Der Pessach-Hase

Die Pessach-Haggada ist eines der beliebtesten Bücher im jüdischen Volk und in jüdischen Familien. Dazu trägt bei, dass sie für ihre verspielten Verzierungen und Illustrationen bekannt ist. Jüdische Künstler liessen dabei ihrer Fantasie freien Lauf, die von ihrer Umgebung und dem Ort, an dem sie lebten, beeinflusst war. In den Illustrationen spiegeln sich mitunter ihre Träume, Ängste oder Vorstellungen von Erlösung wider. Dabei bedienten sie sich verschiedener Motive, Anspielungen und alter Volksmärchen, die mündlich überliefert oder aus alten Midraschim stammten. Einige dieser Motive sind leicht zu erkennen, andere wirken mitunter recht seltsam.

Hagadah shel Pesaḥ. 15ten Jahrhundert. British Library. Add MS 14762

Eines der merkwürdigsten Motive in diesem Zusammenhang ist der Hase. In verschiedenen alten Haggadot aus dem 15. und 16. Jahrhundert finden sich Jagdszenen, in denen das gejagte Tier als Hase dargestellt wird. Eine Jagdszene in einer Pessach-Haggada ist an sich schon seltsam genug, da sie weder mit der Pessach-Geschichte noch mit den Juden jener Zeit, in der diese Haggadot verfasst wurden, etwas zu tun hat.

Die Mantua Haggada, gedruckt von Isaac ben Samuel Bassan, 1560. Braginsky Collection, 82.

Dass bei dieser Jagd Hasen – ein nicht koscheres Tier – eine Rolle spielen, die ebenfalls nichts mit Pessach, aber sehr wohl mit dem christlichen Feiertag zu tun haben, der fast immer zur gleichen Zeit begangen wird, gab vielen Menschen Anlass zum Nachdenken. Der Hase und die „Jagd” nach „seinen” Eiern sind prägende Elemente von Ostern. Daher nahmen viele an, dass die Darstellung der Hasenjagd in den Haggadot eine Adaption oder Anspielung auf die christliche Tradition sei.

Die Prager Haggada, gedruckt von Geshon Katz. 1526, Braginsky Collection 211.

Es ist jedoch zweifelhaft, dass diese Szenen Bezug auf die christliche Tradition nehmen, da sich das Motiv des Osterhasen erst im späten 16. bzw. frühen 17. Jahrhundert zu etablieren begann. Einige der Haggadot, in denen Hasen dargestellt sind, wurden in einer früheren Zeit gedruckt. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass sie von dieser Tradition beeinflusst wurden.

Die Augsburg Haggada. 1534.

Eine einfachere Lösung für dieses Rätsel bietet die Platzierung der Hasenabbildungen in der Haggada. Diese erscheinen fast immer im Teil des Kiddusch, der vor dem Trinken des ersten Weinglases kommt. Laut dem Talmud (Pessachim) wird bei einem Zusammentreffen von Sederabend und Sabbatausgang (wie im Jahr 2025) in folgender Reihenfolge gesegnet: Jajin (Wein), Kiddusch (Heiligung), Ner (Licht), Hawdoloh (Unterscheidung) und Sman (Zeit). Die Anfangsbuchstaben dieser Segensprüche ergeben das Merkwort „JKNHS”, das von den aschkenasischen Juden „Jag’n Has” ausgesprochen wurde – daher die Darstellung einer Hasenjagd.

Die Venediger Haggada, gedrucht von Israel ha-Zifroni von Guastalla, 1609.

In der berühmten Venediger Haggada, die erstmals im Jahr 1609 gedruckt wurde, ist im Inneren des Buchstabens „Bet“ (ב) des Kiddusch eine Hasenjagd abgebildet. Direkt darüber steht in hebräischen Buchstaben die Abkürzung „יקנה“ז“ (JKNHS).

An den Wassern von Babylon : ein fast heiteres Judenbüchlein. Müller Verlag. München, 1920. D 4444 (K)

Zum Abschluss noch eine amüsante Kuriosität aus einem unserer Bibliotheksbücher. Wir haben darin eine Zeichnung entdeckt, die einen jüdischen Osterhasen mit Kippa und Pejes zeigt. Er ist von Ostereiern umgeben und vor ihm liegt eine halb aufgegessene Pessach-Mazza. Die Originalzeichnung stammt aus der im Jahr 1920 in München erschienenen Anthologie An den Wassern von Babylon. Leider gibt sie keinen Hinweis auf die Künstlerin bzw. den Künstler, so dass wir nicht wissen, ob es sich um eine Zeichnung des damaligen Besitzers oder einer Bibliotheksnutzerin bzw. eines Bibliotheksnutzers handelt.

Oded Fluss. Zürich, 26.3.2026.

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Die Haggada von Raphael Ris

Meine Mutter war eine geborene Ries oder Ris, eine Enkelin des Rabbiners Abraham Ris aus Lengnau, der seinerseits der Sohn jenes Rabbiners Raphael Ris aus Hagental war, der vom Jahre 1788 bis zu seinem Tode 1813 im Surbtal, in den Gemeinden Endigen und Lengnau amtierte.

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre

In einer der ältesten Pessach-Haggadot unserer Bibliothek verbirgt sich ein kleines, aber bedeutendes historisches Zeugnis. Auf der letzten Seite der 1790 in Fiorda (Fürth) gedruckten Haggada steht ein handschriftlicher Vermerk eines früheren Besitzers – jenes Mannes, der zu einer der zentralen Figuren des Schweizer Judentums werden sollte.

Haggada Seder shel Pessach. mit Kommentar von Abarbanel. Fürth, 1790. H 5058


Die kleine Notiz beginnt mit einem Wortspiel aus dem Talmud Bavli und verrät, dass das Buch dem Rabbiner und Kabbalisten Raphael Ris (auch Raphael Hagenthal genannt) in Endingen gehörte. Dieser wurde 1728 in der elsässischen Gemeinde Hagenthal geboren und leitete neben dem Rabbinat auch eine Jeschiwa. Von 1788 bis zu seinem Tod im Jahr 1813 amtierte Ris als Rabbiner in Lengnau und Endingen. Dies waren damals die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen Juden sich dauerhaft niederlassen und eigene Gemeinden gründen durften.

„קנין כספי אמר רחמנא והאיכא להגאון הגדול אדוננו מורינו ורבינו רפאל ב“ה אברהם האגענטאהל חונה פה ק“ק ענדיגן“
Gehört dem grossen Lehrer und Rabbiner Raphael ben Abraham Hagenthal, niedergelassen hier in der heiligen Gemeinde Endingen.

Ris gilt als Schlüsselfigur der Schweizer Juden, als Stammvater einer der bekanntesten jüdischen Familien des Landes und als Vorfahre einer langen Reihe von Rabbinern. Im Jahr 2000 veranstaltete das Jüdische Museum in Basel die Sonderausstellung Die Rabbiner Ris – Eine Familie in der Region um 1800. Der berühmte Schriftsteller Kurt Guggenheim war ein Ururenkel von Raphael Ris. In seinem autobiografischen Werk Die frühen Jahre erwähnt Guggenheim seinen Ururgrossvater mehrfach:

ich befand mich, in der Luftlinie gemessen, keine zehn Kilometer von jenem Hagenthal im Elsaß, an der Schweizer Grenze, entfernt, aus dem mein Urahne stammte, eben jener Rabbiner Raphael Ris aus Hagenthal in Lengnau, der im Jahre 1794 eines Gedicht für den Frieden der Schweiz verfaßte…

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre. Artemis Verlag. Zürich, 1962. D 4871 (k)


Wie Guggenheim richtig anmerkt, ist eine Massnahme besonders bemerkenswert, die Rabbiner Ris während der Wirren der Französischen Revolution ergriff: Im Frühjahr 1794, nur vier Jahre nach dem Druck unserer Haggada, erreichten die Revolutionskriege die Schweizer Grenze. Im Land selbst brodelte es, vor allem in der von Bern beherrschten Westschweiz. Unter dem Eindruck dieser Bedrohung einigten sich die regierenden protestantischen und katholischen Obrigkeiten auf einen Vorschlag Berns: einen gemeinsamen, überkonfessionellen eidgenössischen Bettag. Am 16. März 1794 beteten Protestanten und Katholiken in der Schweiz erstmals gemeinsam um Frieden und Bewahrung.

„Zuruf an die freyen Helvetier, den wegen der bedenklichen Zeitumstände auf den 16. Merz 1794 verordneten Busstag in der ganzen Schweiz recht zu begehen“. Universitätsbibliothek Basel, UBH Falk 2994:2

Am selben Tag versammelten sich auf Initiative von Rabbiner Raphael Ris auch die jüdischen Gemeinden der beiden aargauischen Orte Endingen und Lengnau im Surbtal zu einem Gottesdienst – genau einen Monat vor Pessach, das in diesem Jahr am 16. April stattfand. Für diesen Anlass verfasste Ris ein gereimtes hebräisches Gebet, das sich ausdrücklich auf die Situation der Juden in der Schweiz bezog.

