Wer bist du, Doris Guggenheim?

Martin Littmann – Aus jüdischem Geist – Gelesenes und Gehörtes. Verein Kadimah. Zürich, 1937. D 659 (k)

Man sucht etwas und schlägt ein Buch auf, wie man es normalerweise in einer Bibliothek tut. Das Buch Aus jüdischem Geist – Gelesenes und Gehörtes erschien 1937 in Zürich. Es wurde von dem bekannten Rabbiner Martin Littmann (1864-1945) verfasst, der von 1897 bis 1937 Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich war.

Doch statt das Gesuchte zu finden, wird man plötzlich mit einem alten Schwarz-Weiss-Bild konfrontiert. Es zeigt ein junges Mädchen mit traurigen Augen. Die Schrift darunter verrät ihren Namen: Doris Guggenheim. Ihre Lebensdaten (1898–1911) lassen darauf schliessen, dass sie im Alter von dreizehn Jahren verstorben ist, wahrscheinlich nicht lange nach der Aufnahme des Fotos. Es folgt ein Zitat von Felicitas Rose aus einer ihrer Geschichten – eine Grabinschrift, die die Tragik eines kurzen Lebens offenbart:

Du kamst, Du gingst, ein kurzer Gast
in diesem armen Erdenland,
Woher, wohin — wir wissen nur,
Aus Gotteshand, in Gotteshand.

Neben dem Bild im Buch befindet sich eine Art Exlibris, ein Aufkleber mit der Aufschrift „Doris Guggenheim-Stiftung“. Man erfährt, dass diese Stiftung dem Schüler Alex Ulmann das Buch geschenkt hat, als er die Religionsschule der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich abschloss. Unter dem offiziellen Stempel der Schulpflege der Israelitischen Cultusgemeinde ist in sehr kleiner Schrift, die kaum zu erkennen ist, erneut der Name Guggenheim zu lesen: „Guggenheim & Co., Zürich“. Ist dies nur ein Zufall?

Man könnte es dabei belassen, aber etwas in den Augen dieses Mädchens, etwas in ihrem Blick, lässt uns nicht los. Wir nehmen uns deshalb vor, ein wenig zu recherchieren und mehr herauszufinden. Das erweist sich jedoch als keine einfache Angelegenheit. Der Name Guggenheim ist einer der häufigsten jüdischen Namen in der Schweiz, weshalb eine einfache Google-Suche uns hier nicht weiterbringt. In diesem Fall ist unser Zeitungsarchiv die beste Quelle, und tatsächlich dauert es nicht lange, bis wir die herzzerreissende Todesanzeige vom 27. November 1911 finden.

Neue Zürcher Zeitung. 27.11.1911.

Mit dem genauen Sterbedatum (26.11.1911), dem Namen der Eltern Hermann und Therry (Theresa) – hier fälschlicherweise „Dherry” geschrieben – sowie dem Mädchennamen der Mutter („Wyler”) und den Namen der Geschwister (Willy und Erna) kommen wir der Sache einen Schritt näher. Bei der Durchsicht unseres Archivs im Zeitraum um dieses Datum finden wir eine weitere Anzeige, diesmal fünf Tage später in der jüdischen Zeitung Israelitisches Wochenblatt:

Israelitisches Wochenblatt 1.12.1911

Doris Guggenheim stammte aus einer der bedeutendsten jüdischen Künstlerfamilien Zürichs. Ihr Vater, Hermann Guggenheim (1864–1912), war ein weltweit bekannter Lithograf und Fotograf sowie Gründer des 1893 gegründeten Ansichtskartenverlags H. Guggenheim & Co. Dies war einer der ersten Ansichtskartenverlage in der Schweiz. Der Verlag ist vor allem aufgrund seiner umfangreichen Postkartenproduktion von Interesse. Neben Ansichtskarten wurden auch andere lithografische Produkte aus den letzten Jahrzehnten des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hergestellt, darunter Briefköpfe, Visitenkarten, Speisekarten, Porträts, kleine Alben mit Ansichten lokaler Orte und illustrierte Broschüren. Seine Werke sind bis heute sehr bekannt und begehrte Sammlerstücke.

Die Familie Guggenheim-Wyler. In der Mitte der Vater Hermann. Links die Zwillinge Erna und Willy. Rechts Doris mit ihrer Mutter Therry.
Aus dem Buch „Varlin“ von Ludmila Vachtova. Ed. Scheidegger. Zürich, 1978. Q 398A.

Der tragische Tod von Doris, die an einer durch Tuberkulose verursachten Meningitis verstarb, war jedoch nicht die letzte Tragödie der Familie Guggenheim. Fast genau zwei Monate später, am 2. Februar 1912, erlag Hermann Guggenheim, ein hochgeschätztes Mitglied der ICZ, einem Herzinfarkt. Wie dem ICZ-Jahresbericht von 1911 zu entnehmen ist, war er zum Zeitpunkt seines Todes bereits Mitglied der Schulpflegekommission:

ICZ-Jahresbericht 1911. Zürich, 13.4.1912.

Obwohl erst zu Beginn des laufenden Jahres eingetreten, halten wir es für unsere Pflicht unseres leider verstorbenen Mitgliedes Herrn Hermann Guggenheim-Wyler zu gedenken, welcher an den Arbeiten unserer Commission stets mit besonderem Eifer teilnahm und unserer Schule reges Interesse und Verständnis für ihre Bedürfnisse entgegenbrachte.

