Rabbiner Goethe

„Wenn er aufwachte, kam er sich vor wie jener Deutsche, von dem der Dichter sagt: `Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.´“
„כיוון שננער רואה היה את עצמו כאותו גרמני שפייט עליו פייטנם ´הנה אנכי עומד אני שוטה עלוב, והרי אני חכם כמות שהייתי´.“
S.J Agnon – Gestern, Vorgestern ש.י עגנון – תמול שלשום

Es gibt eine bekannte Geschichte über den Rabbiner Zwi Hirsch Chajes, ein berühmter Rabbiner und Talmudlehrer, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Zolkiew lebte. 1832 wurde er in der Synagoge der Stadt gesehen, wie er mit verstörtem Gesicht still dasass. Als er gefragt wurde, was passiert sei, antwortete er: „Der Rabbiner ist gestorben! Rabbiner Goethe ist gestorben!
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war in der Tat eine Art Rabbiner, zumindest was die geistige Bewegung der Haskala (jüdische Aufklärung) und die Wiedergeburt der hebräischen Sprache angeht. Man ist erstaunt, wenn man hebräische Zeitschriften wie „Bikhure ha-Itim“ oder „Kokhave Izchak“ aufschlägt und schon ab 1825 eine Fülle von Versuchen findet, Goethe in die heilige Sprache zu übersetzen. Tatsächlich ist Goethe einer der meistübersetzten Dichter in die hebräische Sprache, an zweiter Stelle vielleicht nur nach Heinrich Heine, aber im Gegensatz zu letzterem war er kein Jude.

Zeichnung von Goethes Gedicht „Der Fischer“ von Max Liebermann.

Die Faszination der Juden für Goethe kann auf viele Arten erklärt werden. Erstens war (und ist) er einfach der bekannteste Dichter der deutschen Sprache. Zweitens wurden seine Ideen, die fast immer eine universelle Qualität hatten, von den säkularen Juden, die sich assimilieren wollten, begeistert aufgenommen. Sein ständiges Wiederauftauchen in der Bibliothek des Breslauer Rabbinerseminars bedarf jedoch einer etwas genaueren Erklärung; Goethe war natürlich stark vom Alten Testament beeinflusst, aber das waren fast alle grossen Dichter. Seine Bücher, wie andere Bücher der westlichen Literatur in unserer Sammlung (Platon, Homer, Sophokles, Shakespeare usw.) sind ein Beweis für die radikale Wende, die das Seminar bei der Ausbildung zukünftiger Rabbiner vollzog. Die Idee war, einen modernen Rabbiner zu schaffen, der genauso gut aus Goethe wie aus dem Talmud zitieren kann.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung 1867

Dies wird deutlich, wenn man die vielen Jahresberichte des Seminars aufschlägt und die Kurse untersucht, die es seinen Studenten anbot: Kurse, die von Talmud und Halacha über Homer und Platon bis Goethe reichen. Es ist also kein Wunder, dass die Bibliothek des Seminars Bücher anbot, die diese Kurse begleiteten, darunter einige echte Perlen:

Meir (Max) ha-Levi Letteris – Tofes Kinor ve-Ugav, Wien 1860. BH 3625

Das erste Buch, das wir besprechen werden, wurde 1860 in Wien gedruckt. Es ist eine Sammlung von Gedichten und Übersetzungen des hebräischen Schriftstellers, Dichters, Literaturforschers und Orientalisten Meir (Max) ha-Levi Letteris (1800-1871). Das Buch mit dem schönen Titel „Tofes Kinor ve-Ugav“, ein Teil eines Verses aus dem Buch Genesis („Der Stammvater aller Zither- und Flötenspieler“), ist einer der ersten Versuche, die klassische deutsche Poesie ins Hebräische zu bringen. Letteris, der ein großer Bewunderer Goethes war und drei Jahre später auch die erste hebräische Adaption des „Faust“ veröffentlichen sollte, brachte zwei Balladen von Goethe in das Buch ein: „Der Schatzgräber“:

„Arm am Beutel, krank am Herzen,

Schleppt’ ich meine langen Tage.

Armuth ist die größte Plage,

Reichthum ist das höchste Gut!“

Und „Der Fischer“:

„Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.“

Gehen wir chronologisch weiter zu einem Buch, das wir schon einmal besprochen haben, Jochanan Wittkowers 1880 in Altona erschienenen „Blüthenstrauss“ (אגודת פרחים)(https://breslauersammlung.com/2021/10/12/der-dichter-der-blumen-schrieb/). Dieses Buch, das eine unerschöpfliche Quelle für Gedichte, Epigramme, Legenden und Übersetzungen ist, ist in einer Form der Zweisprachigkeit gehalten und hebt so die Verbindung zwischen Deutsch und Hebräisch hervor.
Auch in diesem Buch finden wir viele von Goethes Gedichten, aber auch Epigramme, die ins Hebräische übersetzt wurden:

J. W. Goethe – Hermann und Dorothea, Übersetzt von Sh. Ben-Zion. Berlin, 1922. BH 282

Das dritte vor uns liegende Buch ist eine Übersetzung von Goethes „Hermann und Dorothea“, die 1922 in Berlin im Moriah Verlag erschienen ist. Dies ist schon die zweite Übersetzung des Buches, die erste wurde bereits 1857 unter dem Titel „Neweh Hazedek“ („Wohnung der Tugend“) in Warschau veröffentlicht. Während in der ersten Übersetzung des Buches versucht wurde, das Originalbuch zu verwischen und die Geschichte so „jüdisch“ wie möglich zu gestalten, versucht diese Übersetzung, so nah wie möglich an der deutschen Quelle zu bleiben. Diese Publikation enthält auch das berühmte klassische Gemälde von Wilhelm von Kaulbach (1805-1874), auch wenn es ihm nicht zugeschrieben wird.

Viele jüdische Gelehrte fühlten sich von der Geschichte von Hermann und Dorothea angezogen, da sie einerseits den universellen Zustand der Heimatlosigkeit beschreibt, andererseits aber auch stark vom Buch Rut inspiriert ist, indem Hermann den biblischen Boas darstellt und die ausländische Dorothea, die er zur Frau nimmt, Rut.

Unsere Ausgabe des Buches trägt einen Geschenkstempel von Lippmann Bloch (1849-1934), ein berühmter Spender unter anderem für das Breslauer Seminar und ein Zionist aus dem Kreis von Theodor Herzl.

Saul Tschernichowski „Schirim“ (Gedichte). Leipzig, 1923. BH13412

Einer der bekanntesten modernen hebräischen Dichter und Übersetzer ist Saul Tschernichowski (1875-1943). Auf der letzten Seite des letzten Kapitels eines Buches mit seinen Gedichten aus dem Jahr 1923 finden wir ein übersetztes Lied von Goethe. Obwohl das Gedicht ohne Titel ist, kann man leicht erkennen, dass es sich um Goethes bekanntes Gedicht „Über allen Gipfeln“ handelt:

Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Dieses Gedicht ist Goethes meistübersetztes Gedicht ins Hebräische und wurde mehr als 35 Mal in die hebräische Sprache übersetzt (Tschernichowski selbst hatte es fünf Mal übersetzt).
Salomon Mandelkern (1846 – 1902), ein ukrainischer Autor, Dichter und Übersetzer, nannte seine Übersetzung dieses Gedichts מנוחה „Menucha“ (Ruhe). Es erschien in seinem berühmten Gedichtband „שירי שפת עבר“ „Hebräische Gedichte“ im Jahr 1882.

Ein weiteres Gedicht von Goethe, das wir in diesem Buch finden, ist „Grenzen der Menschheit“:

„Wenn der uralte,
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät
Küss ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.

Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was underscheidet
Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sie dauernd,
An ihres Daseins
Unendliche Kette.“

Goethe war von der hebräischen Sprache begeistert. In seiner Autobiografie erzählt er von seinem erfolgreichen Versuch, seinen Vater davon zu überzeugen, sie zu lernen: „Ich eröffnete daher meinem Vater die Notwendigkeit, Hebräisch zu lernen, und betrieb sehr lebhaft seine Einwilligung: denn ich hatte noch einen höhern Zweck.“ Auch das Thema Übersetzungen faszinierte ihn und er las seine Werke gerne in anderen Sprachen. In dem Buch „Gespräche mit Goethe“ von Johann Peter Eckermann wird er mit den Worten zitiert: „‚Hermann und Dorothea‘ […] ist fast das einzige meiner grösseren Gedichte, das mir noch Freude macht; ich kann es nie ohne innigen Anteil lesen. Besonders lieb ist es mir in der lateinischen Übersetzung, es kommt mir in da vornehmer vor, als wäre es, der Form nach, zu seinem Ursprunge zurückgekehrt.'“ (18.1.1825). Und wir müssen uns fragen, was Goethe über seine hebräischen Übersetzungen geäussert hätte.

Pyramidenförmige Goethe-Statue des jüdischen Bildhauers Nat Smolin in der Bibliothek der Yale University – Forwart Magazin, 1932.
Oded Fluss 21.3.2022

„Das Herz Europas“ – Stefan Zweigs Schriften über die Schweiz

"...hier im natürlichen Zustand des Friedens war die edle
Abseitigkeit der Natur wieder natürlich geworden, und ich
liebte die Schweiz, wie ich sie nie zuvor geliebt." (Stefan Zweig - "Die Welt von Gestern")
Stefan Zweig – „Das Herz Europas – Ein Besuch im Genfer Roten Kreuz„, Max Rascher Verlag. Zürich, 1918.

In diesen Tagen, in denen sich Europa mitten in einem neuen Krieg befindet und die Frage nach der Schweizer Neutralität wieder diskutiert wird, bietet sich die Gelegenheit, in eine Zeit zurückzugehen, in der diese Neutralität nicht so zynisch gesehen wurde, wie wir sie heute verstehen: verbunden mit politischen Interessen, Angst und vor allem Geld. Stefan Zweig, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 80. Mal jährt, war in den Tagen während und nach dem Ersten Weltkrieg ein begeisterter Anhänger der Schweiz. Er sah sie als eine Insel der Vernunft, auf die es von ringsherum Wahnsinn regnete. Einige kurze unbekannte Texte, die er zwischen 1917 und 1918 veröffentlichte, und seine Novelle „Episode am Genfer See“, die 1919 erstmals erschien, erlauben uns, seine doch sehr naive Darstellung der Rolle der Schweiz in dieser Zeit und deren auf den Rest der Welt machenden Eindruck, zu untersuchen.

Stefan Zweig – „Das Herz Europas“. Neue Freie Presse, Wien, 1917.

Es scheint, dass Zweigs kurze Zeit in der Schweiz zwischen 1917 und 1919, in der er die Rolle des Genfer Roten Kreuzes untersuchte, ihn zu dem berühmten Pazifisten gemacht hat. In seinem Text „Das Herz Europas – ein Besuch im Genfer Roten Kreuz„, der am 23. Dezember 1917 in der Neuen Freien Presse veröffentlicht wurde, schrieb er: „Mögen andere die Schlachten schildern, Feldherren bejubeln, Kaiser und Herzoge rühmen – ich habe nichts gesehen in diesem Kriege, was mir wichtiger schiene, zu schildern, würdiger, erhoben zu werden, als das kleine Haus auf der Place Neuve in Genf”. Zweig beschreibt die zentrale Bedeutung dieses Ortes und die wichtige Rolle, die die Menschen dort übernommen haben:  “[…]in diesen drei Jahren, war es die Seele, war es das Herz Europas. In unsichtbarer Brandung strömt hier jeden Tag die Angst, die Sorge, die fragende Not, der schreiende Schrecken von Millionen Völkern heran. In unsichtbarer Ebbe strömt hier täglich Hoffnung, Trost, Ratschlag und Nachricht zu den Millionen zurück. Draußen, von einem Ende zum  anderen unserer Welt, blutet aus unzähligen Wunden der gekreuzigte Leib Europas. Hier aber schlägt noch sein Herz. Denn hier antwortet dem wahrhaft unmenschlichen Leiden der Zeit noch ein ewiges Gefühl: das menschliche Mitleid”.

Stefan Zweig – „Die Schweiz als Hilfsland Europas“ Donauland. Illustrierte Monatsschrift. Wien, 1918

Fast ein Jahr später, in seinem Text „Die Schweiz als Hilfsland Europas„, weitete Zweig sein Lob auf die gesamte Schweiz aus. Während der Rest der Welt seine ganze Energie für den Krieg verschwendet, ist es die Schweiz, die ihre “[…]Energie nicht zur Zertrümmerung, sondern zum Aufbau, nicht zur Verwundung, sondern zur Heilung verwandt wurde.” Nachdem er erneut das Genfer Rote Kreuz gelobt hatte, das von “Schweizer Bürgern begründet wurde. Und für sie, diese Millionen zu sorgen, über die Konventionen zu ihrem Schutze zu wachen, wäre schon Leistung genug gewesen.”, erwähnt Zweig einen etwas unterschätzten Akteur, der während des Krieges in der Schweiz tätig war und kaum Anerkennung fand, nämlich “die Postvermittlung, die sie – und das ist zu wenig bekannt – unentgeltlich, das klingt ein wenig dieses Wort, aber welche Resonanz hat es, welche ungeheuerliche Resonanz, wenn man bedenkt, dass die Schweiz in diesen vier Jahren fünfhundert Millionen Briefe, an 100 Millionen Pakete, 10 Millionen Postanweisungen umsonst befördert hat. Rechnet man den normalen internationalen Tarif dafür , so kann man wohl getrost sagen, dass die Schweiz durch den Verzicht auf jedes Entgelt den kriegführenden Staaten ein Geschenk von 100 Millionen Franken gemacht hat, abgesehen von der gigantischen Arbeit, die nur eine so meisterlich organisierte Postverwaltung bewältigen konnte, die Postverwaltung des Lands, in dem die internationale Weltpost begründet wurde und ihr Denkmal hat.” Auf poetische, zukunftsweisende Art, beendet Zweig den Text mit der Beschreibung der Schweizer Flagge: „Nie war das Schweizer Wappen – das weiße Kreuz auf rotem Grunde – so sehr das Symbol des Friedens inmitten des Bluts. Und in diesem Sinne wird eine zukünftige Menschheit immer diese Fahne grüßen.“.

Stefan Zweig – „Episode vom Genfer See“. Moderne Welt, Wien 1919.

In Zweigs Prosa finden wir diese Eindeutigkeit jedoch nicht. Obwohl das Motiv der Schweiz als Hilfsinsel auch in seiner Kurznovelle „Episode vom Genfer See“ vorkommt, tauchen die Schwierigkeiten, die Kulturkonflikte und die Unfähigkeit, die Welt von gestern hinter sich zu lassen, ebenfalls auf. Die Novelle, die erstaunlich aktuell ist, erzählt die Geschichte eines jungen russischen Soldaten während des Ersten Weltkriegs, der, desorientiert und erschöpft, von einem Fischer in der Nähe von Villeneuve aus dem Genfersee gerettet wird. Obwohl er von den Einheimischen freundlich behandelt wird, ist der Soldat völlig verzweifelt, da er die lokale Sprache nicht beherrscht. Als er schließlich den Manager eines örtlichen Hotels trifft, der Russisch kann, erzählt er seine tragische Geschichte, die eines Soldaten, der weder weiß, wo er ist, noch wofür er kämpft. Alles was er will, ist zu seiner Familie zurückzukehren. Als der Manager ihm erklärt, dass er in der Schweiz bleiben muss, da die Grenzen geschlossen sind, weigert er sich ungeduldig, das zu verstehen. Was folgt, ist eine Handlung, die sowohl als ein kläglicher und hoffnungsloser Versuch, dorthin zurückzuschwimmen, wo er herkam, als auch als ein vorsätzlicher Selbstmord durch Ertrinken interpretiert werden kann.

