Jedes Bild ein Licht

Licht in die Dunkelheit zu bringen, war schon immer ein zentrales Motiv von Chanukka – und das war in den dunkelsten Tagen des Holocaust nicht anders. Viele Jüdinnen und Juden in der Schweiz hatten das Privileg, ihrer Pflicht nachkommen zu können und ihren Brüdern und Schwestern aus ganz Europa zu helfen, die versuchten, in der Schweiz Zuflucht zu finden. Ein Hauptziel waren dabei natürlich die Flüchtlingskinder.

Israelitisches Wochenblatt 26.11.1943. Z 251.

Eine der Hauptorganisationen bei dieser vielfältigen Hilfeleistung war und ist bis heute der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF). Als damals eine grosse Welle jüdischer Flüchtlinge, die vor dem NS-Regime flohen, versuchte, in der Schweiz Sicherheit zu finden, wurde er aus zwei Zweigen gebildet, sodass das „F” im VSJF sowohl für „Fürsorge” als auch für „Flüchtlingshilfen“ stand.

Jüdisches Bilder. Images juives. Quadretti ebraici. Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen. Zürich, 1944. B 2148.

Ein kleines Mäppchen, das 1944, einem kritischen Jahr, vom VSJF als Chanukka-Geschenk an Flüchtlingskinder verschenkt wurde und acht Abbildungen von Gemälden des berühmten jüdischen Künstlers Moritz Oppenheim (1800–1882) enthält – ein Bild für jede Chanukka-Kerze –, sollte den Kindern ein wenig Licht in ihr Leben bringen und ihnen ein Gefühl von Heimat vermitteln.

Moritz Oppenheim – Chanukka.

Die Bilder von Oppenheim zeigen jüdische Feiertage wie Chanukka, Sukkot, Jom Kippur oder Pessach sowie religiöse Traditionen wie den Schabbat, die Havdala-Zeremonie oder den Einzug des Sefer Tora in die Synagoge. Das Besondere an ihnen ist, dass jedes einzelne Bild ein Gefühl von Familie, Zuhause und Gemeinschaft erweckt. Auf jedem Bild sind Erwachsene und Kinder zu sehen.

Alle Bilder aus dem Mäppchen.

Zu jeder Abbildung gehört ein Text, der über die Bedeutung des jeweiligen Feiertags oder der jeweiligen Tradition informiert. In einer sehr finsteren Zeit sollte dieses kleine Geschenk Trost und Licht spenden sowie kulturelle, traditionelle und religiöse Erkenntnisse vermitteln.

Das seltene Mäppchen mit dem Cover-Artwork des bekannten Schweizer Juden Gregor Rabinovitch (1884–1958) befindet sich nun in unserer Bibliothek. Es erinnert an die Fürsorge der Schweizer Jüdinnen und Juden für Flüchtlingskinder in den düstersten Zeiten der jüdischen Geschichte. Es endet mit warmen Worten, die in den drei Sprachen – Deutsch, Französisch und Italienisch – verfasst wurden:

Liebes Kind,
Dieses Mäppchen, das wir Dir schenken, enthält acht Abbildungen von Gemälden, die der jüdische Künstler Moritz Oppenheim vor bald hundert Jahren geschaffen hat. Ob du sie alle verstehen wirst? Der beigefügte Text soll Dir dabei helfen, und Dein Religionslehrer wird Dir auf alle Fragen gerne Antwort geben. An ihn, oder auch an uns direkt, kannst Du Dich immer wenden, wenn Du über unsere jüdische Religion etwas wissen willst.
Sage deinen Pflegeeltern, dass wir ihnen für alles, was sie für Dich tun, herzlich danken. Frage sie, ob Du eines oder zwei der Bildchen über Deinem Bett aufhängen darfst.
Mit vielen Chanuka-Wünschen grüsst dich der Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen.
Chanuka 5706
Dezember 1944

Oded Fluss. Zürich, 10.12.2025