Hunde im Krieg

Als bester Freund des Menschen begleitet der Hund seine Besitzer: innen überall hin. Da Menschen leider oft Kriege anzetteln, daran beteiligt sind oder zu deren Opfern werden, finden sich auch Hunde in Kriegsgebieten wieder. Da Krieg ein zentrales Thema der jüdischen Literatur ist (und es wohl leider immer bleiben wird), taucht der Hund darin häufig auf: als Held, der zur Rettung kommt, als Zeuge der Gräueltaten oder als Kriegsopfer selbst.

Felix Salten, dessen 80. Todestag wir dieses Jahr begehen, war kein Unbekannter, wenn es um Hunde ging. Von klein auf bis zu seiner Zeit im Exil wurde er immer von dem besten Freund des Menschen begleitet. Da er viel über Tiere im Allgemeinen schrieb, ist es nicht verwunderlich, dass auch in vielen seiner Geschichten Hundefiguren vorkommen. In einem früheren Beitrag (Verwandlung in einen Hund) haben wir bereits kurz über seinen Roman Der Hund von Florenz berichtet. Salten war jedoch nicht nur mit Hunden, sondern leider auch mit Kriegen vertraut. Ein weiterer Roman, den er im Schweizer Exil schrieb, verbindet diese beiden Themen.

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Felix Salten – Renni der Retter: Das Leben eines Kriegshundes. Mit 18 Federzeichnungen von Philip Arlen. Albert Müller Verlag. Rüschlikon, 1941. D 3562.

Das Buch Renni der Retter: Das Leben eines Kriegshundes erzählt die Geschichte von der Ausbildung und dem Leben des Deutschen Schäferhundes Renni und seines Besitzers Georg Hauser, der ihn zu einem Krieg- und Rettungshund erzieht. Obwohl es sich um einen fiktiven Roman handelt, hat Salten für dieses Buch über die Ausbildung von Hunden in der Schweizer Armee recherchiert.

Eine Anzeige für das Buch, die in der NZZ vom 31. August 1941 erschienen ist.

Das Buch folgt dem Motto: „Es gibt keine schlechten Hunde, nur schlechte Hundebesitzer.“ Renni ist eine Erfolgsgeschichte und hat mit Georg den idealen Besitzer gefunden. Der Hund Renni wird mit seinem Bruder Pascha verglichen. Letzterer ist ein armer Hund mit einem gewalttätigen und missbrauchenden Besitzer und erleidet ein tragisches Schicksal.

Der Roman wurde 1940 erstmals in englischer Sprache veröffentlicht und bereits ein Jahr später im Schweizer Albert Müller Verlag in Rüschlikon auf Deutsch herausgegeben. Ein Vergleich der beiden Ausgaben ist für die damalige Zeit sehr aufschlussreich. Abgesehen davon, dass die englische Version länger ist, fehlen in der deutschen Ausgabe einige Szenen sowie Hinweise auf die Schweiz, in der die Geschichte teilweise spielt. Zudem enthält nur die deutsche Ausgabe auf der ersten Seite die folgende Aussage:

Die Geschichte von Renni reicht von seiner frühen Junghundzeit über seine Ausbildung bis zu seinem Einsatz mit seinem Besitzer Georg im Krieg. Sie endet damit, dass sowohl Renni als auch Georg verwundet werden und aus dem Dienst entlassen werden müssen. Obwohl der Krieg noch andauert, blicken die beiden, als wären sie eine Einheit, hoffnungsvoll in die Zukunft:

In Rennis unschuldigen Augen war der verständnisvoll treue Abglanz des Hoffens deutlich zu lesen, das Georg durchströmte, und der gleiche Strom erwärmte ebenso das Herz des Hundes.

Friedrich Wolf

Eine ganz ähnliche Geschichte über einen Kriegshund finden wir bei dem Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf (1888-1953). Wie Salten war auch Wolf ein Hundeliebhaber, der für Kinder und Erwachsene („grosse Kinder“) schrieb. Seine „Tiergeschichten“ waren für beide Altersgruppen gedacht. In seiner wunderbaren Kurzgeschichte Lennox erzählt er von einem Wachhund, der im Krieg an die Armee ausgeliehen wird. Zunächst wird er als Militärhund eingesetzt, um Munition, Arzneimittel und Wasser zu transportieren. Schliesslich übernimmt er die äusserst schwierige Aufgabe, Minen zu suchen.

Friedrich Wolf – Bummi: Tiergeschichten für Grosse und kleine Kinder. Illustrationen von Ludwig Nawrotzky. Aufbau Verlag. Berlin, 1951.

Lennox erweist sich bei jeder Aufgabe als äusserst loyaler und intelligenter Hund. Er überwindet mühelos jedes Hindernis und ist voller Stolz, für seinen Sergeant im Einsatz zu sein. Es gibt jedoch eine Ausnahme. Lennox ist nämlich nicht der einzige Hund im Bataillon. Der von Friedrich Wolf wunderbar vermenschlichte Hund verliebt sich in eine Kollegin, eine „Dobermännin“ namens Dina.

Während Lennox Menschen schätzt und ihnen bedingungslos vertraut, selbst im Krieg, ist Dina sehr skeptisch. Die idealistische Hündin kann den Sinn eines Hundes in einer solchen Rolle nicht erkennen. Sie ist der Meinung, dass Hunde besser sind als Menschen. Sie kann den Sinn von Krieg nicht verstehen und nicht nachvollziehen, warum ein Hund für einen Menschen sterben sollte. Sie bevorzugt ein normales Hundeleben:

Dina beobachtete den Freund aus schrägen, halbgeschlossenen Augen. Dann meinte sie leicht spöttisch: »Weshalb möchtest du eigentlich für die Menschen sterben? Ich möchte viel lieber leben, über die freie Heide jagen, und wenn ich dann heiß geschwitzt bin, meine Schnauze so lange ins klare Wasser des Baches tauchen, bis ich ganz voll bin von flüssiger Freude

Lennox ist hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität und seiner Liebe zu Dina. Wenn es jedoch darum geht, Minen aufzuspüren oder mit ihr davonzulaufen, entscheidet er sich für die Loyalität. Als er vom Schlachtfeld zurückkehrt, muss er leider feststellen, dass Dina von einer der von ihr entdeckten Minen getötet wurde.

Lennox trat zu der toten Freundin. Einen Augenblick streckte er die Schnauze in die Höhe, seine Kehle spannte sich, das uralte Klagegeheul der Steppenwölle auszustoßen. Aber wen wollte er damit rufen? Wen mit seinem Geheul anklagen? Die Sonne, den Mond, die Erdmine, die seine Freundin zerrissen hatte, oder die Menschen? Es war sinnlos.

Auch nachdem der Krieg zu Ende ist, kann er sie nicht vergessen. Wie ein posttraumatischer Soldat irrt er umher, ohne seinen Platz zu finden. Wie viele andere Kriegshunde verleugnet auch er den Frieden und versucht immer wieder, zurück ins Schlachtfeld zu gelangen. Er wird von Halluzinationen geplagt, in denen er unaufhörlich nach Dina, seiner Geliebten, sucht.

Ja, truppweise wandern die ehemaligen Kriegshunde wie ein Gespensterzug vor allem nachts über die Straßen des Landes. Hinter diesen Rudeln aber treibt sich noch ein einzelner größerer Hund auf den nächtlichen Wegen umher. Man erkennt ihn immer wieder an seinem furchtbaren Geheul.

Dror Mishani

Das Thema des kriegsposttraumatischen Hundes ist auch Thema einer aktuellen Veröffentlichung des israelischen Autors Dror Mishani. In einer kürzlich erschienenen Ausgabe des Aufbau Magazins mit dem Titel Oskar und Lili. Oder: Eine kurze Geschichte über eine Hündin aus Gaza erzählt Mishani die Geschichte einer Hündin aus Gaza, die aus dem Kriegsgebiet flieht und in Israel ankommt. Da der Autor und seine Familie die Herkunft der Hündin nicht kennen, glauben sie zunächst, dass sie aus einem der Kibbuzim in der Gegend stammt, und adoptieren sie. Aufgrund einiger beunruhigender Vorfälle müssen sie jedoch schnell feststellen, dass sie sich getäuscht haben:

Wir warteten mit unserem jüngsten Sohn auf den Bus, als sich ein Soldat mit geschultertem Gewehr der Haltestelle näherte und Lili die Zähne fletschte und ihn drohend anknurrte, als wollte sie ihn angreifen oder unseren Sohn vor ihm verteidigen. In der Folgezeit stellten wir fest, dass Lili jedes Mal versuchte, von der Leine zu gehen und sich auf Soldaten in Uniform zu stürzen, vor allem, wenn sie sich in Begleitung unseres Sohnes befand.

Dror Mishani – Oskar und Lili. Oder: Eine kurze Geschichte über eine Hündin aus Gaza. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Aufbau – Das jüdische Monatsmagazin. Ausgabe 4. 30.5.2025.

Als die Familie mit der Hündin zum Tierarzt geht, deutet dieser an, dass sie wohl aus Gaza stammt und unter einem traumatischen Erlebnis mit Soldaten leidet. Später eskaliert die Situation, als Lili beim Spaziergang mit dem kleinen Sohn einen zufällig vorbeikommenden Soldaten angreift und beisst. Von da an muss Lili einen Maulkorb tragen. Sie wird von den Nachbarn gefürchtet und gehasst und darf nicht mehr mit den anderen Hunden spielen.

Die gesellige Hündin war ganz allein auf der leeren Hundwiese und hielt sehnsüchtig nach einem Freund oder einer Freundin Ausschau, mit denen sie spielen könnte. Die meiste Zeit aber stand sie am verschlossenen Tor und wartete – vergebens.

Die Geschichte nimmt eine positive und überraschende Wendung, als Lili Oskar trifft, einen alten israelischen Armeehund, der durch eine Minenexplosion in Gaza zwei Beine verloren hat. Da er sich aufgrund seiner Verletzung nicht verteidigen konnte, ist Oskar sehr schüchtern und unsicher geworden. Die beiden kriegsverletzten Hunde finden irgendwie Trost und Vertrauen zueinander und werden gute Freunde.

