Von „Chad Gadja“ zu „Joggeli söll ga Birli schüttle“ – der Einfluss der Pessach-Haggada auf zwei Schweizer Kinderlieder

Als grösste jüdische Bibliothek der Schweiz liegt unser Hauptaugenmerk auf dem jüdischen Volk, der jüdischen Tradition und dem Judentum in der Schweiz. In diesem Sinne ist das Buch „Sammlung jüdischer Geschichten“ von Johann Casper Ulrich eines der wichtigsten Bücher in unserem Bestand. 

Johann Caspar Ulrich- Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727

Johann Caspar Ulrich ( 9. September 1705 in Steinegg, Thurgau; † 27. Februar 1768 in Zürich) ist vor allem als Pfarrer am Zürcher Fraumünster bekannt. Er studierte in Zürich und wurde im Alter von 22 Jahren zum Predigtamt zugelassen. Er schrieb seine Dissertation über „De 12 Fontibus et 70 Palmis ab Israëlitis in Elim repertis“ und setzte seine rabbinischen Studien bei jüdischen Gelehrten in Hamburg und Altona fort. 1730 erhielt Ulrich die Pfarrstelle von Uitikon, 1742 wurde er Diakon in der Heilig-Geist-Gemeinde in Zürich und 1745 Pfarrer am Fraumünster sowie Mitglied des Kirchen- und Schulrats. Hier kam er erstmals in Kontakt mit den Juden von Lengnau und Endingen im heutigen Kanton Aargau. Seine Faszination für die Juden und ihre Traditionen veranlasste ihn dazu, nach Dokumenten aus dem Mittelalter zu forschen, einer Zeit, die heute als die unbekannteste in der Geschichte des jüdischen Volkes gilt. Eifrig stellte er alle Informationen zusammen, die er finden konnte, und seine „Sammlung jüdischer Geschichten“, die 1768 in Basel gedruckt wurde, gilt als das erste Buch, das die Geschichte der Juden in der Schweiz erforscht.

Johann Casper Ulrich (1705 – 1768)


Sieht man von einigen unbedachten Sätzen ab, die eher dem Zeitgeist geschuldet sind, könnte man dieses Buch als Liebesbrief an die Juden der Schweiz lesen und als Versuch, die Bedeutung der jüdischen Tradition in der Schweiz und ihren Einfluss auf die Schweiz zu betonen.
In der Vorrede des Buches widmet er einen besonderen Teil seinen jüdischen Lesern, indem er sie als seine Brüder, die Söhne Israels, anspricht und sein Mitgefühl und Mitleid für ihre derzeitige Situation im Exil zum Ausdruck bringt. Dieser Teil zeigt seine gute Kenntnis der hebräischen und jüdischen Quellen (Ulrich war auch ein gelehrter Hebraist) und seine aufrichtige Liebe und Sympathie für seine jüdischen Freunde und Nachbaen.

Aus der Vorrede des Buches.


Es wäre müssig, alle Geschichten, Beispiele und Kuriositäten in diesem reichhaltigen Buch zu erwähnen, aber jetzt, da Pessach vor der Tür steht, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Teil zu lenken, in dem die Pessach-Haggada, genauer gesagt zwei sehr bekannte Lieder aus ihr, ins Spiel kommen und eine sehr interessante Verbindung zwischen einer alten jüdischen Tradition und zwei Schweizer Kinderliedern aufzeigen.
Im fünften Kapitel des Buches, das sich mit alten jüdischen Osterliedern befasst, versucht Ulrich zu zeigen, wie weit die Geschichte der Juden in der Schweiz zurückreicht und wie eng die Beziehung zwischen den jüdischen Kindern und den christlichen Kindern war: ”Wir haben noch bis auf den heutigen Tag in Zürich von den Juden, nebent denen bereits angeführten verschiedenen Denkmalen ihres ehmaligen Daseins noch andere eben nicht verachtens, würdige Documenta. Wir zehlen dahin verschiedene Lieder, Spiele, Redens, Arten, und Wörter die ganz jüdisch sind. Hier ist ein etwelcher Beweis welcher unsere Gedanken erklärt.”

Deutsche Übersetzung des חד גדיא Chad Gadia-Liedes.

