Jedes Bild ein Licht

Licht in die Dunkelheit zu bringen, war schon immer ein zentrales Motiv von Chanukka – und das war in den dunkelsten Tagen des Holocaust nicht anders. Viele Jüdinnen und Juden in der Schweiz hatten das Privileg, ihrer Pflicht nachkommen zu können und ihren Brüdern und Schwestern aus ganz Europa zu helfen, die versuchten, in der Schweiz Zuflucht zu finden. Ein Hauptziel waren dabei natürlich die Flüchtlingskinder.

Israelitisches Wochenblatt 26.11.1943. Z 251.

Eine der Hauptorganisationen bei dieser vielfältigen Hilfeleistung war und ist bis heute der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF). Als damals eine grosse Welle jüdischer Flüchtlinge, die vor dem NS-Regime flohen, versuchte, in der Schweiz Sicherheit zu finden, wurde er aus zwei Zweigen gebildet, sodass das „F” im VSJF sowohl für „Fürsorge” als auch für „Flüchtlingshilfen“ stand.

Jüdisches Bilder. Images juives. Quadretti ebraici. Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen. Zürich, 1944. B 2148.

Ein kleines Mäppchen, das 1944, einem kritischen Jahr, vom VSJF als Chanukka-Geschenk an Flüchtlingskinder verschenkt wurde und acht Abbildungen von Gemälden des berühmten jüdischen Künstlers Moritz Oppenheim (1800–1882) enthält – ein Bild für jede Chanukka-Kerze –, sollte den Kindern ein wenig Licht in ihr Leben bringen und ihnen ein Gefühl von Heimat vermitteln.

Moritz Oppenheim – Chanukka.

Die Bilder von Oppenheim zeigen jüdische Feiertage wie Chanukka, Sukkot, Jom Kippur oder Pessach sowie religiöse Traditionen wie den Schabbat, die Havdala-Zeremonie oder den Einzug des Sefer Tora in die Synagoge. Das Besondere an ihnen ist, dass jedes einzelne Bild ein Gefühl von Familie, Zuhause und Gemeinschaft erweckt. Auf jedem Bild sind Erwachsene und Kinder zu sehen.

Alle Bilder aus dem Mäppchen.

Zu jeder Abbildung gehört ein Text, der über die Bedeutung des jeweiligen Feiertags oder der jeweiligen Tradition informiert. In einer sehr finsteren Zeit sollte dieses kleine Geschenk Trost und Licht spenden sowie kulturelle, traditionelle und religiöse Erkenntnisse vermitteln.

Das seltene Mäppchen mit dem Cover-Artwork des bekannten Schweizer Juden Gregor Rabinovitch (1884–1958) befindet sich nun in unserer Bibliothek. Es erinnert an die Fürsorge der Schweizer Jüdinnen und Juden für Flüchtlingskinder in den düstersten Zeiten der jüdischen Geschichte. Es endet mit warmen Worten, die in den drei Sprachen – Deutsch, Französisch und Italienisch – verfasst wurden:

Liebes Kind,
Dieses Mäppchen, das wir Dir schenken, enthält acht Abbildungen von Gemälden, die der jüdische Künstler Moritz Oppenheim vor bald hundert Jahren geschaffen hat. Ob du sie alle verstehen wirst? Der beigefügte Text soll Dir dabei helfen, und Dein Religionslehrer wird Dir auf alle Fragen gerne Antwort geben. An ihn, oder auch an uns direkt, kannst Du Dich immer wenden, wenn Du über unsere jüdische Religion etwas wissen willst.
Sage deinen Pflegeeltern, dass wir ihnen für alles, was sie für Dich tun, herzlich danken. Frage sie, ob Du eines oder zwei der Bildchen über Deinem Bett aufhängen darfst.
Mit vielen Chanuka-Wünschen grüsst dich der Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen.
Chanuka 5706
Dezember 1944

Oded Fluss. Zürich, 10.12.2025

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Der Fall des Zürcher Chanukkabaums

Vor mehr als 130 Jahren, am 5. Dezember 1893, erschien eine Ausgabe des Zürcher Tagblatts, die für Aufsehen sorgte. Neben mehreren Anzeigen zu den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen, die unter anderem Geschenke, Veranstaltungen und vor allem den Verkauf von Weihnachtsbäumen bewarben, erregte eine kleine Anzeige die Aufmerksamkeit vieler Leserinnen und Leser.

Tagblatt der Stadt Zürich. 5.12.1893.
ZB. Alte Drucke. UZ 1.

Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Der Verein Philharmonie, dessen Vorstand die Anzeige publizierte, war der Vorgänger des Zürcher Synagogenchors. Der 7. Dezember 1893 war der fünfte Tag von Chanukka, weshalb es ein günstiger Zeitpunkt war, um eine musikalische Chanukka-Feier zu veranstalten und die fünfte Kerze des Chanukka-Leuchters anzuzünden. Wenn man den in grossen Buchstaben geschriebenen Titel jedoch noch einmal liest, muss man sich fragen: Was um Himmels Willen ist ein „Chanukkabaum”?

Viele waren über diese Anzeige sehr verblüfft. Sie erschien in derselben Zeitung, in der Christen dazu aufgerufen wurden, nur bei anderen Christen zu kaufen. Sofort hörte man von Zürchern, die sich den Kopf darüber zerbrachen, warum jemand den Weihnachtsbaum nicht mit seinem „guten deutschen Namen” bezeichnen sollte, sondern gezwungen war, ihm einen jüdischen Namen zu geben.

Auch die Schweizer Juden waren darüber, gelinde gesagt, nicht glücklich. Abgesehen von der unerwünschten Aufmerksamkeit, der sie kurz nach Erlangung der religiösen Gleichberechtigung in der Schweiz ausgesetzt waren, war ihnen das Konzept eines Chanukkabaums völlig fremd.

Der Israelit. 11.12.1893.

Die jüdische Zeitung Der Israelit, die damals über alles rund um jüdische Themen in Europa berichtete, veröffentlichte am 11. Dezember einen bissigen Artikel dazu. Darin wurden die Beschwerden der „Züricher“ wiedergegeben und die Legitimität dieses nichtjüdischen Konzepts infrage gestellt, indem dessen Vorkommen in jüdischen Quellen und sogar dessen botanischer Hintergrund bestritten wurden. Der Artikel endet mit einer zynischen Frage zur Kaschrus eines solchen Baumes und kritisiert den Philharmonie-Verein dafür, eine solche Anzeige überhaupt zu veröffentlichen.

Der Israelit. 11.12.1893.

In der heutigen Zeit, in der Chanukka und Weihnachten harmonisch nebeneinander existieren und das Konzept von „Weihnukka”, bei dem beide Feste gemeinsam gefeiert werden, die Herzen vieler Menschen erobert hat, scheint die Aufregung über diese kleine Anzeige unangemessen. Die Idee eines Chanukkabaums, die sogar Theodor Herzl aufgriff, um seine Wertschätzung und seinen Respekt für beide Traditionen auszudrücken, erscheint uns heute unschuldig.

Der Israelit. 13..Dezember 1893.

Und unschuldig war es offenbar damals auch, wie einer kurzen Erklärung von Leo Dreyfus, dem Präsidenten des Philharmonie-Vereins, zu entnehmen ist. Diese wurde nur wenige Tage nach der ursprünglichen Anzeige veröffentlicht. Demnach war der Chanukkabaum lediglich ein unschuldiger Druckfehler.

Die korrigierte Anzeige. Tagblatt der Stadt Zürich. 7.12.1893.

Oded Fluss. Zürich, 4.12.2025.

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Seghers‘ Herkunft

Im Jahr 1928 erschien im Gustav-Kiepenheuer-Verlag in Potsdam ein kleines Buch, das sofort grosses Interesse weckte. Aufstand der Fischer von St. Barbara erzählte die ungewöhnliche Geschichte eines von Hunger, Elend und Not geprägten Fischerdorfs. Ein unerwarteter Held erhebt sich und führt den Protest an, der eine Lohnerhöhung fordert. Es folgten Verweigerung, stumme, verbissene Resistenz, Aufstand, Angriff, Niederlage und bittere Resignation.

Seghers – Aufstand der Fischer von St. Barbara. Gustav Kiepenheuer Verlag. Potsdam, 1928. D 5250.

Der Stil dieses Buches war auffällig: eine eigenartige, überaus kräftige innere Sprache mit knappen, nur vage angedeuteten Sätzen von höchster Prägnanz, deren Kunst im Ausdruck des Notwendigen wie im Andeuten des Hintergründigen liegt. Der Ruhm kam schnell, ebenso wie der angesehene deutsche Kleist-Preis. Dies erweckte natürlich Interesse für seinen Autor. Die Neugier stieg, da auf dem Bucheinband lediglich der Name „Seghers” zu lesen war.

Neues Wiener Abendblatt. 29.12.1928.

Die Sensation wurde noch grösser, als bekannt wurde, dass Seghers kein Autor, sondern eine Autorin war – und zwar eine sehr junge. Mit diesem Buch veröffentlichte Anna Seghers (1900-1983) ihren Erstlingsroman und wurde im Alter von nur 28 Jahren über Nacht zum Literaturstar. Sie war eine von nur zwei Frauen, die bis dahin diese renommierte Auszeichnung der deutschen Literatur erhalten hatten.