Trotz des Altersunterschieds zwischen ihnen war von dieser ersten Begegnung an klar: Oskar und Lili waren füreinander bestimmt. Sie trafen sich jeden Morgen bei Sonnenaufgang und jede Nacht gegen Mitternacht. Lili pflegte in Kreisen um Oskar herum zu jagen und ihnen beiden tiefe Mulden zu graben, und wenn Oskar sich in einer davon eingerichtet hatte, setzte sie sich neben ihn, legte zwei Pfoten auf seine Vorderläufe und gemeinsam betrachteten sie die erwachende oder die schlafende Stadt.

Roth in 1926
Joseph Roth

In einer seiner „Reportagen“, die am 1. August 1919 unter dem Titel Vom Hunden und Menschen in Der neue Tag erschien, beschreibt Joseph Roth (1894-1939) unter dem Pseudonym „Josephus“ ein neues „Fabelwesen“, das der Krieg hervorgebracht hat.

Der neue Tag. Wien, 1.8.1919.

Ein Kriegsinvalide mit gebrochenem Rücken sitzt an einer Strassenecke und verkauft Zeitungen. Auf seinem Rücken reitet sein treuer Hund, der ihn vor anderen Männern beschützt. Mit seiner typischen scharfen und bitteren Ironie beschreibt Roth, wie aus „Hundemenschen“ „menschliche Hunde“ werden.
Zum Abschluss bringen wir Ihnen diese kurze Reportage in voller Länge:

Zu den vielen Straßenbildern des Wiener Kriegselends hat sich seit einigen Tagen ein neues gesellt: ein vom Kriege zum rechteckigen Winkel konstruierter Mensch – Invalide mit Rückgratbruch – bewegt sich auf eine fast unerklärliche Weise durch die Kärntnerstraße und kolportiert Zeitungen. Auf seinem, mit dem Trottoir eine Horizontale bildenden gebrochenen Rücken sitzt – ein Hund. Ein wohldressierter, kluger Hund, der auf seinem eigenen Herrn reitet und aufpaßt, daß diesem keine Zeitung wegkommt. Ein modernes Fabelwesen: eine Kombination von Hund und Mensch, vom Kriege ersonnen und vom Invalidenjammer in die Welt der Kärntnerstraße gesetzt. Ein Zeichen der neuen Zeit, in der Hunde auf Menschen reiten, um diese vor Menschen zu bewachen. Eine Reminiszenz an jene große Zeit, da Menschen wie Hunde dressiert und in einer sympathischen Begriffskombination als »Schweinehunde«, »Sch…hunde« usw. von jenen benannt wurden, die selbst Bluthunde waren und so nicht genannt werden durften. Eine Folge des Patriotismus, der die aufrechten Ebenbilder Gottes abhängig machte von vierfüßigen Geschöpfen, die niemals den Seelenaufschwung besaßen, Heldentum und Kanonenfutterage zu bilden und höchstens zur Sanität assentiert werden durften. An der Brust des Invaliden baumelt ein Karl-Truppenkreuz. Am Halse des Hundes hängt eine Marke. Jener mit dem Karl-Truppenkreuz ist ein Leidender. Dieser mit der Marke ein Tätiger. Er bewacht das Leid des Invaliden. Er bewahrt ihn vor Schaden. Das Vaterland und die Mitmenschen konnten ihm nur Schaden zufügen. Diesen hat er es zu verdanken, daß jener ihn bewacht. Oh, Zeichen der Zeit! Ehemals gab es Schäferhunde, die Schafherden, Kettenhunde, die Häuser bewachten. Heute gibt es Menschenhunde, die Invalide bewachen müssen, Menschenhunde als Folgeerscheinung der Hundemenschen. Wie eine Vision wirkte auf mich dieses Bild: ein Hund sitzt auf einem Menschen. Ein Mensch ist froh, von diesem Hunde abhängig sein zu können, da er sich erinnert, wie er von anderen abhängig sein mußte. Gibt es Traurigeres als diesen Anblick, der ein Symbol der Menschheit zu sein scheint? Ringsum lustwandelt der Kriegsgewinn mit der Telepathie und in der Mitte ein berittener Hund! Inferiorität der menschlichen Rasse, Superiorität der tierischen. Wir haben es herrlich weit gebracht durch diesen Krieg, in dem die Kavallerie abgeschafft wurde, damit Hunde auf Menschen reiten können! ..

Oded Fluss. Zürich, 21.8.2025.

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

Ganz vorn: „Ardon“

Der Pudelmopsdackelpinscher

Verwandlung in einen Hund

Koschere Hunde (auch für Pessach)

Hundeelend

Hundeelend

"Wenn ein Hund sehr lange bellt, hört es sich an, als übergebe sich einer."
Kurt Tucholsky - Traktat über den Hund

Wir sind es gewohnt, vom Hund als Begleiter des Menschen, als seinem besten Freund zu sprechen. Es gibt aber auch Fälle, die in der Literatur recht häufig vorkommen, in denen der Hund unerwünscht oder gar lästig ist, im Extremfall sogar Ursache eines Nervenzusammenbruchs. In diesen Fällen stehen natürlich die negativen Eigenschaften des Hundes im Vordergrund, wie z.B. Bellen, Beissen, völlige Abhängigkeit oder geringes Selbstwertgefühl.

painting of Jezebel's dead body being consumed by dogs as Jehu gestures at her body in triumph
Andrea Celesti – Königin Isebel von Hunden gefressen.

Auch in der jüdischen Literatur sind solche hundeelende Geschichten nicht selten. Hier findet man eine Urangst vor Hunden und den Glauben, dass sie gewissermassen ein Symbol für den bevorstehenden Tod sind. Folgt man dem Talmud oder der Halacha, so wird der Hund fast ausschliesslich negativ erwähnt. Der Hund gilt als unheiliges, unreines Tier, wird oft als Schimpfwort verwendet, und von Hunden gefressen zu werden, wird in der Bibel als eine der schlimmsten Strafen erwähnt, die ein Sünder erleiden kann. Wir wissen zum Beispiel von Isebel, der Frau Ahabs, die wissentlich gegen Gott sündigte und von streunenden Hunden gefressen wurde.

Otto Weininger (1880-1903)

Der Hund als Unheiliges, als böses Omen, als Symbol des Todes lässt sich zwar bis zum biblischen Exodus zurückverfolgen (Siehe unseren Beitrag Koschere Hunde auch für Pessach), aber man muss gar nicht so weit zurückgehen. Der berüchtigte selbsthassende Jude Otto Weininger hatte dies sehr eindrucksvoll in Worte gefasst:

Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund ein Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir neuen, durchdringenden Weise bellen und hatte im gleichen Momente unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand sterbe […] Ähnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der letzten Strophe von Heines bedeutendestem und schönstem Gedichte „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ heisst es, wie die vom Leben erlösende Mutter Gottes dem kranken sich naht:
„Die Hunde bellten so laut.“

Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Hund (wie im Fall Weininger deutlich wird) meist nur Auslöser, Metapher und Symbol für etwas ist, worunter der Protagonist selbst leidet oder worüber er sich Sorgen macht.

Yosef Tunkel „Der Tunkeler“ (1881-1949)
"אַז אַ ייִד האָט אַ הונט, איז אָדער דער הונט נישט קיין הונט, אָדער דער ייִד נישט קיין ייִד.‏“
„Wenn ein Jude einen Hund hat, ist entweder der Hund kein Hund oder der Jude ist kein Jude.“
Alter jüdischer Spruch.

Wir beginnen mit dem grossen jiddischen Humoristen Yosef Tunkel (1881-1949), der vor allem unter dem Pseudonym דער טונקעלער „der Tunkeler“ bekannt ist. Seine Erzählung Ich hab mir einen Hund angeschafft erschien erstmals Ende 1934 in deutscher Übersetzung in der jüdischen Zeitschrift Die neue Welt. Die pseudobiografische Erzählung handelt von einem einsamen, gelangweilten Dichter, der sich auf Anraten seiner Freunde einen Hund anschafft. Er wünscht sich, dass der Hund, dem er den treffenden Namen „Plagiatschik“ gibt, ihm Gesellschaft leistet und ihn sogar zum Dichten inspiriert:

„Was ich mir wünsche“, erklärte ich weiter, „ist ein kluger Hund. Er soll niemand in Anspruch nehmen müssen. Im Gegenteil wäre es forteilhaft, wenn man gelegentlich von ihm einen Gedanken, ein Thema für ein Gedicht, irgend eine dichterische Anregung beziehen könnte.“

Viel komplizierter erweist sich jedoch die Realität. Da er niemanden hat, der sich in seiner Abwesenheit um den Hund kümmert, muss der Hund unseren Dichter überallhin begleiten. Abgesehen davon, dass der Hund ihn beim Schreiben stört, ist es besonders unangenehm, wenn er in Begleitung des Hundes bestimmte Redaktionen besucht. Hierin zeigen sich die beiden damals gängigen jüdischen Vorstellungen vom Hund:

In einer Redaktion sitzt ein Redakteur, ein eingefleischter Nationalist, der Hunde haßt. Hunde, sagt er, ist eine goische Angelegenheit. Ein Hund ist ein Antisemit, und er könne nicht leiden, daß ich mich mit einem Hund herumdrehe, und für mich, einen einsamen lyrischen Dichter, schicke es sich überhaupt nicht. Denn wie könne man einsame Lieder schreiben, wenn man einen Hund habe! Mit einem Hund sei man nicht einsam.
Ein zweiter Redakteur wiederum ist zu all dem Jammer ausgerechnet ein Assimilant, ein Fortschrittler, ein Freidenker und großer Kämpfer. Er kommt aus dem Kämpfen nicht heraus, vor nichts hat er Angst, er hat alles Jüdische völlig abgestreift, nur ein Tropfen ist ihm geblieben: die Angst vor Hunden. Er zittert geradezu vor jedem Hund. Selbstverständlich steht er meinem Hund nicht sympathisch gegenüber, und darunter leiden meine Gedichte. Aus Haß gegen den Hund wirft er meine Manuskripte in den Papierkorb.

Die Geschichte endet damit, dass der Dichter seinen Hund zu einem Bankett mitnimmt, wo dieser von den vielen angebotenen Speisen isst. Da er an die Gewürze nicht gewöhnt ist, wird er krank und unser Dichter muss die Arztrechnungen bezahlen und ihn jeden Tag im Tierspital besuchen. Am Ende der Geschichte steht der zynische Satz:

Ich habe mir einen Hund angeschafft. Geradezu ein Vergnügen.