Stadtarchiv Zürich. Nachlass Hans Konrad Escher

Die Schönheit und Komplexität der hebräischen Reime machen eine adäquate Übersetzung ins Deutsche nahezu unmöglich. Es gab jedoch zwei Versuche: einen von Kantor Löb aus Basel, der 1916 im ersten Jüdischen Jahrbuch der Schweiz veröffentlicht wurde, und einen etwas genaueren Versuch der renommierten Kulturhistorikerin Florence Guggenheim, der genau 170 Jahre nach der Erfassung, im Jahr 1964, erfolgte. Zunächst preist und ehrt Ris Gott und all seine Taten, schildert aber auch die derzeitige trübe Lage der Welt:

Möge es Dir wohlgefällig sein, Ewiger, unser Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob, ewig lebender und bestehender Gott, Weltenkönig, Bildner aller Geschöpfe, der den Erdball mit seiner Kraft geschaffen, die Welt mit seiner Weisheit gegründet, in seiner Einsicht den Himmel ausspannte; der die feste über den Wassern erstreckte […] Du hast geboten, dass jeder Mensch seinen Nächsten liebe und in seinem Werke unterstütze, dass jeder den Neid von seiner Wohnung fernhalte und sein ganzes Sinnen sei, jeden Menschen zu lieben. Und nun: Ein Beben erschüttert die Erde, das Böse triumphiert auf der Erde, in Trümmern liegt dir Erde, es wanken die Grundfesten der Erde, Schrecken Fanggrube und Netz fielen auf die Bewohner der Erde.

Die Synagoge in Endingen zur Zeit von Raphael Ris. Aus Johann Caspar Ulrichs Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727 (k)

Besonders beeindruckend ist der Schluss, in dem es um die Schweiz und ihre jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner geht. Neben einer seltenen Erwähnung der Schweizer Berglandschaft werden darin auch die wichtigsten Anliegen und Wünsche der damals dort lebenden jüdischen Bevölkerung mit ihren sehr besonderen Lebensbedingungen thematisiert.

Ich danke Dir, Herr der Heerscharen, für die vielen Wohltaten, die Du uns erwiesen, und für all das Gute, das Du uns zukommen liessest. Vor allen Arten des Kriegsschwertes hast Du uns bis jetzt bewahrt. Vater des Erbarmens, siehe, wir danken Dir für das Vergangene und erflehen für die Zukunft, dass die Berge in Frieden aufragen und Deine Güte sich weiterhin erstreckte über die Regenten und Statthalter des Landes Schweiz und über alle, die sich unter ihrem Schutze bergen. Verlasse sie nicht; die Stimme der Not und der Bedrängnis möge nicht gehört werden in ihren Städten, die Ruhe des Friedens und der Geborgenheit erblühe in ihren Grenzen, Freude und Wonne ruhe auf ihren Wohnstätten und die Gnade des Höchsten weiche nicht von ihnen und ihrem Volke immerdar. Und neige ihr Herz zu den Juden, die unter ihrer Herrschaft wohnen, zum Guten, von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

Dieses Bettags-Gedicht für den Frieden ist weit mehr als nur ein historisches Dokument. Es spiegelt die Ängste und die tiefe Dankbarkeit der Schweizer Juden am Ende des 18. Jahrhunderts wider: die ständige Unsicherheit angesichts von Kriegen, aber auch die Wertschätzung für einen vergleichsweise freien und sicheren Zufluchtsort, den sie mit Angehörigen anderer Religionen teilen wollten. Angesichts der schwierigen Lage der Juden in der Diaspora im Allgemeinen und der Schweizer Juden im Besonderen, die stets der Doppeltreue bezichtigt wurden, musste Ris, der selbst französischer Untertan war, bei dem, was er schrieb, vorsichtig sein. In diesem Gebet werden keine Feinde erwähnt und es wird auch nicht der Wunsch geäussert, einen Krieg zu gewinnen. Vielmehr ist es ein aufrichtiges Flehen um Frieden, Ruhe und Freiheit.

Die Synagoge in Lengnau zur Zeit von Raphael Ris. Zeitgenössische Zeichnung von Johann Caspar Ulrich. B 1941.

Gerade in unserer Zeit, in der Krieg und Not wieder allgegenwärtig sind, Chaos die Welt beherrscht und es schwerfällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, gewinnen diese Worte zum bevorstehenden Pessachfest, dem Fest der Freiheit, eine schmerzlich aktuelle Kraft. Mehr als 230 Jahre nachdem sie erstmals vorgelesen wurden, hallen sie wie ein zeitloses Gebet nach, das Frieden, Freiheit, Schutz, Gnade und Güte erfleht.

Oded Fluss. Zürich. 25.3.2026.

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Hiob lässt sich taufen

Joseph Roth – Hiob. Der Roman eines einfachen Mannes. Gustav Kiepenheuer Verlag. Berlin, 1930. D 1403 (K)

Als das jüdischste Werk von Joseph Roth gilt sein 1930 in Berlin erschienener Roman Hiob. Er erzählt die tragische Geschichte des armen, frommen Schtetl-Juden Mendel Singer, der als Melamed (Torahlehrer) arbeitet und grosse Schicksalsschläge erleidet. Singer, „ein ganz alltäglicher Jude“, verliert seine Familie und damit seinen Glauben, findet ihn nach seiner Auswanderung nach Amerika jedoch wieder. Der Roman berührte die jüdischen Leserinnen und Leser so sehr, dass der Jiddist Abraham Suhl behauptete, er müsse „eine Übersetzung aus dem Jiddischen“ sein. Er wurde auch als Fortsetzungsgeschichte in der jüdischen Zeitung Israelitisches Familienblatt abgedruckt.

Israelitisches Familienblatt 20.11.1930.

Die Handlung des Romans, die für die damalige Zeit sehr relevant war und in den folgenden Jahren noch an Bedeutung gewann, sprach jedoch nicht nur jüdische Lesende, sondern Menschen allgemein an. So wurde der Roman zu Roths bekanntestem und erfolgreichstem Werk und erschien in zahlreichen Auflagen.

Joseph Roth – Ijob. Roman shel Adam pashut. Übersetzt aus dem Deutschen: Yitzhak Lamdan. Stiebel Verlag. Berlin-Tel Aviv. 1931.

Es ist daher nicht überraschend, dass der Roman weltweit für Aufsehen sorgte und in viele Sprachen übersetzt wurde. 1931, knapp ein Jahr nach der Erstveröffentlichung, erschienen bereits eine hebräische Übersetzung von Yitzhak Lamdan sowie eine englische Übersetzung von Dorothy Thompson.

Joseph Roth – Job. The story of a simple man. Translated by Dorothy Thompson. Viking Press. New York, 1931.

Das eindeutige „Happy End“ des Romans und die Tatsache, dass ein Teil von ihm in Amerika spielt, das darin positiv porträtiert wird, weckten auch das Interesse Hollywoods. Sechs Jahre nach Erscheinen des Romans kam 1936 die erste von vielen Verfilmungen unter dem Titel Sins of Man heraus. Die Regie führte Otto Brower, die Hauptrolle spielte Jean Hersholt.

Filmplakat von Sins of Man. 1936.

Eine Verfilmung von Joseph Roths Werk durch Hollywood war keineswegs selbstverständlich. Im Jahr 1934 veröffentlichte Roth den Essayband Der Antichrist. Darin ging er polemisch auf das ein, was er als die Gespenster seiner Zeit betrachtete. Neben Nationalismus und Kommunismus wandte er sich darin auch gegen das „Wunder” der Technik und insbesondere gegen die Filmindustrie und Hollywood, das er als „Hölle-Wut” bezeichnete. Am 14. Juni 1934 schrieb er an seinen Freund Stefan Zweig:

Der Film ist keine zeitliche Erscheinung allein. Er mag die Menschen selig machen, auch der Teufel macht sie zuweilen selig. Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, dass sich im quasi lebendigen Schatten der Teufel offenbart. Der Schatten, der selbst agiert und sogar spricht, ist der wahre Satan. Mit dem Kino beginnt das 20. Jahrhundert, das ist: das Vorspiel zum Untergang der Welt.

Joseph Roth – Der Antichrist. Allert de Lange. Amsterdam, 1934.

Allerdings hätte Roth, der sich Anfang der 1930er Jahre in einer finanziellen Notlage befand, eine Verfilmung seines Romans zugutekommen können. Im Dezember 1930 schrieb er an seinen Verleger Gustav Kiepenheuer: „Ich bekomme von allen Seiten Glückwünsche zum ‚Hiob‘. Hoffentlich rettet er mich […]”. In einem Brief aus dem Jahr 1931 an seine Schwiegermutter äusserte er jedoch seine Skepsis, ob dies im damaligen, vom Antisemitismus geprägten Klima möglich sein würde.