Das erste Lied, das Ulrich zitiert, ist das bekannte Lied חד גדיא Chad Gadja (ein Zicklein, ein Zicklein) aus der Pessach-Haggada. Nachdem er die deutsche Übersetzung des Liedes gebracht hat, versucht Ulrich, die Wurzeln des Liedes mit Hilfe von Forschungsbüchern und der Korrespondenz mit seinen Freunden, von denen einige jüdischer Herkunft sind, zurückzuverfolgen. Zugegebenermassen erfolglos, geht er dann zu einer sehr interessanten Theorie über, die in diesem Buch zum ersten Mal vorgestellt wird und in der ein Vergleich zwischen dem bekannten „Zürcher“ Kinderlied „Joggeli söll ga Birli schüttle“ und dem Chad-Gadja-Lied gezogen wird. Laut Ulrich kann man den Ursprung des „Joggeli“ auf das Chad-Gadja-Lied zurückführen. Das, was heute jedes Schweizer Kind als „Jöggeli“-Lied kennt, wird im Allgemeinen Lisa Wegner (1858 – 1941) zugeschrieben, taucht aber bereits Anfang des 16. Jahrhunderts in der deutschen Literatur auf. Die hier von Ulrich vorgetragene Version ist kürzer und einfacher, als wir es gemeinhin kennen:

Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Liedern, insbesondere in der Struktur, sind kaum zu übersehen. Ulrich sieht darin einen Beweis für die frühe Begegnung zwischen Schweizer und jüdischen Kindern und die Interaktion zwischen den beiden, oder wie Ulrich es selbst ausdrückt: „[…] dieses Lied ehmalen unter unseren Burgers Kindern, die wie leicht zuerachten mit den Juden Kindern vielen Umgang gehabt, gar bekannt müsse gewesen sein […] So geht dieses Züricherische Kinder-Lied dem jüdischen Oster-Lied nach bis zum Ende, und beweiset so bis auf den heutigen Tag, dass die Juden hier in Zürich nicht nur gewohnt, sondern auch mit den Christlichen Burgeren gute Bekanntschaft müssen gemacht haben.“

deutsche Übersetzung des אחד מי יודע „Eins weiss ich“-Liedes

Ulrich hört hier nicht auf und bringt noch ein zweites Lied aus der Pessach-Haggada, von dem er behauptet, es sei die Quelle für ein weiteres Zürcher Kinderlied. Das besprochene Lied ist ein weiteres sehr bekanntes Pessach-Lied אחד מי יודע „Eins weiss ich“. Das Zürcher Kinderlied „Guter Gesell ich frage dich“, mit dem der Vergleich gemacht wird, ist heute offensichtlich weniger bekannt als das „Joggeli-Lied“, aber man kann davon ausgehen, dass es in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Ulrich sein Buch schrieb, ein bekanntes Kinderlied in Zürich war.

Es ist wieder leicht, die Ähnlichkeit zwischen den beiden Liedern in der Struktur zu erkennen und es wurde von Ulrich wieder als Beweis genommen, für eine Beziehung zwischen christlichen und jüdischen Kinder in Zürich. Diesmal sieht er es aber auch als Beweis für die lange Zeit, in der in Zürich Juden lebten, da dieses Lied seiner Meinung nach auf die Zeit vor der Reformation zurückgeht: „Ich sage wenn wir mit dem jüdischen Oster-Lied אחד מי יודע Eins das weiss ich, das so eben vorgetragene Züricherische Kinder-Lied vergleichen, so sehen wir ganz deutlich, dass es einer der ehrlichen alten zum Gebrauch der Christen-Kinder habe eingerichtet, es sei um die Juden damit zu vexiren, oder die Christen-Kinder, die dieses Lied zur Oster-Zeit gar östers von denen Juden-Kinderen, mit denen sie auf den Gassen herumgelaufen, und gute Bekanntschaft gemacht, gehört, denen es denn auch wol mag gefallen haben: (wie es denn auch für die Kinder, eben wie das Zicklein, eine artige Meloden hat) etwas bessers zu belehren. Sei denn aber wie ihm wolle, so ist einmahl dieses Kinder-Lied heimit ein Zeuge, dass ehedem Juden in Zürich gewesen, und zwarn der längstem, zumalen dieses Lied ganz gewiss vor der sel. Reformation aufgesezt worden, wie aus denen acht Stucken der Seligkeit, denen neun Chören der Engeln und denen eilf tausend Martyreren klar zu sehen.“

Der Abschluss der Vorrede des Buches mit christlichem und jüdischem Datum.

Diese Untersuchung von Ulrich und seine Schlussfolgerungen sollten natürlich mit Vorsicht genossen werden. Er gibt selbst zu, dass das, was er schreibt, auf unvollständigen Informationen und wenigen Dokumenten beruht. Dennoch ist es ein faszinierendes Dokument und an sich schon ein Beweis dafür, wie viel Interesse die Juden und ihre Traditionen in der Schweiz schon im 18. Jahrhundert erweckten sowie ein Versuch, sie der Schweizer Kultur näher zu bringen.

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