Hundeelend

"Wenn ein Hund sehr lange bellt, hört es sich an, als übergebe sich einer."
Kurt Tucholsky - Traktat über den Hund

Wir sind es gewohnt, vom Hund als Begleiter des Menschen, als seinem besten Freund zu sprechen. Es gibt aber auch Fälle, die in der Literatur recht häufig vorkommen, in denen der Hund unerwünscht oder gar lästig ist, im Extremfall sogar Ursache eines Nervenzusammenbruchs. In diesen Fällen stehen natürlich die negativen Eigenschaften des Hundes im Vordergrund, wie z.B. Bellen, Beissen, völlige Abhängigkeit oder geringes Selbstwertgefühl.

painting of Jezebel's dead body being consumed by dogs as Jehu gestures at her body in triumph
Andrea Celesti – Königin Isebel von Hunden gefressen.

Auch in der jüdischen Literatur sind solche hundeelende Geschichten nicht selten. Hier findet man eine Urangst vor Hunden und den Glauben, dass sie gewissermassen ein Symbol für den bevorstehenden Tod sind. Folgt man dem Talmud oder der Halacha, so wird der Hund fast ausschliesslich negativ erwähnt. Der Hund gilt als unheiliges, unreines Tier, wird oft als Schimpfwort verwendet, und von Hunden gefressen zu werden, wird in der Bibel als eine der schlimmsten Strafen erwähnt, die ein Sünder erleiden kann. Wir wissen zum Beispiel von Isebel, der Frau Ahabs, die wissentlich gegen Gott sündigte und von streunenden Hunden gefressen wurde.

Otto Weininger (1880-1903)

Der Hund als Unheiliges, als böses Omen, als Symbol des Todes lässt sich zwar bis zum biblischen Exodus zurückverfolgen (Siehe unseren Beitrag Koschere Hunde auch für Pessach), aber man muss gar nicht so weit zurückgehen. Der berüchtigte selbsthassende Jude Otto Weininger hatte dies sehr eindrucksvoll in Worte gefasst:

Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund ein Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir neuen, durchdringenden Weise bellen und hatte im gleichen Momente unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand sterbe […] Ähnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der letzten Strophe von Heines bedeutendestem und schönstem Gedichte „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ heisst es, wie die vom Leben erlösende Mutter Gottes dem kranken sich naht:
„Die Hunde bellten so laut.“

Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Hund (wie im Fall Weininger deutlich wird) meist nur Auslöser, Metapher und Symbol für etwas ist, worunter der Protagonist selbst leidet oder worüber er sich Sorgen macht.

Yosef Tunkel „Der Tunkeler“ (1881-1949)
"אַז אַ ייִד האָט אַ הונט, איז אָדער דער הונט נישט קיין הונט, אָדער דער ייִד נישט קיין ייִד.‏“
„Wenn ein Jude einen Hund hat, ist entweder der Hund kein Hund oder der Jude ist kein Jude.“
Alter jüdischer Spruch.

Wir beginnen mit dem grossen jiddischen Humoristen Yosef Tunkel (1881-1949), der vor allem unter dem Pseudonym דער טונקעלער „der Tunkeler“ bekannt ist. Seine Erzählung Ich hab mir einen Hund angeschafft erschien erstmals Ende 1934 in deutscher Übersetzung in der jüdischen Zeitschrift Die neue Welt. Die pseudobiografische Erzählung handelt von einem einsamen, gelangweilten Dichter, der sich auf Anraten seiner Freunde einen Hund anschafft. Er wünscht sich, dass der Hund, dem er den treffenden Namen „Plagiatschik“ gibt, ihm Gesellschaft leistet und ihn sogar zum Dichten inspiriert:

„Was ich mir wünsche“, erklärte ich weiter, „ist ein kluger Hund. Er soll niemand in Anspruch nehmen müssen. Im Gegenteil wäre es forteilhaft, wenn man gelegentlich von ihm einen Gedanken, ein Thema für ein Gedicht, irgend eine dichterische Anregung beziehen könnte.“

Viel komplizierter erweist sich jedoch die Realität. Da er niemanden hat, der sich in seiner Abwesenheit um den Hund kümmert, muss der Hund unseren Dichter überallhin begleiten. Abgesehen davon, dass der Hund ihn beim Schreiben stört, ist es besonders unangenehm, wenn er in Begleitung des Hundes bestimmte Redaktionen besucht. Hierin zeigen sich die beiden damals gängigen jüdischen Vorstellungen vom Hund:

