Ein Schuss ins Leere

Vor 90 Jahren hallte ein Schuss durch die Schweiz. Für den jüdischen Schützen war es der letzte verzweifelte Versuch, die Welt aufzurütteln und die Aufmerksamkeit auf die schreckliche Lage der Juden im Dritten Reich zu lenken. Viele könnten zunächst an David Frankfurter denken, der am 4. Februar 1936 den Gauleiter Wilhelm Gustloff in Davos erschoss. Doch diese Tat fand nicht in Davos, sondern vier Monate später in Genf statt. Da Schütze und Opfer dieselbe Person waren, handelte es sich jedoch nicht um ein Attentat. Am 2. Juli 1936 nahm sich der jüdische Filmregisseur, Fotojournalist und Schriftsteller Stefan Lux vor der Generalversammlung des Völkerbundes in Genf das Leben.

Stefan Lux

Der unbekannte Stefan Lux, 1888 in Wien geboren, war alles andere als ein Unbekannter, wenn es um Selbstaufopferung ging. Die wenigen Details aus seinem Leben zeigen, wie bewusst er seine letzte Tat angegangen ist. Freunde beschrieben ihn als Idealisten und Verfechter der Gerechtigkeit, der sich oft für die Belange von Menschen einsetzte, denen Unrecht widerfahren war. Bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, begann er als Frontsoldat an den Film „Gerechtigkeit” zu arbeiten. Obwohl er selbst im Krieg schwer verwundet worden war, setzte er sich mit diesem Werk für die „Unglücklichen dieser Welt” ein. Es sollte einer der ersten Spielfilme werden, die sich explizit mit Antisemitismus auseinandersetzen. Bekannte jüdische Schauspieler wie Fritz Kortner und Rudolf Schildkraut wirkten mit und der Berliner Tietz-Konzern finanzierte das Projekt. Der Film wurde 1920 fertiggestellt, aber nie aufgeführt. Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch distanzierten sich die Geldgeber und zogen ihre Unterstützung zurück. Offensichtlich war die Welt noch nicht bereit für Gerechtigkeit.

Plakat zur Ankündigung des Films Gerechtigkeit in Maximilian Hardens Die Zukunft. 13. März, 1920. Der Film kam nie in die Kinos.

Lux zog daraus seine Konsequenz: Wer wirklich gehört werden will, darf nicht von anderen abhängig sein. Voller Erwartungen und Hoffnungen zog er nach Berlin. Doch bald sollte er erfahren, was es bedeutete, als „freier Schriftsteller“ abgelehnt zu werden und zu hungern – nun mit einer Frau und einem kleinen Kind. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh er 1933 nach Prag. Dort schrieb er für die Prager Selbstwehr und gründete die „Jüdischen Kammerspiele“, eine Bühne, um aus Deutschland geflüchteten jüdischen Bühnenkräften Arbeit zu verschaffen.

Stefan Lux über die von ihm gegründeten „Jüdischen Kammerspiele” in Selbstwehr. Prag, 1. März 1935.

Allmählich spürte Lux jedoch, dass die konventionellen Mittel von Bühne und Zeitschrift nicht ausreichten, um die drohende Katastrophe aufzuhalten, die nicht nur den Juden, sondern ganz Europa drohte. Um die Welt zu warnen, müsse man so sprechen, dass die Welt es höre, und dafür schien ihm der Völkerbund die geeignetste Tribüne zu sein. So fuhr er nach Genf, erhielt mit einem Empfehlungsschreiben einer Prager Zeitung Zugang zum Sitzungssaal und hörte den Debatten zu. Schnell wurde ihm jedoch klar, dass seine Worte diese zynischen „Politiker der weißen Handschuhe” nicht erreichen würden. Es gab nur noch eine Möglichkeit, sie aufzurütteln: sich selbst zu opfern.

Geneva, Bâtiment électoral – der Ort, an dem 1936 die Generalversammlung des Völkerbundes stattfand.

In seinen letzten beiden Tagen sass Lux ununterbrochen am Schreibtisch in seinem Hotelzimmer und schrieb in fieberhafter Eile Briefe: an den französischen Präsidenten Lebrun, den Premierminister Laval, die Zeitungen Times und Manchester Guardian, den Generalsekretär des Völkerbunds, M. Avenol, den König von England und den britischen Aussenminister Anthony Eden. Letzterem schrieb er:

Sir Eden! Wenn ein Mensch unmittelbar vor seinem bewusst und über­legt gewählten freiwilligen Tod das Wort ergreift, so hat er einen Anspruch darauf, gehört zu werden […] Ich flüstere nicht, Sir Eden – ich schreie es heraus: Sie haben es auf deutscher Seite mit Verbrechern zu tun. Die deutschen Partner, mit denen Sie verhandeln und diskutieren und Noten wechseln, sind Verbrecher. […] ich bitte Sie mit meiner letzten Kraft:  schauen Sie den Tatsachen ins Gesicht, werfen Sie die tödliche Apathie von sich. […]  Der beste Teil der alten Welt wird an Ihrer Seite stehen. Mit einer solchen Front können Sie heute noch die Verbrecher bezwingen, denn sie sind ja, wie alle Verbrecher, feige und weichen sofort zurück, wenn sie entschliessender Energie und festen Willen begegnen […] Ich will inbrünstig daran glauben, dass das Wunder geschieht und dass der Tod eines kaum bekannten, kleinen Schriftstellers, eines „unbekannten Soldaten des Lebens“ etwas, Klarheit und Wahrheit verbreitet.

An seine Frau Dora schrieb er:

Nicht weich werden! Nicht klein! Ich muss mich zusammennehmen. Du – Ich gehe jetzt. Vielleicht, vielleicht hat es seine Wirkung getan. Wenn das Land dann wieder rein wird, wenn diese Pest vergeht – Du, dann hat es doch gelohnt, und dann werden alle frei, und man wird wieder atmen und leben können. Lohnt diese Aussicht und diese Möglichkeit nicht?

Der Transport des schwer verletzten Stefan Lux. – La tribune de Genève, 4. Juli 1936,

Und tatsächlich ging er. Er schoss sich vor den versammelten Politikern in die Brust. Zwar waren diese zunächst sehr schockiert, setzten ihre Sitzung aber fort, sobald Lux hinausgebracht worden war und sie merkten, dass es sich nicht um ein Attentat handelte. Auch die Briefe blieben ohne Wirkung. Die meisten wurden nie gelesen und die wenigen, die Aufmerksamkeit erhielten, wurden etwa zwei Monate lang in den Zeitungen thematisiert, bevor sie in Vergessenheit gerieten. Einige enge Freunde verfassten zwar herzerwärmende Nachrufe, doch die meisten hielten den Selbstmord für die Tat eines Verrückten.

Streicher, J. Der Stürmer : Sonderblatt zum Kampf um die Wahrheit. Nürnberg. August 1936. Archiv für Zeitgeschichte: PR 111

Die Nazi-Zeitungen hatten ihren Spass daran und verspotteten Lux wegen seines „erbärmlichen Versuchs“. In einem Artikel mit dem Titel „Enttäuschte Hoffnung“ schrieb Julius Streicher in Der Stürmer, wie kontraproduktiv die Tat von Lux gewesen sei:

Ein unbekannter „Dichter” schloss sich mit einem kleinen, spöttischen Gedicht an:

Im Völkerbund ist koscheres Blut ge­flossen,
Ein Jud’ hat Gesten halber sich erschossen.
Er tat der Welt nach außen kund:
Erschossen ist der Völkerbund.

Einige Monate später folgte eine kleine, vielleicht unbedeutende, aber dennoch befriedigende Rache bei der Generalversammlung des Völkerbundes. Nun waren auch NS-Journalisten eingeladen, und einer von ihnen erhielt denselben Platz, den zuvor Stefan Lux eingenommen hatte. Auf seinem Platz fand er einen kleinen Zettel mit der Aufschrift:

Parteigenosse! Hier hat sich der feige, minderwertige Jude Lux erschossen, um gegen das Hakenkreuzlertum zu protestieren. Die Hakenkreuzlerpartei erwartet nun von dir, dass du dich auf demselben Platz erschießt, zum Protest gegen die Juden.“

Stefan Lux war ein Prophet, dessen Botschaft niemand hörte. Er hat sich vergeblich geopfert, denn es sollten viele weitere folgen. Der selbsternannte „unbekannte Soldat des Lebens“ ist bis heute unbekannt geblieben. Auf seinem Grabstein auf dem Cimetière israélite de Veyrier in Genf steht schlicht: „Martyr d’Israël”.

Oded Fluss. Zürich, 30.6.2026.

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Zeit für Klage und Zeit für Tanz

Als Bibliothekar:innen raten wir unseren Lesern grundsätzlich davon ab, in Bücher zu schreiben. Die Handschriften, die wir gelegentlich in alten Büchern finden, können jedoch als historische Dokumente dienen. Aufgrund traditioneller Gewohnheiten – besonders bei aschkenasischen Juden – oder des Papiermangels in früheren Zeiten nutzten die Vorbesitzer und manchmal auch die Leser der Breslauer Bibliothek viele der Bücher aus der Breslauer Sammlung als Schreibfläche. Wenn es sich nicht um Kritzeleien handelt, sind die meisten Handschriften kleine Notizen und Erklärungen zum Inhalt der jeweiligen Bücher. In seltenen Fällen wurde die Oberfläche – in der Regel auf der Vorder- oder Rückseite – wie ein Notizblock oder Tagebuch genutzt. So werden historische Ereignisse und Fakten enthüllt, die sonst völlig in Vergessenheit geraten wären.

Jehuda Leib ben Zeev – Ozer ha-Schorashim. Anton Schmidt Druckerei. Wien, 1816. BH 43

Ein handschriftliches Dokument, das auf der Vorderseite eines Buches aus der Breslauer Sammlung entdeckt wurde, gibt uns einen direkten Einblick in die Geschichte einer jüdischen Familie des 19. Jahrhunderts. Es ist in zwei Teile unterteilt: „עת ספוד” („Eine Zeit für die Klage”) und „עת רקוד” („Eine Zeit für den Tanz”), was einem Zitat aus dem dritten Kapitel des Buches Kohelet entspricht. Unter jedem Titel befindet sich eine Liste der freudigen Ereignisse und Trauerfälle der gesamten Familie.

„Zeit für die Klage / Zeit für den Tanz“ Kohelet 3,4

Die Listen wurden aus der Ich-Perspektive verfasst, was einige der enthaltenen Notizen, insbesondere auf der Seite der Trauerfälle, sehr ergreifend macht. Ein Beispiel ist der Tod der geliebten Mutter, der den Titel „Meine liebe Mutter” trägt und dem ein Zitat aus der Mischna angefügt ist: „חיב אדם לברך על הרעה כשם שהוא מברך על הטובה” („Jeder ist verpflichtet, Gott für das Böse zu danken, genauso wie man Gott für das Gute dankt”).

