Zwischen „Judenbuche“ und jüdischem Buch.
Nie kann mir eine Zeder werden,
was mir die deutsche Buche war.
Jakob Loewenberg.
In unserer Bibliothek und in unserem Blog beschäftigen wir uns oft mit dem „jüdischen Buch“, ohne jedoch zu klären, was genau damit gemeint ist. Ist es ein Buch, das von einem Juden geschrieben wurde? Ein Buch, in dem jüdische Sprachen wie Hebräisch oder Jiddisch verwendet werden? Oder eines, in dem jüdische Themen und Motive der Religion, Kultur oder Geschichte im Vordergrund stehen? Da Juden als das „Volk des Buches“ bekannt sind, ist das eine ziemlich wichtige Frage, auch wenn sie nicht wirklich beantwortet werden kann.

In diesem Beitrag werden wir uns nicht direkt mit der Frage nach dem „jüdischen Buch“ beschäftigen, sondern mit Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff. Dies hat nichts mit der ähnlichen Tonalität der Wörter „Buch“ und „Buche“ zu tun, sondern damit, dass uns dieses 1842 erschienene Werk bei der Beantwortung der Frage nach dem „jüdischen Buch“ hilfreich sein könnte.

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage in der grünen Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges.
Mit diesen Worten beginnt die Novelle Die Judenbuche – Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen. Der Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, die sich in der westfälischen Heimat der Dichterin zutrug. Sie handelt von Friedrich Mergel, der aus schlimmen Verhältnissen stammte, in den Bannkreis des Bösen geriet und den Juden Aaron, dem er Geld schuldete, unter einer Buche ermordete. Die örtlichen Juden kauften den Baum, an dem die Tat begangen wurde, und beschrifteten ihn auf Hebräisch. Viele Jahre später kehrte Mergel in das Dorf zurück und erhängte sich an derselben Buche.

Was als kleines Gedicht begann und um eine Kriminalgeschichte ergänzt wurde, entwickelte sich zum bekanntesten und vollkommensten Werk der Autorin. Die Novelle erlangte schnell den Status eines Klassikers und wurde in den deutschen Kanon aufgenommen. Sie hat aber auch einen Platz in den Herzen vieler Jüdinnen und Juden gefunden, die sich, wenn auch nur am Rande, passiv und hauptsächlich als Opfer, auf äusserst interessante Weise darin wiedergefunden haben.

In ihrer Novelle zeigt Annette von Droste-Hülshoff eindrucksvoll die frühen Wurzeln des modernen Antisemitismus auf. Sie beschreibt, wie sich das anfänglich noch nicht feindselige oder absichtlich hasserfüllte Vorurteil gegenüber dem jüdischen Volk im Kopf des Jungen Friedrich Mergel zu einer Saat entwickelt, die später zu einer schrecklichen Bluttat führt.
Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. „Fritzchen,“ sagte sie, „willst du jezt auch fromm seyn, daß ich Freude an dir habe, oder willst du unartig seyn und lügen, oder saufen und stehlen?“ – „Mutter, Hülsmeyer stiehlt.“ – „Hülsmeyer? Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? wer sagt dir so schlechtes Zeug?“ – „Er hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen.“ – „Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein ordentlicher angesessener Mann, und die Juden sind alle Schelme.“

Ein weiteres sehr interessantes Element der Novelle ist der kleine hebräische Absatz, der darin zu finden ist. Nach der Ermordung des Juden Aaron beschriften die örtlichen Juden die Buche, unter der er getötet wurde, mit hebräischen Worten. Die Autorin verwendet die Originalsprache und -schrift, ohne sie sofort zu übersetzen. Erst am Ende der Geschichte erfahren die deutschen Leser, was auf dem Baum stand.

Wir kehren zur Frage des „jüdischen Buches” zurück. Zweifellos ist Die Judenbuche, obwohl sie von einer nichtjüdischen Autorin geschrieben wurde, für Juden ein interessantes Buch. Es hat einen sehr wichtigen Stellenwert in der jüdischen Geschichte und Kultur und enthält sogar jüdische Sprache. Allerdings scheint es doch etwas weit hergeholt, es als „jüdisches Buch” zu bezeichnen.

Eine Person, die eine andere Meinung vertrat, war der berühmte deutsch-jüdische Geschäftsmann und Verleger Salman Schocken. Als jüdische Verlage und Geschäfte 1936 bereits stark eingeschränkt waren, bestand er darauf, Die Judenbuche in seiner bekannten Schocken-Bücherei zu veröffentlichen. Er wollte dieses Werk in einer Reihe veröffentlichen, die laut einer Broschüre des Verlags aus den Bausteinen der jüdischen Literatur, Kultur und Geschichte zusammengesetzt sein sollte.

Schocken tat dies, obwohl ihm bewusst war, dass die Novelle in vielen anderen Publikationen, unter anderem im Insel Verlag, erhältlich war. Noch merkwürdiger ist es jedoch, dass er es tat, obwohl ihm bewusst war, dass die Veröffentlichung von „arischen” Autoren in jüdischen Verlagen vom Naziregime verboten war, wie sein damaliger Geschäftsführer Lambert Schneider ihm die Worte des deutschen Zensors berichtete:
Es sei eine typisch jüdische Frechheit, die Dichtung dieser großen arischen Menschen in einer jüdischen Bücherei herauszubringen, wurde uns bedeutet.
Schocken veröffentlichte das Buch trotz des Risikos, welches sich leider als real erwies. Anders als bei anderen „arischen“ Werken aus der Bücherei – wie beispielsweise Adalbert Stifters Abdias, bei dem mehr Nachsicht geübt wurde – gingen die deutschen Zensoren dieses Mal keine Kompromisse ein.
Es geht nicht an, dass das Buch dieser deutscher Dichterin in Ihrem Verlage erscheint, und ich ersuche Sie, es innerhalb von 3 Tagen aus dem Verkehr zu ziehen und jede weitere Verbreitung zu unterlassen.
Präsident RSK (Reichsschrifttumskammer) an Schocken Verlag, 16.4.1937.
Sehr wahrscheinlich lag dieses strenge Vorgehen an der „problematischen“ moralischen Natur des Buches, in dem eine Person, die einen Juden ermordet hat, am Ende mit dem Tod bestraft wird. Schätzungen zufolge wurden nach dieser Meldung etwa 3.000 Exemplare des Buches von der nationalsozialistischen Zensur vernichtet.

Die Schocken-Ausgabe von Die Judenbuche ist somit eines der seltensten Bücher der Schocken-Bücherei und das einzige, das sich eine Reihennummer mit einem anderen Buch teilt. Schocken wollte die Nummer 68, unter der Die Judenbuche veröffentlicht wurde, zunächst als leere Nummer angeben – möglicherweise, um den Lesern einen Hinweis darauf zu geben, dass es sich um ein verbotenes Buch handelte. Er entschied sich jedoch dagegen, da dies als Provokation aufgefasst werden könnte. Stattdessen beschloss er, diese Nummer einem anderen Buch der Reihe zu geben.

Diese kleine Begebenheit, die sich fast hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung von Annette von Droste-Hülshoffs Die Judenbuche ereignete, bestärkt uns darin, diese wunderbare Novelle – wenn schon nicht als „jüdisches Buch”, so doch zumindest mit einem Ehrenplatz in unserer jüdischen Bibliothek auszuzeichnen. Wie viele andere Bücher in unserer Bibliothek stand auch diese Novelle allein aufgrund ihrer Beschaffenheit vor der Vernichtung.


Oded Fluss. Zürich, 23.10.2025.