Die Begeisterung war gross – allerdings nicht bei allen. Das hatte weder mit dem Roman noch mit dem Talent der jungen Autorin zu tun. Auch dass sie eine Frau war, war nicht das Hauptproblem. Das Problem war vielmehr, dass Anna Seghers ein Pseudonym war und die Autorin in Wirklichkeit Anette „Netty“ Reiling hiess, eine Jüdin aus Mainz.

Netty Reiling (Anna Seghers): Jude und Judentum im Werke Rembrandts : Anna  Seghers, Netty Reiling, Christa Wolf, Rembrandt: Amazon.de: Bücher

Netty Reiling (Anna Seghers) – Jude und Judentum im Werke Rembrandts. Reclam Verlag. Leipzig, 1981. B 6197

Die Geschichte hinter dem Pseudonym wird meist wie folgt erzählt: Reiling studierte Kunstgeschichte an den Universitäten Köln und Heidelberg. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit dem Thema „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“. Im Umfeld Rembrandts stiess sie auch auf das Pseudonym, das sie fortan als Schriftstellerin tragen wollte. Hercules Seghers war ein Kupferstecher und Zeitgenosse Rembrandts.

Dieser Name ist so ungewöhnlich, der mußte auffallen, wenn er plötzlich über einer Erzählung in der Zeitung erscheint. Andererseits könnte ich mich auch hinter ihm verbergen.

Nach ihm nannte sich Annette Reiling fortan Anna Seghers. Bis heute ist sie eher unter ihrem Pseudonym als unter ihrem Geburtsnamen bekannt.

Für die Antisemiten war das damals keine „gute Ausrede“. Sie waren sich sicher, dass die Jüdin dies absichtlich getan habe, um ihre Herkunft zu verbergen und den angesehenen deutschen Literaturpreis zu gewinnen. Die nationalsozialistische Zeitung Völkischer Beobachter, die damals noch von Adolf Hitler herausgegeben wurde, verurteilte die Verleihung des Preises an die wohlhabende Jüdin, Tochter des reichen Kunsthändlers Isidor Reiling, scharf.

Völkischer Beobachter. 5.1.1929.

Fälschlicherweise wurde berichtet, Alfred Kerr (ebenfalls Jude) habe die Entscheidung getroffen, Seghers den Preis zu geben, um die bereits wohlhabende Jüdin mit mehr deutschem Geld und Ruhm zu belohnen, anstatt ihn einem „echten Deutschen” zu geben, der ihn tatsächlich gebraucht hätte. Auch der Inhalt des Buches wurde in Bezug auf die Autorin zynisch kritisiert. So wurde ihr vorgeworfen, die Not und das Elend von Menschen zu beschreiben, die sie selbst nie erlebt hatte.

Anna Seghers – Das siebte Kreuz. Roman aus Hitlerdeutschland. El Libro Libre. Mexico, 1942.

Dies war die erste, aber nicht die letzte Begegnung Anna Seghers’ mit den Nationalsozialisten. Die Autorin, deren 125. Geburtstag wir aktuell ehren, zählt zu den einflussreichsten antifaschistischen und pazifistischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Auch ihre zahlreichen späteren Werke wie Das siebte Kreuz und Der Ausflug der toten Mädchen inspirierten Widerstand, Aufstand und Resistenz. Dafür musste sie aus Nazi-Deutschland fliehen, doch sie hat sich einen Ehrenplatz unter den bedeutendsten Exilautorinnen erarbeitet.

Zweite Auflage des Buches. Der Umschlag trägt einen Hinweis auf den Kleist-Preis sowie ein Porträt der Autorin.

Oded Fluss. Zürich, 24.11.2025.

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Die seltsame Geschichte von Hitler, dem Juden

Als Adolf Hitler im Jahr 1933 in Deutschland an die Macht kam, stiessen verschiedene Medien weltweit auf eine sensationelle Geschichte. Anhand angeblicher genealogischer Dokumente und Inschriften auf Grabsteinen entstanden Berichte über die Herkunft des „allmächtigen Führers“ des Dritten Reichs. Hitler, der einen Grossteil seiner Popularität seiner arischen Rhetorik und seinem Antisemitismus verdankte, soll demnach selbst jüdischer Abstammung gewesen sein.


Österreiches Abendblatt. Wien, 12.7.1933.

Da er selbst kein Aushängeschild für das von ihm gepredigte arische Aussehen war, stand Hitler bereits im Vorfeld unter Verdacht. Seine fragwürdige Vergangenheit und die Schadenfreude, die eine solche Enthüllung mit sich gebracht hätte, liessen viele hoffen, dass er Opfer seiner eigenen Giftpropaganda werden würde. Noch mehr als das war es jedoch sein Nachname, der diesen Verdacht ins Rampenlicht rückte.

Telegraf. Wien,16.5.1933.

Heute ist es vielleicht schwer vorstellbar, aber Hitler bzw. Hittler war ein recht häufiger jüdischer Nachname, insbesondere in Russland und Osteuropa. Die Etymologie des Namens liefert uns einige mögliche Erklärungen. Eine davon ist, dass sich jüdische Familien oft nach ihrer Matriarchin benannten und Gitel ein sehr häufiger jüdischer Frauenname im alten Russland war. Da es in der russischen Sprache keinen ‚H-Laut‘ gibt und im polnischen Teil des Gebiets jedes ehemalige „G” zu einem „H” wurde, wurden alle russischen „Gitlers” in Polen zu „Hitlers”.

Der Grabstein des jüdischen Hutmachers Abraham Elijahu (Adolf) Hittler (1832–1892). Er hatte einen Hutladen in der Royal-Strasse in Bukarest.

Eine andere Erklärung ist, dass Juden ihren Nachnamen oft in Verbindung mit ihrem Beruf erhielten. Beispiele hierfür sind Goldschmidt, Schneider oder Becker. In Tschechien und Rumänien gab es jedoch auch einige Fälle von jüdischen Hutmachern, die Hütler hiessen. Aus „Hütler“ zu „Hitler“ war es dann nicht mehr weit.


Österreiches Abendblatt. Wien, 14.7.1933.

Obwohl die meisten dieser Berichte in Klatschzeitungen erschienen und in seriösen Forschungen zumeist als unbegründet galten, war die Aufregung – vor allem in jüdischen Kreisen – enorm. In jiddischen und hebräischen Zeitungen entstanden zahlreiche Geschichten, die versuchten, Hitlers jüdische Vorfahren auszumachen. Grabsteinbilder mit dem berüchtigten Namen, verziert mit hebräischen Buchstaben, waren kaum zu übersehen. Wenn der Vorname dann auch noch Adolf war, war das eine echte Sensation.

„Jacob Hitler aus Kahir“ Ein ägyptischer Jude behauptet, dass Hitler sein nächster Verwandter sei. Doar ha-Yom 2.1.1933

Für den deutschen „Führer” muss es eine grosse Belastung gewesen sein, als er in verschiedenen Zeitungen erfuhr, dass ein jüdischer Einwanderer einen Pass bei den deutschen Behörden beantragt hatte und diese schockiert waren, als sie den Namen „Adolf Hitler” auf dem Dokument sahen. Ein weiterer Fall war der ägyptische Jude Jacob Hitler aus Kairo, der behauptete, denselben Vater wie der „Führer” zu haben. Er war sogar bereit, einen Bluttest zu machen, um dies zu beweisen.


Österreiches Abendblatt. Wien, 14.7.1933.

Sogar von einem angeblich von Hitlers Grossmutter verfassten jüdischen Kochbuch auf Jiddisch, das bei seiner Schwester gefunden wurde, berichteten die Zeitungen. Sie soll als Oberköchin ausgerechnet in der Mensa der Accademica Judaica in Wien gearbeitet haben.

The Chronicler-Spokesman. Louisville, 21.12.1934.

Das war nicht nur für Hitler, sondern auch für die Juden mit dem inzwischen berüchtigten Nachnamen peinlich. Sie mussten ihn loswerden, genauso wie viele ihren nicht mehr angesagten Hitlerschnauz. Wir hören beispielsweise von einer Hochzeit, die fast geplatzt wäre, weil der Bräutigam den unglücklichen Namen Hittler trug. Die Hochzeit konnte gerettet werden, als er sich entschied, seinen Namen in das viel angenehmere Hilton zu ändern.

Schalom Asch – Hitlers Geburt. Yidishn fraternaln folks-ordn, Cooperative Book League of the Jewish Peoples Fraternal Order. New York, 1944

Adolf Hitlers Herkunft ist bis heute umstritten. Seine ziemlich komplizierte Familiengeschichte – sein angeblicher Vater hiess ursprünglich Schicklgruber und änderte seinen Namen in Hitler, seine Mutter stammte ursprünglich aus der Familie Hüttler – wird Historiker wohl noch viele Jahrzehnte beschäftigen. Uns würde es reichen, wenn wir uns dem jiddischen Schriftsteller Schalom Asch anschliessen würden. In seiner 1942 erschienenen Novelle Hitlers Geburt stellt er Hitler schlicht als den Sohn des Teufels dar.

Oded Fluss. Zürich, 13.11.2025.

