„Jesus zu Chanukka, das passt nun mal nicht.“ Anne Frank und das Lichterfest

Erste niederländische Ausgabe des Tagebuchs. Amsterdam, 1947.

In ihrem Versteck in Amsterdam, in dem sie mehr als zwei Jahre verbrachte, feierte die Familie Frank zweimal Chanukka, was in Annes berühmtem Tagebuch erwähnt wird. Die assimilierte Familie, die von ihren christlichen Freunden versteckt wurde, feierte das jüdische Lichterfest zusammen mit dem christlichen, das normalerweise ungefähr zur gleichen Zeit stattfindet. Es ist interessant zu sehen, wie Chanukka und Weihnachten für die Familie eine grosse Rolle spielten, sowohl als Brücke zwischen ihnen und ihren Helfer*innen als auch als dringend benötigtes Licht in den sehr dunklen Zeiten ihres Verstecks.

Der Eingang zum Versteck durch das Bücherregal

Die erste Erwähnung von Chanukka durch Anne Frank erschien nicht in der offiziellen Ausgabe des Tagebuchs. Der Eintrag wurde offenbar in einem anderen Tagebuch geschrieben, das Anne Frank verfasst hatte und das erst in die Gesamtausgabe aufgenommen wurde. Die kleine Passage stammt vom 5. Dezember 1942, kaum sechs Monate nachdem die Familie untergetaucht war. Anne schreibt über den Abend davor, was bedeutet, dass sie den zweiten Abend von Chanukka (d.h. zweite Kerze) meint. Denn im Jahr 1942 begann Chanukka am 3. Dezember:

Beste Kitty,
Gestern Abend war es herrlich, wie haben erst Kerze angezündet und sind dann nach oben gegangen, dort war alles mit Blumen übersät, von Pim für Mama, von Herrn v.Pels und Herrn Pf. für Mama, von Herrn v.Pels für Frau [van Pels] und von Pim und Herrn Pf. für Frau [van Pels]. Mutter hat noch ein Päckchen Zigaretten und 1 Tafel Schokolade bekommen. Margot und ich jede ein reizendes Nähkästchen, Piet und wir zwei sehr viele Zuckerplätzchen, und M. und ich 1 Tafel Schokolade und 1 silbernes Schälchen. Ich noch ein Schloss für mein Tagebuch.
Anne Frank (1929-1945)

Die zweite Erwähnung von Chanukka findet sich in einem Eintrag zwei Tage später am Montag, den 7. Dezember 1942. Hier ist bereits deutlich zu erkennen, wie Chanukka und die Vorweihnachtszeit miteinander vermischt und von der Familie und ihren Helfer*innen als Einheit gefeiert werden. Die Hauptmotive beider Feiertage – das Licht und die Lieder neben den Geschenken – sind besonders bemerkenswert:

Liebe Kitty!
Chanukka und Nikolaus fielen dieses Jahr fast zusammen, der Unterschied war nur ein Tag. Für Chanukka haben wir nicht viele Umstände gemacht, ein paar hübsche Sächelchen hin und her und dann die Kerzen. Da ein Mangel an Kerzen herrscht, wurden sie nur zehn Minuten angezündet, aber wenn das Lied nicht fehlt, ist das auch ganz gut. Herr van Daan hatte einen Leuchter aus Holz gemacht, sodass das auch geregelt ist.
Der Nikolausabend am Samstag war viel schöner. Bep und Miep hatten uns sehr neugierig gemacht und schon die ganze Zeit immer mit Vater geflüstert, sodass wir irgendwelche Vorbereitungen wohl vermutet hatten. Und wirklich, um acht Uhr gingen wir alle die Treppe hinunter, durch den stockdunklen Flur (mir schauderte, und ich wünschte mich schon wieder heil und sicher oben!) zu dem Durchgangszimmer. Dort konnten wir Licht anmachen, weil dieser Raum keine Fenster hat. Vater machte den großen Schrank auf. »Oh, wie hübsch!«, riefen wir alle.
In der Ecke stand ein großer Korb, mit Nikolauspapier geschmückt, und ganz oben war eine Maske vom Schwarzen Piet befestigt. Schnell nahmen wir den Korb mit nach oben. Es war für jeden ein schönes Geschenk mit einem passenden Vers drin. Nikolausverse wirst du wohl kennen, darum werde ich sie dir auch nicht schreiben. Ich bekam eine Puppe aus Brotteig, Vater Buchstützen und so weiter. Es war jedenfalls alles schön ausgedacht, und da wir alle acht noch nie in unserem Leben Nikolaus gefeiert haben, war diese Premiere gut gelungen.

Deine Anne

P. S. Für unsere Freunde unten hatten wir natürlich auch was, alles noch aus den früheren guten Zeiten, und bei Miep und Bep ist Geld ausserdem immer passend. Heute haben wir gehört, dass Herr Voskuijl den Aschenbecher für Herrn van Daan, den Bilderrahmen für Dussel und die Buchstützen für Vater selbst gemacht hat. Wie jemand so kunstvolle Sachen mit der Hand machen kann, ist mir ein Rätsel!

Fast ein Jahr später, am 3. November 1943, wird Chanukka von den Mitgliedern der Familie Frank und von ihren Helfer*innen erneut diskutiert. Otto Frank hatte es für sehr wichtig gehalten, dass die Familie und vor allem die Töchter auch während der schwierigen Zeit im Versteck ihren Horizont erweiterten und weiterbildeten. Chanukka wurde als eine gute Gelegenheit für ein Bildungsgeschenk angesehen. Das Geschenk, das der Vater vorschlug, passte jedoch besser zum christlichen Feiertag, der kurz bevorstand:

Liebe Kitty!
Um uns etwas Abwechslung und Fortbildung zu verschaffen, hat Vater den Prospekt des Leidener Lehrinstituts angefordert. Margot hat das dicke Buch schon dreimal durchgeschaut, ohne dass sie etwas nach ihrem Geschmack oder ihrer Geldbörse fand. Vater entschied sich schneller, er wollte eine Probelektion »Grundkurs Latein« bestellen. Gesagt, getan. Die Lektion kam, Margot machte sich begeistert an die Arbeit, und der Kurs, egal wie teuer, wurde genommen. Für mich ist er viel zu schwer, obwohl ich sehr gerne Latein lernen würde. Damit ich auch etwas Neues anfangen kann, bat Vater Kleiman um eine Kinderbibel, damit ich endlich auch etwas vom Neuen Testament erfahre. »Willst du Anne zu Chanukka etwa eine Bibel schenken?«, fragte Margot etwas entsetzt.
»Ja … eh, ich denke, dass Nikolaus eine passendere Gelegenheit ist«,
antwortete Vater.
Jesus zu Chanukka, das passt nun mal nicht.

Eineinhalb Monate später, am 22. Dezember 1943, wird Chanukka zum letzten Mal im Tagebuch erwähnt. In diesem Jahr würde die erste Kerze von Chanukka am 21. Dezember angezündet, drei Tage vor Heiligabend, und die beiden Feiertage wurden teilweise zur gleichen Zeit gefeiert. Die enge Verbindung zwischen den beiden Feiertagen wird wieder spürbar, wenn Anne beide Feiertage wie in einem Atemzug beschreibt. Was wir normalerweise Chanukka zuschreiben: Öl und Süssigkeiten, beschreibt Anne Frank auf der Weihnachtsseite, die Geschenke, die wir Weihnachten zuschreiben, auf der Chanukka-Seite:

Zu Weihnachten gibt es extra Öl, Süssigkeiten und Sirup. Zu Chanukka hat Herr Dussel Frau van Daan und Mutter eine Torte geschenkt. Miep hat sie auf Dussels Ersuchen gebacken. Bei all der Arbeit musste sie auch das noch tun. Margot und ich haben eine Brosche bekommen, aus einem Centstück gemacht und schön glänzend. Es lässt sich kaum beschreiben, wie prächtig!
Für Miep und Bep habe ich auch etwas zu Weihnachten. Ich habe seit ungefähr einem Monat den Zucker zum Brei gespart und Kleiman hat zu Weihnachten Fondant davon machen lassen.
Das Wetter ist trüb, der Ofen stinkt, das Essen drückt schwer auf aller Magen, was von allen Seiten donnernde Geräusche verursacht.
Kriegsstillstand, Miststimmung.

Deine Anne
Abbildung der ‚Weihnukka‘-Feier der Familie Frank.
Ari Folman – Das Tagebuch der Anne Frank: Graphic Diary. S. Fischer Verlag, 2017

Dies war das letzte Chanukka der Familie Frank im Versteck und auch Annes letzte Worte über den Feiertag in ihrem Tagebuch. Am 4. August 1944 wurde das Versteck von der deutschen Ordnungspolizei gestürmt und die Familie wurde gefangen genommen, von der Gestapo verhört und nach Westerbork geschickt. Im September wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und die beiden Mädchen im Oktober von dort nach Bergen-Belsen. Über Anne Franks letztes Chanukka in Lagerhaft wissen wir von einer anderen jungen Frau, die zu dieser Zeit nach Bergen-Belsen geschickt wurde. Rebekka Brilleslijper (1912-1988) überlebte im Gegensatz zu Anne Frank das Lager und wurde später als die berühmte jiddische Sängerin und Tänzerin Lin Jaldati bekannt. In ihren Erinnerungen schreibt sie über Anne Franks letztes Chanukka::

Eines Tages im Dezember bekamen wir alle ein extra Stückchen Harzer Käse und etwas Marmelade. Die SS und die Aufseherinnen zogen sich nachmittags zurück und feierten. Es war Weinachten. Mit Margot und Anne Frank und den Schwestern Daniels waren wir jetzt drei Schwesterpaare. Wir wollten an diesem Abend Sint Niklaas, Chanukka und Weihnachten auf unsere Weise feiern.
Jannie hatte eine Gruppe von Ungarinnen kennengelernt, von denen einige in der SS-Küche arbeiteten. Mit deren Hilfe gelang es ihr, zwei Hände voll Kartoffelschalen zu ‚organisieren‘. Anne gabelte irgendwo ein Stückchen Knoblauch auf, die Schwestern Daniels ‚fanden‘ eine rote Rübe und eine Mohrrübe. Ich sang in einem anderen Block vor Aufseherinnen einige Lieder und tanzte einen Walzer von Chopin, die Melodie sang ich selbst dazu, dafür bekam ich eine Handvoll Sauerkraut. Wir sparten uns ein bisschen Brot vom Munde ab, und jeder bereitete für die anderen mit diesem Brot kleine Überraschungen vor. Etwas Muckefuck hatten wir in einem Blechnapf noch vom Morgen aufbewahrt , wir wärmten ihn auf einem Öfchen und rösteten Kartoffelschalen. So feierten wir. Leise sangen wir holländische und jiddische Lieder, auch lustige wie „Constant hat een hobbelpaard“. Wir erzählten uns Geschichten und malten uns aus, war wir alles tun würden, wenn wieder nach Hause kämen. „Dann werden wir bei Dikker und Thijs, einem der teuersten Restaurants von Amsterdam, ein Festessen machen“, meinte Anne. Und wir stellten uns schon das Menü zusammen, lauter leckere Sachen. Wir träumten — und waren in diesem Augenblick sogar etwas glücklich. Wir sahen einander in die Augen, runde Augen mit einem grünlichen Schimmer, wir waren immer magerer geworden.
Lin Jaldati (1912-1988)

Chanukka 1944, das letzte von Anne Frank, fiel nicht mit Weihnachten zusammen. Die achte und letzte Kerze wurde am 17. Dezember angezündet. Anne, ihre Schwester und ihre Freundinnen waren sich dessen nicht bewusst und feierten Chanukka zu spät, da sie es nur in Übereinstimmung mit dem Weihnachtsfest begehen konnten.
Obwohl sie das Lager nicht überlebt hat, ist Anne Frank durch ihr Tagebuch zu einem Symbol geworden, nicht für das Leid, sondern für das Licht, das die Dunkelheit durchbricht, wie der erste schwache Kerzenschein des Chanukka-Leuchters, der von Tag zu Tag heller wird, bis er zu acht strahlenden Flammen aus einer schimmernden Flamme wird. Anne Frank formte den dienenden Geist, der zuerst die Flamme der Sehnsucht und dann die Flammen der Hoffnung in den Herzen entzündet, wie der Schamasch am Chanukkaleuchter. Und so wie das Licht der Chanukkia die Jahrhunderte überdauert hat, war das Interesse an Anne Frank und ihrer Botschaft kein Strohfeuer, das aufflackert und erlischt, sondern eines, das bis heute anhält. Ihre Botschaft hat nicht nur jüdische Herzen erreicht, denn sie durchbricht die Barriere der Religion und bildet eine Brücke, auf der sich Licht, Mitmenschlichkeit und Grosszügigkeit gegen alles Böse erheben.