Karl Kraus – Die Fackel, 28.4.1908.

Eine andere, eher zynische Geschichte findet sich bei dem österreichisch-jüdischen Journalisten und Essayisten Anton Kuh (1890-1941). In seiner skurrilen Liebes- und Hassgeschichte Der Hund als Stammgast taucht man in eine heute als toxisch zu bezeichnende Beziehung zwischen einem Mann und seinem Hund ein.

Anton Kuh (1890-1941).

Erst 1927 in Der Querschnitt veröffentlicht, ist die Geschichte von Anfang an ungewöhnlich. Der Erzähler, der auch die Hauptfigur ist, spricht von seinem Hund in einer Weise, die an jemanden erinnert, der von seiner Geliebten spricht.

Findlingsgeheimnis war um seinen kleinen Kopf; woher kam er, wohin zog es ihn? War ich für ihn Endziel oder Station? Die Ungewißheit lag wie schwarzer Schatten über unserer Beziehung. Zuerst von seiner Seite (wie bei ihr!); er heulte zum Erbarmen, wenn ich ihn einen Augenblick im Stich ließ, sein Winseln sagte: „Schon wieder… zurück ins Nichts!“, ich mußte ihn auf die kleinsten Gänge mitnehmen. Später, wenn er mir auch nur auf eine Stunde entwischte, war es umgekehrt; Vorwürfe bestürmten mein Herz: Warst du phantasievoll genug? Hast du seine Angst nicht zu leicht genommen? Botest du ihm, was er brauchte? …

Was als Haupteigenschaft des Hundes gilt, seine Treue, wird von unserem Protagonisten immer wieder in Frage gestellt, was ihn schliesslich in eine psychische Krise und in ein Sanatorium treibt. Als er zurückkehrt, stellt er fest, dass der Hund seine Rolle als „Literat“ übernommen hat und ohne ihn weiterhin alle Cafés besucht, in denen er früher Stammgast war.

Mein Hund war Literat geworden! Er hatte sich in meiner Abwesenheit selbständig gemacht und gegen Zuckerstücke, Eiskaffee und Knochenreste Proben jener geselligen Grazie geboten, von der sein Herr solange den Unterhalt zu bestreiten hatte.

Der Hund, so heisst es immer wieder, ist der Vorläufer einer späteren Frau im Leben unseres Erzählers. Am Ende verschwindet er im Nichts, so wie sie es schliesslich auch tun wird.

Mala Laaser (1911-1953). Um 1935 (Foto von Abraham Pisarek). Bildarchiv Pisarek / akg-images
„drumb magstu wol dein maul zu drücken
und liest den hundt wol billig schlafen.“
Hans Sachs

Über die nächste Autorin ist leider nicht viel bekannt. Mala Laaser wurde 1911 in Königsberg geboren und arbeitete Mitte bis Ende der 1930er Jahre als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Mit Gedichten und kleinen Prosastücken, sprachlich sorgfältig und inhaltlich spannend, war sie Mitarbeiterin zahlreicher jüdischer Zeitungen, vor allem der Monatsschrift Der Morgen. 1937 lernte sie den Schriftsteller und Rechtsanwalt Jacob Picard (1883-1967) kennen. Die beiden verlobten sich, trennten sich aber wieder, vermutlich wegen ihrer Emigrationsbestrebungen.

Der Morgen – Monatsschrift der Juden in Deutschland. August 1936. Z 21.

Ihre seltsame Novelle Der Hund Ossip – Eine Flucht durch Prag erschien August 1936 in Der Morgen. Sie handelt von einer Frau, die auf der Suche nach Ruhe und Frieden allein nach Prag reist. Dort erwartet sie jedoch weder Ruhe noch Frieden, denn ein ihr zunächst unbekannter Hund folgt ihr auf Schritt und Tritt. Erschwerend kommt hinzu, dass niemand ausser ihr den Hund sieht, was Zweifel an ihrer geistigen Gesundheit aufkommen lässt.

„Habben Sie Winsche?“ fragt der Boy, ehe er geht.
„Danke! Nur — der Hund —“, sage ich hoffnungslos. „Er gehört nicht zu mir — vielleicht nehmen Sie ihn mit hinunter und geben ihm etwas zu fressen, damit er davonläuft!“
„Biittä — waas?“ fragt der Boy. Mir läuft es kalt über den Rücken.
„Gut, gut — danke!“ sage ich mühsam. Der Boy dienert und geht. Ich bin mit einem fremden Hund in einem fremden Hotelzimmer.

Der Hund, der sich später als Ossip, der verstorbene Hund der Protagonistin aus ihrer Kindheit herausstellt, bringt weitere seltsame Gestalten aus dem Jenseits mit sich, darunter vor allem den schrecklichen Golem. Auf der Flucht vor ihm begegnet sie einem alt aussehenden jüdischen Rabbi, der sich als Rabbi Loeb vorstellt, dem der Legende nach die Erschaffung des Golem zugeschrieben wird.

Plötzlich tritt mir ein alter Jude in den Weg, faßt mich bei der Schulter und sieht mich an. Er ist fremdartig gekleidet, sein Kaftan ist grau und verblichen, als sei er tausende von Jahren alt.
„Was läufst du?“ fragt er mich. Die Stimme kommt von weit. Kluge Augen, gute Augen — ich fasse Mut.
„Der Golem!“ flüsterte ich ihm ins Ohr. Von Ossip, den ich nicht fürchte, wage ich nicht zu sprechen.
Der Jude lacht. „Golem!“ sagt er singend. „Ein Klumpen Lehm, ein wenig Atem von meinem Atem,— Lebender, was fürchtest du? Sei freundlich mit Geistern und Gestorbenen, und man wird auch mit dir freundlich sein!“

Wir werden nun sehen, dass die Geschichte die alte traditionelle Legende vom Golem benutzt, um (wenn auch nur andeutungsweise) etwas über die Situation der Juden in den 1930er Jahren zu sagen, als diese Geschichte geschrieben wurde. Der Hund ist hier ein Symbol für eine bevorstehende Katastrophe, für den Tod.

Rabbi Loeb hat seinen Arm um mich gelegt, er führt mich durch die Gassen bis zu seinem Grabe und zu seinem Tempel — „was lauschst du, was sprichst du? Es tut dem Lebenden nicht not, uns Abgestorbene zu fürchten. Tod und Leben gehen Hand in Hand durch diese Stadt! Gewöhne dich! Wir sind in Prag!…“
Wir sind im Ghetto. Die Häuser liegen tief und nah dem Grund der Moldau. Mit Bogen überbaute Gassen halten das Gemäuer voneinander. Die Tore führen in die Dunkelheit. Es stinkt. Das Tages­licht versiegt vor all dem Schwarz und Grau.
Wo war eure Luft, Brüder? Wo spielten eure Kinder? Welcher Frühling brachte euren Siechen Heilung? Wo war eure Freude, —ach, und in welchem Käfig blühte eure Zuversicht?
„Wir hatten Pest, wir hatten Armut, wir hatten Verachtung!“ sagt Rabbi Loeb. „Was wißt ihr, was wißt ihr!“ (Wir wissen, sagt mein Herz! Aber ich schweige. —)

Visumantrag von Mala Laaser, 28.2.1936.

Umgeben von Schrecken und Tod, die keine zeitlichen Grenzen kennen, wählt unsere Protagonistin den einzigen Ausweg: die Flucht. Sie packt ihre Sachen, lässt ihren Hund zurück und steigt in den Zug. Ihre letzten Gedanken an den Hund sind zugleich eine Prophezeiung dessen, was kommen wird. Es wird auch das Schicksal der Autorin Mala Laaser sein, die rechtzeitig aus Deutschland nach England fliehen konnte.

Ich bin nur ein Lebender, du weißt es! Mein Gesetz ist die Luft, das Blau des jungen Himmels, das Meer in seiner ewigen Wanderung und der scharfe, schneebeladene Kamm der Berge. Ich reise, Ossip, meine Fahrt geht in die Zukunft. Friede für euch alle, ihr Geister der Vergangenheit! —
Aus dem Zuge rufe ich meinem toten Hunde die letzten Grüße zu. Kläffend, jammernd, winselnd läuft das Tier ein Stück neben den Schienen mit. Bei den ersten Feldern bleibt Ossip zurück. Eine Weile sieht es aus, als suche er zu folgen — endlich aber sehe ich ihn umwenden und in langen Sprüngen querfeldein seinen Weg nordöstlich in die große Dunkelheit beginnen. —

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

Ganz vorn: „Ardon“

Der Pudelmopsdackelpinscher

Verwandlung in einen Hund

Koschere Hunde (auch für Pessach)

Oded Fluss. Zürich. 14.5.2025

Koschere Hunde (auch für Pessach)

Unsere kommende Ausstellung Koschere Hunde, die sich mit der interessanten Verbindung zwischen Hunden und dem Judentum beschäftigt, bietet uns die Gelegenheit, dieses ohnehin ungewöhnliche Thema zu untersuchen und zu sehen, ob wir unsere Hunde nicht nur koscher, sondern auch „koscher für Pessach“ machen können. Nun könnte man fragen: Was haben Hunde mit Pessach zu tun? Die Antwort ist: nicht viel, aber es gibt einige Stellen, an denen die Vierbeiner in unserem Seder und in der Geschichte vom Auszug aus Ägypten vorkommen.

Menachem Birnbaum – Chad Gadjo

Ein Hund, den wir alle sehr gut kennen, ist der Hund aus dem Lied Chad Gadja in der Pessach-Haggada. Dieses traditionelle aramäische Kettenlied, in dem jede auftretende Figur die vorhergehende übertrifft, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Teile des Pessach-Seders. Der Hund (Kalba) steht an vierter Stelle zwischen der Katze (Shunra), die er beisst, und dem Stock (Chutra), der ihn schlägt. Da die Pessach-Haggada eine der wenigen jüdischen Schriften ist, in denen Bilder üblich sind, finden wir in vielen von ihnen wunderbare Beispiele für die Darstellung von Hunden.