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Novemberpogrom im Breslauer Rabbinerseminar

Wie so viele andere jüdische Institutionen in Deutschland musste auch das jüdisch-theologische Seminar in Breslau nach den schrecklichen Ereignissen der Novemberpogrome im Jahr 1938 schliessen. Trotz der wenigen Beweise und Zeugenaussagen haben wir uns entschlossen, diesen Blogeintrag dem tragischen Ende des Seminars und seiner weltweit berühmten Bibliothek zu widmen. Unsere Bibliothek hat Tausende Bücher geerbt, die diesen Pogrom überlebt haben. Sie sind heute als die Breslauer Sammlung bekannt.

Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung für das Jahr 1937. Breslau, Januar, 1938. D 7117.


Anfang Januar 1938 veröffentlichte das jüdisch-theologische Seminar seinen Jahresbericht für das Jahr 1937, der eine detaillierte Liste der Studierenden, Lehrenden, Vorstandsmitglieder und Spender sowie einen Kursplan für das Sommer- und das noch laufende Wintersemester enthielt. Über die im Januar 1938 anstehende Gedenkfeier für Jonas Fraenkel, den Gründer des Seminars, müssen wir uns auf die jüdischen Zeitungen beziehen. Wir entnehmen ihnen, dass der scheidende Vorsitzende Dr. Albert Lewkowitz (1853–1954) die Zuversicht geäussert hat, dass der Bestand einer Anstalt, die für das Judentum so segensreich wirkt, in einer Zeit, in der seelische Erhebung und Stärkung des jüdischen Bewusstseins nötiger sind denn je, nicht gefährdet sei. Anschliessend übernahm der Seminarrabbiner Dr. Moses Ochs (1886–1944) den Vorsitz und überreichte drei jungen Rabbinern ihre Entlassungsdiplome.

Der Bibliotheksbericht wurde von dem damals jungen Dr. Ephraim (Elimelech) Urbach (1912–1991) gemeinsam mit der Bibliothekarin Lotte Pinczower (1889–1975) verfasst. Er umfasste alle Ankäufe und Geschenke von Büchern des vergangenen Jahres, die sich auf 301 Werke beliefen, davon 118 auf Hebräisch und 183 in anderen Sprachen. Vor ihrer Zerstörung umfasste die Bibliothek schätzungsweise mehr als 40.000 Bücher und über 400 Handschriften.

Die Bibliothek des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau


Die in diesem Bericht beschriebene düstere Stimmung ist, obwohl sie sehr subtil ist, nicht zu übersehen. Abgesehen von der vergleichsweise geringen Anzahl an Büchern, die die Bibliothek beschaffen konnte, enthält der Jahresbericht einige Hinweise darauf, dass das Institut bereits um sein Überleben kämpft. Die mehrfache Erwähnung von „staatslosen Hörern”, „gegenwärtigen Bedingungen”, „Schwierigkeiten” sowie Hörern in „finanzieller Notlage” verrät, was nicht ausdrücklich gesagt werden konnte. Tatsächlich war dieser Jahresbericht, der 83 Jahre nach der Gründung des Seminars im Jahr 1854 erschien, der letzte, den das Seminar veröffentlichte.

Central-Verein Zeitung. Berlin. 3.11.1938. Z 405.

In ihrer letzten Ausgabe vor der Schliessung, vom 3. November 1938 (auch aufgrund der Pogromnacht) veröffentlichte die Zeitung des Berliner Central-Vereins (C. V.) einen umfangreichen Artikel über das jüdische Breslau. Darin ging es unter anderem um das Breslauer Rabbinerseminar und die Aktivitäten seiner Studierenden und Lehrenden. Im Gegensatz zum Jahresbericht des Seminars war in dem Artikel noch eine hoffnungsvolle Stimmung zu spüren – und das nur wenige Tage vor den schrecklichen Ereignissen, die zur Schliessung des Seminars führten.

Central-Verein Zeitung. Berlin. 3.11.1938. Z 405.

Einer der im Artikel und Jahresbericht erwähnten Lehrer war der Historiker Dr. Willy Cohn (1888–1941). Er hatte erst ein Jahr zuvor seine Lehrtätigkeit am Seminar aufgenommen. Zuvor war er ein angesehener Lehrer am Johannesgymnasium in Breslau gewesen, war jedoch aus antisemitischen und nationalsozialistischen Gründen entlassen worden. Seine nach seinem Tod entdeckten Tagebücher sind eine wertvolle Quelle für die Ereignisse, die die jüdische Gemeinde in Breslau während der Zeit des Dritten Reichs betrafen. In ihnen erhalten wir auch ein Zeugnis aus erster Hand über die letzten Tage des Breslauer Rabbinerseminars.
Am 1. November 1938 schrieb er:

Seminar; dort hörte ich, dass drei Hörer polnischer Staatsangehörigkeit abgeschoben worden sind […] Nach der Sitzung mit Fritz Günther Nathan ein Stück gegangen; darüber gesprochen, dass man mir im Seminar nicht die jüdisch-geschichtlichen Vorlesungen übertragen hat. Aber ich will zu dieser Sache nichts mehr tun, da das Seminar über das Wintersemester kaum noch eine nennenswerte Zahl von Hörern haben wird.

Willy Cohn (1888-1941)

Eine Woche später, am 8. November – einen Tag nach dem Attentat des Herschel Grynszpan auf den Botschaftssekretär Ernst von Rath, das Goebbels als Vorwand für die kommenden Pogrome nutzte – schrieb er:

Seminar ‚Spanien‘ und ‚Tasso‘. Es wird immer schwieriger, die Leute auf die geistigen Dinge zu konzentrieren. Immer wieder hat ein junger Mensch Passschwierigkeiten. […] Die heutigen Zeitungen bringen eine für uns sehr schlimme Nachricht. Der Botschaftssekretär von Rath ist in Paris in der deutschen Botschaft von einem polnischen Juden angeschossen und schwer verwundet worden, eine sehr feige Tat, die sicherlich die schlimmsten Folgen für uns in Deutschland haben wird.

Dies ist der letzte Tagebucheintrag, den Cohn im Seminar schreiben wird. Am 10. November wird es nach dem Einmarsch von Nazi-Anhängern teilweise zerstört und für immer geschlossen. Drei Jahre später, am 29. November, werden Cohn, seine Frau Gertrud und die beiden Töchter Susanne und Tamara im IX. Fort zusammen mit 2.000 Juden aus Breslau und Wien erschossen.

Alfred Jospe (1909-1994)

Ein weiteres Zeugnis stammt von dem deutschen Rabbiner Alfred Jospe (1909–1994). Er war Student im jüdisch-theologischen Rabbinerseminar und besuchte wie viele andere auch die Universität Breslau. In einer 1963 veröffentlichten Gedächtnisschrift für das Seminar beschreibt er dessen letzte Tage:

Am 10. November 1938 wurde das Seminar von den Nazis überfallen, teilweise zerstört und auf polizeiliche Anordnung geschlossen. Zahlreiche Studenten wurden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, der Unterricht musste eingestellt werden, Versammlungen des Lehrkörpers wurden verboten. Aus den Protokollen der Fakultät geht hervor, dass sich drei Fakultätsmitglieder, Dr. Isaac Heinemann, Dr. Samuel Ochs und Dr. Nachum Wahrmann, am 8. Dezember 1938 zu einer informellen Besprechung über die Situation trafen. Dr. Heinemann berichtete, dass ‚von den Behörden noch keine Nachricht über die Wiedereröffnung des Seminars eingegangen ist‘. Er empfahl, den Abschluss aller in Frage kommenden Oberstufenschüler auf jede erdenkliche Weise zu erleichtern. Da ein Verstoß gegen das Versammlungsverbot vermieden werden müsse, solle jeder Schüler aufgefordert werden, jeden Lehrer zu Hause aufzusuchen, um seine Prüfung abzulegen. Die Ergebnisse der Prüfungen würden in das Fakultätsprotokoll eingetragen.

Das Seminar in der Wallstrasse 1b

Das Novemberpogrom von 1938 war einer der Vorboten des tragischen Schicksals der europäischen Juden. Für das Breslauer Rabbinerseminar bedeutete es das Ende einer der wichtigsten und einflussreichsten jüdischen Institutionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Seminar war ein Pionier der Wissenschaft des Judentums. In seinen 84 Jahren des Bestehens hat es einige der bedeutendsten Gelehrten, Rabbiner und Denker der Neuzeit hervorgebracht. Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), der ebenfalls am Seminar studiert hatte, äusserte sich zu seinem Beitrag wie folgt:

Wir alle, die wir in der Arbeit für das Judentum stehen wollen, wir denken voller Dankbarkeit an das, was die Breslauer Theologie gegeben hat. Wir alle, wel­chen Weg oder welchen Umweg wir auch gegan­gen sind, wir kommen doch, schliesslich, auch von Frankel, von Graetz, von Bernays her. Und wir alten Breslauer, wir erinnern uns oft voll dankbarer Wehmut an die theologische Atmosphä­re in dem alten Hause, in seinen Hörsälen und in seiner Synagoge, auf seinen Treppen auch und in seinen Wohnungen, an die theologische Luft in dem alten Garten hinter dem Hause, oft gleich­sam, wenn es so gesagt werden darf, dem Garten Epikurs‘ und der ‚Epikureer’.

