Als bester Freund des Menschen begleitet der Hund seine Besitzer: innen überall hin. Da Menschen leider oft Kriege anzetteln, daran beteiligt sind oder zu deren Opfern werden, finden sich auch Hunde in Kriegsgebieten wieder. Da Krieg ein zentrales Thema der jüdischen Literatur ist (und es wohl leider immer bleiben wird), taucht der Hund darin häufig auf: als Held, der zur Rettung kommt, als Zeuge der Gräueltaten oder als Kriegsopfer selbst.


Felix Salten, dessen 80. Todestag wir dieses Jahr begehen, war kein Unbekannter, wenn es um Hunde ging. Von klein auf bis zu seiner Zeit im Exil wurde er immer von dem besten Freund des Menschen begleitet. Da er viel über Tiere im Allgemeinen schrieb, ist es nicht verwunderlich, dass auch in vielen seiner Geschichten Hundefiguren vorkommen. In einem früheren Beitrag (Verwandlung in einen Hund) haben wir bereits kurz über seinen Roman Der Hund von Florenz berichtet. Salten war jedoch nicht nur mit Hunden, sondern leider auch mit Kriegen vertraut. Ein weiterer Roman, den er im Schweizer Exil schrieb, verbindet diese beiden Themen.

Das Buch Renni der Retter: Das Leben eines Kriegshundes erzählt die Geschichte von der Ausbildung und dem Leben des Deutschen Schäferhundes Renni und seines Besitzers Georg Hauser, der ihn zu einem Krieg- und Rettungshund erzieht. Obwohl es sich um einen fiktiven Roman handelt, hat Salten für dieses Buch über die Ausbildung von Hunden in der Schweizer Armee recherchiert.

Das Buch folgt dem Motto: „Es gibt keine schlechten Hunde, nur schlechte Hundebesitzer.“ Renni ist eine Erfolgsgeschichte und hat mit Georg den idealen Besitzer gefunden. Der Hund Renni wird mit seinem Bruder Pascha verglichen. Letzterer ist ein armer Hund mit einem gewalttätigen und missbrauchenden Besitzer und erleidet ein tragisches Schicksal.

Der Roman wurde 1940 erstmals in englischer Sprache veröffentlicht und bereits ein Jahr später im Schweizer Albert Müller Verlag in Rüschlikon auf Deutsch herausgegeben. Ein Vergleich der beiden Ausgaben ist für die damalige Zeit sehr aufschlussreich. Abgesehen davon, dass die englische Version länger ist, fehlen in der deutschen Ausgabe einige Szenen sowie Hinweise auf die Schweiz, in der die Geschichte teilweise spielt. Zudem enthält nur die deutsche Ausgabe auf der ersten Seite die folgende Aussage:

Die Geschichte von Renni reicht von seiner frühen Junghundzeit über seine Ausbildung bis zu seinem Einsatz mit seinem Besitzer Georg im Krieg. Sie endet damit, dass sowohl Renni als auch Georg verwundet werden und aus dem Dienst entlassen werden müssen. Obwohl der Krieg noch andauert, blicken die beiden, als wären sie eine Einheit, hoffnungsvoll in die Zukunft:
In Rennis unschuldigen Augen war der verständnisvoll treue Abglanz des Hoffens deutlich zu lesen, das Georg durchströmte, und der gleiche Strom erwärmte ebenso das Herz des Hundes.

Eine ganz ähnliche Geschichte über einen Kriegshund finden wir bei dem Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf (1888-1953). Wie Salten war auch Wolf ein Hundeliebhaber, der für Kinder und Erwachsene („grosse Kinder“) schrieb. Seine „Tiergeschichten“ waren für beide Altersgruppen gedacht. In seiner wunderbaren Kurzgeschichte Lennox erzählt er von einem Wachhund, der im Krieg an die Armee ausgeliehen wird. Zunächst wird er als Militärhund eingesetzt, um Munition, Arzneimittel und Wasser zu transportieren. Schliesslich übernimmt er die äusserst schwierige Aufgabe, Minen zu suchen.

Lennox erweist sich bei jeder Aufgabe als äusserst loyaler und intelligenter Hund. Er überwindet mühelos jedes Hindernis und ist voller Stolz, für seinen Sergeant im Einsatz zu sein. Es gibt jedoch eine Ausnahme. Lennox ist nämlich nicht der einzige Hund im Bataillon. Der von Friedrich Wolf wunderbar vermenschlichte Hund verliebt sich in eine Kollegin, eine „Dobermännin“ namens Dina.

