Ein unbekanntes Kindermärchen für Rosch Haschana und Jom Kippur.

Siegfried Abeles – Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt. Jakob B. Brandeis Verlag. Breslau, 1922.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine Blütezeit der deutsch-jüdischen Kinderbücher und Zeitschriften. Ausgestattet mit wunderbaren Zeichnungen versuchten diese Bücher, dem jüdischen Kind Geschichten zu vermitteln, die es nachvollziehen kann. So wurden zum Beispiel in vielen Büchern alte jüdische Legenden und Geschichten aus der Bibel, dem Talmud und anderen jüdischen Quellen in eine besser lesbare, moderne Form gebracht. Viele versuchten, jüdische Kostüme und Feiertage in ein neues Licht zu rücken. Einige versuchten, die Schwierigkeiten, Herausforderungen, aber auch Freuden, mit denen ein jüdisches Kind konfrontiert war, zu thematisieren. Der Zionismus war natürlich auch ein sehr beliebtes Thema.

Siegfried Abeles – Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt. Gans Verlag. Berlin, 2022

Die Tatsache, dass Kinderbücher im Allgemeinen nicht gut aufbewahrt werden, sowie die systematische Vernichtung jüdischer Bücher während des Naziregimes haben dazu geführt, dass viele dieser Bücher in Vergessenheit geraten sind. Ein Nachdruck eines vergriffenen Buches ist also immer ein Grund zum Feiern, vor allem, wenn es sich um ein jüdisches Kinderbuch handelt.

Siegfried Abeles (1884 – 1937)

Über den Kinderbuchautor Siegfried Abeles (1884 – 1937) ist nicht viel bekannt. Er war Pädagoge, Primaschullehrer, arbeitete während des Ersten Weltkriegs für die jüdische Kriegsblindenfürsorge und beschäftigte sich mit der Blindenschrift für die jiddische und hebräische Sprache. In der österreichischen Republik war er pädagogisch tätig als Inspektor von Kindergärten und Heimen des Vereins der jüdischen Kinderfreunde. Seine Leidenschaft galt der Arbeit mit den Kindern der jüdischen Gemeinde Wiens, die er beim Lernen unterstützte und mit ihren jüdischen Wurzeln verband.

Menorah, Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Wien. Heft 6. 1923.

Diese Kinder erreichte er unter anderem durch Geschichten, die er in verschiedenen jüdischen Zeitschriften veröffentlichte, insbesondere in „Menorah, Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur“, manchmal unter seinem richtigen Namen und manchmal unter dem Pseudonym „Onkel Ben Nahthan“. Aus diesen Kurzgeschichten entstanden drei wunderbare jüdische Kinderbücher, von denen das erste „Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt“ in diesem Jahr eine wohlverdiente Neuauflage im Gans Verlag in Berlin erfuhr.
Diese enthält nicht nur alle Geschichten aus dem Originalbuch, sondern auch eine digitale Restaurierung der Originalzeichnungen von F. V. Kosak (1887 – 1968) und ein erhellendes Nachwort mit vielen nützlichen Informationen über den Autor und das Buch.

Der Maler Viktor Kosak (1887 – 1968)

Das Schicksal von Siegfried Abeles war – wie das vieler Juden dieser Zeit – tragisch. Sein Sohn Norbert, der den Einmarsch der Nazis in Wien durch einen Kindertransport nach England überlebte, erzählte viele Jahre später von seiner Vermutung, dass sein Vater sich 1937 durch einen Sprung in den Donaukanal das Leben genommen hatte; eine Vermutung, die wir durch einen kleinen Ausschnitt in unserem Zeitungsarchiv aus der „Israelit“ vom 1. Juli 1937 bestätigen können.

Der Israelit. Frankfurt a. M, 1.7.1937


„Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt“ erzählt die Geschichte von Tam, einem von vier Brüdern (die alle die Namen der vier Söhne aus der Pessach-Haggada tragen), der während des Sederabends auf den Gedanken kommt: „Wie schön muss es im Lande unserer Väter sein, morgen will ich nach Palästina gehen.“ Und so macht sich Tam denn auf den Weg und gelangt nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten in das Haus des palästinensischen Bauern Jehuda. Jehuda erzählt nun dem kleinen Tam Märchen, jüdische Märchen. Er erzählt ihm Märchen, die er „beim Lesen der Bibel“, Märchen, die er „im alltäglichen Leben“, und solche, die er „an Festtagen gesehen hat“ . Tam wird so durch die gesamte jüdische Tradition geführt, bis er es bejaht und nach Hause in die Galuth (Diaspora) zurückkehrt, um Eltern und Geschwister mit nach Palästina zu nehmen. Bis auf den einen Bruder, der bezeichnenderweise den Namen Rascha (d. i. Bösewicht ) trägt , willigt die ganze Familie begeistert in den Vorschlag Tams ein.

Unsere Bibliothek besitzt die erste seltene Erstausgabe des Buches, die nicht ausleihbar ist. Auf der ersten Seite finden wir einen kleinen Hinweis auf den:die Vorbesitzer:in (leider ohne Namen), der auf Hebräisch geschrieben hat „von Vater zu meinem 7. Geburtstag“.

Viktor Kosak – Der Schofarmacher

Daraus bringen wir Ihnen einen Scan der Kurzgeschichte „Der Schofarmacher – Ein Rosch-haschana und Jom-Kipurmärchen“ Eine schöne Erzählung für Jung und Alt, die sehr gut zu dieser Jahreszeit passt. Die Neuausgabe können Sie gerne in unserer Bibliothek ausleihen.

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

Der Mann, der die Vernichtung seiner Gemeinde dokumentiert hat.

Uriel Birnbaum – Ex-Libris Abraham Toncman.

Vor achtzig Jahren, am 31. Dezember 1942, schrieb Abraham Toncman, ein Religionslehrer, Chazan und Sekretär der kleinen jüdischen Gemeinde in Pekela in den Niederlanden, den letzten Eintrag in das Protokollbuch seiner Gemeinde. Einen Monat zuvor waren fast alle 125 Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde in die Vernichtungslager von Auschwitz und Sobibor deportiert worden. Toncman und seine Familie gehörten zu den letzten 14 Mitgliedern der Gemeinde Oude-Pekela, die bis zur endgültigen Deportation am 9. Februar 1943 blieben.

Abraham Toncman (1904 – 1943)


Das Protokollbuch wurde in den Ruinen der Synagoge der Gemeinde gefunden. Toncman fuhr fort, darin zu schreiben und Aufzeichnungen zu machen, selbst als klar war, dass es keine Hoffnung mehr gab. Neben technischen Notizen über den Gemeindehaushalt und die immer geringer werdende Zahl der Gemeindemitglieder klagte er: „Wie lange wird diese Handvoll in Frieden gelassen werden?“

Letzte Notiz des Protokollbuchs der jüdischen Gemeinde Oude-Pekela. 31.12.1942.


