Aus Knechtschaft zur Freiheit: Exlibris von David Frankfurter und Emil Ludwig

»Durchs Radio die Nachricht gehört, dass der nationalsozialistische Gauleiter, Agent und Spion in Davos von einem jugoslavischen Agenten erschossen worden. Warum hat man ihn so lange geduldet?«
Thomas Manns Tagebuch. Davos. 4. Februar, 1936.

Eines der Hauptexponate in unserer Ausstellung über jüdische Exlibris in der Schweiz ist das Exlibris von David Frankfurter (1909 – 1982). Es wurde uns grosszügigerweise von Moshe Frankfurter, dem Sohn von David Frankfurter, der in Jerusalem lebt, zur Verfügung gestellt.

In einer der umstrittensten Taten der Schweizer Geschichte war Frankfurter 1936 für das Attentat auf Wilhelm Gustloff, ein deutscher Nazi, notorischer Antisemit und Landesgruppenleiter der Auslandorganisation (AO) der NSDAP in der Schweiz, in Davos verantwortlich.
Frankfurter, der sich nach der Tat der Polizei stellte, erklärte seine Aktion sowohl als Racheakt für das jüdische Volk, das unter der mörderischen Hand des Dritten Reiches gelitten hatte, als auch als Präventivmassnahme, um die Ausbreitung der Nazi-Ideologie in der Schweiz zu verhindern:

»Ich habe die Schweiz sehr liebgewonnen. Sie war mir zu schade, daß solche Hunde das Gute hier verderben!«.

Die öffentliche Meinung in der Schweiz war während des Prozesses sehr gespalten. Es gab viele, die Verständnis für seine Tat zeigten, und viele, die sich darüber empörten. Der Prozess, der auch sehr politisch war, wurde vom deutschen Regime stark beeinflusst, welches Frankfurters Tat für seine Propaganda nutzte.

Das Exlibris wurde von einem Zellengenossen für ihn angefertigt während der Zeit, die er nach dem Attentat im Gefängnis in Chur verbrachte. Es ist ein Holzschnitt und besteht aus drei Hauptmotiven: eine Sonne, ein Davidstern und eine Kette. Die Sonne scheint stark auf den Davidstern unter ihr und zersprengt die Kette, die den Davidstern gefangen hielt. Dies soll die Situation von David Frankfurter darstellen, der für seine Tat zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Das Ex-Libris enthält auch die hebräische Schrift: „מעבדות לחרות“ „me-Avduth le-Cherut“, was „Aus der Knechtschaft zur Freiheit“ bedeutet und den Wunsch des jüdischen Volkes symbolisiert. Ironischerweise wurde der Künstler und Zellengenosse Walter Hausmann später ein Nazi (manche sagen, er wurde dazu gezwungen) und produzierte auch Arbeiten für die Nazi-Propaganda.

Das Ex-Libris von Emil Ludwig und eine Widmung des Autors Julius Bab an ihn.

Neben dem Exlibris von Frankfurter liegt in unserer Vitrine ein seltsames Exlibris, das den Namen Ludwig trägt. Es zeigt eine Nachbildung einer von Rembrandts berühmtesten Darstellungen seines Sohnes Titus, der ein Buch liest. Dank der Widmung neben dem Bild wissen wir, dass es sich um das Exlibris des berühmten Autors und Biografen Emil Ludwig (1881-1948) handelt. Ludwig, der ein grosser Bewunderer von Rembrandt war und auch zwei Bücher über ihn geschrieben hat, war David Frankfurters grösster Verteidiger während seines Prozesses. Noch im Jahr der Ermordung nahm Ludwig es auf sich, den Fall Frankfurter zu untersuchen. Er sammelte alle Informationen, die er bekommen konnte, befragte Frankfurters Familie und Bekannte und veröffentlichte sein berühmtes Buch „Der Mord in Davos“.

Emil Ludwig – Der Mord in Davos. Querido Verlag, Amsterdam, 1936.

„»Wie konnten Sie das tun! Sie haben ja so gute Augen!« David aber sah ihr ins Gesicht und erwiderte: »Ich bin ein Jude, Das sollte genügen«.“

Das Buch ist ein Plädoyer für Frankfurter, indem es sowohl seine Lebensgeschichte als Rabbinersohn verfolgt als auch den Prozess der Nazifizierung Europas detailliert beschreibt. Es vergleicht das Attentat mit anderen politischen Morden, die aus einem Gefühl von Gerechtigkeit und Ehre heraus begangen wurden, und kritisiert die Schweizer Justiz, die von der Angst vor dem deutschen Regime beeinflusst wurde.

Wolfgang Diewerge – „Der Fall Gustloff“ (1936) und „Ein Jude hat geschossen“ (1937) Franz Eher Nachf. Verlag, München.

Das Buch wurde 1936 vom berühmten Exilverlag Querido in Amsterdam veröffentlicht und in der Schweiz als Greuelpropaganda verboten, während zwei andere Bücher des Antisemiten, Nationalisten und Propagandisten Wolfgang Diewerge, die offen gegen Frankfurter hetzten und seine Auslieferung an Deutschland forderten, in der Schweiz zugelassen wurden.

David Frankfurter und Emil Ludwig, 1945.
Bild im Besitz von Moshe Frankfurter

„Ein gesunder junger Mann, nicht gross, gedrungen, mit ebenmässigen, gebräunten Zügen, mit offenem Blick und schmalen Munde trat durch das Gartentor und lächelte verlegen, als er dem alten Herrn Zum ersten Male die Hand schüttelte, der ihn damals vor der Welt verteidigt hatte.“

Die zweite Auflage des Buches mit dem treffenden Titel „David und Goliath“ erschien 1945 im Carl Posen Verlag in Zürich und enthält einen Epilog, der das erste Treffen zwischen David Frankfurter und Emil Ludwig beschreibt, nach dem ersterer aus dem Gefängnis entlassen worden war (er war zu 18 Jahren verurteilt worden, wurde aber bereits nach neun Jahren freigelassen):

Emil Ludwig – David und Goliath. Carl Posen Verlag. Zürich, 1945.

Oded Fluss. Zürich, 1.9.2022.

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Monat Elul und die Jamim Noraim

Ephraim Moses Lilien – Elul Melodien

Im weitesten Sinne ist ‚Jamim Noraim‘ der Name, mit dem wir die Tage ab dem ersten Tag des Monats Elul und bis zum Ende des Jom Kippur bezeichnen. Tage, an denen Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt Barmherzigkeit und Teschuwa (Umkehr) praktizieren. Der Monat Elul ist der letzte Monat im jüdischen Kalender, und für das kommende neue Jahr ist man verpflichtet, sich von seinen Sünden zu reinigen. Diese Tage gelten daher als Tage der Ehrfurcht vor Gott, und der Name ‚Jamim Noraim (ehrfurchtserweckende Tage) soll dies ausdrücken. „Jamim Noraim“ ist auch der Name einer sehr bekannten Anthologie, die der hebräische Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Josef (Shai) Agnon (1888 – 1970) 1938 im Schocken Verlag zusammengestellt hat. Sie hat schnell einen kanonischen Status erreicht und ist bis heute als klassisches Buch bekannt, das man zur Zeit des ‚Jamim Noraim‘ mit in die Synagoge nimmt.

Samuel Josef Agnon – Jamim Noraim. Schocken Verlag, 1938. H 368

Die Anthologie ist eine Sammlung von Gebräuchen, Midrashim und Legenden, die Agnon aus Tausend verschiedenen Quellen zusammengetragen hat. Sie war seiner Meinung nach dazu gedacht, die Zeit zwischen den Gebeten zu überbrücken und die Menschen davon abzuhalten, während dieser Zeit zu reden und über alltägliche Dinge nachzudenken.
Da die Anthologie nie ins Deutsche übersetzt wurde, haben wir uns entschlossen, Ihnen hier jede Woche während der Jamim Noraim einen übersetzten Beitrag zusammen mit der hebräischen Quelle zu bringen. Sobald wir die Originalquelle, die Agnon benutzt hat, in unserem Bestand haben, werden wir auch ein Bild davon hinzufügen.