Grabstein für Margot und Anne Frank auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen.
Im Hebräischen steht geschrieben: „Gottes Kerze ist die Seele des Menschen“.

Oded Fluss. Zürich, 1.12.2022

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Von Willy Arnold zu Jochanan Arnon – die Geschichte eines Schweizer Konvertiten

Osias Hofstatter (1905-1994) – Ex-Libris von Jochanan Arnon (1941-2017)

Die meisten Ex-Libris in unserer Ausstellung jüdischer Ex-Libris in der Schweiz stammen von Juden oder Jüdinnen, die jüdisch geboren wurden. Das Ex-Libris, das wir heute vorstellen wollen, ist eine Ausnahme, denn es ist das Ex-Libris eines Konvertiten.
Jochanan Arnon (1941-2017) war ein sehr bekannter Bibliothekar und Literaturwissenschaftler in Israel. Er war Leiter der Echad ha-Am Bibliothek in Tel Aviv und schrieb einige der wichtigsten Bücher über den Dichter Uri Zvi Grinberg und Nobelpreisträger Shai Agnon.
Weniger bekannt ist, dass Jochanan Arnon ein Pfarrerssohn war, der in Schwyz als protestantischer Christ mit dem Namen Willy Arnold geboren wurde. Seine Familie glaubt, von Karl dem Grossen abzustammen.
In einem Interview mit der israelischen Zeitung Maariv (30.11.1969) erzählte Arnon:

Ich wurde evangelisch in der katholischen Umgebung der Stadt Schwyz geboren. Die Einstellung uns gegenüber war die einer Minderheit. Ich wurde ständig von den katholischen Kindern wegen meiner Religion geschlagen und schikaniert. Als ich 12 Jahre alt war, zog ich nach Basel und plötzlich war ich auf der Seite der Mehrheit. Dann lernte ich eine andere Minderheit kennen — die Juden, und ich hatte das Verlangen mich mit ihnen zu identifizieren.
Jochanan Arnon (1941-2017)

Gemeinde- und Bibliothekskommissionsmitglied Esra Wyler, der in Basel aufgewachsen und zusammen mit Willy Arnold in die Realschule gegangen ist, konnte uns ein bisschen mehr erzählen:

Willy Arnold war ein grosser und kräftiger Junge. Er begleitete mich und meinen Bruder öfters von der Schule nachhause, um uns vor einem anderen Klassenkameraden zu schützen, der es auf uns jüdische Jungens abgesehen hatte. Er scheute auch nicht davor zurück, gegebenenfalls seine Fäuste sprechen zu lassen.

Der junge Willy Arnold lernte mehr und mehr über das Judentum und war davon fasziniert. Einen grossen Einfluss auf ihn hatte der damalige Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Basel Leo Adler (1915-1978), der ihn ermutigte und ihm half, das Judentum tiefer kennenzulernen. Der Entschluss, zu konvertieren, war bereits gefasst, aber er war noch zu jung, um dies legal zu tun. Als Bücherliebhaber hatte er in Basel bereits eine Ausbildung zum Bibliothekar und Buchhändler begonnen und zog kurzzeitig nach Freiburg, um sein Französischstudium fortzusetzen.

Rabbiner Leo Adler (1915-1978)

Dort habe ich aus erster Hand erfahren, wie eine sterbende jüdische Gemeinde aussieht. Ich war in der Synagoge dort und sie konnten kaum einen Minjan abhalten. Während des Gebets lasen sie die Zeitung und besprachen ihre täglichen Geschäfte miteinander. Rabbiner Margulies [Isaak Margulies (1924-2014)], ein junger religiöser Mann, der gerade sein Studium an der Pariser Ecole Rabbinique beendet hatte, war sehr froh über meine Ankunft. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und ich habe viel von ihm gelernt. Als ich zurück nach Basel kam, erzählte ich Rabbiner Adler von meinem Wunsch zu konvertieren und er konvertierte mich zum Judentum. Ich hätte in Basel leicht einen Job als Buchhändler bekommen können, aber ich beschloss, dass ich als Jude nach Israel gehen und dort leben sollte.
Eine kleine Anzeige aus dem Jahr 1962 im Israelitischen Wochenblatt über Willy Arnolds Beitritt zum Bne Akiwa Komitee.

Willy Arnold zog zunächst in einen Kibbuz, wo er seine zukünftige Frau Yael kennenlernte, die Tochter von Rabbiner Maatok Dabi, einem der bekanntesten Rabbiner in Ägypten. In seiner Zeit in Israel änderte er auch seinen Namen in einen, der besser zu seiner neuen jüdischen und hebräischen Umgebung passte, und aus Willy Arnold wurde Jochanan Arnon. Vom Kibbuz zog das Paar nach Tel Aviv, wo Arnon zunächst als Buchhändler arbeitete und dann einer der bekanntesten Bibliothekare Israels wurde.

Osias (Yishayahu) Hofstatter (1905-1994)

Arnon war ein bekannter Bibliophiler und Büchersammler. Er hatte auch eine riesige Sammlung jüdischer Ex-Libris und schrieb über dieses Thema. Sein eigenes Ex-Libris wurde von dem Künstler Osias Hofstatter (1905-1994) angefertigt. Hofstatter (eigentlich Hofstätter) wurde in Galizien geboren, in Frankfurt und Wien aufgezogen, flüchtete vor den Nazis nach Belgien, wurde von dort als ‚deutscher Spion‘ nach Frankreich ausgewiesen, gefasst und ins Lager Gurs gebracht. Dort zeichnete er auf Packpapier am Boden, floh nach dem Zusammenbruch Frankreichs vor den Deutschen und gelangte irgendwie über die Schweizer Grenze in ein Internierungslager. Dank eines amerikanischen Komitees, dem er seine Arbeiten einschickte, wurde ihm die Weiterführung seines Studiums in Zürich erlaubt. 1947 veranstaltete er seine erste Kunstausstellung in Basel und 1957 liess er sich in Israel nieder. Seine Kunst ist expressionistisch, aber er ist vor allem als ‚Holocaust-Künstler‘ bekannt.

Die Herkunftsfamilie Arnons (Arnold) hatte ein Familienwappen, das vom Künstler Hofstatter miteinbezogen wurde. Über die Bedeutung seines einzigartigen Ex-Libris erzählte Jochanan Arnon:

Er [Hofstatter] „spielte“, wie er sich ausdrückte, mit unserem Familienwappen, bis sich der Löwe mit dem Äskulap-Stab in einen Hund mit Gabel verwandelte, fügte einen siebenarmigen Leuchter sowie Bücher und Leserköpfe hinzu; und so bin ich heute stolzer Besitzer eines Hofstatter-Exlibris, das nicht nur hochmodern, sondern zugleich mittelalterlich wirkt.

Oded Fluss. Zürich, 24.11.2022

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Theodor Herzl und der erste zionistische ‚Photoshop‘

„Es ist wie bei einer photographischen Aufnahme, bei der die Hand des Aufnehmers gezittert hätte. Das Bild wird ein wenig verschwommen sein.“ (Theodor Herzl. Tagebucheintrag vom 19. Oktober 1898)
Theodor Herzl – Zionistische Schriften. Jüdischer Verlag. Berlin-Charlottenburg, 1905.

Das obige Foto, das wir in Zeitungen, Postkarten und vielen Büchern in unserer Bibliothek finden, ist eines der bekanntesten und einflussreichsten Fotos der zionistischen Bewegung. Es wurde im Oktober 1898 während Theodor Herzls Besuch in Palästina aufgenommen, bei dem er schliesslich Kaiser Wilhelm II, den Kaiser von Deutschland und König von Preussen, treffen sollte. Nach dem ersten Zionistenkongress in Basel setzte sich Herzl für die Idee eines jüdischen Staates ein und tat alles, was in seiner Macht stand, um dieses „Märchen“ Wirklichkeit werden zu lassen.

Theodor Herzl und die Delegation auf ihrer Fahrt nach Palästina.

Eines seiner wichtigsten politischen Ziele war es, die Unterstützung der renommiertesten Staatsoberhäupter der damaligen Zeit zu erhalten, und Kaiser Wilhelm II. war offensichtlich einer von ihnen. Auch wenn die Chancen sehr gering waren, wussten Herzl und seine Mitstreiter, dass allein ein Bild von ihm zusammen mit dem Kaiser und vor allem in Palästina einen grossen Einfluss auf die Weltöffentlichkeit haben würde.
Trotz der sehr schwierigen Bedingungen, insbesondere der Hitze und des Unwohlseins von Herzl, war die Szene perfekt inszeniert. Mit Hilfe seines guten Freundes, des anglikanischen Geistlichen und Zionisten Wilhelm Hechler, erhielt Herzl die Nachricht von einem geplanten Besuch des Kaisers und seiner Delegation in der Landwirtschaftsschule Mikweh Israel in der Nähe von Jerusalem am 28. Oktober 1898. In einem Eintrag in seinem Tagebuch vom Tag danach schreibt Herzl:

Gestern früh fuhr ich zeitig hinaus nach Mikweh Israel. Ich war schon unwohl, hielt mich aber mit Anstrengung aufrecht. Das Bild der Zöglinge an den landwirtschaftlichen Geräten war sehr hübsch. […] Um neun kündigte eine Bewegung auf der mit einer mixed multitude von arabischen Bettlern, Weibern, Kindern und Reitern besetzten Landstraße das Herannahen des kaiserlichen Zuges an. Grimmige türkische Reiter sprengten mit verhängten Zügeln, drohenden Gewehren, noch drohenderen Rundblicken einher. Dann die Vorreiter des Kaisers. Und dort in einer grauen Gruppe mit einigen Damen er selbst.
Ich gab dem Schülerchor von Mikweh das Zeichen zum Absingen des „Heil Dir im Siegerkranz “ mit der Hand. Ich stellte mich an einen der Pflüge hin und zog den Korkhelm. Der Kaiser erkannte mich schon von fern. Es gab ihm einen kleinen Ruck, er lenkte sein Pferd zu mir herüber — und hielt vor mir an. Ich trat zwei Schritte vor; und als er sich auf den Hals des Pferdes niederbeugte und mir die Hand herunterstreckte, trat ich ganz dicht an sein Pferd heran, streckte meine Hand hinauf und stand entblößten Hauptes vor ihm.
Er lachte und blitzte mich mit seinen Herrenaugen an:
„Wie geht’s?“
„Danke, Majestät! Ich sehe mir das Land an. Wie ist die Reise Majestät bisher bekommen?“
Er blinzelte mächtig mit den Augen:
„Sehr heiß! Aber das Land hat eine Zukunft.“
„Vorläufig ist es noch krank“, sagte ich.
„Wasser braucht es, viel Wasser!“ sprach er herab.
„Ja, Majestät! Kanalisierungen in großem Maßstab!“
Er wiederholte:„Es ist ein Land der Zukunft!“
Vielleicht sprach er noch einiges, was mir entfallen ist, denn mein Aufenthalt dauerte einige Minuten. Dann reichte er mir wieder die Hand herunter und trabte davon.