„Zeit für die Klage“

Besonders tragisch ist der Tod der erst siebenjährigen Tochter Bertha an einem Schabbat, dem siebten Tag der Woche. Er wird mit dem treffenden Zitat aus dem Buch Genesis „ויכל אלהים ביום השביעי מלאכתו אשר עשה” („Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte”) begleitet.

„Zeit für den Tanz“

Auf der Seite der freudigen Ereignisse sind die Geburtstage einiger Kinder und vieler Enkelkinder verzeichnet, jeweils mit Datum im jüdischen und im gregorianischen Kalender. Dies zeigt, wie gross und fruchtbar diese Familie war. Am Ende der Liste befindet sich eine Notiz in einer anderen Handschrift. Sie verrät uns die Identität der Person, die beide Listen geschrieben hat. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Verwandter die Liste gefunden und als letzte Anmerkung das Todesdatum unseres Verfassers hinzugefügt hat: der Arzt Max Kirski (Kierski), der am 6. April 1882 während des Pessachfestes starb und in Belgard begraben wurde.

Datum und Ort des Todes und der Beerdigung von Max Kirski (Kierski) in hebräischer und deutscher Sprache.

Dr. Max Kierski gehörte zu den ersten jüdischen Ärzten, denen es gelang, die unsichtbare Barriere zu durchbrechen und sich als herausragende Persönlichkeit in der europäischen Medizin zu etablieren. Im Jahr 1861 wurde er zum Kreiswundarzt des Kreises Belgard ernannt.
In der Ausgabe der Deutschen Medizinischen Wochenschrift vom 15. April 1882 wird sogar über seinen Tod berichtet, was bestätigt, dass es sich um dieselbe Person handelt.

Deutschen Medizinischen Wochenschrift. 15.4.1882.

Oded Fluss. Zürich. 24.6.2026.

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Einstein im Buch

Ob zum Geburtstag, zur Einweihungsfeier oder zur Pensionierung – ein Buch ist immer ein gutes Geschenk. Und auch wenn es heute nicht mehr üblich ist, wurden Bücher früher auch häufig als Hochzeitsgeschenk überreicht. In den alten Büchern unserer Bibliothek finden sich oft Widmungen, die darauf hindeuten, dass sie zur Hochzeit geschenkt wurden. Meist stammten diese von den Eltern des Brautpaares, aber auch andere Familienmitglieder oder Freunde schenkten Bücher. Es war auch üblich, dass der Rabbiner, der die Hochzeit geleitet hatte, das Geschenk machte.

Israelitisches Andachtsbuch. Herausgegeben von Dr. S. Baer. Rödelheim, 1900. H 551.

In der Regel beziehen sich die Bücher auf den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, wie etwa das Eheleben oder die Elternschaft. Aus diesem Grund sind sie besonders gut als Hochzeitsgeschenk geeignet. Daher war es überraschend, in unserem Bibliotheksbestand das Buch תוצאות החיים – Israelitisches Andachtsbuch mit einer Hochzeitswidmung zu finden. Im Untertitel wird es nicht als besonders hochzeitgeeignet beschrieben, denn es ist ein „Erbauungsbuch für die trauernde Familie“ und eine Sammlung:

aller bei Kranken, Sterbenden, im Krankenhause und beim Besuche der Gräber von Angehörigen zu verrichtenden Gebete, sowie aller auf die Totenbestattung und die Trauerpflicht sich beziehenden Regeln und Gebräuche

Auf der ersten Seite des Buches finden wir die Widmung an Herrn und Frau Robert Einstein zu ihrer Hochzeit. Als Schenkender ist darunter der Name von Rabbiner Jonas (Jomtov) Laupheimer (1846-1914) vermerkt, zusammen mit dem Datum und dem Ort ihrer Hochzeit am 18. Juli 1905 in Buchau. Laupheimer hatte am Breslauer Rabbinerseminar studiert und war von 1887 bis zu seinem Tod als Rabbiner in Buttenhausen und Bad Buchau tätig.

Herrn u. Frau Robert Einstein zum Hochzeitsangebinde von Rabbiner Laupheimer. Buchau 18. Juli 1905.

Wir hätten es dabei belassen können, doch bestimmte Aspekte geben Anlass zu weiteren Nachforschungen. Zunächst stellt sich – und das gilt nicht nur für dieses Buch – die Frage, wie es in unsere Bibliothek gelangt ist. Ein weiterer Punkt ist natürlich der Nachname des Ehepaares und der Ort ihrer Hochzeit. Wenn man den Namen Einstein hört, denkt man sofort an den grossen Geist und Nobelpreisträger Albert Einstein. Er wurde zwar in Ulm geboren, doch sein Vater Hermann stammte aus einer alteingesessenen Familie in Buchau, dem Ort, an dem die Hochzeit stattfand. Könnte es sein, dass wir es hier mit einem unbekannten Verwandten Albert Einstein zu tun haben?

Hermann Einstein (1847 – 1902)

Wir haben uns bereits Gedanken über die ungewöhnliche Wahl dieses Buches als Hochzeitsgeschenk gemacht. Gerade diese Ungewöhnlichkeit kann uns jedoch bei unserer Mission helfen. Auf der zweiten Seite des Buches finden wir ein „Erinnerungsblatt“, eine Art Formular, in das der Besitzer die Namen seiner verstorbenen Verwandten eintragen soll. Dank des von Robert Einstein ausgefüllten Blattes erfahren wir etwas über seine engsten Familienangehörigen. Seine Mutter Helene Einstein-Löwenthal starb am 19. Februar 1895, sein Vater Hermann Jacob Einstein am 19. März 1898, seine Schwester Louise am 7. Dezember 1905 und sein Bruder Adolf am 2. August 1915.

Da „Einstein“ in Buchau ein sehr verbreiteter Name war, hilft uns diese Information dabei, das Ehepaar genau zu bestimmen. Robert (Ruppert) Einstein wurde 1868 in Buchau geboren. Seine Frau Rachel (Recha) Einstein, geborene Weil, kam 1876 in Randegg zur Welt. Das Ehepaar lebte bis 1913 in Buchau, zog dann nach Zürich und hatte einen Sohn namens Hermann, der nach Amerika auswanderte. Das Ehepaar lebte bis zu seinem Tod in Zürich. Dies könnte erklären, wie das Buch in unsere Bibliothek gelangte.

Aus Aron Tänzers „Prof. Albert Einsteins Württemb.Stammbaum“. Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 1.6.1930.

Robert Einstein war zwar kein naher, aber immerhin ein entfernter Verwandter von Albert Einstein. Mithilfe des von Rabbiner Aron Tänzer im Jahr 1930 erstellten Einstein-Stammbaums konnten wir gemeinsame Ururgrosseltern von Robert und Albert ausfindig machen. Dabei handelte es sich um Naphtali Hirsch Einstein (1733–1799), der auch unter dem Namen Naphtali ben David bekannt war und um Helene Handel Einstein. Mit anderen Worten waren Albert Einsteins Grossvater Ruppert Einstein (1759–1834) und Robert Einsteins Grossvater Joseph Einstein (1754–1834) Brüder.

Die Tat. 16. Februar 1953

Robert Einstein aus unserem Buch starb 1953 und wurde auf dem Unteren Friesenberg in Zürich begraben. Aus einer Kleinanzeige in der Zeitung Die Tat vom 16. Februar 1953 geht hervor, dass er als „Staatenloser” verstorben ist. Seine Frau Rachel überlebte ihn und starb 1964 im Alter von 90 Jahren. Sie wurde auf dem Oberen Friesenberg in Zürich beerdigt.

Oded Fluss. Zürich, 9.6.2026.

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Drei Gräber, drei Frauen

Am 31. Mai 1866, vor 160 Jahren, ereignete sich in Zürich etwas Aussergewöhnliches. Viele hundert Menschen – die meisten von ihnen Christen, aber auch Juden – folgten einem Leichenzug, der sich in anderthalb Stunden vom Stadtzentrum zu einem jüdischen Friedhof bewegte. Mit diesem für die Stadt bisher beispiellosen Ereignis wurde zugleich eine neue jüdische Grabstätte eingeweiht, auf der bereits eine grosse Menschenmenge zum Empfang wartete.

Meyer Kayserling (1829–1905)

An der Spitze dieser Gruppe ging der berühmte Rabbiner der beiden jüdischen Gemeinden in Endingen und Lengnau, Dr. Meyer (Moritz) Kayserling (1829–1905). Er war ein entschlossener Kämpfer für die Gleichberechtigung der Juden und hatte vier Jahre zuvor den Kulturverein der Israeliten in der Schweiz gegründet. Zudem war Kayserling ein renommierter Historiker, der zahlreiche Bücher zu jüdischen Themen verfasste. Am bekanntesten sind seine Abhandlungen über die spanischen und portugiesischen Juden, sein bahnbrechendes Werk über jüdische Frauen in Geschichte, Literatur und Kunst, seine berühmte Biografie über Moses Mendelssohn sowie seine aufschlussreichen Zeitungsartikel über Juden in der Schweiz.

Ansicht des 1866 neuerrichteten jüdischen Friedhofs Friesenberg im heutigen Zürich-Wiedikon gegen Osten. Mai 1867. ZB Graphische Sammlung (GSM) ; Zürich 3.1, Friesenbergstrasse I, 1

Nach dem Rezitieren von Psalm 91 in hebräischer und deutscher Sprache hielt Rabbiner Kayserling die Einweihungsrede. Darin behandelte er zunächst die Bedeutung der Feier selbst sowie die eines Begräbnisplatzes als Bet ha-Chaim (Haus des Lebens). Anschliessend hielt er die Leichenrede, auf die das Hatzur-Tamim-Gebet in hebräischer und deutscher Sprache folgte. Es heisst, die treffliche Rede sowie der gesamte etwa dreiviertelstündige Auftritt hätten bei den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern einen erschütternden Eindruck hinterlassen.

Trotzdem wir uns an einer ernsten traurigen Stätte bestanden, dennoch freudige Gefühle in uns aufsteigen müssen, wenn wir erwägen, dass an einer Stelle, wo vor circa 400 Jahren die schrecklichste Verfolgungssucht gegen uns herrschte, jetzt die Vorurtheile zu schwinden beginnen und ein Geist der Liebe und der Duldung einziehe!

