Der Fall des Zürcher Chanukkabaums

Vor mehr als 130 Jahren, am 5. Dezember 1893, erschien eine Ausgabe des Zürcher Tagblatts, die für Aufsehen sorgte. Neben mehreren Anzeigen zu den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen, die unter anderem Geschenke, Veranstaltungen und vor allem den Verkauf von Weihnachtsbäumen bewarben, erregte eine kleine Anzeige die Aufmerksamkeit vieler Leserinnen und Leser.

Tagblatt der Stadt Zürich. 5.12.1893.
ZB. Alte Drucke. UZ 1.

Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Der Verein Philharmonie, dessen Vorstand die Anzeige publizierte, war der Vorgänger des Zürcher Synagogenchors. Der 7. Dezember 1893 war der fünfte Tag von Chanukka, weshalb es ein günstiger Zeitpunkt war, um eine musikalische Chanukka-Feier zu veranstalten und die fünfte Kerze des Chanukka-Leuchters anzuzünden. Wenn man den in grossen Buchstaben geschriebenen Titel jedoch noch einmal liest, muss man sich fragen: Was um Himmels Willen ist ein „Chanukkabaum”?

Viele waren über diese Anzeige sehr verblüfft. Sie erschien in derselben Zeitung, in der Christen dazu aufgerufen wurden, nur bei anderen Christen zu kaufen. Sofort hörte man von Zürchern, die sich den Kopf darüber zerbrachen, warum jemand den Weihnachtsbaum nicht mit seinem „guten deutschen Namen” bezeichnen sollte, sondern gezwungen war, ihm einen jüdischen Namen zu geben.

Auch die Schweizer Juden waren darüber, gelinde gesagt, nicht glücklich. Abgesehen von der unerwünschten Aufmerksamkeit, der sie kurz nach Erlangung der religiösen Gleichberechtigung in der Schweiz ausgesetzt waren, war ihnen das Konzept eines Chanukkabaums völlig fremd.

Der Israelit. 11.12.1893.

Die jüdische Zeitung Der Israelit, die damals über alles rund um jüdische Themen in Europa berichtete, veröffentlichte am 11. Dezember einen bissigen Artikel dazu. Darin wurden die Beschwerden der „Züricher“ wiedergegeben und die Legitimität dieses nichtjüdischen Konzepts infrage gestellt, indem dessen Vorkommen in jüdischen Quellen und sogar dessen botanischer Hintergrund bestritten wurden. Der Artikel endet mit einer zynischen Frage zur Kaschrus eines solchen Baumes und kritisiert den Philharmonie-Verein dafür, eine solche Anzeige überhaupt zu veröffentlichen.

Der Israelit. 11.12.1893.

In der heutigen Zeit, in der Chanukka und Weihnachten harmonisch nebeneinander existieren und das Konzept von „Weihnukka”, bei dem beide Feste gemeinsam gefeiert werden, die Herzen vieler Menschen erobert hat, scheint die Aufregung über diese kleine Anzeige unangemessen. Die Idee eines Chanukkabaums, die sogar Theodor Herzl aufgriff, um seine Wertschätzung und seinen Respekt für beide Traditionen auszudrücken, erscheint uns heute unschuldig.

Der Israelit. 13..Dezember 1893.

Und unschuldig war es offenbar damals auch, wie einer kurzen Erklärung von Leo Dreyfus, dem Präsidenten des Philharmonie-Vereins, zu entnehmen ist. Diese wurde nur wenige Tage nach der ursprünglichen Anzeige veröffentlicht. Demnach war der Chanukkabaum lediglich ein unschuldiger Druckfehler.

Die korrigierte Anzeige. Tagblatt der Stadt Zürich. 7.12.1893.

Oded Fluss. Zürich, 4.12.2025.