Abraham Danzig – Sefer Chaje Adam. Wilna, 1810. Breslauer Sammlung H 5159

Der erste Beitrag stammt aus dem Buch „Chaje Adam“ von Rabbi Abraham Danzig (1748 – 1820), das 1810 in Wilna veröffentlicht wurde und sich mit den Gesetzen beschäftigt, die im Abschnitt Orach Chayim des Shulchan Aruch von Yosef Karo behandelt werden. Das Buch ist in 224 Abschnitte unterteilt, die sich mit dem täglichen Verhalten und dem Gebet sowie mit Schabbos (Sabbat) und Yom Tov (Feiertagen) befassen. Unser Beitrag behandelt die Bedeutung des Monats Elul im Prozess der Umkehr. Als ersten Beitrag in dem Abschnitt, der dem Monat Elul gewidmet ist, hatte Agnon beschlossen, folgende Worte zu zitieren, die die Bedeutung des Monats Elul im Akt der Teschuwa verdeutlichen:

„Da G’tt sein Volk Israel liebt, hat er Wohltat an uns gemehrt und uns befohlen, jederzeit umzukehren, wann auch immer wir sündigen. Obwohl also die Umkehr gut ist zu jeder Stunde, ist dennoch der Monat Elul besonders zu Umkehr ausersehen. Denn die Umkehr in diesem Monat wird wohlgefälliger aufgenommen als an den übrigen Tagen des Jahres, da dies Tage, Tage der Zuneigung sind von der Stunde an, in der wir zum Volke erwählt wurden. Als nämlich Israel die Sünde des goldenen Kalbes beging und die heiligen Tafeln zerbrochen wurden, da stieg Mosche ein zweites Mal auf den Berg Sinai, am ersten Tage des Monats Elul, um seinem Volke die Thora zu bringen, und weilte dort bis Jom Kippur, dem Abschluss der Sühne ( Aus „Chaje Adam“)“.

Fortsetzung folgt hier: https://breslauersammlung.com/2022/09/08/schofar/

Oded Fluss. Zürich, 29.8.2022

עודד פלוס ב‘ באלול ה’תשפ“ב

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Wagners jüdischer Dirigent

„…es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen…“
Franz von Lenbach – „Kopf des Dirigenten Hermann Levi“. 1882.

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte und das ist auch bei einem Ex-Libris der Fall. Eines der seltensten Exponate in unserer aktuellen Ausstellung jüdischer Exlibris ist das Ex-Libris des Dirigenten Hermann Levi (1839-1900). Der Spross einer Familie mit mehr als zehn Generationen von Rabbinern – sein Vater war der Landrabbiner von Hessen, sein Grossvater der von Worms – fand jedoch seine Leidenschaft in der Musik. In seiner Heimatstadt Giessen wurde er schnell als pianistisches Wunderkind erkannt, und im Alter von zwölf Jahren begann er mit der Musikschule. In weniger als 20 Jahren wurde er zu einem der renommiertesten Dirigenten Deutschlands, und im Alter von 33 Jahren leitete er als Generalmusikdirektor und Hofkapellmeister das weltberühmte Königliche Hof- und Nationaltheater in München.

Hermann Levi mit Johannes Brahms und Julius Allgeyer

Levi verkehrte mit vielen berühmten Musikern seiner Generation und war mit Johannes Brahms sehr eng befreundet. Am bekanntesten und berüchtigtsten war jedoch seine Beziehung zu Richard Wagner und dessen zweiter Frau Cosima. Levi bewunderte Wagner und war einer seiner treuesten Anhänger und Förderer, während Wagner selbst seinen Antisemitismus offen zum Ausdruck brachte, insbesondere in seinem berüchtigten Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ (1850), das bis heute als einer der schrecklichsten und hasserfülltesten Texte gilt, die über die Rolle der Juden in der deutschen Musikwelt geschrieben wurden und später die antisemitische Propaganda des Nazi-Regimes inspirierte.

Wagners Beziehung zu Hermann Levi war zweischneidig. Er bewunderte sein Genie, machte aber gleichzeitig eine Verachtung gegenüber Levis jüdischen Glaubens deutlich. Die Antwort auf dieses ‚Problem‘ war sowohl für Wagner als auch für seine Frau einfach: die Taufe.
Für sein letztes Werk „Parsifal“ wählte Wagner Levi als Dirigenten. Die Ehre, die Uraufführung eines Werkes von Wagner zu dirigieren wurde nur einer Handvoll Menschen zuteil. Es hatte jedoch seinen Preis, und wie Cosima Wagner es damals giftig formulierte:

„Ungetauft darf Levi den Parsifal nicht dirigieren. Ich taufe ihn und dann gehen wir alle zusammen zum Abendmahl.“

Im Gegensatz zu vielen assimilierten Juden der damaligen Zeit fiel Hermann Levi die Taufe nicht leicht. Die Beziehung zu seiner jüdischen Familie, insbesondere zu seinem Vater, und sein Bewusstsein für die Familiengeschichte hinderten ihn daran, die Konversion zu vollziehen. Durch die Versuchung, Parsifal zu dirigieren, zusammen mit seinem Unwillen, sich taufen zu lassen, hatte er unter grossem Druck gestanden, und schliesslich erlitt er einen psychischen Zusammenbruch. Dass das Thema der Oper Parsifal zum Teil die Taufe betrifft, half auch nicht. Dies wird deutlich, wenn wir den Brief lesen, den Levi am 1. Januar 1878 an seinen Freund und späteren Nobelpreisträger Paul Heyse geschrieben hatte:

„Vor mir liegt das Textbuch von Parsifal … Meine Meinung über den Text halte ich aus guten Gründen zurück. Bedenklich ist mir die äusserst christliche Tendenz; es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen, wenn ich es hier einstudieren werde .…“

Der Höhepunkt kam Ende Mai 1881, als Levi, überfordert und unter zu grossem Druck, Bayreuth überstürzt verliess, ohne die Absicht, zurückzukehren. Nur ein paar Tage später erhielt er einen Brief von Wagner selbst:

„Um Gottes Willen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen! Verlieren Sie nichts von Ihrem Glauben, aber gewinnen Sie auch einen starken Mut dazu! Vielleicht – gibt’s eine große Wendung für Ihr Leben – für alle Fälle aber – sind Sie mein Parsifal-Dirigent.“

Wagners Versprechen wurde tatsächlich erfüllt und Hermann Levi dirigierte am 26. Juli 1882 in Bayreuth die letzte Oper des Komponisten. Am Ende der Aufführung kam Wagner auf die Bühne und bedankte sich bei allen Darstellern, insbesondere bei „seinem Freund“ Levi, der die Arbeit mit einer Beharrlichkeit, einem Verständnis und Enthusiasmus vollbracht hatte, die ihresgleichen suchten. Sechs Monate später starb Richard Wagner nach einem Herzinfarkt. Levi war einer der zwölf Männer, die seinen Sarg zur letzten Ruhestätte trugen.

Ex-Libris Hermann und Mary Levi von Hans Thoma (1839 – 1924).

Wagners antisemitische Worte wurden leider nicht mit ihm begraben. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde Levi klar, dass selbst wenn er Wagners Wunsch erfüllen würde, dies vergeblich sein würde, da selbst konvertierte Juden dem Feuer des antisemitischen Hasses nicht entkommen konnten. 1896, nach einer späten Heirat mit Mary Fiedler, einer Christin, zog er sich von allen öffentlichen Aktivitäten zurück und konzentrierte sich hauptsächlich auf Übersetzungen von Libretti und den Werken Goethes. Zwei Jahre nach seiner Heirat entstand das Ex-Libris, das sowohl seinen als auch den Namen seiner Frau trägt. Es zeigt einen jungen Mann, der seinen Kopf mit einem aufgeschlagenen Buch bedeckt. Wie auch immer der Löwe und die Schlange im Bild zu deuten sind, ein anderes Symbol herrscht über alles. Zwei Jahre vor seinem frühen Tod und wie ein letztes Erbe wählte er den Davidstern als Hauptsymbol für sein Ex-Libris und wies damit darauf hin, dass seine jüdische Herkunft, ähnlich wie die Sonne, die sowohl Leben bringen als auch verbrennen kann, immer auf sein Leben und sein Schicksal schien.

Oded Fluss. Zürich, 18.8.2022.