El Lisitski – ve-ata Kalba (Chad Gadja).

Ein weiteres interessantes Auftreten von Hunden findet sich in der Geschichte der zehnten Plage, die Gott über das Volk Ägypten brachte: der Tod aller Erstgeborenen. Diese letzte und verheerendste Plage wird von Gott durch Moses auf sehr interessante Weise beschrieben:

In der Hälfte der Nacht ziehe ich aus mittdurch Ägypten, dann stirbt alljeder Erstling im Land Ägypten, vom Erstling Pharaos, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstling der Magd hinter der Handmühle, und alljeder Erstling eines Tiers. Dann wird ein grosser Schrei in allem Land Ägypten sein, desgleichen nie noch war, desgleichen nie wieder sein wird. Aber gegen alle Söhne Israels soll kein Hund seine Zunge regen, weder gegen Mensch noch Tier.
Exodus 11: 4-7

Was es genau bedeutet, dass kein Hund seine Zunge regte, würden wir nur verstehen, wenn wir den Talmud zu Rate zögen. Im Talmud Mesechet Brachot werden Hunde als Tiere beschrieben, die um Mitternacht bellen. Da sie zur Zeit der zehnten Plage (ebenfalls um Mitternacht) nicht gebellt haben, wird dies als Wunder beschrieben. Es gibt aber auch eine andere Deutung:

Wenn der Todesengel in die Stadt kommt, weinen die Hunde; wenn der Prophet Elijahu in die Stadt kommt, spielen die Hunde. (Masechet Baba Kama).

Abgesehen von der Anspielung auf den Propheten Elijahu, die sich ebenfalls auf das Pessachfest bezieht, kann diese Stelle zusammen mit der vorhergehenden so gedeutet werden, dass die Hunde der Israeliten nicht gebellt und damit ihre Erstgeborenen dem Todesengel nicht verraten und sie somit gerettet haben.

Perek Schira; kopiert und gestaltet von Meshullam Zimmel aus Polna. Wien, 1719. Braginsky Collection 257

Diese besondere Gunst, die die Hunde dem Volk Israel erwiesen haben, bleibt nicht ohne Belohnung. Wir finden sie in dem wunderbaren Buch Perek Schira. Dieses Buch, dessen Ursprung unbekannt ist, beschreibt den Lobpreis Gottes durch alle Geschöpfe: die natürlichen und übernatürlichen Ordnungen, die unbelebte Natur, die Himmel und ihre Heerscharen, die Welten der Pflanzen und Tiere.

Die Hunde singen: Kommt, lasst uns demütig niederknien vor Gott, unserem Schöpfer.

In diesem Buch darf auch der Hund ein Loblied auf Gott singen, und der Talmudgelehrte Rabbi Jishajau fragt: Warum? Hunde sind bekanntlich niedere Wesen, und es scheint nicht in ihrer Demut zu liegen, Gott zu loben. Die Antwort, die wir sofort von einem „Himmelengel“ erhalten, ist die, von der wir schon gesprochen haben, nämlich das Verhalten des Hundes während der zehnten Plage.

Und hatten nicht die Hunde in Ägypten, als unsere Vorfahren dort Dienst taten, ein gewisses Mitleid mit den Israeliten, gegen die kein Hund seine Zunge regte?

Ein weiterer, etwas zeitnaher Dienst, den uns der Hund zu Pessach erweist, ist die Hilfe beim Pessachverbot des Chametz [Gesäuerten]. Da das Gesäuerte vor Pessach verbrannt werden muss, stellt sich die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist. Muss wirklich alles, was Gesäuertes enthalten könnte, verbrannt werden, auch das Ungeniessbare? Die Antwort auf diese Frage finden wir im Masechet Pesachim des Babylonischen Talmuds:

Die Rabbanan lehrten: Wenn Brot schimmlig geworden, und für Menschen ungeniessbar, jedoch für Hunde geniessbar ist, so ist es in Eigrösse als Speise verunreinigungfähig, auch darf es am Pessachfest zusammen mit Unreinem verbrannt werden.

Gesäuertes gilt nur dann als Chametz, wenn es vom Hund gefressen wird. Der Hund gilt hier als halachischer Parameter. Dies ist auch ein Zeichen dafür, dass der Hund schon in früheren Zeiten die Juden begleitete und ihnen nicht nur bei der Bewachung, sondern auch in halachischen Fragen half.

Oded Fluss. Zürich. 2.4.2025.

Da liegt der Hund begraben

Ein Gedicht, das über eine verstorbene Person geschrieben wurde, ist nichts Ungewöhnliches. Wir kennen unzählige Beispiele von Dichtern und Dichterinnen, die einem geliebten Menschen, den sie verloren haben, ein Gedicht gewidmet haben. Was aber, wenn dieser geliebte Verstorbene kein Mensch, sondern ein Hund ist? Bei der Materialsammlung für unsere neue Ausstellung Koschere Hunde stiessen wir zu unserer Überraschung auf mehrere Beispiele jüdischer Dichterinnen und Dichter, die genau dies getan haben. Dies sollte eines der eindrucksvollsten Beispiele für die besondere Beziehung zwischen Juden und Hunden werden.

Richard Beer-Hofmann mit seinem Hund Ardon. Jüdischer Almanach auf das Jahr 5697 [1936-1937].  „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt. D 2520(K)

In einem frühen Beitrag („Ganz vorn: ‚Ardon'“) haben wir bereits über das monumentale Gedicht Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte des jüdischen Dichters Richard Beer-Hofmann (1866-1945) gesprochen. Es ist ein wunderschönes Liebesgedicht, das die Geschichte einer reinen Liebe, des Vertrauens und des gemeinsamen Schicksals zwischen Mensch und Hund erzählt. Dies ist jedoch kein Einzelfall, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Aus Julius Bab – Ausgewählte Gedichte. Privatdruck , 1930.

Das Gedicht An unsern toten Hund stammt von Julius Bab (1880-1955), der nicht als Dichter, sondern als Journalist, Theaterkritiker, Dramaturg und Historiker bekannt ist. Er war auch Mitbegründer des Kulturbundes Deutscher Juden. Dieses sehr anrührende Gedicht wurde über seinen ersten Hund „Fuchs“ geschrieben (aus dem Gedicht geht bereits hervor, dass Bab mehrere Hunde hatte), den er zusammen mit seiner Frau Elisabeth (geb. Loos) Bab hielt.

Julius Bab und Elisabeth (Loos) Bab mit dem Hund Fuchs. AdK, Berlin, Julius-Bab-Archiv 1299.

Dieses persönliche Gedicht erschien in dem sehr persönlichen Buch Ausgewählte Gedichte, das Bab zu seinem 50. Geburtstag als Privatdruck für einen kleinen Kreis seiner engsten Freunde herausgab. Abgesehen von dem sehr emotionalen Eindruck, den das Gedicht hinterlässt, wird die Bedeutung des Hundes dadurch deutlich, dass das Gedicht zwischen einem Wiegenlied, das Bab für seinen Sohn geschrieben hat, und einem Liebesgedicht an seine Frau zum siebenjährigen Ehejubiläum steht.

Karl Kraus mit seinem Hund Bobby. St. Moritz, Villa Manin. 25.2.1916.

Sehr vertraut war Julius Bab mit dem grossen „Anti-Journalisten“ Karl Kraus (1874-1936). Der sonst so zynische Kraus, als Menschenhasser bekannt und gefürchtet, war überraschenderweise ein grosser Hundeliebhaber. Im Laufe der Jahre veröffentlichte Kraus zahlreiche Aphorismen über Hunde, in denen er sie mit dem Menschen verglich, aber immer den Vorteil des Hundes sah:

Karl Kraus – Die Fackel. 21.3.1910.

Kraus, der das sinnlose Sterben von Menschen im Krieg immer sehr kritisch und lautstark verurteilte, war dieser Meinung auch in Bezug auf das unnötige Sterben eines immer unschuldigen Hundes. In einem kurzen Bericht in seiner Fackel vom 30.5.1913 schildert er den sinnlosen Tod des ihm bekannten Hundes Woodie.

Karl Kraus – Die Fackel. 30.5.1913.

Auch drei Jahre später lässt ihn das Ereignis nicht los und er muss es erneut in Gedichtform niederschreiben, diesmal unter dem Titel Grabschrift für ein Hündchen.

Karl Kraus – Die Fackel 16.11.1916.

Die Trauer von Kraus erreichte jedoch ihren Höhepunkt, als wenige Monate später sein geliebter Hund Bobby starb. Bobby war eigentlich der Hund von Kraus‘ Geliebter Sidonie Nádherny, doch in seinen zahlreichen Briefen an sie, in denen der Hund immer wieder vorkommt, betrachtete Kraus ihn auch als seinen eigenen. In seinem Gedicht Als Bobby starb, das am 1.4.1917, gut einen Monat nach dem Tod des Hundes, in der Fackel erschien, schrieb er die ultimative Elegie:

Karl Kraus – Als Bobby starb. Die Fackel. 1.4.1917.

Fast neidisch beschreibt Kraus in seinem Gedicht das Leben des Hundes – ohne die täglichen Streitigkeiten der Menschen und die Hektik des menschlichen Lebens. Er hebt die Treue und bedingungslose Liebe des Tieres hervor und stellt sie der Wankelmütigkeit und dem Egoismus des Menschen gegenüber. Er zeigt auch, wie der Hund mit einer einfachen, wortlosen Geste viel mehr ausdrücken kann als jede menschliche Sprache.

Karl Kraus mit seinem Hund Bobby. St. Moritz, Villa Manin. 25.2.1916.

Wir schliessen mit der zu Unrecht vergessenen jüdischen Dichterin Friederike Kempner (1828-1904). Ihre Gedichte sind vielleicht zu Recht in Vergessenheit geraten, nicht aber die Philanthropin, die Kämpferin, die Menschenfreundin. Diese äusserst produktive und wegweisende Frau war sowohl eine schöpferische Schriftstellerin als auch eine vehemente Kämpferin für die Menschenrechte. Sie kämpfte nicht nur für das Wohl der Menschen, sondern auch für das der Tiere, die in ihrem Leben und in ihren Gedichten eine wichtige Rolle spielen.

