Im Laufe der Geschichte gab es mehrere prominente nichtjüdische Persönlichkeiten, die das „Glück“ – oder eher das „Unglück“ – hatten, als Juden angesehen zu werden. Dabei geht es nicht um den Titel des „Ehrenjuden“, den Chaim Nachman Bialik beispielsweise Rembrandt verlieh, oder um Menschen, die sich aus dem einen oder anderen Grund selbst als Juden bezeichneten. In diesem Beitrag möchten wir vielmehr jene Fälle erörtern, in denen Nichtjuden fälschlicherweise des Jüdischseins bezichtigt wurden – sei es aus Ignoranz, aufgrund antisemitischer Propaganda oder einer Kombination aus beidem. Denn Hass brennt umso heisser, wenn er mit antisemitischer Feuerzeugflüssigkeit übergossen wird.

Kommunismus, Marxismus und Bolschewismus wurden von Antisemiten stets den Juden zugeschrieben. Ob es nun daran lag, dass Marx selbst eine jüdische Mutter hatte, oder an den vielen jüdischen sozialistischen Führerfiguren – Gewalt gegen Juden wurde stets mit deren kommunistischer Gesinnung begründet. Dies geschah jedoch auch umgekehrt. So galten viele namhafte Sozialisten allein aufgrund ihrer Ideologie als Juden.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch Karl Liebknecht, einer der prominentesten und beliebtesten sozialistischen Führer, der Judenheit bezichtigt wurde. Die Tatsache, dass er Genosse zweier weiterer sehr prominenter – jüdischer, sozialistischer Führer war – Karl Radek und Rosa Luxemburg, (mit der er schliesslich ebenfalls ermordet wurde) – verstärkte diese Anschuldigung nur noch. Oben ist ein Artikel aus den Mühlviertler Nachrichten vom 11. Januar 1919 zu sehen. In dem Artikel wird Liebknecht als „der Jude Liebknecht“ bezeichnet. Nur fünf Tage später wurden Luxemburg und Liebknecht ermordet.

Als ob das nicht genug wäre, lesen wir nicht einmal einen Monat nach dieser grausamen Tat bereits in der Deutschen Arbeiter-Presse von acht Millionen Mark, die „der Jude Liebknecht” angeblich gemeinsam mit seiner Frau während seiner Zeit als sozialdemokratischer Arbeitsführer gestohlen haben soll.

Zudem hatte Liebknecht die zweifelhafte Ehre, in der berüchtigten Nazi-Propagandaschrift Juden sehen dich an zu erscheinen. Diese wurde 1933 vom nationalsozialistischen und antisemitischen Publizisten Johann von Leers verfasst. Das Buch enthält sowohl Bilder als auch diffamierende Informationen über prominente Juden, die nach ihrem Beruf oder ihren Taten in Kategorien unterteilt sind. Liebknecht wird darin der Kategorie der „Blutjuden” zugeordnet. Er ist einer der wenigen Nichtjuden, die in diesem Hetzwerk fälschlicherweise als Juden erwähnt wurden. Zu den anderen, die unter der Kategorie „Kunstjuden” aufgeführt sind, zählen der berühmte Theaterintendant und Regisseur Erwin Piscator sowie der wohl bekannteste von allen: Charlie Chaplin.

Chaplin war nicht nur der berühmteste und beliebteste Schauspieler seiner Zeit, sondern auch ein scharfer Kritiker des Nazi-Regimes. In seinem Privatleben und in seinen Filmrollen hielt er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, insbesondere in Filmen wie Shoulder Arms oder The Great Dictator. Im Juden sehen dich an wurde er als „Zappeljude” bezeichnet. In unzähligen anderen Zeitungen wurde er als „Filmjude”, „Ghetto-Jude” oder sogar als „jüdischer Filmclown” beschimpft.

Ebenfalls interessant ist ein Artikel aus dem Jahr 1942 im nationalsozialistischen Blatt Österreichischer Beobachter. Darin wird die Schweizer Basler National-Zeitung als jüdisches Sprachrohr bezeichnet, da sie ein Festprogramm zu Ehren des „Ghetto-Juden” Chaplin veröffentlicht hatte. Der Redaktor der Basler National-Zeitung soll demnach Kohn heissen. Es sei daher kein Zufall, dass die Zeitung dieses Programm über „den Juden Chaplin” veröffentlicht habe.

In der Kunst vertraten die Nazis die feste Überzeugung, dass nur „echte arische Kunst“ gute Kunst sei. Kunst, die nicht ihrem Geschmack entsprach, bezeichneten sie als „jüdisch“ und als „entartete Kunst“. In die Kategorie der „entarteten Kunst” wurden nicht nur jüdische Künstler eingeordnet, sondern alle Künstler, deren Werke der Nazi-Ideologie nicht entsprachen oder diese kritisierten. Ein bekanntes Beispiel für einen Künstler, der nicht jüdisch war, aber von den Nazis zu einem solchen gemacht wurde, ist der berühmte Schweizer Paul Klee.