In seinem letzten Eintrag, der eines der wichtigsten historischen Dokumente über den Holocaust und die Vernichtung der Juden in Holland darstellt, schrieb er sowohl auf Niederländisch als auch auf Hebräisch: „und jetzt sind wir nur noch wenige von vielen: wir werden wie Schafe zur Schlachtbank geführt; um getötet zu werden und in Elend und Schande zu verenden. möge den Juden Erleuchtung und Befreiung widerfahren! Schnell in unseren Tagen, Amen!
Toncman starb am 30. April 1943 im Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Seine Frau Esther, seine Schwägerin Branca und seine Kinder waren bereits am 12. Februar desselben Jahres, unmittelbar nach ihrer Ankunft, ermordet worden.

Abraham Horodisch – Die Exlibris des Uriel Birnbaum. Der Safaho-Stiftung Verlag. Zürich, 1957.


Das Ex-Libris von Toncman, das Sie in unserer aktuellen Bibliotheksausstellung finden, wurde von dem renommierten Künstler Uriel Birnbaum (1894 – 1956) geschaffen. Es zeigt die Verwendung des Namens Abraham im biblischen Sinne sowie eine Darstellung von Toncman als Religionslehrer. Dem Bibliophilen Abraham Horodisch gelang es, Birnbaums eigene Erklärungen zu seiner Ex-Libris-Arbeit in einem Buch festzuhalten, das kurz nach Birnbaums Tod veröffentlicht wurde. Über das Toncman Ex-Libris, das er auf den November 1934 datiert, sagte er:

Weitere Informationen über unsere Ausstellung jüdischer Ex-Libris in der Schweiz finden Sie hier: https://breslauersammlung.com/exlibris/

Oded Fluss. Zürich, 15.9.2022.

Schofar blasen, um den Teufel zu verwirren

Josef Budko – Schofar

Glied für Glied haben sich in der Kette der jüdischen Generationen viele Rituale und Bräuche, Überzeugungen und Meinungen zu dem zusammengefügt, was wir heute über die Tage Rosch Haschana und Jom Kippur, die Tage dazwischen und die Tage davor wissen. Eines der wichtigsten und bekanntesten Rituale ist das Schofarblasen.
Der Schofar ist ein Blasinstrument, das in der Regel aus dem Horn eines Widders hergestellt wird. Das Verbot, ein Kuhhorn als Schofar zu verwenden, besteht nach der talmudischen Literatur darin, dass sich ein Ankläger (קטגור) nicht in einen Fürsprecher (סניגור) verwandeln darf; dies ist ein Verweis auf die Sünde des Goldenen Kalb.
Das jüdische Gesetz schreibt vor, dass der Schofar an beiden Tagen von Rosch Haschana 30 Mal geblasen werden muss, aber nach einem Brauch wird es an jedem Tag 100 oder 101 Mal geblasen. Manche schreiben dieses Ritual nur den Tagen von Rosch Haschana zu, während nach anderen Traditionen das Schofarblasen vom Beginn des Monats Elul bis zum Ende des Jamin Noraim stattfinden sollte.


Die Gründe für das Blasen des Schofars an diesen Tagen sind vielfältig. Rosch Haschana ist auch unter dem Namen Jom Teruah (Tag des Blasens) bekannt, weil im Buch Bamidbar erwähnt wird: „Am ersten Tag des siebten Monats sollt ihr eine heilige Versammlung abhalten; an diesem Tag dürft ihr keine schwere Arbeit verrichten. Es soll für euch ein Tag des Lärmblasens sein.“ Manche sehen darin eine Erinnerung an die Bindung Isaaks (Akedat Yitzhak), denn der Schofar erinnert an die geplante Opferung Isaaks durch Abraham für Gott. An Isaaks Stelle wurde dann aber ein Widder geopfert, dessen Hörner Gott an das stellvertretende Sühneopfer Israels erinnern sollten.

Marc Chagall – Schofar

Wir wollen uns hier auf eine andere Begründung konzentrieren, die in der jüdischen Tradition immer wieder erwähnt wird und auch in Agnons Jamim Noraim-Buch (Siehe auch unseren früheren Beitrag über Agnons Buch hier: https://breslauersammlung.com/2022/08/29/jamim-noraim/) viele Beispiele findet, nämlich das Blasen des Schofars, um den Teufel (Satan) zu verwirren oder wörtlich: durcheinander zu bringen (לערבב את השטן).

Uriel Birnbaum – Jom Kippur

Nach einigen jüdischen Überlieferungen wird die Zeit vor und während Rosch Haschana vom Teufel genutzt, um das Volk Israel anzuprangern und gegen es auszusagen. Der Schofar wird hier als Mittel der Sabotage gegen den Teufel eingesetzt, um ihn daran zu hindern, sich einzumischen. Agnon bringt uns ein paar Quellen zu diesem Brauch, von denen viele in unserer Breslauer Sammlung zu finden sind.
Beginnen wir mit demjenigen, der lernen will, wie man das Horn bläst. Bereits in dieser Phase erwähnt Agnon eine Regel von Rabbi Elijah Spira (1660 – 1712) in seinem Buch אליה רבה Elijah Raba:

Elijahu ben Benjamin Wolf – Sefer Elijah Raba. Sulzbach, 1757. BH 1068.

Wer blasen will, um zu lernen, wie man bläst, tut dies in einer Mikwe oder einem geschlossenen Raum, um Satan nicht daran zu gewöhnen.

Was genau damit gemeint ist, dass der Teufel sich daran gewöhnt, werden wir besser verstehen, wenn wir zwei andere Quellen heranziehen, die Agnon zusammenführt, eine aus dem Sefer לבוש Lewusch von Rabbi Mordechai Jaffe (1530 – 1612) und die andere aus dem Sefer מטה משה Mate Moshe von Rabbi Moshe ben Avraham von Przemyśl (Mat) (1550 – ca. 1606):

Moshe Mat – Sefer Mate Moshe. Frankfurt, 1719. H 7110.

Nachdem man mit den Selichot fertig ist und man Schacharit betet, soll kein Horn geblasen werden wie an den anderen Tagen des Elul, dies, um eine Pause zwischen dem Brauchblasen und dem Pflichtblasen zu machen, also dem Blasen des Monats Elul, das ein Brauch ist, und dem Blasen von Rosch Haschana, das die Tora anordnet (Sefer Levusch) Und um den Satan zu verwirren, damit er nicht weiß, wann Rosch Haschana ist und uns nicht anprangert, weil er denkt, dass der Tag des Gerichts schon vorbei ist.(Mate Mosche)
Sefer Chemdat Jamim. Venedig, 1763. BH 1157.