Es ist verlockend, das Ende dieser Geschichte als Vorahnung des eigenen tragischen Schicksals von Stefan Zweig zu sehen. Zweig, der sich als Flüchtling in Brasilien wiederfand, konnte sich nicht von seinen europäischen Wurzeln lösen. Er fand sich in einem Land wieder, in dem, obwohl er sicher und gut versorgt war, alles, was ihn ausmachte, seine Kultur, seine Sprache, keine Rolle mehr spielte. Seine berühmte Autobiographie „Die Welt von Gestern„, die er in den letzten Jahren seines Lebens schrieb, war vielleicht sein letzter Versuch, die Hoffnung auf die Zukunft aufrechtzuerhalten, indem er sich an die Vergangenheit klammerte. Die Schweiz in diesem Buch ist immer noch diese Idee „[…] des Beisammenseins der Nationen im selben Raume ohne Feindlichkeit, diese weiseste Maxime durch wechselseitige Achtung und eine ehrlich durchlebte Demokratie sprachliche und volkliche Unterschiede zur Brüderlichkeit zu erheben – welch ein Beispiel dies für unser ganzes verwirrtes Europa!“. Zweig wusste jedoch, dass die Schweiz des Ersten Weltkriegs nicht dieselbe war wie die des Zweiten. Viel rotes Blut würde um die Schweizer Insel fließen. Was blieb, war lediglich die Idee. Er hat sich für Brasilien entschieden, weil er die Hoffnung auf Europa als Ganzes verloren hatte, und aus demselben Grund, so nimmt man an, wählte er auch den Selbstmord.

Stefan Zweig – Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers , Bermann-Fischer Verlag. Stockholm, 1942
Oded Fluss, Zürich 8.3.2022

Stefan Zweig – Jüdische Wurzeln,  zionistische Blätter

"Wandervolk, Gottesvolk, 
blick in die Ferne! Blick nicht zurück!
Die verweilen, haben die Heimat,
Doch die wandern, haben die Welt!" (Stefan Zweig "Jeremias")

Stefan Zweig traf Theodor Herzl zum ersten Mal Anfang 1901. Der 20 Jahre junge Autor, hatte gerade seinen ersten Gedichtband veröffentlicht und wollte nun eine Bühne für seine Prosa finden. Den berühmten Feuilletonchef der „Neuen Freien Presse“ besuchte er, um ihm eine Kurzgeschichte zum Lesen zu geben. Vierzig Jahre nach diesem Treffen beschrieb er Herzl als: “der erste Mann welthistorischen Formats, dem ich in meinem Leben gegenüberstand – freilich ohne selbst zu wissen, welch ungeheure Wendung seine Person im Schicksal des jüdischen Volkes und in der Geschichte unserer Zeit zu erschaffen berufen war”. Zweig wurde in Wien als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie geboren und war weder religiös – er bezeichnete sich selbst als „Jude durch Zufall“ – noch zionistisch. Sein Treffen mit Herzl war jedoch ein entscheidender Moment in seinem Leben, denn zu Zweigs Überraschung las Herzl sein Manuskript unverzüglich und erklärte ihm kurz darauf: “Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß Ihre schöne Arbeit für das Feuilleton der ›Neuen Freien Presse‹ angenommen ist”. Seine Gefühle in diesem Moment beschreibt Zweig in seiner berühmten Autobiografie „Die Welt von Gestern“ mit dem Satz: „Es war, als ob Napoleon auf dem Schlachtfelde einem jungen Sergeanten das Ritterkreuz der Ehrenlegion anheftete.”. Dieser kurze Ausdruck fasst in gewisser Weise Zweigs Verhältnis zum Zeitgeschehen im Allgemeinen und zur zionistischen Bewegung im Besonderen zusammen. Er versuchte immer sich von der Gegenwart zu distanzieren und fand seine wahre Leidenschaft und sein Interesse in der Vergangenheit. Stets zog er das Ideale und Romantische dem Konkreten und Politischen vor. 

E.M Lilien – Stefan Zweigs Exlibris

Schon im Jahr 1903 hat Zweig in seiner Einleitung zum Buch über den Künstler Efraim Lilien (der auch sein Exlibris entworfen hat) eine eindeutige sowie romantische Vorstellung vom Wesen des Zionismus: “Man braucht ihn heute nicht mehr zu erklären. Er ist keine neue Idee. Seit tausenden von Jahren rauscht er im heimatlosen Volke. Aus den Liedern, die sich in Traurigkeit zu verlieren drohen, hebt er die silberne Stimme der Verheißung. In den Gebeten der Frommen an schlichten und festlichen Tagen flammt er als innigster geheimster Wunsch. In jedem gottergebenem Leben ist es die letzte und seligste Sehnsucht, das Haupt im Sterben auf den verlorenen Heimatsboden Jerusalems legen zu können.  Der Zionismus, der in der gewaltigen agitatorischen Person Dr. Herzls seine programmatische Gestalt gewonnen hat, ist nur das Banner, um das sich die Wünsche schmiegen, der ladende Ruf, der die Tausende um sich versammelt. Er hat das Judentum wieder bewusst gemacht, die schlafenden künstlerischen Werte geweckt, er hat in tausend Augen, die trostlos ins Dunkel starrten, das Sternbild einer realen Möglichkeit entzündet.”

„Die Welt: Zentralorgan der Zionistischen Bewegung“ , 6.12.1901

Obwohl Zweig Herzls Versuche ablehnte, ihn davon zu überzeugen, der zionistischen Bewegung als Mitglied beizutreten, fühlte er sich Herzl gegenüber verpflichtet. Es ist unbekannt und Zweig selbst hat es nicht öffentlich erwähnt, dass er in der Zeit, in der er in Herzls „Neue Freie Presse“ veröffentlichte, auch zwei Gedichte und eine kurze Novelle in „Die Welt“, der Hauptzeitung der zionistischen Bewegung, publizierte. Diese Veröffentlichungen haben natürlich einen jüdischen Inhalt. Die beiden Gedichte sind: „Spinoza“, das eine romantische Beschreibung des grossen jüdischen Philosophen darstellt und „Das Gericht“, das ebenfalls in Berthold Feiwels jüdischer Anthologie „Junge Harfen“ (1902) erschien und später in Zweigs Gedichtband „Die frühen Kränze“ (1906) mit einigen Änderungen unter dem Namen „Biblische Ballade“ veröffentlicht wurde und die Geschichte der Bestrafung der 250 Männer von Korach erzählt.

„Die Welt: Zentralorgan der Zionistischen Bewegung“, 11.10.1901

Interessant auch ist die kurze und bis heute ziemlich unbekannte Novelle „Im Schnee“, die als eine der beiden wahrhaft „jüdischen“ Geschichten Zweigs gilt. Sie wurde am 2. Aug. 1901 veröffentlicht und erzählt die bittere Geschichte einer jüdischen Gemeinde im Deutschland des Mittelalters. Die Menschen feiern gerade Chanukka, als plötzlich die Nachricht eintrifft, dass die Flagellanten, eine christliche Laienbewegung, die für ihre Grausamkeit gegenüber jüdischen Menschen bekannt war, auf dem Weg in ihr Dorf sind.  Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde beschliessen, ihr Dorf zu verlassen und zu fliehen. Sie schaffen es, dem Pogrom zu entkommen, finden aber im kalten Schnee den Tod.

Stefan Zweig „Im Schnee“. Mit Zeichnungen von Fritz Fischer
Verlag der internationalen Stefan Zweig Gesellschaft, Wien, 1963

Nur 36 Jahre später sollte Zweig eine weitere Geschichte mit einem starken jüdischen Thema veröffentlichen. 1937 erschien seine bekannteste jüdische Geschichte „Der begrabene Leuchter“ (Ein kurzer Teil der Geschichte erschien im Jüdischen Almanach 5697 unter dem Namen „Menorah“), die von Benjamin erzählt, einem einfachen jüdischen Jungen, der sein ganzes Leben damit verbringt, den heiligen Siebenarmigen Leuchter zu suchen und an seinen rechtmäßigen Platz in Jerusalem zurückzubringen. Die Geschichte hat ein etwas zionistisches Ende, denn der heilige Leuchter wird erfolgreich nach Jerusalem zurückgebracht, wird dort aber vergraben und wartet darauf, dass das jüdische Volk zurückkommt und ihn findet.

