Im Judentum gibt es kaum ein Gebot, das ernster genommen wird als das Fasten an Jom Kippur. Der Verzicht auf Wasser und Nahrung vom Abend des Jom Kippur bis zum Abend danach zählt zu den „fünf Seelenqualen“, die am stärksten mit diesem Tag verbunden sind. Die Tradition ist so stark, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass sich sogar nichtreligiöse Jüdinnen und Juden daran beteiligen.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Fastenbrechen sowie das Essen und Trinken in der Öffentlichkeit an diesem heiligen Tag des Judentums normalerweise stark verpönt sind und als Tabu gelten. Wenn dann noch ein bekannter Rabbiner während Jom Kippur das Fasten in der Synagoge seiner Gemeinde unterbricht, ist es kaum überraschend, dass dies für grossen Aufruhr sorgen kann.

Eine solche Geschichte ereignete sich im Jahr 1848 in Vilnius. Eine schreckliche Cholera-Epidemie hatte die Stadt heimgesucht und auch die jüdische Gemeinde nicht verschont. Da Jom Kippur bevorstand, waren sich alle Ärzte einig, dass das Fasten in Verbindung mit den anderen Bedingungen des Feiertags, wie Gedränge und Überforderung, Schwerkranken, Kranken sowie anfälligen Personen, wie Kindern und älteren Menschen, noch mehr schaden würde. Die religiösen Juden lehnten den Gedanken jedoch ab, an diesem heiligen Tag zu essen und zu trinken, da sie dies als grösste Sünde betrachteten.

Rabbiner Israel Salanter (1810–1883), der heute als einer der bedeutendsten Rabbiner des 19. Jahrhunderts gilt, war damals noch ein junger, wenig bekannter Rabbiner, der sich ebenfalls in Vilnius aufhielt. Als sehr strenger Rabbiner hielt er sich unerbittlich an alle Arten von Halacha. Salanter hatte jedoch eine sehr vernünftige Herangehensweise an die Religion. Nach Rücksprache mit einigen Ärzten nahm er es auf sich, so viele Leben seiner Gemeinde wie möglich zu retten.

Am Abend von Jom Kippur ging er von Synagoge zu Synagoge und versuchte, die Menschen davon zu überzeugen, nicht oder zumindest nicht so streng zu fasten, spazieren zu gehen und die Zeit in der Synagoge zu verkürzen. Doch seine Bemühungen waren vergeblich. Am nächsten Tag, Jom Kippur, beging er daraufhin eine der extremsten Taten in der Geschichte des Judentums. Nach dem Schacharit-Gebet betrat er die Bima [Podest], holte Wein und kleine Backwaren hervor, sprach den Kiddusch und ass in aller Öffentlichkeit.

Die Leute waren entsetzt über seine Tat und bezeichneten ihn sogar als Sünder. Aber er ass weiter, Tränen liefen seine Wangen hinunter, bis schliesslich alle – angefangen bei den Ältesten der Gemeinde – auf die Bühne gekommen waren und es ihm gleichgetan hatten. Anschliessend besuchte er andere Synagogen in der Stadt und handelte genauso.

Diese Geschichte war so bekannt und hat so viele Menschen beeindruckt, dass der jüdische Schriftsteller David Frischmann (1859–1922) sich von ihr zu einer seiner bekanntesten Kurzgeschichten inspirieren liess: Drei, die gegessen haben …. Sie wurde erstmals im Jahr 1892 in Warschau veröffentlicht und ist die wohl bekannteste hebräische Geschichte über Jom Kippur.

Frischmann erzählt die Geschichte aus der Sicht eines kleinen Jungen, der sie miterlebt hat – tatsächlich wurde er jedoch erst Jahre später geboren. Und obwohl Frischmann ein aufgeklärter Jude war, der sich wahrscheinlich gegen den Rabbiner Israel Salanter gestellt hätte, verleiht er ihm in dieser Geschichte die Aura eines Helden, der im Namen der Vernunft seine ganze Gemeinde rettet.
Er beginnt seine Geschichte äusserst gekonnt mit einem berühmten Zitat von Rabbi Schimon aus dem Masechet Avot der Mischna.