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Friederika Kempner

Neben den vielen Vögeln, die in ihren Gedichten auftauchen und meist die Freiheit symbolisieren, spielt ihr Hund mit dem feurigen Namen Nero eine zentrale Rolle. Der Vierzeiler über den Vierbeiner, der ihn als Mittelpunkt ihres Lebens und mit einer gewissen therapeutischen Kraft beschreibt, ist aufrichtig empfunden, wenn auch etwas grotesk ausgedrückt:

Kein Wunder also, dass Kempner, als es an der Zeit war, Abschied zu nehmen, dem Hund ein sehr sentimentales Gedicht widmete. Das Gedicht Neros Angedenken beschreibt in erster Linie nicht den Hund selbst, sondern den Hund in Bezug auf die Dichterin. Seine Treue zu ihr, seine Sympathie für sie, sein Glück, wenn sie nach Hause zurückkehrt. Der letzte Vers ist dem Platz gewidmet, den der Hund für ewig in ihrem Herzen einnimmt.

Allen Gedichten in diesem Beitrag ist das Motiv einer gewissen moralischen Überlegenheit des Hundes über den Menschen gemeinsam. Dies sollte jedoch nicht überromantisiert werden. Karl Kraus hat es in einem seiner Aphorismen humorvoll, aber treffend so ausgedrückt:

Karl Kraus – Die Fackel, 28.4.1908.

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Wie ein Hund sterben

Ganz vorn: „Ardon“

Der Pudelmopsdackelpinscher

Verwandlung in einen Hund

Oded Fluss. Zürich, 16.1.2025.

Verwandlung in einen Hund

Felix Salten – Der Hund von Florenz. Herz Verlag. Wien, 1923.

Das Motiv der magischen Verwandlung, vielleicht am bekanntesten aus Märchen wie Der Froschkönig, wurde auch von Felix Salten (1869-1945) in seinem Der Hund von Florenz verwendet. In diesem Roman – dem einzigen von Salten, der übernatürliche Elemente enthält – wünscht sich ein armer Junge, der sieht, dass das Leben eines Erzherzogshundes besser zu sein scheint als sein eigenes, selbst ein Hund zu werden. Der Wunsch wird erfüllt und ein farbenfrohes Abenteuer beginnt.

Heinrich Heine – Romanzero. Leipzig, 1887. D 60.

Einen Prinzen solchen Schicksals
Singt mein Lied. Er ist geheissen
Israel. Ihn hat verwandelt
Hexenspruch in einen Hund.

Hund mit hündischen Gedanken
Kötert er die ganze Woche
Durch des Lebens Koth und Kericht,
Gassenbuben zum Gespötte.

Salten ist nicht der erste jüdische Autor, der das Motiv der Verwandlung in einen Hund aufgreift. Heinrich Heine verwendet dieses Motiv in seinem Gedicht Prinzessin Sabbath und vergleicht das jüdische Volk mit einem Prinzen, der durch den Zauber einer Hexe in einen Hund verwandelt wird. Erst am Freitagabend, als der Samstag anbricht, ist der Zauber gebrochen und der elende Hund erscheint für einen Moment als er selbst, als Prinz. Aber dieser Zustand währt nicht lange, und sobald der Sabbat vorüber ist, setzt die Metamorphose wieder ein, und der Prinz verwandelt sich zurück in einen Hund.

Doch der schöne Tage verflittert;
Wie mit langen Schattenbeinen
Kommt geschritten der Verwünschung
Böse Stund’ – es seufzt der Prinz.

Ist ihm doch als griffen eiskalt
Hexenfinger in sein Herze.
Schon durchrieseln ihn die Schauer
Hündischer Metamorphose.

Mendale Moicher Sfurim – Der Wunschring. Jüdischer Verlag. Berlin, 1925. D 782

Mendale Moicher Sefarim (1836-1917) verwendet dieses Motiv in seinem Roman Der Wunschring (erschien erstmals 1865 auf Jiddisch) fast genauso wie Heine, wenn er eine seiner Figuren, den Trödler Schmilek, beschreibt. In der Tat haben wir es hier nicht mit echten Hunden und Prinzen zu tun, sondern mit dem elenden Leben eines Ostjuden und seiner Familie, die in einem osteuropäischen Shtetl ihr Hundeleben fristen.

Wenn er sich wie ein Hund müdgelaufen hat, kommt er zerschlagen in sein elendes Häuslein, dieses Hundeloch, mit ein paar Pfennigen Verdienst, manchmal gar mit leerer Tasche, schluckt etwas hinunter, Mittag- und Abendbrot zusammen, ohne satt zu werden, spricht das Nachgebet und wirft sich aufs Bett, um zu schlafen […] So verbringt er während der ganze Woche sein Hundeleben.

Auch hier, wie in Heines Gedicht, geschieht das Wunder sobald der Freitagabend kommt, und dieser „Hund“ verwandelt sich plötzlich in einen Menschen. Nicht nur er, sondern seine ganze Familie ist von diesem Wunder betroffen, und ihr elendes Hundeleben wird plötzlich festlich und schön.

Am Freitagabend bekommt das elende Loch ein ganz anderes Aussehen — jedes Winkelchen ist sauber und rein gewaschen. Der Tisch ist mit einem weissen Tischtuch gedeckt, darauf stehen geputzte Messingleuchter mit den Schabbes-Kerzen, zwei schöne mit Eidotter bestrichene Festtags-Striezel strahlen und entzücken die Augen […] Die Mutter, die ganze Woche über russgeschwärzt und elend, strahlt im Schabbes-‚Schleier‘, Anmut ruht auf ihr. Die blossfüssigen Mädeln, gekämmt und gewaschen, stecken in einem Winkel bei einander, man sieht es ihren Gesichtern an, dass sie etwas mit frohem Herzen erwarten und erharren.
Pst, man hört Schritte… man kommt… die Tür öffnet sich.
„Guten Schabbes!“ sagt Schmilek, aus der Schihl kommend und blickt freundlich mit strahlendem Gesicht auf seine Frau und auf die Kinder.

Die beiden oben genannten Beispiele sind nicht auf den literarischen Bereich beschränkt. Sie sind Beispiele für psychologische Bewältigungsmechanismen, die Jüdinnen und Juden über Jahrhunderte hinweg angewandt haben. Auf der einen Seite ein stolzes Volk, das sich als Königskinder und Auserwählte sieht. Auf der anderen Seite ein gescholtenes Volk, das von seiner Umwelt ständig misshandelt und missbraucht wird. Die Tatsache, dass die Antisemiten den Hund auch oft zur Beschreibung des Juden benutzten (Siehe unseren früheren Blog-Beitrag über das antisemitische Buch Der Pudelmopsdackelpinscher), trug nur dazu bei, dass sich diese Vorstellung durchsetzte. Mit Hilfe der Idee der Verwandlung gelang es den Juden, die Illusion aufrechtzuerhalten, etwas zu sein, was sie nicht sind, oder nicht zu sein, was sie sind. Der Hund, der als eines der intelligentesten und treuesten, aber auch als eines der erbärmlich gehorsamsten Tiere gilt, eignet sich hervorragend, um diese Illusion voll auszuleben.

Thau call’st me dog before thou hadst a cause
but since i am a dog, beware my fangs.
(Du nanntest Hund mich, eh du Grund gehabt;
Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne).

William Shakespeare – Der Kaufmann von Venedig.

Eine andere, radikalere Verwendung der Verwandlung in einen Hund findet sich in der jüdischen Literatur der Neuzeit. Hier wird die Annahme eines doppelten Schicksals als Prinz und Hund nicht akzeptiert, sondern der Charakter des Hundes vollständig angenommen. Eine Aneignung des Stereotyps ad absurdum sozusagen. Dies führt zwar in der Regel zu einem tragischen Ende des Protagonisten, erscheint aber dennoch als Kunst des Widerstands.

Samuel Max Melamed – Gestalten und Schatten. Louis Lamm. Berlin, 1911. D 138.

In Samuel Max Melameds (1885-1938) Erzählung Chaimki Hund’s letzter Tag (Gestalten und Schatten. Louis Lamm Verlag. Berlin, 1919) begegnen wir dem tragischen Leben von Chaimki Hund, der im Alter von 16 Jahren bei einem missglückten Versuch, heimlich die Grenze zu überqueren und dem Militärdienst zu entgehen, beide Beine verlor. Dies führte ihn zu einem Leben als Landstreicher, der die Skandale der Stadtbewohner ausnutzte. Seine Missbildung und seine Missetaten machten ihn zu einer verhassten Person in der Stadt. In seinem Elend versunken, weigert er sich jedoch, seine Fehler einzugestehen und scheint sich sogar am Leid anderer zu ergötzen.

Er hatte eine unsägliche Freude, die Leute zu entlarven, sie zu ärgern , in die Verzweiflung zu treiben. Man nannte ihm deshalb „Hund“, weil er immer bellte und zu beissen wusste.

Chaimki Hund wurde immer mehr gehasst und wie ein Tier behandelt. Die ganze jüdische Gemeinde ignorierte ihn und liess ihn verhungern. In seiner Verzweiflung ging er vor das Haus des katholischen Pfarrers, um Essen zu erbetteln, aber auch dort wurde ihm keine Gnade zuteil. Das einzige Wesen, das ihm Gnade erwies, war ein Hund, den man schickte, um ihn zu verjagen.

Der Hund, als hätte er Erbarmen mit ihm, hörte auf zu bellen, blieb noch eine kurze Weile vor ihm stehen, beschnüffelte ihn und ging dann still-traurig fort.

Chaimki Hund kehrt sozusagen mit eingezogenem Schwanz in die jüdische Gemeinde zurück, nur um zu erfahren, dass seine einzige und wahre Liebe, Zippeli, einen anderen Mann heiraten will. Völlig ausgehungert und nur mit Rachegedanken im Kopf läuft er zwischen Bettelsäcken an der Seitenwand entlang und schreibt mit seinem Blut eine letzte Botschaft, bevor er tot aufgefunden wird:

„Zippeli! Rache!
Chaimki Hund“.