Eine weitere Quelle, die Agnon anführt, ist das Buch חמדת ימים „Chemdat Jamim“, ein kabbalistisches Buch, dessen Autor bis heute unbekannt ist (manche schreiben es Natan ha-azati zu). Agnon liefert hier eine weitere Erklärung dafür, wie der Schofar den Teufel verwirren kann:

unsere Vorväter hatten gesagt, dass der Sinn des Schofars darin besteht, den Satan zu verwirren, der denken würde, dass der Messias gekommen ist, denn der Satan ist so unwissend, dass er dieses Schofar mit dem Schofar der Tage des Messias verwechseln würde [… ] beim ersten Blasen würde er sich nicht so sehr fürchten, denn er ist bereits daran gewöhnt, dass bei diesem Volk ein erstes Zeichen nie in Betracht gezogen wird, weil ihr Ohr verstopt ist, aber wenn er das Schofar ein zweites Mal hört, würde er sich fürchten und denken, dass der Messias sicherlich gekommen ist, denn er weiss, dass ein zweites Zeichen von uns allen gehört wurde und wir alle Teschuwa gemacht haben und der Messias gekommen und der Tod beseitigt worden ist […]

Agnon bringt eine weitere Erklärung aus dem Sefer Orchot Chaim, in der Satan nur ein Allegorie für den „Yetzer hara“ ist, also für den bösen Trieb des Menschen:

Und es gibt diejenigen, die interpretieren „Satan zu verwirren“, als das Besiegen des bösen Triebs, wie es geschrieben steht (Amos, 3): „Bläst in der Stadt jemand ins Horn, / ohne dass das Volk erschrickt“. und Satan ist der böse Trieb, er ist der Todesangel.
Arno Nadel – Un’sane Tokef

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

Aus Knechtschaft zur Freiheit: Exlibris von David Frankfurter und Emil Ludwig

»Durchs Radio die Nachricht gehört, dass der nationalsozialistische Gauleiter, Agent und Spion in Davos von einem jugoslavischen Agenten erschossen worden. Warum hat man ihn so lange geduldet?«
Thomas Manns Tagebuch. Davos. 4. Februar, 1936.

Eines der Hauptexponate in unserer Ausstellung über jüdische Exlibris in der Schweiz ist das Exlibris von David Frankfurter (1909 – 1982). Es wurde uns grosszügigerweise von Moshe Frankfurter, dem Sohn von David Frankfurter, der in Jerusalem lebt, zur Verfügung gestellt.

In einer der umstrittensten Taten der Schweizer Geschichte war Frankfurter 1936 für das Attentat auf Wilhelm Gustloff, ein deutscher Nazi, notorischer Antisemit und Landesgruppenleiter der Auslandorganisation (AO) der NSDAP in der Schweiz, in Davos verantwortlich.
Frankfurter, der sich nach der Tat der Polizei stellte, erklärte seine Aktion sowohl als Racheakt für das jüdische Volk, das unter der mörderischen Hand des Dritten Reiches gelitten hatte, als auch als Präventivmassnahme, um die Ausbreitung der Nazi-Ideologie in der Schweiz zu verhindern:

»Ich habe die Schweiz sehr liebgewonnen. Sie war mir zu schade, daß solche Hunde das Gute hier verderben!«.

Die öffentliche Meinung in der Schweiz war während des Prozesses sehr gespalten. Es gab viele, die Verständnis für seine Tat zeigten, und viele, die sich darüber empörten. Der Prozess, der auch sehr politisch war, wurde vom deutschen Regime stark beeinflusst, welches Frankfurters Tat für seine Propaganda nutzte.

Das Exlibris wurde von einem Zellengenossen für ihn angefertigt während der Zeit, die er nach dem Attentat im Gefängnis in Chur verbrachte. Es ist ein Holzschnitt und besteht aus drei Hauptmotiven: eine Sonne, ein Davidstern und eine Kette. Die Sonne scheint stark auf den Davidstern unter ihr und zersprengt die Kette, die den Davidstern gefangen hielt. Dies soll die Situation von David Frankfurter darstellen, der für seine Tat zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Das Ex-Libris enthält auch die hebräische Schrift: „מעבדות לחרות“ „me-Avduth le-Cherut“, was „Aus der Knechtschaft zur Freiheit“ bedeutet und den Wunsch des jüdischen Volkes symbolisiert. Ironischerweise wurde der Künstler und Zellengenosse Walter Hausmann später ein Nazi (manche sagen, er wurde dazu gezwungen) und produzierte auch Arbeiten für die Nazi-Propaganda.

Das Ex-Libris von Emil Ludwig und eine Widmung des Autors Julius Bab an ihn.

Neben dem Exlibris von Frankfurter liegt in unserer Vitrine ein seltsames Exlibris, das den Namen Ludwig trägt. Es zeigt eine Nachbildung einer von Rembrandts berühmtesten Darstellungen seines Sohnes Titus, der ein Buch liest. Dank der Widmung neben dem Bild wissen wir, dass es sich um das Exlibris des berühmten Autors und Biografen Emil Ludwig (1881-1948) handelt. Ludwig, der ein grosser Bewunderer von Rembrandt war und auch zwei Bücher über ihn geschrieben hat, war David Frankfurters grösster Verteidiger während seines Prozesses. Noch im Jahr der Ermordung nahm Ludwig es auf sich, den Fall Frankfurter zu untersuchen. Er sammelte alle Informationen, die er bekommen konnte, befragte Frankfurters Familie und Bekannte und veröffentlichte sein berühmtes Buch „Der Mord in Davos“.

Emil Ludwig – Der Mord in Davos. Querido Verlag, Amsterdam, 1936.

„»Wie konnten Sie das tun! Sie haben ja so gute Augen!« David aber sah ihr ins Gesicht und erwiderte: »Ich bin ein Jude, Das sollte genügen«.“

Das Buch ist ein Plädoyer für Frankfurter, indem es sowohl seine Lebensgeschichte als Rabbinersohn verfolgt als auch den Prozess der Nazifizierung Europas detailliert beschreibt. Es vergleicht das Attentat mit anderen politischen Morden, die aus einem Gefühl von Gerechtigkeit und Ehre heraus begangen wurden, und kritisiert die Schweizer Justiz, die von der Angst vor dem deutschen Regime beeinflusst wurde.

Wolfgang Diewerge – „Der Fall Gustloff“ (1936) und „Ein Jude hat geschossen“ (1937) Franz Eher Nachf. Verlag, München.

Das Buch wurde 1936 vom berühmten Exilverlag Querido in Amsterdam veröffentlicht und in der Schweiz als Greuelpropaganda verboten, während zwei andere Bücher des Antisemiten, Nationalisten und Propagandisten Wolfgang Diewerge, die offen gegen Frankfurter hetzten und seine Auslieferung an Deutschland forderten, in der Schweiz zugelassen wurden.

