Der Ewige Jude in der Schweiz

Die tragische Volkssage vom „Wandernden Juden“ – auch bekannt als „der Ewige Jude“ – reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der Legende zufolge bat Jesus auf dem schmerzvollen Weg zur Kreuzigung einen jüdischen Schuhmacher, vor dessen Haus kurz ausruhen zu dürfen. Der Mann wies ihn barsch ab und verspottete ihn. Daraufhin sprach Jesus die Worte des Fluches: „Ich werde ruhen, du aber sollst gehen.“ Von diesem Augenblick an war der Jude (später meist Ahasverus genannt) verdammt, ruhelos durch die Welt zu irren, ohne je Erlösung durch den Tod zu finden.

Gustave Doré – Der wandernde Jude.

Die Figur des Ewigen Juden entwickelte sich zu einer Metapher für das jüdische Volk als Ganzes: ein Volk, das sich über Jahrhunderte hinweg auf die Suche nach Ruhe und einer stabilen Heimat begab, ohne diese dauerhaft zu erlangen – und das sich dennoch, allen Verfolgungen, Vertreibungen und Feindseligkeiten zum Trotz, bis in die Gegenwart behauptet hat. Der Ewige Jude erfüllt dabei zwei gegensätzliche Rollen: Einerseits dient er als antisemitisches Zerrbild des „bösen Juden“, der wie ein Gespenst die Welt heimsucht. Andererseits gilt er als letzter unmittelbarer Zeuge Jesu und scheint dessen historische Existenz zu belegen. Diese Figur inspirierte die Fantasie vieler Künstler, Autoren und Dichter und wurde zu einem Kernmythos, an den viele glaubten.

Gustave Doré – Der wandernde Ewige Jude. Aus Eduard Fuchs Die Juden in der Karikatur. München, 1921. Q 39a

Kein Wunder also, dass noch mehr als fünf Jahrhunderte nach Entstehung der Sage unzählige Menschen in ganz Europa – von Skandinavien bis Italien – ernsthaft versicherten, sie hätten den ruhelosen Wanderer mit eigenen Augen gesehen und sogar mit ihm gesprochen. Diese „Zeugnisse” wurden mündlich weitergegeben und entwickelten sich zu lokalen Volksgeschichten und Folklore. Auch die Schweiz bildet hierbei keine Ausnahme, denn auch hier lassen sich Spuren seiner Wanderungen finden.

Aus Jacob Grimms Deutsche Sagen.

So befindet sich in den Märchen der Brüder Grimm die Geschichte Der Ewige Jud auf dem Matterhorn. Darin manifestiert sich der Jude ironischerweise in der Rolle Jesu, eines erschöpften Reisenden, der keinen Ruheort findet (in einigen Versionen wird er von den Einheimischen verspottet und verjagt) und schliesslich die Gegend, durch die er reist, verflucht. Daraufhin verwandelte sich die einstmals lebendige Stadt in eine verlassene Wüste aus Eis und Schnee.

Jüdisches Museum der Schweiz JMS 1211.

Ein Besuch des Ewigen Juden wurde nicht nur in den Hochalpen, sondern auch in zentralen Regionen der Schweiz dokumentiert. Im Jüdischen Museum in Basel befindet sich ein frühes Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, das den Ewigen Juden beim Wandern durch Basel zeigt. Die eindeutig antisemitische Darstellung zeigt ihn mit abgetragenen Schuhen, einem Sack und einem Wanderstock. Darunter steht auf Französisch zu lesen:

Juif en haillons cachant un million. Epoque de la très haute et très noble chevallerie et de la bien sainte Inqusition. [Ein Jude in Lumpen, der eine Million versteckt. Die Zeit der edlen Ritterlichkeit und der heiligen Inquisition.]

Johann Caspar Ulrich- Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727

Ein besonders kurioser Zeitzeuge ist Johann Caspar Ulrich (1705–1768). Er war Pfarrer am Zürcher Fraumünster und Verfasser der Sammlung jüdischer Geschichten, die 1768 in Basel erschien (siehe dazu auch unseren früheren Beitrag). Darin berichtet er, wie ein Bekannter ihm von einem Treffen mit dem Ewigen Juden erzählte – allerdings nicht mit ihm selbst, sondern mit dessen abgenutzten Schuhen und Wanderstock, die sich in der Obrigkeitlichen Bibliothek in Bern befänden.

 Auf der obrigkeitlichen Bibliothek zu Bern wird ein kostbares Stück aufbewahrt, ein Stecken und ein Paar Schuhe von dem Ewigen Juden. Man muß aus der Bibliothek etliche Tritte herunter in ein Souterrain steigen, allwo ein türkischer Habit zu sehen. In gleichem Kabinet finden sich auch des unsterblichen Juden Stecken und Schuhe; der Stecken ziemlich grob und stark, die Schuhe ungemein groß und von hundert Bletzen zusammengesetzt, ein Meisterstück von einem Schuhmacher, weil sie mit vieler Mühe, Fleiß und Geschicklichkeit aus gar vielen ledernen Theilen zusammengeflickt worden.

Auch wenn Ulrich dies nie selbst bestätigt hat und es sich nur um Hörensagen handelt, hat sich diese Geschichte verbreitet. Wir finden den Wanderstock und die Schuhe des Ewigen Juden in weiteren Schweizer Quellen. So zum Beispiel in E. L. Rochholz‘ Schweizersagen aus dem Aargau (1856) wird berichtet, „bei seinem Weggang aus Bern ließ er [der Jude] Wanderstab und Reiseschuhe dort zurück”. C. Kohlrusch im Schweizerischen Sagenbuch (1854) kennt nur einen Schuh, der „in einer Plunderkammer unter der Bibliothek liegt und von dem es heißt, Ahasver habe ihn bei der Wanderung über die Grimsel von seinem Fuß verloren”. In seinem Werk Ueber Gespenster in Sage und Dichtung (1869) gibt Professor Karl Robert Pabst sogar das frivole Gerede wieder, Ahasver habe Stab und Schuhe als Pfand für Zechschulden zurücklassen müssen.

Karikatur aus: Nebelspalter: das Humor- und Satiremagazin. Zürich, 24. September 1881.
„Bald zwei Jahrtausende wandere ich in der Welt umher und stürze mich umsonst in alle Gefahren, um den Tod zu finden. Jetzt bleibt mir nur eins: Ich gehe in den Bahnhof Winterthur, dort kommt ja Keiner lebend davon. Dank Dir, Du gute N. O. B.! [Schweizer Nordostbahn]“

Ob sich diese Reliquien je wirklich in einem verborgenen Magazin der Berner Bibliothek befanden – oder gar noch heute dort schlummern –, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Der Forscher Dr. H. Dübi befasste sich 1906 mit dieser Frage, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Selbst wenn die Geschichte wahr wäre, wären die Schuhe und der Stock seiner Schlussfolgerung zufolge nicht auffindbar, da sie von Mäusen und Ratten gefressen worden seien, die „wie erzählt wird, gelegentlich aus dem daneben stehenden alten Kornmagazin in die Bücherräume eindrangen”.

Oded Fluss. Zürich, 21.1.2026