Novemberpogrom im Breslauer Rabbinerseminar

Wie so viele andere jüdische Institutionen in Deutschland musste auch das jüdisch-theologische Seminar in Breslau nach den schrecklichen Ereignissen der Novemberpogrome im Jahr 1938 schliessen. Trotz der wenigen Beweise und Zeugenaussagen haben wir uns entschlossen, diesen Blogeintrag dem tragischen Ende des Seminars und seiner weltweit berühmten Bibliothek zu widmen. Unsere Bibliothek hat Tausende Bücher geerbt, die diesen Pogrom überlebt haben. Sie sind heute als die Breslauer Sammlung bekannt.

Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung für das Jahr 1937. Breslau, Januar, 1938. D 7117.

Anfang Januar 1938 veröffentlichte das jüdisch-theologische Seminar seinen Jahresbericht für das Jahr 1937, der eine detaillierte Liste der Studierenden, Lehrenden, Vorstandsmitglieder und Spender sowie einen Kursplan für das Sommer- und das noch laufende Wintersemester enthielt. Über die im Januar 1938 anstehende Gedenkfeier für Jonas Fraenkel, den Gründer des Seminars, müssen wir uns auf die jüdischen Zeitungen beziehen. Wir entnehmen ihnen, dass der scheidende Vorsitzende Dr. Albert Lewkowitz (1853–1954) die Zuversicht geäussert hat, dass der Bestand einer Anstalt, die für das Judentum so segensreich wirkt, in einer Zeit, in der seelische Erhebung und Stärkung des jüdischen Bewusstseins nötiger sind denn je, nicht gefährdet sei. Anschliessend übernahm der Seminarrabbiner Dr. Moses Ochs (1886–1944) den Vorsitz und überreichte drei jungen Rabbinern ihre Entlassungsdiplome.

Der Bibliotheksbericht wurde von dem damals jungen Dr. Ephraim (Elimelech) Urbach (1912–1991) gemeinsam mit der Bibliothekarin Lotte Pinczower (1889–1975) verfasst. Er umfasste alle Ankäufe und Geschenke von Büchern des vergangenen Jahres, die sich auf 301 Werke beliefen, davon 118 auf Hebräisch und 183 in anderen Sprachen. Vor ihrer Zerstörung umfasste die Bibliothek schätzungsweise mehr als 40.000 Bücher und über 400 Handschriften.

Die Bibliothek des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau

Die in diesem Bericht beschriebene düstere Stimmung ist, obwohl sie sehr subtil ist, nicht zu übersehen. Abgesehen von der vergleichsweise geringen Anzahl an Büchern, die die Bibliothek beschaffen konnte, enthält der Jahresbericht einige Hinweise darauf, dass das Institut bereits um sein Überleben kämpft. Die mehrfache Erwähnung von „staatslosen Hörern”, „gegenwärtigen Bedingungen”, „Schwierigkeiten” sowie Hörern in „finanzieller Notlage” verrät, was nicht ausdrücklich gesagt werden konnte. Tatsächlich war dieser Jahresbericht, der 83 Jahre nach der Gründung des Seminars im Jahr 1854 erschien, der letzte, den das Seminar veröffentlichte.

Central-Verein Zeitung. Berlin. 3.11.1938. Z 405.

In ihrer letzten Ausgabe vor der Schliessung, vom 3. November 1938 (auch aufgrund der Pogromnacht) veröffentlichte die Zeitung des Berliner Central-Vereins (C. V.) einen umfangreichen Artikel über das jüdische Breslau. Darin ging es unter anderem um das Breslauer Rabbinerseminar und die Aktivitäten seiner Studierenden und Lehrenden. Im Gegensatz zum Jahresbericht des Seminars war in dem Artikel noch eine hoffnungsvolle Stimmung zu spüren – und das nur wenige Tage vor den schrecklichen Ereignissen, die zur Schliessung des Seminars führten.

Central-Verein Zeitung. Berlin. 3.11.1938. Z 405.

Einer der im Artikel und Jahresbericht erwähnten Lehrer war der Historiker Dr. Willy Cohn (1888–1941). Er hatte erst ein Jahr zuvor seine Lehrtätigkeit am Seminar aufgenommen. Zuvor war er ein angesehener Lehrer am Johannesgymnasium in Breslau gewesen, war jedoch aus antisemitischen und nationalsozialistischen Gründen entlassen worden. Seine nach seinem Tod entdeckten Tagebücher sind eine wertvolle Quelle für die Ereignisse, die die jüdische Gemeinde in Breslau während der Zeit des Dritten Reichs betrafen. In ihnen erhalten wir auch ein Zeugnis aus erster Hand über die letzten Tage des Breslauer Rabbinerseminars.
Am 1. November 1938 schrieb er:

Seminar; dort hörte ich, dass drei Hörer polnischer Staatsangehörigkeit abgeschoben worden sind […] Nach der Sitzung mit Fritz Günther Nathan ein Stück gegangen; darüber gesprochen, dass man mir im Seminar nicht die jüdisch-geschichtlichen Vorlesungen übertragen hat. Aber ich will zu dieser Sache nichts mehr tun, da das Seminar über das Wintersemester kaum noch eine nennenswerte Zahl von Hörern haben wird.