Einige Tage später berichtete die Neue Zürcher Zeitung über dieses einzigartige Ereignis. Der Artikel hob die edle, würdevolle und bescheidene Zeremonie hervor und betonte ihre Bedeutung für die Toleranz gegenüber dem Judentum in der Stadt. Die jüdischen Einwohner, die gerade die Gleichberechtigung erhalten hatten, werden nun auch in Zürich eine letzte Ruhestätte haben.

Donnerstag, den 31. Mai, hat bei Anlaß der Beerdigung einer Israelitischen Gattin und Mutter zugleich die Einweihung eines neu angelegten Israelitischen Todtenackers staatgefunden, der sich oberhalb Wiedikon, am Abhange gegen Morgen gelegen befindet. Die Feier war einfach, ohne allen Prunk. Am offenen Grabe stand, von den Leidtragenden und einem zahlreichen Publikum umringt, der Rabbiner. […] In wahrhaft edler Ausdruckweise wusste er der Befriedigung und Anerkennung Worte zu leihen, daß die Toleranz unsers Zeitgeistes, in dem altberühmten Zürich den Israeliten vergönnt habe, in derselben Erde, die sie im Leben bewohnt und beschritten, auch die Stätte der Ruhe oder eigentlich die Stätte zu finden, in deren Schooß ein neues, höheres Leben für die aus dem irdischen Leben Geschiedenen beginne.

Neue Zürcher Zeitung. 2.6.1866.

Doch wer war die erste Person, die an dieser Ruhestätte beigesetzt wurde – diese im Artikel nicht namentlich genannte „israelitische Gattin und Mutter“? Die Antwort findet sich zehn Tage später, am 12. Juni 1866, in der Allgemeinen Zeitung des Judentums aus Leipzig. Unter dem Titel „Schweiz” berichtet der anonym bleibende Autor, dass die Verstorbene, der diese Ehre zuteilwurde, Clara Ris, die Ehefrau des Seidenfabrikanten David Ris, war.

Gestatten Sie mir, Ihnen heute über einen seltenen Act, die anläßlich des Hinscheidens der Frau Clara Ris, Gattin des Seidenfabrikanten, Herrn David Ris, stattgehabte Einwei­hung unseres neuen Begräbnißplatzes zu berichten. Die­selbe fand Donnerstag den 31. Mai durch Hrn. Rabb. Kayserling in erhebender Weise statt. Viele Hunderte der christlichen Bewohner Zürichs aus allen Ständen folgten dem Leichenzuge nach dem neuen 1/2 Stunde von der Stadt entfernten Gottesacker, woselbst sich eine große Menschenmenge vor Beginn der Feier bereits versammelt hatte.

Grabstein Clara Ris (1816-1866).

Über die Bedeutung der Familie Ris und ihres Vorfahren, des Rabbiners Raphael Ris, für die Schweiz haben wir bereits in einem früheren Beitrag gesprochen. Erwähnenswert ist jedoch auch, dass keine andere Familie die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Zürich und insbesondere die der Israelitischen Cultusgemeinde so stark geprägt hat. So erhielt der Bankier Aron Ris (1777–1860), ein Enkel von Raphael Ris, bereits im Jahr 1813 eine langfristige Aufenthaltsbewilligung in der Stadt Zürich. Aufgrund seines erfolgreichen Geschäfts, durch das er in der Lage war, hohe Steuern zu zahlen, wurde seine Aufenthaltsgenehmigung immer wieder verlängert. Im Jahr 1837 erhielt er als erster Jude seit dem Mittelalter die Niederlassungsbewilligung in Zürich und damit das Recht, ein Haus zu kaufen. Im Zürcher Steuerregister von 1833 ist er als „Aron Ris, Jud” verzeichnet.

Eidgenössische Zeitung. 9. April, 1856.

Im Jahr 1837 meldete Aron Ris sein Handelsunternehmen „Ris, A. & Komp., Tuch- und Manufakturwaren” im Ragionenbuch der Stadt Zürich an. Er führte das erfolgreiche Unternehmen gemeinsam mit seinem Sohn Jacques (Jacob). Später kamen die Söhne Raphael und David hinzu. David und Jacques Ris Gehörten zu den wichtigsten der zwölf Gründungsmitgliedern der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Die Brüder, die das Vermögen und das Geschäft ihres Vaters erbten, avancierten zu einflussreichen Persönlichkeiten im Zürich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Jacques Ris war einer der Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt, aus der später die Credit Suisse Group hervorging. Von 1866 bis 1869 präsidierte er die Israelitische Cultusgemeinde. David, der für den Handel mit Baumwollstoffen bekannt war, wurde der erste Aktuar der Israelitischen Cultusgemeinde. Die Unterschriften beider sind in den ersten Statuten der Israelitischen Cultusgemeinde zu sehen.

Statuten des Israelitischen Cultusvereins Zürich, Jan. 1864. AfZ: IB ICZ-Archiv / 194

David heiratete im Jahr 1840 Clara, geborene Bernheimer, aus Hohenems. Zunächst lebte er mit seiner Frau unter dem Dach seines Vaters in der Schmidgasse in Zürich. Erst 1851 zogen sie in die Stadelhoferstrasse, von wo aus 15 Jahre später der Leichenzug begann.

Salomon Ludwig Steinheim (1789-1866)

Über die Umstände von Clara Ris’ Tod im Alter von nur 50 Jahren ist nichts bekannt. Es war jedoch reiner Zufall, dass sie die Erste war, die auf dem heute als Unterer Friesenberg bekannten Friedhof beigesetzt wurde. Passender wäre sicherlich der deutsche Mediziner, Religionsphilosoph und Gelehrte Salomon Ludwig Steinheim gewesen, der eine Woche vor Clara Ris in Zürich verstorben war. Zur Enttäuschung vieler hatte seine Witwe beschlossen, ihn auf dem christlich-reformierten Friedhof zu Oberstrass begraben zu lassen. Einer der Enttäuschten war Rabbiner Kayserling. Er schrieb am 5. Juni 1866 einen Artikel darüber in der Allgemeinen Zeitung des Judentums.

Das wehmüthige Gefühl, das in uns über den Verlust dieses geist- und gemüthreichen Mannes er­weckt wurde, wird noch dadurch gesteigert, daß er nicht unter seinen Glaubensbrüdern ein Grab gefunden hat. Wir glauben keine Indiscretion zu begehen, wenn wir constatiren, daß mehrere angesehene Glieder der israelitischen Cultus-Gemeinde Zürich, sobald sie von dem Hinscheiden Steinheim’s Kunde erhalten, seiner tief­betrübten, körperlich und geistig angegriffenen Gattin den Vorschlag machten, diesen allverehrten Glaubens­bruder auf dem von ihnen neu angelegten israelitischen Friedhofe nach jüdischem Ritus zu bestatten; da hieß es jedoch, es wäre Steinheim’s Wunsch und letzter Wille gewesen, auf dem reformierten (Oberstraß) Stadt­kirchhof beerdigt zu werden.

Grabstein Amalie Ris (1834-1866).
Die Schrift auf dem Grabstein ist schwer lesbar und lautet: „Zum Andenken an die unvergessliche Gattin und Mutter: Amalie Ris, geb, Hirsch“.

Noch tragischer ist die Tatsache, dass Clara Ris die erste von drei Frauen aus der Familie Ris war, die innerhalb von weniger als vier Monaten nacheinander auf demselben Friedhof beigesetzt wurden. Clara starb am 31. Mai 1866, gefolgt von ihrer Schwägerin Amalie Ris (geb. Hirsch), der Frau von Jacques Ris, am 28. August desselben Jahres. Amalie wurde nur 31 Jahre alt und in Grab Nr. 2 neben ihrer Schwägerin beigesetzt. In der NZZ vom 29. August 1866 finden wir eine kleine Todesanzeige des Witwers Jacques.

Neue Zürcher Zeitung. 29.8.1866.

Der tragischste Fall ist jedoch der von Emma Ris, der Tochter von David und Clara Ris. Sie starb eine Woche nach Amalie und wurde neben ihrer Mutter und ihrer Tante in Grab Nr. 3 auf dem Friedhof beigesetzt. Sie wurde nur 24 Jahre alt.

Grabstein Emma Ris (1841-1866).

Auch hier finden wir eine herzzerreissende Todesanzeige. Sie wurde am 6. September 1866 in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht und stammt vom trauernden Vater David Ris. Erwähnenswert sind die Worte „auch” und „Einzige”, die darauf hinweisen, dass er neben seiner Frau, seiner Tochter und seiner Schwägerin auch zwei weitere Kinder verloren hatte: Mathilde und Eugen, die zwischen 1844 und 1846 bei der Geburt gestorben waren.

Neue Zürcher Zeitung. 6.9.1866.

Die Familie Ris spielte nicht nur zu Lebzeiten ihrer Mitglieder eine grosse Rolle für die jüdische Geschichte Zürichs, sondern tut dies auch nach deren Tod. Die ersten drei Gräber, mit denen der Jüdische Friesenberg-Friedhof eingeweiht wurde, gehören drei jungen Frauen dieser Familie. Diese Frauen waren zu Lebzeiten völlig unbekannt und standen im Schatten der erfolgreichen Männer in ihrem Leben. Obwohl sie diese Männer nicht überlebten, nahmen sie nach ihrem Tod dennoch einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte Zürichs ein. Ihre Gräber sind die ersten drei, um die herum der gesamte Friedhof vor 160 Jahren angelegt wurde.

Oded Fluss. Zürich, 27.05.2026.

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Megillat Orpa

Die an Schawuot gelesene Megillat Ruth erzählt eine der beliebtesten Geschichten der Bibel. Sie gilt als literarisches Meisterwerk und diente sogar Goethe als Orientierung für sein Werk Hermann und Dorothea. Er bezeichnete sie als „das lieblichste kleine Ganze, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist“.

Das Buch Ruth in einer Miniaturbibel aus der Breslauer Sammlung

Diese nur 85 Verse umfassende, optimistische Idylle steht im Widerspruch zu den pessimistischen Texten des Hiob und des Kohelet, zwischen denen sie steht. Die Geschichte verläuft völlig konfliktfrei, die Figuren sind einfach und positiv gezeichnet und streben stets das Gute an. Gerade wegen ihrer fröhlichen Haltung, die eine Anomalie in den biblischen Geschichten darstellt, wird die Megillat Ruth so geliebt.

Zeev Raban – Ruth.