Dieses eher beiläufige Gespräch war dennoch von enormer historischer Bedeutung. Obwohl sich Herzl und der Kaiser bereits einige Wochen zuvor getroffen hatten, war dies das erste Mal, dass das Treffen öffentlich stattfand und gab Herzl die öffentliche Anerkennung, die er so sehr brauchte. Das Einzige, was fehlte, war natürlich eine Aufzeichnung dieses Treffens, aber hier hatte sich ein peinlicher Zwischenfall ereignet.

Das Originalfoto von David Wolffsohn.

Die Aufgabe, das Foto zu machen, war David Wolffsohn anvertraut worden. Der talentierte Geschäftsmann und einer der engsten Weggefährten von Theodor Herzl war leider kein professioneller Fotograf. Die rauen Bedingungen und die Aufregung vor Ort haben dazu beigetragen, dass das Foto, das die historische Szene verewigen sollte, kläglich scheiterte:

Wolffsohn, der Brave, hatte zwei Momentaufnahmen der Szene gemacht. Wenigstens glaubte er es. Er klopfte sich stolz auf seinen Kodak. „Die Platte geb’ ich nicht um zehntausend Mark her.“
Aber als wir nach Jaffa zum Photographen kamen und die Platten entwickeln ließen, zeigte sich, daß auf der ersten Aufnahme nur ein Schatten des Kaisers und mein linker Fuß zu sehen war; die zweite Platte war ganz verdorben.

Nun werden Sie vielleicht fragen: „Wie haben wir denn nun ein richtiges Bild von diesem historischen Ereignis erhalten?“ Die Antwort ist, dass dieses Bild, auch wenn wir es nicht mit dem modernen Konzept der „Fake News“ gleichsetzen können, definitiv kein richtiges Bild ist. Es ist nicht völlig gefälscht, denn es beschreibt ein Ereignis, das wirklich stattgefunden hat. Es ist jedoch ein manipuliertes Bild.


Herzl und seine Begleiter waren von dem Vorfall so enttäuscht, dass sie beschlossen, das zu tun, was wir heute als Photoshop bezeichnen würden. Dem aufmerksamen Betrachter wird vielleicht auffallen, dass das Bild ein wenig seltsam ist. Herzl scheint ein anderes Farbschema zu tragen und auch die Schatten sind ein wenig unpassend. Kaiser Wilhelm II. wirkt fast so, als wäre er auf das Pferd gemalt worden, und wer sich ein wenig mit Geschichte auskennt, weiss, dass er auf seiner Reise in Palästina ein weisses Pferd ritt und nicht ein schwarzes wie auf dem Bild.

Kaiser Wilhelm II. auf seinem weissen Pferd in Jerusalem

In der Zeit vor Photoshop war es üblich, eine Art Fotomontage zu verwenden, um Bilder zu „verbessern“ oder ein „Ereignis“ zu fotografieren, das eigentlich nie stattgefunden hat. In diesem Fall wurde Herzl noch einmal fotografiert, dieses Mal auf dem Dach eines Hauses in Jaffa, wie er seinen Hut hält, und dieses Bild wurde in das Originalfoto eingefügt. Ausserdem wurde der Kaiser auf das schwarze Pferd hinter ihm übertragen, und das weisse Pferd wurde ganz ausradiert.

Herzls Foto auf einem Dach in Jaffa, das später in die Fotomontage eingefügt werden sollte

Und so lernen wir auch bei Herzl, dass wir zwar ein bisschen Willen brauchen, um ein Märchen in die Realität umzusetzen, aber auch ein paar Photoshop-Fähigkeiten.

Oded Fluss. Zürich, 17.11.2022

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Der Teddybär aus Bergen-Belsen

Dan Rubinstein: Ex-Libris von Michael J. Flörsheim (Sammlung David Jeselsohn).

Eines der einzigartigsten Ex-Libris in unserer aktuellen Ausstellung wurde von dem Künstler und unserem lieben Gemeindemitglied Dan Rubinstein angefertigt. Es ist sowohl in seiner Erscheinung als auch in der Geschichte, die sich dahinter verbirgt, aussergewöhnlich.

Anzeigen aus dem Israelit, dem Israelischen Familienblatt und der Jüdischen Rundschau, in denen die Geburt von Michael J. Flörsheim angekündigt wird. 19.5.1938


Michael Jules Flörsheim (1938-1992), dem dieses Ex-Libris angefertigt wurde, wurde in Amsterdam geboren und war ein internationaler Rohstoffhändler, Investor, Philanthrop und ein Sammler von Judaica und japanischer Kunst. In seinem Exlibris finden sich Hinweise auf all diese Interessen; die Chanukkia und das Buch mit dem Bild der Schabbat-Lampe stehen für seine Judaica-Sammlung; das Buch auf der rechten Seite mit der japanischen Figur und der japanischen Flagge steht für seine Liebe zur japanischen Kunst; die niederländische, israelische und schweizerische Flagge stehen für seine Wohnorte im Laufe der Jahre und das Schiff für seine vielen Geschäftsreisen.

Eine der Vitrinen in unserer Ausstellung. In der Mitte steht das Ex-Libris von Michael J. Flörsheim,

Der Elefant (oder in diesem Fall der Bär) im Raum ist der grosse Teddybär, der fast den gesamten Raum des Ex-Libris einnimmt und auch unten, wo Flörsheims Name steht, in klein erscheint. Dieser freundliche Teddybär mit einem etwas ernsten Gesichtsausdruck weist uns auf die bewegende Geschichte eines Holocaust-Überlebenden hin.
Michael J. Flörsheim wurde als Sohn von Carl Alexander Flörsheim und Ilse (Möller) in einer prominenten Bankiersfamilie geboren. Zwei Jahre nach seiner Geburt marschierte die deutsche Armee in Holland ein. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und hinterliess ihn als Einzelkind seiner verwitweten Mutter. Nach ihrer Internierung im holländischen Konzentrationslager Westerbork wurden beide 1943 nach Bergen-Belsen deportiert.
Seine Frau Dr. Yonat Flörsheim erzählte uns von ihrem Mann:

Michael wurde ein grosser Teil seiner Kindheit und Jugend genommen, und sein ganzes Leben lang war er damit beschäftigt, diesen Verlust wiedergutzumachen. Während unserer Flitterwochen gestand er mir etwas verschämt seine Liebe zu Teddybären: Sein einziges Spielzeug während der langen Jahre in Bergen-Belsen war ein kleiner Teddybär, der sich schliesslich aufgelöst hatte. „Der Teddybär hat mich gerettet“, hat er oft gesagt. In einem unserer Skiurlaube in den Schweizer Bergen entdeckte er einen identischen Bären, und von diesem Moment an begleitete ihn dieser kleine „Kerl“, den er „Arosali“ nannte, überall hin. Oft, wenn er sich über etwas freute oder ärgerte, sprach er mit seinem Teddybär: „Schau Arosali, was sie uns antun…“, oder „Arosali, sag Mama, dass sie nicht böse sein soll.“

Wenn man den Schatten, der den Bären im Ex-Libris umgibt, genau betrachtet, kann man sehen, dass er Stacheldraht ähnelt. Das soll vielleicht die Zeit andeuten, die der kleine Michael zusammen mit seinem einzigen Freund, dem Teddybär, im Konzentrationslager Bergen-Belsen verbracht hat. „Er wollte mit dem Teddybär begraben werden, aber die ‚Chewra Kadischa‘ hat es nicht erlaubt“, erzählte uns seine Frau.
Das zeigt einmal mehr, wie ein Ex-Libris, wenn es richtig gemacht wird, die ganze Geschichte der Person, der es gehörte, einschliessen und später mit den Menschen teilen kann, die es wiederentdecken.

Arosali

Oded Fluss. Zürich, 3.11.2022

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Die Reise eines geraubten Buches

Giovanni Schiaparelli – Die Astronomie im alten Testament. J. Ricker’sche Verlag. Giessen, 1904.

Wie in einem Reisepass verraten die Stempel in einem Buch die Reise, die es gemacht hat.
Das Buch, das vor uns liegt, wurde 1904 in Giezen (Giessen) veröffentlicht und ist die deutsche Übersetzung eines Buches über Astronomie im Alten Testament des berühmten Astronomen Giovanni Schiaparelli (1835-1910).
Lasst uns versuchen, seine Reise in unsere Bibliothek nachzuzeichnen:

Oben auf der Titelseite sehen wir einen einfachen, teilweise gelöschten Stempel mit der Aufschrift „EX LIBRIS des LESEVEREINS der RABBINEN“. Unten finden wir einen schönen Stempel vom Oberrat der Isr. Religionsgemeinschaft Württemberg. In der Mitte des Stempels steht wie in einer Torarolle die hebräische Inschrift „al ha-emet ve-al ha-din ve-al ha-schalom“ („über die Wahrheit und über die Gerechtigkeit und über den Frieden“), ein Zitat aus der Mischna von Rabban Simeon ben Gamaliel, in der er die drei Fundamente der Welt benennt.

Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg war eine politische Einrichtung, die 1832 als gemischte staatliche und religiöse Behörde gegründet wurde und hatte seinen Sitz in Stuttgart. Die jüdische Religion wurde damit staatlich anerkannt, zugleich aber der strengen Reglementierung unterworfen, die auch für die christlichen Konfessionen bestand. Der Oberrat war die oberste Kultusbehörde der israelitischen Religionsgemeinschaften Württembergs im Sinne der Landesgesetze. Er beaufsichtigte unter anderem auch den Religionsunterricht. Unter Vorsitz eines jüdischen Regierungskommissärs gehörten ihr ein Rabbiner – mit dem Titel Kirchenrat –, drei weltliche Oberkirchenvorsteher und ein Sekretär als juristisches Mitglied sowie – zeitweise – ein Kanzleibeamter an. Alle Mitglieder der Oberkirchenbehörde wurden von der Regierung ernannt.

Auf den Einband des Buches geklebt finden wir das „Ex Libris des Lesevereins der Rabbinen Württemberg“, das so wirkt, als ob es die beiden oben genannten Stempel zusammenbringt. Auch wenn nicht viel über diesen Leseverein bekannt ist und Informationen darüber spärlich sind, gibt es doch ein Buch, auf das man sich beziehen kann.

Das von Dr. Rabbiner Aaron Tänzer (1871 – 1937) verfasste und 1937 veröffentlichte Buch „Die Geschichte der Juden in Württemberg“ gilt immer noch als eine der besten Quellen zur jüdischen Geschichte in Württemberg. Der in Pressburg geborene Rabbiner Tänzer studierte Philosophie, Germanistik und semitische Philologie in Berlin, schrieb seine Dissertation in Bern und wurde 1896 Rabbiner in Hohenems. Von 1907 bis 1937 lebte Aaron Tänzer in Göppingen in Württemberg, wo er die Göppinger Stadtbibliothek gründete. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich zum Dienst als Feldrabbiner. Für diesen Dienst im Feld wurde er mit mehreren Orden ausgezeichnet.

Das Ex Libris von Aaron Tänzer, das derzeit in der Ausstellung „Jüdische Ex Libris in der Schweiz“ in unserer Bibliothek präsentiert wird.

In seinem Buch schreibt Rabbiner Tänzer über den Leseverein: „Dieser Verein [Verein württ. Rabbiner] ist aus dem auf Anregung des Freudentaler Rabbiners Dr. Moses Haas i. J. 1867 gegründeten ‚Leseverein württ. Rabbiner‘ hervorgegangen. Er hat seine wertvolle Büchersammlung i. J. 1930 der Bibliothek des Oberrates überlassen. Im Jahre 1894 hatte der Leseverein sich mit dem damals von Kirchenrat Dr. Kroner gegründeten ‚Verein württ. Rabbiner‘ zusammengeschlossen, dessen Aufgabe es war, ‚über religiöse Angelegenheiten, wissenschaftliche Fragen, über die Angelegenheiten des Rabbineramtes und die Interessen der Gemeinden, endlich auch über die Standinteressen‘ zu beraten und zu beschliessen.“
Daraus können wir schliessen, dass dieses Buch zunächst in den Händen des Württembergischen Rabbiner Lesevereins war und dann 1930 zusammen mit seiner gesamten Büchersammlung dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg geschenkt wurde.