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Ein Grabstein zwischen den Seiten

Aaron Ben Abraham: „Sefer Hadrakha“. Breslau, 1830. BH 263

Ein sehr bekanntes Genre in der jüdischen Buchtradition ist die Mussar-Literatur [Sifrut-Mussar]. Sie stammt aus dem Mittelalter und dient als Anleitung zur Stärkung des Glaubens, der Tugend und des moralischen Lebens (Mussar ist das hebräische Wort für Moral). In Anlehnung an die biblische Literatur sind diese Bücher eher auf das tägliche Leben ausgerichtet und konzentrieren sich in vielen Fällen auf die Beziehungen zwischen den Menschen.
Bei dem uns vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine Untergattung der Sifrut Mussar – den so genannten Testament-Büchern. Es handelt sich um ein Buch, das ein Vater und Grossvater für seine Kinder und Enkel in Form eines Testaments geschrieben hat. Der Autor Aaron Ben Abraham, ein Gemeindeprediger aus Rawitsch [Rawicz] , glaubte, dass seine Aufgabe auf Erden, seine Nachkommen zu führen, nicht mit seinem Tod endet, und so nutzt er sein Buch „Sefer Hadrakha“ (Das Buch der Leitung), um sie auch nach seinem Tod zu leiten:

“ Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Kindern eine Ermahnung zu hinterlassen, um sie in der Furcht Gottes und in der Art seiner Anbetung zu unterweisen. Sogar wenn ein Mensch selbst vollkommen wäre, hätte er seine Pflicht nicht erfüllt, indem er nur sich selbst vervollkommnet hätte. Denn wenn er nicht den starken Drang verspürt, andere zu vervollkommnen, kann er für sich persönlich nicht vollkommen sein, da er das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ übersehen hat.“

Das Buch ist alphabetisch geordnet, beginnend mit dem hebräischen Buchstaben א [Alef] und endend mit dem letzten Buchstaben ת [Tav], und symbolisiert so eine ganze Lebensspanne. Jeder Buchstabe steht für einen Aspekt des Lebens oder des Glaubens, auf den der Autor eingeht. So ist zum Beispiel der Buchstabe א [Alef]: „Emuna“ (Glaube); ט [Tet]: Tom’a und Tohara (Unreinheit und Reinheit); צ [Tzadik]: Tzedaka und so weiter. Einen besonderen letzten Platz weist der Schreiber dem hebräischen Buchstaben ת [Tav] zu, der für das Wort „Toldot“ steht; ein ganz spezielles hebräisches Wort, das sowohl Ursprung als auch Ergebnis bedeutet und somit Vergangenheit und Zukunft verbindet. Indem der Vater seine Kinder dazu anleitet, Gott zu folgen, lenkt er ihr Schicksal, während diese, indem sie dem folgen, was er sie gelehrt hat, umgekehrt wiederum auch sein Schicksal nach seinem Tod lenken.

“ Im Tod ist zwar alles vorbei, aber wenn der Vater seine Kinder angeleitet hat, Gottes Wegen zu folgen, hängt ihre Tugend von ihm ab und damit hat er kein Ende, solange sein Same weiterlebt.“

Aaron Ben Abraham teilt viele seiner persönlichen Erfahrungen mit Sünde und Teschuwa (Umkehr) und erklärt in einem schönen Satz die Tugend des Weinens, ein sehr wichtiges jüdisches Motiv im Akt der Reue.

“ Manchmal werden Sie vom Jetzer (Trieb) ergriffen und mit Sünde beschmutzt […] in jedem Fall müssen Sie über die Sünde, die Sie begangen haben, in der Zeit der Beichte weinen, denn Weinen überwindet alles. Und wie unsere Väter z“l sagten: alle Tore waren verschlossen, ausser den Toren der Tränen, und die Tugend des Weinens ist es, von Sünde zu heilen.“

Am Ende des Buches schreibt Aaron Ben Abraham, wie seine Beerdigung ablaufen soll. Er bittet darum, dass niemand, der ihn hasst, während dieser Zeit in seiner Nähe sein darf, und droht, dass demjenigen etwas Schlimmes zustossen wird, wenn jemand dies gegen seinen Willen tut. Er will keine Grabreden, nicht während der Zeremonie und auch nicht danach, „weil ich in meiner Seele weiss, dass ich nicht einer bin, der es wert ist“. Er möchte nicht, dass man nach seinem Tod gut über ihn spricht, denn er war nie jemand, der nach Respekt strebte. Er bittet nur darum, dass seine Kinder und Freunde jeden Tag mindestens vier Kapitel der Mischna zu Ehren seiner Seele studieren. Diejenigen, die nicht religiös sind, bittet er, jeden Tag zehn Kapitel der Tehilim zu lesen. Zu seiner eigentlichen Beerdigung bittet er um ein bescheidenes Grab in der Nähe seiner Väter.

Eingangstor zum jüdischen Friedhof Rawitsch

Aaron Ben Abrahams Wunsch, seine letzte Ruhestätte in der Nähe seiner Väter zu finden, wurde erfüllt und er wurde – wie alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rawitsch – auf einem Friedhof im nahegelegenen Dorf Zirkobo begraben. Dies fand jedoch ein tragisches Ende mit dem Einmarsch der Nazis in Polen Anfang 1939 und der totalen Schändung und Zerstörung des Friedhofs durch sie. Das Einzige, was von dem Friedhof übrig blieb, war das Eingangstor und darüber die Schrift in Hebräisch und Deutsch: „ד‘ ממית ומחיה מוריד שאול ויעל“ „Gott tötet und belebt, führt in die Scheol [Hades] und führt herauf.“ (Samuel I 2,6).

Und so befahl er, auf seinen Grabstein zu schreiben: Zu seinen Lebzeiten/ fuhr ihn Gott auf einem schnellen Gewolk [Jesaja 19,1 ]/ Und nun nahm er seine Kraft [Daniel 10, 8 ]/ Aaron Ben Abraham z“l/ Möge seine Seele mit dem Band des ewigen Lebens verbunden sein.

Den Rawitsch-Friedhof gibt es nicht mehr, aber der Grabstein von Aaron Ben Abraham lebt weiter, und zwar in gedruckter Form. Ben Abraham hatte einen ganz bestimmten Wunsch, was auf seinem Grabstein stehen sollte. Seine Enkelkinder haben diesem Wunsch entsprochen und ihn auch in das Buch ihres Grossvaters gedruckt, und zwar in Form eines Grabsteins. Diese einzigartige Komposition aus einem gedruckten Grab und der Grabsteininschrift, die wir auf der letzten Seite des Buches finden, ermöglicht es, uns weiterhin an den Autor zu erinnern.

Oded Fluss. Zürich, 11.8.2022

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Ein vergessener Autor in einem Buch wiederentdeckt

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Mainz, 1905

Über den Autor Moritz Steinhardt ist fast nichts bekannt. Er wurde 1867 in Eisenstadt (früher Ungarn, heute Österreich) geboren und starb 1923 in Berlin. In diesen 56 Jahren war er Verleger sowie Buchhändler und veröffentlichte ein paar Geschichten in verschiedenen jüdischen Zeitungen. Sein Buch „Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert“, das 1905 in Mainz erschien, hatte ihm den ehrenvollen Ruf eingebracht einer der authentischsten und realistischsten Autoren des Ghettolebens des 19. Jahrhunderts zu sein. Die rasche Assimilation der Juden und die veränderte politische Situation in Europa brachten eine Sehnsucht nach dem einfachen Ghettoleben der vorangegangenen Generation mit sich.
In seinem Vorwort zum Buch erklärt Steinhardt seine Motivation, das Buch zu schreiben, mit dem Ziel, ein falsches Bild vom Leben im Ghetto zu korrigieren:

„Durch dieses Büchlein wollte ich eine Schuld tilgen, indem ich der Erinnerung an die Heimat hiermit ein Dokument errichtet habe […] Das jüdische Ghetto, welches mein Büchlein behandelt, weist ein Bestehen von mehreren Jahrhunderten auf, als diejenigen der Grossstädte, wie wir sie in engen schmutzigen und winkeligen Gassen finden. Das Eisenstädter Ghetto gewährt keinen so finsteren und mittelalterlichen Eindruck, […] sondern der Lichtstrahl der Freiheit hat in dieses schon bei dessen Entstehen seine wohltuende Wärme geschenkt“.

Steinhardt betonte auch die Authentizität der Figuren und Geschichten im Buch:

„All‘ diese Sitten und Gebräuche, wie ich sie […] schildere, noch heute werden sie eingehalten. Alle Personen, wie ich sie gezeichnet, sie haben gelebt […] die Erinnerung an ihre Originalgestalten lebt fort im Munde der Generationen.“
Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Lehmann’s Volksbücherei. Mainz, 1906.