Während Lennox Menschen schätzt und ihnen bedingungslos vertraut, selbst im Krieg, ist Dina sehr skeptisch. Die idealistische Hündin kann den Sinn eines Hundes in einer solchen Rolle nicht erkennen. Sie ist der Meinung, dass Hunde besser sind als Menschen. Sie kann den Sinn von Krieg nicht verstehen und nicht nachvollziehen, warum ein Hund für einen Menschen sterben sollte. Sie bevorzugt ein normales Hundeleben:
Dina beobachtete den Freund aus schrägen, halbgeschlossenen Augen. Dann meinte sie leicht spöttisch: »Weshalb möchtest du eigentlich für die Menschen sterben? Ich möchte viel lieber leben, über die freie Heide jagen, und wenn ich dann heiß geschwitzt bin, meine Schnauze so lange ins klare Wasser des Baches tauchen, bis ich ganz voll bin von flüssiger Freude
Lennox ist hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität und seiner Liebe zu Dina. Wenn es jedoch darum geht, Minen aufzuspüren oder mit ihr davonzulaufen, entscheidet er sich für die Loyalität. Als er vom Schlachtfeld zurückkehrt, muss er leider feststellen, dass Dina von einer der von ihr entdeckten Minen getötet wurde.
Lennox trat zu der toten Freundin. Einen Augenblick streckte er die Schnauze in die Höhe, seine Kehle spannte sich, das uralte Klagegeheul der Steppenwölle auszustoßen. Aber wen wollte er damit rufen? Wen mit seinem Geheul anklagen? Die Sonne, den Mond, die Erdmine, die seine Freundin zerrissen hatte, oder die Menschen? Es war sinnlos.

Auch nachdem der Krieg zu Ende ist, kann er sie nicht vergessen. Wie ein posttraumatischer Soldat irrt er umher, ohne seinen Platz zu finden. Wie viele andere Kriegshunde verleugnet auch er den Frieden und versucht immer wieder, zurück ins Schlachtfeld zu gelangen. Er wird von Halluzinationen geplagt, in denen er unaufhörlich nach Dina, seiner Geliebten, sucht.
Ja, truppweise wandern die ehemaligen Kriegshunde wie ein Gespensterzug vor allem nachts über die Straßen des Landes. Hinter diesen Rudeln aber treibt sich noch ein einzelner größerer Hund auf den nächtlichen Wegen umher. Man erkennt ihn immer wieder an seinem furchtbaren Geheul.

Das Thema des kriegsposttraumatischen Hundes ist auch Thema einer aktuellen Veröffentlichung des israelischen Autors Dror Mishani. In einer kürzlich erschienenen Ausgabe des Aufbau Magazins mit dem Titel Oskar und Lili. Oder: Eine kurze Geschichte über eine Hündin aus Gaza erzählt Mishani die Geschichte einer Hündin aus Gaza, die aus dem Kriegsgebiet flieht und in Israel ankommt. Da der Autor und seine Familie die Herkunft der Hündin nicht kennen, glauben sie zunächst, dass sie aus einem der Kibbuzim in der Gegend stammt, und adoptieren sie. Aufgrund einiger beunruhigender Vorfälle müssen sie jedoch schnell feststellen, dass sie sich getäuscht haben:
Wir warteten mit unserem jüngsten Sohn auf den Bus, als sich ein Soldat mit geschultertem Gewehr der Haltestelle näherte und Lili die Zähne fletschte und ihn drohend anknurrte, als wollte sie ihn angreifen oder unseren Sohn vor ihm verteidigen. In der Folgezeit stellten wir fest, dass Lili jedes Mal versuchte, von der Leine zu gehen und sich auf Soldaten in Uniform zu stürzen, vor allem, wenn sie sich in Begleitung unseres Sohnes befand.

Als die Familie mit der Hündin zum Tierarzt geht, deutet dieser an, dass sie wohl aus Gaza stammt und unter einem traumatischen Erlebnis mit Soldaten leidet. Später eskaliert die Situation, als Lili beim Spaziergang mit dem kleinen Sohn einen zufällig vorbeikommenden Soldaten angreift und beisst. Von da an muss Lili einen Maulkorb tragen. Sie wird von den Nachbarn gefürchtet und gehasst und darf nicht mehr mit den anderen Hunden spielen.
Die gesellige Hündin war ganz allein auf der leeren Hundwiese und hielt sehnsüchtig nach einem Freund oder einer Freundin Ausschau, mit denen sie spielen könnte. Die meiste Zeit aber stand sie am verschlossenen Tor und wartete – vergebens.
Die Geschichte nimmt eine positive und überraschende Wendung, als Lili Oskar trifft, einen alten israelischen Armeehund, der durch eine Minenexplosion in Gaza zwei Beine verloren hat. Da er sich aufgrund seiner Verletzung nicht verteidigen konnte, ist Oskar sehr schüchtern und unsicher geworden. Die beiden kriegsverletzten Hunde finden irgendwie Trost und Vertrauen zueinander und werden gute Freunde.
Trotz des Altersunterschieds zwischen ihnen war von dieser ersten Begegnung an klar: Oskar und Lili waren füreinander bestimmt. Sie trafen sich jeden Morgen bei Sonnenaufgang und jede Nacht gegen Mitternacht. Lili pflegte in Kreisen um Oskar herum zu jagen und ihnen beiden tiefe Mulden zu graben, und wenn Oskar sich in einer davon eingerichtet hatte, setzte sie sich neben ihn, legte zwei Pfoten auf seine Vorderläufe und gemeinsam betrachteten sie die erwachende oder die schlafende Stadt.