Der Elefant im Raum ist jedoch dieser Stempel, den wir auf mehreren Seiten in unserem Buch finden, sowie eine weitere kleinere Version davon in der Mitte des Buches. Es ist der Stempel des berüchtigten Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, das 1935 von der NSDAP mit dem Ziel gegründet wurde, die „Judenfrage“ „wissenschaftlich“ zu erforschen und das eine von vielen Institutionen war, die von den Nazis zur Verbreitung ihrer rassistischen Propaganda genutzt wurden.

Abgesehen davon, dass sie systematisch versuchten, jeglichen „jüdischen Einfluss“ aus der deutschen Kultur zu tilgen, versuchten die Nazis, die Geschichte zu manipulieren, indem sie so genannte Forschungsinstitute gründeten und sich zum Ziel setzten  „die neuere deutsche Geschichte, vor allem im Zeitraum zwischen der Französischen Revolution und der nationalsozialistischen Revolution zu erforschen und darzustellen“. Institute wie das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands und das Institut zur Erforschung der Judenfrage erhielten bereits ab 1933, als Hitler an die Macht kam, Bücher aus geplünderten jüdischen Bibliotheken und Institutionen. Man kann davon ausgehen, dass unser Buch das gleiche Schicksal hatte, aus der Bibliothek des Württembergischen Oberrats geraubt wurde und in der Bibliothek des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands landete.

Nach dem Holocaust bemühten sich Organisationen wie תקומה לתרבות ישראל „Jewish Cultural Reconstruction“ („Jüdischer Kulturwiederaufbau“) darum, die geraubten Bücher und Materialien zu finden und sie in überlebenden jüdischen Einrichtungen zu sichern, um zu retten, was von den Kulturgütern der deutschen Juden noch übrig war. Zu diesen jüdischen Einrichtungen gehörte auch unsere Bibliothek, in die viele Bücher aus zerstörten jüdischen Bibliotheken und Instituten gelangt waren.

Stempel der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich

Oded Fluss. Zürich, 27.10.2022.

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Ein auf den Kopf gestellter Hiob – Margarete Susman über Adalbert Stifters „Abdias“

Ein Vortrag in der ICZ-Bibliothek anlässlich des 150. Geburtstags von Margarete Susman.
In Zusammenarbeit mit OMANUT – Forum für jüdische Kunst und Kultur.

Margarete Susman (1872-1966)

Meine Damen und Herren. Es ist selten, dass ich zwei meiner grössten Leidenschaften miteinander verbinden kann: unsere Bibliothek und den OMANUT Verein, die ich persönlich für die beiden wichtigsten jüdischen Kultureinrichtungen in der Schweiz halte.
Heute vor 150 Jahren wurde Margarete Susman geboren. Wir sitzen hier in der Gemütlichkeit einer Bibliothek im Enge Quartier, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem Margarete Susman ihre Zeit als junges Mädchen verbracht hat. Es gibt einen alten Witz, den ich zum ersten Mal von dem Schriftsteller Charles Lewinsky gehört habe. Wenn man gefragt wird, warum so viele Juden im Enge Quartier leben, lautet die Antwort: „Weil schon in der Bibel steht: Und der Herr trieb sein Volk in die Enge“.

Margarete Susman – Ich habe viel Leben gelebt. Deutsche Verlag-Anstalts. Stuttgart, 1964.

Susmans Zeit und Erfahrungen hier, wie sie sie in ihrer 1964 erschienenen Autobiographie «Ich habe viele Leben gelebt» beschreibt, bilden einige ihrer frühesten Erinnerungen, die ihren Charakter zu der aussergewöhnlichen Person formen sollten, als die wir sie heute kennen:

«Wir wohnten in einem schönen kleinen Haus im Kreis „Enge”, das noch heute unverändert steht, nur daß der wilde Wein, der es umrankte, verschwunden ist und auch die Pracht des Rosen­gartens, in dem mein Vater die seltensten Sorten zog. Hinter dem Haus lag ein großer Park; vor dem vorne gelegenen Wohnzim­merfenster zog sich die sanft gebogene Straße hin, auf der meine Hoffnungen in die Welt flogen. Hier fuhren oft die mit schön­geschmückten Pferden bespannten Wagen der jungen Hochzeits­paare vorbei, und von jedem dieser Paare glaubte ich, daß es un­endlich glücklich sei.
Und wie schön war das ganze damalige Zürich, in dem man noch ohne Angst vor dem Autoverkehr über die Straßen, auch über die lindenduftende Bahnhofstraße gehen konnte; wie wunderbar der damals noch klare, glänzende See, von dem unser Haus nicht weit entfernt lag und in dem ich sehr bald leidenschaftlich zu schwimmen begann. Dieses Schwimmen im Zürichsee war eine der schönsten Erfahrungen meiner Jugend. Mit dem Schwimmen konnte man mich erziehen, denn ein Tag, an dem ich nicht draußen baden durfte, war damals für mich ein verlorener. Auch bin ich bald, und zwar ohne Begleitung, durch die ganze Breite des Sees geschwommen und kann das Glücksgefühl noch nacherleben, das ich damals empfand

Heute möchten wir uns jedoch auf eine andere Zeit in Susmans Leben konzentrieren. Wenn wir Susmans Biographie folgen, wäre es vielleicht richtiger zu sagen, wir werden uns auf ein anderes Leben von ihr konzentrieren. Es ist ein anderes Leben, in dem sie sich hier in Zürich wiederfindet, diesmal als 61-jährige Immigrantin (Interessanterweise nennt sie dieses Kapitel in ihrem Buch „Emigration in die Heimat„). Sie lebte in Frankfurt, als Hitler in Deutschland an die Macht kam, und beschloss sofort, ihr Heimatland zu verlassen. Sie war bereits als Dichterin und Denkerin bekannt. Hinter ihr lagen viele der Bücher, die wir hier vor uns auf dem Tisch haben, und viele davon werden noch erscheinen. An diesem Punkt scheint eine Frage, die sie ihr ganzes Leben lang beschäftigt hat, ihren Höhepunkt zu erreichen. Und wenn wir sagen, ihr ganzes Leben lang, dann meinen wir das nicht als Übertreibung, wie eine kleine Passage aus ihrer Biografie zeigt, in der sie ihre zweitfrüheste Erinnerung als kleines Kind beschreibt:

Eine zweite Erinnerung stammt aus einer um wenige Jahre späteren Zeit. Sie führt mich in ein anderes Zimmer, das mir auch nur durch die Stärke eines Erlebnisses im Gedächtnis geblieben ist. Es war dunkel um uns; nur die große hellgedeckte Platte des Tisches war durch die Lampe über ihr aus dem Dunkel herausge­schnitten. Wir hatten eben mit unseren Eltern, wie immer nach deutschem Brauch, Weihnachten gefeiert, und nun saßen wir vor dem Abendessen mit dem Kinderfräulein, an dessen große dunkle Augen ich mich heute noch erinnere – ich weiß auch noch, daß sie Amanda hieß –, an diesem Tisch, wo sie uns Geschichten erzählte. In meinem Herzen brannte noch der hohe Christbaum mit seinen vielen hellen Lichtern, die den großen Saal durchstrahlten. Was uns das Mädchen damals erzählte, weiß ich nicht mehr, es muß eine Geschichte von Juden und Christen gewesen sein. Und da mir das Wort Christ so viel schöner erschien als das Wort Jude und mit dem ganzen Glanz dieses Abends verwoben war, rief ich leidenschaftlich aus: „Ich will nicht ein Jude sein, ich will ein Christ sein.” Und niemals habe ich die Antwort vergessen, die mir das Mädchen entgegenwarf: „Das ist unmöglich. Wir sind Christen, ihr seid Juden.” Fest, wie gemeißelt, sind diese wenigen Worte in meiner Erinnerung stehen geblieben. Ich fühlte, wie an ihnen etwas in meinem Herzen zerbrach. Und ich glaube auch jetzt noch genau zu wissen, was mich in ihnen so furchtbar traf. Es war einmal das jähe Ausgestoßensein aus jener strahlenden Welt des Christbaums, die noch eben die meine gewesen war. Denn es hatte mir damals noch niemand den glänzenden Kern gezeigt, den die dunkle Schale des Wortes Jude birgt. Ich kannte es nur aus Kindergeschichten und vor allem aus dem Gedicht von Rückert „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt”, in dem der Jude als ein dunkler, häßlicher, böser Mann mit einem Sack auf dem krummen Rücken durch den Wald läuft und dem Bäum­lein die goldenen Blätter stiehlt. Und die ganze Schwere des unbegriffenen Wortes Jude fiel auf mein Kinderherz herab. Aber es war zugleich noch ein anderer Grund, der mich in den Worten des Mädchens verstörte, und vielleicht ist dieser der noch tiefere gewesen. Man hatte mich immer gelehrt, und ich hatte es vielleicht fast zu früh begriffen, daß jedes Verschulden Strafe for­dert, und ich hatte mich, wenn es auch nicht immer gelang, be­müht, ein gehorsames, braves Kind zu sein. Nun erfuhr ich plötz­lich die schwerste Strafe für eine Schuld, die ich nie begangen hatte. Mein Dasein, meine bescheidene Weltordnung selbst war mit diesem Geschehen auf den Kopf gestellt. Ich erfuhr plötzlich, daß unser Menschenleben von vornherein festgelegt ist und durch das reinste Wollen, das beste Tun nicht mehr verändert werden kann. Man kann sich die trostlose Einsamkeit kaum denken, die mit dieser Gewißheit in mich einzog, und ich konnte und wollte ja den Erwachsenen nicht sagen, daß sie mich eine falsche Ordnung gelehrt hatten.”

Etwa 50 Jahre später, kommt dieses frühe Verständnis eines kleinen Kindes auf die schrecklichste und gewalttätigste Weise zurück. Die Juden ihres Heimatlandes Deutschland, selbst die Assimilierten, die nichts mit ihrer Herkunft zu tun haben wollen, werden gejagt und bestraft, nur weil sie Juden sind. Es ist fast zu poetisch zu denken, dass diese frühe Erinnerung sich zu einer von Susmans entscheidenden Fragen entwickeln würde; die Frage nach dem Schicksal der Juden als Unschuldige-Schuldige, ihre Hiobsfrage.

Margarete Susman – „Stifters Abdias“. Der Morgen, 1934.

Und doch sind wir nicht hier, um Hiob zu diskutieren. Wir sind hier, um Licht auf eine eher obskure Figur zu werfen. Eine Figur, die Susman in den ersten Jahren nach ihrer Rückkehr in die Schweiz dennoch fasziniert hatte. Zwischen 1934 und 1935 schrieb sie zwei ähnliche, aber keineswegs identische Texte zu Adalbert Stifters Novelle „Abdias“. Den ersten in der jüdischen Monatsschrift „der Morgen“ und den zweiten als Nachwort für deren Neuveröffentlichung in der berühmten Schocken Bücherei.

Diese schöne, aber ziemlich seltsame Novelle, die erstmals 1842 erschien und die man als ‘hiobisch’ bezeichnen könnte, erzählt die tragische Geschichte eines Wüstenjuden, der in einer Zeit lebt, die das Ende des Mittelalters zu sein scheint. Die Geschichte ist in drei Kapitel unterteilt, die jeweils den Namen einer Frau aus dem Leben der Hauptfigur Abdias tragen. Das erste Kapitel „Esther“ erzählt die Geschichte von Abdias‘ Kindheit: Seine Eltern, Aharon und Esther, leben mitten in der Wüste in den Ruinen einer alten, «aus der Geschichte verlorenen Römerstadt». Sie leben in einer Umgebung, die für Aussenstehende wie grosse Armut aussieht. Der Zugang zu ihrem Haus führt durch Höhlen und Tunnel, die mit Lumpen und Gerümpel gefüllt sind, doch tief in diesen Höhlen sind ihre Schätze versteckt und sie geniessen ein recht komfortables Leben im Verborgenen, weit weg von den neidischen Blicken ihrer Nachbarn. An diesem Ort wird Abdias geboren. ein aussergewöhnlich schönes Kind, „das so schön wie einer jener himmlischen Boten gewesen ist, die einstens so oft in seinem Volk erschienen.“ Während seiner Kindheit wird er von seiner Mutter verwöhnt und sein Vater möchte ihm die Bräuche und die Weisheit seiner Vorfahren beibringen, aber es wird nichts daraus, „weil es in Vergessenheit geraten war.“

Adalbert Stifter – Abdias. Mit einem Nachwort von Margarete Susman. Schocken Verlag. Berlin, 1935.