Obwohl es für immer geschlossen wurde, blieb das Seminar eine Inspiration und ein Vorbild für viele spätere Schulen und Einrichtungen. Von der einst reichhaltigen Bibliothek, von der nur ein kleiner Teil erhalten blieb, sind heute Teile über die ganze Welt verstreut. Unsere Bibliothek hat grosses Glück, einen grösseren Teil davon erhalten zu haben. Die in diesem Blog vorgestellten Bücher, die häufig aus der Bibliothek des Breslauer Seminars stammen, sind eine ewige Erinnerung an das Seminar und die Menschen, die es geprägt haben.

Oded Fluss. Zürich, 6.11.2025.

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An die Deutschen

Zwischen 1946 und 1947 erschienen zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Gedichtbände. Sie wurden von Juden verfasst, die ins Exil fliehen mussten. Beide sind eine Art Anklage und Vorwurf an das deutsche Volk von damals. Sie wurden beide auf Deutsch verfasst. Vor allem tragen sie den gleichen aussagekräftigen Titel: An die Deutschen. Der eine stammt vom bekannten Dichter und Meister der deutschen Sprache Karl Wolfskehl, der andere von der weitgehend unbekannten Dichterin Juliette Pary, für die Deutsch nicht die Muttersprache war.

Karl Wolfskehl – An die Deutschen. Origo-Verlag. Zürich, 1947. D 4565(K).


Karl Wolfskehls Gedichtband erschien im damals noch jungen Origo-Verlag in Zürich. Es sollte das letzte vollständige Werk des bedeutenden jüdischen Dichters zu dessen Lebzeiten bleiben. Zu diesem Zeitpunkt lebte Wolfskehl bereits seit acht Jahren in Neuseeland, insgesamt verbrachte er 14 Jahre im Exil. Als einer der engsten Freunde und Bewunderer von Stefan George war er wohl der bekannteste Dichter, der aus dem berühmten George-Kreis hervorging.

Israelitisches Wochenblatt. Zürich, 12.12.1947.

Das nur wenige Seiten umfassende Büchlein war eine wortgewaltige Anklage, geprägt von Bitterkeit und Heimweh, aber auch von Stolz und Selbstbewusstsein. Der Dichter wendet sich darin direkt an seine Leser in der zweiten Person Plural und spricht zu den Deutschen, die damals seine Anhänger, Bewunderer, Kollegen und sogar Freunde waren. Sie ermöglichten, dass deutschen Juden wie ihm, deren Wurzeln und Geschichte weit in die Vergangenheit Deutschlands zurückreichten und die selbst „deutscher“ waren als die sogenannten „Arier“, ihre deutsche Identität, Kultur und Sprache entrissen wurde

Euer Wandel war der Meine,
Eins mit euch auf Hieb und Stich.
Unverbrüderlich was uns eine,
Eins das Grosse, eins das Kleine:
Ich war Deutsch und ich war Ich.
Deutsche Gau hat mich geboren,
Deutsches Brot speiste mich gar,
Deutschen Rheines Reben goren
Mir im Blut ein Tausendjahr

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Karl Wolfskehl (1869-1948).

Mit unvergesslichen Versen macht sich Wolfskehl eindrucksvoll zum Sprachrohr der damals fast ausgestorbenen deutschen Juden. Mit gemessenem Stolz, der durch die Schande nicht gemindert wurde, bekannte er sich in dem wohl berühmtesten Vers dieses Gedichts zu seinen Überzeugungen:

Zu mir traten eure Besten,
Zu mir, den die Flamme heisst –
Ob im Osten, ob im Westen:
Wo ich bin, ist deutscher Geist.

Gegen Ende des Gedichts wechselt Wolfskehl zur informellen Anrede „du“. Es bleibt unklar, ob er sich dabei an die Deutschen oder den deutschen Teil seiner zerbrochenen deutsch-jüdischen Identität wendet. Dieser „Abgesang“ verstärkt die Tragik des Dichters, der ein Jahr später im Exil in Neuseeland starb und dessen Grabstein die Inschrift „Exul Poeta“ trägt:

Wo du bist, du Immertreuer,
Wo du bist, du Freier, Freister,
Du der wahrt und wagt und preist –
Wo du bist, ist Deutscher Geist!

Waikumete Friedhof & Krematorium.
Glen Eden, Auckland Council, Auckland, Neuseeland.

Völlig unbekannt und fast vollständig in Vergessenheit geraten ist der wenige Monate zuvor erschienene Gedichtband mit demselben Titel: An die Deutschen. Er wurde unter dem Pseudonym Julia Renner im Pariser Verlag Editions Réalité veröffentlicht. Es war bereits das zweite Pseudonym der jüdischen Autorin Juliette Pary (1903–1950), deren richtiger Name Julia Gourfinkel lautete.

Julia Renner – An die Deutchen. Éditions Rèalite. Paris, 1946. B 1652.

Trotz vieler Ähnlichkeiten – gleicher Titel, Anklage gegen die Deutschen, Verwendung der zweiten Person und das alles auf Deutsch – könnten die beiden Gedichtbände nicht unterschiedlicher sein. Dies betrifft weder die formalen Aspekte, wie den Ort der Veröffentlichung – Zürich im Vergleich zu Paris –, noch die Qualität der Publikation: einen bibliophilen, zweifarbigen Druck in einer Auflage von 600 Exemplaren im Vergleich zu einer sehr einfachen Broschur. Es hängt mit der deutschen Dichterin zusammen, die weder Deutsche noch Dichterin war.

Juliette Pary (1903-1950). Archiv der Alliance Israélite Universelle, Sammlung Isaac Pougatch

Die russische Jüdin Pary wurde in Odessa geboren. In ihrem ereignisreichen Leben arbeitete sie unter anderem als Erzieherin und Journalistin, vor allem aber als Übersetzerin, hauptsächlich vom Deutschen ins Französische. Obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache war, verfasste sie ihre Gedichte auf Deutsch. Aus ihren kompromisslosen Worten kann man entnehmen, dass sie es allerdings vorgezogen hätte, gar nicht auf Deutsch zu schreiben. Sie tat es jedoch, um von den Deutschen verstanden zu werden:

Ich bin eine rächende Judenstimm,
Die aus Euerem Mord ersteht
Und ich spreche zu Euch in Eurem Deutsch,
Damit Ihr mich versteht“.
[…]
Es ist für mich ein Fluch,
Dass ich in dem verfluchten Deutsch
Gedichte schreiben muss.

Anders als Wolfskehl fühlt sich Pary nicht an bestimmte Umgangsformen oder eine gehobene Sprache gebunden. Sie verspürt weder Heimweh noch Verpflichtungen gegenüber der deutschen Kultur, obwohl sie sich sehr gut damit auskennt, von ihr beeinflusst ist und in einigen ihrer Gedichte sogar zugibt, dass sie Teile davon liebt. In erster Linie betrachtet sie sich als Jüdin, die sich mit den Deutschen ihrer Zeit auseinandersetzt:

Ich hab keine Muttersprache,
Weil ich eine Jüdin bin.
Zu verkörpern meine Gabe,
Mich der fremden Sprach bedien

Pary schreckt auch nicht davor zurück, die Verbrechen der Nazis auf äusserst anschauliche und teilweise sogar obszöne Weise zu beschreiben. Während Wolfskehl von Beleidigung und Verzweiflung spricht, scheint Pary aus reinem Hass und Rache zu schreiben:

Auf welcher Strasse deutsches Tier
Mit deutschen Waffen rollte.
In Lagern deutsches Nazi-Volk
Peitscht blutig Russen-Knaben.
Es lässt in Dreck, Urin und Kot
Die Juden täglich baden.
In Dreck und Kot, bis alle tot!
[…]
Ihr braunen Nazis,
Braun zum Erbrechen,
Schwarzbraungelbblutig,
Ihr seid noch da!
ich will Euch töten.
Wie mit den Taten.
So mit der Schrift.
In Eurer Sprache
Will ich Euch töten,

Ihre Unbekanntheit, die Tatsache, dass sie nicht ihre Muttersprache verwendete, ihre sehr direkte, unpoetische und vielleicht undeutsche Haltung – all dies hätte dazu führen können, dass dieses Buch völlig unbemerkt geblieben wäre und heute fast völlig in Vergessenheit geraten wäre.

Julia Renner – An die Deutchen. Éditions Rèalite. Paris, 1946. B 1652.

In unserer Bibliothek befindet sich ein Exemplar der seltenen Erstausgabe mit einer Widmung der Autorin an den bedeutenden Exilverleger Emil Oprecht aus dem Jahr 1946. Da die Seiten des Buches bisher ungeschnitten waren, kann man davon ausgehen, dass nicht einmal er es gelesen hat.

Julia Gourfinkel ist auch unter den Namen Juliette Pary und Juli Renner bekannt.

Vier Jahre später, im Jahr 1950, starb Juliette Pary in Vevey. Zuvor war sie nach Palästina gereist, um als eine der ersten Journalistinnen über die Anfänge des Staates Israel zu berichten. Dort erkrankte sie an einer schweren Form der Dysenterie, von der sie sich nicht mehr erholen konnte.

An die Deutschen - Cover
Juliette Pary – An die Deutschen. Persona Verlag. Mannheim, 2025. D 41425.