David Frankfurter und Emil Ludwig, 1945.
Bild im Besitz von Moshe Frankfurter

„Ein gesunder junger Mann, nicht gross, gedrungen, mit ebenmässigen, gebräunten Zügen, mit offenem Blick und schmalen Munde trat durch das Gartentor und lächelte verlegen, als er dem alten Herrn Zum ersten Male die Hand schüttelte, der ihn damals vor der Welt verteidigt hatte.“

Die zweite Auflage des Buches mit dem treffenden Titel „David und Goliath“ erschien 1945 im Carl Posen Verlag in Zürich und enthält einen Epilog, der das erste Treffen zwischen David Frankfurter und Emil Ludwig beschreibt, nach dem ersterer aus dem Gefängnis entlassen worden war (er war zu 18 Jahren verurteilt worden, wurde aber bereits nach neun Jahren freigelassen):

Emil Ludwig – David und Goliath. Carl Posen Verlag. Zürich, 1945.

Oded Fluss. Zürich, 1.9.2022.

Monat Elul und die Jamim Noraim

Ephraim Moses Lilien – Elul Melodien

Im weitesten Sinne ist ‚Jamim Noraim‘ der Name, mit dem wir die Tage ab dem ersten Tag des Monats Elul und bis zum Ende des Jom Kippur bezeichnen. Tage, an denen Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt Barmherzigkeit und Teschuwa (Umkehr) praktizieren. Der Monat Elul ist der letzte Monat im jüdischen Kalender, und für das kommende neue Jahr ist man verpflichtet, sich von seinen Sünden zu reinigen. Diese Tage gelten daher als Tage der Ehrfurcht vor Gott, und der Name ‚Jamim Noraim (ehrfurchtserweckende Tage) soll dies ausdrücken. „Jamim Noraim“ ist auch der Name einer sehr bekannten Anthologie, die der hebräische Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Josef (Shai) Agnon (1888 – 1970) 1938 im Schocken Verlag zusammengestellt hat. Sie hat schnell einen kanonischen Status erreicht und ist bis heute als klassisches Buch bekannt, das man zur Zeit des ‚Jamim Noraim‘ mit in die Synagoge nimmt.

Samuel Josef Agnon – Jamim Noraim. Schocken Verlag, 1938. H 368

Die Anthologie ist eine Sammlung von Gebräuchen, Midrashim und Legenden, die Agnon aus Tausend verschiedenen Quellen zusammengetragen hat. Sie war seiner Meinung nach dazu gedacht, die Zeit zwischen den Gebeten zu überbrücken und die Menschen davon abzuhalten, während dieser Zeit zu reden und über alltägliche Dinge nachzudenken.
Da die Anthologie nie ins Deutsche übersetzt wurde, haben wir uns entschlossen, Ihnen hier jede Woche während der Jamim Noraim einen übersetzten Beitrag zusammen mit der hebräischen Quelle zu bringen. Sobald wir die Originalquelle, die Agnon benutzt hat, in unserem Bestand haben, werden wir auch ein Bild davon hinzufügen.

Abraham Danzig – Sefer Chaje Adam. Wilna, 1810. Breslauer Sammlung H 5159

Der erste Beitrag stammt aus dem Buch „Chaje Adam“ von Rabbi Abraham Danzig (1748 – 1820), das 1810 in Wilna veröffentlicht wurde und sich mit den Gesetzen beschäftigt, die im Abschnitt Orach Chayim des Shulchan Aruch von Yosef Karo behandelt werden. Das Buch ist in 224 Abschnitte unterteilt, die sich mit dem täglichen Verhalten und dem Gebet sowie mit Schabbos (Sabbat) und Yom Tov (Feiertagen) befassen. Unser Beitrag behandelt die Bedeutung des Monats Elul im Prozess der Umkehr. Als ersten Beitrag in dem Abschnitt, der dem Monat Elul gewidmet ist, hatte Agnon beschlossen, folgende Worte zu zitieren, die die Bedeutung des Monats Elul im Akt der Teschuwa verdeutlichen:

„Da G’tt sein Volk Israel liebt, hat er Wohltat an uns gemehrt und uns befohlen, jederzeit umzukehren, wann auch immer wir sündigen. Obwohl also die Umkehr gut ist zu jeder Stunde, ist dennoch der Monat Elul besonders zu Umkehr ausersehen. Denn die Umkehr in diesem Monat wird wohlgefälliger aufgenommen als an den übrigen Tagen des Jahres, da dies Tage, Tage der Zuneigung sind von der Stunde an, in der wir zum Volke erwählt wurden. Als nämlich Israel die Sünde des goldenen Kalbes beging und die heiligen Tafeln zerbrochen wurden, da stieg Mosche ein zweites Mal auf den Berg Sinai, am ersten Tage des Monats Elul, um seinem Volke die Thora zu bringen, und weilte dort bis Jom Kippur, dem Abschluss der Sühne ( Aus „Chaje Adam“)“.

Fortsetzung folgt hier: https://breslauersammlung.com/2022/09/08/schofar/

Oded Fluss. Zürich, 29.8.2022

עודד פלוס ב‘ באלול ה’תשפ“ב

Wagners jüdischer Dirigent

„…es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen…“
Franz von Lenbach – „Kopf des Dirigenten Hermann Levi“. 1882.

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte und das ist auch bei einem Ex-Libris der Fall. Eines der seltensten Exponate in unserer aktuellen Ausstellung jüdischer Exlibris ist das Ex-Libris des Dirigenten Hermann Levi (1839-1900). Der Spross einer Familie mit mehr als zehn Generationen von Rabbinern – sein Vater war der Landrabbiner von Hessen, sein Grossvater der von Worms – fand jedoch seine Leidenschaft in der Musik. In seiner Heimatstadt Giessen wurde er schnell als pianistisches Wunderkind erkannt, und im Alter von zwölf Jahren begann er mit der Musikschule. In weniger als 20 Jahren wurde er zu einem der renommiertesten Dirigenten Deutschlands, und im Alter von 33 Jahren leitete er als Generalmusikdirektor und Hofkapellmeister das weltberühmte Königliche Hof- und Nationaltheater in München.

Hermann Levi mit Johannes Brahms und Julius Allgeyer

Levi verkehrte mit vielen berühmten Musikern seiner Generation und war mit Johannes Brahms sehr eng befreundet. Am bekanntesten und berüchtigtsten war jedoch seine Beziehung zu Richard Wagner und dessen zweiter Frau Cosima. Levi bewunderte Wagner und war einer seiner treuesten Anhänger und Förderer, während Wagner selbst seinen Antisemitismus offen zum Ausdruck brachte, insbesondere in seinem berüchtigten Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ (1850), das bis heute als einer der schrecklichsten und hasserfülltesten Texte gilt, die über die Rolle der Juden in der deutschen Musikwelt geschrieben wurden und später die antisemitische Propaganda des Nazi-Regimes inspirierte.

