligen Zeiten die Schweiz von der Welt abgesperrt ist?! Politisch, militärisch sind die Grenzen unüberschreitbar gesichert. Und wirtschaftlich ist der Ein- und Austausch nur erlaubt gemäß den Wünschen der anderen. Sollte man in solchen Zeiten, deren Wert und Fortschritt erst eine viel spätere Generation genießen wird, nicht besonders auf das Einzige bedacht sein, was aller Grenzen spottet?: auf den Geist?
Selma Steinberg äussert darin auch ihre Meinung zur Bedeutung von Übersetzungen zu dieser Zeit und dazu, wie man mit der sogenannten Konkurrenz zwischen einheimischen und ausländischen Autor:innen umgehen sollte.
AIs Buchverleger dem Lande, dem Geist und den Geistern der Heimat dienen: das ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Nutzen der Umstände, daß man sich auf sich selbst besinnt, daß man auf die Propheten des Landes hört, daß das Eigene hochkommt und mehr bedacht wird, daß die heimischen Schriftsteller bei der beschränkteren Konkurrenz der Fremden sich leichter durchsetzen. Aber was ich rechtfertigen möchte, ist die „Einfuhr“ — bleiben wir bei diesem wirtschaftlichen Terminus — ausländischer Literatur, ist die Übersetzung fremder Autoren. Die fast einzige Möglichkeit, weltoffen zu sein, besteht gerade darin! Denn Weltoffenheit bedeutet ja nicht nur, in die Welt hinauszugehen, sondern noch mehr: selbst sich der Welt zu öffnen, die Welt zu sich zu holen, das Fremde nicht nur gnädig zu „tolerieren“, sondern sich geistig mit ihm auseinanzusetzen, Verbindung einzugehen — wenn die Geistesblutgruppe es erlaubt — sich von ihm befruchten zu lassen und im Austausch reicher zu werden.
Schliesslich erhalten wir auch einen Einblick in das, was Selma als den weiblichen Aspekt ihrer Arbeit betrachtete. Sie ist der Ansicht, dass sie als Frau gegenüber Männern einen Vorteil habe, wenn es um das Verlegen von Büchern geht. Obwohl ihre Worte ein wenig anachronistisch anmuten, kann man nicht umhin, sie als liebenswert zu empfinden.
Und nun zum Schluß noch ein kleines Frauengeständnis: es handelt sich ums „Glück“! So verdächtig es auch oft den Männern ist, die von ihrem Werk statt vom Glücke reden, ich meine es doch ganz ernsthaft.
Ja, dieses geschmähte Glück ist es doch letzten Endes, was eine Frau sich wünscht, und ich wollte Ihnen bekennen, wie sehr glücklich ich bin …. Denn wenn es mir nicht selbst gegeben ist, mit dem Wort, mit Dichtung oder Wissenschaft zu wirken, so kann ich doch dem Worte dienen. Vielleicht kommt dieser Beruf — der des Dienens — wirklich einer Frau besonders entgegen. Aber für das eintreten können, was andere leisten, seinem Denken und Fühlen, seinem leidenschaftlichen Wunsch: der Menschheit zu helfen. Gestalt geben zu können, indem man Gestaltetes sichtbar macht: seinem lebenslangen Verlangen, bessernd zu wirken, dieser mitmenschlichen Gesinnung sich zu weihen, indem man das in der Klause entstandene Werk in die lebendige Welt stellt: das ist eine Beglückung, die niemals sich abschwächt, nie sich aufbraucht. Was ich mit ganzer Seele immer erstrebte, das Gute zu wirken, das Gerechte zu fördern, und was ich selbst zu gestalten doch nicht vermochte: das darf ich jetzt im Dienste anderer tun. Ich kann Bücher lebendig machen, ich kann Ideale unter die Menschen bringen, ich kann den einen trösten, den andern sich entspannen, einen dritten sich über sich selbst erheben lassen: das gibt eine Genugtuung, die jenen Lohn in sich enthält, der beinahe schon nicht mehr von dieser Erde ist.


Die Schwestern Selma und Lili Steinberg heirateten nie und lebten bis zu ihrem Tod im Abstand von zwei Monaten im Jahr 1979 zusammen in der Schwendenhausstrasse 19 in Zollikon. Viele der Bücher in unserer Bibliothek wurden uns von den beiden Schwestern geschenkt und tragen einen Geschenkstempel des Steinberg Verlags.

Im Gegensatz zu ihren jüngeren Schwestern heiratete die älteste Schwester Sophie bereits in jungen Jahren. Ihr Ehemann Simon Menzel (1899–1981) spielte eine sehr wichtige Rolle in ihrer Karriere als Verlegerin. Sophie Menzel-Steinberg (1899–1957) lernte ihren aus der Bukowina stammenden Mann kennen, als sie beide in Zürich Medizin studierten. Die beiden heirateten 1924 und gründeten später in Zürich nicht weniger als drei Verlage: 1935 den wichtigen Exilverlag Humanitas sowie den kurzlebigen Verlag Die Liga, der hauptsächlich Bücher zu jüdischen Themen publizierte. 1947 folgte der Diana-Verlag.

In dem 1961 vom Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verein Zürich herausgegebenen Buch Der Schweizer Verlag schrieb Simon Menzel über die Namensgebung des Humanitas-Verlags und die entscheidende Rolle, die seine Frau dabei spielte.
Zur Gründung unseres Verlages im Jahre 1935 entschlossen wir uns, nachdem besonders meine Frau seit ihrer Jugend sehr großes Interesse für Bücher gezeigt hatte. Zu dem Namen unseres Verlages ‚Humanitas‘ kamen wir, weil damals Hitler alles Humane mit Füßen getreten hatte; der Name sollte gewissermaßen als Symbol dienen. Wir machten uns zum Prinzip, nur wertvolle Bücher herauszubringen
Und tatsächlich hat der Humanitas-Verlag während seiner Existenz viele wertvolle Bücher herausgebracht. Zu den jüdischen Autoren, die in Deutschland nicht mehr publizieren konnten und bei diesem Verlag erschienen sind, zählen beispielsweise Robert Neumann, Friedrich Torberg, Ernst Weiss, Romain Rolland, Kurt Münzer und Alfred Polgar.

Sophie Menzel-Steinberg starb im Alter von nur 58 Jahren. Obwohl sie sehr bescheiden war, war sie die treibende Kraft, die Seele und der Motor hinter dem Humanitas-Verlag. An ihrem Grab auf dem Friedhof Oberer Friesenberg hielt der angesehene Rabbiner Dr. Zwi Taubes eine Rede über sie, die später im Israelitischen Wochenblatt veröffentlicht wurde. Den vollständigen Text geben wir hier wieder:

Oded Fluss. Zürich, 3.11.2026.







































































