Taschlich

Am ersten Nachmittag von Rosch Haschanah geht man nach dem Minchah-Gottesdienst Taschlich machen. Dieser Brauch, dessen hebräischer Name wörtlich „du mögest werfen” bedeutet, wird am ersten Tag des jüdischen Neujahrsfestes durchgeführt. Fällt dieser Tag auf den Schabbat, wird er am zweiten Tag durchgeführt, da das Tragen am Schabbat nicht erlaubt ist. Er beinhaltet das Gehen zu einer fliessenden Wasserquelle und das Beten um Vergebung der Sünden im Freien. Aufgrund seines einzigartigen Charakters kommt er in vielen jüdischen Gedichten, Geschichten und Midraschim vor.

Der um 1390 in Mainz wirkende Maharil (Rabbi Jakob ben Moses ha-Levi Molin, (1375–1427) berichtet in seinem bekannten Werk Sefer Maharil davon, dass Juden bereits zu seiner Zeit am ersten Tag des Neujahrsfestes ans fliessende Wasser gingen, Brotkrümel für die Fische ins Wasser warfen und dabei den Vers aus dem Buch des Propheten Micha sprachen:
Er wird sich uns zuwenden, sich unser erbarmen, unsere Sünden zertreten und all ihre Vergehungen in die Meerestiefen werfen.
Dieser alte, besondere Brauch ist einzigartig, denn er wird öffentlich durchgeführt – und das unter freiem Himmel. Da er weder in der Tora noch im Talmud offiziell erwähnt wird, können ihn die meisten Juden nicht nachvollziehen. Sie tun ihn daher oft als Aberglauben ab oder machen sich sogar darüber lustig.

Aus der jiddischen Zeitung Forwards. 2.9.1956.
Abraham Geiger (1810-1874), der Gründungsvater des Reformjudentums und bedeutender jüdischer Gelehrter im Bereich der Wissenschaft des Judentums, bezeichnete die Taschlich-Zeremonie an Rosch Haschana als volkstümliche Erfindung, die es nicht wert sei, im Kodex erwähnt zu werden. Auf die diesbezügliche Frage von Rabbi Emanuel Schreiber antwortete er:
Um dem Verfasser und Consorten die Mühe zu ersparen, am künftigen Neujahr den Abend des ersten Tages die Oder, die Ohlau und die Gräben der Stadt entlang aufzupassen, um zu sehen, ob ich denn auch meinen Rocktaschen Krumen schüttele, zum Zeichen, dass auch meine Sünden abgeschüttelt sein mögen — alle anderen Gründen sind spätere Erklärung — bin ich bereit, ihm ein Dokument auszustellen, dass ich diesen Gebrauch auch praktisch nicht mitmache.

Die Beobachtung, dass die Juden dabei eine schüttelnde Bewegung ausführen oder ihre Taschen ausschütten, führte zu der Annahme, es handele sich um eine unseriöse Zeremonie: ein wortwörtliches theatralisches Abschütteln der Sünden, die dann von den Wellen oder Fischen mitgenommen würden. Deshalb beschlossen viele, nicht teilzunehmen. Wie Pauline Wengeroff in ihren Memoiren einer Großmutter erzählt:

Pauline Wengeroff – Memoiren einer Grossmutter : Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert. Poppelauer. Berlin, 1908. D 749k
Diese Annahme ist jedoch nicht völlig zutreffend. Denn man kann diesen Brauch auch als Symbol mit einer tiefen, ernsten und religiösen Bedeutung betrachten. Das Wesentliche dieser symbolischen Handlung ist bereits in den Sprüchen aus Micha VII, 18–19 enthalten, aus denen das Taschlich-Gebet besteht.
מי אל כמוך נשא עון ועבר על פשע לשארית נחלתו לא החזיק לעד אפו כי חפץ חסד הוא ישוב ירחמנו יכבש עונתינו ותשליך במצלות ים כל חטאותם
Wer ist wie du, o Gott, Schuld vergebend und über Missetat hinwegsehend, für den Rest seines Erbes? Nicht für immer hält er fest seinen Zorn, denn an Gnade hat er Gefallen. Er wird sich uns zuwenden, sich unser erbarmen, unsere Sünden zertreten und all ihre Vergehungen in die Meerestiefen werfen.

Die Übung entspricht dem Sinn des Feiertags und gibt dem Gedanken Ausdruck, dass die Gnade Gottes die Sünden unwiderruflich tilgt, so wie eine Welle, die ins Meer zurückkehrt und nicht mehr feststellbar ist. Der Maharil begründet die symbolische Handlung damit, dass der Brauch auf die Opferung Isaaks bzw. auf die Pflichterfüllung Abrahams hinweise. Dieser habe sich durch kein Hindernis zurückhalten lassen, obwohl sich ihm, wie im Midrasch Tanchuma erzählt wird, der Satan in Gestalt eines Flusses entgegenstellte und dessen Fluten ihm bis zum Hals reichten. Abraham rief Gott um Hilfe an:
„Hilf mir, Gott, das Wasser kam bis zu meiner Seele (Hals).”

In seinem Kitzur Schulchan Aruch nennt Rabbiner Salomon Ganzfried (1804–1886) einen zweiten Grund dafür, dass man den Fluss aufsucht: Es sei eine alte Sitte gewesen, die jüdischen Könige am Ufer eines Flusses zu salben – oder, wie man heute sagen würde, zu krönen –, um anzudeuten, dass ihr Reich von langer Dauer sein möge, wie das Wasser ohne Unterbrechung den Fluss hinabfliesst. An Rosch Haschana wird Gott allegorisch als König der Welt gekrönt.

