„Ganz vorn: ‚Ardon'“

In unserem letzten Beitrag Wie ein Hund sterben haben wir über das sozusagen gemeinsame Schicksal von Hunden und Juden gesprochen, insbesondere über den „jüdischen Hund“ Rajbtschik, der sowohl eine fiktive Figur in Scholem Aleichems Geschichte als auch eine reale Figur in seinem Leben war. In diesem Beitrag werden wir sehen, wie ein jüdischer Dichter seinen geliebten Hund zu seiner Muse macht und wie dieser Hund zu einem der wichtigsten Elemente in seinem Werk wird.

Almanach das siebenundsiebzigste Jahr. S. Fischer Verlag, 1963.

Der bedeutende jüdische Dichter Richard Beer-Hofmann (1866-1945) ist heute vor allem für sein Schlaflied für Mirjam bekannt, ein Gedicht, das auch Rainer Maria Rilke auswendig rezitieren konnte. Dabei war Beer-Hofmann alles andere als ein One-Hit-Wonder. Zu seiner Zeit galt er weltweit als einer der herausragenden deutschsprachigen Lyriker. Beer-Hofmann war auch ein grosser Hundeliebhaber, und einer seiner wichtigsten Protagonisten war sein Hund Ardon. Dieser geliebte schwarzgraue zottige Schnauzer taucht in unzähligen Briefen, in Beer-Hofmanns biographischem Werk und auch in seinem dichterischen Werk auf. Oben sehen wir zum Beispiel eine sehr interessante Postkarte, die Stefan Zweig 1932 an Beer-Hofmann schickte. Aus Zweigs Worten geht hervor, dass er dieses Foto von Beer-Hofmann und dem Hund Ardon selbst gemacht hat:

Verehrter Herr Beer Hofmann, hoffentlich enttäuscht Sie eher meine photographische Kunst als die andere, in der ich mich versuche.
Nehmen Sie, bitte, dies kleine Blatt als Zeichen grosser Verehrung. Ihr,
Stefan Zweig.

Jüdischer Almanach auf das Jahr 5697 [1936-1937].  „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt. D 2520(K)

Im Jüdischen Almanach von 1936/7 finden wir zum zweiten Mal ein Bild von Beer-Hofmann und seinem Hund Ardon, diesmal von der jüdischen Fotografin Trude Geiringer (1890-1981) aufgenommen und mit einem kleinen Widmungsgedicht versehen. Das Gedicht mit dem passenden Titel Hintergrund stellt den Hund Ardon „ganz vorn“ und den Rest (einschliesslich des Dichters selbst) in den Hintergrund. Schon hier zeigt sich die grosse Bedeutung, die Beer-Hofmann seinem jungen Begleiter beimass.

Hintergrund
Alt-Aussee, Herbst 1934.

Ganz vorn : „Ardon“, ein sehr geliebter junger Hund –
Dahinter, ein – nun – – nicht mehr junger Mann,
Und – füllend ganz den tiefen Hintergrund –
Gelagert Gross: Berg, Wiesenhang und See,
Mit jeder Zeit des Jahrs sich wandelnd wohl – doch wann
Du sie auch siehst: nicht alt , nicht jung, nur – da – seit je!

Richard Beer-Hoffman – Paula. Ein Fragment. Verlag der Johannespresse. New York, 1949. D 4722.