…der herrschende Antisemitismus verhindert die Verfilmung eines jüdischen Stoffes. Vor einem Jahr hätte ich mit [Hiob] 100.000 Mark verdient. Aber ich habe Glück so wenig, wie jeder alte Jud.

Trotz allem kam fünf Jahre später der Film Sins of Man mit dem Hinweis „Based on the novel ‚Job‘ by Joseph Roth” in die Kinos. Bei vielen Fans des Romans weckte der Film hohe Erwartungen. Diese wurden jedoch aus einem recht ungewöhnlichen Grund enttäuscht: Nicht die Qualität des Films oder die schauspielerischen Leistungen waren das Hauptproblem, sondern eine sehr merkwürdige Veränderung der Handlung, die vor allem den Glauben der Charaktere betraf. Kurz gesagt: Aus Roths jüdischstem Roman wurde ein christlicher Film.

Auszugsbild aus dem Vorspann des Films.

So wird vor allem die Hauptfigur des Romans, der jüdische Thora-Lehrer Mendel Singer aus Zuchnow in Russland, im Film zum protestantischen Glöckner Christopher Freyman aus der Stadt Schanbrock in Tirol, Österreich. Das hiobische Leiden, das Mendel Singer im Roman durchlebt, hängt mit seiner jüdischen Identität zusammen und führt schliesslich dazu, dass er an Gott zweifelt. Im Film wird dieses Leiden durch „allgemeinere” Leiden ersetzt. Dort betet sein Parallelcharakter Christopher Freyman in der Kirche und findet seinen Glauben wieder. In seinem Artikel »Hiob als Film«, erschienen in der Pariser Tageszeitung, fasste der Journalist Harry Kahn die Angelegenheit wie folgt zusammen:

In welcher Art der psychologische Gehalt von Roths Roman verbogen und verloren wurde, das lässt sich nicht beschreiben. Es genügt, wenn man den Titel erwähnt, unter dem der Film dann lief. Er lautete: »Die Sünden der Väter«.

Die bekannte Tatsache, dass sich Roth nach dem Ersten Weltkrieg dem Katholizismus zugewandt hat, und dies offenbar mit Stolz trug, hat viele zu der Annahme veranlasst, er sei mit den Änderungen an seinem Roman, wie sie im Film umgesetzt wurden, zumindest einverstanden gewesen – wenn nicht sogar dafür verantwortlich. Die lauteste Kritik in dieser Hinsicht kam vom Journalisten, Rabbiner und Religionswissenschaftler Fritz Rosenthal, der unter dem Pseudonym Schalom Ben-Chorin bekannt war.

Mendel Singer lässt sich taufen. Schalom Ben-Chorin. Haaretz, 30.12.1938.

Ben-Chorin war ein grosser Bewunderer von Roths Roman Hiob und sehr gespannt darauf, den Film Sins of Man zu sehen, der 1938 endlich in Palästina anlief. Seine grosse Enttäuschung darüber drückte er in einem äusserst bissigen Artikel in der hebräischen Zeitung Haaretz vom 30. Dezember 1938 aus. Der Artikel mit dem vielsagenden Titel Mendel Singer lässt sich taufen kritisierte nicht nur den Film, sondern auch Roth selbst, den Ben-Chorin dafür verantwortlich machte.

Da Joseph Roth, der Jude, ein österreichischer Katholik wurde, entspricht es dem Geist des Autors, dass der Melamed Mendel Singer aus Zuchnow zum protestantischen Glöckner Christoph Freyman aus Tirol wird. Dennoch bleibt der Jude ein Jude. Selbst wenn er keine jüdische Großmutter hat und lediglich eine fiktive Romanfigur ist […] Diese „Übersetzung” oder besser „Fälschung” führt zu einem androgynen Wesen voller Widersprüche, das mit amerikanischem Kitsch gefüllt ist.

Ben-Chorin belässt es jedoch nicht dabei, sondern wirft Roth Verrat vor. Für ihn kann die Tatsache, dass der Film in Jerusalem gezeigt und als Adaption eines Buches des „bedeutenden jüdischen Autors” beworben wurde, als Provokation angesehen werden.

Dieses bedauerliche Filmwerk, das auch heute noch als Beispiel für eine unangemessene Darstellung von Glaubensrichtungen und Meinungen angesehen werden könnte, wurde vor einiger Zeit in einem Kino in Jerusalem gezeigt. In der Werbung wurde besonders hervorgehoben, dass der Film auf dem Roman des berühmten jüdischen Autors Joseph Roth basiert. Die Tatsache, dass der Film eine ganze Woche lang gezeigt wurde, beweist, dass unsere öffentliche Meinung noch nicht ausgereift ist. Ein jüdisches Publikum mit einem ausgeprägteren kritischen Gespür hätte dieses Werk, das eine unangemessene Assimilationsleidenschaft widerspiegelt, als unangebrachte Provokation empfunden.

Anzeige für den Film „Chit’e Adam“ („Sins of Man“) im Kino Orion in Jerusalem vom 10.09.1938:
„Die Geschichte eines einfachen Mannes, basierend auf dem Buch ‚Hiob‘ von Joseph Roth.“

Ob und inwieweit Roth selbst an dem Film beteiligt war, ist unklar. Der ungarisch-österreichische Filmregisseur Géza von Cziffra berichtet in seinen Erinnerungen an Joseph Roth, dass dieser den jüdischen Drehbuchautor Osip Dymov aufgrund dessen umfassender Kenntnisse des osteuropäischen Judentums persönlich für die Verfilmung seines Hiob ausgewählt hat. Das Ergebnis gefiel den Hollywood-Produzenten jedoch nicht, weshalb sie eine Überarbeitung verlangten, die besser zum amerikanischen Publikum passen würde. Laut von Cziffra sah Roth das Endprodukt selbst nicht als etwas, das mit seinem Hiob zu tun hatte. Offensichtlich wusste auch Stefan Zweig, dass Roth den Film nicht mochte. Am 20. Mai 1936 schrieb er ihm mit einer Prise Sarkasmus:

Ihr Hollywooder Hiob soll zum Brüllen schön sein. Aus Mendel Singer haben sie einen Tiroler Bauer gemacht. Aus Menuchim einen Sänger. Ich muss den Film bald sehen. Ich werde für Sie fröhlich sein.

Haaretz 16.6.1939.

Die beste Antwort erhalten wir jedoch von Joseph Roth persönlich. Er gelangte irgendwie an den kritischen Artikel von Schalom Ben-Chorin und antwortete ihm in einem privaten Brief. Ben-Chorin veröffentlichte am 16. Juni 1939, wenige Wochen nach Roths Tod in Paris, einen kleinen Nachruf auf ihn in der Zeitung Haaretz und zitierte den Brief vollständig– allerdings in einer hebräischen Übersetzung. Im Folgenden wird erstmals eine Rückübersetzung von Roths Worten ins Deutsche vorgestellt:

Sehr geehrter Ben-Chorin,
ich bedanke mich sehr für Ihren Artikel. Ich werde mir Zeit nehmen, mich damit zu befassen, auch wenn ich es nicht schätze, in Polemiken zu geraten. Bitte beachten Sie, dass ich keinerlei Verantwortung für den Film trage, der nach meinem Roman „Hiob” gedreht wurde. Ich habe kein Cent von diesem Geld gesehen und laut meinem Vertrag auch keine Erlaubnis erhalten, mich an der Produktion des Films zu beteiligen. Ich bin seit Kriegszeiten katholisch und habe meine jüdische Herkunft nicht nur nie geleugnet, sondern immer betont.
Ich bin enttäuscht, dass der Ton der „Weltbühne” auch in die hebräische Sprache vorgedrungen ist.

Mit allem Respekt: J.R.
Paris. 8. Februar, 1939.

Dies ist der erste von mehreren Beiträgen zum Thema „Hiob in der jüdischen Literatur“. Begleitend dazu wird derzeit eine Ausstellung in der ICZ-Bibliothek aufgebaut.

Oded Fluss. Zürich, 10.3.2026.

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Schluss mit Purim!

Ich schlage vor, das Purim-Fest vom jüdischen Kalender abzusetzen und das Buch Esther aus dem Kanon der Heiligen Schriften auszuschliessen.

So beginnt Schalom Ben-Chorin (1913–1999) seine im Jahr 1938 in Jerusalem verfasste „Theologische Streitschrift“. Ben-Chorin (hebräisch für „der Freie, der sein eigener Herr ist”) war das Pseudonym von Fritz Rosenthal, einem Rabbiner, Journalisten und Religionswissenschaftler. Er verfasste das Werk nur drei Jahre nach seiner Einwanderung aus Deutschland nach Palästina.

