Da liegt der Hund begraben

Ein Gedicht, das über eine verstorbene Person geschrieben wurde, ist nichts Ungewöhnliches. Wir kennen unzählige Beispiele von Dichtern und Dichterinnen, die einem geliebten Menschen, den sie verloren haben, ein Gedicht gewidmet haben. Was aber, wenn dieser geliebte Verstorbene kein Mensch, sondern ein Hund ist? Bei der Materialsammlung für unsere neue Ausstellung Koschere Hunde stiessen wir zu unserer Überraschung auf mehrere Beispiele jüdischer Dichterinnen und Dichter, die genau dies getan haben. Dies sollte eines der eindrucksvollsten Beispiele für die besondere Beziehung zwischen Juden und Hunden werden.

Richard Beer-Hofmann mit seinem Hund Ardon. Jüdischer Almanach auf das Jahr 5697 [1936-1937].  „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt. D 2520(K)

In einem frühen Beitrag („Ganz vorn: ‚Ardon'“) haben wir bereits über das monumentale Gedicht Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte des jüdischen Dichters Richard Beer-Hofmann (1866-1945) gesprochen. Es ist ein wunderschönes Liebesgedicht, das die Geschichte einer reinen Liebe, des Vertrauens und des gemeinsamen Schicksals zwischen Mensch und Hund erzählt. Dies ist jedoch kein Einzelfall, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Aus Julius Bab – Ausgewählte Gedichte. Privatdruck , 1930.

Das Gedicht An unsern toten Hund stammt von Julius Bab (1880-1955), der nicht als Dichter, sondern als Journalist, Theaterkritiker, Dramaturg und Historiker bekannt ist. Er war auch Mitbegründer des Kulturbundes Deutscher Juden. Dieses sehr anrührende Gedicht wurde über seinen ersten Hund „Fuchs“ geschrieben (aus dem Gedicht geht bereits hervor, dass Bab mehrere Hunde hatte), den er zusammen mit seiner Frau Elisabeth (geb. Loos) Bab hielt.

Julius Bab und Elisabeth (Loos) Bab mit dem Hund Fuchs. AdK, Berlin, Julius-Bab-Archiv 1299.

Dieses persönliche Gedicht erschien in dem sehr persönlichen Buch Ausgewählte Gedichte, das Bab zu seinem 50. Geburtstag als Privatdruck für einen kleinen Kreis seiner engsten Freunde herausgab. Abgesehen von dem sehr emotionalen Eindruck, den das Gedicht hinterlässt, wird die Bedeutung des Hundes dadurch deutlich, dass das Gedicht zwischen einem Wiegenlied, das Bab für seinen Sohn geschrieben hat, und einem Liebesgedicht an seine Frau zum siebenjährigen Ehejubiläum steht.

Karl Kraus mit seinem Hund Bobby. St. Moritz, Villa Manin. 25.2.1916.

Sehr vertraut war Julius Bab mit dem grossen „Anti-Journalisten“ Karl Kraus (1874-1936). Der sonst so zynische Kraus, als Menschenhasser bekannt und gefürchtet, war überraschenderweise ein grosser Hundeliebhaber. Im Laufe der Jahre veröffentlichte Kraus zahlreiche Aphorismen über Hunde, in denen er sie mit dem Menschen verglich, aber immer den Vorteil des Hundes sah:

Karl Kraus – Die Fackel. 21.3.1910.

Kraus, der das sinnlose Sterben von Menschen im Krieg immer sehr kritisch und lautstark verurteilte, war dieser Meinung auch in Bezug auf das unnötige Sterben eines immer unschuldigen Hundes. In einem kurzen Bericht in seiner Fackel vom 30.5.1913 schildert er den sinnlosen Tod des ihm bekannten Hundes Woodie.

Karl Kraus – Die Fackel. 30.5.1913.

Auch drei Jahre später lässt ihn das Ereignis nicht los und er muss es erneut in Gedichtform niederschreiben, diesmal unter dem Titel Grabschrift für ein Hündchen.

Karl Kraus – Die Fackel 16.11.1916.

Die Trauer von Kraus erreichte jedoch ihren Höhepunkt, als wenige Monate später sein geliebter Hund Bobby starb. Bobby war eigentlich der Hund von Kraus‘ Geliebter Sidonie Nádherny, doch in seinen zahlreichen Briefen an sie, in denen der Hund immer wieder vorkommt, betrachtete Kraus ihn auch als seinen eigenen. In seinem Gedicht Als Bobby starb, das am 1.4.1917, gut einen Monat nach dem Tod des Hundes, in der Fackel erschien, schrieb er die ultimative Elegie:

Karl Kraus – Als Bobby starb. Die Fackel. 1.4.1917.

Fast neidisch beschreibt Kraus in seinem Gedicht das Leben des Hundes – ohne die täglichen Streitigkeiten der Menschen und die Hektik des menschlichen Lebens. Er hebt die Treue und bedingungslose Liebe des Tieres hervor und stellt sie der Wankelmütigkeit und dem Egoismus des Menschen gegenüber. Er zeigt auch, wie der Hund mit einer einfachen, wortlosen Geste viel mehr ausdrücken kann als jede menschliche Sprache.

Karl Kraus mit seinem Hund Bobby. St. Moritz, Villa Manin. 25.2.1916.

Wir schliessen mit der zu Unrecht vergessenen jüdischen Dichterin Friederike Kempner (1828-1904). Ihre Gedichte sind vielleicht zu Recht in Vergessenheit geraten, nicht aber die Philanthropin, die Kämpferin, die Menschenfreundin. Diese äusserst produktive und wegweisende Frau war sowohl eine schöpferische Schriftstellerin als auch eine vehemente Kämpferin für die Menschenrechte. Sie kämpfte nicht nur für das Wohl der Menschen, sondern auch für das der Tiere, die in ihrem Leben und in ihren Gedichten eine wichtige Rolle spielen.

undefined
Friederika Kempner

Neben den vielen Vögeln, die in ihren Gedichten auftauchen und meist die Freiheit symbolisieren, spielt ihr Hund mit dem feurigen Namen Nero eine zentrale Rolle. Der Vierzeiler über den Vierbeiner, der ihn als Mittelpunkt ihres Lebens und mit einer gewissen therapeutischen Kraft beschreibt, ist aufrichtig empfunden, wenn auch etwas grotesk ausgedrückt:

Kein Wunder also, dass Kempner, als es an der Zeit war, Abschied zu nehmen, dem Hund ein sehr sentimentales Gedicht widmete. Das Gedicht Neros Angedenken beschreibt in erster Linie nicht den Hund selbst, sondern den Hund in Bezug auf die Dichterin. Seine Treue zu ihr, seine Sympathie für sie, sein Glück, wenn sie nach Hause zurückkehrt. Der letzte Vers ist dem Platz gewidmet, den der Hund für ewig in ihrem Herzen einnimmt.

Allen Gedichten in diesem Beitrag ist das Motiv einer gewissen moralischen Überlegenheit des Hundes über den Menschen gemeinsam. Dies sollte jedoch nicht überromantisiert werden. Karl Kraus hat es in einem seiner Aphorismen humorvoll, aber treffend so ausgedrückt:

Karl Kraus – Die Fackel, 28.4.1908.

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

Ganz vorn: „Ardon“

Der Pudelmopsdackelpinscher

Verwandlung in einen Hund

Oded Fluss. Zürich, 16.1.2025.

image_pdfimage_print

Ein Kommentar zu „Da liegt der Hund begraben

Kommentar verfassen