Eines Tages beschliesst sein Vater, ihn allein in die Welt hinauszuschicken und befiehlt ihm, erst zurückzukommen, wenn es ihm gelingt, eine grosse Summe Geld zu erbeuten. Fünfzehn Jahre durchstreift Abdias die Welt, er kennt keine Sprache und lernt sie alle, schafft es, alle Hindernisse zu überwinden und gegen alle Widerstände erfolgreich zu sein. Er kehrt mit einer riesigen Summe Gold in sein Elternhaus zurück und besteht damit die Prüfung seines Vaters. Abdias holt die „schönäugige Deborah“ aus Balbek in sein Haus und heiratet sie, vermehrt seinen Reichtum auf seinen Reisen, sorgt für seine alten Eltern und beschenkt grosszügig seine Nachbarn.

Adalbert Stifter (1805-1868)

Das zweite Kapitel „Deborah“ spielt einige Jahre nach dem Tod seiner Eltern, als sich Abdias‘ Glück von ihm abwendet. Eine Pockenkrankheit entstellt sein Gesicht und seine Frau Deborah zieht sich angewidert von ihm zurück. Ungeachtet seiner Grosszügigkeit reagieren seine eifersüchtigen Nachbarn mit Schadenfreude. Abdias versucht, diesen Verlust durch noch grösseren Reichtum und Machtdemonstrationen auf seinen Reisen auszugleichen, indem er zum Beispiel einen arabischen Schuldner demütigt und seine Karawane tollkühn gegen einen Beduinenangriff verteidigt und sie dabei beschämt. Ein zweiter Schicksalsschlag trifft ihn, als er nach der Rückkehr von einer Reise sein Haus von der Bande des Beduinenführers, den er zuvor beleidigt hatte, ausgeraubt und verwüstet vorfindet. In den Ruinen findet er seine Frau Deborah, die er für unfruchtbar gehalten hatte, wie durch ein Wunder mit einem kleinen neugeborenen Mädchen im Arm. Zum ersten Mal seit langer Zeit zeigt sie ihm Zuneigung, aber die Geburt war zu schwierig und sie stirbt noch am selben Tag.

Adalbert Stifter – Ovadia. Mitzpe Verlag. Jerusalem, 1926.

Im dritten und letzten Kapitel „Ditha“ geht es um die Beziehung von Abdias zu seinem Kind. Das Mädchen, das nach Esthers Mutter Judith genannt wird, wird mit Ditha angesprochen und wird zum Mittelpunkt von Abdias‘ Leben. Sein ganzes Wesen verändert sich; er verzichtet auf die Verfolgung der Räuber und die Rache an seinen Feinden, gräbt seine versteckten Wertpapiere und Goldreserven aus und wandert nach Europa aus. Im Tal einer einsamen Bergregion kauft er ein Stück Land, baut darauf ein Haus und lebt dort zurückgezogen mit seiner Tochter. Der Vater merkt schnell, dass es ein Problem mit der Entwicklung seiner kleinen Tochter gibt und stellt nach einiger Zeit fest, dass sie blind ist. Nach vielen gescheiterten Versuchen, das Augenlicht seiner Tochter zu heilen, beschliesst er, sein Leben noch einmal zu ändern und zu seinen alten Händlergewohnheiten zurückzukehren, und möglichst viel Geld und Besitz zu erlangen, um seiner Tochter ein angenehmes Leben zu sichern. Erneut wird er zum Gegenstand des Neids und der Verachtung seiner Nachbarn, da er scheinbar mühelos Erfolg und Reichtum erlangt.

Und erneut ändert sich sein ganzes Leben, als durch einen übernatürlichen Schicksalsschlag ein Blitz in seine Tochter einschlägt und die Elfjährige plötzlich sehen kann. und so beginnt Abdias schönste Zeit des Lebens. Seine gute Laune kehrt zu ihm zurück und zusammen mit seiner Tochter entdeckt er die Schönheit der Welt und der Natur. Ditha wird, wie ihr Vater in seiner Kindheit, als aussergewöhnlich schön beschrieben. Auch scheint sie eine Art mystisches Geheimnis in sich zu tragen, das seinen Ursprung in ihren frühen Jahren als blindes Mädchen und ihrer Begegnung mit dem Blitz zu haben scheint. Sie ist fasziniert vom Licht, vom Blitz und vom Sturm; eine „Gewitterfreudigkeit“.  Ihre Beziehung zu ihrem Vater ist rein und Abdias erfährt zum ersten Mal wahre Liebe. Sogar die Nachbarn, die ihn nie mochten, beobachten ihn mit seiner Tochter und sehen ihn in einem anderen Licht. Und dann, fünf Jahre später, in einem weiteren absurden, ironischen Akt des Schicksals, verstecken sich Ditha und ihr Vater in einem Schuppen, als ein Sturm losbricht. Ein einzelner Blitz, der vom Himmel fällt, trifft Ditha erneut, dieses Mal tödlich. Zum Entsetzen seiner Nachbarn trägt Abdias seine tote Tochter zurück in sein Haus, wo er über 100 Jahre alt wird und in einem Zustand völligen Wahnsinns lebt.

 Richard Seewald – Abdias (1921)

Wir sitzen hier in der Gemütlichkeit einer Bibliothek, nicht nur einer Bibliothek, sondern einer jüdischen Bibliothek. Die einzige jüdische Bibliothek im deutschsprachigen Raum, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs geöffnet bleiben konnte. Ungefähr zu dieser Zeit sass Margarete Susman nicht weit von uns entfernt und wunderte sich über diese seltsame Geschichte des Juden Abdias. „Nicht zufällig ist es das Schicksal eines Juden“, würde sie in den beiden Texten schreiben, die dieser Novelle gewidmet sind. Aber wir müssen uns fragen, warum muss diese Geschichte die Geschichte eines Juden sein? Abgesehen von der Tatsache, dass der Autor, ein Nicht-Jude, beschlossen hat, dass seine Hauptfigur Jude ist, scheint nichts Jüdisches daran zu sein.
Dieses Buch, eine Anomalie in unserer Bibliothek, ist auch eine Anomalie in der Schocken Bücherei. Es wurde zu einer Zeit gedruckt, in der so genannte „arische“ Bücher nicht mehr in jüdischen Verlagen veröffentlicht werden durften.

In einer Broschüre, die der Schocken Bücherei beilag und ihren Zweck beschrieb, hiess es:

“Die Bücherei des Schocken Verlags will in allmählichem Aufbau aus dem fast unübersehbaren und häufig unzugänglichen jüdischen Schrifttum aller Länder und Zeiten in sorgfältiger Auswahl dasjenige darbieten, was den suchenden Leser unserer Tage unmittelbar anzusprechen vermag. Die alte hebräische Literatur, deren Lebendigkeit sich gerade in kritischen Zeiten bewährt, soll durch sinnvolle Auszüge und angemessene Übertragungen, sowie durch zweisprachige Ausgaben dem heutigen Leser erschlossen werden. Aus dem zeitgenössischen jüdischen Schrifttum werden dichterische und erörternde Arbeiten aufgenommen, die in gedrängter Form Gültiges mitzuteilen haben. Verschollene oder nicht gebührend bekannte Werke der jüngeren Vergangenheit werden in Neudrucken herausgegeben. Hinzu kommen in wachsendem Mass Bücher belehrenden Inhalts.”

Verfolgt dieses Buch einen dieser Zwecke?

Die Schocken Bücherei hatte noch eine andere, versteckte Absicht. In einer düsteren Zeit, in der die assimilierten Juden in Deutschland sahen, wie ihre ganze Welt zusammenbrach, wie ihre nichtjüdischen Mitbürger ihnen den Rücken kehrten und wie ihnen die deutsche Kultur, die die meisten von ihnen besser kannten als die jüdische, entrissen wurde, brauchten diese deutschen Juden etwas mehr als alles andere:

Dies sind die ersten Zeilen des ersten Buches, das in der Schocken Bücherei veröffentlicht wurde. Die Worte des Propheten ישעיהו Jesaja kommen hier nicht zufällig vor. Es sind Worte, die sich an die jüdischen Leserinnen und Leser in Deutschland richten und ihnen durch das Medium eines Buches etwas geben, was ihnen in dieser Zeit auf keine andere Weise gegeben werden kann: Trost.

Die Tröstung Israels. Mit der Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Bücherei des Schocken Verlags (1). Berlin, 1933.


An Heiligabend 1934, kurz nach der Veröffentlichung ihres ersten Abdias Textes und kurz vor der Veröffentlichung ihres zweiten Textes, schrieb Susman einen Brief aus ihrer Wohnung in der Krönleinstrasse 2 in Zürich an ihren lieben Freund Karl Wolfskehl, der sich zu dieser Zeit in Florenz aufhielt:

“Wenn Sie mich aber so dringlich nach dem fragen, »was mich nun bewegt«, so muß ich Ihnen die für Sie unfaßliche Antwort geben: immer noch dasselbe. Meine Hiobsfrage; denn die ist kein Bild, sondern eine immer gegenwärtige, all mein Sein und Denken durchdringende Wirklichkeit – und nun über mein ganzes Leben erstreckt: die Frage aus dem immer neuen grausamen und sinnlosen Geschlagensein meines zur blühendsten Freude, zur vollsten Leistung geschaffenen Lebens. Kann Gott sich selbst so widersprechen?

Ein paar Zeilen später fährt sie fort:

“Denn meine Lebensform: die jüdisch-christliche, ist sicher da, wo sie stark und tief ist, lebbar nur unter der vollen Strenge des Gesetzes oder unter der göttlichen Vertretung durch Christus. Ohne diese, in der heutigen Welt muß sie dämonisch werden, als Leid, als Liebe, als Güte selbst – nur daß sich diese Dämonie nicht wie die des schweifenden Menschen gegen den Anderen kehrt, sondern gegen das eigene Selbst. – So sehe ich es nun auch bei Abdias, in gewisser Weise auch bei Rahel. Der Christ, der unter sich die heidnische Welt hat, kann, auch wenn er nicht mehr das Kreuz über sich hat, dahin einen Ausweg finden; für den Juden gibt es nur das Gesetz oder Christus.”
Karl Wolfskehl (1869-1948)

Ähnlich wie ihr Lieblingsphilosoph Baruch Spinoza sieht Susman die Möglichkeit der Freiheit in der Notwendigkeit und dem Verständnis dafür. Durch Abdias würde Susman den Juden ihrer Zeit mehr als nur Trost, sondern auch Verständnis bieten. 

“Das Ende dieses Daseins im Wahnsinn”, schreibt sie über Abdias, “weist uns hin auf die Unlebbarkeit der jüdischen Lebensform überhaupt, wenn sie von Gott und von dem Gesetz Gottes gelöst ist […]Es ist dies unirdische Daseinsgesetz, das sich im Judentum an die Stelle aller anderen Gesetze setzt. Enthüllt es im Abdias seine Wahrheit an einem Einzelnen, an einer großen prophetischen Natur, so zeigt es sich nicht weniger klar am Schicksal des Volkes als Ganzem.”