Shalom Ben-Chorin (Fritz Rosenthal)

Die seltene Broschüre, die sich in unserer Bibliothek befindet, geht über die bekannte halachische Polemik hinaus, dass die Esther-Megillah ein dem Kanon der jüdischen Schriften eher fremder Text sei, oder Gott werde darin kein einziges Mal erwähnt. Auch die übliche Abneigung gegen die etwas unbescheidenen – um nicht zu sagen „unjüdischen” – Bräuche, für die das Purimfest bekannt ist, wie Alkoholkonsum bis zur Besinnungslosigkeit, Narretei und Clownerie, sind nicht das Thema. Ben-Chorin sieht Purim als „Fest der Galut” und kritisiert vor allem den moralischen Aspekt der Esther-Geschichte und ihrer Hauptfiguren.

Shalom Ben-Chorin – Kritik des Estherbuches. Eine theologische Streitschrift. Heatid Verlag. Jerusalem, 1938. B 527.

Laut Ben-Chorin waren die in der jüdischen Folklore beliebten Figuren Esther und Mordechai unaufrichtig, egoistisch, feige und eitel. Er betrachtete Mordechais Entscheidung, seine Adoptivtochter Esther dem König zu übergeben, sowie seinen Rat an sie, über ihre Herkunft zu schweigen, als mutlos, unjüdisch und definitiv nicht heldenhaft.

Mardochai ist nicht der Mann, bei dem wir heroische oder märtyrerhafte Züge zu vermuten geneigt sind. Sein Adoptivkind Esther gibt er widerspruchslos in die Hand des Eunuchen Hegai, der es sorgfältig für den König vorbereitet; seiner einem königlichen Wüstling preisgegebenen Esther weiss er keinen anderen väterlichen Rat mitzugeben, als zu schweigen und nicht merken zu lassen, dass sie Jüdin sei […] Ein Mann von religiöser Gesinnung hätte Esther nicht kampflos preisgegeben.

Dan Rubinstein – Mordechai reitet auf dem Pferd des Königs, trägt dessen Gewänder und wird von Haman angeführt.

Vor allem aber war Mordechais Weigerung, sich Haman zu unterwerfen, angesichts der prekären Situation der Juden in Susa nicht politisch klug. Diese Einschätzung wird durch Mordechais Bereitschaft, sich auf einem Pferd durch das Königreich führen zu lassen, noch verstärkt. Somit ist Mordechai laut Ben Chorin nicht nur eitel, sondern auch dumm.

Das Edikt, das den Pogrom erlaubt, ja anordnet, hängt bereits in den Strassen der Residenzstadt Susa (IV,3), da beschliesst Achaschverosch, Mardochai in pompöser Weise zu ehren (VI,7-11). Was tut Mardochai? Jeden Stolzes bar, nimmt er die Ehrung aus den Händen seiner Todfeinde an. Er ist eben nicht nur eitel, er ist auch dumm. Er lässt sich öffentlich ehren, obwohl er weiss, dass dies wenige Monate vor dem angeordneten Pogrom die antijüdische Stimmung steigern muss.

Ebenso erweist sich Esther für Ben-Chorin als „schwacher Charakter“. Abgesehen von ihrer Schönheit zeichnet sie sich vor allem durch ihre Passivität aus. Im Umgang mit Ahasveros wirkt sie auf Ben-Chorin eher listig als klug. Sie ist viel zu vorsichtig in ihren Handlungen, obwohl ihr die grosse Gefahr bewusst ist, die vor ihr liegt.

Ist Esther nun wenigstens in diesem Augenblick die Heldin, die Heilige der Tradition? Keineswegs. Sie ist eine schöne, lebenslustige, kluge Frau, die den Weg des geringsten Widerstandes wählt. Was ist einfacher und erfolgversprechender […] Esther ist vorsichtig. Sie klagt nicht frei den Uebeltäter an. Sie ist nicht erfüllt von der gerechten Sache, sie wagt möglichst wenig. Sie verschiebt die Entscheidung. Erst nachdem sie sich – durch zwei Gastmähler – den König gefügig gemacht hat, erhebt sie Klage gegen Haman.


Die Erhängung Hamans und seiner Söhne.. Aus der Megillat Esther. UB Basel, CL 199.

Für Ben-Chorin steht das Schlimmste jedoch am Ende der Geschichte. Er vergleicht die Rache von Esther und Mordechai – die Erhängung Hamans sowie die seiner zehn Söhne, deren Schuld nie bewiesen wurde, und die Ermordung von 800 Menschen unter dem Schutz des Königs – mit den abscheulichsten Pogromen gegen Juden unter den schlimmsten Regimes. Angesichts dessen, was die Juden unter Terrorregimes durchgemacht haben, kann er dieses „Happy End“ nicht als Grund zum Feiern sehen.

Mardochai macht Revolution mit Erlaubnis der Obrigkeit. Das ist die peinlichste Art von Terror, die man sich denken kann: Terror ohne Risiko. Ein Pogrom, der von der Regierung gedeckt wird, ist um nichts besser, wenn er von Juden begangen wird. Das haben uns die Antisemiten des Öfteren schon vorgeworfen […] Und Esther, die „Myrthe“? Hier zeigt sie sich von einer recht peinlichen Seite. Ein Pogromtag ist ihr zu wenig. Sie will noch einen zweiten und bekommt ihn zugebilligt. Die zehn Söhne Hamans, deren Mittäterschaft keineswegs erwiesen ist, sind zwar getötet. Aber das genügt nicht; noch die Leichen müssen gehenkt werden. Das ist Esther: zuerst skrupellos erfolgsüchtig, dann feige, zuletzt grausam.

Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, zieht Ben-Chorin einen Vergleich zwischen Purim und Chanukka. Während er Chanukka als den wahren jüdischen Nationalfeiertag betrachtet, der einen echten Sieg aus eigener Kraft symbolisiert, ist Purim für ihn ein Feiertag der Galut (Diaspora). Dieser sollte seiner Meinung nach keinen Platz mehr haben, sobald das jüdische Volk in sein Land zurückgekehrt ist.

Dieses Fest Purim ist das Fest jener Seele, welche die Galuth uns einhauchte. Wir wollen frei werden von diesem Geist, frei von diesem Fest, das eines selbstbewussten, aufrechten Volkes unwürdig ist. Unser nationales Fest ist Chanukkah, das Fest des Sieges der eigenen Kraft, die ihre Wurzel im Vertrauen auf Gott hat.

Aert de Gelder – Esther und Mordechai schrieben den ersten Purim-Brief.

Ben-Chorin zufolge ist das Buch Esther kein göttliches, sondern ein menschliches Werk. Daher sieht er kein Problem darin, sich ihm entgegenzustellen. Als Beweis führt er das Buch Esther selbst an und zitiert Kapitel 9, Verse 20–32, in denen Mordechai und Esther als die Verfasser genannt werden.

Was von Menschen eingesetzt ist, unterliegt menschlicher Kritik und kann von Menschen wieder gelöscht werden – auch nach Jahrtausenden. Was aber geoffenbart ist, das ist ewig und uns ist es nicht gegeben, etwas hinzuzutun oder hinwegzunehmen (Deut. IV,2). Im Falle des Purimfestes aber handelt es sich um die Stiftung von Menschen (IX, 20-32), deren Vorbildlichkeit durch diese Abhandlung in Frage gestellt werden sollte.

Der Israelit. 24.2.1938.

Dieser ziemlich radikale Text war bei seiner Erstveröffentlichung noch radikaler. Er wurde 1937 geschrieben, zu einer Zeit, in der das jüdische Volk jeden Trost nötig hatte. Da Purim eines der wenigen jüdischen Feste ist, die nicht nur Freude äussern erlauben, sondern auch fördern, wurde der Text fast einhellig negativ aufgenommen. Kurz vor Purim 1938 veröffentlichte Der Israelit, das zentrale Organ des orthodoxen Judentums in Deutschland, einen bissig-kritischen Artikel mit dem Titel „Eine typische Zeitverirrung”. Darin wurde Ben-Chorins Text als „Heiligenschändung im Dienste der Religiosität” bezeichnet. Ben-Chorin erzählte später, dass er, als er mit seinem Sohn in Mea Shearim in Jerusalem spazieren ging, ein Plakat sah, das zu einer Bannfluch gegen ihn aufrief.

