Brechts jüdische Frau

Zum 70. Todestag von Bertolt Brecht.

Am 6. Februar 1980 erschien in der Tiroler Tageszeitung ein Artikel, der für grosses Aufsehen sorgte. Rupert Kerer, der damals Chefredakteur der Zeitung war und bereits für seine antisemitischen Äusserungen berüchtigt war, machte darin die Juden für alle Probleme der Welt verantwortlich. Neben Freud, dem er vorwarf, die Liebe in Sex verwandelt zu haben, und Marx, der den Neid in die Politik gebracht habe, sah er die Juden als verantwortlich für alle Übel der Gesellschaft wie Anarchismus und Nihilismus. Sogar Hiroshima schob er Einstein und Oppenheimer in die Schuhe. Ein Name, den er erwähnte, kam jedoch überraschend. Inmitten seines ungezügelten Hasses auf Juden schrieb er:

Der Jude Brecht hat den Haß in die Literatur eingeführt, und das ,,Lexikon des Judentums“ zählt viele Fortschritte der Menschheit auf, die eigentlich Rückschritte in die Barbarei bedeuten.

Bertolt Brecht (1898- 1956)
Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0

Obwohl er alle „Anzeichen“ dafür hatte, wurde Brecht von den Nationalsozialisten und anderen Antisemiten weder als Jude angesehen noch fälschlicherweise oder absichtlich als solcher eingestuft (Mehr dazu im unseren Beitrag Nichtjüdische Juden). Er war eine der schärfsten kritischen Stimmen gegen den Nationalsozialismus, ein überzeugter Marxist und stets von jüdischen Kolleginnen und Freunden umgeben. Vor allem aber war es seine Frau, die ihn auf gewisse Weise mit einem „jüdischen Schicksal“ verband. So schrieb er 1941 im Exil in der dritten Person über sich selbst in sein Tagebuch:

Brecht ist Arier […] Brechts Frau, die unter ihrem Mädchennamen Helene Weigel Schauspielerin am Staatstheater und bei Max Reinhardt war, ist dagegen Jüdin, was allein für Brecht ein Grund gewesen wäre, aus Deutschland zu emigrieren.

Und obwohl er ihr Schicksal teilte, wurde gerade Brecht – insbesondere nach der Shoah – dafür kritisiert, dass er die Verbrechen des NS-Regimes gegenüber den Juden angeblich nicht ausreichend thematisiert habe. Auch nach seinem Tod hatten viele den Eindruck, dass er den spezifisch gegen Juden gerichteten Nazi-Verbrechen nicht genügend Gewicht beimass und eher von faschistischen Verbrechern und Opfern im Allgemeinen sprach.

Helene Weigel als „Mutter“ in Bertolt Brechts gleichnamigem Schauspiel; Berliner Ensemble,
Foto: Abraham Pisarek, Deutsche Fotothek, 1967

Vier Jahre nach Brechts Tod, im Jahr 1960, erhielt seine Frau Helene Weigel einen Brief des israelischen Journalisten und Pädagogen Zvi Zohar. Dieser gehörte zu den ersten Herausgebern von Brechts Werken auf Hebräisch. Darin berichtete er von seinem ersten Besuch in Deutschland nach dem Holocaust und von einigen Brecht-Stücken, die er zum Thema der Nazizeit gesehen hatte. Er brachte darin sein grosses Unbehagen darüber zum Ausdruck, dass Brecht die Juden und den Antisemitismus – und erst recht den Holocaust – in seinen Stücken ignorierte. Der Jubel und Beifall der jungen deutschen Zuschauer trugen nicht dazu bei, sein Unbehagen zu lindern.

Verdienen die Gräueltaten, die den Juden angetan wurden, und ihr Schicksal unter den Nationalsozialisten nicht die Träne eines Dichters? […] Hat Brecht die Juden tatsächlich ignoriert? Hat er keine Hinweise hinterlassen, die zeigen, dass er den größten und barbarischsten Ausbruch des Antisemitismus seiner Zeit und seines Umfelds wahrgenommen und bezeugt hat?

Zvi Zohar (1898 – 1975)

Zohar veröffentlichte den Brief und Weigels Antwort im Oktober 1960 in der israelischen Zeitung Al ha-Mishmar. Im Folgenden die Rückübersetzung eines Teils von Weigels Antwortbrief ins Deutsche:

Sehr geehrter Dr. Zohar, wir sind der Ansicht, dass es ungerecht ist, B. Brecht vorzuwerfen, er habe das „Judenproblem” ignoriert […] In seinen Theaterstücken und Gedichten war es seine ausdrückliche Absicht, dieses Thema im Kontext der Schrecken des Faschismus darzustellen. Seine Haltung sollte daher vor dem Hintergrund dieses grundlegenden antifaschistischen Ansatzes verstanden werden. Dann werden Sie in vielen seiner Stücke Momente finden, in denen er dieses Thema anspricht. Dies gilt insbesondere für den Akt „Die jüdische Frau“ aus „Furcht und Elend im Dritten Reich…

Bertolt Brecht – Furcht und Elend des III. Reiches. Malik Verlag. London, 1938.

Die jüdische Frau ist tatsächlich eines der wenigen Werke Brechts, das sich speziell mit der Situation der Jüdinnen und Juden in Deutschland auseinandersetzt. Es ist ein äusserst eindringliches und wirkungsvolles Werk, das die ausweglose Lage der deutschen Juden sowie die Ohnmacht und die bisweilen gleichgültige Haltung ihrer deutschen Mitbürger auf brillante Weise schildert.