Doch wie in vielen anderen biblischen Geschichten gibt es auch hier eine tragische Randfigur. Eine, die eine kleine, aber vielsagende Rolle spielt, über die nicht viel gesagt wird und die im Hintergrund bleibt. Sie regt die Fantasie vieler Menschen an und wirft zahlreiche Fragen auf. Meistens handelt es sich dabei um Frauenfiguren, wie Lots Frau in der Geschichte von Sodom und Gomorra oder Waschti in der Megillat Esther. In der Megillat Ruth finden wir mit Orpa eine solche Figur.

Marc Chagall – Noomi, Ruth und Orpa.

Orpa ist eine von drei Witwen. Während zwei von ihnen zu den Heldinnen der Geschichte werden, wird Orpa nur am Anfang erwähnt und verschwindet dann aus der Handlung. Im Gegensatz zu Ruth, die sich entscheidet, ihrer Schwiegermutter Noomi nach Bethlehem zu folgen, kehrt Orpa zu ihrem Volk, den Moabiten, zurück. Über sie wird nie wieder gesprochen. Es spielt keine Rolle, dass sie diese Entscheidung auf Bitte von Noomi getroffen hat – sie gilt trotzdem als die einzige negative Figur in der Geschichte und steht stets im Gegensatz zu Ruth. Schon ihr Name, Orpa, leitet sich vom hebräischen Wort „Oreph” für „Nacken“ / „Rücken” ab. Im Midrasch wird sie als „diejenige, die Noomi den Rücken zukehrte“, gedeutet.

William Blake – Noomi, Ruth und Orpa.

Chaim Nachman Bialik geht einen Schritt weiter. In seinem 1923 veröffentlichten Epos Megillat Orpa, das hauptsächlich auf dem Midrasch Ruth Raba basiert und als „Ergänzung zur Megillat Ruth“ beschrieben wird, verleiht er Orpa eine wesentlich wichtigere Rolle, jedoch auch verheerend negative Eigenschaften. Orpa, die als Ruths Schwester dargestellt wird, wird als promiskuitiv und leichtsinnig beschrieben.

Chaim Nachman Bialik – Megillat Orpa. va-Yehi ha-Yom. Divre Agadah. Dvir. Tel Aviv, 1935. H 343c (k)

Im Gegensatz zu ihrer rechtschaffenen Schwester sieht sie keinen Sinn darin, ihrer Schwiegermutter oder dem Gott Israels zu folgen. Stattdessen kehrt sie in die Geborgenheit ihrer Heimat Moab zurück. Dort trifft sie auf einen skrupellosen philistäischen Riesen, der ihr leichtsinniges Herz sofort erobert. Und so schliesst sich der Kreis: Die fromme Ruth wurde die Urgrossmutter des edlen Königs David, die sündige Orpa hingegen die des berüchtigten Goliath.

Osmar Schindler – David und Goliath.

Eine ganz andere Herangehensweise zeigt der jiddische Dichter Itzik Manger. Der für sein Mitgefühl mit Randfiguren bekannte Autor holt die Geschichte von Orpa aus der Bibel in die Gegenwart. In seinem 1951 veröffentlichten Midrash Itzik, erzählt er die Geschichte einer jungen Frau, die alles hinter sich lässt, um ihrer Liebe zu einem jüdischen Mann zu folgen. Als dieser plötzlich stirbt, steht sie vor der schmerzhaften Entscheidung, ob sie bei der Erinnerung an ihren Mann bleiben oder in ihr kleines Dorf zurückkehren und versuchen soll, erneut Liebe zu finden.

Itzik Manger – Midrash Itzik. Comité Itzik Manger. Paris, 1951

In dem bewegenden Gedicht Orpa ken nisht shlofen berichtet Manger von einem Brief ihres Vaters, in dem dieser sie anfleht, nach Hause zurückzukehren. Im letzten Gedicht des Zyklus‘ Orpa gezegnt zikh gibt es einen Moment wahrer Jiddischkeit. In diesem Moment begreift Noomi zum ersten Mal wirklich, wie sehr Orpa sich nach der Rückkehr in die Heimat verzehrt – und kann ihrem Gefühl nur zustimmen. Genau wie Noomi selbst und das jüdische Volk sehnt auch sie sich nach all den Jahren in der Fremde zurück ins eigene Land:

Orpa shvigt, zi otmet tif.
Un Noomi heybt oyf di hent:
Az voyl iz tsu dem vos gayt aheym
Nokh yorn zayn in der fremd.

Oded Fluss. Zürich, 20.5.2026.

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Mutterherzl

…sie war meine Mutter. Sie war für mich die Liebe und das Leiden. Die Liebe und das Leiden waren in ihr verkörpert, so dass mir die Augen über­gingen, wenn ich sie nur sah….Sie war eine feine Dulderin, das Leben beugte sie nicht, es erhöhte sie…

So lässt Herzl seinen David Litwak in Altneuland nach dem Tod seiner Mutter sprechen. So hätte Herzl, wenn er noch gelebt hätte, an der Bahre seiner Mutter geklagt. Doch war es Jeanette Herzl, die die Beerdigung ihres einzigen verbliebenen Kindes ertragen musste. Ihre älteste Tochter, Herzls ein Jahr ältere Schwester Pauline, war bereits 1878 gestorben.

Jeanette Herzl (geb. Diamant) wurde 1836 in Budapest geboren. Über ihre frühen Jahre ist nicht viel bekannt, zumindest nichts, was sich mit Sicherheit bestätigen liesse. Sicher ist jedoch, dass sie zu den schönsten, gebildetsten und klügsten jungen Frauen der Stadt zählte. Angeblich hatte sie viele Verehrer, darunter junge Künstler, die darum wetteiferten, ihr Porträt zu zeichnen. Ein frühes Ölporträt der jungen Frau bestätigt dies.

Ölporträt von Jeanette Herzl. Der Künstler ist nicht bekannt, es wird jedoch vermutet, dass es sich um Bertalan Szekely oder einen seiner Schüler handelt.

Theodor Herzl, der von seiner Mutter seine Schönheit, Haltung und Weisheit geerbt hatte, hing sehr an ihr. Während sein Vater Jacob eher distanziert war und sich vorwiegend seiner Arbeit widmete, war es die Mutter, die den jungen Theodor grosszog und erzog. Die unzähligen Briefe zwischen den beiden sowie die Erwähnungen seiner Mutter in seinem Tagebuch zeugen von einer Geschichte grosser Liebe und Verbundenheit.

Auch in seinen reifen Jahren, als er bereits verheiratet ist, eigene Kinder hat und zum Anführer der zionistischen Bewegung wird, bleibt die enge Verbindung zu seiner Mutter bestehen – wenn sie nicht sogar noch stärker wird. Er wendet sich ständig an sie, fragt sie nach ihrer Meinung und sie ist die Erste, die seine Manuskripte erhält.

Auf Fotos erscheint Herzl auch viel häufiger mit seiner Mutter als mit seiner Frau, der Mutter seiner eigenen Kinder. In Briefen und Tagebucheinträgen wird sie nie einfach nur als „Mutter“ bezeichnet, sondern immer als die „gute Mama“ oder „teure gute Mama“.

Eine Anekdote aus Herzls Tagebuch vom 14. August 1895 könnte viel über die besondere Verbindung zwischen Mutter und Sohn aussagen. Während sich Theodor Herzl in München auf eine seiner zahlreichen Versammlungen vorbereitete, bei der er die Menschen davon überzeugen wollte, sich der zionistischen Bewegung anzuschliessen, gab ihm seine Mutter einen kleinen Lebensweisheit mit auf den Weg:

Meine gute Mama erzählt, wie Albert Spitzer starb.
Seine Wirtschafterin fragte ihn nach Tisch: ‚Was kochen wir morgen?‘
Er antwortete kräftig: ‚Rumpsteak‘!
Das war sein letztes Wort. Er sank um und war tot.
Meine Mama zieht auch daraus in ihrer überlegenen Weise den Sinn dieses Lebens, das mit dem Rufe ‚Rump­steak!‘ endet.

Ich werde diese Anekdote in München verwenden.

Auch als er von Millionen Menschen bewundert und verehrt wurde, blieb Herzl der Sohn seiner Mutter. Sie war immer in seinen Gedanken und er wollte sie stets stolz auf sich machen. Ein Brief, den er ihr am 28. Mai 1903 schrieb, zeigt dies auf wunderbare Weise:

Meine teure, gute Mama,
Als ich von London hierher zurückkehrte und meinen Freunden Nordau und Marmorek die letzten Ergebnisse berichtete, sagte Nordau: „Für die Größe Ihrer Leistung gibt es keine Worte und es ist wunderbar, daß das jüdische Volk noch im Stande war, einen Herzl hervorzubringen“ Ich habe das natürlich entschieden abgelehnt, weil man sich nicht lächerlich machen darf, aber Dir sage ich es um Dein Herz zu erfreuen (…) Morgen, Mamakam, teure, reise ich nach Hause. […]
Ich umarme Dich zärtlich, Dein treuer Sohn Theodor.

Anlässlich des 5. Zionistenkongresses in Basel schoss Ephraim Moses Lilien das berühmte Herzl-Foto, auf dem dieser auf dem Balkon des Hotels „Trois Rois” steht und über die Rheinbrücke blickt. Als hätte Herzl geahnt, dass dieses Bild einmal Kultstatus erlangen würde, schrieb er Lilien unmittelbar danach, er solle eine Kopie des Bildes auch an seine Mutter schicken.

Bitt’ doch auch eine zweite Kopie für meine Mutter, das heisst, sie kriegt die erste und die zweite bleibt bei mir.

Ein Telegramm, das Herzl am Tag des Todes seines Vaters an Johann Kremenenzky schickte: „Bitte meiner Mutter behilflich sein“.


Herzl war stets darum bemüht, seiner Mutter eine Freude zu bereiten. Er besuchte sie fast täglich zur gleichen Zeit, erzählte ihr Geschichten und versuchte, sie – insbesondere nach dem Tod ihres Gatten Jacob am 9. Juni 1902 – aufzuheitern und zu ermuntern.

Weisst Du, Mutter warum ich bei Dir esse? Für mich, das weiss ich, wirst Du gut kochen und daher wirst Du selbst gut essen.

Jeanette Herzl

Die Liebe und Bewunderung waren gegenseitig. Jeanette Herzl verehrte ihren Sohn, allerdings nicht aus den Gründen, aus denen viele von uns Herzl bewundern, sondern schlichtweg, weil er ihr Sohn, ihr „Dori”, war. Schon als Theodor zum ersten Mal allein eine Studienreise antrat und sich das Herz seiner Mutter im Trennungsschmerz wand, hatte sie die Kraft, ihm zu sagen:

Mein teures Kind, schreibe uns jeden Tag, denn wir sind ja im Geiste immer bei dir und leben ja nur mit dir; aber eine Korrespondenzkarte genügt. Was du an Eindrücken, Stimmungen und Gedanken unterwegs findest, das arbeite als Schriftsteller aus, denn das gehört nicht uns, sondern der Welt.

