Vor 90 Jahren hallte ein Schuss durch die Schweiz. Für den jüdischen Schützen war es der letzte verzweifelte Versuch, die Welt aufzurütteln und die Aufmerksamkeit auf die schreckliche Lage der Juden im Dritten Reich zu lenken. Viele könnten zunächst an David Frankfurter denken, der am 4. Februar 1936 den Gauleiter Wilhelm Gustloff in Davos erschoss. Doch diese Tat fand nicht in Davos, sondern vier Monate später in Genf statt. Da Schütze und Opfer dieselbe Person waren, handelte es sich jedoch nicht um ein Attentat. Am 2. Juli 1936 nahm sich der jüdische Filmregisseur, Fotojournalist und Schriftsteller Stefan Lux vor der Generalversammlung des Völkerbundes in Genf das Leben.

Der unbekannte Stefan Lux, 1888 in Wien geboren, war alles andere als ein Unbekannter, wenn es um Selbstaufopferung ging. Die wenigen Details aus seinem Leben zeigen, wie bewusst er seine letzte Tat angegangen ist. Freunde beschrieben ihn als Idealisten und Verfechter der Gerechtigkeit, der sich oft für die Belange von Menschen einsetzte, denen Unrecht widerfahren war. Bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, begann er als Frontsoldat an den Film „Gerechtigkeit” zu arbeiten. Obwohl er selbst im Krieg schwer verwundet worden war, setzte er sich mit diesem Werk für die „Unglücklichen dieser Welt” ein. Es sollte einer der ersten Spielfilme werden, die sich explizit mit Antisemitismus auseinandersetzen. Bekannte jüdische Schauspieler wie Fritz Kortner und Rudolf Schildkraut wirkten mit und der Berliner Tietz-Konzern finanzierte das Projekt. Der Film wurde 1920 fertiggestellt, aber nie aufgeführt. Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch distanzierten sich die Geldgeber und zogen ihre Unterstützung zurück. Offensichtlich war die Welt noch nicht bereit für Gerechtigkeit.

Lux zog daraus seine Konsequenz: Wer wirklich gehört werden will, darf nicht von anderen abhängig sein. Voller Erwartungen und Hoffnungen zog er nach Berlin. Doch bald sollte er erfahren, was es bedeutete, als „freier Schriftsteller“ abgelehnt zu werden und zu hungern – nun mit einer Frau und einem kleinen Kind. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh er 1933 nach Prag. Dort schrieb er für die Prager Selbstwehr und gründete die „Jüdischen Kammerspiele“, eine Bühne, um aus Deutschland geflüchteten jüdischen Bühnenkräften Arbeit zu verschaffen.

Allmählich spürte Lux jedoch, dass die konventionellen Mittel von Bühne und Zeitschrift nicht ausreichten, um die drohende Katastrophe aufzuhalten, die nicht nur den Juden, sondern ganz Europa drohte. Um die Welt zu warnen, müsse man so sprechen, dass die Welt es höre, und dafür schien ihm der Völkerbund die geeignetste Tribüne zu sein. So fuhr er nach Genf, erhielt mit einem Empfehlungsschreiben einer Prager Zeitung Zugang zum Sitzungssaal und hörte den Debatten zu. Schnell wurde ihm jedoch klar, dass seine Worte diese zynischen „Politiker der weißen Handschuhe” nicht erreichen würden. Es gab nur noch eine Möglichkeit, sie aufzurütteln: sich selbst zu opfern.