Bereits 1919, als man versuchte, Klee für die Stuttgarter Kunstakademie zu gewinnen, hatte sich die damals sehr konservative Akademieleitung in der Presse gegen ihn und seine Kunst ausgesprochen. Unter den Initialen H. M. verfasste der Kunsthistoriker Hermann Missenharter einen scharfen Artikel, in dem er die Wahl Klees kritisierte. Dabei diffamierte Missenharter Klee auch persönlich und gab ihm den Spottnamen „Paul Zion Klee“, der ihn viele Jahre lang begleiten sollte. Dies führte schliesslich dazu, dass Klee die Stelle nicht bekam

Zwei Tage nach der Machtergreifung Hitlers, am 1. Februar 1933, erschien in der Zeitung Die Rote Erde ein ganzseitiger Artikel mit dem Titel Kunst-Sumpf in Westdeutschland. Darin bezeichnete der Autor die Kunstakademie Düsseldorf, an der Paul Klee damals als Professor tätig war, als „Hochburg jüdischer Künstler”. Er warf der Einrichtung vor, eine Kampagne zu führen, die darauf abziele, die deutsche Kunst durch jüdische Einflüsse zu untergraben. Paul Klee wurde persönlich angegriffen, diffamiert und als „typischer galizischer Jude” dargestellt:
Dann hält der große Klee seinen Einzug, berühmt schon als Lehrer des Bauhauses Dessau. Er erzählt jedem, er habe arabisches Vollblut in sich, ist aber typischer galizischer Jude. Er malt immer toller, er blufft und verblüfft, seine Schüler reißen Augen und Maul auf, eine neue, noch unerhörte Kunst zieht in das Rheinland ein.
Klee war einer der prominentesten Künstler, die in der berüchtigten Ausstellung Entartete Kunst vertreten waren. In dieser wurden sowohl jüdische als auch nichtjüdische Künstler präsentiert, um auf provokante und angeblich lehrreiche Weise zu demonstrieren, was im „deutschen neuen Reich unter gar keinen Umständen mehr als Kunst angesprochen werden darf und geduldet wird“. Die Ausstellung wurde von Joseph Goebbels initiiert und von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, geleitet.

In den Begleitheften zur Ausstellung wurde Klees Kunst als „infantil” oder „psychisch krank” diffamiert. Ein Beispiel hierfür findet sich in dem 1938 erschienenen Buch Deutsche Kunst und Entartete Kunst von Adolf Dressler. Dort wird Klees Bild „Wohin” als Beispiel dafür beschrieben, wie das „jüdische Wüstenvolk” die deutsche Landschaft auf perverse Weise darstellt.

Zu den „jüdischen Eigenschaften“, die von Nazis und Antisemiten zugeschrieben wurden, gehörte auch das Bild des schwachen, ängstlichen und pazifistischen Juden, der den deutschen Kampfgeist angeblich schmälern wollte. Insbesondere in Kriegszeiten wurde den Juden vorgeworfen, durch ihre vermeintliche konspirative Kontrolle über die Presse, insbesondere die Feuilletons, Schwäche im „arischen“ Geist zu säen. Siegfried Jacobsohn, Gustav Landauer, Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Walter Mehring und Alfred Kerr sind nur einige der Juden, denen dies ständig vorgeworfen wurde. Eine weitere Person, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wurde, obwohl er kein Jude war, war Erich Kästner.

Als besonders anstössig wurde sein am 2. Juli 1929 in Die Weltbühne veröffentlichtes Gedicht „Die andere Möglichkeit” empfunden. Das bissige Antikriegsgedicht erregte den Zorn vieler Menschen und löste zahlreiche Beschwerden in verschiedenen Publikationen aus. In diesen wurde Kästner fast immer als Jude bezeichnet. Ein Beispiel hierfür ist ein Artikel aus der antisemitischen Zeitschrift Der eiserne Besen vom 6. September 1929 mit der Überschrift „Eine jüdische Schweinerei”.

Diese Vorwürfe wurden ständig wiederholt. Anfang 1942 wurde in einem Artikel mit dem Titel „Das jüdische Kriegsziel“, erschienen in der Kärntner Volkszeitung, erneut „der Jude Kästner“ als Verfechter und Anhänger eines selbstmörderischen Defätismus während des Weltkriegs bezeichnet. Zudem wurde sein Gedicht „1899” manipulativ interpretiert.

Auch ohne Jude zu sein, war Kästner aufgrund seiner antifaschistischen und kriegsfeindlichen Ansichten ständig in Gefahr. Manchmal tauchte er unter und verschwand, sodass viele glaubten, er sei tot. Ein solcher Fall ereignete sich im Jahr 1942, als die in New York gedruckte deutsch-englische jüdische Zeitschrift Aufbau einen Artikel veröffentlichte, der fälschlicherweise von seinem tragischen und vorzeitigen Tod berichtete. In diesem Artikel wird eine interessante und aufmunternde Anekdote erzählt, deren Echtheit jedoch nicht bestätigt werden kann. Dem Text zufolge wurde Kästner einmal, als er vor einem „Rassenrat“ befragt wurde, gefragt, ob er Jude sei. Er soll geantwortet haben: „Ich bin kein Jude, aber ich bestehe auf der Ehre, als einer angesehen zu werden.“

Oded Fluss. Zürich, 22.4.2026.













































































