
Zu den wenigen Freuden und Tröstungen, die Anne Frank während ihrer mehr als zweijährigen Zeit im Versteck in Amsterdam hatte, gehörte der alte Kastanienbaum vor dem Fenster ihres Unterschlupfs. Zusammen mit dem blauen Himmel und den singenden Vögeln symbolisierte er ihre Sehnsucht nach Natur, Freiheit und Liebe.

Miep Gies, die die Familie Frank zusammen mit ihrem Mann und anderen Freunden versteckt hielt und nach deren Verhaftung Anne Franks Tagebuch rettete, berichtete in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank über Anne Franks besondere Beziehung zu dem Baum.
Ich stieg die steile Treppe hinauf. Als ich am Schlafzimmer der Franks vorbeikam, sah ich Anne allein am Fenster sitzen […] Anne saß an dem alten Küchentisch neben dem Fenster. Von ihrem Stuhl aus konnte sie auf den großen Kastanienbaum und die Grünanlagen blicken, ohne selber gesehen zu werden[…] Oben im Versteck zog mich Anne zum verhängten Fenster mit den inzwischen sehr schmutzigen Gardinen und zeigte mir jedes neue Grün an der großen Kastanie. Es war wirklich ein prachtvoller Baum, übersät mit prallen Knospen. Anne beobachtete genau, wie sie täglich dicker wurden und sich zu entfalten begannen.

In ihrem berühmten Tagebuch erwähnt Anne Frank den geliebten Baum mehrfach – stets in einem positiven Kontext. Bemerkenswert ist die wesentliche Rolle, die dieser Baum in der sich entwickelnden Beziehung des Mädchens zu Peter spielt. Peter van Pels und seine Familie waren ebenfalls zusammen mit den Franks untergetaucht und oft wurde der Baum erwähnt, wenn sich die beiden sahen und unterhielten. Er scheint zusammen mit ihrer Beziehung zu wachsen und zu reifen und diese widerzuspiegeln. So erwähnt Anne den noch kahlen Baum am 23. Februar 1944 zum ersten Mal in ihrem Tagebuch, nur zwei Wochen nach dem Tu-Bischwat-Feiertag – was ihr jedoch vermutlich nicht bewusst war.
Liebe Kitty! Seit gestern ist es draußen herrliches Wetter, und ich bin vollkommen aufgekratzt[…] Ich gehe fast jeden Morgen zum Dachboden, um mir die dumpfe Stubenluft aus den Lungen wehen zu lassen. Heute morgen, als ich wieder zum Dachboden ging, war Peter am Aufräumen. Bald war er fertig, und während ich mich auf meinen Lieblingsplatz auf den Boden setzte, kam er auch. Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so, daß wir nicht mehr sprechen konnten.

Während ihrer kurzen ersten Liebeszeit verbringen sie die meiste Zeit nebeneinander am offenen Fenster, jeder auf einer Seite, und blicken auf den Baum. Sie sprechen über ihr Leben, ihre Ängste und Geheimnisse. Kein Wunder also, dass der Baum unmittelbar nach ihrem ersten Kuss wieder auftaucht. Jetzt ist er schon ziemlich grün und trägt kleine Kerzen.
Gestern sind Peter und ich dann endlich zu unserem Gespräch gekommen, das mindestens schon zehn Tage verschoben worden ist. Ich habe ihm alles von den Mädchen erklärt und mich nicht gescheut, die intimsten Dinge zu besprechen. […] Der Abend endete mit einem Kuss, ein bisschen neben dem Mund. Es ist wirklich ein tolles Gefühl! […] Unsere Kastanie ist schön ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.
18. April 1944
Die letzte Erwähnung des Baumes erfolgt weniger als drei Monate vor ihrer Gefangennahme. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich Peter und Anne in der Blüte ihrer Liebe – ebenso wie der Baum, der ebenfalls in voller Blüte steht. Sie verbringen jeden Abend gemeinsam und sprechen über ihre Hoffnungen und Träume. Zudem geben sie sich vor dem Schlafengehen einen Kuss. Es fügt sich daher schön, dass der Baum ausgerechnet zum Hochzeitstag von Annes Eltern erwähnt wird:
Liebe Kitty! Gestern hatte Vater Geburtstag und Vater und Mutter waren 19 Jahre verheiratet. Es war kein Putzfrau-Tag und die Sonne schien, wie sie 1944 noch nie geschienen hat. Unser Kastanienbaum steht von unten bis oben in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.
13. Mai 1944

Im Gegensatz zu Anne und Peter, die den Holocaust leider nicht überlebten, hatte der alte Kastanienbaum den Krieg überstanden. In den folgenden Jahren war er jedoch wiederholt von Verschmutzung, Pilzbefall und strukturellen Schwächen bedroht. Dies veranlasste die Amsterdamer Behörden, Erhaltungsmassnahmen zu finanzieren. Später erteilten sie inmitten intensiver Debatten in den 2000er Jahren eine Fällgenehmigung. Nach Protesten, rechtlichen Schritten, Gutachten und Verhandlungen installierten Befürworter im April 2008 eine Stahlstützkonstruktion, um das Leben des Baums zu verlängern.

Trotz dieser Massnahmen stürzte der kranke Baum am 23. August 2010 bei einem starken Sturm um. Er brach etwa einen Meter über dem Boden ab und fiel harmlos in den Garten, ohne dass es zu Verletzungen oder Schäden an benachbarten Gebäuden kam. Vorausschauend hatten das Anne-Frank-Haus und Unterstützer bereits Kastanien gesammelt und Setzlinge gezogen. Diese Nachkommen des Baums wurden und werden seither weltweit gepflanzt – in Parks, Gedenkstätten wie Yad Vashem in Jerusalem sowie an Einrichtungen, die sich für Toleranz, Menschenrechte und Bildung einsetzen. Sie bilden ein lebendiges Denkmal und tragen Annes Botschaft von Hoffnung, Menschlichkeit und Liebe weiter. Gerade in diesen Tagen vor Tu biSchwat, dem jüdischen Neujahrsfest der Bäume, erblühen sie – stumme Zeugen einer Sehnsucht, die niemals vergeht.
Oded Fluss. Zürich, 27.1.2026.




















































