Samuel Hugo Bergmann (1883-1975)

Einige bekannte Personen fanden den Text hingegen sehr positiv und aufschlussreich. Max Brod, der in seinem vergessenen Theaterstück Eine Königin Esther eine ähnliche Haltung vertrat, schrieb: „Man lese und werte die Argumente des temperamentvollen und mit viel Gelehrsamkeit gerüsteten Entrüsteten.“ Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz schrieb persönlich an Ben-Chorin: „Ihr Kampf gegen das Purimfest ist grossartig.“ Am meisten beeindruckt war wohl Samuel Hugo Bergmann. Der bekannte Philosoph und legendäre Direktor der Nationalbibliothek Israels war damals Rektor der Hebräischen Universität Jerusalem. Er hat den Text nicht nur gefördert, sondern auch einen Einleitungsbrief zu diesem Werk verfasst.

Shalom Ben-Chorin – Kritik des Estherbuches. Eine theologische Streitschrift. Heatid Verlag. Jerusalem, 1938. B 527.

Selbstverständlich muss man nicht mit allen Behauptungen Ben-Chorins einverstanden sein. Er selbst vergleicht seinen aussichtslosen Kampf gegen Purim mit Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen. Natürlich gibt es viele schöne und heilsame Bräuche an Purim, wie das Spenden an die Armen und das Versenden der Schlachmones (Geschenke an Verwandte und Freunde). Auch der aus anderen Religionen stammende Karnevalsaspekt ist für jedes jüdische Kind ein freudiges Ereignis und für Erwachsene nostalgisch.

Purim. Aus Sefer Minhagim. Amsterdam, 1722.

Es lohnt sich jedoch, Ben-Chorins Ideen zu bedenken und nicht alles als selbstverständlich hinzunehmen, was wir zu wissen glauben. Gerade in der damals neuen Situation, die eine Befreiung aus der Galut und die Rückkehr ins Gelobte Land versprach, ist es wichtig, auch das Unbehagen einzugestehen, das das Buch Esther auslöst. Wie Ben-Chorin selbst schreibt:

ich glaube, es gibt nur eine Sünde gegen die Heilige Schrift: den Indifferentismus Man muss die Schrift wieder so ernst nehmen, dass man bebt vor Begeisterung und Ablehnung; dass man entschlossen ist, aller Sentiments ungeachtet, sich dem Wort neu zu konfrontieren.

Oded Fluss. Zürich, 25.2.2026

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Der Anne Frank Baum

Zu den wenigen Freuden und Tröstungen, die Anne Frank während ihrer mehr als zweijährigen Zeit im Versteck in Amsterdam hatte, gehörte der alte Kastanienbaum vor dem Fenster ihres Unterschlupfs. Zusammen mit dem blauen Himmel und den singenden Vögeln symbolisierte er ihre Sehnsucht nach Natur, Freiheit und Liebe.

Miep Gies – Meine Zeit mit Anne Frank. Scherz Verlag. Bern, 1988. D 31610 (k).

Miep Gies, die die Familie Frank zusammen mit ihrem Mann und anderen Freunden versteckt hielt und nach deren Verhaftung Anne Franks Tagebuch rettete, berichtete in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank über Anne Franks besondere Beziehung zu dem Baum.

Ich stieg die steile Treppe hinauf. Als ich am Schlafzimmer der Franks vorbeikam, sah ich Anne allein am Fenster sitzen […] Anne saß an dem alten Küchentisch neben dem Fenster. Von ihrem Stuhl aus konnte sie auf den großen Kastanienbaum und die Grünanlagen blicken, ohne selber gesehen zu werden[…] Oben im Versteck zog mich Anne zum verhängten Fenster mit den inzwischen sehr schmutzigen Gardinen und zeigte mir jedes neue Grün an der großen Kastanie. Es war wirklich ein prachtvoller Baum, übersät mit prallen Knospen. Anne beobachtete genau, wie sie täglich dicker wurden und sich zu entfalten begannen.

Peter van Pels (1926-1945)

In ihrem berühmten Tagebuch erwähnt Anne Frank den geliebten Baum mehrfach – stets in einem positiven Kontext. Bemerkenswert ist die wesentliche Rolle, die dieser Baum in der sich entwickelnden Beziehung des Mädchens zu Peter spielt. Peter van Pels und seine Familie waren ebenfalls zusammen mit den Franks untergetaucht und oft wurde der Baum erwähnt, wenn sich die beiden sahen und unterhielten. Er scheint zusammen mit ihrer Beziehung zu wachsen und zu reifen und diese widerzuspiegeln. So erwähnt Anne den noch kahlen Baum am 23. Februar 1944 zum ersten Mal in ihrem Tagebuch, nur zwei Wochen nach dem Tu-Bischwat-Feiertag – was ihr jedoch vermutlich nicht bewusst war.

Liebe Kitty! Seit gestern ist es draußen herrliches Wetter, und ich bin vollkommen aufgekratzt[…] Ich gehe fast jeden Morgen zum Dachboden, um mir die dumpfe Stubenluft aus den Lungen wehen zu lassen. Heute morgen, als ich wieder zum Dachboden ging, war Peter am Aufräumen. Bald war er fertig, und während ich mich auf meinen Lieblingsplatz auf den Boden setzte, kam er auch. Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so, daß wir nicht mehr sprechen konnten.

Aus Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld. Fischer Sauerländer Verlag. Frankfurt, 2018. D 22450 K

Während ihrer kurzen ersten Liebeszeit verbringen sie die meiste Zeit nebeneinander am offenen Fenster, jeder auf einer Seite, und blicken auf den Baum. Sie sprechen über ihr Leben, ihre Ängste und Geheimnisse. Kein Wunder also, dass der Baum unmittelbar nach ihrem ersten Kuss wieder auftaucht. Jetzt ist er schon ziemlich grün und trägt kleine Kerzen.

Gestern sind Peter und ich dann endlich zu unserem Gespräch gekommen, das mindestens schon zehn Tage verschoben worden ist. Ich habe ihm alles von den Mädchen erklärt und mich nicht gescheut, die intimsten Dinge zu besprechen. […] Der Abend endete mit einem Kuss, ein bisschen neben dem Mund. Es ist wirklich ein tolles Gefühl! […] Unsere Kastanie ist schön ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.

18. April 1944

Die letzte Erwähnung des Baumes erfolgt weniger als drei Monate vor ihrer Gefangennahme. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich Peter und Anne in der Blüte ihrer Liebe – ebenso wie der Baum, der ebenfalls in voller Blüte steht. Sie verbringen jeden Abend gemeinsam und sprechen über ihre Hoffnungen und Träume. Zudem geben sie sich vor dem Schlafengehen einen Kuss. Es fügt sich daher schön, dass der Baum ausgerechnet zum Hochzeitstag von Annes Eltern erwähnt wird:

Liebe Kitty! Gestern hatte Vater Geburtstag und Vater und Mutter waren 19 Jahre verheiratet. Es war kein Putzfrau-Tag und die Sonne schien, wie sie 1944 noch nie geschienen hat. Unser Kastanienbaum steht von unten bis oben in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.

13. Mai 1944

Der Anne Frank Baum (2006).

Im Gegensatz zu Anne und Peter, die den Holocaust leider nicht überlebten, hatte der alte Kastanienbaum den Krieg überstanden. In den folgenden Jahren war er jedoch wiederholt von Verschmutzung, Pilzbefall und strukturellen Schwächen bedroht. Dies veranlasste die Amsterdamer Behörden, Erhaltungsmassnahmen zu finanzieren. Später erteilten sie inmitten intensiver Debatten in den 2000er Jahren eine Fällgenehmigung. Nach Protesten, rechtlichen Schritten, Gutachten und Verhandlungen installierten Befürworter im April 2008 eine Stahlstützkonstruktion, um das Leben des Baums zu verlängern.

Ein Setzling von Anne Franks Baum in Yad Vashem in Jerusalem. (Bild von Ehud Amir).

Trotz dieser Massnahmen stürzte der kranke Baum am 23. August 2010 bei einem starken Sturm um. Er brach etwa einen Meter über dem Boden ab und fiel harmlos in den Garten, ohne dass es zu Verletzungen oder Schäden an benachbarten Gebäuden kam. Vorausschauend hatten das Anne-Frank-Haus und Unterstützer bereits Kastanien gesammelt und Setzlinge gezogen. Diese Nachkommen des Baums wurden und werden seither weltweit gepflanzt – in Parks, Gedenkstätten wie Yad Vashem in Jerusalem sowie an Einrichtungen, die sich für Toleranz, Menschenrechte und Bildung einsetzen. Sie bilden ein lebendiges Denkmal und tragen Annes Botschaft von Hoffnung, Menschlichkeit und Liebe weiter. Gerade in diesen Tagen vor Tu biSchwat, dem jüdischen Neujahrsfest der Bäume, erblühen sie – stumme Zeugen einer Sehnsucht, die niemals vergeht.

Oded Fluss. Zürich, 27.1.2026.

