An die Deutschen
Zwischen 1946 und 1947 erschienen zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Gedichtbände. Sie wurden von Juden verfasst, die ins Exil fliehen mussten. Beide sind eine Art Anklage und Vorwurf an das deutsche Volk von damals. Sie wurden beide auf Deutsch verfasst. Vor allem tragen sie den gleichen aussagekräftigen Titel: An die Deutschen. Der eine stammt vom bekannten Dichter und Meister der deutschen Sprache Karl Wolfskehl, der andere von der weitgehend unbekannten Dichterin Juliette Pary, für die Deutsch nicht die Muttersprache war.

Karl Wolfskehls Gedichtband erschien im damals noch jungen Origo-Verlag in Zürich. Es sollte das letzte vollständige Werk des bedeutenden jüdischen Dichters zu dessen Lebzeiten bleiben. Zu diesem Zeitpunkt lebte Wolfskehl bereits seit acht Jahren in Neuseeland, insgesamt verbrachte er 14 Jahre im Exil. Als einer der engsten Freunde und Bewunderer von Stefan George war er wohl der bekannteste Dichter, der aus dem berühmten George-Kreis hervorging.

Das nur wenige Seiten umfassende Büchlein war eine wortgewaltige Anklage, geprägt von Bitterkeit und Heimweh, aber auch von Stolz und Selbstbewusstsein. Der Dichter wendet sich darin direkt an seine Leser in der zweiten Person Plural und spricht zu den Deutschen, die damals seine Anhänger, Bewunderer, Kollegen und sogar Freunde waren. Sie ermöglichten, dass deutschen Juden wie ihm, deren Wurzeln und Geschichte weit in die Vergangenheit Deutschlands zurückreichten und die selbst „deutscher“ waren als die sogenannten „Arier“, ihre deutsche Identität, Kultur und Sprache entrissen wurde
Euer Wandel war der Meine,
Eins mit euch auf Hieb und Stich.
Unverbrüderlich was uns eine,
Eins das Grosse, eins das Kleine:
Ich war Deutsch und ich war Ich.
Deutsche Gau hat mich geboren,
Deutsches Brot speiste mich gar,
Deutschen Rheines Reben goren
Mir im Blut ein Tausendjahr

Mit unvergesslichen Versen macht sich Wolfskehl eindrucksvoll zum Sprachrohr der damals fast ausgestorbenen deutschen Juden. Mit gemessenem Stolz, der durch die Schande nicht gemindert wurde, bekannte er sich in dem wohl berühmtesten Vers dieses Gedichts zu seinen Überzeugungen:
Zu mir traten eure Besten,
Zu mir, den die Flamme heisst –
Ob im Osten, ob im Westen:
Wo ich bin, ist deutscher Geist.
Gegen Ende des Gedichts wechselt Wolfskehl zur informellen Anrede „du“. Es bleibt unklar, ob er sich dabei an die Deutschen oder den deutschen Teil seiner zerbrochenen deutsch-jüdischen Identität wendet. Dieser „Abgesang“ verstärkt die Tragik des Dichters, der ein Jahr später im Exil in Neuseeland starb und dessen Grabstein die Inschrift „Exul Poeta“ trägt:
Wo du bist, du Immertreuer,
Wo du bist, du Freier, Freister,
Du der wahrt und wagt und preist –
Wo du bist, ist Deutscher Geist!

Glen Eden, Auckland Council, Auckland, Neuseeland.
Völlig unbekannt und fast vollständig in Vergessenheit geraten ist der wenige Monate zuvor erschienene Gedichtband mit demselben Titel: An die Deutschen. Er wurde unter dem Pseudonym Julia Renner im Pariser Verlag Editions Réalité veröffentlicht. Es war bereits das zweite Pseudonym der jüdischen Autorin Juliette Pary (1903–1950), deren richtiger Name Julia Gourfinkel lautete.

Trotz vieler Ähnlichkeiten – gleicher Titel, Anklage gegen die Deutschen, Verwendung der zweiten Person und das alles auf Deutsch – könnten die beiden Gedichtbände nicht unterschiedlicher sein. Dies betrifft weder die formalen Aspekte, wie den Ort der Veröffentlichung – Zürich im Vergleich zu Paris –, noch die Qualität der Publikation: einen bibliophilen, zweifarbigen Druck in einer Auflage von 600 Exemplaren im Vergleich zu einer sehr einfachen Broschur. Es hängt mit der deutschen Dichterin zusammen, die weder Deutsche noch Dichterin war.

