Ich schlage vor, das Purim-Fest vom jüdischen Kalender abzusetzen und das Buch Esther aus dem Kanon der Heiligen Schriften auszuschliessen.
So beginnt Schalom Ben-Chorin (1913–1999) seine im Jahr 1938 in Jerusalem verfasste „Theologische Streitschrift“. Ben-Chorin (hebräisch für „der Freie, der sein eigener Herr ist”) war das Pseudonym von Fritz Rosenthal, einem Rabbiner, Journalisten und Religionswissenschaftler. Er verfasste das Werk nur drei Jahre nach seiner Einwanderung aus Deutschland nach Palästina.

Die seltene Broschüre, die sich in unserer Bibliothek befindet, geht über die bekannte halachische Polemik hinaus, dass die Esther-Megillah ein dem Kanon der jüdischen Schriften eher fremder Text sei, oder Gott werde darin kein einziges Mal erwähnt. Auch die übliche Abneigung gegen die etwas unbescheidenen – um nicht zu sagen „unjüdischen” – Bräuche, für die das Purimfest bekannt ist, wie Alkoholkonsum bis zur Besinnungslosigkeit, Narretei und Clownerie, sind nicht das Thema. Ben-Chorin sieht Purim als „Fest der Galut” und kritisiert vor allem den moralischen Aspekt der Esther-Geschichte und ihrer Hauptfiguren.

Laut Ben-Chorin waren die in der jüdischen Folklore beliebten Figuren Esther und Mordechai unaufrichtig, egoistisch, feige und eitel. Er betrachtete Mordechais Entscheidung, seine Adoptivtochter Esther dem König zu übergeben, sowie seinen Rat an sie, über ihre Herkunft zu schweigen, als mutlos, unjüdisch und definitiv nicht heldenhaft.
Mardochai ist nicht der Mann, bei dem wir heroische oder märtyrerhafte Züge zu vermuten geneigt sind. Sein Adoptivkind Esther gibt er widerspruchslos in die Hand des Eunuchen Hegai, der es sorgfältig für den König vorbereitet; seiner einem königlichen Wüstling preisgegebenen Esther weiss er keinen anderen väterlichen Rat mitzugeben, als zu schweigen und nicht merken zu lassen, dass sie Jüdin sei […] Ein Mann von religiöser Gesinnung hätte Esther nicht kampflos preisgegeben.

Vor allem aber war Mordechais Weigerung, sich Haman zu unterwerfen, angesichts der prekären Situation der Juden in Susa nicht politisch klug. Diese Einschätzung wird durch Mordechais Bereitschaft, sich auf einem Pferd durch das Königreich führen zu lassen, noch verstärkt. Somit ist Mordechai laut Ben Chorin nicht nur eitel, sondern auch dumm.
Das Edikt, das den Pogrom erlaubt, ja anordnet, hängt bereits in den Strassen der Residenzstadt Susa (IV,3), da beschliesst Achaschverosch, Mardochai in pompöser Weise zu ehren (VI,7-11). Was tut Mardochai? Jeden Stolzes bar, nimmt er die Ehrung aus den Händen seiner Todfeinde an. Er ist eben nicht nur eitel, er ist auch dumm. Er lässt sich öffentlich ehren, obwohl er weiss, dass dies wenige Monate vor dem angeordneten Pogrom die antijüdische Stimmung steigern muss.
Ebenso erweist sich Esther für Ben-Chorin als „schwacher Charakter“. Abgesehen von ihrer Schönheit zeichnet sie sich vor allem durch ihre Passivität aus. Im Umgang mit Ahasveros wirkt sie auf Ben-Chorin eher listig als klug. Sie ist viel zu vorsichtig in ihren Handlungen, obwohl ihr die grosse Gefahr bewusst ist, die vor ihr liegt.
Ist Esther nun wenigstens in diesem Augenblick die Heldin, die Heilige der Tradition? Keineswegs. Sie ist eine schöne, lebenslustige, kluge Frau, die den Weg des geringsten Widerstandes wählt. Was ist einfacher und erfolgversprechender […] Esther ist vorsichtig. Sie klagt nicht frei den Uebeltäter an. Sie ist nicht erfüllt von der gerechten Sache, sie wagt möglichst wenig. Sie verschiebt die Entscheidung. Erst nachdem sie sich – durch zwei Gastmähler – den König gefügig gemacht hat, erhebt sie Klage gegen Haman.