Stefan Zweig „Der begrabene Leuchter“
Herbert Reichner, Wien•Leipzig•Zürich, 1937

Ein paar andere Werke von Zweig, die erwähnt werden sollten, sind das Theaterstück „Jeremias“ (1917), das in Zürich uraufgeführt wurde und zu Zweigs Lebzeiten auch in Palästina im „Ohel“-Theater gespielt wurde. Das Stück, das biblische Motive verwendet und den Propheten Jeremias als Sprachrohr einsetzt, beschäftigt sich jedoch mehr mit Weltpolitik und Pazifismus als mit dem Judentum.
„Die Legende der dritten Taube“ (geschrieben 1915), die die unbekannte Geschichte der dritten Taube aus der Arche Noah erzählt, die in ihrer Unfähigkeit zu sterben oder Frieden zu finden dem Mythos des ewigen Juden ähnelt.
Und die Kurzgeschichte „Rahel rechtet mit Gott“ (1930), in der Rahel als Proto-Feministin dargestellt wird, die im Gegensatz zu ihrem Mann Jakob in ihrem körperlichen und gewissermaßen erotischen Kampf mit Gott erfolgreich ist und dem Volk Israel Frieden bringt.

Stefan Zweig „Jeremias“. Insel Verlag, Leipzig, 1918
Widmungsexemplar aus der Sammlung von Martin Dreyfus

2016 hat eine grosse Entdeckung von Zweigs Briefen in der Stadt Bat Yam in Israel mehr Licht auf seine Beziehung zum Judentum und zum Zionismus geworfen. Dieser Briefwechsel und andere Briefe über das Judentum wurden kürzlich von Stefan Litt in seinem Buch „Stefan Zweig – Briefe zum Judentum“ veröffentlicht. In einem Briefwechsel mit einem jungen Mann namens Hans Rosenkranz der Jahre 1921-1922 offenbart Zweig viele tiefe Einsichten: „Ich las gerade in diesen Tagen Theodor Herzls Tagebücher: wie gross war die Idee, wie rein, solange sie noch ganz Traum war, ungemengt mit Politik und Soziologie? […] ich erinnere mich noch an eine Stunde, wo er lange mit mir sprach (den er gewissermaßen ‘entdeckt’ hatte und den er mit einem seltenen Vertrauen trotz der Jugend ehrte) und ich ihm sagte, ich könnte nur ganz etwas tun und dies heisse: Alles andere aufgeben. Dazu hatte ich nicht die Kraft, ich hing zu sehr an der Kunst, an der Welt als Ganzem, um mich bloss einer Nation hinzugeben.” 

Stefan Zweig – Briefe zum Judentum. Hrsg. Stefan Litt
Suhrkamp / Jüdischer Verlag, 2021

In einem weiteren Brief an Rosenkranz erklärt Zweig sein doppeltes Verhältnis zum Judentum: „Was ich für den Einzelnen ablehne, ist nur, diese Blüte, diese Freude, diese collective Leistung als Stolz zu empfinden, stolz zu werden und hochmütig auf sein Judentum – man darf kaum auf eigene Leistung pochen, aber nie auf die einer selbst homogenen Masse (der deutsche Philister, der sich auf Goethe, der italienische Faulenzer, der sich auf Dante beruft, darf im geistigen Menschen kein Gegenspiegel haben.) Aber uns als minderwertig zu empfinden, am Judentum wie an einer Schuld, an einer ererbten Krankheit zu leiden, das ist ein gleicher Fluch – wir müssen mit amor fati unser Schicksal lieben und nie versuchen es uns wegzudiscutieren“.

Collage von Zweigs Porträts der Künstler: Frans Masereel, Walter Kornhas, Theodor Kern, Heinrich Rauchinger und Fred Dolbin.

Stefan Zweig nahm sich am 22. Februar 1942 zusammen mit seiner Frau im brasilianischen Exil das Leben. Zu Ehren seines 80. Todestages hat die Bibliothek der Israelitische Cultusgemeinde in Zürich eine Ausstellung eingerichtet, die bis zum 15. Mai 2022 zu sehen sein wird.

"Einmal bin auch ich ein Mutiger gewesen. Nur die Zeit und das Alter haben mich zum Zagenden gemacht. Verzeiht den Kleinmut meines Herzens! [...] Herr, ich will sterben. Was sparst du mich auf und weisst doch, ich will nicht mehr! Herr, Lass es genug sein! Ich habe verzagt, so wirf mich hinweg! Ich bin müde. Herr, ich will, ich kann nicht mehr! Herr, lass es genug sein! Herr, lass mich sterben!..." (Stefan Zweig "Der begrabene Leuchter").
Oded Fluss, Zürich, 22.2.2022

Mr. Blooms Haggadah

James Joyce: Ulysses. Paris: Shakespeare and Company, 1922

Vom 2. Februar bis zum 1. Mai feiert das Museum Strauhof das 100-jährige Jubiläum der Veröffentlichung von „Ulysses“, dem bekanntesten Roman von James Joyce und einem der wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung mit dem Titel „Ulysses von 100 Seiten“ will das faszinierende und komplexe Universum des Romans mit Hilfe von 100 Exponaten aufzeigen: Objekte und Zitate, Bilder und Erzählungen aus den 18 Kapiteln des Buches sowie aus der Geschichte seiner abenteuerlichen Veröffentlichung.
Eines dieser 100 Objekte, die in der Ausstellung präsentiert werden, ist eine alte Pessach-Haggada, die 1816 in Basel gedruckt wurde und für dieses Ereignis von der ICZ-Bibliothek ausgeliehen wurde. 

Seder Haggadah schel Pessach. Gedruckt von Wilhelm Haas, Basel. 1816. H924

Es wurde viel über Joyce und seine Beziehung zu den Juden und dem Judentum geschrieben. Von der Ähnlichkeit, die er zwischen seinem eigenen Schicksal als Verfolgter und zum Exil Gezwungener und dem der Juden fand, bis zur großen Verbundenheit der jüdischen Tradition mit Büchern und dem geschriebenen Text, die seiner eigenen Verbundenheit, vielleicht sogar Besessenheit mit dem geschriebenen Wort ähnelte. Und natürlich, und das bezog sich auf die beiden vorgenannten Punkte, die Zensur und Verbrennung jüdischer Bücher und die Zensur, der Joyce in seiner literarischen Karriere selbst zum Opfer fiel.

Der Haggada-Eintrag im Ausstellungskatalog.

Es wäre müßig, die Bedeutung des Pessachfestes und der Haggadah in Joyces „Ulysses“ zu erläutern. Bekanntlich ist der Hauptdarsteller des Buches, Mr. Bloom, jüdischer Herkunft, und obwohl er in keiner Weise religiös ist, spielt das Judentum eine wichtige Rolle in seiner Darstellung. In einem Moment des Buches murmelt Bloom alle hebräischen Wörter, die ihm in den Sinn kommen: „Aleph Beth Ghimel Daleth Hagadah Tephilim Koscher Yom Kippur Hanukah Roschaschana Beni Brith Bar Mitzvah Mazzoth Askenazim Meschuggah Talith„.