Die russische Jüdin Pary wurde in Odessa geboren. In ihrem ereignisreichen Leben arbeitete sie unter anderem als Erzieherin und Journalistin, vor allem aber als Übersetzerin, hauptsächlich vom Deutschen ins Französische. Obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache war, verfasste sie ihre Gedichte auf Deutsch. Aus ihren kompromisslosen Worten kann man entnehmen, dass sie es allerdings vorgezogen hätte, gar nicht auf Deutsch zu schreiben. Sie tat es jedoch, um von den Deutschen verstanden zu werden:
Ich bin eine rächende Judenstimm,
Die aus Euerem Mord ersteht
Und ich spreche zu Euch in Eurem Deutsch,
Damit Ihr mich versteht“.
[…]
Es ist für mich ein Fluch,
Dass ich in dem verfluchten Deutsch
Gedichte schreiben muss.
Anders als Wolfskehl fühlt sich Pary nicht an bestimmte Umgangsformen oder eine gehobene Sprache gebunden. Sie verspürt weder Heimweh noch Verpflichtungen gegenüber der deutschen Kultur, obwohl sie sich sehr gut damit auskennt, von ihr beeinflusst ist und in einigen ihrer Gedichte sogar zugibt, dass sie Teile davon liebt. In erster Linie betrachtet sie sich als Jüdin, die sich mit den Deutschen ihrer Zeit auseinandersetzt:
Ich hab keine Muttersprache,
Weil ich eine Jüdin bin.
Zu verkörpern meine Gabe,
Mich der fremden Sprach bedien
Pary schreckt auch nicht davor zurück, die Verbrechen der Nazis auf äusserst anschauliche und teilweise sogar obszöne Weise zu beschreiben. Während Wolfskehl von Beleidigung und Verzweiflung spricht, scheint Pary aus reinem Hass und Rache zu schreiben:
Auf welcher Strasse deutsches Tier
Mit deutschen Waffen rollte.
In Lagern deutsches Nazi-Volk
Peitscht blutig Russen-Knaben.
Es lässt in Dreck, Urin und Kot
Die Juden täglich baden.
In Dreck und Kot, bis alle tot!
[…]
Ihr braunen Nazis,
Braun zum Erbrechen,
Schwarzbraungelbblutig,
Ihr seid noch da!
ich will Euch töten.
Wie mit den Taten.
So mit der Schrift.
In Eurer Sprache
Will ich Euch töten,
Ihre Unbekanntheit, die Tatsache, dass sie nicht ihre Muttersprache verwendete, ihre sehr direkte, unpoetische und vielleicht undeutsche Haltung – all dies hätte dazu führen können, dass dieses Buch völlig unbemerkt geblieben wäre und heute fast völlig in Vergessenheit geraten wäre.

In unserer Bibliothek befindet sich ein Exemplar der seltenen Erstausgabe mit einer Widmung der Autorin an den bedeutenden Exilverleger Emil Oprecht aus dem Jahr 1946. Da die Seiten des Buches bisher ungeschnitten waren, kann man davon ausgehen, dass nicht einmal er es gelesen hat.

Vier Jahre später, im Jahr 1950, starb Juliette Pary in Vevey. Zuvor war sie nach Palästina gereist, um als eine der ersten Journalistinnen über die Anfänge des Staates Israel zu berichten. Dort erkrankte sie an einer schweren Form der Dysenterie, von der sie sich nicht mehr erholen konnte.

Erfreulicherweise ist nun eine Neuauflage des Gedichtbands im Persona Verlag erschienen. Neben den nach wie vor relevanten und kraftvollen Worten dieser unbekannten Frau enthält sie auch ein sehr aufschlussreiches Nachwort von Andreas F. Kelletat mit vielen wertvollen biografischen Anmerkungen zu dieser fast vergessenen jüdischen Übersetzerin, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Dichterin, die an die Deutschen schrieb.
Oded Fluss. Zürich, 3.11.2025