Abraham Reisen (1876-1953)

Eine ganz andere Geschichte, aber mit einem ähnlichen Protagonisten, erzählt der jiddische Schriftsteller Abraham Reisen (1876-1953) unter dem schlichten Titel Der Hund (erstmals auf Deutsch erschienen im Jüdischen Echo 1.12.1916). Wie aus dem Nichts taucht eines Morgens der 15-jährige Waisenjunge Chotzkele in der jüdischen Gemeinde auf. Die Kinder sind entsetzt und zugleich angezogen von dem jungen Wilden.

Was ihnen aber am meisten gefiel, war, daß er genau wie ein Hund zu bellen verstand. „Chotzkel ,belle ein bisschen“, drang Getzel in ihn. „Wau — wau — wau“ begann Chotzkel zu bellen, und die „Bande“ hielt sich die Seiten vor Lachen. „Genau wie ein Hund“, lobten sie ihn.

Der junge Chotzkele geniesst seine Rolle als Hund so sehr, dass er die Persönlichkeit eines Hundes vollständig annimmt. In seiner Umgebung ist er nur noch als „der Hund“ bekannt und beschliesst, das freie Leben eines Hundes zu führen, auch wenn das bedeutet, die Menschen zu meiden. Als sein Freund Getzel ihn auffordert, sich nicht mehr wie ein Hund zu benehmen, weil er sonst keine Zukunft habe, erklärt er seine Hundephilosophie:

„Wann wirst du dir endlich das Bellen abgewöhnen?“ fragte Getzel eines Tages den „Hund“, als dieser gerade wieder einen Bellanfall hatte. „Überhaupt nicht“, schrie der „Hund“. „Wenn ich belle, vergesse ich alles Unangenehme. Du denkst wohl , es ist mir gleichgültig, daß ich wie eine Vogelscheuche, in Lumpen und zerfetzt herumlaufe. Weißt du, manchmal habe ich den Wunsch alle Menschen zu beißen, und dann muß ich bellen. Verstehst du?“ „Scher dich zum Teufel, Hund“, erwiderte Getzel ärgerlich. „Wenn du so weiter machst mit deinem Bellen, wirst du es nie zu etwas bringen. Niemand wird dich in sein Haus hineinlassen.“ „Sie mit samt ihren Häusern sollen sich zum Teufel scheren. Mir können sie gestohlen werden.“ „Du wirst noch verrecken wie ein Hund; du wirst es schon sehen, “antwortete Getzel. „Hund oder Mensch, mir ist alles schnuppe,“ philosophierte der Hund. „Mir sind Hunde lieber als Menschen. Pfui die Menschen!“ Er spie aus.

Getzels wütende Prophezeiung sollte sich leider erfüllen. Als Chotzkele eines Tages von einer Aktion in der Stadt hört, bei der wilde Hunde auf dem Marktplatz mit vergiftetem Fleisch vergiftet werden sollen, kann er sein Hundsein nicht verleugnen und wird in der letzten Szene gezeigt, wie er mit den anderen Hunden in den Tod rennt.

Da er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, fühlte er am nächsten Morgen seinen Hunger noch stärker. So hungrig war er noch nie gewesen. „Heute wirft man den Hunden Fleischklöße vor,“ fuhr es ihm den ganzen Morgen über durch den Sinn. Wie gefoltert und unter lautem Bellen rannte er fort . Nach dem Marktplatz….

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Wie ein Hund sterben

Ganz vorn Ardon

Der Pudelmopsdackelpinscher

Oded Fluss. Zürich. 8.1.2025

Der Pudelmopsdackelpinscher

In einem früheren Beitrag (Der Giftpilz – Antisemitisiche Nazipropaganda in Kinderbüchern. ) haben wir bereits über zwei antisemitische Kinderbücher berichtet, die in den 1930er Jahren als eine Form der Nazi-Propaganda erschienen sind. Ein drittes Buch, über das wir noch nicht berichtet haben, steht in direktem Zusammenhang mit unserem aktuellen Thema Koschere Hunde und der Ausstellung dazu, die wir gerade in der Bibliothek aufbauen.

Ernst Hiemer – Der Pudelmopsdackelpinscher und andere besinnliche Erzählungen. Der Stürmer Buchverlag. Nürnberg, 1940.

Der Autor dieses Buches ist uns bereits bekannt. Ernst Hiemer war Lehrer, Journalist und Autor des schrecklichen und leider sehr populären Kinderbuches Der Giftpilz, das 1938 im Julius Streichers Stürmer Verlag erschien, und das wir bereits im obigen Beitrag besprochen haben. Weniger bekannt, aber sehr ähnlich ist das zwei Jahre später erschienene Buch Der Pudelmopsdackelpinscher und andere besinnliche Erzählungen, das letzte Kinderbuch des Stürmer Verlags, dessen „Hauptschriftleiter“ Hiemer in dieser Zeit war.

Wie sein Vorgänger zielt es darauf ab, die jungen Seelen seiner Leser mittels unschuldigen, kindlichen Motiven und bunten Bildern so zu manipulieren, dass sie zu den schrecklichsten Überzeugungen kommen. Wie beim Giftpilz besteht das Hauptziel darin, den Glauben zu erwecken, dass „der Jude“, obwohl er unschuldig aussieht, sein wahres böses Wesen und seine üblen Absichten verbirgt. Der Giftpilz verwendet die Metapher des unschuldig aussehenden Pilzes, der in Wirklichkeit giftig ist. In Der Pudelmopsdackelpinscher wird der Jude mit verschiedenen Tieren verglichen.

Der Stürmer. Herausgeber: Julius Streicher. Nürnberg, 19.12.1940.

In jeder der elf märchenartigen Geschichten dieses Buches werden die Juden mit Tieren und unangenehmen Lebensformen verglichen. Sie werden mit dem Kuckuck verglichen, der die Häuser anderer stiehlt. Sie werden als Hyänen bezeichnet, die Jagd auf Schwache und Benachteiligte machen, als Betrüger wie das Chamäleon, als Blutsauger wie die Bettwanze, als Parasiten wie der Bandwurm, als giftige Schlange, die in der Bibel als Betrügerin der Menschheit dargestellt wird. Schliesslich werden die Juden mit lebensbedrohlichen Mikroben verglichen, die die Existenz der Menschheit gefährden und deshalb ausgerottet werden müssen. In der Einleitung wird das Ziel des Buches sehr direkt formuliert:

Lieber Leser!
Das Buch, das du eben aufgeschlagen hast, bietet Dir bunte Erzählungen aus dem geheimnisvollen Reiche der Tiere. Aber du sollst nicht nur Tiere beobachten, sondern auch gewisse – -Menschen. Du sollst an diesem Buche Deinen Spass haben, und gleichzeitig dabei — lernen.
„Und wer sind nun diese Tiere und Menschen?“ so fragst Du, lieber Leser.
Nur Geduld! Das Buch wird deine Frage beantworten.

Der seltsame Name des Buches stammt von einer gleichnamigen Kurzgeschichte, die im Buch enthalten ist. Es ist eine Geschichte, die dem schlechten Charakter und den Untaten eines Mischlingshundes folgt. Der antisemitische Vergleich von Juden mit Hunden ist so alt wie der Antisemitismus selbst. Die bekannten Schilder vor Geschäften „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten“ gab es schon im 19. Jahrhundert. Die Nazis waren als Hundeliebhaber zwar bekannt, aber die Metapher des Mischlingshundes kam ihnen entgegen, wenn sie ihre Rassentheorie untermauern wollten.

©United States Holocaust Memorial Museum

Die Erzählung handelt von einem bösen, elenden Hund, der keine Heimat und keinen Namen hat. Er ist eine Mischung aus Pudel, Mops, Dackel und Pinscher und wird deshalb unter dem seltsamen Namen Pudelmopsdackelpinscher geführt. Im Gegensatz zu anderen Hunden zeigt er keine Loyalität oder Freundschaft gegenüber Menschen, aber auch nicht gegenüber Artgenossen. Er ist bekannt dafür, dass er beisst, stiehlt und betrügt, und zwar mit voller Absicht und ohne Rücksicht auf andere. Er ist immer schmutzig, stinkt und hält sich für etwas Besseres. Dies ist in der Tat eine Liste von Eigenschaften, die damals dem Klischee von Juden entsprachen. Wie mit diesem „Hund“ umzugehen ist, wird in einem der Sätze kurz angedeutet:

Seit Jahren treibt sich der Pudelmopsdackelpinscher, dieser Rassenmischling in unserer Nähe herum. Wir haben ihn kennengelernt in seiner Niedertracht und Gemeinheit. Aber wir wissen es: Eines Tages muss und wird sich sein Schicksal erfüllen. Erst dann ist wieder Ruhe und Ordnung in den Strassen unserer Stadt.

Und für diejenigen, die die Anspielung nicht verstanden haben (obwohl völlig klar ist, wer das eigentliche Thema dieses Buches ist), wird es im nächsten Satz sonnenklar, der so ziemlich alle antisemitischen Parolen enthält, die es gibt:

Mischlinge gibt es unter den Tieren und unter den Menschen. Auch die Juden sind Mischlinge. Sie weisen Rassenmerkmale von weissen, gelben und schwarzen Völkern auf. Ihre krausen Haare und die herabhängende Unterlippe erinnern an die Neger. Typische Kennzeichen der Juden sind auch ihre krummen Beine und Plattfüsse. Viele Juden haben eine an ihrer Spitze verbogene Nase und henkelartig abstehende Ohren. Auch ihr ekelhafter Körpergeruch kennzeichnet sie als Fremdrassige. Ihr schleichender Gang und ihr Körperhaltung erinnern an die Affen. Diese Juden haben eine schmale fliehende Stirne und eine Schädelbildung wie ein Gorilla. Wie der Pudelmopsdackelpinscher ein Mischling unter den Hunden ist, so ist der Jude ein Mischling unter den Menschen.

Wie viele Bücher dieser Art endet auch dieses mit einem Aufruf zum Handeln. Ernst Hiemer war einer der entschiedensten Befürworter der Endlösung der Judenfrage. Der letzte Satz des Buches unter dem Kapitel Ruf an die Jugend der Welt macht dies deutlich:

Darum rufen wir heute die Jugend der Welt! Wir rufen sie zum Kampfe um die Freiheit der Menschheit. Der Untergang des Jüdischen Völkerschmarotzers wird die Welt für immer befreien von „Drohnen“, „Heuschrecken“, „Wanzen“, „Hyänen“, „Giftschlangen“, „Bazillen“ und „Pudelmopsdackelpinschern“ in Menschengestalt!