Die Haggada in der Strauhof Ausstellung

Ein bedeutenderer Teil, in dem die Haggada auftaucht, ist das Kapitel „Und da nun das Passahfest nahte„, in dem Bloom beschreibt, wie sein Vater versucht, die Pessach-Haggada zu lesen: „Der arme Papa mit seinem Haggadah-Buch, wie er mir immer rückwärts vorlas mit dem Finger„. Blooms Vater fährt fort, seine Meinung über das Chad-Gadja-Lied zu äußern: „Und dann das Lamm und die Katze und der Hund und der Stecken und das Wasser und der Metzger, und dann der Engel des Todes, der den Metzger schlägt, und dieser schlägt den Ochs, und der Hund schlägt die Katze. Klingt ein bißchen albern alles, bis man sichs mal genauer ansieht. Soll Gerechtigkeit bedeuten, aber heißt bloß, daß alles sich frißt, immer einer den andern. So ist das Leben eben, letzten Endes.”. Diese etwas vereinfachte Interpretation könnte auf Joyces zynische Sichtweise des moralischen Zustands der Welt und seine Kritik an der Brutalität und Unmenschlichkeit seiner Zeit zurückgeführt werden. Es ist auch ein Beweis dafür, wie kenntnisreich und neugierig Joyce in Bezug auf die jüdischen Traditionen und Texte war. Im Gegensatz zu anderen klassischen jüdischen Romanfiguren wie Shylock, Fagin und Daniel Deronda war Joyces Mr. Bloom eine jüdische Figur, mit der sich der nichtjüdische Autor selbst identifizierte.

Das „Chad Gadja“ Lied in der Haggada

Diese Identifikation führte dazu, dass viele Leute dachten, Joyce selbst sei Jude. Der Literaturkritiker Frank O’Connor hat Joyce in seiner „Short History of Irish Literature“ humorvoll als “the greatest Jew of all” [„den größten Juden von allen“] bezeichnet.
Weniger amüsant ist der Vorfall, der sich 1940, wenige Monate vor Joyces Tod, ereignete. Seine Familie, die zu dieser Zeit in Frankreich lebte, musste selbst einen Exodus durchmachen. Sie versuchte, aus dem von den Nazis besetzten Land in die Schweiz zu fliehen. Die Schweizer Fremdenpolizei hatte ihnen jedoch die Genehmigung verweigert, da sie glaubte, Joyce sei Jude. Drei Monate lang bemühten sich Joyces Freunde, seine Nicht-Jüdischkeit zu beweisen und seine Familie in die Schweiz zu bringen. Ironischerweise waren es zwei von Joyce jüdischen Freunden, Edmund Brauchbar und Siegfried Gidieon, denen es gelang, 300.000 Franken als Bürgschaft für die Schweizer Behörden aufzubringen und die Familie schließlich in Sicherheit zu bringen. Joyce, der bereits sehr krank war, starb kurz darauf.

James Joyce

Oded Fluss 4.2.2022

Israel Finkelscherer: Rabbiner, Bibliothekar, Buchliebhaber, Opfer.

Am diesjährigen internationalen Holocaustgedenktag möchten wir unseren Beitrag einer eher unbekannten Person widmen, die dennoch eine ganz besondere Verbindung zum Breslauer Rabbinerseminar und seiner Bibliothek hatte.

Israel Finkelscherer (1866-1942) wurde in Brody geboren und hat seine theologische Ausbildung am Rabbiner-Seminar in Breslau erhalten, wohin er schon mit einem gründlichen Wissen, besonders auf talmudischem Gebiet, gekommen war. Die dort wirkenden bekannten Meister der jüdisch-theologischen Disziplinen waren seine Lehrer, vor allem der Talmudist Israel Lewi (1841-1917), der später sein Schwiegervater werden sollte. 1893-1894 studierte er in Jena und wurde dort auch zum Dr. Phil. promoviert. Dr. Finkelscherer war schon in Breslau zur Vertretung für Seminardozenten des talmudischen Faches herangezogen worden war und hatte jahrelang die bekannte große Bibliothek des Seminars verwaltet.

Inaugural-Dissertation Universität Jena, Breslau 1894.

1898 kam er nach München, wo er im rabbinischen Amt und im Lehrberuf sowie als Bibliothekar der Gemeinde arbeitete. Der Schriftsteller und Dichter Schalom Ben-Chorin (1913-1999) berichtet in seinen Erinnerungen: „Das umfangreiche Material für meine Studien hatte ich der reichhaltigen Bibliothek der Jüdischen Gemeinde entnommen, als deren Bibliothekar der gelehrte Rabbiner Israel Finkelscherer wirkte. Mit seiner spitzen Fistelstimme bemerkte er zu der Wahl meiner Lektüre ‚Warum lesen Sie dieses Zeug; Sie sind schon meschugge genug'“.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung 1891

Als grosser Bücherliebhaber organisierte er am 22. März 1929 eine Ausstellung über das jüdische Buch. Dazu schrieb er einen kleinen Text, der am 15. März 1929 in der Bayerischen Israelischen Gemeindezeitung veröffentlicht wurde: „…für den Juden das Buch gleichsam den Inbegriff seiner Existenz als völkische Individualität bedeutet. Eine tiefe Verbundenheit besteht zwischen Buch und Judentum. Das Buch (Die Thora) hat den Juden erst geschaffen und geformt, ihm religiöse Einheit und völkische Realität gebracht und im Buche (der Bibel) hat das Judentum sein geistiges und sittliches Ideal als wirkendes kulturelles Element der Welt übergeben. Von dem Lande seiner erste Heimat losgerissen ist das Buch der Heimatboden geworden, auf dem seine Eigenheit gewahrt blieb, auf dem das Erbe der Väter in treuer Hut gepflegt in jeder Periode seiner Geschichte ihm kraftspendende Früchte getragen hat. Ein Buch ist es, das dem Judentum die Fähigkeit verliehen hat, losgelöst von nationaler Gebundenheit, von Landesgrenzen nicht eingeengt, sich sein religiöses und geistiges Leben auszubauen und durch die Jahrtausende zu erhalten…“

Israelitisches Familienblatt 16.7.1936

Im Juli 1936 konnte man im „Israelitschen Famillienblatt“ noch von einer Feier zu seinem 70. Geburtstag lesen, die von der jüdischen Gemeinde in München zu seinen Ehren veranstaltet wurde, doch das sind die letzten positiven Nachrichten, die uns begegnen. Am 15. Mai 1942 wurden Israel Finkelscherer, seine Frau und seine beiden Söhne gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen und in eine so genannte „Judenwohnung“ neben der bereits in der Pogromnacht zerstörten „Ohel Jaakov“ Synagoge zu ziehen. Am 25. Juni sollte dies der Ausgangspunkt für ihre Deportation nach Theresienstadt sein.

Am 6. Oktober 1942 kam er im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Seine Frau Bella (Lewi) Finkelscherer starb einen Monat später.

Vier Rätsel und eine Zeichnung

In den Büchern der Breslauer Sammlung findet man häufig Handschriftliches. Seien es Widmungen, Namen früherer Besitzer, Korrekturen, Zensuren, oder manchmal auch ein kompletter Stammbaum (siehe Blog-Eintrag vom 18.2.2021 Eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz„). Viele der handschriftlichen Zeugnisse in den Büchern sind von geringer Bedeutung. Bei der Katalogisierung eines Buches, muss man jedoch sehr vorsichtig sein, da die handschriftlichen Zeugnisse manchmal sogar wichtiger und interessanter sind, als das Buch selbst. Das Buch, das wir heute vorstellen, hat etwas ganz Besonderes an sich.
Es wurde 1714 in Amsterdam gedruckt und trägt den Titel Devek Tov (guter Leim) und ist eine Interpretation von Rashis Kommentar auf Chamishah Chumshe Torah, von Rabbi Shimon Aschenburg ha-Levi.

Rabbi Shimon Aschenburg ha-Levi – Sefer „Devek Tov“. Amsterdam, 1714. Breslauersammlung BH 216

Das Besondere an diesem Buch ist jedoch nicht nur sein Inhalt, sondern auch eine Handschrift, die auf der ersten Seite hinzugefügt wurde.
Wenn man das Buch aufschlägt, findet man eine sehr interessante Zeichnung eines Mannes mit Zylinder, der eine zusammengerollte Zigarette zu rauchen scheint und einen Stock hält. Die Zeichnung, die auf den ersten Blick wie das Gekritzel eines Kindes aussieht, enthält wichtige Informationen. Auf dem Gesicht des Mannes findet man die hebräischen Buchstaben תעד. Diese Buchstaben, wenn sie in Gematrie berechnet werden, ergeben 1714, das Jahr in dem das Buch veröffentlicht wurde. Daher könnten wir vermuten, dass diese Zeichnung und die Notizen daneben aus diesem Jahr stammen.