Das Buch wurde viermal veröffentlicht, die erste kleine nummerierte Ausgabe wurde 1905 in der Joh. Wirth’sche Hofbuchdruckerei in Mainz gedruckt. Ihr folgte schnell eine weitere Veröffentlichung im darauffolgenden Jahr als 40. Band der berühmten „Lehmann’s jüdische Volksbücherei“, herausgegeben von Oscar Lehmann in Mainz. Sieben Jahre später wurde das Buch im Gustav Engel Verlag in Leipzig veröffentlicht, jetzt mit einem neuen Vorwort des Autors, das einen politischeren Ansatz am Vorabend des Ersten Weltkriegs verfolgt. Steinhardt widmet das Buch dem Fürstenhaus Esterhàzy zum Dank dafür, dass die „Juden Eisenstadts […] sich [seit 1622] ungehindert ihrem religiösen Leben hingeben und ihren Berufen nachgehen konnten.“

Moritz Steinhardt – Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Gustav Engel Verlag. Leipzig, 1913.

Die Authentizität des Buches finden wir in einem dritten Vorwort, das 1920 für die dritte Ausgabe des Buches veröffentlicht wurde. Jetzt schon mitten im Krieg schreibt Steinhardt:

Seit erschienenen der zweiten Auflage hat der grimmige Weltkrieg unseren Planeten tüchtig durchgerüttelt. Dieser Bruderkampf ging auch an dem Ghetto nicht spurlos vorüber […] alle in diesem Buche geschilderten Typen, mit Ausnahme von einem, sie sind dahin in jene Gefilde, wo es keinen Kampf mehr gibt, nur im Munde der Epigonen leben sie fort.

Ironischerweise wurde der Mann, der sein ganzes literarisches Können in den Dienst des Gedenkens gestellt hatte, völlig vergessen. Ein paar Literaturlexika erwähnen ihn kurz mit ein paar Zeilen, aber sein persönliches Leben und seine Biografie bleiben unentdeckt. Auch hier kommt uns das Buch zu Hilfe und wie in vielen anderen Fällen findet man in den Beständen unserer Bibliothek Bücher, die Hinweise und Spuren in sich tragen, die es uns ermöglichen, das zu enthüllen, was sonst für immer verloren bleiben würde.

Die seltene Erstausgabe dieses Buches, die unsere Bibliothek besitzt, offenbart uns in ihrem Inneren einen Geschenk-Etikett und drei Handschriften, die jeweils unterschiedliche Anliegen zum Ausdruck bringen. Das Geschenk-Etikett ist ein solches, wie wir es oft in unsere Bibliotheks Büchern finden. Es wurde in der Vergangenheit von unserer Bibliothek verwendet, um Bücher, die uns geschenkt wurden, mit dem Namen der schenkenden Person zu kennzeichnen. Dieser Stempel trägt den Namen: Lotte Kloster-Steinhardt.

Eine der Handschriften im Buch gehört auch Lotte Kloster-Steinhardt und ist eine Widmung von ihr an unsere Bibliothek: „Für die Bibliothek geschenkt von der Tochter des Autors! Lotte Kloster -Steinhardt. 2. Juni 1958“. Daraus erfahren wir bereits, wann uns das Buch geschenkt wurde. Noch wichtiger ist jedoch, dass Moritz Steinhardt eine Tochter namens Lotte hatte und das Buch in ihrem Besitz war, bevor es in unsere Bibliothek kam. Über Lotte Kloster Steinhardt konnten wir leider keine anderen Informationen finden, als dass sie in der frühen zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Zürich lebte.
Was wir jedoch gefunden haben, ist eine kleine Anzeige in der Rubrik „Wer kann Auskunft geben“ des Israelitischen Wochenblatts vom 16.3.1945. Diese Rubrik war für Menschen gedacht, die während und nach dem Holocaust nach ihren Verwandten und Angehörigen suchten. Hier sehen wir, dass Lotte Kloster nach ihrer Schwester Irmgard Steinhardt und ihrer Mutter Bertha Steinhardt sucht. Als letzten bekannten Aufenthaltsort gibt sie Theresienstadt an.

Israelitisches Wochenblatt16.3.1945.

Kehren wir zurück zu unserem Buch, finden wir den Namen der Mutter Bertha in einer Widmung des Autors Moritz Steinhardt selbst an seine Frau: „Erstausgabe! Meiner geliebten Frau Bertha in Liebe zugeeignet. Chb. [Charlottenburg] 24/2. 1920. Moritz Steinhardt“.

Auf der anderen Seite des Titelblatts finden wir eine andere Handschrift von Moritz Steinhardt, die wahrscheinlich später geschrieben wurde: „Dieses Exemplar Soll in der Familie stets – an die älteste männliche Linie vererbt werden!“

Man könnte annehmen, dass der Wunsch des Vaters nicht erfüllt werden konnte, weil die Familie Steinhardt nur Töchter hatte (im Moment wissen wir von den beiden Töchtern Lotte und Irmgard) und das Buch deshalb in den Händen einer der Töchter landete. Es gibt jedoch noch einen weiteren Hinweis, den wir in der zweiten (vermehrten) Auflage des Buches finden, die 1913 veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe wird das Buch von einem schönen Schutzumschlag begleitet, auf dem der Künstler als Manfred Steinhardt angegeben ist.

Da es ein bisschen zu zufällig erscheint, dass sowohl der Autor als auch der Künstler denselben Nachnamen haben, finden wir nach ein bisschen Nachforschung heraus, dass der Künstler der Sohn von Moritz und Bertha, Manfred Steinhardt (1893 – 1952), ist. Wir finden auch heraus, dass Manfred Steinhardt ein recht erfolgreicher Künstler in Deutschland war und 1938 zusammen mit Ludwig Schwerin eine Ausstellung seiner Werke in Berlin hatte. In dieser Ausstellung befand sich ein Selbstporträt von ihm, das in der Jüdischen Rundschau vom 22. März 1938 abgebildet wurde.

Manfred Steinhardt – Selbstbildnis. (Jüdische Rundschau 22.3.1938)

Wir können davon ausgehen, dass Manfred Steinhardt dieses Buch auf Wunsch seines Vaters bis zu seinem Tod 1952 aufbewahrt hat. Danach wurde es seiner Schwester Lotte übergeben, die es 1958 der Bibliothek schenkte. Dieses Buch, das für seinen Autor sicherlich sehr wichtig war, reiste von Mainz nach Charlottenburg, von dort nach London und landete schliesslich in unserer Bibliothek in Zürich. Unterwegs sammelte es Hinweise und Spuren eines vergessenen Autors und des Schicksals seiner Familie, über die wir nun ein wenig mehr wissen. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig ein einziges Buch ist, um aufzudecken, was sonst wohl für immer unerzählt bliebe.

Oded Fluss, Zürich, 28.7.2022

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Ein Buch voller Kuriositäten

Sefer Chibat Yerushalaim. Jeruslaem, 1844. Breslauer Sammlung: BH 310.

Ein ganz besonderes Buch, das sich in unserer Breslauer Sammlung befindet, ist das Sefer Chibat Yerushalaim (Buch der Zuneigung Jerusalems). Gedruckt 1844 in der berühmten Druckerei Israel Back (B“K), war es eines der ersten Bücher, die in Jerusalem gedruckt wurden. Das Buch wurde mit der Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“ gedruckt, benannt nach dem Philantropen Moshe Montefiore und seiner Frau Yehudit, die der Druckerei 1842 die Druckpresse schenkten („Mase’at“ bedeutet Geschenk auf Hebräisch).

Druckpresse „Mase’at Moshe ve-Yehudit“. Oberhalb eine Verzierung in Form eines Adlers, der eine Schlange hält.

Das Buch ist der Stadt Jerusalem, ihrer Geschichte, ihren Sehenswürdigkeiten und Einwohnern gewidmet und enthält „Haskamot“ (Imprimatur/Druckerlaubnisse) von zwei der wichtigsten Jerusalemer Einwohner der damaligen Zeit.

„Haskamot“ (Imprimatur) von Chaim Abraham Gagin und Jakob Antebi.