Später wurde ihr auch klar, dass sie seine Lebensaufgabe, den Zionismus, nicht infrage stellen durfte, sondern ihn bedingungslos unterstützen musste. Doch sie hatte auch gesehen, welchen Tribut das von ihrem einzigen Sohn forderte, und wünschte sich ein komfortables Familienleben für ihn.

Herzl und seine Mutter während des 6. Zionistenkongresses in Basel im August 1903.
Auf dem Bild sind ausserdem von rechts nach links zu sehen: J. L. Greenberg, J. Zangwill und Oberst Goldschmidt.

Selbst nachdem sie Herzl zum sechsten Zionistenkongress begleitet hatte, wo sie grossen Respekt erfahren durfte, zog sie das Familienleben dem öffentlichen Leben stets vor. Neben dem Respekt hatte sie dort auch den kalten Zynismus der Politik erlebt, als Herzl den „Uganda-Plan“ vorstellte und daraufhin gezielt angegriffen wurde. Der Zionist und Schriftsteller Heinrich York-Steiner, der die Familie Herzl gut kannte und oft bei ihr zu Gast war, berichtet von einer Frage, die er Jeanette Herzl stellte: „Ist es recht, sich zum Schaden der Familie einer grossen Allgemeinheit zu opfern?” Ihre Antwort war sehr direkt: „Nein”.

Weniger als ein Jahr nach dem Zionistenkongress war Herzl bereits todkrank, was wohl eine indirekte Folge der Ereignisse war. Auf dem Sterbebett äusserte er als einzigen Wunsch, die Frau zu sehen, die ihn zur Welt gebracht hatte, bevor er diese Welt verliess. Seine Mutter kam ohne zu zögern. Sie sass an seinem Bett und sah zu, wie ihr einziges, geliebtes Kind langsam starb. Herzl wachte kurz auf und sah seine liebevolle Mutter neben sich:

Es ist schön von Dir, Mutter, dass Du gekommen bist.
Du schaust prächtig aus. Ich weniger — — aber das macht nichts. Bald ist es vorbei.

Bald war es wirklich vorbei. Nach ein paar Stunden zerriss ein wilder Schrei die Luft, und die Mutter sank auf das Bett ihres Dori. Über das Verhalten der Mutter während der Beerdigung ihres Sohnes gibt es einige Zeugnisse. Die meisten berichten, dass sie regungslos dagestanden habe, ohne ein Wort zu sagen. Einige berichten jedoch, dass sie wiederholt leise „Mein Prinz, mein Prinz“ gemurmelt habe. Ein Zeuge berichtet sogar von einem untypischen Ausbruch, der sich gegen Menachem Usischkin richtete, der damals Herzls Hauptgegner in der zionistischen Bewegung war.

Die Todesanzeige von Theodor Herzl in der Neuen Freien Presse. 7. Juli, 1904.

Am 8. Juli 1904, nur vier Tage nach Herzls Tod, veröffentlichte York-Steiner einen Artikel mit dem Titel „Im Trauerhause” in der zionistischen Zentralzeitung Die Welt. Darin beschreibt er den Kummer einer verzweifelten Frau, die alles verloren hat. Diese schildert, wie sie Trost fand, als ihre Tochter starb, wann immer sie eine junge Frau mit einem unglücklichen Eheleben sah – das war ihrer Tochter erspart geblieben. Sie erzählt vom Tod ihres Mannes und dem Trost, den sie darin fand, dass ihm das Greisenalter erspart geblieben war. Doch jetzt findet sie keinen Trost mehr.

Bisher war ich Theodor Herzls Mutter, das war mein Adelstitel. Was bin ich denn jetzt?

Diese Frage musste sie sich noch fast sieben Jahre lang stellen, bis sie schliesslich am 20. Februar 1911 starb. Die Frau, die den Begründer der zionistischen Bewegung zur Welt gebracht hatte, blieb als Herzls Mutter in Erinnerung. Zwar widmete Herzl seinen letzten und bekanntesten Roman Altneuland, dessen berühmtes Motto „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen” jedem geläufig ist, seinem verstorbenen Vater und seiner verstorbenen Schwester. Die wahre Heldin dieses Romans ist jedoch, ganz im Sinne kindlicher Verehrung, die „Mutter Litwak“. Frau Litwak – die jüdische Mutter par excellence – damit meinte Herzl seine eigene Mutter, Jeanette.

Sie war unser Haus und unsere Heimat, als wir nicht Haus noch Heimat hatten. Sie hielt uns aufrecht, als wir in Elend waren, denn sie war die Liebe. Sie lehrte uns Demut, als es uns besser ging, denn sie war das Leiden (…) Da habe ich sie manchmal angeschaut als das Judentum in der Zeit der Leiden. In ihrer Gestalt sah ich es. Sie war meine Mutter…

In seinem Testament hatte Herzl darum gebeten, dass seine Mutter zusammen mit seinem Vater und seiner Schwester im Gelobten Land beigesetzt würde. Im August 1949, ein Jahr nachdem das altneue Märchen Wirklichkeit geworden war, wurden Mutter und Sohn auf dem Herzlberg in Jerusalem vereint beigesetzt. Ein Jahr später kam die Idee auf, den Muttertag in Israel auf den 28. Juli, den Geburtstag von Jeanette Herzl, zu legen. Dies wurde jedoch nie umgesetzt.

Oded Fluss. Zürich, 6.5.2016.

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Nichtjüdische Juden

Im Laufe der Geschichte gab es mehrere prominente nichtjüdische Persönlichkeiten, die das „Glück“ – oder eher das „Unglück“ – hatten, als Juden angesehen zu werden. Dabei geht es nicht um den Titel des „Ehrenjuden“, den Chaim Nachman Bialik beispielsweise Rembrandt verlieh, oder um Menschen, die sich aus dem einen oder anderen Grund selbst als Juden bezeichneten. In diesem Beitrag möchten wir vielmehr jene Fälle erörtern, in denen Nichtjuden fälschlicherweise des Jüdischseins bezichtigt wurden – sei es aus Ignoranz, aufgrund antisemitischer Propaganda oder einer Kombination aus beidem. Denn Hass brennt umso heisser, wenn er mit antisemitischer Feuerzeugflüssigkeit übergossen wird.

Ein Porträt von Karl Liebknecht aus dem antisemitischen Buch Juden sehen dich an.

Kommunismus, Marxismus und Bolschewismus wurden von Antisemiten stets den Juden zugeschrieben. Ob es nun daran lag, dass Marx selbst eine jüdische Mutter hatte, oder an den vielen jüdischen sozialistischen Führerfiguren – Gewalt gegen Juden wurde stets mit deren kommunistischer Gesinnung begründet. Dies geschah jedoch auch umgekehrt. So galten viele namhafte Sozialisten allein aufgrund ihrer Ideologie als Juden.

Mühlviertler Nachrichten 11.1.1919

Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch Karl Liebknecht, einer der prominentesten und beliebtesten sozialistischen Führer, der Judenheit bezichtigt wurde. Die Tatsache, dass er Genosse zweier weiterer sehr prominenter – jüdischer, sozialistischer Führer war – Karl Radek und Rosa Luxemburg, (mit der er schliesslich ebenfalls ermordet wurde) – verstärkte diese Anschuldigung nur noch. Oben ist ein Artikel aus den Mühlviertler Nachrichten vom 11. Januar 1919 zu sehen. In dem Artikel wird Liebknecht als „der Jude Liebknecht“ bezeichnet. Nur fünf Tage später wurden Luxemburg und Liebknecht ermordet.

Deutsche Arbeiter-Zeitung. 8.2.1919.

Als ob das nicht genug wäre, lesen wir nicht einmal einen Monat nach dieser grausamen Tat bereits in der Deutschen Arbeiter-Presse von acht Millionen Mark, die „der Jude Liebknecht” angeblich gemeinsam mit seiner Frau während seiner Zeit als sozialdemokratischer Arbeitsführer gestohlen haben soll.

Johann von Leers – Juden sehen dich an. NS.-Druck und Verlag , Berlin – Schönenberg, 1933. D 9019.

Zudem hatte Liebknecht die zweifelhafte Ehre, in der berüchtigten Nazi-Propagandaschrift Juden sehen dich an zu erscheinen. Diese wurde 1933 vom nationalsozialistischen und antisemitischen Publizisten Johann von Leers verfasst. Das Buch enthält sowohl Bilder als auch diffamierende Informationen über prominente Juden, die nach ihrem Beruf oder ihren Taten in Kategorien unterteilt sind. Liebknecht wird darin der Kategorie der „Blutjuden” zugeordnet. Er ist einer der wenigen Nichtjuden, die in diesem Hetzwerk fälschlicherweise als Juden erwähnt wurden. Zu den anderen, die unter der Kategorie „Kunstjuden” aufgeführt sind, zählen der berühmte Theaterintendant und Regisseur Erwin Piscator sowie der wohl bekannteste von allen: Charlie Chaplin.

Ein Porträt von Charlie Chaplin aus dem antisemitischen Buch Juden sehen dich an.

Chaplin war nicht nur der berühmteste und beliebteste Schauspieler seiner Zeit, sondern auch ein scharfer Kritiker des Nazi-Regimes. In seinem Privatleben und in seinen Filmrollen hielt er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, insbesondere in Filmen wie Shoulder Arms oder The Great Dictator. Im Juden sehen dich an wurde er als „Zappeljude” bezeichnet. In unzähligen anderen Zeitungen wurde er als „Filmjude”, „Ghetto-Jude” oder sogar als „jüdischer Filmclown” beschimpft.

Wiener Kronen-Zeitung. 21.5.1942.

Ebenfalls interessant ist ein Artikel aus dem Jahr 1942 im nationalsozialistischen Blatt Österreichischer Beobachter. Darin wird die Schweizer Basler National-Zeitung als jüdisches Sprachrohr bezeichnet, da sie ein Festprogramm zu Ehren des „Ghetto-Juden” Chaplin veröffentlicht hatte. Der Redaktor der Basler National-Zeitung soll demnach Kohn heissen. Es sei daher kein Zufall, dass die Zeitung dieses Programm über „den Juden Chaplin” veröffentlicht habe.

Österreichischer Beobachter. Juli, 1942.