Über dem Mann ist eine Liste in vier Abschnitten. Jeder davon beginnt mit dem hebräischen Wort Chida (Rätsel). Es hat eine Weile gedauert, bis wir die Schriften entziffern und diese vier Rätsel entschlüsseln konnten. Zwei davon waren besonders schwer zu lösen.
Wir bringen sie hier zu Ihrem Vergnügen:

Das erste Rätsel ist bereits bekannt:
חדה
הולך בלא רגלים“
מכה בלא ידים
מכה זה בנים שמחים“

Rätsel

„Geht ohne Beine
schlägt ohne Hände
wenn es trifft, sind die Jungs glücklich“

Es ist wichtig zu bemerken, dass das Wort זה, das auf Hebräisch „es“ bedeutet, eine geschweifte Linie darüber hat. Das bedeutet normalerweise, dass man Gematrie verwenden sollte, um die Zahl zu finden, für die dieses Wort steht, in diesem Fall ist זה die Zahl 12.
Dann stellt man fest, dass die Lösung des Rätsels ganz offensichtlich eine Uhr ist. Ein Ding, das ohne Beine läuft und ohne Hände schlägt. Wenn sie 12 schlägt, dann sind die Kinder glücklich.

Das zweite Rätsel ist am schwierigsten ins Deutsche zu übersetzen, da es sich um ein hebräisches Wortspiel handelt.
חדה
רומח אין לו פה
ואפוך יש לו פה
מי שאינו יודע זה
הרי הוא דומה לזה

Rätsel
„רומח (ein Speer) hat kein Maul
rückwärts hat er ein Maul
Derjenige, der es nicht begreift
ist derjenige, der ihm ähnelt.“

Das Wort für Speer im Hebräischen ist רומח und wenn man dieses Wort rückwärts liest, erhält man חמור ein Esel. Der Esel hat im Gegensatz zum Speer ein Maul. Diejenigen, die das nicht begreifen können, sind also wie Esel.

Das dritte Rätsel ist schon ziemlich schwierig.

חדה
הבורא לא ראהו מעולם
המלך בשר ודם לעתים רחוק
שאר בני אדם בכל יום ויום

Rätsel

Der Schöpfer hat ihn nie gesehen
der König hatte ihn sehr selten gesehen
der einfache Mann sieht ihn jeden Tag

Fragen Sie sich, was der einfache Mann jeden Tag sieht, der König nur sehr selten und Gott selbst nie?
Die Antwort lautet: jemanden wie sich selbst.

Das vierte Rätsel ist auch eine harte Nuss:

חדה
המתים יאכלוהו
ואם יאכלו החיים ימותו

Rätsel
Die Toten essen es
und wenn die Lebenden es essen würden, sterben sie.

Was essen die Toten? Die Antwort lautet: nichts.
Und wenn die Lebenden nichts essen, würden sie sterben.

Viele Bücher in der Breslauer Sammlung sind rätselhaft und dieses Buch im Besondern.

Zum Gedenken an das Novemberpogrom 1938

Wie so viele andere jüdische Institutionen in Deutschland war auch das jüdisch-theologische Seminar in Breslau nach den schrecklichen Ereignissen der Novemberpogrome 1938 gezwungen, seine Pforten zu schließen. Obwohl die Beweise und Zeugenaussagen spärlich sind, haben wir uns entschlossen, den folgenden Blogeintrag dem tragischen Ende des Seminars und damit auch seiner weltberühmten Bibliothek zu widmen.
Anfang Januar 1938 veröffentlichte das jüdisch theologische Seminar seinen abschließenden Jahresbericht für das vorangegangene Jahr 1937. Der Bericht enthielt eine detaillierte Liste von Studenten, Lehrern, Vorstandsmitgliedern und Spendern sowie einen Kursplan für das Sommer- und (noch laufende) Wintersemester.
Der Bibliotheksbericht wurde von dem damals jungen Dr. Ephraim (Elimelech) Urbach (1912-1991) zusammen mit der Bibliothekarin Lotte Pinczower (1889-1975) verfasst und enthielt alle Ankäufe und Geschenke von Büchern im vergangenen Jahr, die sich auf 301 Werke beliefen, davon 118 auf Hebräisch und 183 auf Deutsch und anderen Sprachen. Es wird geschätzt, dass die Bibliothek vor ihrer Zerstörung mehr als 40.000 Bücher und mehr als 400 Handschriften enthielt.

Die Bibliothek des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau


Obwohl sehr subtil und rückblickend kann man die düstere Stimmung, der in diesem Bericht geschrieben wurde, nicht übersehen. Abgesehen von der relativ geringen Menge an Büchern, die die Bibliothek beschaffen konnte, ist der Jahresbericht mit kleinen Hinweisen auf ein Institut gefüllt, das bereits um sein Überleben kämpft. Die mehrfache Erwähnung von „gegenwärtigen Bedingungen“, „Schwierigkeiten“ und Hörer in „finanzieller Notlage“ verrät, was nicht ausdrücklich gesagt werden konnte. In der Tat war dieser Jahresbericht nach 83 durchgehenden Jahren, seit der Gründung des Seminars im Jahr 1854, der letzte, den das Seminar veröffentlichte.

Einer der im Jahresbericht erwähnten Lehrer war der Historiker Dr. Willy Cohn (1888-1941). Cohn hatte erst ein Jahr zuvor seine Lehrtätigkeit am Seminar aufgenommen, nachdem er ein angesehener Lehrer am Johannesgymnasium in Breslau war, aber aus antisemitischen und nationalsozialistischen Gründen entlassen wurde. Seine Tagebücher, die nach seinem Tod entdeckt wurden, sind eine wertvolle Quelle für die Ereignisse, die die jüdische Gemeinde in Breslau während der Zeit des Dritten Reiches betrafen. In ihnen erhalten wir auch ein Zeugnis aus erster Hand über die letzten Tage des Rabbinerseminars.

Willy Cohn (1888-1941)

Am 1. November 1938 schrieb er: „Seminar; dort hörte ich, dass drei Hörer polnischer Staatsangehörigkeit abgeschoben worden sind […] Nach der Sitzung mit Fritz Günther Nathan ein Stück gegangen; darüber gesprochen, dass man mir im Seminar nicht die jüdisch-geschichtlichen Vorlesungen übertragen hat. Aber ich will zu dieser Sache nichts mehr tun, da das Seminar über das Wintersemester kaum noch eine nennenswerte Zahl von Hörern haben wird“. Eine Woche später, am 8. November, schrieb er: „Seminar ‚Spanien‘ und ‚Tasso‘. Es wird immer schwieriger, die Leute auf die geistigen Dinge zu konzentrieren. Immer wieder hat ein junger Mensch Passschwierigkeiten. […] Die heutigen Zeitungen bringen eine für uns sehr schlimme Nachricht. Der Botschaftssekretär von Rath ist in Paris in der deutschen Botschaft von einem polnischen Juden angeschossen und schwer verwundet worden, eine sehr feige Tat, die sicherlich die schlimmsten Folgen für uns in Deutschland haben wird.“ Dies ist der letzte Tagebucheintrag, den Cohn aus dem Seminar schreiben wird, das am 10. November nach einem Einmarsch von Nazi-Anhängern teilweise zerstört und für immer geschlossen wird. Drei Jahre später, am 29. November, werden Cohn, seine Frau Gertrud und die beiden Töchter Susanne und Tamara im IX. Fort zusammen mit 2000 Juden aus Breslau und Wien erschossen.