So haben wir die Worte von Chaim Abraham Gagin (1787 – 1848), bekannt als ha-Rishon le-Zion (der Erste von Zion), der zwischen 1842 und 1848 Oberrabbiner des ottomanischen Palästinas war. Auch haben wir die Worte des Rabbiners Jakob Antebi (1774 – 1846), der 30 Jahre lang Oberrabbiner von Damaskus war. Antebi, der ein Opfer der bekannten Damaskusaffäre – eine Ritualmordlegende über die Juden, die 1840 in Damaskus stattfand – war, würde dies und die Hilfe, die er von Moshe Montefiore erhielt, in dem Buch sogar bezeugen.

„ליום חתונתו ושמחת לבו מאת מוקירו ומכבדו אליעזר ליזר לאנדסהוטה“

Unser Exemplar des Buches enthält eine handschriftliche Widmung von Eliezer (Lejser) Landshuth (1817 – 1887), einem berühmten jüdischen Gelehrten, der sich auf jüdische Lithurgie spezialisiert hatte. Die Widmung ist für die Hochzeit einer unbekannten Person bestimmt und lautet auf Hebräisch: „Für seinen Hochzeitstag und die Freude seines Herzens, von dem, der ihn hegt und ehrt Elieser Lejser Landshuth.“

Einen Hinweis, der uns vermuten lässt, wer die betreffende Person ist, finden wir auf der Titelseite des Buches, das neben dem Stempel des Breslauer Seminars auch den Stempel von Dr. David Rosin (1823 – 1894) trägt. Da Rosin und Landshuth Zeitgenossen waren und sich beide mit jüdischer Lithurgie beschäftigten, darf man annehmen, dass sie sich kannten und dass Landshuth an Rosins Hochzeit teilnahm und ihm dieses Buch schenkte. David Rosin, der selbst ein berühmter Gelehrter und der Nachfolger von Manuel Joël als jüdischer Philosophielehrer am Breslauer Seminar war, hatte wahrscheinlich dieses Buch der Bibliothek des Seminars überliefert.

Sefer Chibat Yerushalaim. Jerusalem, 1844. Aus der Sammlung David Jeselsohn.

Unser Nachbar und Mitglied der ICZ-Gemeinde Dr. David Jeselsohn, dessen Büchersammlung weltberühmt ist, hat ebenfalls ein Exemplar dieses Buches in seiner Sammlung, allerdings mit einer anderen Titelseite. Dies lässt den Verdacht aufkommen, dass unser Buch zu einem späteren Zeitpunkt gedruckt wurde und das Datum auf dem Buch nicht korrekt ist. Ein Verdacht, den wir leider noch nicht bestätigen oder dementieren konnten.

Oded Fluss. Zürich, 14.7.2022.

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Ein jüdischer und ein christlicher Nationalrat treffen sich in einem Buch.

Moses Mendelssohn – Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Berlin, 1767.

Ein Buch ist manchmal ein Treffpunkt zwischen zwei grossen Menschen. In vielen unserer Bücher finden wir Widmungen, die uns in eine frühe Zeit zurückwerfen, in der diese geschrieben wurden. Eines der seltenen Bücher im Bestand unserer Bibliothek ist eine Erstausgabe von Moses Mendelssohns „Phaedon – oder über die Unsterblichkeit der Seele“ von 1767.
Das Buch, das unserer Bibliothek am 27. Dezember 1948 geschenkt wurde, enthält eine Widmung von David Farbstein (1868 – 1953), Rechtsanwalt und erster jüdischer Nationalrat der Schweiz.

David Farbstein, in orthodoxem Milieu in Warschau geboren, studierte nach einer Rabbinerausbildung in Osteuropa Jura in Deutschland und der Schweiz. Nach seiner Einbürgerung 1897 liess er sich als Anwalt in Zürich nieder. Farbstein war ein enger Vertrauter von Theodor Herzl und der Ort des ersten Zionistenkongresses geht auf ihn zurück: Nach vielen Querelen um München und Zürich hatte Herzl Farbstein in einem Brief vom 9. Juni 1897 gebeten, einen günstigen Kongressort in der Schweiz zu finden, nicht weit von der österreichisch-schweizerischen Grenze entfernt. Schliesslich wurde Basel der historische Ort, von dem das Basler Programm und Jahre später die Staatlichkeit Israels ihren Ausgang nahmen.

David Farbstein


Farbstein war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, Mitglied des Zürcher Kantonsrats und Mitglied des Nationalrats. Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehörte die Förderung der Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz und ein erbitterter Kampf gegen den Antisemitismus. Er war ein frühes Mitglied der ICZ und sein Grab war das erste auf dem damals neu eingerichteten jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg.

Grab David und Rosa Farbstein auf dem Israelitischen Friedhof Oberer Friesenberg

Der Empfänger dieser Widmung ist der Schweizer Pfarrer, Politiker und Gründer des Schweizer Sozialarchivs Paul Pflüger (1865 – 1947). Bekannt als „roter Pfarrer“ zählt er zu den Pionieren der Schweizer Sozialpolitik. Wie Farbstein war auch er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.
Aus dem Inhalt geht hervor, dass die Widmung 1945 geschrieben wurde und Pflüger das Buch von Farbstein zu dessen 80. Geburtstag bekommen hat.

Aus verschiedenen Hinweisen können wir erkennen, dass zwischen Farbstein und Pflüger eine wahre Freundschaft bestand. Letzterer hat Farbstein in seiner „Lebenserinnerung“ als „den intimsten Freund“ bezeichnet. In einem Nachruf schrieb Farbstein 1947: „Der Unterzeichnete verliert in Paul Pflüger einen alten guten Freund. Die Menschheit verliert in ihm einen edlen Menschenfreund. Das Andenken dieses Gerechten, dieses Zaddik sei gesegnet“.

Israelitisches Wochenblatt, 19.12.1947


Unter der ersten Widmung finden wir eine weitere, die an unsere Bibliothek gerichtet ist. Sie ist auf 1948 datiert, ein Jahr nach Pflügers Tod, und wurde von Pflügers Sohn ( der ebenfalls Paul heisst) geschrieben. Er schrieb, dass er dieses Buch im Nachlass seines Vaters gefunden hat und es unserer Bibliothek schenken möchte.

Karikatur von David Farbstein von dem jüdischen Künstler Gregor Rabinovitch (Nebelspalter, 1926).

Oded Fluss, Zürich, 29.6.2022

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Die Leiden des jungen Walthers

Walther Rathenau – Selbstporträt


„in den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“ Walther Rathenau – „Staat und Judentum“ (1911).

Vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde Walther Rathenau (geb. 1867) ermordet. Die Kugel, die sein Herz durchbohrte, zerschlug auch die Illusion von der Möglichkeit eines Weltfriedens, und vielleicht noch mehr: beendete die Illusion der Judenemanzipation im Deutschland der Weimarer Republik, denn Rathenau wurde nicht nur als deutscher Aussenminister sondern vor allem als Jude ermordet. Die Proto-Nazis, die ihn ermordeten, taten dies, weil sie die Vorstellung nicht ertragen konnten, dass Deutschland offiziell von einem Juden repräsentiert wurde.

Antisemitisches, deutschnatinonales Wahlflugblatt zur Wahl in die Nationalversammlung, 1919. In der Mitte eine Karikatur von Rathenau.

Walther Rathenau war der erstgeborene Sohn von Emil Rathenau und Mathilde (Nachman) Rathenau. Sein Vater war einer der grössten Industriellen, die Deutschland je gesehen hat. Er war der erste, der die elektrische Glühlampe und das Telefon auf den Markt brachte und er war der Gründer der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (A.E.G). Mathilde Rathenau stammte aus der alten jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie Nachman(n), die ihren Stammbaum bis zum Talmudgelehrten und Kabbalisten Mose Ben Nachman (1194–1270) zurückführen konnte.

Hermann Brinckmeyer – Die Rathenaus. Wieland Verlag. München, 1922.