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Der Ewige Jude in der Schweiz

Die tragische Volkssage vom „Wandernden Juden“ – auch bekannt als „der Ewige Jude“ – reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der Legende zufolge bat Jesus auf dem schmerzvollen Weg zur Kreuzigung einen jüdischen Schuhmacher, vor dessen Haus kurz ausruhen zu dürfen. Der Mann wies ihn barsch ab und verspottete ihn. Daraufhin sprach Jesus die Worte des Fluches: „Ich werde ruhen, du aber sollst gehen.“ Von diesem Augenblick an war der Jude (später meist Ahasverus genannt) verdammt, ruhelos durch die Welt zu irren, ohne je Erlösung durch den Tod zu finden.

Gustave Doré – Der wandernde Jude.

Die Figur des Ewigen Juden entwickelte sich zu einer Metapher für das jüdische Volk als Ganzes: ein Volk, das sich über Jahrhunderte hinweg auf die Suche nach Ruhe und einer stabilen Heimat begab, ohne diese dauerhaft zu erlangen – und das sich dennoch, allen Verfolgungen, Vertreibungen und Feindseligkeiten zum Trotz, bis in die Gegenwart behauptet hat. Der Ewige Jude erfüllt dabei zwei gegensätzliche Rollen: Einerseits dient er als antisemitisches Zerrbild des „bösen Juden“, der wie ein Gespenst die Welt heimsucht. Andererseits gilt er als letzter unmittelbarer Zeuge Jesu und scheint dessen historische Existenz zu belegen. Diese Figur inspirierte die Fantasie vieler Künstler, Autoren und Dichter und wurde zu einem Kernmythos, an den viele glaubten.

Gustave Doré – Der wandernde Ewige Jude. Aus Eduard Fuchs Die Juden in der Karikatur. München, 1921. Q 39a

Kein Wunder also, dass noch mehr als fünf Jahrhunderte nach Entstehung der Sage unzählige Menschen in ganz Europa – von Skandinavien bis Italien – ernsthaft versicherten, sie hätten den ruhelosen Wanderer mit eigenen Augen gesehen und sogar mit ihm gesprochen. Diese „Zeugnisse” wurden mündlich weitergegeben und entwickelten sich zu lokalen Volksgeschichten und Folklore. Auch die Schweiz bildet hierbei keine Ausnahme, denn auch hier lassen sich Spuren seiner Wanderungen finden.

Aus Jacob Grimms Deutsche Sagen.

So befindet sich in den Märchen der Brüder Grimm die Geschichte Der Ewige Jud auf dem Matterhorn. Darin manifestiert sich der Jude ironischerweise in der Rolle Jesu, eines erschöpften Reisenden, der keinen Ruheort findet (in einigen Versionen wird er von den Einheimischen verspottet und verjagt) und schliesslich die Gegend, durch die er reist, verflucht. Daraufhin verwandelte sich die einstmals lebendige Stadt in eine verlassene Wüste aus Eis und Schnee.

Jüdisches Museum der Schweiz JMS 1211.

Ein Besuch des Ewigen Juden wurde nicht nur in den Hochalpen, sondern auch in zentralen Regionen der Schweiz dokumentiert. Im Jüdischen Museum in Basel befindet sich ein frühes Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, das den Ewigen Juden beim Wandern durch Basel zeigt. Die eindeutig antisemitische Darstellung zeigt ihn mit abgetragenen Schuhen, einem Sack und einem Wanderstock. Darunter steht auf Französisch zu lesen:

Juif en haillons cachant un million. Epoque de la très haute et très noble chevallerie et de la bien sainte Inqusition. [Ein Jude in Lumpen, der eine Million versteckt. Die Zeit der edlen Ritterlichkeit und der heiligen Inquisition.]

Johann Caspar Ulrich- Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727

Ein besonders kurioser Zeitzeuge ist Johann Caspar Ulrich (1705–1768). Er war Pfarrer am Zürcher Fraumünster und Verfasser der Sammlung jüdischer Geschichten, die 1768 in Basel erschien (siehe dazu auch unseren früheren Beitrag). Darin berichtet er, wie ein Bekannter ihm von einem Treffen mit dem Ewigen Juden erzählte – allerdings nicht mit ihm selbst, sondern mit dessen abgenutzten Schuhen und Wanderstock, die sich in der Obrigkeitlichen Bibliothek in Bern befänden.

 Auf der obrigkeitlichen Bibliothek zu Bern wird ein kostbares Stück aufbewahrt, ein Stecken und ein Paar Schuhe von dem Ewigen Juden. Man muß aus der Bibliothek etliche Tritte herunter in ein Souterrain steigen, allwo ein türkischer Habit zu sehen. In gleichem Kabinet finden sich auch des unsterblichen Juden Stecken und Schuhe; der Stecken ziemlich grob und stark, die Schuhe ungemein groß und von hundert Bletzen zusammengesetzt, ein Meisterstück von einem Schuhmacher, weil sie mit vieler Mühe, Fleiß und Geschicklichkeit aus gar vielen ledernen Theilen zusammengeflickt worden.

Auch wenn Ulrich dies nie selbst bestätigt hat und es sich nur um Hörensagen handelt, hat sich diese Geschichte verbreitet. Wir finden den Wanderstock und die Schuhe des Ewigen Juden in weiteren Schweizer Quellen. So zum Beispiel in E. L. Rochholz‘ Schweizersagen aus dem Aargau (1856) wird berichtet, „bei seinem Weggang aus Bern ließ er [der Jude] Wanderstab und Reiseschuhe dort zurück”. C. Kohlrusch im Schweizerischen Sagenbuch (1854) kennt nur einen Schuh, der „in einer Plunderkammer unter der Bibliothek liegt und von dem es heißt, Ahasver habe ihn bei der Wanderung über die Grimsel von seinem Fuß verloren”. In seinem Werk Ueber Gespenster in Sage und Dichtung (1869) gibt Professor Karl Robert Pabst sogar das frivole Gerede wieder, Ahasver habe Stab und Schuhe als Pfand für Zechschulden zurücklassen müssen.

Karikatur aus: Nebelspalter: das Humor- und Satiremagazin. Zürich, 24. September 1881.
„Bald zwei Jahrtausende wandere ich in der Welt umher und stürze mich umsonst in alle Gefahren, um den Tod zu finden. Jetzt bleibt mir nur eins: Ich gehe in den Bahnhof Winterthur, dort kommt ja Keiner lebend davon. Dank Dir, Du gute N. O. B.! [Schweizer Nordostbahn]“

Ob sich diese Reliquien je wirklich in einem verborgenen Magazin der Berner Bibliothek befanden – oder gar noch heute dort schlummern –, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Der Forscher Dr. H. Dübi befasste sich 1906 mit dieser Frage, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Selbst wenn die Geschichte wahr wäre, wären die Schuhe und der Stock seiner Schlussfolgerung zufolge nicht auffindbar, da sie von Mäusen und Ratten gefressen worden seien, die „wie erzählt wird, gelegentlich aus dem daneben stehenden alten Kornmagazin in die Bücherräume eindrangen”.

Oded Fluss. Zürich, 21.1.2026

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Froschkönig Hessel

Ohne sein tragisches Schicksal wäre Franz Hessel heute wohl kaum als Schriftsteller jüdischer Herkunft bekannt. Er wurde 1880 im heutigen polnischen Szczecin in eine wohlhabende jüdische Familie hineingeboren. Seine Eltern waren jedoch bereits vor seiner Geburt zum Christentum übergetreten und hatten ihn und seinen älteren Bruder taufen lassen.


Als ich vor einigen Jahren einen befreundeten Zürcher Büchersammler besuchte und er mich bat, eine Widmung von Hessel zu entschlüsseln, war ich daher sehr überrascht, als ich das Buch öffnete und zwei Sätze in hebräischen Buchstaben auf dem Vorsatzblatt vorfand. Nach stundenlanger Mühe gelang es mir schliesslich, die Schrift zu entziffern. Sie war an seinen Freund Karl Wolfskehl adressiert. Die Schrift war zwar in hebräischen Buchstaben verfasst, aber die Sprache war Deutsch. Es handelte sich um ein kleines Scherzgedicht mit den seltsamen Worten:

„Königstochter jüngste / Hessel Franz, was stinkste“.

Franz Hessel (1880-1941)


Als Franz Hessel acht Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Berlin, das zu seiner ersten wahren Heimat wurde. Zwei Jahre später starb sein Vater. Das Erbe ermöglichte es dem jungen Mann, seiner Leidenschaft für das Schreiben zu folgen. Ähnlich wie bei den Umständen seiner Geburt scheint Hessel hier immer wieder mit dem Judentum in Berührung zu kommen, es jedoch nie vollständig anzunehmen.