Alfred Jospe (1909-1994)

Ein weiteres Zeugnis lesen wir von Rabbiner Alfred Jospe (1909-1994). Jospe war Student im theologischen Rabbinerseminar und gleichzeitig an der Breslauer Universität. In einer 1963 veröffentlichten Gedächtnisschrift für das Seminar beschreibt er die letzten Tage des Seminars: „Am 10. November 1938 wurde das Seminar von den Nazis überfallen, teilweise zerstört und auf polizeiliche Anordnung geschlossen. Zahlreiche Studenten wurden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, der Unterricht musste eingestellt werden, Versammlungen des Lehrkörpers wurden verboten. Aus den Protokollen der Fakultät geht hervor, dass sich drei Fakultätsmitglieder, Dr. Isaac Heinemann, Dr. Samuel Ochs und Dr. Nachum Wahrmann, am 8. Dezember 1938 zu einer informellen Besprechung über die Situation trafen. Dr. Heinemann berichtete, dass ‚von den Behörden noch keine Nachricht über die Wiedereröffnung des Seminars eingegangen ist‘. Er empfahl, den Abschluss aller in Frage kommenden Oberstufenschüler auf jede erdenkliche Weise zu erleichtern. Da ein Verstoß gegen das Versammlungsverbot vermieden werden müsse, solle jeder Schüler aufgefordert werden, jeden Lehrer zu Hause aufzusuchen, um seine Prüfung abzulegen. Die Ergebnisse der Prüfungen würden in das Fakultätsprotokoll eingetragen„.

Das Seminar in der Wallstraße 1b

Das Novemberpogrom 1938 war eines von vielen Vorboten für das tragische Schicksal der europäischen Juden. Für das Breslauer Rabbinerseminar war es auch das Ende eines der wichtigsten und einflussreichsten jüdischen Institutionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Rabbinerseminar war ein Pionier der Judaistik und insbesondere der Wissenschaft des Judentums. In den 83 Jahren seines Bestehens hat das Seminar einige der wichtigsten Gelehrten, Rabbiner und Denker der Neuzeit hervorgebracht.
Obwohl es für immer geschlossen wurde, blieb das Seminar eine Inspiration und ein Vorbild für viele spätere Schulen und Einrichtungen. Seine reichhaltige Bibliothek, die nur teilweise erhalten blieb, ist über die ganze Welt verstreut, und die Bücher darin, denen dieser Blog gewidmet ist, bleiben eine ewige Erinnerung an das Seminar und die Menschen darin.

Der Dichter, der Blumen schrieb

Agudat Perachim „Blüthenstrauß“, Altona 1880 Breslauer Sammlung BH 8

„Nehmt hin, liebe Leser, diese anspruchslosen Blüthen…“

Jochanan Wittkower (1830-1889) war Dichter, Übersetzer, Lehrer, aber vor allem Hebraist. Sein Buch אגדת פרחים „Blüthenstrauss“, das er 1880 im Selbstverlag herausgab, fasst sein Lebens- und Liebesprojekt auf einzigartige und wunderbare Weise zusammen. Das Buch ist der hebräischen Sprache gewidmet und ist ein frühes Zeugnis für die Bedeutung jüdischer deutscher Gelehrter bei der Erneuerung der alten Sprache im 19. Jahrhundert.

Als Geschenk zugedacht, sollte das Buch vor allem die Leidenschaft der jungen Generation für die heilige Sprache wieder erwecken, oder wie Wittkower in seinem schönen Vorwort schreibt „Nicht Ruhmbegier oder Aussicht auf pecuniäre Vorteile veranlassen mich zu diesem Schritte, sondern unbegrenzte Liebe zu unserer heiligen Sprache und das aufrichtige Streben, diese Liebe auch im Herzen unserer Jugend, wo sie leider erkältet ist, wieder anzufachen.“ Als Hebräischlehrer in der jüdischen Gemeinde von Altona erklärt Wittkower die pädagogische Idee, die dem Aufbau des Buches zugrunde liegt: „…in meiner langjährigen Praxis als Jugendbildner hatte ich vielfach Gelegenheit, zu bemerken, dass Schüler sowohl, als auch Schülerinnen eine leichte Übersetzung trefflicher Kernsprüche in poetischer Form mit Freuden ihrem geistigen Schatze einverleibten und oft dadurch angeeifert wurden, sich in Ähnlichem zu versuchen.“ Diesem Verständnis folgend, enthält das Buch hauptsächlich Gedichte, Fabeln und kurze Artikel in einer zweisprachigen Form, bei der die Originalsprache auf der einen Seite und die Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite steht. Wittkower hat diese sowohl aus dem Hebräischen ins Deutsche als auch aus dem Deutschen ins Hebräische übersetzen lassen, was sich im Buch als eine umfangreiche Sammlung präsentiert, die von Gedichten von Goethe und Schiller bis zu Gedanken und Sprüchen aus Talmud und Midrasch reicht.
Um eine Vorstellung von dem reichen Inhalt des Buches zu vermitteln, geben wir ein Verzeichnis der einzelnen Abteilungen mit Beispielen aus jedem Bereich wieder:

Der erste Teil פרחי לבנון „Moral-Gedichte zur Erbauung und Belehrung“ betrifft hauptsächlich religiöse und moralische Themen und soll lehren, wie man ein ethisches Leben führt.

Der zweite Teil פרחי נעמנים besteht aus Gedanken und Sprüchen aus dem Talmud, sowie aus Sinn- und Volkssprüchen.

Der dritte und unterhaltsamste Teil פרחי שעשועים „Epigramme“ enthält ernste und erbauliche, aber auch scherzhafte und satirische Inhalte.

Dieses Gedicht wurde zum Gedenken an den Bruder des Autors geschrieben und sollte neben seinem Grab rezitiert werden.

Der vierte Teil, פרחי העתים „Gelegenheits-Gedichte“, besteht, wie der Name schon sagt, aus Gedichten und Sprüchen, die zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten verwendet werden sollen. Hier bringt der Verfasser Gedichte für fröhliche Anlässe wie Hochzeiten und Geburtstage, auch für traurige Anlässe wie Beerdigungen.

Zwillinge, die im selben Grab liegen: „Nackt sind wir zusammen aus dem Mutterleib gekommen, und nackt kehren wir zusammen in den Mutterleib [die Erde] zurück“. ein Gott hat uns beide geschaffen, wie könnte der Tod uns trennen? gemeinsam kehren wir dorthin zurück, woher wir gekommen sind, gemeinsam werden wir am Tag der Erlösung wiederkommen.

Der Anhang des Buches besteht aus zwei Teilen, die vielleicht die interessantesten und wichtigsten auch für Forschungszwecke sind. Diese beiden Teile: פרחי תמרורים „Grabschriften“ und פרחי זכרון „Grabschriften der auf dem alten Friedhofe zu Altona ruhenden Rabbinen und Gelehrten“ bestehen aus Texten, die der Autor von Grabsteinen abgeschrieben hatte. Diese sind manchmal anonym und der Titel lautet einfach „Mutter eines Kindes“, „Ehemann und Ehefrau“ oder „Grabstein eines Augenarztes“, aber manchmal, wenn es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelt, bringen sie den vollen Namen des Verstorbenen. Viele Fälle sind faszinierend, wie der Grabstein der „Zwillinge, die zusammen im selben Grab lagen“ oder der von Rabbiner Jonathan Eibeschütz, der seine eigene Grabinschrift schrieb.

Die Grabinschrift des Rabbiners Jonathan Eibeschütz, „in seiner eigenen Handschrift gefunden und auf seinem Grab präsentiert“.

In der Breslauer Sammlung findet man auch ein Buch, das dem Autor des hier vorgestellt Buches, Jochanan Wittkower, gehörte. Das Buch „Sefer Bechinot Olam“ „das Buch der Untersuchung der Welt“ wurde 1768 in Dyhernfurth [heute Brzeg Dolny in Polen] gedruckt und auf der ersten Seite des Buches findet man die handschriftliche Signatur von Jochanan BSL“Z (ben Scholomo Zalman) Wittkower. Altona.