Walther Rathenau studierte Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Strassburg und wurde 1889 in Physik promoviert. Darüber hinaus bildete er auch seine künstlerisches Talent aus und versuchte – wenn auch vergeblich – ein Drama zu inszenieren, das er noch während seines Studiums geschrieben hatte. Bei seinem Onkel, dem grossen Maler Max Liebermann, studierte er Malerei, von der einige Skizzenbücher erhalten geblieben sind. Er diente in der deutschen Armee, arbeitete in der Firma seines Vaters, verliess dann aber alles, um eine Karriere in der Politik zu machen. Er wurde der erste und einzige Jude, der den Titel des deutschen Aussenministers erlangte. Seine Beziehung zu seiner jüdischen Herkunft kannte viele Wendungen, und obwohl er sie nur als einen kleinen Teil seiner Identität betrachtete, hatte sie einen grossen Einfluss auf sein Leben und Denken.

„Von vorn herein will ich bekennen, dass ich Jude bin.“ Walther Rathenau „Höre Israel“ (1897).

Der obige Satz war der erste, den Walther Rathenau jemals in einem Buch veröffentlicht hat. Er wurde ursprünglich unter dem etwas Pseudo-Pseudonym „W. Hartenau“ gedruckt und umfasste sein ganzes, kurzes Leben. Denn dieser Satz, der sowohl apologetisch als auch trotzig ist, fängt Rathenaus Ambivalenz gegenüber seiner jüdischen Herkunft ein. Eine Herkunft, die er einerseits widerwillig hinnahm, auf die er aber andererseits stolz war. Eine Herkunft, die er nie als seine primäre Identität betrachtet hatte, die er aber dennoch nicht hinter sich lassen wollte oder konnte.

Walther Rathenau – Impressionen. Hirzel Verlag. Leipzig, 1902.

In dem Artikel „Höre Israel“, der zuerst 1897 in der Zeitschrift „Die Zukunft“ und fünf Jahre später unter seinem richtigen Namen in seiner ersten Publikation „Impressionen“ (1902) erschien, wollte Rathenau, sich an deutsche jüdische Mitmenschen zu wenden und versuchte sie zu ermutigen, sich stärker für ihre soziale Assimilation einzusetzen. Er war der Meinung, dass der Grund für die gescheiterte Assimilation und den zunehmenden Antisemitismus vor allem bei den Juden selbst lag, die sich immer noch an ihre Geschichte und Tradition klammerten und sich als schwach und feige darstellten: „Meint ihr, der alte Stammesgott werde seinen König Messias senden, um euch zu helfen? Ach, es ist euch nicht aufgefallen , dass er seit ein paar tausend Jahren sich mit euch nichts mehr zu schaffen gemacht hat! Der Herr des Zornes und des Sieges hatte an einem Volke von Kriegern gefallen; für ein Volk von Krämern und Maklern interessiert er sich nicht.“
Der Artikel kam bei den Juden der damaligen Zeit nicht gut an, da sie ihn als Opferbeschuldigung ansahen. Es wird erzählt, dass Rathenaus Vater besonders verärgert war und alle Kopien aufkaufte, die er finden konnte, damit der Artikel nicht noch mehr Menschen erreichte.

Walther Rathenau – Zur Kritik der Zeit. S. Fischer Verlag. Berlin, 1912

In seinen späteren Jahren distanzierte sich Rathenau von diesem frühen Artikel und entfernte ihn aus der Veröffentlichung seiner gesammelten Aufsätze. In einer Sache jedoch änderte er nie seine Meinung, und das war die Konversion. Rathenau hielt die Idee der Taufe von Anfang an für schlecht da sie zu mehr Antisemitismus führen würde. Er erkannte die Nachteile des Jüdischseins in Deutschland, hielt aber eine Konversion aus diesem Grund für völlig falsch. In seinem berühmten Artikel „Staat und Judentum“, der 1912 in dem Buch „Zur Kritik der Zeit“ erschienen ist, schreibt er: „Mit der Zugehörigkeit zum Judentum sind nur bürgerliche Nachteile, mit dem Übertritt zum Christentum erhebliche Vorteile verknüpft […] Die Forderung der Taufe nötigt schließlich den Juden, durch den Akt löblicher Unterwerfung sich einverstanden zu erklären mit der preußischen Judenpolitik, die nicht weniger bedeutet, als die schwerste Kränkung, die ein Staat einer Bevölkerungsgruppe zuzufügen vermag.“

Nicht nur Juden, sondern auch christliche Deutsche hielten die Idee der Konversion für eine gute Lösung. 1917 veröffentlichte der Schriftsteller Curt Trützschler von Falkenstein sein Buch „Die Lösung der Judenfrage im Deutschen Reiche“, in dem er erklärt, dass die einzige Möglichkeit für eine echte Assimilation der Juden in Deutschland ihre Konversion zum Christentum sei. Die einzige realistische Lösung sei die folgende: „Es wäre im inneren und äusseren Interesse der Juden gelegen, wenn sie sämtlich einsehen würden, dass die christliche Nächstenliebe der jüdische Morallehre gegenüber einen religiösen, kulturellen, geistigen Fortschritt bedeutet. Aus diesem Grund sollten die deutschen Juden den Entschluss fassen, jüdische Christen zu werden.“
Der Autor schickte ein Exemplar an Rathenau und fragte ihn nach seiner Meinung, was zu einem Buch führte, das noch im selben Jahr erschien, in dem Rathenau seine Antwort in Form eines offenen Briefes veröffentlichte.

Rathenau selbst betrachtete die „jüdische Frage“ nicht als eine religiöse Frage. Er stellte die christlichen Dogmen dem dogmenfreien Monotheismus des Judentums gegenüber und erkannte nicht nur dessen Existenzberechtigung an, sondern kommt auch zum Schluss, dass sich nur der jüdische Glaube mit der Religiosität des modernen Menschen vereinen lässt: „Im Gegensatz zum nachpaulinisichen Christentum bildet die mosaische Religion keine Kirche. Mögen ihre Bekenner durch Landesgesetzgebung zu Religionsgemeinschaften vereinigt sein: diese Bindung ist des Staates, nicht des Glaubens. Es gibt keinen Tempel: der eine, der auf Zion stand, zur Zeit als der Mosaismus noch die Form der Staatsreligion und der Kirche durchlief, ist zerstört; kein Gesetz fordert seinen Aufbau.“

Max Liebermann – Porträt Walther Rathenau (1912)

Aus diesem letzten Zitat kann man schon erahnen, welches Verhältnis Rathenau zum Zionismus hatte. Er lehnte ihn komplett ab, da er nur ein nationalistisches Gefühl kannte – das deutsche.
In unzähligen seiner Briefe findet man Aussagen wie: „Ich fühle deutsch und werde mich nie von meinem deutschen Volke trennen.“ Oder „Ich habe und kenne kein anderes Blut als deutsches“. Er würde immer wieder versuchen, einen Kompromiss zwischen den Deutschen und den Juden zu finden, denn Rathenaus Jüdischsein war für ihn eine Nuance seines Deutschseins: „Wir sind nichts anderes als Glieder einer Nation, wir sind Deutsche. Doch auf uns lasten zwei Jahrtausende des Schmerzes und wenige von uns können je von ganzem Herzen heiter sein. Willst Du damit die Sorge um mein deutsches Vaterland mildern, dass Du mir die Schmerzen meiner Väter vor Augen hältst?“

Rathenau war der jüdische Glaube jedoch nicht fremd. In einem Brief seiner Mutter an Ernst Jakob aus dem Jahr 1926 schrieb sie: „Mein Sohn hatte keinen jüdischen Religionsunterricht, wohl aber nahm er im Wilhelmsgymnasium an dem Unterricht im Hebräischen teil und sein Lehrer Weinbaum betrachtete ihn als seinen vorzüglichsten Schüler, auf den er sehr stolz war. Auch später beschäftigte er sich noch mit dem Studium des Hebräischen, besonders mit der Grammatik. Er hielt nichts von Dogmen und Vorschriften, um so mehr aber von dem Geist des Judentums und hatte nicht nur jüdischen Verstand, sondern ein wahres jüdisches Herz. Dies bewies er besonders, indem er unzähligen Menschen im Stillen half, sondern indem er auch sie aufsuchte und der Notzuvorkam. Er sorgte unentwegt für geistige und werktätige Arbeiter. Bibel, Talmud und andere jüdische Schriften kannte er wie ein Rabbiner und das Neue Testament wie ein Prediger.“