Erfreulicherweise ist nun eine Neuauflage des Gedichtbands im Persona Verlag erschienen. Neben den nach wie vor relevanten und kraftvollen Worten dieser unbekannten Frau enthält sie auch ein sehr aufschlussreiches Nachwort von Andreas F. Kelletat mit vielen wertvollen biografischen Anmerkungen zu dieser fast vergessenen jüdischen Übersetzerin, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Dichterin, die an die Deutschen schrieb.

Oded Fluss. Zürich, 3.11.2025

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Zwischen „Judenbuche“ und jüdischem Buch.

Nie kann mir eine Zeder werden,
was mir die deutsche Buche war.
Jakob Loewenberg.

In unserer Bibliothek und in unserem Blog beschäftigen wir uns oft mit dem „jüdischen Buch“, ohne jedoch zu klären, was genau damit gemeint ist. Ist es ein Buch, das von einem Juden geschrieben wurde? Ein Buch, in dem jüdische Sprachen wie Hebräisch oder Jiddisch verwendet werden? Oder eines, in dem jüdische Themen und Motive der Religion, Kultur oder Geschichte im Vordergrund stehen? Da Juden als das „Volk des Buches“ bekannt sind, ist das eine ziemlich wichtige Frage, auch wenn sie nicht wirklich beantwortet werden kann.

Die erste Veröffentlichung von Die Judenbuche erschien im Morgenblatt für gebildete Leser. 22. April 1842.

In diesem Beitrag werden wir uns nicht direkt mit der Frage nach dem „jüdischen Buch“ beschäftigen, sondern mit Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff. Dies hat nichts mit der ähnlichen Tonalität der Wörter „Buch“ und „Buche“ zu tun, sondern damit, dass uns dieses 1842 erschienene Werk bei der Beantwortung der Frage nach dem „jüdischen Buch“ hilfreich sein könnte.

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Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage in der grünen Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges.

Mit diesen Worten beginnt die Novelle Die Judenbuche – Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen. Der Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, die sich in der westfälischen Heimat der Dichterin zutrug. Sie handelt von Friedrich Mergel, der aus schlimmen Verhältnissen stammte, in den Bannkreis des Bösen geriet und den Juden Aaron, dem er Geld schuldete, unter einer Buche ermordete. Die örtlichen Juden kauften den Baum, an dem die Tat begangen wurde, und beschrifteten ihn auf Hebräisch. Viele Jahre später kehrte Mergel in das Dorf zurück und erhängte sich an derselben Buche.

Alfred Kubin – Die Judenbuche.

Was als kleines Gedicht begann und um eine Kriminalgeschichte ergänzt wurde, entwickelte sich zum bekanntesten und vollkommensten Werk der Autorin. Die Novelle erlangte schnell den Status eines Klassikers und wurde in den deutschen Kanon aufgenommen. Sie hat aber auch einen Platz in den Herzen vieler Jüdinnen und Juden gefunden, die sich, wenn auch nur am Rande, passiv und hauptsächlich als Opfer, auf äusserst interessante Weise darin wiedergefunden haben.

Annette von Droste-Hülshoff – Etz ha-Yehudim. Ins Hebräische übersetzt und gezeichnet von Lea Goldberg. Dvir Verlag. Tel Aviv, 1970.

In ihrer Novelle zeigt Annette von Droste-Hülshoff eindrucksvoll die frühen Wurzeln des modernen Antisemitismus auf. Sie beschreibt, wie sich das anfänglich noch nicht feindselige oder absichtlich hasserfüllte Vorurteil gegenüber dem jüdischen Volk im Kopf des Jungen Friedrich Mergel zu einer Saat entwickelt, die später zu einer schrecklichen Bluttat führt.

Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. „Fritzchen,“ sagte sie, „willst du jezt auch fromm seyn, daß ich Freude an dir habe, oder willst du unartig seyn und lügen, oder saufen und stehlen?“ – „Mutter, Hülsmeyer stiehlt.“ – „Hülsmeyer? Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? wer sagt dir so schlechtes Zeug?“ – „Er hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen.“ – „Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein ordentlicher angesessener Mann, und die Juden sind alle Schelme.“

Aus der ersten Veröffentlichung der Novelle.

Ein weiteres sehr interessantes Element der Novelle ist der kleine hebräische Absatz, der darin zu finden ist. Nach der Ermordung des Juden Aaron beschriften die örtlichen Juden die Buche, unter der er getötet wurde, mit hebräischen Worten. Die Autorin verwendet die Originalsprache und -schrift, ohne sie sofort zu übersetzen. Erst am Ende der Geschichte erfahren die deutschen Leser, was auf dem Baum stand.

Der letzte Satz der Novelle.

Wir kehren zur Frage des „jüdischen Buches” zurück. Zweifellos ist Die Judenbuche, obwohl sie von einer nichtjüdischen Autorin geschrieben wurde, für Juden ein interessantes Buch. Es hat einen sehr wichtigen Stellenwert in der jüdischen Geschichte und Kultur und enthält sogar jüdische Sprache. Allerdings scheint es doch etwas weit hergeholt, es als „jüdisches Buch” zu bezeichnen.

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Salman Schocken (1877-1959)

Eine Person, die eine andere Meinung vertrat, war der berühmte deutsch-jüdische Geschäftsmann und Verleger Salman Schocken. Als jüdische Verlage und Geschäfte 1936 bereits stark eingeschränkt waren, bestand er darauf, Die Judenbuche in seiner bekannten Schocken-Bücherei zu veröffentlichen. Er wollte dieses Werk in einer Reihe veröffentlichen, die laut einer Broschüre des Verlags aus den Bausteinen der jüdischen Literatur, Kultur und Geschichte zusammengesetzt sein sollte.

Schocken tat dies, obwohl ihm bewusst war, dass die Novelle in vielen anderen Publikationen, unter anderem im Insel Verlag, erhältlich war. Noch merkwürdiger ist es jedoch, dass er es tat, obwohl ihm bewusst war, dass die Veröffentlichung von „arischen” Autoren in jüdischen Verlagen vom Naziregime verboten war, wie sein damaliger Geschäftsführer Lambert Schneider ihm die Worte des deutschen Zensors berichtete:

Es sei eine typisch jüdische Frechheit, die Dichtung dieser großen arischen Menschen in einer jüdischen Bücherei herauszubringen, wurde uns bedeutet.

Schocken veröffentlichte das Buch trotz des Risikos, welches sich leider als real erwies. Anders als bei anderen „arischen“ Werken aus der Bücherei – wie beispielsweise Adalbert Stifters Abdias, bei dem mehr Nachsicht geübt wurde – gingen die deutschen Zensoren dieses Mal keine Kompromisse ein.

Es geht nicht an, dass das Buch dieser deutscher Dichterin in Ihrem Verlage erscheint, und ich ersuche Sie, es innerhalb von 3 Tagen aus dem Verkehr zu ziehen und jede weitere Verbreitung zu unterlassen.
Präsident RSK (Reichsschrifttumskammer) an Schocken Verlag, 16.4.1937.

Sehr wahrscheinlich lag dieses strenge Vorgehen an der „problematischen“ moralischen Natur des Buches, in dem eine Person, die einen Juden ermordet hat, am Ende mit dem Tod bestraft wird. Schätzungen zufolge wurden nach dieser Meldung etwa 3.000 Exemplare des Buches von der nationalsozialistischen Zensur vernichtet.

Annette von Droste-Hülshoff – Die Judenbuche. Nr. 68 der Schocken-Bücherei. Schocken Verlag. Berlin, 1936.

Die Schocken-Ausgabe von Die Judenbuche ist somit eines der seltensten Bücher der Schocken-Bücherei und das einzige, das sich eine Reihennummer mit einem anderen Buch teilt. Schocken wollte die Nummer 68, unter der Die Judenbuche veröffentlicht wurde, zunächst als leere Nummer angeben – möglicherweise, um den Lesern einen Hinweis darauf zu geben, dass es sich um ein verbotenes Buch handelte. Er entschied sich jedoch dagegen, da dies als Provokation aufgefasst werden könnte. Stattdessen beschloss er, diese Nummer einem anderen Buch der Reihe zu geben.

Die beiden Bücher mit der Nummer 68 aus der Schocken-Bücherei: Annette von Droste-Hülshoffs Die Judenbuche (links) und als Ersatznummer Fischel Schneersohns Die Geschichte von Chajim Grawitzer dem Gefallenen (rechts).

Diese kleine Begebenheit, die sich fast hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung von Annette von Droste-Hülshoffs Die Judenbuche ereignete, bestärkt uns darin, diese wunderbare Novelle – wenn schon nicht als „jüdisches Buch”, so doch zumindest mit einem Ehrenplatz in unserer jüdischen Bibliothek auszuzeichnen. Wie viele andere Bücher in unserer Bibliothek stand auch diese Novelle allein aufgrund ihrer Beschaffenheit vor der Vernichtung.

Oded Fluss. Zürich, 23.10.2025.