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Wie ein Hund sterben

„Ganz vorn: ‚Ardon’“

Oded Fluss. Zürich, 6.11.2024.

„Ganz vorn: ‚Ardon'“

In unserem letzten Beitrag Wie ein Hund sterben haben wir über das sozusagen gemeinsame Schicksal von Hunden und Juden gesprochen, insbesondere über den „jüdischen Hund“ Rajbtschik, der sowohl eine fiktive Figur in Scholem Aleichems Geschichte als auch eine reale Figur in seinem Leben war. In diesem Beitrag werden wir sehen, wie ein jüdischer Dichter seinen geliebten Hund zu seiner Muse macht und wie dieser Hund zu einem der wichtigsten Elemente in seinem Werk wird.

Almanach das siebenundsiebzigste Jahr. S. Fischer Verlag, 1963.

Der bedeutende jüdische Dichter Richard Beer-Hofmann (1866-1945) ist heute vor allem für sein Schlaflied für Mirjam bekannt, ein Gedicht, das auch Rainer Maria Rilke auswendig rezitieren konnte. Dabei war Beer-Hofmann alles andere als ein One-Hit-Wonder. Zu seiner Zeit galt er weltweit als einer der herausragenden deutschsprachigen Lyriker. Beer-Hofmann war auch ein grosser Hundeliebhaber, und einer seiner wichtigsten Protagonisten war sein Hund Ardon. Dieser geliebte schwarzgraue zottige Schnauzer taucht in unzähligen Briefen, in Beer-Hofmanns biographischem Werk und auch in seinem dichterischen Werk auf. Oben sehen wir zum Beispiel eine sehr interessante Postkarte, die Stefan Zweig 1932 an Beer-Hofmann schickte. Aus Zweigs Worten geht hervor, dass er dieses Foto von Beer-Hofmann und dem Hund Ardon selbst gemacht hat:

Verehrter Herr Beer Hofmann, hoffentlich enttäuscht Sie eher meine photographische Kunst als die andere, in der ich mich versuche.
Nehmen Sie, bitte, dies kleine Blatt als Zeichen grosser Verehrung. Ihr,
Stefan Zweig.

Jüdischer Almanach auf das Jahr 5697 [1936-1937].  „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt. D 2520(K)

Im Jüdischen Almanach von 1936/7 finden wir zum zweiten Mal ein Bild von Beer-Hofmann und seinem Hund Ardon, diesmal von der jüdischen Fotografin Trude Geiringer (1890-1981) aufgenommen und mit einem kleinen Widmungsgedicht versehen. Das Gedicht mit dem passenden Titel Hintergrund stellt den Hund Ardon „ganz vorn“ und den Rest (einschliesslich des Dichters selbst) in den Hintergrund. Schon hier zeigt sich die grosse Bedeutung, die Beer-Hofmann seinem jungen Begleiter beimass.

Hintergrund
Alt-Aussee, Herbst 1934.

Ganz vorn : „Ardon“, ein sehr geliebter junger Hund –
Dahinter, ein – nun – – nicht mehr junger Mann,
Und – füllend ganz den tiefen Hintergrund –
Gelagert Gross: Berg, Wiesenhang und See,
Mit jeder Zeit des Jahrs sich wandelnd wohl – doch wann
Du sie auch siehst: nicht alt , nicht jung, nur – da – seit je!

Richard Beer-Hoffman – Paula. Ein Fragment. Verlag der Johannespresse. New York, 1949. D 4722.

In seinen wunderschönen Memoiren über seine Frau Paula – ein Fragment, die 1944 geschrieben, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, erwähnt Beer-Hofmann unzählige Male den Hund Ardon. Der Hund wird zu einem untrennbaren Bestandteil der Beziehung des Paares. Es gibt eine sehr schöne Szene, in der Paula, , ihren Mann, ausschimpft, der Hund aber irrtümlich annimmt, die Schelte gelte ihm:

„Schäm dich!“
Ein wildes Jauchzen antwortet—mit drei Sätzen stürmt Ardon herein, ist schon im Bett, und streckt sich seiner ganzen Lange nach aus. “Schäm dich!” hatte er gehört, und gewohnt, dass der Anruf ihm gilt, wenn er versucht, mit sanften Pfotengriffen eine noch nicht flügge Amsel, oder einen grossen Käfer im Garten zum Spielen aufzufordern, meldet er sich—aber nicht zerknirscht, sondern im Gefühl seiner Unschuld übermütig gurgelnd.
„Nein – nein!“ lacht Paula, „nicht du – dein Herr! mein ich – das soll sich schämen, aber das folgt mir ja nicht!“

Richard Beer Hofmann – Verse. Hermann-Fischer Verlag. Stockholm – New York, 1941.

Doch erst in Beer-Hofmanns letztem Gedichtband Verse, der 1941 im New Yorker Exil erschien, wird die Bedeutung seines Hundes für den Dichter deutlich. Das monumentale Gedicht Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte, das längste des Bandes, ist ein wunderschönes Liebesgedicht und ein Nachruf, der die Geschichte einer reinen Liebe, des Vertrauens und des gemeinsamen Schicksals zwischen Mensch und Hund erzählt. Diese Geschichte wird sowohl aus der Sicht des Dichters als auch aus der des Hundes geschildert, wobei die beiden oft verglichen und immer auf die gleiche Stufe gestellt werden, wie Geschwister.
Wir lassen das Gedicht für sich sprechen:

Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte

Du reine Seele, nicht verstört von Menschenwirrnis,
Du – stumm in eines zottigen Hundes Leib gebannt –
Fragst du empor zu mir aus braunen Augen, suchst du
Den Weg zu mir durch ewige unsichtbare Wand?

Ein Häuflein Pelz – feucht schwarz quoll draus die Trüffelnase-
So sah ich dich zuerst, du lagst – wie warst du klein! –
Geschmiegt in deiner Mutter Weiche – ihre Zunge
Wusch zärtlich deiner Augen wässrig blauen Schein.

Im Winter war’s. Im März, da trug ich aus dem Zwinger
Nach Hause dich, schob zwischen Rock und Hemd
Dein Körperchen – wild schlug dein Herz an meines,
Bang ging dein Blick zu mir: „Wer bist du? Du bist fremd!“

„Ein Mensch“ – und drum ein Drohen! – Seit ich dich zuerst,
Umhegt von deiner Mutter Zärtlichkeit, gesehn,
War – keiner sagte mirs, doch merkt ichs-, war wohl
Gewalt und Weh von Menschen dir geschehn.

Denn schien dir streng mein Blick – schon kauertest du, wandtest
Den Kopf, bargst schützend mit dem Hinterlauf vor mir
Die Augen, bebtest – also stiess schon einmal
Ein Mensch im Zorn den Fuss ins Antlitz dir!

„Ein Mensch“: Gewalt, der du von je anheimgegeben,
Weil Schicksal so für dich die dunkeln Würfel warf,
Dass tiefste Treue dir zu dem ward eingeboren,
Der – will ers – dich verstossen – martern – töten darf.

Lang brauchtest du, bis in dir solch Erinnern
Verblich, Vertrauen wieder kam zurück,
Nur manchmal noch – jäh flammend, jäh erloschen –
Durchzuckt – wild, irr – tödliche Angst den Blick.

Der Sommer ward, du wuchsest, in dir wachte
Weisheit der Ahnen auf – ein Erbe, dir bestellt – :
Es warnte, hemmte, trieb dich, wies dir, wie man
Erschaut, erlauscht, erriecht gefahrerfüllte Welt.

Uralte Bräuche übtest du – nicht wissend, welch
Verborgner Sinn in ihnen waltend sei –
Aus Zeit aufragend, da dein Stamm, noch nicht verfallen
Den Menschen, einsam hauste, wild, umdroht – doch frei!

Sich drehn, eh man dem Schlaf sich anvertraut, als scharre
Die Lagergrube man, war heiliges Gebot –
Zum Mond emporzuweinen, vor ihm auszuschütten
Alles Geborenen Angst vor dumpf erahntem Tod.

Doch wenn auch so, Gewesenem tief verhaftet,
Zwang nichts, zu treten vorgetretne Spur –
Altem entringt sich Neues -nie vorher gewesen,
Nie wiederholt – einmalig – formt sich Kreatur!

Gestalt, Gang, Antlitz, Stimme – wohl: die gleiche Tracht ists,
Die dich, wie jeden deines Stammes, eumes, umfängt umfängt–
Doch dein – nur dein – ist schon : wie stark, fromm hingegeben,
Nach meiner Seele suchend, deine Seele drängt!

Dein Erbteil: dass dichs lockt zu haschen nach
Huschenden Schatten, irr versprengtem Licht,
Nach Sonnenkringeln, Blinken, das aus Fenstern,
Spiegeln, aus Erzes Glanz und Glätte bricht –

Dein Erbteil: Jagdlust – und ererbt, dass Schatten
Und Licht dir gleich lebendger Beute gilt —
Doch nicht ererbt – ganz dein – dass du dir fandest,
Wie selbst man schafft solch Licht- und Schattenwild!

Durchsonnte Fensterflügel stehen offen, schwanken,
Wenn du mit starkem Pfotenschlage sie bewegst –
Lichtfunken irren dann durchs Zimmer – Wild, das
Du Jäger – selbst dir schaffst – im Sprung jagst – nie erlegst!

Dein Tun gleicht meinem ! Körperloses lock ich
Hervor, wie du — rings regt sich Scheingestalt,
Und Scheingeschick – das ich doch selbst gewoben –
Erschüttert mich mit wirklichen Geschicks Gewalt.

Wir gleichen uns, mein Hund – doch eine Gnade
Ward mir voraus vor dir: dass Tag um Tag
Ich Glück dir schenken, dich umsorgen, dir ein
Gütiger treuer Gott zu sein vermag.

Wir gleichen uns, mein Hund – doch andre Gnade
Ward dir voraus vor mir dass nie du wissen musst,
Wohin uns, Schritt um Schritt, die Füsse tragen –
Und welches Ende wartet aller unsrer Lust!