Franz Hessel – Der Kramladen des Glücks. Ernst Rowohlt Verlag. Berlin, 1923. D 38356

Möglicherweise lässt sich ein seltener Hinweis auf den Grund dafür in seinem 1913 erschienenen Debütroman Der Kramladen des Glücks finden, einer stark autobiografisch gefärbten Pubertätsgeschichte. In einer aussagekräftigen Szene wird der Protagonist Gustav von einem Spielkameraden erstmals mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert und verspottet. Verwirrt fragt er: „Was ist das, ein Jude?“ Er erhält die schmerzhafte Antwort: „Er weiß selbst nicht, was er ist.“ Danach möchte der Junge nicht mehr mit den anderen spielen.

Karl Wolfskehl (1869-1948)


Obwohl Hessel stets von jüdischen Intellektuellen, Schriftstellern und Dichterinnen umgeben war, finden sich kaum Hinweise auf seine eigene Einstellung zu seinen Wurzeln. Zusammen mit seinem guten Freund Karl Wolfskehl, mit dem er kurzzeitig dem George-Kreis angehörte (im Gegensatz zu Wolfskehl, der später zu Georges engstem Vertrauten wurde), besuchte er 1903 den 6. Zionistenkongress in Basel. Alle Zeugnisse deuten jedoch darauf hin, dass es sich dabei nicht um ein wirkliches Interesse am Zionismus handelte, sondern lediglich um allgemeine Neugier und eine distanzierte Reaktion auf das Ereignis.

Marcel Proust (1871-1922)


Gemeinsam mit seinem Kollegen und Bewunderer Walter Benjamin übersetzte er den bekannten Autor, aber weniger bekannten Juden Marcel Proust aus dem Französischen ins Deutsche – eine Arbeit, die bis heute als massgeblich gilt. Von Proust übernahm er die literarisch entfremdete, melancholische Ich-Perspektive, die alles beobachtet, aber immer aussen vor bleibt.

Franz Hessel – Spazieren in Berlin. Verlag Dr. Hans Epstein. Leipzig und Wien, 1929. D 38428

Mit seinem Freund Alfred Polgar schuf er Meisterwerke des Feuilletons, von denen einige Teil seines vielleicht bekanntesten Werkes Spazieren in Berlin wurden. Dadurch avancierte er zum archetypischen Flaneur. Er gehörte zu den Ersten, die die junge Mascha Kaléko entdeckten. Er war ihr treuer Lektor und ermutigte sie, weiterzuschreiben.

Porträt-Fotografie von Mascha Kaléko, 1933 © Deutsches Literaturarchiv Marbach

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, wurden Hessels Bücher verboten und verbrannt. Er floh nach Frankreich, seiner zweiten Heimat und Liebe. Polgar schilderte diese Liebe in einer typischen Anekdote:

An einem schönen Tag sei Hessel in München mit aufgespanntem Regenschirm spazieren gegangen. Als man ihn fragte, wozu er den Schirm aufgespannt habe, antwortete er: „In Paris regnet es.”

Im selben geliebten Frankreich wurde Hessel gefangen genommen und in ein Lager gebracht. Der bereits kranke Mann verliess das Lager als gebrochener Mensch. Die Strapazen wurden ihm schliesslich zum Verhängnis. Am 6. Januar 1941 – vor 85 Jahren – starb Franz Hessel in Sanary-sur-Mer an einem Schlaganfall. Mascha Kaléko beschrieb ihr letztes Treffen mit ihm, einen Spaziergang, den sie unternahmen, als Hitler bereits an der Macht war. Hessel blieb stehen und sagte:

„Hier ist eine Schlusszeile, zu der mir noch das Gedicht fehlt. Vielleicht fällt es Ihnen ein. Sie lautet: ‚Und Heimat ist Geheimnis – nicht Geschrei‘.“

Franz Hessel – Verlorene Gespielen. S. Fischer Verlag. Berlin, 1905

In seinem ersten Gedichtband Verlorene Gespielen, in dem sich die Widmung an Wolfskehl befindet, gibt es ein Gedicht mit dem Titel Froschkönig, das mit der Widmung übereinstimmt. Es greift das bekannte Märchen auf und spiegelt zugleich die scherzhafte Widmung wider. Der Frosch, in Wahrheit ein verzauberter König, fleht die Prinzessin an:

Recht verlangt auch der Geringste./ Das Geschick nimmt seinen Lauf./ Königstochter, jüngste,/ Mach mir auf! […] Und ich bin vielleicht ein König/ Oder eines König Sohn/ Draußen wartet schnellentönig/ Mein erlöster Wagen schon.

In diesen Zeilen klingt vielleicht etwas von Hessels eigener, nie ganz aufgelöster Suche nach Zugehörigkeit nach – ein leiser, poetischer Nachhall eines Lebens zwischen zwei Welten: der Welt eines Königs und der eines Froschs.

Oded Fluss. Zürich. 6.1.2026.

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Jedes Bild ein Licht

Licht in die Dunkelheit zu bringen, war schon immer ein zentrales Motiv von Chanukka – und das war in den dunkelsten Tagen des Holocaust nicht anders. Viele Jüdinnen und Juden in der Schweiz hatten das Privileg, ihrer Pflicht nachkommen zu können und ihren Brüdern und Schwestern aus ganz Europa zu helfen, die versuchten, in der Schweiz Zuflucht zu finden. Ein Hauptziel waren dabei natürlich die Flüchtlingskinder.

Israelitisches Wochenblatt 26.11.1943. Z 251.

Eine der Hauptorganisationen bei dieser vielfältigen Hilfeleistung war und ist bis heute der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF). Als damals eine grosse Welle jüdischer Flüchtlinge, die vor dem NS-Regime flohen, versuchte, in der Schweiz Sicherheit zu finden, wurde er aus zwei Zweigen gebildet, sodass das „F” im VSJF sowohl für „Fürsorge” als auch für „Flüchtlingshilfen“ stand.

Jüdisches Bilder. Images juives. Quadretti ebraici. Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen. Zürich, 1944. B 2148.

Ein kleines Mäppchen, das 1944, einem kritischen Jahr, vom VSJF als Chanukka-Geschenk an Flüchtlingskinder verschenkt wurde und acht Abbildungen von Gemälden des berühmten jüdischen Künstlers Moritz Oppenheim (1800–1882) enthält – ein Bild für jede Chanukka-Kerze –, sollte den Kindern ein wenig Licht in ihr Leben bringen und ihnen ein Gefühl von Heimat vermitteln.

Moritz Oppenheim – Chanukka.

Die Bilder von Oppenheim zeigen jüdische Feiertage wie Chanukka, Sukkot, Jom Kippur oder Pessach sowie religiöse Traditionen wie den Schabbat, die Havdala-Zeremonie oder den Einzug des Sefer Tora in die Synagoge. Das Besondere an ihnen ist, dass jedes einzelne Bild ein Gefühl von Familie, Zuhause und Gemeinschaft erweckt. Auf jedem Bild sind Erwachsene und Kinder zu sehen.

Alle Bilder aus dem Mäppchen.

Zu jeder Abbildung gehört ein Text, der über die Bedeutung des jeweiligen Feiertags oder der jeweiligen Tradition informiert. In einer sehr finsteren Zeit sollte dieses kleine Geschenk Trost und Licht spenden sowie kulturelle, traditionelle und religiöse Erkenntnisse vermitteln.

Das seltene Mäppchen mit dem Cover-Artwork des bekannten Schweizer Juden Gregor Rabinovitch (1884–1958) befindet sich nun in unserer Bibliothek. Es erinnert an die Fürsorge der Schweizer Jüdinnen und Juden für Flüchtlingskinder in den düstersten Zeiten der jüdischen Geschichte. Es endet mit warmen Worten, die in den drei Sprachen – Deutsch, Französisch und Italienisch – verfasst wurden:

Liebes Kind,
Dieses Mäppchen, das wir Dir schenken, enthält acht Abbildungen von Gemälden, die der jüdische Künstler Moritz Oppenheim vor bald hundert Jahren geschaffen hat. Ob du sie alle verstehen wirst? Der beigefügte Text soll Dir dabei helfen, und Dein Religionslehrer wird Dir auf alle Fragen gerne Antwort geben. An ihn, oder auch an uns direkt, kannst Du Dich immer wenden, wenn Du über unsere jüdische Religion etwas wissen willst.
Sage deinen Pflegeeltern, dass wir ihnen für alles, was sie für Dich tun, herzlich danken. Frage sie, ob Du eines oder zwei der Bildchen über Deinem Bett aufhängen darfst.
Mit vielen Chanuka-Wünschen grüsst dich der Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen.
Chanuka 5706
Dezember 1944

Oded Fluss. Zürich, 10.12.2025

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Der Fall des Zürcher Chanukkabaums

Vor mehr als 130 Jahren, am 5. Dezember 1893, erschien eine Ausgabe des Zürcher Tagblatts, die für Aufsehen sorgte. Neben mehreren Anzeigen zu den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen, die unter anderem Geschenke, Veranstaltungen und vor allem den Verkauf von Weihnachtsbäumen bewarben, erregte eine kleine Anzeige die Aufmerksamkeit vieler Leserinnen und Leser.