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Der jüdische Bambi


Obwohl sich Felix Salten in dieser Hinsicht stärker engagierte als seine anderen jüdischen Weggefährten im Kreis des „Jung-Wien”, ist er heute nicht primär für seine jüdische Herkunft oder seinen Zionismus bekannt. Der 1869 als Siegmund Salzmann geborene Autor zählte zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Paradoxerweise ist er vor allem für zwei Werke bekannt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das eine ist ein pornografisches Buch, das er anonym schrieb, dessen Autorenschaft er jedoch nie übernahm. Das andere ist eines der beliebtesten und erfolgreichsten Kinderbücher der Neuzeit. 

Felix Salten und Arthur Schnitzler. Ca. 1910.

Zwar bekannte er sich in seinen Büchern offener zu seiner jüdischen Herkunft und zum Zionismus als seine Freunde Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder Peter Altenberg. Doch für sein zionistischstes Werk Neue Menschen auf alter Erde ist Salten heute nicht bekannt. In diesem Reisebuch beschreibt er seinen eigenen Exodus durch die Wüste von Ägypten nach Palästina und stellt den Zionismus darin als weit mehr als eine Befreiungsbewegung für ein bestimmtes Volk dar, nämlich als eine weltliche Befreiungsbewegung.

Felix Salten – Neue Menschen auf alter Erde. Paul Zsolnay Verlag. Berlin, 1925. D 378 (k).

Salten, ein guter Freund und Bewunderer Theodor Herzls, vertrat die Ansicht, dass Herzls wahre Genialität darin lag, dass er ein Künstler war, der die Kraft besass, seine Märchen wahr werden zu lassen. In seinem Buch folgt Salten den Spuren Herzls und präsentiert sich darin nicht nur als Theoretiker, sondern auch als engagiertes Mitglied der zionistischen Bewegung:

Aber ich weiss, dass ich, als Jude, mich in die Seele hinein schämen würde, nicht nach meinen Kräften am Aufbau von Palästina mitgeholfen und beigetragen zu haben.

Felix Salten – Simson: Das Schicksal eines Erwählten. Paul Zsolnay Verlag. Berlin, Wien, Leipzig, 1928. D 538 (k)

Ebenso wenig ist Salten für seinen vielleicht jüdischsten Roman Simson: Das Schicksal eines Erwählten bekannt, in dem er dieselben Überzeugungen in Form einer auf den Kopf gestellten biblischen Erzählung umsetzt. Darin ist Simson nicht für seine Stärke bekannt, sondern für seine Befreiung von dieser, seine Erwählung durch Gott und seine jüdische Botschaft an alle Völker gegen die Knechtschaft. Laut Salten ist der Antisemitismus eine Krankheit, unter der die Welt leidet. Wäre diese Krankheit geheilt, wäre die gesamte Menschheit befreit:

Es ist ein fluchbeladener Segen, den wir tragen…aber es bleibt ein Segen! Ein gepriesener Segen! […] Wir haben das Licht der Welt, darum müssen wir leiden, solange es dunkel ist, wir haben die Weisheit der Welt…darum müssen wir Misshandlung dulden, solange die Dummheit herrscht…wir bringen die Befreiung der Welt… darum werden wir verfolgt, solange es Knechtschaft gibt“.

Felix Salten – Bambi: Eine Lebensgeschichte aus dem Walde. Ullstein Verlag. Berlin, 1923.

Salten ist jedoch nicht für diese Werke bekannt, sondern allenfalls für seinen Roman Bambi, der zunächst ein Flop war, später aber die Grundlage für einen der beliebtesten und erfolgreichsten Disney-Filme bildete. Und obwohl es weit hergeholt ist, haben bereits viele versucht, das Jüdischsein des Autors auch in diesem Buch zu finden.

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Felix Salten in Jagdmontur mit Janker, Hut und Gamsbart (ca. 1910)

Einer der Ersten, der diese zunächst unbegründete Idee vorschlug, war Saltens einstiger Freund und späterer bitterer Feind Karl Kraus. Der Mann, der in einem berühmten Tagebuchbeitrag von Arthur Schnitzler mitten im Café Griensteidl eine Ohrfeige von Salten bekam, was „allseitig freudig begrüßt wurde“, machte sich in seiner berüchtigten Fackel-Zeitschrift mehr als einmal über Salten lustig.

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Karl Kraus (1874-1936)

Bereits vor dem grossen Erfolg des Buches erkannte Kraus in einem 1929 in Die Fackel erschienenen Beitrag mit dem vielsagenden Titel „Jüdelnde Hasen” die Ironie darin, dass Salten, den er bissig als „Zionisten” bezeichnete, selbst dafür bekannt war, gerne zu jagen:

Es dürfte nicht allen, die die umfassende Wirksamkeit unseres Felix Salten kennen und schätzen, bekannt sein, dass sie ihm auch noch Zeit lässt, das Weidwerk zu pflegen. Wohl wissen viele, dass es ihm gelungen ist, die Tierseele zu belauschen, aber sie würden gewiss nicht vermuten, dass der Weg zur Schreibmaschine hier durch das strapaziöse Erlebnis geführt hat, und wenn sie schon einem Legitimisten die Hantierung mit dem Schießgewehr zutrauen, so würden sie doch nicht glauben, dass ein Zionist einem Reh ein Haar krümmen könnte. Gleichwohl ist dem so, und Salten steht dem Waldesweben, in das er manchmal mit der Flinte einbricht, näher, als es den Anschein hat und als man einem Bekenner des Moses zutrauen würde, aber jedenfalls des Mooses wegen.

Felix Salten – Bambi – Wald maase’le. Übersetzt ins Jiddische von L. Hodes. Verlag „Kultur Liga“. Warschau, 1930.

Dass Bambi jüdische Elemente enthielt, war jedoch nicht nur ironisch gemeint. So verfasste der berühmte jiddische Schriftsteller Schalom Asch die Einleitung zur jiddischen Übersetzung des Romans. Darin schrieb er, dass Salten den jüdischen Kindern ein grosses Geschenk gemacht habe, indem er „den Wald in ihre schtetlische Stube brachte“.

Felix Salten – Bambi: korot chaim ba’yaar. Hebräisch von M. Ch. Ben Avraham. Sifriat Rimon, 1941.

Zudem wurde mehrfach erörtert, wie die Hirsche und andere Tiere in dem Buch in ständiger Angst vor Verfolgung leben und von einem Ort zum anderen ziehen mussten – genauso wie die Juden zu jener Zeit. Es wurde darüber gesprochen, wie die Jäger sadistisch, gewalttätig und fröhlich in den Wald eindrangen, genauso wie die Pogromisten in die jüdischen Dörfer und Städtchen. Die Diskussionen der Tiere untereinander, ob ein Zusammenleben mit den Jägern möglich sei, spiegelten die
damaligen jüdischen Diskussionen über Assimilation wider.

Grabstein von Felix Salten auf dem Friedhof Unterer Friesenberg in Zürich.

Die „Jüdischkeit“ von Bambi steht jedoch vor allem mit dem Schicksal seines Autors Felix Salten in Verbindung. Ungeachtet des grossen Erfolgs von Buch und Film starb dieser vor 80 Jahren einsam, krank und mittellos im Zürcher Exil. Er wurde aus der Kultur, die er massgeblich beeinflusst hatte, vertrieben und ist heute leider fast in Vergessenheit geraten.

Oded Fluss. Zürich, 8.10.2025.

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Drei, die gegessen haben…

Im Judentum gibt es kaum ein Gebot, das ernster genommen wird als das Fasten an Jom Kippur. Der Verzicht auf Wasser und Nahrung vom Abend des Jom Kippur bis zum Abend danach zählt zu den „fünf Seelenqualen“, die am stärksten mit diesem Tag verbunden sind. Die Tradition ist so stark, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass sich sogar nichtreligiöse Jüdinnen und Juden daran beteiligen.

Maurycy Gottliebs Juden in der Synagoge am Jom Kippur. 1878.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Fastenbrechen sowie das Essen und Trinken in der Öffentlichkeit an diesem heiligen Tag des Judentums normalerweise stark verpönt sind und als Tabu gelten. Wenn dann noch ein bekannter Rabbiner während Jom Kippur das Fasten in der Synagoge seiner Gemeinde unterbricht, ist es kaum überraschend, dass dies für grossen Aufruhr sorgen kann.

Josef Budko – Schofar

Eine solche Geschichte ereignete sich im Jahr 1848 in Vilnius. Eine schreckliche Cholera-Epidemie hatte die Stadt heimgesucht und auch die jüdische Gemeinde nicht verschont. Da Jom Kippur bevorstand, waren sich alle Ärzte einig, dass das Fasten in Verbindung mit den anderen Bedingungen des Feiertags, wie Gedränge und Überforderung, Schwerkranken, Kranken sowie anfälligen Personen, wie Kindern und älteren Menschen, noch mehr schaden würde. Die religiösen Juden lehnten den Gedanken jedoch ab, an diesem heiligen Tag zu essen und zu trinken, da sie dies als grösste Sünde betrachteten.

Jakob Steinhardt – Pest.

Rabbiner Israel Salanter (1810–1883), der heute als einer der bedeutendsten Rabbiner des 19. Jahrhunderts gilt, war damals noch ein junger, wenig bekannter Rabbiner, der sich ebenfalls in Vilnius aufhielt. Als sehr strenger Rabbiner hielt er sich unerbittlich an alle Arten von Halacha. Salanter hatte jedoch eine sehr vernünftige Herangehensweise an die Religion. Nach Rücksprache mit einigen Ärzten nahm er es auf sich, so viele Leben seiner Gemeinde wie möglich zu retten.