Obwohl Rathenaus Mutter übertrieben haben könnte, wissen wir mit Sicherheit, dass Walther Rathenau seine Hebräischstudien sehr ernst genommen hat. Man kann sogar hebräische Passagen in seinen Briefen finden. Wir wissen auch, dass er sehr stark von jüdischen Denkern beeinflusst wurde. Die beiden Denker, die ihn am meisten beeinflussten, waren Martin Buber und Baruch Spinoza. Buber, der Rathenau persönlich kannte, wusste zu berichten, wie seine chassidischen Schriften für Rathenau von grossem Einfluss und Bedeutung waren: „Ich war mit Rathenau gut bekannt […] Meinen beiden ersten chassidischen Büchern („Die Geschichten des Rabbi Nachmans“, 1906, und „Die Legende des Baalschem“, 1907) und den sechs ersten meiner „Reden über das Judentum“ war er ein aufmerksamer Leser, wie ich aus allerlei Bemerkungen und Hinweisen erkannt habe. […] Er hatte den Wunsch, in eigener Arbeit zu den Quellen vorzudringen, und hat eine Zeitlang […] eifrig Hebräisch gelernt: sein Lehrer von damals, den ich nach vielen Jahren in Palästina wiedergesehen habe, erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie ernst und gründlich Rathenau dieses Studium betrieben hat.“

Walther Rathenaus jiddischer Brief an seine Mutter, als er 7 Jahre alt war (17.3.1874)

Auch wenn sie es in ihrem Brief nicht erwähnt, war einer von Rathenaus ersten Briefen an seine Mutter, als er sieben Jahre alt war, in jiddischer Sprache. Seine Mutter kannte Jiddisch aus ihrem Elternhaus und es scheint, dass sie es mit ihrem Sohn sprach. Dies ist ein seltener Einblick in Walther Rathenaus Kindheit, der eine unbekannte Seite von ihm offenbart. Oben ist der Brief sowohl in deutscher als auch in jiddischer Schrift.

 Gedenkakt im Reichstag für Walther Rathenau.


Die Ermordung von Walther Rathenau im Juni 1922 hat Deutschland zutiefst erschüttert. Ein nationaler Gedenktag wurde ausgerufen, Strassen und Wege wurden nach dem beliebten Mann benannt, Denkmäler mit seiner Figur errichtet. Dies änderte sich jedoch alles sehr schnell. Die Stimmung in Deutschland veränderte sich im nächsten Jahrzehnt drastisch und zehn Jahre später war keine Spur mehr von seinem Andenken zu finden. Die verbleibenden Mörder und Verschwörer des Mordes wurden freigestellt und gefeiert. Für die Mörder, die gestorben waren, wurden nun Denkmäler errichtet.
Walther Rathenau wurde ermordet, weil er Jude war, aber mehr als das: er wurde ermordet, weil er ein deutscher Jude war, vielleicht der deutsche Jude. Der Mensch, der „deutscher als deutsch“ gewesen war, hatte sein ganzes Leben lang darum gekämpft, Jude zu bleiben.

Walther Rathenau auf seinem Sterbebett.
Oded Fluss. Zürich, 22.6.2022
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Das Buch Ruth und Schawuot

Ludwig Schwerin – Das Buch Ruth (1934)
.כִּי אֶל-אֲשֶׁר תֵּלְכִי אֵלֵךְ, וּבַאֲשֶׁר תָּלִינִי אָלִין--עַמֵּךְ עַמִּי, וֵאלֹהַיִךְ אֱלֹהָי (רות א', טז)
"Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, wo du bleibst, bleibe auch ich, dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott" (Ruth 1, 16)

Chag Schawuot (das Wochenfest) ist ein Feiertag, der menschliche und natürliche Elemente mit universellen und moralischen Elementen verbindet. Der Empfang der zehn Gebote auf dem Berg Sinai ist das Ereignis, bei dem der singuläre Wille der Vielen zum universellen Gesetz wird und ein Volk zu einer Nation.  Die Tradition des Tikun Schawuot (Tikun ist aramäisch für Dekoration), bei der die ganze Nacht über die Tora studiert wird, um die Seele zu reparieren (Tikun ist hebräisch für Reparatur), ist mit dem Erwachen der Natur verbunden, die sich regeneriert und die Erde mit Farben schmückt und Düfte verbreitet. Die Ernte der Feldfrüchte, die während Schawuot anfällt, ist mit Dankbarkeit gegenüber Gott und Wohltätigkeit gegenüber Menschen in Not verbunden.

Das Buch Ruth in einer Miniaturbibel aus der Breslauer Sammlung

Es ist also kein Wunder, dass Megillat Ruth (das Buch Ruth), die all dies in einer einfachen kurzen Geschichte zusammenfasst, in die Schawuot-Tradition aufgenommen wurde. Diese Idylle, die in der Zeit der Ernte spielt, erzählt die Geschichte von Ruth, einer moabitischen Frau, die trotz grosser Not und nach dem Verlust ihres Mannes in einem Akt grossen Glaubens die jüdische Religion annimmt. Sie lehnt die Aufforderung ihrer jüdischen Schwiegermutter Noemi ab, zu ihrer Familie zurückzukehren, und lässt diese zusammen mit ihrem Land und ihrem Volk hinter sich, um Noemi in ihre Heimatstadt Bet Lechem zu begleiten. In Bet Lechem, umgeben von reifen Gerstenfeldern, trifft Rut auf ihren zukünftigen Ehemann Boas, der sie wegen ihrer tugendhaften Taten in sein Herz schliesst. Ruth wird für ihre Treue mit einem Sohn belohnt und wird schliesslich die Urgrossmutter von König David werden.

Das Buch Ruth im Machzor ke-Minhag Aschkenazim. Wilmersdorf 1750.

Die Geschichte enthält alle Merkmale des Feiertags Schawuot, eines Feiertags, der im Gegensatz zu anderen jüdischen Feiertagen kein herausragendes Symbol hat. In der Geschichte nimmt Ruth die jüdische Religion an und symbolisiert dadurch die Annahme der Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Die Idee der Almosen und des Mitleids, die sowohl Ruth gegenüber ihrer Schwiegermutter als auch Boas gegenüber Ruth zeigt, als er ihr erlaubt, in seinem Feld zu sammeln, sind mit der Idee von „Chesed“ und Altruismus verwoben, für die Schawuot bekannt ist. Die halachische Tradition, nach der König David an Schawuot geboren wurde und auch starb, kommt ebenfalls ins Spiel, denn das Buch schliesst mit der Erwähnung, dass David der Nachkomme von Ruth ist und als Belohnung für ihre Taten gesehen wird. Auch die Natur spielt in der Geschichte eine grosse Rolle, denn sie spielt sich hauptsächlich in der Zeit der Ernte und vor dem Hintergrund offener Felder ab.

Dieses kurze Buch (nur 24 Verse), das in vielen der Machzorim und Tikunim unserer Bibliothek vorkommt und in einigen unserer Machzorim nur eine Seite einnimmt, hat sowohl die jüdische, zionistische als auch die nichtjüdische Literatur und Kunst stark beeinflusst. Die einfache Struktur und Sprache des Buches, hinter der sich eine sehr tiefe Bedeutung und Moral verbirgt, ermöglichte es, von zahlreichen Autoren und Gelehrten interpretiert und angepasst zu werden. Aus den Kommentaren, die von Jahrhundert zu Jahrhundert zum Buch Ruth verfasst wurden, konnte man den Geist der jeweiligen Zeit, des Ortes oder der Kultur herauslesen und konstruieren.

Marc Chagall – Noemi und ihre Schwiegertöchter (1960)

In einem früheren Beitrag (Rabbiner Goethe: https://breslauersammlung.com/2022/03/21/rabbiner-goethe/) haben wir bereits über den grossen Einfluss gesprochen, den dieses Buch auf Goethes „Hermann und Dorothea“ hatte. Hier werden wir uns jedoch auf zwei seltene Bücher aus unserer Bibliothek konzentrieren, die sich auf interessante und ungewöhnliche Weise mit Buch Ruth beschäftigen.

Das erste Buch, das wir besprechen werden, befindet sich in unserer Breslauer Sammlung und wurde 1834 ebenfalls in Breslau gedruckt. Der Autor ist Isaac Jojade Cohn (1771-1841), ein Hebräischlehrer, der auch als Lehrer des berühmten niederländischen Malers Jozef Israels bekannt ist. Das Buch „Boas und Ruth“ wurde zweisprachig auf Hebräisch und Deutsch in Form eines Dramas veröffentlicht. Wie viele Theaterstücke der damaligen Zeit war es nicht für die Bühne gedacht, sondern sollte als Idylle gelesen werden.