Zuvor hatten er und seine Frau die bereits erwähnte Doris Guggenheim-Stiftung zum Gedenken an ihre Tochter gegründet. Über den Zweck dieser Stiftung erfahren wir von Martin Littmann, dem Autor des Buches, in dem wir Doris‘ Bild gefunden haben. In einem Artikel vom 12. April 1912 im Israelitischen Wochenblatt berichtet Littmann über den ersten Einsatz der Stiftung.

Am 7. Tag Pessach fand im Anschluss an die Predigt des Vormittagsgottesdienstes die Entlassung der Schüler und Schülerinnen der obersten Klasse aus der Religionsschule statt. Die Synagoge war dichtgefüllt. Es kamen zehn Knaben und zehn Mädchen zur Entlassung. Jedes erhielt zum Andenken ein Buch, als Geschenk aus der Doris-Guggenheim-Stiftung. Herr Rabbiner Dr. Littmann betonte in seiner Ansprache an die Kinder, dass sie die ersten seien, die aus dieser Stiftung beschenkt werden, und dass sie, da die leider verstorbene Doris Guggenheim auch zu ihrer Klasse gehört hätte und eigentlich auch jetzt zur Entlassung kommen sollte, das Buch als ein besonderes heiliges Vermächtnis entgegennehmen sollten, zur Erinnerung an die liebe Dahingeschiedene und an deren Vater, Hrn. Herm. Guggenheim-Wyler, der sein Töchterchen nur wenige Monate überleben sollte.

Doris Guggenheim war Schülerin der Religionsschule der Israelitischen Cultusgemeinde. Die nach ihr benannte Stiftung übernahm es, den Schülerinnen und Schülern, die die Schule abschlossen, ein Buch zu schenken. Das erste Buch, das von der Stiftung verschenkt wurde, ging an Doris‘ Klassenkameraden. Über die Stiftung selbst ist nur wenig bekannt, doch zumindest bis 1952 erfüllte sie ihre Aufgabe, wie die Aufzeichnungen in unserem Archiv zeigen.

Israelitisches Wochenblatt 18.4.1952

Dies wird jedoch nicht das letzte Mal sein, dass wir von der Familie Guggenheim hören. Wie bereits erwähnt, hatte Doris zwei jüngere Geschwister: die Zwillinge Erna und Willy Guggenheim. Letzterer avancierte zu einem der berühmtesten jüdischen Künstler der Schweiz. Man kennt ihn heute unter dem Künstlernamen Varlin. In einem kurzen autobiografischen Text erwähnt Varlin (1900-1977) seine früh verstorbene ältere Schwester und seinen verstorbenen Vater in einem Atemzug.

Als ich 12 Jahre alt war, starb mein Vater, 2 Monate vorher meine ältere Schwester.

Erna, Willy und Doris Guggenheim. 1901. Aus dem Buch „Varlin“ von Ludmila Vachtova. Ed. Scheidegger. Zürich, 1978. Q 398A.

Über das unvollendete Leben von Doris Guggenheim konnten wir leider nur wenige Informationen finden. Das Bild, das wir in einem unserer Bücher entdeckt haben, ist möglicherweise der letzte Hinweis auf ihr kurzes Erdenleben. Auf allen anderen Bildern, die wir finden konnten, ist sie stets mit demselben traurigen Blick zu sehen.

Erna, Willy und Doris Guggenheim. 1905. Aus dem Buch „Varlin“ von Ludmila Vachtova. Ed. Scheidegger. Zürich, 1978. Q 398A.

Auf einer Postkarte, die von der Firma ihres Vaters hergestellt und am 7. Mai 1907 an Doris geschickt wurde, konnten wir jedoch etwas über die besondere Verbindung erfahren, die sie als älteste Tochter (damals neun Jahre alt) zu ihrem Vater hatte. Hermann Guggenheim schrieb ihr aus Turin, vermutlich während einer seiner zahlreichen Reisen, die er unternahm, um zu fotografieren und seine Kunden zu besuchen.

Liebes Dorisli,
war sehr erstaunt die mir erbetene Nachricht nach San Remo nicht vorzufinden und hoffe alles wohl und munter. Werde voraussichtlich kommenden Freitag wieder heim kommen u. soll es mich freuen zu vernehmen, dass du, Erna und Willy während meiner Abwesenheit recht lieb und brav wart.
Inzwischen empfange Du und die l. kleinen innigen Gruss und Kuss.
Papa

Diese enge Verbindung zwischen den beiden, die sich auf poetische Weise bewies, als der Vater zwei Monate nach seiner Tochter verstarb, besteht bis heute. Auf dem jüdischen Friedhof der Israelitischen Cultusgemeinde Unterer Friesenberg in Zürich stehen zwei Grabsteine nebeneinander. Neben dem Grabstein ihres Vaters Hermann Guggenheim, der kurz nach ihr verstarb, befindet sich der schöne Grabstein der Tochter Doris Guggenheim, dem Mädchen mit dem traurigen Blick.

Oded Fluss. Zürich. 25.6.2025

Bei der Erstellung dieses Beitrags haben wir grossartige Unterstützung erhalten. Wir möchten uns ganz besonders bei Frau Patrizia Guggenheim, Herrn Daniel Teichman und Frau Ruth Freiburghaus bedanken. Letztere ist Autorin eines mit Spannung erwarteten Buches über Hermann Guggenheim und seinen Postkartenverlag, das noch in diesem Jahr im Chronos Verlag erscheinen wird. Daniel Teichman und Patrizia Guggenheim haben ebenfalls zu diesem Buch beigetragen.