In seinen wunderschönen Memoiren über seine Frau Paula – ein Fragment, die 1944 geschrieben, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, erwähnt Beer-Hofmann unzählige Male den Hund Ardon. Der Hund wird zu einem untrennbaren Bestandteil der Beziehung des Paares. Es gibt eine sehr schöne Szene, in der Paula, , ihren Mann, ausschimpft, der Hund aber irrtümlich annimmt, die Schelte gelte ihm:

„Schäm dich!“
Ein wildes Jauchzen antwortet—mit drei Sätzen stürmt Ardon herein, ist schon im Bett, und streckt sich seiner ganzen Lange nach aus. “Schäm dich!” hatte er gehört, und gewohnt, dass der Anruf ihm gilt, wenn er versucht, mit sanften Pfotengriffen eine noch nicht flügge Amsel, oder einen grossen Käfer im Garten zum Spielen aufzufordern, meldet er sich—aber nicht zerknirscht, sondern im Gefühl seiner Unschuld übermütig gurgelnd.
„Nein – nein!“ lacht Paula, „nicht du – dein Herr! mein ich – das soll sich schämen, aber das folgt mir ja nicht!“

Richard Beer Hofmann – Verse. Hermann-Fischer Verlag. Stockholm – New York, 1941.

Doch erst in Beer-Hofmanns letztem Gedichtband Verse, der 1941 im New Yorker Exil erschien, wird die Bedeutung seines Hundes für den Dichter deutlich. Das monumentale Gedicht Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte, das längste des Bandes, ist ein wunderschönes Liebesgedicht und ein Nachruf, der die Geschichte einer reinen Liebe, des Vertrauens und des gemeinsamen Schicksals zwischen Mensch und Hund erzählt. Diese Geschichte wird sowohl aus der Sicht des Dichters als auch aus der des Hundes geschildert, wobei die beiden oft verglichen und immer auf die gleiche Stufe gestellt werden, wie Geschwister.
Wir lassen das Gedicht für sich sprechen:

Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte

Du reine Seele, nicht verstört von Menschenwirrnis,
Du – stumm in eines zottigen Hundes Leib gebannt –
Fragst du empor zu mir aus braunen Augen, suchst du
Den Weg zu mir durch ewige unsichtbare Wand?

Ein Häuflein Pelz – feucht schwarz quoll draus die Trüffelnase-
So sah ich dich zuerst, du lagst – wie warst du klein! –
Geschmiegt in deiner Mutter Weiche – ihre Zunge
Wusch zärtlich deiner Augen wässrig blauen Schein.

Im Winter war’s. Im März, da trug ich aus dem Zwinger
Nach Hause dich, schob zwischen Rock und Hemd
Dein Körperchen – wild schlug dein Herz an meines,
Bang ging dein Blick zu mir: „Wer bist du? Du bist fremd!“

„Ein Mensch“ – und drum ein Drohen! – Seit ich dich zuerst,
Umhegt von deiner Mutter Zärtlichkeit, gesehn,
War – keiner sagte mirs, doch merkt ichs-, war wohl
Gewalt und Weh von Menschen dir geschehn.

Denn schien dir streng mein Blick – schon kauertest du, wandtest
Den Kopf, bargst schützend mit dem Hinterlauf vor mir
Die Augen, bebtest – also stiess schon einmal
Ein Mensch im Zorn den Fuss ins Antlitz dir!

„Ein Mensch“: Gewalt, der du von je anheimgegeben,
Weil Schicksal so für dich die dunkeln Würfel warf,
Dass tiefste Treue dir zu dem ward eingeboren,
Der – will ers – dich verstossen – martern – töten darf.

Lang brauchtest du, bis in dir solch Erinnern
Verblich, Vertrauen wieder kam zurück,
Nur manchmal noch – jäh flammend, jäh erloschen –
Durchzuckt – wild, irr – tödliche Angst den Blick.

Der Sommer ward, du wuchsest, in dir wachte
Weisheit der Ahnen auf – ein Erbe, dir bestellt – :
Es warnte, hemmte, trieb dich, wies dir, wie man
Erschaut, erlauscht, erriecht gefahrerfüllte Welt.

Uralte Bräuche übtest du – nicht wissend, welch
Verborgner Sinn in ihnen waltend sei –
Aus Zeit aufragend, da dein Stamm, noch nicht verfallen
Den Menschen, einsam hauste, wild, umdroht – doch frei!