Für Susman ist Abdias ein gescheiterter Prophet. Er wurde von Gott auserwählt, ein Stern leuchtete über ihm, aber er war sich dessen überhaupt nicht bewusst.
Dieser auf den Kopf gestellte Hiob, ein Hiob, der keine Freunde hat, die ihn trösten, keine Frau, die mit ihm leidet und vor allem keinen Gott, zu dem er klagen, aber auch glauben kann. Statt den anzubeten, der alles erschaffen hat, verehrt er seine Tochter, die er selbst erschaffen hat. Als sie ihm weggenommen wird, verfällt er dem Wahnsinn. Für Susman ist er die perfekte Verkörperung des deutschen Judentums ihrer Zeit. Ein auserwähltes Volk, das sich nicht bewusst ist, dass es so ist. Ein Volk, das seinen Ursprung vergass und so wurde sein Schicksal zum Gericht.

“Auch unser Schicksal ist unlebbar geworden. Das Antlitz unseres Volkes ist entstellt; die Liebe hat sich von ihm abgewendet. Mit der ganzen europäischen Menschheit hingerissen in ein Leben, in dem Liebe, Leid und Schuld blind und gesetzlos schweifen, haben wir unseres göttlichen, botenumstrahlten Ursprungs vergessen. Darum ist das Schicksal, in dem wir heute stehen, nicht bloßes Schicksal; es ist Gericht. Aber mit eben diesem Gericht fühlen wir in diesem Augenblick plötzlich unser verworrenes Leben sichtbar von Gesetz und Ordnung wieder aufgenommen. Der Strom des Heils beginnt neu das vertrocknete Flußbett unseres Daseins zu durchströmen. Und so fällt wirklich in diesem düstersten Augenblick der Schimmer eines Blattes aus jener heiteren Blumenkette über das schmerzhafte Mysterium von Schuld und Schicksal, Auserwählung und Verwerfung, das das unseres Volkes ist. In dem Wissen des Dichters, daß das düstere Gericht Gottes in all seiner Erbarmungslosigkeit als unergründlich heitere Blumenkette durch die Welt hängt, lebt etwas von der überschwenglichen Wahrheit des achtundneunzigsten Psalms, in dem die Seele ihrem eigenen Gericht als dem gerechten Gericht Gottes entgegenjauchzt. Es lebt darin das Wissen um das heiligste und stillste Mysterium der jüdischen Verheißung: daß die Gerechtigkeit Gottes, indem sie sich vollzieht, aufblüht zur heiteren, allversöhnenden Liebe.”

Hiob ist im Vergleich zu Abdias ein Ideal, etwas, das man anstreben sollte. In Hiob gibt es zumindest einen Dialog, einen Hader es gibt Trost, es gibt die Idee, alles zurückzugewinnen, was verloren wurde. Es gibt das Gottesgericht, an dem sich die Seele erfreuen kann, während sie in der sinnlosesten Zeit nach einem Sinn sucht.

תהילים צ“ח

זַמְּר֣וּ לַיהוָ֣ה בְּכִנּ֑וֹר בְּ֝כִנּ֗וֹר וְק֣וֹל זִמְרָֽה: ו בַּ֭חֲצֹ֣צְרוֹת וְק֣וֹל שׁוֹפָ֑ר הָ֝רִ֗יעוּ לִפְנֵ֤י | הַמֶּ֬לֶךְ יְהוָֽה: ז יִרְעַ֣ם הַ֭יָּם וּמְלֹא֑וֹ תֵּ֝בֵ֗ל וְיֹ֣שְׁבֵי בָֽהּ: ח נְהָר֥וֹת יִמְחֲאוּ-כָ֑ף יַ֝֗חַד הָרִ֥ים יְרַנֵּֽנוּ: ט לִֽפְֽנֵי-יְהוָ֗ה כִּ֥י בָא֮ לִשְׁפֹּ֪ט הָ֫אָ֥רֶץ יִשְׁפֹּֽט-תֵּבֵ֥ל בְּצֶ֑דֶק וְ֝עַמִּ֗ים בְּמֵישָׁרִֽים:
Eine kleine Ausstellung von Margarete Susmans Büchern, die für die Veranstaltung in der ICZ-Bibliothek eingerichtet wurde.

Oded Fluss. Zürich, 14.10.2022

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Jom Kippur durch die Augen der Assimilierten.

Jom Kippur hat als bedeutender religiöser Tag schon immer eine starke Wirkung auf religiöse und praktizierende Juden gehabt. Auch säkulare Juden wurden immer wieder von diesem Feiertag beeinflusst und er war ein wiederkehrendes Thema in der Literatur vieler assimilierter Juden in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ob es ihre Kindheitserinnerungen an diesen Tag waren, als sie noch in religiösen Häusern lebten, ihre Reisen, die sie in den Osten unternahmen, wo die ‚Ostjuden‘ noch das Bild der alten Tradition trugen, oder ihre persönlichen Erfahrungen und Gefühle als säkulare Juden angesichts dieses heiligen Tages: Ihre Schriften über Jom Kippur sind ein faszinierendes Dokument aus einer Zeit, in der Juden – auch wenn sie sich selbst nicht als solche sahen – mit ihrer Herkunft konfrontiert wurden. Einige dieser Schriften, die wir in unserer Bibliothek aufbewahren, werden hier vorgestellt, um die komplexe Beziehung, die assimilierte Juden zu ihrer Identität hatten sowie die historischen Zeugnisse einer vergessenen Zeit zu beleuchten.

Pauline Wengeroff – Memorien einer Grossmutter. M. Poppelauer Verlag. Berlin, 1913.

Pauline Wengeroff (1833-1916) war eine jüdisch-russische Schriftstellerin und Philanthropin. Geboren in Babrujsk im Russischen Reich als Pessele Epstein war sie die Autorin der ersten modernen Memoiren einer jüdischen Frau. Darin reflektierte sie über die Entstehung und Entfaltung der jüdischen Moderne im Russisch-Polen des neunzehnten Jahrhunderts. Ihr zu Unrecht vergessenes Buch „Erinnerungen einer Großmutter“ ist die einzige Autobiografie, die von einer Frau in der Zeit der Haskalah (jüdische Aufklärung) geschrieben wurde, und ihre Erinnerungen an Jom Kippur im ihrem Elternhaus sind ein einzigartiges Zeugnis und historisches Dokument:

Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur (des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlichen Hause, da unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich, um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine Henne, man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel wird geschlachtet und gegessen.
Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht. Schon ganz früh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete nannte man alte Frauen, deren selbst gestellte Lebensaufgabe es ist, fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit einem ganzen Packet Tchines — kleine Gebetbücher nur für Frauen in jüdisch -deutsch geschrieben — und einem ungeheuer großen Knäuel Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. . Meine Mutter pflegte vorher nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemüt ist weicher. Meine Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schürze, stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit
weinender Stimme an, die Namen aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom Döchtfadenknäuel weiter gezogen, bis alle erwähnt waren und ein gehörig dickerDocht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr gefährlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht für Wachskerzen zum Jom-Kippur zu gebrauchen.
Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher Stimmung; man ass nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches (Segenssprüche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich in weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Richter zu treten. Beim Vorabendgebet (Minche) muß man sich schon 35mal an die Brust schlagen, wobei die-Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sich noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücken schlagen. Ich erinnere mich, daß sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas Unsagbarem und Schwerem.
Joseph Roth – Juden auf Wanderschaft. Die Schmiede Verlag. Berlin, 1927.

Eine sehr beliebte Buchgattung im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Reisebücher. Diese Bücher, die ursprünglich dazu gedacht waren, dem Leser die Welt zu zeigen und zu entdecken, waren im Fall der assimilierten Juden auch ein Mittel der ‚Heimkehr‘ oder einer inneren Reise der Selbstentdeckung wie im berühmten Fall von Joseph Roths „Juden auf Wanderschaft“. Roth, der 1894 in Brody im Habsburger Reich geboren wurde, hatte immer eine starke Bindung an seine ostjüdischen Wurzeln. In seinem Vorwort antwortet er auf die Frage, für wen sein Buch bestimmt sei folgendermassen: „Der Verfasser hegt die törichte Hoffnung, daß es noch Leser gibt, vor denen man die Ostjuden nicht zu verteidigen braucht; Leser, die Achtung haben vor Schmerz, menschlicher Größe und vor dem Schmutz, der überall das Leid begleitet; Westeuropäer, die auf ihre sauberen Matrazen nicht stolz sind; die fühlen, daß sie vom Osten viel zu empfangen hätten und die vielleicht wissen, daß aus Galizien, Rußland, Litauen, Rumänien große Menschen und große Ideen kommen…“ Seine Beschreibung des Jom-Kippur-Abends ist die des spirituellen Sieges über das Irdische, voller lebhafter Bilder, Sehnsucht nach seinem Geburtsort sowie Mitgefühl:

Er beginnt am Vorabend, um vier Uhr nachmittag. In einer Stadt, deren Einwohner in der überwiegenden Mehrzahl Juden sind, fühlt man das größte aller jüdischen Feste wie ein schweres Gewitter in der Luft , wenn man sich auf hoher See auf einem schwachen Schiff befindet. Die Gassen sind plötzlich dunkel, weil aus allen Fenstern der Kerzenglanz bricht, die Läden eilig und in furchtsamer Hast geschlossen werden — und gleich so unbeschreiblich dicht, daß man glaubt, sie würden erst am jüngsten Tag wieder geöffnet. Es ist ein allgemeiner Abschied von allem Weltlichen: vom Geschäft, von der Freude, von der Natur und vom Essen, von der Straße und von der Familie, von den Freunden, von den Bekannten. Menschen, die vor zwei Stunden noch im alltäglichen Gewand, mit gewöhnlichen Gesichtern herumgingen, eilen
verwandelt durch die Gassen, dem Bethaus entgegen, in schwerer schwarzer Seide und im furchtbaren Weiß ihrer Sterbekleider, in weißen Socken und lockeren Pantoffeln, die Köpfe gesenkt, den Gebetmantel unter dem Arm und die große Stille, die in einer sonst fast orientalisch lauten Stadt hundertfach stark wird, lastet selbst auf den lebhaften Kindern, deren Geschrei in der Musik des Alltagslebens der stärkste Akzent ist. Alle Väter segnen jetzt ihre Kinder. Alle Frauen weinen jetzt vor den silbernen Leuchtern. Alle Freunde umarmen einander. Alle Feinde bitten einander um Vergebung. Der Chor der Engel bläst zum Gerichtstag. Bald schlägt Jehovah das große Buch auf, in dem Sünden, Strafen und Schicksale dieses Jahres verzeichnet sind. Für alle Toten brennen jetzt Lichter. Für alle Lebenden brennen andere. Die Toten sind von dieser Welt, die Lebenden vom Jenseits nur je einen Schritt entfernt. Das große Beten beginnt. Das große Fasten hat schon vor einer Stunde begonnen. Hunderte, tausende, zehntausende Kerzen brennen neben- und hintereinander, beugen sich zueinander, verschmelzen zu großen Flammen. Aus tausend Fenstern bricht das schreiende Gebet, unterbrochen von stillen, weichen, jenseitigen Melodien, dem Gesang der Himmel abgelauscht. Kopf an Kopf stehen in allen Bethäusern die Menschen. Manche werfen sich zu Boden, bleiben lange unten, erheben sich, setzen sich auf Steinfließen und Fußschemel, hocken und springen plötzlich auf, wackeln mit den Oberkörpern, rennen auf kleinem Raum unaufhörlich hin und zurück, wie ekstatische Wachtposten des Gebets, ganze Häuser sind erfüllt von weißen Sterbehemden, von Lebenden, die nicht hier sind, von Toten, die lebendig werden, kein Tropfen netzt die trockenen Lippen und erfrischt die Kehlen, die so viel des Jammers hinausschreien — — nicht in die Welt, in die Überwelt. Sie werden heute nicht essen und morgen auch nicht. Es ist furchtbar, zu wissen, daß in dieser Stadt heute und morgen niemand essen und trinken wird. Alle sind plötzlich Geister geworden, mit den Eigenschaften von Geistern. Jeder kleine Krämer ist ein Übermensch, denn heute will er Gott erreichen. Alle strecken die Hände aus, um Ihn am Zipfel seiner Gewänder zu erfassen. Alle, ohne Unterschied: die Reichen sind so arm, wie die Armen, denn Keiner hat etwas zu essen. Alle sind sündig und alle beten. Es kommt ein Taumel über sie, sie schwanken, sie rasen, sie flüstern, sie tun sich weh, sie singen, rufen, weinen, schwere Tränen rinnen über die alten Bärte und der Hunger ist verschwunden vor dem Schmerz der Seele und der Ewigkeit der Melodien, die das entrückte Ohr vernimmt.
Alfred Döblin – Reise in Polen. S. Fischer Verlag. Berlin, 1926.