Eine Selicha in Zeiten der Pest

Machzor nach polnischem Brauch. Altona, 1744. Breslauer Sammlung BH 1495

Plagen sind der jüdischen Geschichte nicht fremd, auch nicht in den hohen Zeiten der ‚Yamim Nora’im‘. Eine berühmte Geschichte handelt von Rabbi Israel Lipkin Salanter (1810 – 1883), dem Begründer der religiös-ethischen Schule ‚Musar‘. 1848 in Wilna während eines schrecklichen Ausbruchs der Cholera hat Salanter Essen und Trinken am Jom Kippur erlaubt. Als die Menschen sich weigerten, seiner Empfehlung zu folgen, ass und trank er öffentlich in einer Synagoge während der Jom Kippur-Gebete. Dieses Ereignis wurde von dem hebräischen Schriftsteller David Frischmann (1859 – 1922) in einer Kurzgeschichte mit dem Titel שלושה שאכלו „Von dreien, die gegessen haben…“ wunderbar verarbeitet. Eine deutsche Übersetzung der Geschichte, die in 1929 in dem Jüdisches Volkblatt erschienen ist, finden Sie hier:

Eine andere, nicht so bekannte Geschichte bezieht sich direkt auf eines der Bücher in unserer Sammlung. 1623 breitete sich die Windpockenplage in der jüdischen Gemeinde von Prag schnell aus und forderte viele Opfer, darunter auch viele Kinder.
Der Rabbiner der Gemeinde, Mosche Menachem Mendel (1574 – 1641), war ein berühmter Aschkenazi Rabbiner, der seine Frau durch diese Seuche verlor und eine besondere Selicha schrieb, in der er Gott um Vergebung und Hilfe bat.
Die Selicha, die als „פזמון בשעת המגפה ח“ו“ „Ein Pizmon [Chor] in Zeiten der Pest, Gott bewahre“ beschrieben wird, ist in Form eines Akrostichons geschrieben, in dem der erste Buchstabe jedes Satzes den Namen des Verfassers bildet.


Sie beginnt mit den Sätzen „Moschel ba-elyonim ata yadata et kol ha-tla’a. Shalit ba-tachtonim ha-shole’ach mazor u-refu’a“ „Herrscher des Höchsten, du hast all das Elend gekannt. Herr des Niedrigen, der Heilung und Gesundheit schickt“. Weiter wird jede einzelne Sünde beschrieben, die von der Gemeinschaft begangen worden sein könnte: Nichtbeachtung des Schabbat, ungerechtfertigter Hass, obszöne Sprache, Verunglimpfung des Namen Gottes usw. Diese Selicha ist aus der Gattung der „Pizmon“, was bedeutet, dass sie einen Refrain enthält, der sich nach jeder Strophe wiederholt. Hier kommt nach jeder Sünde der Vers: „ליי אלהינו חטאנו. אל נא רפא נא לנו“ „zu Gott haben wir gesündigt, bitte heile uns“.


Die Selicha ist weitgehend unbekannt und wurde in unserer Breslauer Sammlung in einem in Altona gedruckten Machzor von 1744 gefunden. Möglicherweise wurde sie wegen eines Ausbruchs der Beulenpest, die zu dieser Zeit in Europa grassierte, gedruckt.

Die wandernde Bibliothek

Diejenigen von Ihnen, die uns auf Instagram folgen, wissen, dass wir seit ein paar Monaten jeden Sonntag ein Exlibris veröffentlichen, dass einem jüdischen Buchsammler gehörte oder von einer/m jüdischen Künstler*in angefertigt wurde.
Das folgende Buch aus der Breslauer Sammlung erlaubt uns, unseren #exlibrissonntag mit unserem Blog zu verbinden. Das Buch „Herkunft und Gesinnung“ von Manfred Sturmann ist eine Sammlung jüdischer Gedichte, die 1935 in Berlin im Erich Reiss Verlag erschienen ist.
Obwohl der Band an sich sehr interessant ist, möchten wir uns eigentlich auf die erste Seite dieses Buches konzentrieren, die das wunderbare, expressionistisch anmutende Exlibris der „Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden“ trägt.

Manfred Sturmann – Herkunft und Gesinnung. Berlin, 1935. Breslauersammlung BD 3221

Das Projekt, das offiziell 1934 begann und vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ins Leben gerufen wurde, sollte die kulturelle Leere füllen, der viele jüdische Gemeinden, insbesondere die kleinen, ausgesetzt waren. Kulturelle Veranstaltungen und Zusammenkünfte waren den Juden in ganz Deutschland bereits untersagt. Bücher von jüdischen Autor*innen oder mit jüdischem Bezug wurden aus Geschäften und Bibliotheken entfernt und waren nur noch sehr schwer zu bekommen. Daher wurde versucht, die isolierten jüdischen Gemeinden irgendwie miteinander und mit ihrer Kultur in Verbindung zu halten. Einer der Wege, auf dem dieser Versuch unternommen wurde, war durch das jüdische Buch.

Hermann Schildberger, ein jüdischer Komponist und Dirigent, der einer der Anführer dieser Initiative war, schreibt 1934 „Diese notwendige und wichtige Ergänzung kann in umfassender Weise, durch das Buch geschehen. Es gilt daher, das jüdische Buch – jüdisch hier in einem ganz weiten Sinne gemeint – an den Einzelnen heranzubringen, insbesondere dort, wo bisher keine oder nur geringe Möglichkeiten bestanden, geeignete Bücher sich zugänglich zu machen“. 

Hermann Schildberger (1899-1974)

Zu diesem Zweck wurde eine ganz besondere Bibliothek gegründet. Die Bibliothek enthielt ursprünglich etwa 800 Bücher (unser Buch trägt die Nummer 425). Jedes dieser Bücher wurde von einer Gruppe professioneller Leute – unter ihnen Leo Hirsch, Hilde Marx, Kurt Pinthus und Kurt Walter Goldschmidt – sorgfältig überlegt und ausgewählt. Das Ziel war es, eine kleine Sammlung von Büchern zu schaffen, von denen die Bücher werden „aus allen wichtigen Gebieten jüdischen Wissens und jüdischer Bildung, abgestuft nach der Bedeutung und dem Interesse, das sie für den Leser haben, gewählt”. Die Leser würden also eine wichtige Rolle bei der Erweiterung der Bibliothek spielen, indem sie Bücher nach ihrem Interesse und Geschmack auswählen und bewerten würden.

Das Einzigartige an dieser Bibliothek ist, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Bibliotheken keinen festen Standort hatte. Das Exlibris, dessen Künstler unbekannt ist und dessen einziger Hinweis auf seine Identität die Initialen SLD sind, stellt dies auf wunderbare Weise dar, denn es zeigt ein Buch, das aus einem Davidstern gezogen wird.
Die Bücher, meist Spenden, wurden nach Berlin gebracht, dort in Kisten verpackt und an Vertrauensleute in ganz Deutschland verschickt. Diese hatten jeweils eine Kiste mit etwa 20 Büchern verschiedener Genres und Themen in der Hand. Sie waren dafür verantwortlich, die Bücher unter den Menschen in ihrem jeweiligen Gebiet zu verteilen. Die Leser hatten die Verantwortung, die Bücher nach einer bestimmten Zeit an den Vertrauensmann zurückzugeben. Die Buchkisten wurden regelmäßig unter den Vertrauensleuten getauscht. In ihrer Blütezeit umfasste die Bibliothek etwa 3000 Bücher. Ein sehr interessanter Katalog, der diese Bücher nicht nur auflistet, sondern auch eine kurze Beschreibung und eine Begründung dafür liefert, warum sie zu diesem sehr begrenzten und sorgfältig ausgewählten Bestand gehören, wurde 1937 vom Berthold Levy Verlag veröffentlicht.

Obwohl dieser Bibliotheksdienst nicht lange andauerte, zeigt er, wie wichtig den jüdischen Gemeinden Bücher auch in Zeiten grosser Not waren. Er zeigt auch, welche Anstrengungen die Menschen auf sich nahmen, um die jüdische Kultur am Leben zu erhalten.

Wie dieses Buch in die Breslauer Sammlung gelangte ist unbekannt. Es ist jedoch ein weiterer wichtiger Beweis dafür, dass ein Buch eine Geschichte erzählen kann, die sonst in Vergessenheit geraten würde.