In der Kunst vertraten die Nazis die feste Überzeugung, dass nur „echte arische Kunst“ gute Kunst sei. Kunst, die nicht ihrem Geschmack entsprach, bezeichneten sie als „jüdisch“ und als „entartete Kunst“. In die Kategorie der „entarteten Kunst” wurden nicht nur jüdische Künstler eingeordnet, sondern alle Künstler, deren Werke der Nazi-Ideologie nicht entsprachen oder diese kritisierten. Ein bekanntes Beispiel für einen Künstler, der nicht jüdisch war, aber von den Nazis zu einem solchen gemacht wurde, ist der berühmte Schweizer Paul Klee.

Paul Klee

Bereits 1919, als man versuchte, Klee für die Stuttgarter Kunstakademie zu gewinnen, hatte sich die damals sehr konservative Akademieleitung in der Presse gegen ihn und seine Kunst ausgesprochen. Unter den Initialen H. M. verfasste der Kunsthistoriker Hermann Missenharter einen scharfen Artikel, in dem er die Wahl Klees kritisierte. Dabei diffamierte Missenharter Klee auch persönlich und gab ihm den Spottnamen „Paul Zion Klee“, der ihn viele Jahre lang begleiten sollte. Dies führte schliesslich dazu, dass Klee die Stelle nicht bekam

Württemberger Zeitung. Stuttgart 30.10.1919.

Zwei Tage nach der Machtergreifung Hitlers, am 1. Februar 1933, erschien in der Zeitung Die Rote Erde ein ganzseitiger Artikel mit dem Titel Kunst-Sumpf in Westdeutschland. Darin bezeichnete der Autor die Kunstakademie Düsseldorf, an der Paul Klee damals als Professor tätig war, als „Hochburg jüdischer Künstler”. Er warf der Einrichtung vor, eine Kampagne zu führen, die darauf abziele, die deutsche Kunst durch jüdische Einflüsse zu untergraben. Paul Klee wurde persönlich angegriffen, diffamiert und als „typischer galizischer Jude” dargestellt:

Dann hält der große Klee seinen Einzug, berühmt schon als Lehrer des Bauhauses Dessau. Er erzählt jedem, er habe arabisches Vollblut in sich, ist aber typischer galizischer Jude. Er malt immer toller, er blufft und verblüfft, seine Schüler reißen Augen und Maul auf, eine neue, noch unerhörte Kunst zieht in das Rheinland ein.

Klee war einer der prominentesten Künstler, die in der berüchtigten Ausstellung Entartete Kunst vertreten waren. In dieser wurden sowohl jüdische als auch nichtjüdische Künstler präsentiert, um auf provokante und angeblich lehrreiche Weise zu demonstrieren, was im „deutschen neuen Reich unter gar keinen Umständen mehr als Kunst angesprochen werden darf und geduldet wird“. Die Ausstellung wurde von Joseph Goebbels initiiert und von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, geleitet.

Adolf Dressler – Deutsche Kunst und Entartete Kunst. Deutscher Volksverlag. München, 1938.

In den Begleitheften zur Ausstellung wurde Klees Kunst als „infantil” oder „psychisch krank” diffamiert. Ein Beispiel hierfür findet sich in dem 1938 erschienenen Buch Deutsche Kunst und Entartete Kunst von Adolf Dressler. Dort wird Klees Bild „Wohin” als Beispiel dafür beschrieben, wie das „jüdische Wüstenvolk” die deutsche Landschaft auf perverse Weise darstellt.

Zu den „jüdischen Eigenschaften“, die von Nazis und Antisemiten zugeschrieben wurden, gehörte auch das Bild des schwachen, ängstlichen und pazifistischen Juden, der den deutschen Kampfgeist angeblich schmälern wollte. Insbesondere in Kriegszeiten wurde den Juden vorgeworfen, durch ihre vermeintliche konspirative Kontrolle über die Presse, insbesondere die Feuilletons, Schwäche im „arischen“ Geist zu säen. Siegfried Jacobsohn, Gustav Landauer, Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Walter Mehring und Alfred Kerr sind nur einige der Juden, denen dies ständig vorgeworfen wurde. Eine weitere Person, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wurde, obwohl er kein Jude war, war Erich Kästner.

Erich Kästner

Als besonders anstössig wurde sein am 2. Juli 1929 in Die Weltbühne veröffentlichtes Gedicht „Die andere Möglichkeit” empfunden. Das bissige Antikriegsgedicht erregte den Zorn vieler Menschen und löste zahlreiche Beschwerden in verschiedenen Publikationen aus. In diesen wurde Kästner fast immer als Jude bezeichnet. Ein Beispiel hierfür ist ein Artikel aus der antisemitischen Zeitschrift Der eiserne Besen vom 6. September 1929 mit der Überschrift „Eine jüdische Schweinerei”.

Der eiserne Besen. 6.9.1929

Diese Vorwürfe wurden ständig wiederholt. Anfang 1942 wurde in einem Artikel mit dem Titel „Das jüdische Kriegsziel“, erschienen in der Kärntner Volkszeitung, erneut „der Jude Kästner“ als Verfechter und Anhänger eines selbstmörderischen Defätismus während des Weltkriegs bezeichnet. Zudem wurde sein Gedicht „1899” manipulativ interpretiert.

Kärntner Volkszeitung. 16.2.1942.

Auch ohne Jude zu sein, war Kästner aufgrund seiner antifaschistischen und kriegsfeindlichen Ansichten ständig in Gefahr. Manchmal tauchte er unter und verschwand, sodass viele glaubten, er sei tot. Ein solcher Fall ereignete sich im Jahr 1942, als die in New York gedruckte deutsch-englische jüdische Zeitschrift Aufbau einen Artikel veröffentlichte, der fälschlicherweise von seinem tragischen und vorzeitigen Tod berichtete. In diesem Artikel wird eine interessante und aufmunternde Anekdote erzählt, deren Echtheit jedoch nicht bestätigt werden kann. Dem Text zufolge wurde Kästner einmal, als er vor einem „Rassenrat“ befragt wurde, gefragt, ob er Jude sei. Er soll geantwortet haben: „Ich bin kein Jude, aber ich bestehe auf der Ehre, als einer angesehen zu werden.“

Aufbau-Reconstruction. 9.1.1942.

Oded Fluss. Zürich, 22.4.2026.

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Der Pessach-Hase

Die Pessach-Haggada ist eines der beliebtesten Bücher im jüdischen Volk und in jüdischen Familien. Dazu trägt bei, dass sie für ihre verspielten Verzierungen und Illustrationen bekannt ist. Jüdische Künstler liessen dabei ihrer Fantasie freien Lauf, die von ihrer Umgebung und dem Ort, an dem sie lebten, beeinflusst war. In den Illustrationen spiegeln sich mitunter ihre Träume, Ängste oder Vorstellungen von Erlösung wider. Dabei bedienten sie sich verschiedener Motive, Anspielungen und alter Volksmärchen, die mündlich überliefert oder aus alten Midraschim stammten. Einige dieser Motive sind leicht zu erkennen, andere wirken mitunter recht seltsam.

Hagadah shel Pesaḥ. 15ten Jahrhundert. British Library. Add MS 14762

Eines der merkwürdigsten Motive in diesem Zusammenhang ist der Hase. In verschiedenen alten Haggadot aus dem 15. und 16. Jahrhundert finden sich Jagdszenen, in denen das gejagte Tier als Hase dargestellt wird. Eine Jagdszene in einer Pessach-Haggada ist an sich schon seltsam genug, da sie weder mit der Pessach-Geschichte noch mit den Juden jener Zeit, in der diese Haggadot verfasst wurden, etwas zu tun hat.

Die Mantua Haggada, gedruckt von Isaac ben Samuel Bassan, 1560. Braginsky Collection, 82.

Dass bei dieser Jagd Hasen – ein nicht koscheres Tier – eine Rolle spielen, die ebenfalls nichts mit Pessach, aber sehr wohl mit dem christlichen Feiertag zu tun haben, der fast immer zur gleichen Zeit begangen wird, gab vielen Menschen Anlass zum Nachdenken. Der Hase und die „Jagd” nach „seinen” Eiern sind prägende Elemente von Ostern. Daher nahmen viele an, dass die Darstellung der Hasenjagd in den Haggadot eine Adaption oder Anspielung auf die christliche Tradition sei.

Die Prager Haggada, gedruckt von Geshon Katz. 1526, Braginsky Collection 211.

Es ist jedoch zweifelhaft, dass diese Szenen Bezug auf die christliche Tradition nehmen, da sich das Motiv des Osterhasen erst im späten 16. bzw. frühen 17. Jahrhundert zu etablieren begann. Einige der Haggadot, in denen Hasen dargestellt sind, wurden in einer früheren Zeit gedruckt. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass sie von dieser Tradition beeinflusst wurden.

Die Augsburg Haggada. 1534.

Eine einfachere Lösung für dieses Rätsel bietet die Platzierung der Hasenabbildungen in der Haggada. Diese erscheinen fast immer im Teil des Kiddusch, der vor dem Trinken des ersten Weinglases kommt. Laut dem Talmud (Pessachim) wird bei einem Zusammentreffen von Sederabend und Sabbatausgang (wie im Jahr 2025) in folgender Reihenfolge gesegnet: Jajin (Wein), Kiddusch (Heiligung), Ner (Licht), Hawdoloh (Unterscheidung) und Sman (Zeit). Die Anfangsbuchstaben dieser Segensprüche ergeben das Merkwort „JKNHS”, das von den aschkenasischen Juden „Jag’n Has” ausgesprochen wurde – daher die Darstellung einer Hasenjagd.

Die Venediger Haggada, gedrucht von Israel ha-Zifroni von Guastalla, 1609.

In der berühmten Venediger Haggada, die erstmals im Jahr 1609 gedruckt wurde, ist im Inneren des Buchstabens „Bet“ (ב) des Kiddusch eine Hasenjagd abgebildet. Direkt darüber steht in hebräischen Buchstaben die Abkürzung „יקנה“ז“ (JKNHS).

An den Wassern von Babylon : ein fast heiteres Judenbüchlein. Müller Verlag. München, 1920. D 4444 (K)

Zum Abschluss noch eine amüsante Kuriosität aus einem unserer Bibliotheksbücher. Wir haben darin eine Zeichnung entdeckt, die einen jüdischen Osterhasen mit Kippa und Pejes zeigt. Er ist von Ostereiern umgeben und vor ihm liegt eine halb aufgegessene Pessach-Mazza. Die Originalzeichnung stammt aus der im Jahr 1920 in München erschienenen Anthologie An den Wassern von Babylon. Leider gibt sie keinen Hinweis auf die Künstlerin bzw. den Künstler, so dass wir nicht wissen, ob es sich um eine Zeichnung des damaligen Besitzers oder einer Bibliotheksnutzerin bzw. eines Bibliotheksnutzers handelt.