Tagblatt der Stadt Zürich. 5.12.1893.
ZB. Alte Drucke. UZ 1.

Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Der Verein Philharmonie, dessen Vorstand die Anzeige publizierte, war der Vorgänger des Zürcher Synagogenchors. Der 7. Dezember 1893 war der fünfte Tag von Chanukka, weshalb es ein günstiger Zeitpunkt war, um eine musikalische Chanukka-Feier zu veranstalten und die fünfte Kerze des Chanukka-Leuchters anzuzünden. Wenn man den in grossen Buchstaben geschriebenen Titel jedoch noch einmal liest, muss man sich fragen: Was um Himmels Willen ist ein „Chanukkabaum”?

Viele waren über diese Anzeige sehr verblüfft. Sie erschien in derselben Zeitung, in der Christen dazu aufgerufen wurden, nur bei anderen Christen zu kaufen. Sofort hörte man von Zürchern, die sich den Kopf darüber zerbrachen, warum jemand den Weihnachtsbaum nicht mit seinem „guten deutschen Namen” bezeichnen sollte, sondern gezwungen war, ihm einen jüdischen Namen zu geben.

Auch die Schweizer Juden waren darüber, gelinde gesagt, nicht glücklich. Abgesehen von der unerwünschten Aufmerksamkeit, der sie kurz nach Erlangung der religiösen Gleichberechtigung in der Schweiz ausgesetzt waren, war ihnen das Konzept eines Chanukkabaums völlig fremd.

Der Israelit. 11.12.1893.

Die jüdische Zeitung Der Israelit, die damals über alles rund um jüdische Themen in Europa berichtete, veröffentlichte am 11. Dezember einen bissigen Artikel dazu. Darin wurden die Beschwerden der „Züricher“ wiedergegeben und die Legitimität dieses nichtjüdischen Konzepts infrage gestellt, indem dessen Vorkommen in jüdischen Quellen und sogar dessen botanischer Hintergrund bestritten wurden. Der Artikel endet mit einer zynischen Frage zur Kaschrus eines solchen Baumes und kritisiert den Philharmonie-Verein dafür, eine solche Anzeige überhaupt zu veröffentlichen.

Der Israelit. 11.12.1893.

In der heutigen Zeit, in der Chanukka und Weihnachten harmonisch nebeneinander existieren und das Konzept von „Weihnukka”, bei dem beide Feste gemeinsam gefeiert werden, die Herzen vieler Menschen erobert hat, scheint die Aufregung über diese kleine Anzeige unangemessen. Die Idee eines Chanukkabaums, die sogar Theodor Herzl aufgriff, um seine Wertschätzung und seinen Respekt für beide Traditionen auszudrücken, erscheint uns heute unschuldig.

Der Israelit. 13..Dezember 1893.

Und unschuldig war es offenbar damals auch, wie einer kurzen Erklärung von Leo Dreyfus, dem Präsidenten des Philharmonie-Vereins, zu entnehmen ist. Diese wurde nur wenige Tage nach der ursprünglichen Anzeige veröffentlicht. Demnach war der Chanukkabaum lediglich ein unschuldiger Druckfehler.

Die korrigierte Anzeige. Tagblatt der Stadt Zürich. 7.12.1893.

Oded Fluss. Zürich, 4.12.2025.

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Seghers‘ Herkunft

Im Jahr 1928 erschien im Gustav-Kiepenheuer-Verlag in Potsdam ein kleines Buch, das sofort grosses Interesse weckte. Aufstand der Fischer von St. Barbara erzählte die ungewöhnliche Geschichte eines von Hunger, Elend und Not geprägten Fischerdorfs. Ein unerwarteter Held erhebt sich und führt den Protest an, der eine Lohnerhöhung fordert. Es folgten Verweigerung, stumme, verbissene Resistenz, Aufstand, Angriff, Niederlage und bittere Resignation.

Seghers – Aufstand der Fischer von St. Barbara. Gustav Kiepenheuer Verlag. Potsdam, 1928. D 5250.

Der Stil dieses Buches war auffällig: eine eigenartige, überaus kräftige innere Sprache mit knappen, nur vage angedeuteten Sätzen von höchster Prägnanz, deren Kunst im Ausdruck des Notwendigen wie im Andeuten des Hintergründigen liegt. Der Ruhm kam schnell, ebenso wie der angesehene deutsche Kleist-Preis. Dies erweckte natürlich Interesse für seinen Autor. Die Neugier stieg, da auf dem Bucheinband lediglich der Name „Seghers” zu lesen war.

Neues Wiener Abendblatt. 29.12.1928.

Die Sensation wurde noch grösser, als bekannt wurde, dass Seghers kein Autor, sondern eine Autorin war – und zwar eine sehr junge. Mit diesem Buch veröffentlichte Anna Seghers (1900-1983) ihren Erstlingsroman und wurde im Alter von nur 28 Jahren über Nacht zum Literaturstar. Sie war eine von nur zwei Frauen, die bis dahin diese renommierte Auszeichnung der deutschen Literatur erhalten hatten.

Die Begeisterung war gross – allerdings nicht bei allen. Das hatte weder mit dem Roman noch mit dem Talent der jungen Autorin zu tun. Auch dass sie eine Frau war, war nicht das Hauptproblem. Das Problem war vielmehr, dass Anna Seghers ein Pseudonym war und die Autorin in Wirklichkeit Anette „Netty“ Reiling hiess, eine Jüdin aus Mainz.

Netty Reiling (Anna Seghers): Jude und Judentum im Werke Rembrandts : Anna  Seghers, Netty Reiling, Christa Wolf, Rembrandt: Amazon.de: Bücher

Netty Reiling (Anna Seghers) – Jude und Judentum im Werke Rembrandts. Reclam Verlag. Leipzig, 1981. B 6197

Die Geschichte hinter dem Pseudonym wird meist wie folgt erzählt: Reiling studierte Kunstgeschichte an den Universitäten Köln und Heidelberg. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit dem Thema „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“. Im Umfeld Rembrandts stiess sie auch auf das Pseudonym, das sie fortan als Schriftstellerin tragen wollte. Hercules Seghers war ein Kupferstecher und Zeitgenosse Rembrandts.

Dieser Name ist so ungewöhnlich, der mußte auffallen, wenn er plötzlich über einer Erzählung in der Zeitung erscheint. Andererseits könnte ich mich auch hinter ihm verbergen.

Nach ihm nannte sich Annette Reiling fortan Anna Seghers. Bis heute ist sie eher unter ihrem Pseudonym als unter ihrem Geburtsnamen bekannt.

Für die Antisemiten war das damals keine „gute Ausrede“. Sie waren sich sicher, dass die Jüdin dies absichtlich getan habe, um ihre Herkunft zu verbergen und den angesehenen deutschen Literaturpreis zu gewinnen. Die nationalsozialistische Zeitung Völkischer Beobachter, die damals noch von Adolf Hitler herausgegeben wurde, verurteilte die Verleihung des Preises an die wohlhabende Jüdin, Tochter des reichen Kunsthändlers Isidor Reiling, scharf.

Völkischer Beobachter. 5.1.1929.

Fälschlicherweise wurde berichtet, Alfred Kerr (ebenfalls Jude) habe die Entscheidung getroffen, Seghers den Preis zu geben, um die bereits wohlhabende Jüdin mit mehr deutschem Geld und Ruhm zu belohnen, anstatt ihn einem „echten Deutschen” zu geben, der ihn tatsächlich gebraucht hätte. Auch der Inhalt des Buches wurde in Bezug auf die Autorin zynisch kritisiert. So wurde ihr vorgeworfen, die Not und das Elend von Menschen zu beschreiben, die sie selbst nie erlebt hatte.

Anna Seghers – Das siebte Kreuz. Roman aus Hitlerdeutschland. El Libro Libre. Mexico, 1942.

Dies war die erste, aber nicht die letzte Begegnung Anna Seghers’ mit den Nationalsozialisten. Die Autorin, deren 125. Geburtstag wir aktuell ehren, zählt zu den einflussreichsten antifaschistischen und pazifistischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Auch ihre zahlreichen späteren Werke wie Das siebte Kreuz und Der Ausflug der toten Mädchen inspirierten Widerstand, Aufstand und Resistenz. Dafür musste sie aus Nazi-Deutschland fliehen, doch sie hat sich einen Ehrenplatz unter den bedeutendsten Exilautorinnen erarbeitet.

Zweite Auflage des Buches. Der Umschlag trägt einen Hinweis auf den Kleist-Preis sowie ein Porträt der Autorin.

Oded Fluss. Zürich, 24.11.2025.

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