Willy Cohn (1888-1941)

Eine Woche später, am 8. November – einen Tag nach dem Attentat des Herschel Grynszpan auf den Botschaftssekretär Ernst von Rath, das Goebbels als Vorwand für die kommenden Pogrome nutzte – schrieb er:

Seminar ‚Spanien‘ und ‚Tasso‘. Es wird immer schwieriger, die Leute auf die geistigen Dinge zu konzentrieren. Immer wieder hat ein junger Mensch Passschwierigkeiten. […] Die heutigen Zeitungen bringen eine für uns sehr schlimme Nachricht. Der Botschaftssekretär von Rath ist in Paris in der deutschen Botschaft von einem polnischen Juden angeschossen und schwer verwundet worden, eine sehr feige Tat, die sicherlich die schlimmsten Folgen für uns in Deutschland haben wird.

Dies ist der letzte Tagebucheintrag, den Cohn im Seminar schreiben wird. Am 10. November wird es nach dem Einmarsch von Nazi-Anhängern teilweise zerstört und für immer geschlossen. Drei Jahre später, am 29. November, werden Cohn, seine Frau Gertrud und die beiden Töchter Susanne und Tamara im IX. Fort zusammen mit 2.000 Juden aus Breslau und Wien erschossen.

Alfred Jospe (1909-1994)

Ein weiteres Zeugnis stammt von dem deutschen Rabbiner Alfred Jospe (1909–1994). Er war Student im jüdisch-theologischen Rabbinerseminar und besuchte wie viele andere auch die Universität Breslau. In einer 1963 veröffentlichten Gedächtnisschrift für das Seminar beschreibt er dessen letzte Tage:

Am 10. November 1938 wurde das Seminar von den Nazis überfallen, teilweise zerstört und auf polizeiliche Anordnung geschlossen. Zahlreiche Studenten wurden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, der Unterricht musste eingestellt werden, Versammlungen des Lehrkörpers wurden verboten. Aus den Protokollen der Fakultät geht hervor, dass sich drei Fakultätsmitglieder, Dr. Isaac Heinemann, Dr. Samuel Ochs und Dr. Nachum Wahrmann, am 8. Dezember 1938 zu einer informellen Besprechung über die Situation trafen. Dr. Heinemann berichtete, dass ‚von den Behörden noch keine Nachricht über die Wiedereröffnung des Seminars eingegangen ist‘. Er empfahl, den Abschluss aller in Frage kommenden Oberstufenschüler auf jede erdenkliche Weise zu erleichtern. Da ein Verstoß gegen das Versammlungsverbot vermieden werden müsse, solle jeder Schüler aufgefordert werden, jeden Lehrer zu Hause aufzusuchen, um seine Prüfung abzulegen. Die Ergebnisse der Prüfungen würden in das Fakultätsprotokoll eingetragen.

Das Seminar in der Wallstrasse 1b

Das Novemberpogrom von 1938 war einer der Vorboten des tragischen Schicksals der europäischen Juden. Für das Breslauer Rabbinerseminar bedeutete es das Ende einer der wichtigsten und einflussreichsten jüdischen Institutionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Seminar war ein Pionier der Wissenschaft des Judentums. In seinen 84 Jahren des Bestehens hat es einige der bedeutendsten Gelehrten, Rabbiner und Denker der Neuzeit hervorgebracht. Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), der ebenfalls am Seminar studiert hatte, äusserte sich zu seinem Beitrag wie folgt:

Wir alle, die wir in der Arbeit für das Judentum stehen wollen, wir denken voller Dankbarkeit an das, was die Breslauer Theologie gegeben hat. Wir alle, wel­chen Weg oder welchen Umweg wir auch gegan­gen sind, wir kommen doch, schliesslich, auch von Frankel, von Graetz, von Bernays her. Und wir alten Breslauer, wir erinnern uns oft voll dankbarer Wehmut an die theologische Atmosphä­re in dem alten Hause, in seinen Hörsälen und in seiner Synagoge, auf seinen Treppen auch und in seinen Wohnungen, an die theologische Luft in dem alten Garten hinter dem Hause, oft gleich­sam, wenn es so gesagt werden darf, dem Garten Epikurs‘ und der ‚Epikureer’.

Obwohl es für immer geschlossen wurde, blieb das Seminar eine Inspiration und ein Vorbild für viele spätere Schulen und Einrichtungen. Von der einst reichhaltigen Bibliothek, von der nur ein kleiner Teil erhalten blieb, sind heute Teile über die ganze Welt verstreut. Unsere Bibliothek hat grosses Glück, einen grösseren Teil davon erhalten zu haben. Die in diesem Blog vorgestellten Bücher, die häufig aus der Bibliothek des Breslauer Seminars stammen, sind eine ewige Erinnerung an das Seminar und die Menschen, die es geprägt haben.

Oded Fluss. Zürich, 6.11.2025.