Wagners Beziehung zu Hermann Levi war zweischneidig. Er bewunderte sein Genie, machte aber gleichzeitig eine Verachtung gegenüber Levis jüdischen Glaubens deutlich. Die Antwort auf dieses ‚Problem‘ war sowohl für Wagner als auch für seine Frau einfach: die Taufe.
Für sein letztes Werk „Parsifal“ wählte Wagner Levi als Dirigenten. Die Ehre, die Uraufführung eines Werkes von Wagner zu dirigieren wurde nur einer Handvoll Menschen zuteil. Es hatte jedoch seinen Preis, und wie Cosima Wagner es damals giftig formulierte:

„Ungetauft darf Levi den Parsifal nicht dirigieren. Ich taufe ihn und dann gehen wir alle zusammen zum Abendmahl.“

Im Gegensatz zu vielen assimilierten Juden der damaligen Zeit fiel Hermann Levi die Taufe nicht leicht. Die Beziehung zu seiner jüdischen Familie, insbesondere zu seinem Vater, und sein Bewusstsein für die Familiengeschichte hinderten ihn daran, die Konversion zu vollziehen. Durch die Versuchung, Parsifal zu dirigieren, zusammen mit seinem Unwillen, sich taufen zu lassen, hatte er unter grossem Druck gestanden, und schliesslich erlitt er einen psychischen Zusammenbruch. Dass das Thema der Oper Parsifal zum Teil die Taufe betrifft, half auch nicht. Dies wird deutlich, wenn wir den Brief lesen, den Levi am 1. Januar 1878 an seinen Freund und späteren Nobelpreisträger Paul Heyse geschrieben hatte:

„Vor mir liegt das Textbuch von Parsifal … Meine Meinung über den Text halte ich aus guten Gründen zurück. Bedenklich ist mir die äusserst christliche Tendenz; es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen, wenn ich es hier einstudieren werde .…“

Der Höhepunkt kam Ende Mai 1881, als Levi, überfordert und unter zu grossem Druck, Bayreuth überstürzt verliess, ohne die Absicht, zurückzukehren. Nur ein paar Tage später erhielt er einen Brief von Wagner selbst:

„Um Gottes Willen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen! Verlieren Sie nichts von Ihrem Glauben, aber gewinnen Sie auch einen starken Mut dazu! Vielleicht – gibt’s eine große Wendung für Ihr Leben – für alle Fälle aber – sind Sie mein Parsifal-Dirigent.“

Wagners Versprechen wurde tatsächlich erfüllt und Hermann Levi dirigierte am 26. Juli 1882 in Bayreuth die letzte Oper des Komponisten. Am Ende der Aufführung kam Wagner auf die Bühne und bedankte sich bei allen Darstellern, insbesondere bei „seinem Freund“ Levi, der die Arbeit mit einer Beharrlichkeit, einem Verständnis und Enthusiasmus vollbracht hatte, die ihresgleichen suchten. Sechs Monate später starb Richard Wagner nach einem Herzinfarkt. Levi war einer der zwölf Männer, die seinen Sarg zur letzten Ruhestätte trugen.

Ex-Libris Hermann und Mary Levi von Hans Thoma (1839 – 1924).

Wagners antisemitische Worte wurden leider nicht mit ihm begraben. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde Levi klar, dass selbst wenn er Wagners Wunsch erfüllen würde, dies vergeblich sein würde, da selbst konvertierte Juden dem Feuer des antisemitischen Hasses nicht entkommen konnten. 1896, nach einer späten Heirat mit Mary Fiedler, einer Christin, zog er sich von allen öffentlichen Aktivitäten zurück und konzentrierte sich hauptsächlich auf Übersetzungen von Libretti und den Werken Goethes. Zwei Jahre nach seiner Heirat entstand das Ex-Libris, das sowohl seinen als auch den Namen seiner Frau trägt. Es zeigt einen jungen Mann, der seinen Kopf mit einem aufgeschlagenen Buch bedeckt. Wie auch immer der Löwe und die Schlange im Bild zu deuten sind, ein anderes Symbol herrscht über alles. Zwei Jahre vor seinem frühen Tod und wie ein letztes Erbe wählte er den Davidstern als Hauptsymbol für sein Ex-Libris und wies damit darauf hin, dass seine jüdische Herkunft, ähnlich wie die Sonne, die sowohl Leben bringen als auch verbrennen kann, immer auf sein Leben und sein Schicksal schien.

Oded Fluss. Zürich, 18.8.2022.

Ein Grabstein zwischen den Seiten

Aaron Ben Abraham: „Sefer Hadrakha“. Breslau, 1830. BH 263

Ein sehr bekanntes Genre in der jüdischen Buchtradition ist die Mussar-Literatur [Sifrut-Mussar]. Sie stammt aus dem Mittelalter und dient als Anleitung zur Stärkung des Glaubens, der Tugend und des moralischen Lebens (Mussar ist das hebräische Wort für Moral). In Anlehnung an die biblische Literatur sind diese Bücher eher auf das tägliche Leben ausgerichtet und konzentrieren sich in vielen Fällen auf die Beziehungen zwischen den Menschen.
Bei dem uns vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine Untergattung der Sifrut Mussar – den so genannten Testament-Büchern. Es handelt sich um ein Buch, das ein Vater und Grossvater für seine Kinder und Enkel in Form eines Testaments geschrieben hat. Der Autor Aaron Ben Abraham, ein Gemeindeprediger aus Rawitsch [Rawicz] , glaubte, dass seine Aufgabe auf Erden, seine Nachkommen zu führen, nicht mit seinem Tod endet, und so nutzt er sein Buch „Sefer Hadrakha“ (Das Buch der Leitung), um sie auch nach seinem Tod zu leiten:

“ Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Kindern eine Ermahnung zu hinterlassen, um sie in der Furcht Gottes und in der Art seiner Anbetung zu unterweisen. Sogar wenn ein Mensch selbst vollkommen wäre, hätte er seine Pflicht nicht erfüllt, indem er nur sich selbst vervollkommnet hätte. Denn wenn er nicht den starken Drang verspürt, andere zu vervollkommnen, kann er für sich persönlich nicht vollkommen sein, da er das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ übersehen hat.“

Das Buch ist alphabetisch geordnet, beginnend mit dem hebräischen Buchstaben א [Alef] und endend mit dem letzten Buchstaben ת [Tav], und symbolisiert so eine ganze Lebensspanne. Jeder Buchstabe steht für einen Aspekt des Lebens oder des Glaubens, auf den der Autor eingeht. So ist zum Beispiel der Buchstabe א [Alef]: „Emuna“ (Glaube); ט [Tet]: Tom’a und Tohara (Unreinheit und Reinheit); צ [Tzadik]: Tzedaka und so weiter. Einen besonderen letzten Platz weist der Schreiber dem hebräischen Buchstaben ת [Tav] zu, der für das Wort „Toldot“ steht; ein ganz spezielles hebräisches Wort, das sowohl Ursprung als auch Ergebnis bedeutet und somit Vergangenheit und Zukunft verbindet. Indem der Vater seine Kinder dazu anleitet, Gott zu folgen, lenkt er ihr Schicksal, während diese, indem sie dem folgen, was er sie gelehrt hat, umgekehrt wiederum auch sein Schicksal nach seinem Tod lenken.