Drei Personen, die an einem Tisch essen und dabei keine Worte der Tora sprechen, gleichen denen, die von einem Totenmahl genießen, denn es heisst: alle Tische sind voll des Auswurfs und Schmutzes ohne Gott. Drei Personen jedoch, die an einem Tisch essen und dabei Worte der Tora sprechen, gleichen denen, die die Speisung vom Altar würdig sind.
Dieses merkwürdige Zitat passt sehr gut zu der folgenden Geschichte. Zunächst einmal geht es um das Essen, das einen grossen Teil unserer Geschichte ausmacht. Vor allem aber geht es um die richtige Art des Essens. Es ist von drei Personen die Rede, denn von zwei Personen, die gemeinsam essen, wird nicht erwartet, dass sie Worte der Tora sprechen. Bei drei Personen hingegen wird dies erwartet, denn es handelt sich nicht mehr um eine einfache Mahlzeit, sondern um eine Unterhaltung, bei der es wichtig ist, auch Gott miteinzubeziehen und sich nicht nur auf das Körperliche zu konzentrieren. Frischmann fügt am Ende des Zitats einen kleinen Kommentar hinzu:
Doch damals wusste ich noch nicht zu unterscheiden.
Dies deutet auf Frischmanns eigenen Konflikt zwischen Religion und Aufklärung hin, der am Ende der Geschichte noch eine Rolle spielen würde.

Frischmann nutzt das historische Ereignis, ändert jedoch Zeit und Ort – in seiner Geschichte findet das Geschehen in einem kleinen Dorf statt – und behält die meisten Details über die Pest und die Tat des Rabbiners bei. Er betrachtet das Geschehen als etwas Aussergewöhnliches, bei dem ein mutiger, innovativer Rabbiner bereit ist, eines der wichtigsten Gebote seiner Religion zu brechen, um seine Gemeinde vor einer Seuche zu retten. Es ist daher nicht überraschend, dass viele säkulare jüdische Kreise diese Geschichte übernommen und zur Pflichtlektüre in ihren Schulen gemacht haben.

Die Geschichte in einem Schulheft, das 1932 in Tel Aviv vom Omanut Verlag gedruckt wurde.
Ein kurioser Endabsatz, der nur in wenigen Versionen der Geschichte zu finden ist, erzählt von drei weiteren Juden, die am selben Ort und am selben Jom Kippur assen, ohne dies als Sünde zu betrachten. Dieses Ende ist jedoch mehrdeutig, denn es handelt von den aufgeklärten Juden, zu denen auch Frischmann gehörte. Einerseits ist es eine Kritik an Juden, die den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren haben. Andererseits ist es ein Lob, da sie von der Sache überhaupt nicht betroffen sind.
Nachfolgend finden Sie eine deutsche Übersetzung der Geschichte ohne den letzten Absatz. Wenn Sie auch den Endabsatz lesen möchten, finden Sie ihn nachfolgend unter der Datei.
Auch Drei, die gegessen haben!
Zur selben Zeit, als in der Synagoge das erzählte von sich ging, sassen drei Männer in einem Hause unweit der Synagoge und assen ebenfalls.
Sie waren ebenfalls Juden, aber sie hielten sich für die Aufgeklärten unter ihren Brüdern.
Ihre Bindung besteht aber lediglich darin, dass sie gelernt haben – das Wort Gottes zu missachten und Vätersitten mit Füssen zu treten. Sie leben in frevelndem Leichtsinne nur ihren Sinnen.
Das Fenster ist offen, wir können sie beobachten: Der Tisch ist mit Speisersten und leeren Flaschen überdeckt; ein übermütiges Lachen ertönt hin und wieder, wenn einer dem andern im Kartenspiel – das sie zur geeigneten Stunde pflegen – tüchtig abgewonnen hat.
Also auch Drei, die gegessen haben!
Aber verdienen sie es auch, zu den Helden gezählt zu werden?
Oded Fluss. Zürich 29.9.2025.