Oded Fluss. Zürich, 26.3.2026.

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Die Haggada von Raphael Ris

Meine Mutter war eine geborene Ries oder Ris, eine Enkelin des Rabbiners Abraham Ris aus Lengnau, der seinerseits der Sohn jenes Rabbiners Raphael Ris aus Hagental war, der vom Jahre 1788 bis zu seinem Tode 1813 im Surbtal, in den Gemeinden Endigen und Lengnau amtierte.

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre

In einer der ältesten Pessach-Haggadot unserer Bibliothek verbirgt sich ein kleines, aber bedeutendes historisches Zeugnis. Auf der letzten Seite der 1790 in Fiorda (Fürth) gedruckten Haggada steht ein handschriftlicher Vermerk eines früheren Besitzers – jenes Mannes, der zu einer der zentralen Figuren des Schweizer Judentums werden sollte.

Haggada Seder shel Pessach. mit Kommentar von Abarbanel. Fürth, 1790. H 5058


Die kleine Notiz beginnt mit einem Wortspiel aus dem Talmud Bavli und verrät, dass das Buch dem Rabbiner und Kabbalisten Raphael Ris (auch Raphael Hagenthal genannt) in Endingen gehörte. Dieser wurde 1728 in der elsässischen Gemeinde Hagenthal geboren und leitete neben dem Rabbinat auch eine Jeschiwa. Von 1788 bis zu seinem Tod im Jahr 1813 amtierte Ris als Rabbiner in Lengnau und Endingen. Dies waren damals die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen Juden sich dauerhaft niederlassen und eigene Gemeinden gründen durften.

„קנין כספי אמר רחמנא והאיכא להגאון הגדול אדוננו מורינו ורבינו רפאל ב“ה אברהם האגענטאהל חונה פה ק“ק ענדיגן“
Gehört dem grossen Lehrer und Rabbiner Raphael ben Abraham Hagenthal, niedergelassen hier in der heiligen Gemeinde Endingen.

Ris gilt als Schlüsselfigur der Schweizer Juden, als Stammvater einer der bekanntesten jüdischen Familien des Landes und als Vorfahre einer langen Reihe von Rabbinern. Im Jahr 2000 veranstaltete das Jüdische Museum in Basel die Sonderausstellung Die Rabbiner Ris – Eine Familie in der Region um 1800. Der berühmte Schriftsteller Kurt Guggenheim war ein Ururenkel von Raphael Ris. In seinem autobiografischen Werk Die frühen Jahre erwähnt Guggenheim seinen Ururgrossvater mehrfach:

ich befand mich, in der Luftlinie gemessen, keine zehn Kilometer von jenem Hagenthal im Elsaß, an der Schweizer Grenze, entfernt, aus dem mein Urahne stammte, eben jener Rabbiner Raphael Ris aus Hagenthal in Lengnau, der im Jahre 1794 eines Gedicht für den Frieden der Schweiz verfaßte…

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre. Artemis Verlag. Zürich, 1962. D 4871 (k)


Wie Guggenheim richtig anmerkt, ist eine Massnahme besonders bemerkenswert, die Rabbiner Ris während der Wirren der Französischen Revolution ergriff: Im Frühjahr 1794, nur vier Jahre nach dem Druck unserer Haggada, erreichten die Revolutionskriege die Schweizer Grenze. Im Land selbst brodelte es, vor allem in der von Bern beherrschten Westschweiz. Unter dem Eindruck dieser Bedrohung einigten sich die regierenden protestantischen und katholischen Obrigkeiten auf einen Vorschlag Berns: einen gemeinsamen, überkonfessionellen eidgenössischen Bettag. Am 16. März 1794 beteten Protestanten und Katholiken in der Schweiz erstmals gemeinsam um Frieden und Bewahrung.

„Zuruf an die freyen Helvetier, den wegen der bedenklichen Zeitumstände auf den 16. Merz 1794 verordneten Busstag in der ganzen Schweiz recht zu begehen“. Universitätsbibliothek Basel, UBH Falk 2994:2

Am selben Tag versammelten sich auf Initiative von Rabbiner Raphael Ris auch die jüdischen Gemeinden der beiden aargauischen Orte Endingen und Lengnau im Surbtal zu einem Gottesdienst – genau einen Monat vor Pessach, das in diesem Jahr am 16. April stattfand. Für diesen Anlass verfasste Ris ein gereimtes hebräisches Gebet, das sich ausdrücklich auf die Situation der Juden in der Schweiz bezog.

Stadtarchiv Zürich. Nachlass Hans Konrad Escher

Die Schönheit und Komplexität der hebräischen Reime machen eine adäquate Übersetzung ins Deutsche nahezu unmöglich. Es gab jedoch zwei Versuche: einen von Kantor Löb aus Basel, der 1916 im ersten Jüdischen Jahrbuch der Schweiz veröffentlicht wurde, und einen etwas genaueren Versuch der renommierten Kulturhistorikerin Florence Guggenheim, der genau 170 Jahre nach der Erfassung, im Jahr 1964, erfolgte. Zunächst preist und ehrt Ris Gott und all seine Taten, schildert aber auch die derzeitige trübe Lage der Welt:

Möge es Dir wohlgefällig sein, Ewiger, unser Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob, ewig lebender und bestehender Gott, Weltenkönig, Bildner aller Geschöpfe, der den Erdball mit seiner Kraft geschaffen, die Welt mit seiner Weisheit gegründet, in seiner Einsicht den Himmel ausspannte; der die feste über den Wassern erstreckte […] Du hast geboten, dass jeder Mensch seinen Nächsten liebe und in seinem Werke unterstütze, dass jeder den Neid von seiner Wohnung fernhalte und sein ganzes Sinnen sei, jeden Menschen zu lieben. Und nun: Ein Beben erschüttert die Erde, das Böse triumphiert auf der Erde, in Trümmern liegt dir Erde, es wanken die Grundfesten der Erde, Schrecken Fanggrube und Netz fielen auf die Bewohner der Erde.

Die Synagoge in Endingen zur Zeit von Raphael Ris. Aus Johann Caspar Ulrichs Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727 (k)

Besonders beeindruckend ist der Schluss, in dem es um die Schweiz und ihre jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner geht. Neben einer seltenen Erwähnung der Schweizer Berglandschaft werden darin auch die wichtigsten Anliegen und Wünsche der damals dort lebenden jüdischen Bevölkerung mit ihren sehr besonderen Lebensbedingungen thematisiert.

Ich danke Dir, Herr der Heerscharen, für die vielen Wohltaten, die Du uns erwiesen, und für all das Gute, das Du uns zukommen liessest. Vor allen Arten des Kriegsschwertes hast Du uns bis jetzt bewahrt. Vater des Erbarmens, siehe, wir danken Dir für das Vergangene und erflehen für die Zukunft, dass die Berge in Frieden aufragen und Deine Güte sich weiterhin erstreckte über die Regenten und Statthalter des Landes Schweiz und über alle, die sich unter ihrem Schutze bergen. Verlasse sie nicht; die Stimme der Not und der Bedrängnis möge nicht gehört werden in ihren Städten, die Ruhe des Friedens und der Geborgenheit erblühe in ihren Grenzen, Freude und Wonne ruhe auf ihren Wohnstätten und die Gnade des Höchsten weiche nicht von ihnen und ihrem Volke immerdar. Und neige ihr Herz zu den Juden, die unter ihrer Herrschaft wohnen, zum Guten, von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

Dieses Bettags-Gedicht für den Frieden ist weit mehr als nur ein historisches Dokument. Es spiegelt die Ängste und die tiefe Dankbarkeit der Schweizer Juden am Ende des 18. Jahrhunderts wider: die ständige Unsicherheit angesichts von Kriegen, aber auch die Wertschätzung für einen vergleichsweise freien und sicheren Zufluchtsort, den sie mit Angehörigen anderer Religionen teilen wollten. Angesichts der schwierigen Lage der Juden in der Diaspora im Allgemeinen und der Schweizer Juden im Besonderen, die stets der Doppeltreue bezichtigt wurden, musste Ris, der selbst französischer Untertan war, bei dem, was er schrieb, vorsichtig sein. In diesem Gebet werden keine Feinde erwähnt und es wird auch nicht der Wunsch geäussert, einen Krieg zu gewinnen. Vielmehr ist es ein aufrichtiges Flehen um Frieden, Ruhe und Freiheit.

Die Synagoge in Lengnau zur Zeit von Raphael Ris. Zeitgenössische Zeichnung von Johann Caspar Ulrich. B 1941.

Gerade in unserer Zeit, in der Krieg und Not wieder allgegenwärtig sind, Chaos die Welt beherrscht und es schwerfällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, gewinnen diese Worte zum bevorstehenden Pessachfest, dem Fest der Freiheit, eine schmerzlich aktuelle Kraft. Mehr als 230 Jahre nachdem sie erstmals vorgelesen wurden, hallen sie wie ein zeitloses Gebet nach, das Frieden, Freiheit, Schutz, Gnade und Güte erfleht.

Oded Fluss. Zürich. 25.3.2026.

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Hiob lässt sich taufen

Joseph Roth – Hiob. Der Roman eines einfachen Mannes. Gustav Kiepenheuer Verlag. Berlin, 1930. D 1403 (K)

Als das jüdischste Werk von Joseph Roth gilt sein 1930 in Berlin erschienener Roman Hiob. Er erzählt die tragische Geschichte des armen, frommen Schtetl-Juden Mendel Singer, der als Melamed (Torahlehrer) arbeitet und grosse Schicksalsschläge erleidet. Singer, „ein ganz alltäglicher Jude“, verliert seine Familie und damit seinen Glauben, findet ihn nach seiner Auswanderung nach Amerika jedoch wieder. Der Roman berührte die jüdischen Leserinnen und Leser so sehr, dass der Jiddist Abraham Suhl behauptete, er müsse „eine Übersetzung aus dem Jiddischen“ sein. Er wurde auch als Fortsetzungsgeschichte in der jüdischen Zeitung Israelitisches Familienblatt abgedruckt.

Israelitisches Familienblatt 20.11.1930.

Die Handlung des Romans, die für die damalige Zeit sehr relevant war und in den folgenden Jahren noch an Bedeutung gewann, sprach jedoch nicht nur jüdische Lesende, sondern Menschen allgemein an. So wurde der Roman zu Roths bekanntestem und erfolgreichstem Werk und erschien in zahlreichen Auflagen.

Joseph Roth – Ijob. Roman shel Adam pashut. Übersetzt aus dem Deutschen: Yitzhak Lamdan. Stiebel Verlag. Berlin-Tel Aviv. 1931.