In einer seiner „Reportagen“, die am 1. August 1919 unter dem Titel Vom Hunden und Menschen in Der neue Tag erschien, beschreibt Joseph Roth (1894-1939) unter dem Pseudonym „Josephus“ ein neues „Fabelwesen“, das der Krieg hervorgebracht hat.

Ein Kriegsinvalide mit gebrochenem Rücken sitzt an einer Strassenecke und verkauft Zeitungen. Auf seinem Rücken reitet sein treuer Hund, der ihn vor anderen Männern beschützt. Mit seiner typischen scharfen und bitteren Ironie beschreibt Roth, wie aus „Hundemenschen“ „menschliche Hunde“ werden.
Zum Abschluss bringen wir Ihnen diese kurze Reportage in voller Länge:
Zu den vielen Straßenbildern des Wiener Kriegselends hat sich seit einigen Tagen ein neues gesellt: ein vom Kriege zum rechteckigen Winkel konstruierter Mensch – Invalide mit Rückgratbruch – bewegt sich auf eine fast unerklärliche Weise durch die Kärntnerstraße und kolportiert Zeitungen. Auf seinem, mit dem Trottoir eine Horizontale bildenden gebrochenen Rücken sitzt – ein Hund. Ein wohldressierter, kluger Hund, der auf seinem eigenen Herrn reitet und aufpaßt, daß diesem keine Zeitung wegkommt. Ein modernes Fabelwesen: eine Kombination von Hund und Mensch, vom Kriege ersonnen und vom Invalidenjammer in die Welt der Kärntnerstraße gesetzt. Ein Zeichen der neuen Zeit, in der Hunde auf Menschen reiten, um diese vor Menschen zu bewachen. Eine Reminiszenz an jene große Zeit, da Menschen wie Hunde dressiert und in einer sympathischen Begriffskombination als »Schweinehunde«, »Sch…hunde« usw. von jenen benannt wurden, die selbst Bluthunde waren und so nicht genannt werden durften. Eine Folge des Patriotismus, der die aufrechten Ebenbilder Gottes abhängig machte von vierfüßigen Geschöpfen, die niemals den Seelenaufschwung besaßen, Heldentum und Kanonenfutterage zu bilden und höchstens zur Sanität assentiert werden durften. An der Brust des Invaliden baumelt ein Karl-Truppenkreuz. Am Halse des Hundes hängt eine Marke. Jener mit dem Karl-Truppenkreuz ist ein Leidender. Dieser mit der Marke ein Tätiger. Er bewacht das Leid des Invaliden. Er bewahrt ihn vor Schaden. Das Vaterland und die Mitmenschen konnten ihm nur Schaden zufügen. Diesen hat er es zu verdanken, daß jener ihn bewacht. Oh, Zeichen der Zeit! Ehemals gab es Schäferhunde, die Schafherden, Kettenhunde, die Häuser bewachten. Heute gibt es Menschenhunde, die Invalide bewachen müssen, Menschenhunde als Folgeerscheinung der Hundemenschen. Wie eine Vision wirkte auf mich dieses Bild: ein Hund sitzt auf einem Menschen. Ein Mensch ist froh, von diesem Hunde abhängig sein zu können, da er sich erinnert, wie er von anderen abhängig sein mußte. Gibt es Traurigeres als diesen Anblick, der ein Symbol der Menschheit zu sein scheint? Ringsum lustwandelt der Kriegsgewinn mit der Telepathie und in der Mitte ein berittener Hund! Inferiorität der menschlichen Rasse, Superiorität der tierischen. Wir haben es herrlich weit gebracht durch diesen Krieg, in dem die Kavallerie abgeschafft wurde, damit Hunde auf Menschen reiten können! ..
Oded Fluss. Zürich, 21.8.2025.
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