Frankfurt, 1935. Es ist Abend. Eine Frau packt Koffer. Sie wählt aus, was sie mitnehmen will. Mitunter nimmt sie wieder etwas aus dem Koffer und gibt es an seinen Platz im Zimmer zurück, um etwas anderes einpacken zu können. Lange schwankt sie, ob sie eine große Photographie ihres Mannes, die auf der Kommode steht, mitnehmen soll. Dann läßt sie das Bild stehen.

Das Stück handelt von einer 36-jährigen Jüdin im Deutschland des Jahres 1935, die sich aufgrund der unerträglichen Lage entschliesst, nach Amsterdam zu fahren. Sie ist mit einem nichtjüdischen Arzt verheiratet, der nichts von ihrem Vorhaben weiss. Der Grossteil des kurzen Stücks besteht daraus, dass die Frau ihre zahlreichen Freunde anruft, um ihnen von ihrer Abreise zu erzählen. Man spürt, dass es ihnen nicht wirklich etwas ausmacht und dass sie nicht versuchen, sie von der Abreise abzuhalten.

Hier Judith Keith. Doktor, sind Sie es?- Guten Abend. Ich wollte nur eben mal anrufen und sagen, daß ihr euch jetzt doch nach einem neuen Bridgepartner um sehen müßt, ich verreise nämlich. – Nein, nicht für so sehr lange, aber ein paar Wochen werden es schon werden. – Ich will nach Amsterdam. – Ja, das Frühjahr soll dort ganz schön sein. – Ich habe Freunde dort. – Nein, im Plural, wenn Sie es auch nicht glauben. […] Ich weiß. Warum sollte ich so was denken? Nein, so plötzlich kam es gar nicht, ich habe nur immer verschoben, aber jetzt muß ich… Ja, aus unserm Kinobesuch wird jetzt nichts mehr, grüßen Sie Thekla. – vielleicht rufen Sie ihn sonntags mal an? – Also, auf Wiedersehen! – Ja, sicher, gern! – Adieu!

Wir hören lediglich, was die Frau am Telefon sagt, wodurch das Gefühl ihrer Einsamkeit noch verstärkt wird. Allen scheint klar zu sein, dass sie für immer geht. Dennoch spielen sie bei dieser Farce mit, als wäre es nur für kurze Zeit. Anschliessend verbrennt sie das Telefonbuch. Danach beginnt sie, mehrere imaginäre Gespräche mit ihrem Ehemann zu führen, in denen sie versucht, ihm zu erklären, warum sie gehen muss. Dabei schimpft sie mit ihm und den anderen.

ich weiß, du bist nicht feig, die Polizei fürchtest du nicht aber es gibt Schlimmeres. Sie werden dich nicht ins Lager bringen, aber sie werden dich nicht mehr in die Klinik lassen […] Sage nicht, du bist unverändert, du bist es nicht! Vorige Woche hast du ganz objektiv gefunden, der Prozentsatz der jüdischen Wissenschaftler sei gar nicht so groß. Mit der Objektivität fängt es immer an, und warum sagst du mir jetzt fortwährend, ich sei nie so nationalistisch jüdisch gewesen wie jetzt. Natürlich bin ich das […] Was wollen sie in Wirklichkeit? Was tue ich ihnen? Ich habe mich doch nie in die Politik gemischt […]Die Wände haben Ohren, wie? Aber ihr sagt ja nichts! Die einen horchen, und die andern schweigen. Pfui Teufel.

Das Ende bildet das tatsächliche Gespräch mit ihrem Ehemann, der nach Hause kommt und sieht, wie sie ihre Koffer packt. Zum ersten Mal hören wir einen Dialog zwischen zwei Personen. Das Gefühl der Einsamkeit, das die Monologe in uns hervorgerufen haben, dürfte dadurch ein wenig abgeschwächt werden. Dies tritt jedoch nur zu Beginn auf, denn es scheint, als wünsche sich der Ehemann, dass sie bleibt. Im letzten Absatz, als er ihr den Pelzmantel reicht – es ist Frühling –, wird jedoch deutlich, dass auch er es vorzieht, wenn sie ginge.

DER MANN: Höchst überflüssig. Wegen der paar Wochen.
DIE FRAU [die wieder zu packen begonnen hat]: Jetzt gib mir den Pelzmantel herüber, willst du?
DER MANN [gibt ihn ihr]: Schließlich sind es nur ein paar Wochen.

Die autobiografischen Parallelen zwischen den Figuren des Stücks und dem Autor sowie seiner Frau sind offensichtlich. Es geht um einen nichtjüdischen Mann und eine jüdische Frau, die im nationalsozialistischen Deutschland in eine ausweglose Situation gebracht wurden. (Im Hebräischen lautet der Titel des Stücks „Seine jüdische Frau“, was noch treffender ist.) Helene Weigel spielte die Rolle der Jüdin sogar auf der Bühne.

Helene Weigel als jüdische Frau (Szene aus: B. Brecht: „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ ) Berliner Ensemble
Eva Kemlein
Berlin, 1957
FotoTechniken; 24,00 cm x 18,00 cm
Inv.-Nr.: SM 2016-9860
© Stiftung Stadtmuseum Berlin
Reproduktion: Friedhelm Hoffmann, Berlin

Vielleicht ist das der Grund, warum sich Brecht nur so weit an dieses Thema herangewagt hat. Möglicherweise hat er sich auf diese Weise damit auseinandergesetzt, weil das Thema ihm zu nah und doch zu fern war. Eventuell lag es daran, dass der Holocaust selbst für den grossen Brecht – allein schon aufgrund seiner familiären Situation – etwas war, das jede Vorstellungskraft und jede künstlerische Form übersteigt.

Oded Fluss. Zürich, 12.8.2026.

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