Froschkönig Hessel
Ohne sein tragisches Schicksal wäre Franz Hessel heute wohl kaum als Schriftsteller jüdischer Herkunft bekannt. Er wurde 1880 im heutigen polnischen Szczecin in eine wohlhabende jüdische Familie hineingeboren. Seine Eltern waren jedoch bereits vor seiner Geburt zum Christentum übergetreten und hatten ihn und seinen älteren Bruder taufen lassen.

Als ich vor einigen Jahren einen befreundeten Zürcher Büchersammler besuchte und er mich bat, eine Widmung von Hessel zu entschlüsseln, war ich daher sehr überrascht, als ich das Buch öffnete und zwei Sätze in hebräischen Buchstaben auf dem Vorsatzblatt vorfand. Nach stundenlanger Mühe gelang es mir schliesslich, die Schrift zu entziffern. Sie war an seinen Freund Karl Wolfskehl adressiert. Die Schrift war zwar in hebräischen Buchstaben verfasst, aber die Sprache war Deutsch. Es handelte sich um ein kleines Scherzgedicht mit den seltsamen Worten:
„Königstochter jüngste / Hessel Franz, was stinkste“.

Als Franz Hessel acht Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Berlin, das zu seiner ersten wahren Heimat wurde. Zwei Jahre später starb sein Vater. Das Erbe ermöglichte es dem jungen Mann, seiner Leidenschaft für das Schreiben zu folgen. Ähnlich wie bei den Umständen seiner Geburt scheint Hessel hier immer wieder mit dem Judentum in Berührung zu kommen, es jedoch nie vollständig anzunehmen.

Möglicherweise lässt sich ein seltener Hinweis auf den Grund dafür in seinem 1913 erschienenen Debütroman Der Kramladen des Glücks finden, einer stark autobiografisch gefärbten Pubertätsgeschichte. In einer aussagekräftigen Szene wird der Protagonist Gustav von einem Spielkameraden erstmals mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert und verspottet. Verwirrt fragt er: „Was ist das, ein Jude?“ Er erhält die schmerzhafte Antwort: „Er weiß selbst nicht, was er ist.“ Danach möchte der Junge nicht mehr mit den anderen spielen.

Obwohl Hessel stets von jüdischen Intellektuellen, Schriftstellern und Dichterinnen umgeben war, finden sich kaum Hinweise auf seine eigene Einstellung zu seinen Wurzeln. Zusammen mit seinem guten Freund Karl Wolfskehl, mit dem er kurzzeitig dem George-Kreis angehörte (im Gegensatz zu Wolfskehl, der später zu Georges engstem Vertrauten wurde), besuchte er 1903 den 6. Zionistenkongress in Basel. Alle Zeugnisse deuten jedoch darauf hin, dass es sich dabei nicht um ein wirkliches Interesse am Zionismus handelte, sondern lediglich um allgemeine Neugier und eine distanzierte Reaktion auf das Ereignis.

Gemeinsam mit seinem Kollegen und Bewunderer Walter Benjamin übersetzte er den bekannten Autor, aber weniger bekannten Juden Marcel Proust aus dem Französischen ins Deutsche – eine Arbeit, die bis heute als massgeblich gilt. Von Proust übernahm er die literarisch entfremdete, melancholische Ich-Perspektive, die alles beobachtet, aber immer aussen vor bleibt.

Mit seinem Freund Alfred Polgar schuf er Meisterwerke des Feuilletons, von denen einige Teil seines vielleicht bekanntesten Werkes Spazieren in Berlin wurden. Dadurch avancierte er zum archetypischen Flaneur. Er gehörte zu den Ersten, die die junge Mascha Kaléko entdeckten. Er war ihr treuer Lektor und ermutigte sie, weiterzuschreiben.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, wurden Hessels Bücher verboten und verbrannt. Er floh nach Frankreich, seiner zweiten Heimat und Liebe. Polgar schilderte diese Liebe in einer typischen Anekdote:
An einem schönen Tag sei Hessel in München mit aufgespanntem Regenschirm spazieren gegangen. Als man ihn fragte, wozu er den Schirm aufgespannt habe, antwortete er: „In Paris regnet es.”
Im selben geliebten Frankreich wurde Hessel gefangen genommen und in ein Lager gebracht. Der bereits kranke Mann verliess das Lager als gebrochener Mensch. Die Strapazen wurden ihm schliesslich zum Verhängnis. Am 6. Januar 1941 – vor 85 Jahren – starb Franz Hessel in Sanary-sur-Mer an einem Schlaganfall. Mascha Kaléko beschrieb ihr letztes Treffen mit ihm, einen Spaziergang, den sie unternahmen, als Hitler bereits an der Macht war. Hessel blieb stehen und sagte:
„Hier ist eine Schlusszeile, zu der mir noch das Gedicht fehlt. Vielleicht fällt es Ihnen ein. Sie lautet: ‚Und Heimat ist Geheimnis – nicht Geschrei‘.“

In seinem ersten Gedichtband Verlorene Gespielen, in dem sich die Widmung an Wolfskehl befindet, gibt es ein Gedicht mit dem Titel Froschkönig, das mit der Widmung übereinstimmt. Es greift das bekannte Märchen auf und spiegelt zugleich die scherzhafte Widmung wider. Der Frosch, in Wahrheit ein verzauberter König, fleht die Prinzessin an:
Recht verlangt auch der Geringste./ Das Geschick nimmt seinen Lauf./ Königstochter, jüngste,/ Mach mir auf! […] Und ich bin vielleicht ein König/ Oder eines König Sohn/ Draußen wartet schnellentönig/ Mein erlöster Wagen schon.
In diesen Zeilen klingt vielleicht etwas von Hessels eigener, nie ganz aufgelöster Suche nach Zugehörigkeit nach – ein leiser, poetischer Nachhall eines Lebens zwischen zwei Welten: der Welt eines Königs und der eines Froschs.
Oded Fluss. Zürich. 6.1.2026.