Sich drehn, eh man dem Schlaf sich anvertraut, als scharre
Die Lagergrube man, war heiliges Gebot –
Zum Mond emporzuweinen, vor ihm auszuschütten
Alles Geborenen Angst vor dumpf erahntem Tod.

Doch wenn auch so, Gewesenem tief verhaftet,
Zwang nichts, zu treten vorgetretne Spur –
Altem entringt sich Neues -nie vorher gewesen,
Nie wiederholt – einmalig – formt sich Kreatur!

Gestalt, Gang, Antlitz, Stimme – wohl: die gleiche Tracht ists,
Die dich, wie jeden deines Stammes, eumes, umfängt umfängt–
Doch dein – nur dein – ist schon : wie stark, fromm hingegeben,
Nach meiner Seele suchend, deine Seele drängt!

Dein Erbteil: dass dichs lockt zu haschen nach
Huschenden Schatten, irr versprengtem Licht,
Nach Sonnenkringeln, Blinken, das aus Fenstern,
Spiegeln, aus Erzes Glanz und Glätte bricht –

Dein Erbteil: Jagdlust – und ererbt, dass Schatten
Und Licht dir gleich lebendger Beute gilt —
Doch nicht ererbt – ganz dein – dass du dir fandest,
Wie selbst man schafft solch Licht- und Schattenwild!

Durchsonnte Fensterflügel stehen offen, schwanken,
Wenn du mit starkem Pfotenschlage sie bewegst –
Lichtfunken irren dann durchs Zimmer – Wild, das
Du Jäger – selbst dir schaffst – im Sprung jagst – nie erlegst!

Dein Tun gleicht meinem ! Körperloses lock ich
Hervor, wie du — rings regt sich Scheingestalt,
Und Scheingeschick – das ich doch selbst gewoben –
Erschüttert mich mit wirklichen Geschicks Gewalt.

Wir gleichen uns, mein Hund – doch eine Gnade
Ward mir voraus vor dir: dass Tag um Tag
Ich Glück dir schenken, dich umsorgen, dir ein
Gütiger treuer Gott zu sein vermag.

Wir gleichen uns, mein Hund – doch andre Gnade
Ward dir voraus vor mir dass nie du wissen musst,
Wohin uns, Schritt um Schritt, die Füsse tragen –
Und welches Ende wartet aller unsrer Lust!

Wie du – auch ich: Dunklem anheimgegeben,
Das Antwort weigernd – mir die Würfel warf,
Auch mir, im tiefsten, Treue gläubig eingeboren
Zu dem, der mich verstossen – martern – töten darf!

Hinschwindend wie ein Hauch, ward Beiden uns kein Bleiben —
Erst noch nicht – dann nicht mehr ! – im Weltentakt gewiegt,
Umblinkt von gleicher Sterne gleichem Kreisen, treiben
Wir Zwei im Raum, ein Weilchen aneinand geschmiegt!

Und wie, geschöpft in hohlen Händen, Wasser
Zwischen den Fingern, eh mans merkt, verrinnt —
Verlässt uns Jugend, über uns sinkt Altern,
Siechtum bespeit den Leib, wir sterben, und dann sind

Wir – eben noch geliebt – schon Schaudern, eisig Fremde,
Den Reichen, die noch nicht enterbt des warmen Lichts-
Vergessne erst – Verschollne dann – dann Namenlose –
Zuletzt, verwest, zerstäubt: Heimkehrer in ein Nichts!

Du reine Seele du – von Wem? – mir anvertraute,
In dich, mein Ardon, stumm – von Wem? – gebannt —
Hierher! – Mein schweigender Gefährte – mein Geschwister –
Aus gleichem kommen wir – wir gehn in gleiches Land!
1938.

Dies ist der zweite Beitrag zur Bibliotheksausstellung Koschere Hunde, die derzeit vorbereitet wird.

Oded Fluss. Zürich. 23.9.2024.

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