Wie du – auch ich: Dunklem anheimgegeben,
Das Antwort weigernd – mir die Würfel warf,
Auch mir, im tiefsten, Treue gläubig eingeboren
Zu dem, der mich verstossen – martern – töten darf!

Hinschwindend wie ein Hauch, ward Beiden uns kein Bleiben —
Erst noch nicht – dann nicht mehr ! – im Weltentakt gewiegt,
Umblinkt von gleicher Sterne gleichem Kreisen, treiben
Wir Zwei im Raum, ein Weilchen aneinand geschmiegt!

Und wie, geschöpft in hohlen Händen, Wasser
Zwischen den Fingern, eh mans merkt, verrinnt —
Verlässt uns Jugend, über uns sinkt Altern,
Siechtum bespeit den Leib, wir sterben, und dann sind

Wir – eben noch geliebt – schon Schaudern, eisig Fremde,
Den Reichen, die noch nicht enterbt des warmen Lichts-
Vergessne erst – Verschollne dann – dann Namenlose –
Zuletzt, verwest, zerstäubt: Heimkehrer in ein Nichts!

Du reine Seele du – von Wem? – mir anvertraute,
In dich, mein Ardon, stumm – von Wem? – gebannt —
Hierher! – Mein schweigender Gefährte – mein Geschwister –
Aus gleichem kommen wir – wir gehn in gleiches Land!
1938.

Dies ist der zweite Beitrag zur Bibliotheksausstellung Koschere Hunde, die derzeit vorbereitet wird.

Oded Fluss. Zürich. 23.9.2024.

Wie ein Hund sterben

‚Wie ein Hund!‘ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

Die Redewendung „wie ein Hund sterben“ ist zwar weit verbreitet, könnte aber gerade für die jüdische Literatur des 20. Jahrhunderts als charakteristisch gelten. Der obige Satz ist der Schlusssatz des berühmten Romans Der Prozess, der 1925, ein Jahr nach dem Tod des Autors Franz Kafka, veröffentlicht wurde. Er beschreibt das elende und sinnlose Sterben des Protagonisten Josef K.
Erich Fried, der rund 40 Jahre später seine Warngedichte veröffentlichte, muss Kafka im Kopf gehabt haben, als er sein Gedicht Definition schrieb:

Die zahlreichen Pogrome und vor allem der Holocaust haben diesen Vergleich zwischen der Tötung eines Hundes – der ungerechtfertigten, sinnlosen Tötung eines unschuldigen Wesens – und der Tötung eines Juden leider angebracht erscheinen lassen. In Chaim Nachman Bialiks Epos בעיר ההרגה In der Stadt des Würgens, das er nach dem Pogrom von Kischinjow 1903 schrieb und in dem er dieses schildert, findet diese Redewendung ihren vielleicht grössten Ausdruck:

וּבָרָחְתָּ וּבָאתָ אֶל-חָצֵר, וְהֶחָצֵר גַּל בּוֹ – / עַל הַגַּל הַזֶּה נֶעֶרְפוּ שְׁנַיִם: יְהוּדִי וְכַלְבּו/ קַרְדֹּם אֶחָד עֲרָפָם וְאֶל-אַשְׁפָּה אַחַת הוּטָלוּ/ וּבְעֵרֶב דָּם שְׁנֵיהֶם יְחַטְטוּ חֲזִירִים וְיִתְגּוֹלָלוּ
In ein Gehöft dann fliehst du, drin mitten erhebt sich ein Hügel/ Wo ein Jude der Axt erlag mitsamt seinem Hunde/ Beide Leiber in einem Haufen zusammen verwesten,/ Und im Gemenge der beiden, da wühlen und wälzen sich Schweine.

Dieses sozusagen gemeinsame Schicksal von Juden und Hunden hat seinen Niederschlag in der jüdischen Literatur gefunden. Hier finden sich zahlreiche Beispiele, in denen der tragische Tod eines Hundes dem Autor als Quelle künstlerischer Inspiration dient. Eines der bedeutendsten Beispiele soll im Folgenden vorgestellt werden.

Rabtschik (a idisher hunt) – (a ma’ase far idishe kinder) fun Shalom Alechem. Der Jude. Krakau, 14.3.1901.

Der wohl bekannteste Hund der jüdischen Literatur ist der Rjabtschik (ראבטשיק) von Scholem Alejchem. Dieser „jüdische Hund“, wie ihn der Autor nennt, ist der Protagonist einer der tragischsten Hiob-Kindergeschichten, die je geschrieben wurden. Von Unglück zu Unglück, von Leid zu Leid findet der Rjabtschik keinen Frieden und keinen Freund in der Welt. Dieses naive Wesen, das überall, wo es hinkommt, von Mensch und Tier misshandelt wird, gibt dem Ausdruck „ein Hundeleben“ eine neue Bedeutung. Er wird zum Hundephilosophen, wenn er über seine Leiden nachdenkt:

[…] warum ein Hund wie er mehr auf der Welt leiden müsse, als alle übrigen Geschöpfe. Warum hat der Vogel sein Nest? Warum findet die Eidechse ihre Höhle? Da summt ein Käfer, da kriecht ein Würmlein, da läuft eine Ameise! Alle haben sie ein Heim, und ihre Nahrung; und ich armer Hund, habe nichts und muss immer bellen: wau, wau!

Der bereits erwähnte Franz Kafka, ein grosser Liebhaber der jiddischen Literatur, hat sich wohl von dieser Geschichte inspirieren lassen und in seinen Forschungen eines Hundes seine eigene Hundephilosophie niedergeschrieben. Doch während Kafkas Hund mit einer etwas optimistischen Sicht auf die Möglichkeit der Freiheit endet (wenn auch als „kümmerliches Gewächs“), ist dies bei Rjabtschik ganz anders. Selbst der letzte Ausweg für ein wenig Freiheit, der Tod, erreicht ihn nicht, und am Ende der Geschichte finden wir ihn, sein Leben und die Welt verfluchend:

— „Du schwarze Erde!“ — dachte Rjabtschik. — Ein Hund soll unter den Seinigen, unter Eingeborenen, noch nicht einmal einen Tag leben können? Da soll ja die Welt untergehen!!..


Unter folgendem Link können Sie die ganze Geschichte von Rjabtschik in deutscher Übersetzung lesen:

Anatoli Kaplan – Rabchik. Farblithographie.

Weniger bekannt ist, dass diese Kurzgeschichte von Scholem Alejchem autobiographische Elemente enthält. Der Hund Rjabtschik war eine reale Figur in Scholem Alejchems Jugend, und er erzählt davon in seinem autobiographischen Buch חיי אדם [Ein Menschenleben], das leider nie ins Deutsche übersetzt wurde. Im Gegensatz zum Rjabtschik aus der Geschichte war der echte Rjabtschik ein glücklicher und geliebter Hund. Zwar wurde er von der Köchin Fruma schlecht behandelt (wie alle Tiere) und einmal mit heissem Wasser übergossen, aber die anderen Hausbewohner, vor allem die Kinder, liebten den Hund sehr.

Stimmt, er hatte es so gut und sein Schicksal war so schön im Haus seiner kleinen Freunde! Nicht jeder Hund hat so viel Glück! Von dem, was sie auf dem Tisch hatten, und von den besten Knochen, die sie hatten, gaben sie ihm jeden Tag etwas und trugen es heimlich in ihren Taschen, ganz vorsichtig und heimlich, damit niemand es sah und den Erwachsenen davon erzählte, denn das wäre schlecht für sie und für Rjabtschik. Und Rjabtschik kannte schon die genauen Zeiten für das Schacharit-, das Mittags- und das Arvit-Essen und stand pünktlich da und wartete auf seine Freunde, bis sie mit dem täglichen Brot zu ihm kamen […] Der Rabbi hielt ihn sogar für eine Uhr, denn er wusste genau, wann es sieben Uhr war und ließ die Kinder wissen, dass es Zeit war, die Bücher zuzumachen und nach Hause zu gehen, um Arvit zu essen. „Euer Hund ist die Verwandlung eines Menschen“, sagte der Rabbi.

Rjabtschik wird jedoch wie ein Hund sterben. Scholem Alejchem erzählt uns sehr bewegt von diesem tragischen Tod. Da einige Hunde in der Gegend mit Tollwut infiziert waren, wurden zwei „Tyrannen“ beauftragt, alle verdächtigen Hunde zu identifizieren und zu töten. Da die beiden ihr Geld pro Kopf verdienten, töteten sie ungerechterweise auch „unschuldige“ Hunde. Rjabtschik war einer von ihnen. Scholem Alejchem beschreibt seine Gefühle, als er als Kind vom Tod seines geliebten Hundes erfuhr:

Mehr als alle anderen Freunde Rjabtschiks war der Schreiber dieser Zeilen über den seltsamen Tod seines treuen Dieners betrübt und trauerte um ihn, wie man um einen Menschen trauert. Einige Tage nach der Tat aß er nichts mehr, einige Nächte konnte er die Augen nicht schließen, wälzte sich im Bett und weinte heimlich, sein Kopfkissen füllte sich mit Tränen, und er fand keinen Trost. Er konnte die Sünde der bösen und grausamen Menschen nicht verzeihen, die in ihrem Herzen kein Mitleid mit der Seele eines koscheren, elenden Tieres hatten, das zwar nicht sprechen konnte, aber Glück und Leid wie die Menschen kannte und fühlte. In seiner Schlaflosigkeit machte er sich viele Gedanken und suchte eine Antwort auf dieses unmögliche Rätsel, das ihm keine Ruhe ließ: Warum ist der Hund dem Menschen treu, während die Menschen immer grausam zu ihm sind und sein Leben als wertlos betrachten? Plötzlich erinnerte er sich an Rjabtschik, an seine klaren Augen und seinen weisen Blick, der Sanftmut, Liebe und grenzenlose Hingabe ausstrahlte – er vergrub sein Gesicht in seinem Kissen und weinte bitterlich vor Schmerz und Verzweiflung.

Dies ist der erste einer Reihe von Beiträgen, die für eine kommende Ausstellung in der Bibliothek geschrieben werden. Die Ausstellung Koschere Hunde wird sich mit der besonderen Beziehung zwischen Juden und Hunden in Literatur, Kunst und Kultur beschäftigen.

Oded Fluss. Zürich 12.9.2024.