Dass in einem Bibliotheksbuch Seiten fehlen, ist nichts Ungewöhnliches. Bibliotheksbücher werden immer wieder ausgeliehen, sie nutzen sich ab und irgendwann kann es passieren, dass sich eine oder mehrere Seiten lösen. Manchmal begeht eine eifrigere Leserin die ultimative Bibliothekssünde und reisst eine Seite aus einem Buch heraus, um sie für sich zu behalten. Der folgende Fall ist jedoch anders gelagert. Es ist die Geschichte eines Schweizer Rabbiners, der in einer Zeit, in der zu viele litten und noch mehr schwiegen, versuchte, die Wahrheit in einem Buch festzuhalten, nur damit die Schweizer Behörden die Seiten, die diese Wahrheit enthielten, herausreissen konnten.
Elijahu Botschko (1888-1956).
Rabbiner Jerachmiel Elijahu Botschko (1888-1956), Gründer und Leiter der Jeschiwa Ez Chaim in Montreux, ist noch heute bekannt für die grosse Hilfe, die er und seine Frau Riwka jüdischen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkriegs leisteten bzw. zu leisten versuchten. Die Jeschiwa Ez Chajim spielte bei dieser Rettungsaktion eine wichtige Rolle, da das Ehepaar über sie Flüchtlinge rekrutierte und als Studenten immatrikulierte. Rabbiner Botschko benutzte das hebräische Wort דף Daff, um die Philosophie hinter dieser Rettungsmission zu erklären. Dabei half ihm eine berühmte Geschichte aus dem Talmud:
Einst wurde Rabbi Akiba bei einer Seefahrt vom Sturm überrascht. Das Schiff ging unter und versank. Die Freunde von Rabbi Akiba beweinten und betrauerten ihn. Als er nach einer kurzen Zeit wieder unten sie trat, fragten sie ihn, wie seine Rettung denn möglich wurde. Und Rabbi Akiba entgegnete דף נזדמן לי ein Daff, ein Brett aus den Schiffsstrümmern kam mir entgegen und ich klammerte mich mit meiner ganzen Kraft daran, so dass ich das Ufer erreichte. (Elijahu Botschko – „Schatten über Israel“. Israelitischen Wochenblatt 1.8.1942)
Botschkos Wortspiel mit dem Wort „Daff“, das sowohl Brett als auch Seite bedeutet und vor allem als Gemara-Blatt verwendet wird, ist wunderbar umgesetzt. Es gelang ihm, die Flüchtlinge zu retten, indem er ihnen ein Rettungsbrett schenkte, sie in die friedliche Schweiz brachte und ihnen gleichzeitig in seiner Jeschiwa das Gemara-Blatt beibrachte. Die Schweiz war für ihn der ideale Ort für diese Rettungsaktion:
Wir wissen nicht, aus welcher Sechus [Sonderrecht/Vorrecht] wir Schweizer Juden das Glück haben, aus dem Mabul [Sintflut] gerettet zu werden, frei zu atmen, ohne Fesseln herumzugehen und satt und sorglos schlafen gehen zu können. (Eliyahu Botschko – „Schatten über Israel“. Israelitischen Wochenblatt 1.8.1942)
Elijahu Botschko – Jiskaur…Seelenspiegel. Montreux, 1943. D 8133 (k)
In unserer Bibliothek befinden sich zwei Exemplare des 1943 erschienenen Buches von Rabbiner Botschko Jiskaur. Seelenspiegel. Diese beiden Exemplare sind einzigartig, nicht weil sie etwas haben, sondern weil ihnen etwas fehlt. Unmittelbar nach seinem Erscheinen fiel das Buch der Schweizer Zensur in die Hände. Sechs Seiten unter dem Kapitel „Dokumente, die für sich sprechen…“ wurden als der schweizerischen Neutralität widersprechend und als „Greuelpropaganda“ deklariert. Die Zensur begründete die Entfernung dieser Seiten damit, dass sie “Behauptungen, die nicht überprüft werden können [enthalten] und für die bis heute Beweismaterial fehlt”.
Diese sechs Seiten, die frühe Zeugenaussagen über die grausamen Verbrechen der Nazis enthalten und hauptsächlich aus Artikeln aus renommierten Zeitungen wie der Londoner National Review und sogar der Basler National Zeitung bestehen, wurden aus unseren Exemplaren des Buches herausgeschnitten. In einem dieser Bücher findet sich auf der nächsten Seite eine kleine handschriftliche Notiz: “Dieser Teil musste auf Anweisung der Zensur weg”.
In der Zentralbibliothek Zürich befindet sich das Buch vollständig, jedoch mit einem beigefügten Brief der Ez Chajim Jeschiwa vom 29.11.1943, in dem die Bibliothekare aufgefordert werden, die sechs Seiten gemäss der Zensuranweisung herauszuschneiden, was die Bibliothekare nicht befolgten.
Der Umgang der Schweizer Behörden mit Botschkos Buch hat etwas tragisch Poetisches. Der Rabbiner, der ein Daff (Seite) als metaphorisches Mittel zur Rettung der Opfer des Dritten Reiches vorgeschlagen hatte, liess sechs Seiten aus seinem Buch herausreissen, die genau dies bewirken sollten.
Elijahu Botschko – Der Born Israels. Montreux, 1943-1944. B 2089a
1945, kurz nach Kriegsende, veröffentlichte Rabbiner Botschko ein dreibändiges Buch mit dem Titel Der Born Israels. Im Kapitel „Mitschuld“ schreibt er:
Im August 1943 veröffentlichte der Schreiber dieser Zeilen ein Buch unter dem Titel “Jiskaur”, in welchem eine gedrängte Aufzählung von der polnischen Exilregierung bekanntgegebener Gräueltaten gegen die Juden des Warschauer Ghetto aufgezählt wurden. Dieses Buch wurde von der Zensur verboten und dem Verfasser ein Strafverfahren angedroht. Auch dies gehört zum Kapitel Mitschuld.
Botschko, der während der schweren Zeit des Holocaust in der Schweiz lebte, war einer der Zeugen dessen, was damals und bis heute geleugnet wird: die Schweizer Mitschuld. Indem er sich als einer der Ersten dazu äusserte, sorgte er dafür, dass das in seinem Buch zensierte Kapitel zu einem Kapitel der Schweizer Geschichte wurde.
Elijahu Botschko (1888-1956).
Die sechs fehlenden Seiten aus Botschkos zensiertem Buch wurden von uns in der Bibliothek kopiert und stehen nun unseren Leserinnen und Lesern zur Verfügung. Und doch zeigt dieser Fall, dass manchmal nicht das, was in einem Buch steht, eine wichtige Geschichte erzählt, sondern das, was fehlt.
Originelle Betrachtungsweise! Ich danke für den interessanten Beitrag.
Danke dir, Kati!