In seinen letzten beiden Tagen sass Lux ununterbrochen am Schreibtisch in seinem Hotelzimmer und schrieb in fieberhafter Eile Briefe: an den französischen Präsidenten Lebrun, den Premierminister Laval, die Zeitungen Times und Manchester Guardian, den Generalsekretär des Völkerbunds, M. Avenol, den König von England und den britischen Aussenminister Anthony Eden. Letzterem schrieb er:
Sir Eden! Wenn ein Mensch unmittelbar vor seinem bewusst und überlegt gewählten freiwilligen Tod das Wort ergreift, so hat er einen Anspruch darauf, gehört zu werden […] Ich flüstere nicht, Sir Eden – ich schreie es heraus: Sie haben es auf deutscher Seite mit Verbrechern zu tun. Die deutschen Partner, mit denen Sie verhandeln und diskutieren und Noten wechseln, sind Verbrecher. […] ich bitte Sie mit meiner letzten Kraft: schauen Sie den Tatsachen ins Gesicht, werfen Sie die tödliche Apathie von sich. […] Der beste Teil der alten Welt wird an Ihrer Seite stehen. Mit einer solchen Front können Sie heute noch die Verbrecher bezwingen, denn sie sind ja, wie alle Verbrecher, feige und weichen sofort zurück, wenn sie entschliessender Energie und festen Willen begegnen […] Ich will inbrünstig daran glauben, dass das Wunder geschieht und dass der Tod eines kaum bekannten, kleinen Schriftstellers, eines „unbekannten Soldaten des Lebens“ etwas, Klarheit und Wahrheit verbreitet.
An seine Frau Dora schrieb er:
Nicht weich werden! Nicht klein! Ich muss mich zusammennehmen. Du – Ich gehe jetzt. Vielleicht, vielleicht hat es seine Wirkung getan. Wenn das Land dann wieder rein wird, wenn diese Pest vergeht – Du, dann hat es doch gelohnt, und dann werden alle frei, und man wird wieder atmen und leben können. Lohnt diese Aussicht und diese Möglichkeit nicht?

Und tatsächlich ging er. Er schoss sich vor den versammelten Politikern in die Brust. Zwar waren diese zunächst sehr schockiert, setzten ihre Sitzung aber fort, sobald Lux hinausgebracht worden war und sie merkten, dass es sich nicht um ein Attentat handelte. Auch die Briefe blieben ohne Wirkung. Die meisten wurden nie gelesen und die wenigen, die Aufmerksamkeit erhielten, wurden etwa zwei Monate lang in den Zeitungen thematisiert, bevor sie in Vergessenheit gerieten. Einige enge Freunde verfassten zwar herzerwärmende Nachrufe, doch die meisten hielten den Selbstmord für die Tat eines Verrückten.

Die Nazi-Zeitungen hatten ihren Spass daran und verspotteten Lux wegen seines „erbärmlichen Versuchs“. In einem Artikel mit dem Titel „Enttäuschte Hoffnung“ schrieb Julius Streicher in Der Stürmer, wie kontraproduktiv die Tat von Lux gewesen sei:

Ein unbekannter „Dichter” schloss sich mit einem kleinen, spöttischen Gedicht an:
Im Völkerbund ist koscheres Blut geflossen,
Ein Jud’ hat Gesten halber sich erschossen.
Er tat der Welt nach außen kund:
Erschossen ist der Völkerbund.
Einige Monate später folgte eine kleine, vielleicht unbedeutende, aber dennoch befriedigende Rache bei der Generalversammlung des Völkerbundes. Nun waren auch NS-Journalisten eingeladen, und einer von ihnen erhielt denselben Platz, den zuvor Stefan Lux eingenommen hatte. Auf seinem Platz fand er einen kleinen Zettel mit der Aufschrift:
Parteigenosse! Hier hat sich der feige, minderwertige Jude Lux erschossen, um gegen das Hakenkreuzlertum zu protestieren. Die Hakenkreuzlerpartei erwartet nun von dir, dass du dich auf demselben Platz erschießt, zum Protest gegen die Juden.“

Stefan Lux war ein Prophet, dessen Botschaft niemand hörte. Er hat sich vergeblich geopfert, denn es sollten viele weitere folgen. Der selbsternannte „unbekannte Soldat des Lebens“ ist bis heute unbekannt geblieben. Auf seinem Grabstein auf dem Cimetière israélite de Veyrier in Genf steht schlicht: „Martyr d’Israël”.
Oded Fluss. Zürich, 30.6.2026.

































































