Obwohl er es in seinem Buch nicht erwähnt, war Roths Buch auch eine Erwiderung auf ein anderes Reisebuch, das ein Jahr zuvor von einem anderen berühmten assimilierten Juden, Alfred Döblin, veröffentlicht worden war. Im Gegensatz zu Roth nahm Döblin eine distanziertere Haltung gegenüber den Ostjuden ein, die er beobachtete und dann 1926 in seinem Buch „Reise in Polen“ beschrieb (Roths zuvor zitiertes Vorwort scheint an Döblin gerichtet zu sein, und er schrieb sogar eine Rezension zu Döblins Buch in der Frankfurter Zeitung, da er es zu steril fand.) Wie im nächsten Absatz aus Döblins Buch zu sehen ist, ist seine Sicht auf Jom Kippur ganz anders als die von Roth. Die Szene, die sich in Warschau abspielte, beschreibt er fast klaustrophobisch als einen Tumult aus unzähligen Menschen und Lärm:

Rüsttag des jüdischen Versöhnungsfestes. Ich wandere durch die lange Gesiastraße am Vormittag. Noch sind einige Geschäfte offen, die Mehrzahl schließt schon. Es ist ein ungeheures Menschenwogen in der Straße, die Elektrischen überfüllt.[…] Ein Menschenstrom wallt nach der Okopawastraße. Da ist der große Friedhof; eine niedrige rote Mauer umzieht ihn; das Eisentor ist geöffnet. Drin ein Vorplatz mit Bänken, besetzt von Männern, meist mit Kaftan und Käppchen oder Schirmmütze; einzelne rauchen Zigaretten. An der Mauer, an den Stämmen, zwischen den Bäumen stehen Männer, für sich und gruppenweise, halten ein Buch in der Hand, murmeln, summen, schaukeln sich, treten von einem Fuß auf den andern. Schon hier fällt mir das murrende Geräusch auf, das von rechts her, vom Friedhof herüber dringt, vereinzeltes Rufen, sehr lautes, abgerissenes Sprechen, auch Singtöne. Es muß eine große Volksmenge, eine sehr große Menge hier sein; ich sehe sie noch nicht. Es ist wie in der Nähe einer großen Versammlung. Manchmal ist das Singen, Rufen, das allgemeine verworrene Geräusch so stark, daß es wie von einem Jahrmarkt klingt. Der Menschenstrom biegt rechts die Mauer entlang. Da führt der Hauptzug zwischen die Gräber, breit, ein Ehrenweg. Reiche Denkmäler, Marmortafeln, schwarz und weiß, erheben sich hier […]
Da werde ich durch heftiges hohes Frauenschreien erschreckt. Es beginnt und endet, oft sich erneuernd, mit einem langen schmerzlichen Sington. Niemand beachtet es. […] an der Erde liegt ein elegant gekleidetes Fräulein neben einer älteren Frau. Die Frau, ganz geschmiegt, geklammert an den Grabstein unten – ich sehe ihr Gesicht nicht, sie hat ein großes schwarzes Tuch über Kopf und Schulter-, sie schreit, ruft, ruft, stöhnt. Sie ruft, jiddisch: «Vater, unser lieber Vater, du warst so gut, du hast in der Stube bei mir gesessen, die ganzen Jahre, im Laden. Ich bin hier geblieben. Ich bin hier. Hilf mir, daß die Kinder lernen, daß es ihnen gut geht. Das Leben ist schwer. Das Leben ist so schwer, Sara ist hier. Es geht uns nicht gut. Was bist du gestorben, für uns. Ich habe dir nichts Schlechtes getan.» Das Fräulein richtet sich manchmal hoch, schneuzt sich, wischt sich die Augen, legt sich wieder. […] Männer mit Gebetbüchern stehen da und da, hinter den Grabsteinen. Und aus der ganzen Wiese, auch da, wo ich keine Menschen sehe, kommt Singen, Schreien, Ächzen, Stöhnen. Wie einzeln aufsteigende Rauchfäden, die eine dichte Wolke werden. Ab und zu hebt sich aus dem Grün etwas, ein Rücken, Kopf, Gesicht. Immer Frauen, Mädchen, in Tüchern, Federhüten, unter den alten beblümten Perücken. Sie liegen auf den Gräbern, weinen, schreien, klagen sich an, beklagen sich, rufen, besänftigen die Toten. In einem einfachen Schmerzens- und Klageton rufen viele. […]
Von einer Stelle kommt eine Frauenstimme wie scheltend in Absätzen. Eine alte runzlige Frau kniet und liegt da ; sie schreit laut, bellend, immer mit kurzen Pausen. Sie hält den Grabstein mit beiden Armen umfaßt. Eine Gruppe Männer im Kreis an einem Grab; sie schaukeln sich mit ihren Büchern; einer liest lautschallend vor. […]
Wie ich aus dem Meer des Murrens, Klagens, des Frauengeschreies mich ziehe und zum Ausgang dränge – es ist gegen elf Uhr vormittags -, hat sich in der Hauptallee die ganze Bettlerschaft der Stadt versammelt, dazu die jugendlichen Vertreter der jüdischen Hilfsorganisationen. Heute gibt man, als wenn man sich loskaufen wollte von Strafen für das Böse, das man einmal den Toten getan hat, und für alle Sünden des verflossenen Jahres. Der Tag der Toten und der Armen. Bettler, Blinde und Taube liegen nun in Scharen vor den Gräberreihen. Stehen in der Mitte der Alleen, zerteilen den Menschenstrom. Schieben sich zwischen die Menschen. Rufen, klagen, fassen an, halten die Vorübergehenden bei der Hand, sind unerbittlich – wie die Selbstvorwürfe dieser Menschen. Da sind Stumme, die lallen und die Hände ausstrecken. Da schnattert einer eine mächtige Litanei. Überall ruft es: «Jüdische Leute, Rachmones!» – «Jüdische Kinder, gebt’s.» Gräßlich, gräßlich zerlumpte Frauen tragen Kinder in Umschlagtüchern; gelbe alte Jüdinnen stehen in ihren harten Perücken. Ein großer Menschenkreis hat sich um ein Marmorgrab gebildet: ein junger Mann liegt davor, bläst Schaum. Seine Arme und Beine zucken rhythmisch, die Hände folgen schlaff. Neben sich hat er seine Mütze liegen. Auf dem Hinweg habe ich schon einen Blick auf ihn geworfen; jetzt liegt er noch da. Seine Mütze ist gefüllt mit Scheinen; immer fliegt unter Mitleidsworten Geld zu ihm herunter. Der dicke Schaum bewegt sich mit der Atmung: es ist Seifenschaum, der Mann ist ein Professioneller, ein Schwindler.
Mascha Kaléko – Verse für Zeitgenossen. Schoenhof Verlag. Cambridge, 1945.

Wir enden mit einem kleinen, (un)bekannten Gedicht von Mascha Kaléko. Bekannt, weil es in ihrem geliebten Gedichtband „Verse für Zeitgenossen“ unter dem Titel „Gebet“ veröffentlicht worden war. Unbekannt, weil eine andere unbekannte Version davon bereits sechs Jahre zuvor in der Exilzeitschrift Aufbau unter dem Titel „Jom Kippur“ veröffentlicht wurde.


Mascha Kaléko (gebürtig Golda Malka Aufen), geboren am 7. Juni 1907 in Chrzanów, Galizien, Österreich-Ungarn, ist eine der bekanntesten und beliebtesten jüdischen Dichterinnen deutscher Sprache. Als assimilierte Jüdin und wie Joseph Roth und Alfred Döblin zum Exil gezwungen, hat ihre jüdische Herkunft eine grosse Rolle in ihrer Dichtung gespielt.


Das Gedicht „Jom Kippur“, das am 15. September 1939 auf der Titelseite von Aufbau veröffentlicht wurde, ist fast identisch mit dem 1945 veröffentlichten Gedicht „Gebet“. Abgesehen vom anderen Titel ist jedoch die zweite Strophe des Originalgedichts die Schlussstrophe des späteren Gedichts. Die Schlussstrophe des Originalgedichts wurde entfernt und eine neue Strophe als zweite Strophe des neuen Gedichts hinzugefügt.
Über den Grund der Änderungen in Namen und Inhalt des Gedichts können sich die Lesenden ihre eigenen Gedanken machen.

Oded Fluss. Zürich, 29.9.2022

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Ein unbekanntes Kindermärchen für Rosch Haschana und Jom Kippur.

Siegfried Abeles – Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt. Jakob B. Brandeis Verlag. Breslau, 1922.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine Blütezeit der deutsch-jüdischen Kinderbücher und Zeitschriften. Ausgestattet mit wunderbaren Zeichnungen versuchten diese Bücher, dem jüdischen Kind Geschichten zu vermitteln, die es nachvollziehen kann. So wurden zum Beispiel in vielen Büchern alte jüdische Legenden und Geschichten aus der Bibel, dem Talmud und anderen jüdischen Quellen in eine besser lesbare, moderne Form gebracht. Viele versuchten, jüdische Kostüme und Feiertage in ein neues Licht zu rücken. Einige versuchten, die Schwierigkeiten, Herausforderungen, aber auch Freuden, mit denen ein jüdisches Kind konfrontiert war, zu thematisieren. Der Zionismus war natürlich auch ein sehr beliebtes Thema.

Siegfried Abeles – Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt. Gans Verlag. Berlin, 2022

Die Tatsache, dass Kinderbücher im Allgemeinen nicht gut aufbewahrt werden, sowie die systematische Vernichtung jüdischer Bücher während des Naziregimes haben dazu geführt, dass viele dieser Bücher in Vergessenheit geraten sind. Ein Nachdruck eines vergriffenen Buches ist also immer ein Grund zum Feiern, vor allem, wenn es sich um ein jüdisches Kinderbuch handelt.

Siegfried Abeles (1884 – 1937)

Über den Kinderbuchautor Siegfried Abeles (1884 – 1937) ist nicht viel bekannt. Er war Pädagoge, Primaschullehrer, arbeitete während des Ersten Weltkriegs für die jüdische Kriegsblindenfürsorge und beschäftigte sich mit der Blindenschrift für die jiddische und hebräische Sprache. In der österreichischen Republik war er pädagogisch tätig als Inspektor von Kindergärten und Heimen des Vereins der jüdischen Kinderfreunde. Seine Leidenschaft galt der Arbeit mit den Kindern der jüdischen Gemeinde Wiens, die er beim Lernen unterstützte und mit ihren jüdischen Wurzeln verband.

Menorah, Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Wien. Heft 6. 1923.

Diese Kinder erreichte er unter anderem durch Geschichten, die er in verschiedenen jüdischen Zeitschriften veröffentlichte, insbesondere in „Menorah, Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur“, manchmal unter seinem richtigen Namen und manchmal unter dem Pseudonym „Onkel Ben Nahthan“. Aus diesen Kurzgeschichten entstanden drei wunderbare jüdische Kinderbücher, von denen das erste „Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt“ in diesem Jahr eine wohlverdiente Neuauflage im Gans Verlag in Berlin erfuhr.
Diese enthält nicht nur alle Geschichten aus dem Originalbuch, sondern auch eine digitale Restaurierung der Originalzeichnungen von F. V. Kosak (1887 – 1968) und ein erhellendes Nachwort mit vielen nützlichen Informationen über den Autor und das Buch.

