Neben den zahlreichen religiösen und heiligen Büchern der Breslauer Sammlung befindet sich auch ein umfangreicher Bestand klassischer Literatur. Dazu gehören frühe – teilweise sogar die ersten – hebräischen Übersetzungen von Platon, Homer, Sophokles und anderen Werken der griechischen Klassik sowie Werke der klassischen westlichen Literatur von Autoren wie Goethe, Heine und Milton. Eines der Hauptziele des Breslauer Rabbinerseminars war die Ausbildung moderner Rabbiner, der sogenannten Rabbiner-Doktoren, die ebenso gut aus der Bibel und dem Talmud wie aus Goethe und Shakespeare zitieren konnten.

Eines der aussergewöhnlichsten Bücher der Sammlung ist die erste hebräische Übersetzung eines Shakespeare-Werkes überhaupt: Othello. Die 1874 in Wien veröffentlichte Übersetzung ist die erste vollständige nach einigen Teilübersetzungen von Ausschnitten und Auszügen. Im Gegensatz zu diesen basiert sie jedoch nicht auf einer deutschen Fassung, sondern direkt auf dem englischen Original. Was dieses Werk jedoch wirklich auszeichnet, ist die Identität des Übersetzers und die Übersetzung an sich.

Die Entscheidung, den Titel des Buches und damit auch Othellos Namen in den biblischen Namen איתיאל Itiel („Gott ist mit mir”) zu ändern, ist ein bewusster Schritt, der sich durch das gesamte Werk zieht. Der Übersetzer, der auf der hebräischen sowie auf der englischen Titelseite lediglich mit den Initialen „J. E. S.” erscheint, steht in der Tradition früher hebräischer Übersetzer wie David Frischmann mit seinem „Zarathustra” oder Saul Tchernichowsky mit seiner „Ilias”. Diese entschlossen sich, ein klassisches Werk nicht nur ins Hebräische zu übersetzen, sondern es vielmehr zu „hebräisieren” und in manchen Fällen sogar zu „judaisieren”.

So finden sich im Stück neben hebräischen, biblischen Charakternamen auch Passagen, die nicht nur übersetzt, sondern durch Bibel- oder Talmudzitate ersetzt wurden. Ein Beispiel hierfür ist die Stelle, an der der Kopf des Kabeljaus (Cod) und der Schwanz des Lachses (Salmon) durch den Kopf eines Löwen (Arje) und den Schwanz eines Fuchses (Schual) ersetzt werden, wie es in „Maschet Abot” in der Mischna beschrieben wird: „Sei ein Schwanz der Löwen und sei nicht ein Haupt der Füchse”.
She that in wisdom never so frail
To change the cod's head for the salmon's tail
ולבה יבחן לדעת מה רמים ושפלים
כי זנב לאריות טוב מראש לשועלים
Oder wenn Iago versucht, Montano zu manipulieren und sagt: „Lieber würde ich mir diese Zunge aus dem Mund schneiden lassen.“ Die Übersetzung nimmt wunderschön Bezug auf die Psalmen und lautet: „Lieber würde mir meine Zunge am Gaumen kleben.“
I had rather have this tongue cut from my mouth
תדבק לשוני לחכי, אם אדבר דבר

Zu den Gründen für dieses Vorgehen gehörte zweifellos die poetische Qualität der hebräischen Bibelsprache. Da Shakespeares Stil bekanntermassen von der englischen Bibelübersetzung inspiriert war, glich die Übersetzung ins biblische Hebräisch fast einer Rückübersetzung. Einen besonders aufschlussreichen Grund für diese Motivation finden wir in der Einleitung des Publizisten und Autors Peretz ben Mosche Smolenskin zur Übersetzung. Smolenskin zählte zu den führenden Persönlichkeiten der jüdischen Haskala und setzte sich für die moderne hebräische Sprache ein. Er war die treibende Kraft hinter der Veröffentlichung dieses Buches und betrachtete die Übersetzung als weitaus mehr als nur eine Übersetzung, nämlich als Werkzeug im kulturellen Kampf.

Rache nehmen wir heute an dem britischen Volk. Es hat unsere heiligen Schriften genommen und damit gemacht, was jemand mit dem Eigenen tut: Es hat sie kopiert und auf der ganzen Welt verstreut, als ob sie ihm gehören würden. Und jetzt zahlen wir es ihm mit gleicher Münze heim. Wir werden ihre kostbaren Bücher, ihre heilige Schrift, die Visionen von Shakespeare, nehmen und in unsere heilige Sprache übertragen. Ist diese Rache nicht süß?!
Rache als Grund für die Übersetzung eines Werkes erscheint ziemlich hart. Auch der Übersetzer des Werkes hätte dem möglicherweise nicht zugestimmt. Dieser Mann, der sich später durch die Übersetzung eines weiteren Werks von Shakespeare, Romeo und Juliet, das er mit dem schönen hebräischen Titel רם ויעל „Ram und Yael“ versah, zu erkennen gab, war Isaac Edward Salkinson. Als Sohn einer orthodoxen jüdischen Familie begann er seine Übersetzungsarbeit mit Miltons „Paradise Lost“, das er unter dem Titel ויגרש את האדם („Und Er vertrieb den Menschen“) veröffentlichte.

Der in einem kleinen Dorf nahe Wilna geborene Salkinson war eine äusserst exzentrische Persönlichkeit der jüdischen Haskala. Er konvertierte im Laufe seines Lebens zum Christentum, nachdem er in London Vertreter der Missionsgesellschaft kennengelernt hatte. Obwohl er für seine aussergewöhnlich schönen Übersetzungen ins Hebräische von vielen bewundert wurde, stand er stets unter dem Verdacht, selbst ein Missionar zu sein. Ein gutes Beispiel für sein Bestreben, diesen Verdacht zu vermeiden, finden wir in seiner Übersetzung von Itiel. So relativiert er beispielsweise eine vermeintlich negative Überlieferung von Judas Iskariot und vermeidet den entsprechenden Satz aus Shakespeares Werk, in dem Jesus dem gesamten jüdischen Volk überlegen ist.
of one whose hand,
Like the base Judean, threw a pearl away
Richer than all his tribe;
כיהודי ההוא
אשר השליך ספיר מידו, יקר מכל הון ישראל.

Die Übersetzung von Othello gilt bis heute als Klassiker der hebräischen Sprache. Der Übersetzer ist jedoch – vermutlich aus den oben genannten Gründen – weitgehend in Vergessenheit geraten. Abgesehen von einigen anachronistischen Begriffen hat diese mehr als 150 Jahre alte Übersetzung den Test der Zeit zweifellos bestanden. Andere Übersetzer des Stücks ins Hebräische – darunter einige renommierte wie T. Carmi und Nathan Alterman, der seine eigene Übersetzung im Vergleich dazu als blossen „Versuch” bezeichnete – waren sich einig, dass Salkinsons Übersetzung überlegen ist und bis heute aktuell und frisch wirkt. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass diese Übersetzung wesentlich zur Erneuerung der hebräischen Sprache beigetragen hat. Im vergangenen Jahr wurde sie in Israel sogar in einer Neuausgabe veröffentlicht.
Oded Fluss. Zürich, 26.8.2026












































