Darüber hinaus sagt Rabbiner Ganzfried, es sei besser, wenn der Flusslauf ausserhalb der Stadt liege und von Fischen belebt sei. Er führt dafür an, dass wir in vielfacher Hinsicht mit den Fischen verglichen werden. So seien wir beispielsweise vor den Schlingen des Todes ebenso wenig sicher wie die Fische vor dem Netz des Fischers. Dieser Gedanke sollte die Menschen zur Busse anregen. Andererseits können Verfolgungen unserer Gesamtexistenz so wenig anzuhaben vermögen wie die Nachstellungen des Fischers den Fischen, die sich immer wieder vermehren und als Gattung unausrottbar sind.

Manuel Gottlieb nennt in seinem Buch דרכי נעם Darche Noam, die sich im Netz verfangenden Fische als Grund, warum kein Mensch sein Schicksal kennt. Dieser Gedanke ist ein Hinweis auf die entsprechende Stelle im Kohelet IX,12: „Kein Mensch weiss seine Zeit, wie die Fische, die arglos im Netz gefangen werden, und wie die Vögel, die in den Schlingen gefangen werden.“

Offensichtlich wurde auch an die allegorische Auslegung mehrerer Talmudstellen über die Natur der Fische gedacht. In diesen wird das Bild der weit geöffneten, nicht von Augenlidern bedeckten Augen der Fische mit der göttlichen Vorsehung in Verbindung gebracht. Dies könnte einer der Gründe sein, warum man an Rosch Haschana Fisch oder Fischköpfe isst.

Auch wenn es nicht auf religiöse Weise geschieht, kann man sich dennoch auf die symbolische Bedeutung des Brauchs des Taschlich beziehen. Manchmal sind wir durch vergangene Taten oder Untaten belastet und müssen etwas Symbolisches tun, um uns psychologisch zu erleichtern. Wie Shmarya Levin in seinem wunderschönen autobiografischen Buch Kindheit im Exil erzählt:

Interessanterweise gibt es ein altdeutsches Gegenstück zu Taschlich. Es war nämlich urdeutsche Sitte, am Johannisabend an einen Fluss zu gehen und unter Gesang oder leise gemurmelten Sprüchen Kräuter in den Fluss zu werfen. Mit den flussabwärts geschwemmten Kräutern sollte alles Unheil des nächsten Jahres hinweggeschwemmt werden. Als der italienische Dichter und Geschichtsschreiber Petrarca dieses Schauspiel am Rhein sah, als er aus Frankreich kommend in Köln war, war er so begeistert, dass er diesen Brauch an den Tiber verpflanzen wollte. Jedenfalls berichtet Jacob Grimm in einer zum Andenken Schillers im Jahr 1859 in der Akademie der Wissenschaften in Berlin gehaltenen Rede davon.

Gleichwohl lässt sich nicht eindeutig sagen, dass die Juden diesen altdeutschen Brauch übernommen haben. Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, wäre die Begründung und Auslegung des Taschlichmachens eine ganz andere geworden. Taschlich ist ein Gottesdienst in der freien Natur, der höchste religiöse Hingabe an den Gedanken der Teschuwa, der Rückkehr zu Gott, sowie Unterordnung unter das vom König der Welt über uns bestimmte Geschick bedeutet.

Über die frühe Praxis des Taschlich in der Schweiz gibt es nur wenige Informationen. Eine kurze Beschreibung findet sich jedoch in den Aufzeichnungen von Dr. Samuel Teitler (1900–1989). Der nichtorthodoxe Teitler arbeitete als Rechtsanwalt in St. Gallen, war stellvertretender Richter des Schweizerischen Obergerichts und Präsident der jüdischen Gemeinde St. Gallen. Wie er mit dieser „fremden Welt” in Kontakt kam, beschreibt er, als er zum ersten Mal Rosch Haschana in St. Gallen feierte. Interessanterweise interpretierte er den Taschlich-Brauch etwas anders:
Am ersten Tag Rosch Haschana durfte ich mit den Männern hinauf wandern zu den Drei-Weihern. Dort wurden Brotkrumen ins Wasser geworfen und Verse gesprochen, ein Vorgang, den ich später nie mehr miterlebte. Ich erkannte an dem Gehabe der Männer, dass es für sie eine bedeutungsvolle Handlung war, beruhend auf dem Gedanken und der Bitte, dass die Fluten, so wie die Krumen, das Unheil, das im kommenden Jahr kommen könnte, wegtragen möchten.

Wie man sieht, versteht Teitler dieses Ritual so, dass es sich auf zukünftige und nicht auf vergangene Sünden bezieht. Diese Interpretation geht auf Solomon ben Moses Raphael London (1661 – 1748) zurück. In seinem Buch Kehilat Shlomo adressiert er das Problem, dass andere Völker die Juden als ein Volk sehen, auf das man sich nicht verlassen kann, da sie Tashlich praktizieren und somit ihre Verfehlungen „auslöschen” können. Deshalb interpretiert er das Ritual so, dass es sich auf zukünftige Sünden bezieht.

Erwähnenswert ist auch, dass manche behaupten, Juden seien in der Vergangenheit oft der Wasservergiftung bezichtigt worden, weil sie den Brauch des Tashlich ausüben. Das klingt nicht abwegig, denn bei dieser Zeremonie werfen Juden öffentlich Brotkrumen ins Wasser. Dies könnte Aussenstehenden verdächtig erscheinen und zu einer antisemitischen Vorurteilen führen.

Oded Fluss. Zürich, 17.9.2025.
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