Es ist daher nicht überraschend, dass der Roman weltweit für Aufsehen sorgte und in viele Sprachen übersetzt wurde. 1931, knapp ein Jahr nach der Erstveröffentlichung, erschienen bereits eine hebräische Übersetzung von Yitzhak Lamdan sowie eine englische Übersetzung von Dorothy Thompson.

Joseph Roth – Job. The story of a simple man. Translated by Dorothy Thompson. Viking Press. New York, 1931.

Das eindeutige „Happy End“ des Romans und die Tatsache, dass ein Teil von ihm in Amerika spielt, das darin positiv porträtiert wird, weckten auch das Interesse Hollywoods. Sechs Jahre nach Erscheinen des Romans kam 1936 die erste von vielen Verfilmungen unter dem Titel Sins of Man heraus. Die Regie führte Otto Brower, die Hauptrolle spielte Jean Hersholt.

Filmplakat von Sins of Man. 1936.

Eine Verfilmung von Joseph Roths Werk durch Hollywood war keineswegs selbstverständlich. Im Jahr 1934 veröffentlichte Roth den Essayband Der Antichrist. Darin ging er polemisch auf das ein, was er als die Gespenster seiner Zeit betrachtete. Neben Nationalismus und Kommunismus wandte er sich darin auch gegen das „Wunder” der Technik und insbesondere gegen die Filmindustrie und Hollywood, das er als „Hölle-Wut” bezeichnete. Am 14. Juni 1934 schrieb er an seinen Freund Stefan Zweig:

Der Film ist keine zeitliche Erscheinung allein. Er mag die Menschen selig machen, auch der Teufel macht sie zuweilen selig. Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, dass sich im quasi lebendigen Schatten der Teufel offenbart. Der Schatten, der selbst agiert und sogar spricht, ist der wahre Satan. Mit dem Kino beginnt das 20. Jahrhundert, das ist: das Vorspiel zum Untergang der Welt.

Joseph Roth – Der Antichrist. Allert de Lange. Amsterdam, 1934.

Allerdings hätte Roth, der sich Anfang der 1930er Jahre in einer finanziellen Notlage befand, eine Verfilmung seines Romans zugutekommen können. Im Dezember 1930 schrieb er an seinen Verleger Gustav Kiepenheuer: „Ich bekomme von allen Seiten Glückwünsche zum ‚Hiob‘. Hoffentlich rettet er mich […]”. In einem Brief aus dem Jahr 1931 an seine Schwiegermutter äusserte er jedoch seine Skepsis, ob dies im damaligen, vom Antisemitismus geprägten Klima möglich sein würde.

…der herrschende Antisemitismus verhindert die Verfilmung eines jüdischen Stoffes. Vor einem Jahr hätte ich mit [Hiob] 100.000 Mark verdient. Aber ich habe Glück so wenig, wie jeder alte Jud.

Trotz allem kam fünf Jahre später der Film Sins of Man mit dem Hinweis „Based on the novel ‚Job‘ by Joseph Roth” in die Kinos. Bei vielen Fans des Romans weckte der Film hohe Erwartungen. Diese wurden jedoch aus einem recht ungewöhnlichen Grund enttäuscht: Nicht die Qualität des Films oder die schauspielerischen Leistungen waren das Hauptproblem, sondern eine sehr merkwürdige Veränderung der Handlung, die vor allem den Glauben der Charaktere betraf. Kurz gesagt: Aus Roths jüdischstem Roman wurde ein christlicher Film.

Auszugsbild aus dem Vorspann des Films.

So wird vor allem die Hauptfigur des Romans, der jüdische Thora-Lehrer Mendel Singer aus Zuchnow in Russland, im Film zum protestantischen Glöckner Christopher Freyman aus der Stadt Schanbrock in Tirol, Österreich. Das hiobische Leiden, das Mendel Singer im Roman durchlebt, hängt mit seiner jüdischen Identität zusammen und führt schliesslich dazu, dass er an Gott zweifelt. Im Film wird dieses Leiden durch „allgemeinere” Leiden ersetzt. Dort betet sein Parallelcharakter Christopher Freyman in der Kirche und findet seinen Glauben wieder. In seinem Artikel »Hiob als Film«, erschienen in der Pariser Tageszeitung, fasste der Journalist Harry Kahn die Angelegenheit wie folgt zusammen:

In welcher Art der psychologische Gehalt von Roths Roman verbogen und verloren wurde, das lässt sich nicht beschreiben. Es genügt, wenn man den Titel erwähnt, unter dem der Film dann lief. Er lautete: »Die Sünden der Väter«.

Die bekannte Tatsache, dass sich Roth nach dem Ersten Weltkrieg dem Katholizismus zugewandt hat, und dies offenbar mit Stolz trug, hat viele zu der Annahme veranlasst, er sei mit den Änderungen an seinem Roman, wie sie im Film umgesetzt wurden, zumindest einverstanden gewesen – wenn nicht sogar dafür verantwortlich. Die lauteste Kritik in dieser Hinsicht kam vom Journalisten, Rabbiner und Religionswissenschaftler Fritz Rosenthal, der unter dem Pseudonym Schalom Ben-Chorin bekannt war.

Mendel Singer lässt sich taufen. Schalom Ben-Chorin. Haaretz, 30.12.1938.

Ben-Chorin war ein grosser Bewunderer von Roths Roman Hiob und sehr gespannt darauf, den Film Sins of Man zu sehen, der 1938 endlich in Palästina anlief. Seine grosse Enttäuschung darüber drückte er in einem äusserst bissigen Artikel in der hebräischen Zeitung Haaretz vom 30. Dezember 1938 aus. Der Artikel mit dem vielsagenden Titel Mendel Singer lässt sich taufen kritisierte nicht nur den Film, sondern auch Roth selbst, den Ben-Chorin dafür verantwortlich machte.

Da Joseph Roth, der Jude, ein österreichischer Katholik wurde, entspricht es dem Geist des Autors, dass der Melamed Mendel Singer aus Zuchnow zum protestantischen Glöckner Christoph Freyman aus Tirol wird. Dennoch bleibt der Jude ein Jude. Selbst wenn er keine jüdische Großmutter hat und lediglich eine fiktive Romanfigur ist […] Diese „Übersetzung” oder besser „Fälschung” führt zu einem androgynen Wesen voller Widersprüche, das mit amerikanischem Kitsch gefüllt ist.

Ben-Chorin belässt es jedoch nicht dabei, sondern wirft Roth Verrat vor. Für ihn kann die Tatsache, dass der Film in Jerusalem gezeigt und als Adaption eines Buches des „bedeutenden jüdischen Autors” beworben wurde, als Provokation angesehen werden.

Dieses bedauerliche Filmwerk, das auch heute noch als Beispiel für eine unangemessene Darstellung von Glaubensrichtungen und Meinungen angesehen werden könnte, wurde vor einiger Zeit in einem Kino in Jerusalem gezeigt. In der Werbung wurde besonders hervorgehoben, dass der Film auf dem Roman des berühmten jüdischen Autors Joseph Roth basiert. Die Tatsache, dass der Film eine ganze Woche lang gezeigt wurde, beweist, dass unsere öffentliche Meinung noch nicht ausgereift ist. Ein jüdisches Publikum mit einem ausgeprägteren kritischen Gespür hätte dieses Werk, das eine unangemessene Assimilationsleidenschaft widerspiegelt, als unangebrachte Provokation empfunden.

Anzeige für den Film „Chit’e Adam“ („Sins of Man“) im Kino Orion in Jerusalem vom 10.09.1938:
„Die Geschichte eines einfachen Mannes, basierend auf dem Buch ‚Hiob‘ von Joseph Roth.“

Ob und inwieweit Roth selbst an dem Film beteiligt war, ist unklar. Der ungarisch-österreichische Filmregisseur Géza von Cziffra berichtet in seinen Erinnerungen an Joseph Roth, dass dieser den jüdischen Drehbuchautor Osip Dymov aufgrund dessen umfassender Kenntnisse des osteuropäischen Judentums persönlich für die Verfilmung seines Hiob ausgewählt hat. Das Ergebnis gefiel den Hollywood-Produzenten jedoch nicht, weshalb sie eine Überarbeitung verlangten, die besser zum amerikanischen Publikum passen würde. Laut von Cziffra sah Roth das Endprodukt selbst nicht als etwas, das mit seinem Hiob zu tun hatte. Offensichtlich wusste auch Stefan Zweig, dass Roth den Film nicht mochte. Am 20. Mai 1936 schrieb er ihm mit einer Prise Sarkasmus:

Ihr Hollywooder Hiob soll zum Brüllen schön sein. Aus Mendel Singer haben sie einen Tiroler Bauer gemacht. Aus Menuchim einen Sänger. Ich muss den Film bald sehen. Ich werde für Sie fröhlich sein.

Haaretz 16.6.1939.

Die beste Antwort erhalten wir jedoch von Joseph Roth persönlich. Er gelangte irgendwie an den kritischen Artikel von Schalom Ben-Chorin und antwortete ihm in einem privaten Brief. Ben-Chorin veröffentlichte am 16. Juni 1939, wenige Wochen nach Roths Tod in Paris, einen kleinen Nachruf auf ihn in der Zeitung Haaretz und zitierte den Brief vollständig– allerdings in einer hebräischen Übersetzung. Im Folgenden wird erstmals eine Rückübersetzung von Roths Worten ins Deutsche vorgestellt:

Sehr geehrter Ben-Chorin,
ich bedanke mich sehr für Ihren Artikel. Ich werde mir Zeit nehmen, mich damit zu befassen, auch wenn ich es nicht schätze, in Polemiken zu geraten. Bitte beachten Sie, dass ich keinerlei Verantwortung für den Film trage, der nach meinem Roman „Hiob” gedreht wurde. Ich habe kein Cent von diesem Geld gesehen und laut meinem Vertrag auch keine Erlaubnis erhalten, mich an der Produktion des Films zu beteiligen. Ich bin seit Kriegszeiten katholisch und habe meine jüdische Herkunft nicht nur nie geleugnet, sondern immer betont.
Ich bin enttäuscht, dass der Ton der „Weltbühne” auch in die hebräische Sprache vorgedrungen ist.

Mit allem Respekt: J.R.
Paris. 8. Februar, 1939.

Dies ist der erste von mehreren Beiträgen zum Thema „Hiob in der jüdischen Literatur“. Begleitend dazu wird derzeit eine Ausstellung in der ICZ-Bibliothek aufgebaut.

Oded Fluss. Zürich, 10.3.2026.

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