Ob zum Geburtstag, zur Einweihungsfeier oder zur Pensionierung – ein Buch ist immer ein gutes Geschenk. Und auch wenn es heute nicht mehr üblich ist, wurden Bücher früher auch häufig als Hochzeitsgeschenk überreicht. In den alten Büchern unserer Bibliothek finden sich oft Widmungen, die darauf hindeuten, dass sie zur Hochzeit geschenkt wurden. Meist stammten diese von den Eltern des Brautpaares, aber auch andere Familienmitglieder oder Freunde schenkten Bücher. Es war auch üblich, dass der Rabbiner, der die Hochzeit geleitet hatte, das Geschenk machte.

In der Regel beziehen sich die Bücher auf den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, wie etwa das Eheleben oder die Elternschaft. Aus diesem Grund sind sie besonders gut als Hochzeitsgeschenk geeignet. Daher war es überraschend, in unserem Bibliotheksbestand das Buch תוצאות החיים – Israelitisches Andachtsbuch mit einer Hochzeitswidmung zu finden. Im Untertitel wird es nicht als besonders hochzeitgeeignet beschrieben, denn es ist ein „Erbauungsbuch für die trauernde Familie“ und eine Sammlung:
aller bei Kranken, Sterbenden, im Krankenhause und beim Besuche der Gräber von Angehörigen zu verrichtenden Gebete, sowie aller auf die Totenbestattung und die Trauerpflicht sich beziehenden Regeln und Gebräuche

Auf der ersten Seite des Buches finden wir die Widmung an Herrn und Frau Robert Einstein zu ihrer Hochzeit. Als Schenkender ist darunter der Name von Rabbiner Jonas (Jomtov) Laupheimer (1846-1914) vermerkt, zusammen mit dem Datum und dem Ort ihrer Hochzeit am 18. Juli 1905 in Buchau. Laupheimer hatte am Breslauer Rabbinerseminar studiert und war von 1887 bis zu seinem Tod als Rabbiner in Buttenhausen und Bad Buchau tätig.

Wir hätten es dabei belassen können, doch bestimmte Aspekte geben Anlass zu weiteren Nachforschungen. Zunächst stellt sich – und das gilt nicht nur für dieses Buch – die Frage, wie es in unsere Bibliothek gelangt ist. Ein weiterer Punkt ist natürlich der Nachname des Ehepaares und der Ort ihrer Hochzeit. Wenn man den Namen Einstein hört, denkt man sofort an den grossen Geist und Nobelpreisträger Albert Einstein. Er wurde zwar in Ulm geboren, doch sein Vater Hermann stammte aus einer alteingesessenen Familie in Buchau, dem Ort, an dem die Hochzeit stattfand. Könnte es sein, dass wir es hier mit einem unbekannten Verwandten Albert Einstein zu tun haben?

Wir haben uns bereits Gedanken über die ungewöhnliche Wahl dieses Buches als Hochzeitsgeschenk gemacht. Gerade diese Ungewöhnlichkeit kann uns jedoch bei unserer Mission helfen. Auf der zweiten Seite des Buches finden wir ein „Erinnerungsblatt“, eine Art Formular, in das der Besitzer die Namen seiner verstorbenen Verwandten eintragen soll. Dank des von Robert Einstein ausgefüllten Blattes erfahren wir etwas über seine engsten Familienangehörigen. Seine Mutter Helene Einstein-Löwenthal starb am 19. Februar 1895, sein Vater Hermann Jacob Einstein am 19. März 1898, seine Schwester Louise am 7. Dezember 1905 und sein Bruder Adolf am 2. August 1915.

Da „Einstein“ in Buchau ein sehr verbreiteter Name war, hilft uns diese Information dabei, das Ehepaar genau zu bestimmen. Robert (Ruppert) Einstein wurde 1868 in Buchau geboren. Seine Frau Rachel (Recha) Einstein, geborene Weil, kam 1876 in Randegg zur Welt. Das Ehepaar lebte bis 1913 in Buchau, zog dann nach Zürich und hatte einen Sohn namens Hermann, der nach Amerika auswanderte. Das Ehepaar lebte bis zu seinem Tod in Zürich. Dies könnte erklären, wie das Buch in unsere Bibliothek gelangte.

Robert Einstein war zwar kein naher, aber immerhin ein entfernter Verwandter von Albert Einstein. Mithilfe des von Rabbiner Aron Tänzer im Jahr 1930 erstellten Einstein-Stammbaums konnten wir gemeinsame Ururgrosseltern von Robert und Albert ausfindig machen. Dabei handelte es sich um Naphtali Hirsch Einstein (1733–1799), der auch unter dem Namen Naphtali ben David bekannt war und um Helene Handel Einstein. Mit anderen Worten waren Albert Einsteins Grossvater Ruppert Einstein (1759–1834) und Robert Einsteins Grossvater Joseph Einstein (1754–1834) Brüder.

Robert Einstein aus unserem Buch starb 1953 und wurde auf dem Unteren Friesenberg in Zürich begraben. Aus einer Kleinanzeige in der Zeitung Die Tat vom 16. Februar 1953 geht hervor, dass er als „Staatenloser” verstorben ist. Seine Frau Rachel überlebte ihn und starb 1964 im Alter von 90 Jahren. Sie wurde auf dem Oberen Friesenberg in Zürich beerdigt.
Oded Fluss. Zürich, 9.6.2026.