Die Erhängung Hamans und seiner Söhne.. Aus der Megillat Esther. UB Basel, CL 199.
Für Ben-Chorin steht das Schlimmste jedoch am Ende der Geschichte. Er vergleicht die Rache von Esther und Mordechai – die Erhängung Hamans sowie die seiner zehn Söhne, deren Schuld nie bewiesen wurde, und die Ermordung von 800 Menschen unter dem Schutz des Königs – mit den abscheulichsten Pogromen gegen Juden unter den schlimmsten Regimes. Angesichts dessen, was die Juden unter Terrorregimes durchgemacht haben, kann er dieses „Happy End“ nicht als Grund zum Feiern sehen.
Mardochai macht Revolution mit Erlaubnis der Obrigkeit. Das ist die peinlichste Art von Terror, die man sich denken kann: Terror ohne Risiko. Ein Pogrom, der von der Regierung gedeckt wird, ist um nichts besser, wenn er von Juden begangen wird. Das haben uns die Antisemiten des Öfteren schon vorgeworfen […] Und Esther, die „Myrthe“? Hier zeigt sie sich von einer recht peinlichen Seite. Ein Pogromtag ist ihr zu wenig. Sie will noch einen zweiten und bekommt ihn zugebilligt. Die zehn Söhne Hamans, deren Mittäterschaft keineswegs erwiesen ist, sind zwar getötet. Aber das genügt nicht; noch die Leichen müssen gehenkt werden. Das ist Esther: zuerst skrupellos erfolgsüchtig, dann feige, zuletzt grausam.
Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, zieht Ben-Chorin einen Vergleich zwischen Purim und Chanukka. Während er Chanukka als den wahren jüdischen Nationalfeiertag betrachtet, der einen echten Sieg aus eigener Kraft symbolisiert, ist Purim für ihn ein Feiertag der Galut (Diaspora). Dieser sollte seiner Meinung nach keinen Platz mehr haben, sobald das jüdische Volk in sein Land zurückgekehrt ist.
Dieses Fest Purim ist das Fest jener Seele, welche die Galuth uns einhauchte. Wir wollen frei werden von diesem Geist, frei von diesem Fest, das eines selbstbewussten, aufrechten Volkes unwürdig ist. Unser nationales Fest ist Chanukkah, das Fest des Sieges der eigenen Kraft, die ihre Wurzel im Vertrauen auf Gott hat.

Ben-Chorin zufolge ist das Buch Esther kein göttliches, sondern ein menschliches Werk. Daher sieht er kein Problem darin, sich ihm entgegenzustellen. Als Beweis führt er das Buch Esther selbst an und zitiert Kapitel 9, Verse 20–32, in denen Mordechai und Esther als die Verfasser genannt werden.
Was von Menschen eingesetzt ist, unterliegt menschlicher Kritik und kann von Menschen wieder gelöscht werden – auch nach Jahrtausenden. Was aber geoffenbart ist, das ist ewig und uns ist es nicht gegeben, etwas hinzuzutun oder hinwegzunehmen (Deut. IV,2). Im Falle des Purimfestes aber handelt es sich um die Stiftung von Menschen (IX, 20-32), deren Vorbildlichkeit durch diese Abhandlung in Frage gestellt werden sollte.

Dieser ziemlich radikale Text war bei seiner Erstveröffentlichung noch radikaler. Er wurde 1937 geschrieben, zu einer Zeit, in der das jüdische Volk jeden Trost nötig hatte. Da Purim eines der wenigen jüdischen Feste ist, die nicht nur Freude äussern erlauben, sondern auch fördern, wurde der Text fast einhellig negativ aufgenommen. Kurz vor Purim 1938 veröffentlichte Der Israelit, das zentrale Organ des orthodoxen Judentums in Deutschland, einen bissig-kritischen Artikel mit dem Titel „Eine typische Zeitverirrung”. Darin wurde Ben-Chorins Text als „Heiligenschändung im Dienste der Religiosität” bezeichnet. Ben-Chorin erzählte später, dass er, als er mit seinem Sohn in Mea Shearim in Jerusalem spazieren ging, ein Plakat sah, das zu einer Bahnflucht gegen ihn aufrief.

Einige bekannte Personen fanden den Text hingegen sehr positiv und aufschlussreich. Max Brod, der in seinem vergessenen Theaterstück Eine Königin Esther eine ähnliche Haltung vertrat, schrieb: „Man lese und werte die Argumente des temperamentvollen und mit viel Gelehrsamkeit gerüsteten Entrüsteten.“ Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz schrieb persönlich an Ben-Chorin: „Ihr Kampf gegen das Purimfest ist grossartig.“ Am meisten beeindruckt war wohl Samuel Hugo Bergmann. Der bekannte Philosoph und legendäre Direktor der Nationalbibliothek Israels war damals Rektor der Hebräischen Universität Jerusalem. Er hat den Text nicht nur gefördert, sondern auch einen Einleitungsbrief zu diesem Werk verfasst.

Selbstverständlich muss man nicht mit allen Behauptungen Ben-Chorins einverstanden sein. Er selbst vergleicht seinen aussichtslosen Kampf gegen Purim mit Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen. Natürlich gibt es viele schöne und heilsame Bräuche an Purim, wie das Spenden an die Armen und das Versenden der Schlachmones (Geschenke an Verwandte und Freunde). Auch der aus anderen Religionen stammende Karnevalsaspekt ist für jedes jüdische Kind ein freudiges Ereignis und für Erwachsene nostalgisch.

Es lohnt sich jedoch, Ben-Chorins Ideen zu bedenken und nicht alles als selbstverständlich hinzunehmen, was wir zu wissen glauben. Gerade in der damals neuen Situation, die eine Befreiung aus der Galut und die Rückkehr ins Gelobte Land versprach, ist es wichtig, auch das Unbehagen einzugestehen, das das Buch Esther auslöst. Wie Ben-Chorin selbst schreibt:
ich glaube, es gibt nur eine Sünde gegen die Heilige Schrift: den Indifferentismus Man muss die Schrift wieder so ernst nehmen, dass man bebt vor Begeisterung und Ablehnung; dass man entschlossen ist, aller Sentiments ungeachtet, sich dem Wort neu zu konfrontieren.
Oded Fluss. Zürich, 25.2.2026














































