Sigmund Forst – Rabbiner mit Schülern

Am Abend von Jom Kippur ging er von Synagoge zu Synagoge und versuchte, die Menschen davon zu überzeugen, nicht oder zumindest nicht so streng zu fasten, spazieren zu gehen und die Zeit in der Synagoge zu verkürzen. Doch seine Bemühungen waren vergeblich. Am nächsten Tag, Jom Kippur, beging er daraufhin eine der extremsten Taten in der Geschichte des Judentums. Nach dem Schacharit-Gebet betrat er die Bima [Podest], holte Wein und kleine Backwaren hervor, sprach den Kiddusch und ass in aller Öffentlichkeit.

Jakob Steinhardt – Juden in der Synagoge.

Die Leute waren entsetzt über seine Tat und bezeichneten ihn sogar als Sünder. Aber er ass weiter, Tränen liefen seine Wangen hinunter, bis schliesslich alle – angefangen bei den Ältesten der Gemeinde – auf die Bühne gekommen waren und es ihm gleichgetan hatten. Anschliessend besuchte er andere Synagogen in der Stadt und handelte genauso.

David Frischmann (1859-1922)

Diese Geschichte war so bekannt und hat so viele Menschen beeindruckt, dass der jüdische Schriftsteller David Frischmann (1859–1922) sich von ihr zu einer seiner bekanntesten Kurzgeschichten inspirieren liess: Drei, die gegessen haben …. Sie wurde erstmals im Jahr 1892 in Warschau veröffentlicht und ist die wohl bekannteste hebräische Geschichte über Jom Kippur.

Frischmann erzählt die Geschichte aus der Sicht eines kleinen Jungen, der sie miterlebt hat – tatsächlich wurde er jedoch erst Jahre später geboren. Und obwohl Frischmann ein aufgeklärter Jude war, der sich wahrscheinlich gegen den Rabbiner Israel Salanter gestellt hätte, verleiht er ihm in dieser Geschichte die Aura eines Helden, der im Namen der Vernunft seine ganze Gemeinde rettet.
Er beginnt seine Geschichte äusserst gekonnt mit einem berühmten Zitat von Rabbi Schimon aus dem Masechet Avot der Mischna.

Drei Personen, die an einem Tisch essen und dabei keine Worte der Tora sprechen, gleichen denen, die von einem Totenmahl genießen, denn es heisst: alle Tische sind voll des Auswurfs und Schmutzes ohne Gott. Drei Personen jedoch, die an einem Tisch essen und dabei Worte der Tora sprechen, gleichen denen, die die Speisung vom Altar würdig sind.

Dieses merkwürdige Zitat passt sehr gut zu der folgenden Geschichte. Zunächst einmal geht es um das Essen, das einen grossen Teil unserer Geschichte ausmacht. Vor allem aber geht es um die richtige Art des Essens. Es ist von drei Personen die Rede, denn von zwei Personen, die gemeinsam essen, wird nicht erwartet, dass sie Worte der Tora sprechen. Bei drei Personen hingegen wird dies erwartet, denn es handelt sich nicht mehr um eine einfache Mahlzeit, sondern um eine Unterhaltung, bei der es wichtig ist, auch Gott miteinzubeziehen und sich nicht nur auf das Körperliche zu konzentrieren. Frischmann fügt am Ende des Zitats einen kleinen Kommentar hinzu:

Doch damals wusste ich noch nicht zu unterscheiden.

Dies deutet auf Frischmanns eigenen Konflikt zwischen Religion und Aufklärung hin, der am Ende der Geschichte noch eine Rolle spielen würde.

Frischmann nutzt das historische Ereignis, ändert jedoch Zeit und Ort – in seiner Geschichte findet das Geschehen in einem kleinen Dorf statt – und behält die meisten Details über die Pest und die Tat des Rabbiners bei. Er betrachtet das Geschehen als etwas Aussergewöhnliches, bei dem ein mutiger, innovativer Rabbiner bereit ist, eines der wichtigsten Gebote seiner Religion zu brechen, um seine Gemeinde vor einer Seuche zu retten. Es ist daher nicht überraschend, dass viele säkulare jüdische Kreise diese Geschichte übernommen und zur Pflichtlektüre in ihren Schulen gemacht haben.


Die Geschichte in einem Schulheft, das 1932 in Tel Aviv vom Omanut Verlag gedruckt wurde.

Ein kurioser Endabsatz, der nur in wenigen Versionen der Geschichte zu finden ist, erzählt von drei weiteren Juden, die am selben Ort und am selben Jom Kippur assen, ohne dies als Sünde zu betrachten. Dieses Ende ist jedoch mehrdeutig, denn es handelt von den aufgeklärten Juden, zu denen auch Frischmann gehörte. Einerseits ist es eine Kritik an Juden, die den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren haben. Andererseits ist es ein Lob, da sie von der Sache überhaupt nicht betroffen sind.
Nachfolgend finden Sie eine deutsche Übersetzung der Geschichte ohne den letzten Absatz. Wenn Sie auch den Endabsatz lesen möchten, finden Sie ihn nachfolgend unter der Datei.

Auch Drei, die gegessen haben!
Zur selben Zeit, als in der Synagoge das erzählte von sich ging, sassen drei Männer in einem Hause unweit der Synagoge und assen ebenfalls.
Sie waren ebenfalls Juden, aber sie hielten sich für die Aufgeklärten unter ihren Brüdern.
Ihre Bindung besteht aber lediglich darin, dass sie gelernt haben – das Wort Gottes zu missachten und Vätersitten mit Füssen zu treten. Sie leben in frevelndem Leichtsinne nur ihren Sinnen.
Das Fenster ist offen, wir können sie beobachten: Der Tisch ist mit Speisersten und leeren Flaschen überdeckt; ein übermütiges Lachen ertönt hin und wieder, wenn einer dem andern im Kartenspiel – das sie zur geeigneten Stunde pflegen – tüchtig abgewonnen hat.
Also auch Drei, die gegessen haben!
Aber verdienen sie es auch, zu den Helden gezählt zu werden?

Oded Fluss. Zürich 29.9.2025.

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Taschlich

Wilhelm August Stryowski – Taschlich

Am ersten Nachmittag von Rosch Haschanah geht man nach dem Minchah-Gottesdienst Taschlich machen. Dieser Brauch, dessen hebräischer Name wörtlich „du mögest werfen” bedeutet, wird am ersten Tag des jüdischen Neujahrsfestes durchgeführt. Fällt dieser Tag auf den Schabbat, wird er am zweiten Tag durchgeführt, da das Tragen am Schabbat nicht erlaubt ist. Er beinhaltet das Gehen zu einer fliessenden Wasserquelle und das Beten um Vergebung der Sünden im Freien. Aufgrund seines einzigartigen Charakters kommt er in vielen jüdischen Gedichten, Geschichten und Midraschim vor.

Theodor Zlocisti – Vom Heimweg. Verse eines Juden. Verlag der jüdischen Volkstimme. Brünn, 1903. D 4056.

Der um 1390 in Mainz wirkende Maharil (Rabbi Jakob ben Moses ha-Levi Molin, (1375–1427) berichtet in seinem bekannten Werk Sefer Maharil davon, dass Juden bereits zu seiner Zeit am ersten Tag des Neujahrsfestes ans fliessende Wasser gingen, Brotkrümel für die Fische ins Wasser warfen und dabei den Vers aus dem Buch des Propheten Micha sprachen:

Er wird sich uns zuwenden, sich unser erbarmen, unsere Sünden zertreten und all ihre Vergehungen in die Meerestiefen werfen.

Dieser alte, besondere Brauch ist einzigartig, denn er wird öffentlich durchgeführt – und das unter freiem Himmel. Da er weder in der Tora noch im Talmud offiziell erwähnt wird, können ihn die meisten Juden nicht nachvollziehen. Sie tun ihn daher oft als Aberglauben ab oder machen sich sogar darüber lustig.

kamunisten gehen tsu Tashlikh. varfen areyn in teykh zeyre groyse zind.
Aus der jiddischen Zeitung Forwards. 2.9.1956.

Abraham Geiger (1810-1874), der Gründungsvater des Reformjudentums und bedeutender jüdischer Gelehrter im Bereich der Wissenschaft des Judentums, bezeichnete die Taschlich-Zeremonie an Rosch Haschana als volkstümliche Erfindung, die es nicht wert sei, im Kodex erwähnt zu werden. Auf die diesbezügliche Frage von Rabbi Emanuel Schreiber antwortete er:

Um dem Verfasser und Consorten die Mühe zu ersparen, am künftigen Neujahr den Abend des ersten Tages die Oder, die Ohlau und die Gräben der Stadt entlang aufzupassen, um zu sehen, ob ich denn auch meinen Rocktaschen Krumen schüttele, zum Zeichen, dass auch meine Sünden abgeschüttelt sein mögen — alle anderen Gründen sind spätere Erklärung — bin ich bereit, ihm ein Dokument auszustellen, dass ich diesen Gebrauch auch praktisch nicht mitmache.

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Abraham Geiger – Porträt von Lesser Uri (1905).