Da Jojade Cohn das Buch Ruth als aktuell ansah, versuchte er, die biblische Geschichte für seine Zeit und seinen Glauben fruchtbar zu machen und anzupassen. Das Drama nimmt die bekannten Figuren aus dem Buch Ruth und nutzt sie, um die Ideen der Haskala (jüdische Aufklärung) wie Gleichheit zwischen den Geschlechtern, Pluralismus und Gleichheit zwischen Juden und Nichtjuden voranzutreiben. Jojade Cohn nutzt sowohl das Buch Ruth als auch die vielen Midraschim und Agadoth, insbesondere Midrasch Ruth Zuta, um seine Ideen zu vermitteln.

Jojade Cohn schrieb drei Einleitungen zu seinem Buch. Eine apologetische, in der er erklärt, dass er die biblische Quelle nicht genau verwendet, und die vielen Fragen und Zweifel erwähnt, die das Buch Ruth aufwirft. Die zweite heisst „Anrede dieses Werkes an den Leser“, in der er aus der Perspektive des Buches selbst schreibt, das zeitgemäss sei und nicht nur in den Bibliotheken verstauben soll. Die dritte Einleitung ist unapologetisch und Jojade erklärt darin, was ihn motiviert hat, das Buch zu schreiben, hauptsächlich die Ideen der Haskala, und warum er sein Buch für wichtig hält.

Aus „Die Welt“ 29.4.1904.

Ein zweites Buch, das sich eindeutig mit dem Buch Ruth beschäftigt, ist das 1903 erschienene „Ruth und andere Gedichte“ von Siegmund Werner (1867 – 1928). Werner war ein Mann mit vielen Eigenschaften, ein Zahnarzt, Schriftsteller und viele Jahre lang Redakteur der zionistischen Zeitung „Die Welt“. Er war auch ein sehr aktives Mitglied der zionistischen Bewegung sowie Sekretär und enger Freund von Theodor Herzl.

Mit dem Erwachen der zionistischen Bewegung, haben viele Juden ihr Interesse an der Bibel und ihrer Darstellung des Heiligen Landes geweckt. Das inspirierte viele Künstler und Autoren dazu, sich Palästina so vorzustellen, wie es in der Bibel vorkommt. Das Buch Ruth war in der zionistischen Bewegung schon immer sehr beliebt, denn es handelt von der Rückkehr in die Heimat, der Verbundenheit mit der Natur und der Feldarbeit. Werners Buch entsprach der Mode der Zeit, biblische Motive in romantischer Form darzustellen. Er nahm die grundlegende Geschichte und die Hauptfiguren des Buches und schrieb daraus moderne, zionistische Gedichte.

Unsere Bibliothek ist die einzige in Europa, die dieses sehr seltene Buch besitzt, das auch eine ausklappbare Notenseite zu einem von Werners Gedichten „Ich werde sein“ enthält, das von dem berühmten jüdischen Komponisten und engen Freund von Johannes Brahms, Ignaz Brüll (1846 – 1907) komponiert wurde:

Oded Fluss. Zürich, 2.6.2022
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120 Jahre Altneuland

In diesem Monat jährt sich zum 120. Mal die Veröffentlichung von Herzls zionistischem Roman „Altneuland“, in dem er versuchte, den zionistischen Plan in seiner Entstehung zu beschreiben.  Nach dem Theaterstück „Das neue Ghetto“, das 1894 veröffentlicht wurde und vom Erwachen des zionistischen Gefühls handelt, und „Der Judenstaat“, der ein Jahr später erschien und einen abstrakten Plan für die Errichtung eines jüdischen Landes darstellte, war es der letzte Teil von Herzls „zionistischer Trilogie“. Er wurde zwar als Roman geschrieben , versuchte aber, seinen Plan angesichts der aktuellen Probleme und der aktuellen Situation in Palästina in konkrete Details zu fassen. 

Theodor Herzl – Altneuland. Hermann Seemann Nachvolger Verlag. Leipzig, 1902. (D 1404).

Das Buch war ein faszinierender Versuch, den Zeitgeist in Bezug auf den Zionismus zu bündeln, und obwohl es heute als „utopisch“ gilt, lässt es sowohl Hoffnung als auch Zweifel zu Wort kommen. Die Worte „Gott“, mit denen der Roman endet, und „Traum“, mit denen das Nachwort der Bücher schliesst, symbolisieren mehr als alles andere, dass man Herzls Roman als utopisch im ernsten Sinne betrachten sollte, als Beschreibung eines Ideals, das mehr als wahrscheinlich nicht zu verwirklichen ist. Das oft zitierte Motto auf der Titelseite des Buches „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“, ist leider das Einzige, was die meisten von uns heute von diesem Roman kennen. Vielleicht ist es auch gut, sich daran zu erinnern, dass auf der letzten Seite dieses Buches nach vier Punkten, die die Kontinuität von der ersten bis zur letzten Seite symbolisieren, einige Worte stehen, die das berühmte Zitat beenden: „….Wenn Ihr aber nicht wollt, so ist und bleibt es ein Märchen, was ich Euch erzählt habe.“

Zwei letzte Seiten des Romans

In unserer Bibliothek haben wir die seltene Erstausgabe ,die 1902 in Leipzig im Hermann Seemann Nachfolger Verlag erschienen ist. Am Zustand des Buches kann man erkennen, dass es viel gelesen wurde. Interessant ist auch, die Entwicklung dieses Buches zu verfolgen, das zwischen 1896 und 1902 geschrieben wurde. Herzl hat in seinen Tagebüchern viele interessante Hinweise auf den Schreibprozess hinterlassen. Er hatte aber auch einige öffentliche Hinweise auf dieses Buch gegeben und diese findet man in der zionistischen Zeitschrift „Die Welt“, deren Chefredakteur Herzl viele Jahre lang war.

Die Welt : Zentralorgan der Zionistischen Bewegung (Z 253).

Den ersten Hinweis auf dieses Buch finden wir in einem Vortrag, den Herzl in London am 26. Juni 1899 in der St. Martin’s Town Hall hielt und der kurz darauf in „Die Welt“ veröffentlicht wurde. Man kann bereits den Zweifel erkennen, den Herzl mit seinem Roman hatte:

Mit dem Ende des Zionistenkongresses in Basel schien sich die Idee, den Roman zu veröffentlichen, sowie die allgemeine Idee des Romans in Herzls Kopf zu verfestigen, wie wir in der kurzen Mitteilung in „Die Welt“ vom 1. September 1899 lesen können:

Eineinhalb Monate später finden wir zum ersten Mal auch den Namen des Romans, ebenfalls in einer sehr kurzen Ankündigung:

Die folgenden zwei Jahre waren für Herzl sehr schwierig, da er sowohl mit seinem Roman als auch mit der Umsetzung seiner Idee kämpfte. Das nächste Mal, dass wir öffentlich von dem Roman hören, ist am 2. Mai 1902, kurz vor seiner Veröffentlichung:

Der Roman wurde tatsächlich in mehrere Sprachen übersetzt, wobei die ersten beiden absichtlich Hebräisch und Jiddisch waren. Die jiddische Übersetzung, die bereits 1902 in Warschau im Tzfira Verlag veröffentlicht wurde, trägt den Namen des Übersetzers „Dr. Is. El“. Das sind die Initialen des berühmten Arztes, Autors und jiddischen Literaturkritikers Israel Isidor Eljaschoff (1873 – 1924), auch bekannt als Ba’al Makhshoves.

Theodor Herzl – Altnayland. ha-Tsfira Drukh. Warschau, 1902. (J 109).

Die hebräische Übersetzung, ebenfalls aus dem gleichen Jahr, Ort und Druckerei des Jiddischen, trägt den einzigartigen Namen „Tel Aviv“. („Tel“ ist das hebräische Wort für vielschichtiger Siedlungshügel und „Aviv“ für Frühling), der später den Namen der Stadt Tel Aviv inspirierte. Die wunderschöne Übersetzung, die bis heute als Klassiker gilt, stammt von dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Pionier des modernen hebräischen Journalismus und hebräischen Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Nachum Sokolow (1859 – 1939).

Theodor Herzl – Tel Aviv, Defus ha-Tsfira. Warschau, 1902.
Oded Fluss. Zürich 19.5.2022
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