Die seltsame Geschichte von Hitler, dem Juden
Als Adolf Hitler im Jahr 1933 in Deutschland an die Macht kam, stiessen verschiedene Medien weltweit auf eine sensationelle Geschichte. Anhand angeblicher genealogischer Dokumente und Inschriften auf Grabsteinen entstanden Berichte über die Herkunft des „allmächtigen Führers“ des Dritten Reichs. Hitler, der einen Grossteil seiner Popularität seiner arischen Rhetorik und seinem Antisemitismus verdankte, soll demnach selbst jüdischer Abstammung gewesen sein.

Da er selbst kein Aushängeschild für das von ihm gepredigte arische Aussehen war, stand Hitler bereits im Vorfeld unter Verdacht. Seine fragwürdige Vergangenheit und die Schadenfreude, die eine solche Enthüllung mit sich gebracht hätte, liessen viele hoffen, dass er Opfer seiner eigenen Giftpropaganda werden würde. Noch mehr als das war es jedoch sein Nachname, der diesen Verdacht ins Rampenlicht rückte.

Heute ist es vielleicht schwer vorstellbar, aber Hitler bzw. Hittler war ein recht häufiger jüdischer Nachname, insbesondere in Russland und Osteuropa. Die Etymologie des Namens liefert uns einige mögliche Erklärungen. Eine davon ist, dass sich jüdische Familien oft nach ihrer Matriarchin benannten und Gitel ein sehr häufiger jüdischer Frauenname im alten Russland war. Da es in der russischen Sprache keinen ‚H-Laut‘ gibt und im polnischen Teil des Gebiets jedes ehemalige „G” zu einem „H” wurde, wurden alle russischen „Gitlers” in Polen zu „Hitlers”.

Eine andere Erklärung ist, dass Juden ihren Nachnamen oft in Verbindung mit ihrem Beruf erhielten. Beispiele hierfür sind Goldschmidt, Schneider oder Becker. In Tschechien und Rumänien gab es jedoch auch einige Fälle von jüdischen Hutmachern, die Hütler hiessen. Aus „Hütler“ zu „Hitler“ war es dann nicht mehr weit.

Obwohl die meisten dieser Berichte in Klatschzeitungen erschienen und in seriösen Forschungen zumeist als unbegründet galten, war die Aufregung – vor allem in jüdischen Kreisen – enorm. In jiddischen und hebräischen Zeitungen entstanden zahlreiche Geschichten, die versuchten, Hitlers jüdische Vorfahren auszumachen. Grabsteinbilder mit dem berüchtigten Namen, verziert mit hebräischen Buchstaben, waren kaum zu übersehen. Wenn der Vorname dann auch noch Adolf war, war das eine echte Sensation.

Für den deutschen „Führer” muss es eine grosse Belastung gewesen sein, als er in verschiedenen Zeitungen erfuhr, dass ein jüdischer Einwanderer einen Pass bei den deutschen Behörden beantragt hatte und diese schockiert waren, als sie den Namen „Adolf Hitler” auf dem Dokument sahen. Ein weiterer Fall war der ägyptische Jude Jacob Hitler aus Kairo, der behauptete, denselben Vater wie der „Führer” zu haben. Er war sogar bereit, einen Bluttest zu machen, um dies zu beweisen.

Sogar von einem angeblich von Hitlers Grossmutter verfassten jüdischen Kochbuch auf Jiddisch, das bei seiner Schwester gefunden wurde, berichteten die Zeitungen. Sie soll als Oberköchin ausgerechnet in der Mensa der Accademica Judaica in Wien gearbeitet haben.

Das war nicht nur für Hitler, sondern auch für die Juden mit dem inzwischen berüchtigten Nachnamen peinlich. Sie mussten ihn loswerden, genauso wie viele ihren nicht mehr angesagten Hitlerschnauz. Wir hören beispielsweise von einer Hochzeit, die fast geplatzt wäre, weil der Bräutigam den unglücklichen Namen Hittler trug. Die Hochzeit konnte gerettet werden, als er sich entschied, seinen Namen in das viel angenehmere Hilton zu ändern.

Adolf Hitlers Herkunft ist bis heute umstritten. Seine ziemlich komplizierte Familiengeschichte – sein angeblicher Vater hiess ursprünglich Schicklgruber und änderte seinen Namen in Hitler, seine Mutter stammte ursprünglich aus der Familie Hüttler – wird Historiker wohl noch viele Jahrzehnte beschäftigen. Uns würde es reichen, wenn wir uns dem jiddischen Schriftsteller Schalom Asch anschliessen würden. In seiner 1942 erschienenen Novelle Hitlers Geburt stellt er Hitler schlicht als den Sohn des Teufels dar.
Oded Fluss. Zürich, 13.11.2025.