“ Im Tod ist zwar alles vorbei, aber wenn der Vater seine Kinder angeleitet hat, Gottes Wegen zu folgen, hängt ihre Tugend von ihm ab und damit hat er kein Ende, solange sein Same weiterlebt.“

Aaron Ben Abraham teilt viele seiner persönlichen Erfahrungen mit Sünde und Teschuwa (Umkehr) und erklärt in einem schönen Satz die Tugend des Weinens, ein sehr wichtiges jüdisches Motiv im Akt der Reue.

“ Manchmal werden Sie vom Jetzer (Trieb) ergriffen und mit Sünde beschmutzt […] in jedem Fall müssen Sie über die Sünde, die Sie begangen haben, in der Zeit der Beichte weinen, denn Weinen überwindet alles. Und wie unsere Väter z“l sagten: alle Tore waren verschlossen, ausser den Toren der Tränen, und die Tugend des Weinens ist es, von Sünde zu heilen.“

Am Ende des Buches schreibt Aaron Ben Abraham, wie seine Beerdigung ablaufen soll. Er bittet darum, dass niemand, der ihn hasst, während dieser Zeit in seiner Nähe sein darf, und droht, dass demjenigen etwas Schlimmes zustossen wird, wenn jemand dies gegen seinen Willen tut. Er will keine Grabreden, nicht während der Zeremonie und auch nicht danach, „weil ich in meiner Seele weiss, dass ich nicht einer bin, der es wert ist“. Er möchte nicht, dass man nach seinem Tod gut über ihn spricht, denn er war nie jemand, der nach Respekt strebte. Er bittet nur darum, dass seine Kinder und Freunde jeden Tag mindestens vier Kapitel der Mischna zu Ehren seiner Seele studieren. Diejenigen, die nicht religiös sind, bittet er, jeden Tag zehn Kapitel der Tehilim zu lesen. Zu seiner eigentlichen Beerdigung bittet er um ein bescheidenes Grab in der Nähe seiner Väter.

Eingangstor zum jüdischen Friedhof Rawitsch

Aaron Ben Abrahams Wunsch, seine letzte Ruhestätte in der Nähe seiner Väter zu finden, wurde erfüllt und er wurde – wie alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rawitsch – auf einem Friedhof im nahegelegenen Dorf Zirkobo begraben. Dies fand jedoch ein tragisches Ende mit dem Einmarsch der Nazis in Polen Anfang 1939 und der totalen Schändung und Zerstörung des Friedhofs durch sie. Das Einzige, was von dem Friedhof übrig blieb, war das Eingangstor und darüber die Schrift in Hebräisch und Deutsch: „ד‘ ממית ומחיה מוריד שאול ויעל“ „Gott tötet und belebt, führt in die Scheol [Hades] und führt herauf.“ (Samuel I 2,6).

Und so befahl er, auf seinen Grabstein zu schreiben: Zu seinen Lebzeiten/ fuhr ihn Gott auf einem schnellen Gewolk [Jesaja 19,1 ]/ Und nun nahm er seine Kraft [Daniel 10, 8 ]/ Aaron Ben Abraham z“l/ Möge seine Seele mit dem Band des ewigen Lebens verbunden sein.

Den Rawitsch-Friedhof gibt es nicht mehr, aber der Grabstein von Aaron Ben Abraham lebt weiter, und zwar in gedruckter Form. Ben Abraham hatte einen ganz bestimmten Wunsch, was auf seinem Grabstein stehen sollte. Seine Enkelkinder haben diesem Wunsch entsprochen und ihn auch in das Buch ihres Grossvaters gedruckt, und zwar in Form eines Grabsteins. Diese einzigartige Komposition aus einem gedruckten Grab und der Grabsteininschrift, die wir auf der letzten Seite des Buches finden, ermöglicht es, uns weiterhin an den Autor zu erinnern.

Oded Fluss. Zürich, 11.8.2022

Ein vergessener Autor in einem Buch wiederentdeckt

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Mainz, 1905

Über den Autor Moritz Steinhardt ist fast nichts bekannt. Er wurde 1867 in Eisenstadt (früher Ungarn, heute Österreich) geboren und starb 1923 in Berlin. In diesen 56 Jahren war er Verleger sowie Buchhändler und veröffentlichte ein paar Geschichten in verschiedenen jüdischen Zeitungen. Sein Buch „Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert“, das 1905 in Mainz erschien, hatte ihm den ehrenvollen Ruf eingebracht einer der authentischsten und realistischsten Autoren des Ghettolebens des 19. Jahrhunderts zu sein. Die rasche Assimilation der Juden und die veränderte politische Situation in Europa brachten eine Sehnsucht nach dem einfachen Ghettoleben der vorangegangenen Generation mit sich.
In seinem Vorwort zum Buch erklärt Steinhardt seine Motivation, das Buch zu schreiben, mit dem Ziel, ein falsches Bild vom Leben im Ghetto zu korrigieren:

„Durch dieses Büchlein wollte ich eine Schuld tilgen, indem ich der Erinnerung an die Heimat hiermit ein Dokument errichtet habe […] Das jüdische Ghetto, welches mein Büchlein behandelt, weist ein Bestehen von mehreren Jahrhunderten auf, als diejenigen der Grossstädte, wie wir sie in engen schmutzigen und winkeligen Gassen finden. Das Eisenstädter Ghetto gewährt keinen so finsteren und mittelalterlichen Eindruck, […] sondern der Lichtstrahl der Freiheit hat in dieses schon bei dessen Entstehen seine wohltuende Wärme geschenkt“.

Steinhardt betonte auch die Authentizität der Figuren und Geschichten im Buch:

„All‘ diese Sitten und Gebräuche, wie ich sie […] schildere, noch heute werden sie eingehalten. Alle Personen, wie ich sie gezeichnet, sie haben gelebt […] die Erinnerung an ihre Originalgestalten lebt fort im Munde der Generationen.“
Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Lehmann’s Volksbücherei. Mainz, 1906.

Das Buch wurde viermal veröffentlicht, die erste kleine nummerierte Ausgabe wurde 1905 in der Joh. Wirth’sche Hofbuchdruckerei in Mainz gedruckt. Ihr folgte schnell eine weitere Veröffentlichung im darauffolgenden Jahr als 40. Band der berühmten „Lehmann’s jüdische Volksbücherei“, herausgegeben von Oscar Lehmann in Mainz. Sieben Jahre später wurde das Buch im Gustav Engel Verlag in Leipzig veröffentlicht, jetzt mit einem neuen Vorwort des Autors, das einen politischeren Ansatz am Vorabend des Ersten Weltkriegs verfolgt. Steinhardt widmet das Buch dem Fürstenhaus Esterhàzy zum Dank dafür, dass die „Juden Eisenstadts […] sich [seit 1622] ungehindert ihrem religiösen Leben hingeben und ihren Berufen nachgehen konnten.“

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Gustav Engel Verlag. Leipzig, 1913.