Der Maler Viktor Kosak (1887 – 1968)

Das Schicksal von Siegfried Abeles war – wie das vieler Juden dieser Zeit – tragisch. Sein Sohn Norbert, der den Einmarsch der Nazis in Wien durch einen Kindertransport nach England überlebte, erzählte viele Jahre später von seiner Vermutung, dass sein Vater sich 1937 durch einen Sprung in den Donaukanal das Leben genommen hatte; eine Vermutung, die wir durch einen kleinen Ausschnitt in unserem Zeitungsarchiv aus der „Israelit“ vom 1. Juli 1937 bestätigen können.

Der Israelit. Frankfurt a. M, 1.7.1937


„Tams Reise durch die jüdische Märchenwelt“ erzählt die Geschichte von Tam, einem von vier Brüdern (die alle die Namen der vier Söhne aus der Pessach-Haggada tragen), der während des Sederabends auf den Gedanken kommt: „Wie schön muss es im Lande unserer Väter sein, morgen will ich nach Palästina gehen.“ Und so macht sich Tam denn auf den Weg und gelangt nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten in das Haus des palästinensischen Bauern Jehuda. Jehuda erzählt nun dem kleinen Tam Märchen, jüdische Märchen. Er erzählt ihm Märchen, die er „beim Lesen der Bibel“, Märchen, die er „im alltäglichen Leben“, und solche, die er „an Festtagen gesehen hat“ . Tam wird so durch die gesamte jüdische Tradition geführt, bis er es bejaht und nach Hause in die Galuth (Diaspora) zurückkehrt, um Eltern und Geschwister mit nach Palästina zu nehmen. Bis auf den einen Bruder, der bezeichnenderweise den Namen Rascha (d. i. Bösewicht ) trägt , willigt die ganze Familie begeistert in den Vorschlag Tams ein.

Unsere Bibliothek besitzt die erste seltene Erstausgabe des Buches, die nicht ausleihbar ist. Auf der ersten Seite finden wir einen kleinen Hinweis auf den:die Vorbesitzer:in (leider ohne Namen), der auf Hebräisch geschrieben hat „von Vater zu meinem 7. Geburtstag“.

Viktor Kosak – Der Schofarmacher

Daraus bringen wir Ihnen einen Scan der Kurzgeschichte „Der Schofarmacher – Ein Rosch-haschana und Jom-Kipurmärchen“ Eine schöne Erzählung für Jung und Alt, die sehr gut zu dieser Jahreszeit passt. Die Neuausgabe können Sie gerne in unserer Bibliothek ausleihen.

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

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Der Mann, der die Vernichtung seiner Gemeinde dokumentiert hat.

Uriel Birnbaum – Ex-Libris Abraham Toncman.

Vor achtzig Jahren, am 31. Dezember 1942, schrieb Abraham Toncman, ein Religionslehrer, Chazan und Sekretär der kleinen jüdischen Gemeinde in Pekela in den Niederlanden, den letzten Eintrag in das Protokollbuch seiner Gemeinde. Einen Monat zuvor waren fast alle 125 Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde in die Vernichtungslager von Auschwitz und Sobibor deportiert worden. Toncman und seine Familie gehörten zu den letzten 14 Mitgliedern der Gemeinde Oude-Pekela, die bis zur endgültigen Deportation am 9. Februar 1943 blieben.

Abraham Toncman (1904 – 1943)


Das Protokollbuch wurde in den Ruinen der Synagoge der Gemeinde gefunden. Toncman fuhr fort, darin zu schreiben und Aufzeichnungen zu machen, selbst als klar war, dass es keine Hoffnung mehr gab. Neben technischen Notizen über den Gemeindehaushalt und die immer geringer werdende Zahl der Gemeindemitglieder klagte er: „Wie lange wird diese Handvoll in Frieden gelassen werden?“

Letzte Notiz des Protokollbuchs der jüdischen Gemeinde Oude-Pekela. 31.12.1942.


In seinem letzten Eintrag, der eines der wichtigsten historischen Dokumente über den Holocaust und die Vernichtung der Juden in Holland darstellt, schrieb er sowohl auf Niederländisch als auch auf Hebräisch: „und jetzt sind wir nur noch wenige von vielen: wir werden wie Schafe zur Schlachtbank geführt; um getötet zu werden und in Elend und Schande zu verenden. möge den Juden Erleuchtung und Befreiung widerfahren! Schnell in unseren Tagen, Amen!
Toncman starb am 30. April 1943 im Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Seine Frau Esther, seine Schwägerin Branca und seine Kinder waren bereits am 12. Februar desselben Jahres, unmittelbar nach ihrer Ankunft, ermordet worden.

Abraham Horodisch – Die Exlibris des Uriel Birnbaum. Der Safaho-Stiftung Verlag. Zürich, 1957.


Das Ex-Libris von Toncman, das Sie in unserer aktuellen Bibliotheksausstellung finden, wurde von dem renommierten Künstler Uriel Birnbaum (1894 – 1956) geschaffen. Es zeigt die Verwendung des Namens Abraham im biblischen Sinne sowie eine Darstellung von Toncman als Religionslehrer. Dem Bibliophilen Abraham Horodisch gelang es, Birnbaums eigene Erklärungen zu seiner Ex-Libris-Arbeit in einem Buch festzuhalten, das kurz nach Birnbaums Tod veröffentlicht wurde. Über das Toncman Ex-Libris, das er auf den November 1934 datiert, sagte er:

Weitere Informationen über unsere Ausstellung jüdischer Ex-Libris in der Schweiz finden Sie hier: https://breslauersammlung.com/exlibris/

Oded Fluss. Zürich, 15.9.2022.

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Schofar blasen, um den Teufel zu verwirren

Josef Budko – Schofar

Glied für Glied haben sich in der Kette der jüdischen Generationen viele Rituale und Bräuche, Überzeugungen und Meinungen zu dem zusammengefügt, was wir heute über die Tage Rosch Haschana und Jom Kippur, die Tage dazwischen und die Tage davor wissen. Eines der wichtigsten und bekanntesten Rituale ist das Schofarblasen.
Der Schofar ist ein Blasinstrument, das in der Regel aus dem Horn eines Widders hergestellt wird. Das Verbot, ein Kuhhorn als Schofar zu verwenden, besteht nach der talmudischen Literatur darin, dass sich ein Ankläger (קטגור) nicht in einen Fürsprecher (סניגור) verwandeln darf; dies ist ein Verweis auf die Sünde des Goldenen Kalb.
Das jüdische Gesetz schreibt vor, dass der Schofar an beiden Tagen von Rosch Haschana 30 Mal geblasen werden muss, aber nach einem Brauch wird es an jedem Tag 100 oder 101 Mal geblasen. Manche schreiben dieses Ritual nur den Tagen von Rosch Haschana zu, während nach anderen Traditionen das Schofarblasen vom Beginn des Monats Elul bis zum Ende des Jamin Noraim stattfinden sollte.


Die Gründe für das Blasen des Schofars an diesen Tagen sind vielfältig. Rosch Haschana ist auch unter dem Namen Jom Teruah (Tag des Blasens) bekannt, weil im Buch Bamidbar erwähnt wird: „Am ersten Tag des siebten Monats sollt ihr eine heilige Versammlung abhalten; an diesem Tag dürft ihr keine schwere Arbeit verrichten. Es soll für euch ein Tag des Lärmblasens sein.“ Manche sehen darin eine Erinnerung an die Bindung Isaaks (Akedat Yitzhak), denn der Schofar erinnert an die geplante Opferung Isaaks durch Abraham für Gott. An Isaaks Stelle wurde dann aber ein Widder geopfert, dessen Hörner Gott an das stellvertretende Sühneopfer Israels erinnern sollten.

Marc Chagall – Schofar

Wir wollen uns hier auf eine andere Begründung konzentrieren, die in der jüdischen Tradition immer wieder erwähnt wird und auch in Agnons Jamim Noraim-Buch (Siehe auch unseren früheren Beitrag über Agnons Buch hier: https://breslauersammlung.com/2022/08/29/jamim-noraim/) viele Beispiele findet, nämlich das Blasen des Schofars, um den Teufel (Satan) zu verwirren oder wörtlich: durcheinander zu bringen (לערבב את השטן).

Uriel Birnbaum – Jom Kippur

Nach einigen jüdischen Überlieferungen wird die Zeit vor und während Rosch Haschana vom Teufel genutzt, um das Volk Israel anzuprangern und gegen es auszusagen. Der Schofar wird hier als Mittel der Sabotage gegen den Teufel eingesetzt, um ihn daran zu hindern, sich einzumischen. Agnon bringt uns ein paar Quellen zu diesem Brauch, von denen viele in unserer Breslauer Sammlung zu finden sind.
Beginnen wir mit demjenigen, der lernen will, wie man das Horn bläst. Bereits in dieser Phase erwähnt Agnon eine Regel von Rabbi Elijah Spira (1660 – 1712) in seinem Buch אליה רבה Elijah Raba:

Elijahu ben Benjamin Wolf – Sefer Elijah Raba. Sulzbach, 1757. BH 1068.

Wer blasen will, um zu lernen, wie man bläst, tut dies in einer Mikwe oder einem geschlossenen Raum, um Satan nicht daran zu gewöhnen.

Was genau damit gemeint ist, dass der Teufel sich daran gewöhnt, werden wir besser verstehen, wenn wir zwei andere Quellen heranziehen, die Agnon zusammenführt, eine aus dem Sefer לבוש Lewusch von Rabbi Mordechai Jaffe (1530 – 1612) und die andere aus dem Sefer מטה משה Mate Moshe von Rabbi Moshe ben Avraham von Przemyśl (Mat) (1550 – ca. 1606):

Moshe Mat – Sefer Mate Moshe. Frankfurt, 1719. H 7110.

Nachdem man mit den Selichot fertig ist und man Schacharit betet, soll kein Horn geblasen werden wie an den anderen Tagen des Elul, dies, um eine Pause zwischen dem Brauchblasen und dem Pflichtblasen zu machen, also dem Blasen des Monats Elul, das ein Brauch ist, und dem Blasen von Rosch Haschana, das die Tora anordnet (Sefer Levusch) Und um den Satan zu verwirren, damit er nicht weiß, wann Rosch Haschana ist und uns nicht anprangert, weil er denkt, dass der Tag des Gerichts schon vorbei ist.(Mate Mosche)
Sefer Chemdat Jamim. Venedig, 1763. BH 1157.

Eine weitere Quelle, die Agnon anführt, ist das Buch חמדת ימים „Chemdat Jamim“, ein kabbalistisches Buch, dessen Autor bis heute unbekannt ist (manche schreiben es Natan ha-azati zu). Agnon liefert hier eine weitere Erklärung dafür, wie der Schofar den Teufel verwirren kann:

unsere Vorväter hatten gesagt, dass der Sinn des Schofars darin besteht, den Satan zu verwirren, der denken würde, dass der Messias gekommen ist, denn der Satan ist so unwissend, dass er dieses Schofar mit dem Schofar der Tage des Messias verwechseln würde [… ] beim ersten Blasen würde er sich nicht so sehr fürchten, denn er ist bereits daran gewöhnt, dass bei diesem Volk ein erstes Zeichen nie in Betracht gezogen wird, weil ihr Ohr verstopt ist, aber wenn er das Schofar ein zweites Mal hört, würde er sich fürchten und denken, dass der Messias sicherlich gekommen ist, denn er weiss, dass ein zweites Zeichen von uns allen gehört wurde und wir alle Teschuwa gemacht haben und der Messias gekommen und der Tod beseitigt worden ist […]

Agnon bringt eine weitere Erklärung aus dem Sefer Orchot Chaim, in der Satan nur ein Allegorie für den „Yetzer hara“ ist, also für den bösen Trieb des Menschen:

Und es gibt diejenigen, die interpretieren „Satan zu verwirren“, als das Besiegen des bösen Triebs, wie es geschrieben steht (Amos, 3): „Bläst in der Stadt jemand ins Horn, / ohne dass das Volk erschrickt“. und Satan ist der böse Trieb, er ist der Todesangel.
Arno Nadel – Un’sane Tokef

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

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