Die Beobachtung, dass die Juden dabei eine schüttelnde Bewegung ausführen oder ihre Taschen ausschütten, führte zu der Annahme, es handele sich um eine unseriöse Zeremonie: ein wortwörtliches theatralisches Abschütteln der Sünden, die dann von den Wellen oder Fischen mitgenommen würden. Deshalb beschlossen viele, nicht teilzunehmen. Wie Pauline Wengeroff in ihren Memoiren einer Großmutter erzählt:



Pauline Wengeroff – Memoiren einer Grossmutter : Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert. Poppelauer. Berlin, 1908. D 749k

Diese Annahme ist jedoch nicht völlig zutreffend. Denn man kann diesen Brauch auch als Symbol mit einer tiefen, ernsten und religiösen Bedeutung betrachten. Das Wesentliche dieser symbolischen Handlung ist bereits in den Sprüchen aus Micha VII, 18–19 enthalten, aus denen das Taschlich-Gebet besteht.

מי אל כמוך נשא עון ועבר על פשע לשארית נחלתו לא החזיק לעד אפו כי חפץ חסד הוא ישוב ירחמנו יכבש עונתינו ותשליך במצלות ים כל חטאותם
Wer ist wie du, o Gott, Schuld vergebend und über Missetat hinwegsehend, für den Rest seines Erbes? Nicht für immer hält er fest seinen Zorn, denn an Gnade hat er Gefallen. Er wird sich uns zuwenden, sich unser erbarmen, unsere Sünden zertreten und all ihre Vergehungen in die Meerestiefen werfen.

Aleksander Gierymski – Taschlich an Rosch ha-Schana. 1884.

Die Übung entspricht dem Sinn des Feiertags und gibt dem Gedanken Ausdruck, dass die Gnade Gottes die Sünden unwiderruflich tilgt, so wie eine Welle, die ins Meer zurückkehrt und nicht mehr feststellbar ist. Der Maharil begründet die symbolische Handlung damit, dass der Brauch auf die Opferung Isaaks bzw. auf die Pflichterfüllung Abrahams hinweise. Dieser habe sich durch kein Hindernis zurückhalten lassen, obwohl sich ihm, wie im Midrasch Tanchuma erzählt wird, der Satan in Gestalt eines Flusses entgegenstellte und dessen Fluten ihm bis zum Hals reichten. Abraham rief Gott um Hilfe an:

„Hilf mir, Gott, das Wasser kam bis zu meiner Seele (Hals).”

Salomon Ganzfried – Kitzur Schulchan Aruch. H 355

In seinem Kitzur Schulchan Aruch nennt Rabbiner Salomon Ganzfried (1804–1886) einen zweiten Grund dafür, dass man den Fluss aufsucht: Es sei eine alte Sitte gewesen, die jüdischen Könige am Ufer eines Flusses zu salben – oder, wie man heute sagen würde, zu krönen –, um anzudeuten, dass ihr Reich von langer Dauer sein möge, wie das Wasser ohne Unterbrechung den Fluss hinabfliesst. An Rosch Haschana wird Gott allegorisch als König der Welt gekrönt.

Samuel Hirszenberg – Taschlich

Darüber hinaus sagt Rabbiner Ganzfried, es sei besser, wenn der Flusslauf ausserhalb der Stadt liege und von Fischen belebt sei. Er führt dafür an, dass wir in vielfacher Hinsicht mit den Fischen verglichen werden. So seien wir beispielsweise vor den Schlingen des Todes ebenso wenig sicher wie die Fische vor dem Netz des Fischers. Dieser Gedanke sollte die Menschen zur Busse anregen. Andererseits können Verfolgungen unserer Gesamtexistenz so wenig anzuhaben vermögen wie die Nachstellungen des Fischers den Fischen, die sich immer wieder vermehren und als Gattung unausrottbar sind.

Jüdische Neujahrspostkarte mit dem Taschilich-Motiv.

Manuel Gottlieb nennt in seinem Buch דרכי נעם Darche Noam, die sich im Netz verfangenden Fische als Grund, warum kein Mensch sein Schicksal kennt. Dieser Gedanke ist ein Hinweis auf die entsprechende Stelle im Kohelet IX,12: „Kein Mensch weiss seine Zeit, wie die Fische, die arglos im Netz gefangen werden, und wie die Vögel, die in den Schlingen gefangen werden.“

Jüdische Neujahrspostkarte mit dem Taschilich-Motiv.

Offensichtlich wurde auch an die allegorische Auslegung mehrerer Talmudstellen über die Natur der Fische gedacht. In diesen wird das Bild der weit geöffneten, nicht von Augenlidern bedeckten Augen der Fische mit der göttlichen Vorsehung in Verbindung gebracht. Dies könnte einer der Gründe sein, warum man an Rosch Haschana Fisch oder Fischköpfe isst.

Imre Amos – „Taschlich“

Auch wenn es nicht auf religiöse Weise geschieht, kann man sich dennoch auf die symbolische Bedeutung des Brauchs des Taschlich beziehen. Manchmal sind wir durch vergangene Taten oder Untaten belastet und müssen etwas Symbolisches tun, um uns psychologisch zu erleichtern. Wie Shmarya Levin in seinem wunderschönen autobiografischen Buch Kindheit im Exil erzählt:

Shmarya Levin – Kindheit im Exil. Jüdische Buchvereinigung. Berlin, 1935. D 1606(k)

Interessanterweise gibt es ein altdeutsches Gegenstück zu Taschlich. Es war nämlich urdeutsche Sitte, am Johannisabend an einen Fluss zu gehen und unter Gesang oder leise gemurmelten Sprüchen Kräuter in den Fluss zu werfen. Mit den flussabwärts geschwemmten Kräutern sollte alles Unheil des nächsten Jahres hinweggeschwemmt werden. Als der italienische Dichter und Geschichtsschreiber Petrarca dieses Schauspiel am Rhein sah, als er aus Frankreich kommend in Köln war, war er so begeistert, dass er diesen Brauch an den Tiber verpflanzen wollte. Jedenfalls berichtet Jacob Grimm in einer zum Andenken Schillers im Jahr 1859 in der Akademie der Wissenschaften in Berlin gehaltenen Rede davon.

Marc Chagall – Taschlich

Gleichwohl lässt sich nicht eindeutig sagen, dass die Juden diesen altdeutschen Brauch übernommen haben. Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, wäre die Begründung und Auslegung des Taschlichmachens eine ganz andere geworden. Taschlich ist ein Gottesdienst in der freien Natur, der höchste religiöse Hingabe an den Gedanken der Teschuwa, der Rückkehr zu Gott, sowie Unterordnung unter das vom König der Welt über uns bestimmte Geschick bedeutet.

Taschlich am Rhein in Basel. (ca. 1986)

Über die frühe Praxis des Taschlich in der Schweiz gibt es nur wenige Informationen. Eine kurze Beschreibung findet sich jedoch in den Aufzeichnungen von Dr. Samuel Teitler (1900–1989). Der nichtorthodoxe Teitler arbeitete als Rechtsanwalt in St. Gallen, war stellvertretender Richter des Schweizerischen Obergerichts und Präsident der jüdischen Gemeinde St. Gallen. Wie er mit dieser „fremden Welt” in Kontakt kam, beschreibt er, als er zum ersten Mal Rosch Haschana in St. Gallen feierte. Interessanterweise interpretierte er den Taschlich-Brauch etwas anders:

Am ersten Tag Rosch Haschana durfte ich mit den Männern hinauf wandern zu den Drei-Weihern. Dort wurden Brotkrumen ins Wasser geworfen und Verse gesprochen, ein Vorgang, den ich später nie mehr miterlebte. Ich erkannte an dem Gehabe der Männer, dass es für sie eine bedeutungsvolle Handlung war, beruhend auf dem Gedanken und der Bitte, dass die Fluten, so wie die Krumen, das Unheil, das im kommenden Jahr kommen könnte, wegtragen möchten.

Dr. Samuel Teitler (1900 – 1989)

Wie man sieht, versteht Teitler dieses Ritual so, dass es sich auf zukünftige und nicht auf vergangene Sünden bezieht. Diese Interpretation geht auf Solomon ben Moses Raphael London (1661 – 1748) zurück. In seinem Buch Kehilat Shlomo adressiert er das Problem, dass andere Völker die Juden als ein Volk sehen, auf das man sich nicht verlassen kann, da sie Tashlich praktizieren und somit ihre Verfehlungen „auslöschen” können. Deshalb interpretiert er das Ritual so, dass es sich auf zukünftige Sünden bezieht.

Johann Pfefferkorn- Libellus de Judaica confessione sive sabbato afflictionis, 1508.

Erwähnenswert ist auch, dass manche behaupten, Juden seien in der Vergangenheit oft der Wasservergiftung bezichtigt worden, weil sie den Brauch des Tashlich ausüben. Das klingt nicht abwegig, denn bei dieser Zeremonie werfen Juden öffentlich Brotkrumen ins Wasser. Dies könnte Aussenstehenden verdächtig erscheinen und zu einer antisemitischen Vorurteilen führen.

Wilhelm Grögler – Taschlich am Wiener Donaukanal (1886).

Oded Fluss. Zürich, 17.9.2025.

Mehr Beiträge zu Rosch Haschana finden Sie hier:

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