Die Authentizität des Buches finden wir in einem dritten Vorwort, das 1920 für die dritte Ausgabe des Buches veröffentlicht wurde. Jetzt schon mitten im Krieg schreibt Steinhardt:

Seit erschienenen der zweiten Auflage hat der grimmige Weltkrieg unseren Planeten tüchtig durchgerüttelt. Dieser Bruderkampf ging auch an dem Ghetto nicht spurlos vorüber […] alle in diesem Buche geschilderten Typen, mit Ausnahme von einem, sie sind dahin in jene Gefilde, wo es keinen Kampf mehr gibt, nur im Munde der Epigonen leben sie fort.

Ironischerweise wurde der Mann, der sein ganzes literarisches Können in den Dienst des Gedenkens gestellt hatte, völlig vergessen. Ein paar Literaturlexika erwähnen ihn kurz mit ein paar Zeilen, aber sein persönliches Leben und seine Biografie bleiben unentdeckt. Auch hier kommt uns das Buch zu Hilfe und wie in vielen anderen Fällen findet man in den Beständen unserer Bibliothek Bücher, die Hinweise und Spuren in sich tragen, die es uns ermöglichen, das zu enthüllen, was sonst für immer verloren bleiben würde.

Die seltene Erstausgabe dieses Buches, die unsere Bibliothek besitzt, offenbart uns in ihrem Inneren einen Geschenk-Etikett und drei Handschriften, die jeweils unterschiedliche Anliegen zum Ausdruck bringen. Das Geschenk-Etikett ist ein solches, wie wir es oft in unsere Bibliotheks Büchern finden. Es wurde in der Vergangenheit von unserer Bibliothek verwendet, um Bücher, die uns geschenkt wurden, mit dem Namen der schenkenden Person zu kennzeichnen. Dieser Stempel trägt den Namen: Lotte Kloster-Steinhardt.

Eine der Handschriften im Buch gehört auch Lotte Kloster-Steinhardt und ist eine Widmung von ihr an unsere Bibliothek: „Für die Bibliothek geschenkt von der Tochter des Autors! Lotte Kloster -Steinhardt. 2. Juni 1958“. Daraus erfahren wir bereits, wann uns das Buch geschenkt wurde. Noch wichtiger ist jedoch, dass Moritz Steinhardt eine Tochter namens Lotte hatte und das Buch in ihrem Besitz war, bevor es in unsere Bibliothek kam. Über Lotte Kloster Steinhardt konnten wir leider keine anderen Informationen finden, als dass sie in der frühen zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Zürich lebte.
Was wir jedoch gefunden haben, ist eine kleine Anzeige in der Rubrik „Wer kann Auskunft geben“ des Israelitischen Wochenblatts vom 16.3.1945. Diese Rubrik war für Menschen gedacht, die während und nach dem Holocaust nach ihren Verwandten und Angehörigen suchten. Hier sehen wir, dass Lotte Kloster nach ihrer Schwester Irmgard Steinhardt und ihrer Mutter Bertha Steinhardt sucht. Als letzten bekannten Aufenthaltsort gibt sie Theresienstadt an.

Israelitisches Wochenblatt16.3.1945.

Kehren wir zurück zu unserem Buch, finden wir den Namen der Mutter Bertha in einer Widmung des Autors Moritz Steinhardt selbst an seine Frau: „Erstausgabe! Meiner geliebten Frau Bertha in Liebe zugeeignet. Chb. [Charlottenburg] 24/2. 1920. Moritz Steinhardt“.

Auf der anderen Seite des Titelblatts finden wir eine andere Handschrift von Moritz Steinhardt, die wahrscheinlich später geschrieben wurde: „Dieses Exemplar Soll in der Familie stets – an die älteste männliche Linie vererbt werden!“

Man könnte annehmen, dass der Wunsch des Vaters nicht erfüllt werden konnte, weil die Familie Steinhardt nur Töchter hatte (im Moment wissen wir von den beiden Töchtern Lotte und Irmgard) und das Buch deshalb in den Händen einer der Töchter landete. Es gibt jedoch noch einen weiteren Hinweis, den wir in der zweiten (vermehrten) Auflage des Buches finden, die 1913 veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe wird das Buch von einem schönen Schutzumschlag begleitet, auf dem der Künstler als Manfred Steinhardt angegeben ist.

Da es ein bisschen zu zufällig erscheint, dass sowohl der Autor als auch der Künstler denselben Nachnamen haben, finden wir nach ein bisschen Nachforschung heraus, dass der Künstler der Sohn von Moritz und Bertha, Manfred Steinhardt (1893 – 1952), ist. Wir finden auch heraus, dass Manfred Steinhardt ein recht erfolgreicher Künstler in Deutschland war und 1938 zusammen mit Ludwig Schwerin eine Ausstellung seiner Werke in Berlin hatte. In dieser Ausstellung befand sich ein Selbstporträt von ihm, das in der Jüdischen Rundschau vom 22. März 1938 abgebildet wurde.

Manfred Steinhardt – Selbstbildnis. (Jüdische Rundschau 22.3.1938)

Wir können davon ausgehen, dass Manfred Steinhardt dieses Buch auf Wunsch seines Vaters bis zu seinem Tod 1952 aufbewahrt hat. Danach wurde es seiner Schwester Lotte übergeben, die es 1958 der Bibliothek schenkte. Dieses Buch, das für seinen Autor sicherlich sehr wichtig war, reiste von Mainz nach Charlottenburg, von dort nach London und landete schliesslich in unserer Bibliothek in Zürich. Unterwegs sammelte es Hinweise und Spuren eines vergessenen Autors und des Schicksals seiner Familie, über die wir nun ein wenig mehr wissen. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig ein einziges Buch ist, um aufzudecken, was sonst wohl für immer unerzählt bliebe.

Oded Fluss, Zürich, 28.7.2022

Ein Buch voller Kuriositäten

Sefer Chibat Yerushalaim. Jeruslaem, 1844. Breslauer Sammlung: BH 310.

Ein ganz besonderes Buch, das sich in unserer Breslauer Sammlung befindet, ist das Sefer Chibat Yerushalaim (Buch der Zuneigung Jerusalems). Gedruckt 1844 in der berühmten Druckerei Israel Back (B“K), war es eines der ersten Bücher, die in Jerusalem gedruckt wurden. Das Buch wurde mit der Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“ gedruckt, benannt nach dem Philantropen Moshe Montefiore und seiner Frau Yehudit, die der Druckerei 1842 die Druckpresse schenkten („Mase’at“ bedeutet Geschenk auf Hebräisch).

Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“. Oberhalb eine Verzierung in Form eines Adlers, der eine Schlange hält.

Das Buch ist der Stadt Jerusalem, ihrer Geschichte, ihren Sehenswürdigkeiten und Einwohnern gewidmet und enthält „Haskamot“ (Imprimatur/Druckerlaubnisse) von zwei der wichtigsten Jerusalemer Einwohner der damaligen Zeit.

„Haskamot“ (Imprimatur) von Chaim Abraham Gagin und Jakob Antebi.

So haben wir die Worte von Chaim Abraham Gagin (1787 – 1848), bekannt als ha-Rishon le-Zion (der Erste von Zion), der zwischen 1842 und 1848 Oberrabbiner des ottomanischen Palästinas war. Auch haben wir die Worte des Rabbiners Jakob Antebi (1774 – 1846), der 30 Jahre lang Oberrabbiner von Damaskus war. Antebi, der ein Opfer der bekannten Damaskusaffäre – eine Ritualmordlegende über die Juden, die 1840 in Damaskus stattfand – war, würde dies und die Hilfe, die er von Moshe Montefiore erhielt, in dem Buch sogar bezeugen.

„ליום חתונתו ושמחת לבו מאת מוקירו ומכבדו אליעזר ליזר לאנדסהוטה“

Unser Exemplar des Buches enthält eine handschriftliche Widmung von Eliezer (Lejser) Landshuth (1817 – 1887), einem berühmten jüdischen Gelehrten, der sich auf jüdische Lithurgie spezialisiert hatte. Die Widmung ist für die Hochzeit einer unbekannten Person bestimmt und lautet auf Hebräisch: „Für seinen Hochzeitstag und die Freude seines Herzens, von dem, der ihn hegt und ehrt Elieser Lejser Landshuth.“

Einen Hinweis, der uns vermuten lässt, wer die betreffende Person ist, finden wir auf der Titelseite des Buches, das neben dem Stempel des Breslauer Seminars auch den Stempel von Dr. David Rosin (1823 – 1894) trägt. Da Rosin und Landshuth Zeitgenossen waren und sich beide mit jüdischer Lithurgie beschäftigten, darf man annehmen, dass sie sich kannten und dass Landshuth an Rosins Hochzeit teilnahm und ihm dieses Buch schenkte. David Rosin, der selbst ein berühmter Gelehrter und der Nachfolger von Manuel Joël als jüdischer Philosophielehrer am Breslauer Seminar war, hatte wahrscheinlich dieses Buch der Bibliothek des Seminars überliefert.

Sefer Chibat Yerushalaim. Jerusalem, 1844. Aus der Sammlung David Jeselsohn.

Unser Nachbar und Mitglied der ICZ-Gemeinde Dr. David Jeselsohn, dessen Büchersammlung weltberühmt ist, hat ebenfalls ein Exemplar dieses Buches in seiner Sammlung, allerdings mit einer anderen Titelseite. Dies lässt den Verdacht aufkommen, dass unser Buch zu einem späteren Zeitpunkt gedruckt wurde und das Datum auf dem Buch nicht korrekt ist. Ein Verdacht, den wir leider noch nicht bestätigen oder dementieren konnten.

Oded Fluss. Zürich, 14.7.2022.

Ein jüdischer und ein christlicher Nationalrat treffen sich in einem Buch.

Moses Mendelssohn – Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Berlin, 1767.

Ein Buch ist manchmal ein Treffpunkt zwischen zwei grossen Menschen. In vielen unserer Bücher finden wir Widmungen, die uns in eine frühe Zeit zurückwerfen, in der diese geschrieben wurden. Eines der seltenen Bücher im Bestand unserer Bibliothek ist eine Erstausgabe von Moses Mendelssohns „Phaedon – oder über die Unsterblichkeit der Seele“ von 1767.
Das Buch, das unserer Bibliothek am 27. Dezember 1948 geschenkt wurde, enthält eine Widmung von David Farbstein (1868 – 1953), Rechtsanwalt und erster jüdischer Nationalrat der Schweiz.

David Farbstein, in orthodoxem Milieu in Warschau geboren, studierte nach einer Rabbinerausbildung in Osteuropa Jura in Deutschland und der Schweiz. Nach seiner Einbürgerung 1897 liess er sich als Anwalt in Zürich nieder. Farbstein war ein enger Vertrauter von Theodor Herzl und der Ort des ersten Zionistenkongresses geht auf ihn zurück: Nach vielen Querelen um München und Zürich hatte Herzl Farbstein in einem Brief vom 9. Juni 1897 gebeten, einen günstigen Kongressort in der Schweiz zu finden, nicht weit von der österreichisch-schweizerischen Grenze entfernt. Schliesslich wurde Basel der historische Ort, von dem das Basler Programm und Jahre später die Staatlichkeit Israels ihren Ausgang nahmen.

David Farbstein


Farbstein war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, Mitglied des Zürcher Kantonsrats und Mitglied des Nationalrats. Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehörte die Förderung der Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz und ein erbitterter Kampf gegen den Antisemitismus. Er war ein frühes Mitglied der ICZ und sein Grab war das erste auf dem damals neu eingerichteten jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg.

Grab David und Rosa Farbstein auf dem Israelitischen Friedhof Oberer Friesenberg

Der Empfänger dieser Widmung ist der Schweizer Pfarrer, Politiker und Gründer des Schweizer Sozialarchivs Paul Pflüger (1865 – 1947). Bekannt als „roter Pfarrer“ zählt er zu den Pionieren der Schweizer Sozialpolitik. Wie Farbstein war auch er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.
Aus dem Inhalt geht hervor, dass die Widmung 1945 geschrieben wurde und Pflüger das Buch von Farbstein zu dessen 80. Geburtstag bekommen hat.

Aus verschiedenen Hinweisen können wir erkennen, dass zwischen Farbstein und Pflüger eine wahre Freundschaft bestand. Letzterer hat Farbstein in seiner „Lebenserinnerung“ als „den intimsten Freund“ bezeichnet. In einem Nachruf schrieb Farbstein 1947: „Der Unterzeichnete verliert in Paul Pflüger einen alten guten Freund. Die Menschheit verliert in ihm einen edlen Menschenfreund. Das Andenken dieses Gerechten, dieses Zaddik sei gesegnet“.

Israelitisches Wochenblatt, 19.12.1947


Unter der ersten Widmung finden wir eine weitere, die an unsere Bibliothek gerichtet ist. Sie ist auf 1948 datiert, ein Jahr nach Pflügers Tod, und wurde von Pflügers Sohn ( der ebenfalls Paul heisst) geschrieben. Er schrieb, dass er dieses Buch im Nachlass seines Vaters gefunden hat und es unserer Bibliothek schenken möchte.

Karikatur von David Farbstein von dem jüdischen Künstler Gregor Rabinovitch (Nebelspalter, 1926).

Oded Fluss, Zürich, 29.6.2022