In einer Redaktion sitzt ein Redakteur, ein eingefleischter Nationalist, der Hunde haßt. Hunde, sagt er, ist eine goische Angelegenheit. Ein Hund ist ein Antisemit, und er könne nicht leiden, daß ich mich mit einem Hund herumdrehe, und für mich, einen einsamen lyrischen Dichter, schicke es sich überhaupt nicht. Denn wie könne man einsame Lieder schreiben, wenn man einen Hund habe! Mit einem Hund sei man nicht einsam.
Ein zweiter Redakteur wiederum ist zu all dem Jammer ausgerechnet ein Assimilant, ein Fortschrittler, ein Freidenker und großer Kämpfer. Er kommt aus dem Kämpfen nicht heraus, vor nichts hat er Angst, er hat alles Jüdische völlig abgestreift, nur ein Tropfen ist ihm geblieben: die Angst vor Hunden. Er zittert geradezu vor jedem Hund. Selbstverständlich steht er meinem Hund nicht sympathisch gegenüber, und darunter leiden meine Gedichte. Aus Haß gegen den Hund wirft er meine Manuskripte in den Papierkorb.

Die Geschichte endet damit, dass der Dichter seinen Hund zu einem Bankett mitnimmt, wo dieser von den vielen angebotenen Speisen isst. Da er an die Gewürze nicht gewöhnt ist, wird er krank und unser Dichter muss die Arztrechnungen bezahlen und ihn jeden Tag im Tierspital besuchen. Am Ende der Geschichte steht der zynische Satz:

Ich habe mir einen Hund angeschafft. Geradezu ein Vergnügen.

Karl Kraus – Die Fackel, 28.4.1908.

Eine andere, eher zynische Geschichte findet sich bei dem österreichisch-jüdischen Journalisten und Essayisten Anton Kuh (1890-1941). In seiner skurrilen Liebes- und Hassgeschichte Der Hund als Stammgast taucht man in eine heute als toxisch zu bezeichnende Beziehung zwischen einem Mann und seinem Hund ein.

Anton Kuh (1890-1941).

Erst 1927 in Der Querschnitt veröffentlicht, ist die Geschichte von Anfang an ungewöhnlich. Der Erzähler, der auch die Hauptfigur ist, spricht von seinem Hund in einer Weise, die an jemanden erinnert, der von seiner Geliebten spricht.

Findlingsgeheimnis war um seinen kleinen Kopf; woher kam er, wohin zog es ihn? War ich für ihn Endziel oder Station? Die Ungewißheit lag wie schwarzer Schatten über unserer Beziehung. Zuerst von seiner Seite (wie bei ihr!); er heulte zum Erbarmen, wenn ich ihn einen Augenblick im Stich ließ, sein Winseln sagte: „Schon wieder… zurück ins Nichts!“, ich mußte ihn auf die kleinsten Gänge mitnehmen. Später, wenn er mir auch nur auf eine Stunde entwischte, war es umgekehrt; Vorwürfe bestürmten mein Herz: Warst du phantasievoll genug? Hast du seine Angst nicht zu leicht genommen? Botest du ihm, was er brauchte? …

Was als Haupteigenschaft des Hundes gilt, seine Treue, wird von unserem Protagonisten immer wieder in Frage gestellt, was ihn schliesslich in eine psychische Krise und in ein Sanatorium treibt. Als er zurückkehrt, stellt er fest, dass der Hund seine Rolle als „Literat“ übernommen hat und ohne ihn weiterhin alle Cafés besucht, in denen er früher Stammgast war.

Mein Hund war Literat geworden! Er hatte sich in meiner Abwesenheit selbständig gemacht und gegen Zuckerstücke, Eiskaffee und Knochenreste Proben jener geselligen Grazie geboten, von der sein Herr solange den Unterhalt zu bestreiten hatte.

Der Hund, so heisst es immer wieder, ist der Vorläufer einer späteren Frau im Leben unseres Erzählers. Am Ende verschwindet er im Nichts, so wie sie es schliesslich auch tun wird.

Mala Laaser (1911-1953). Um 1935 (Foto von Abraham Pisarek). Bildarchiv Pisarek / akg-images
„drumb magstu wol dein maul zu drücken
und liest den hundt wol billig schlafen.“
Hans Sachs

Über die nächste Autorin ist leider nicht viel bekannt. Mala Laaser wurde 1911 in Königsberg geboren und arbeitete Mitte bis Ende der 1930er Jahre als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Mit Gedichten und kleinen Prosastücken, sprachlich sorgfältig und inhaltlich spannend, war sie Mitarbeiterin zahlreicher jüdischer Zeitungen, vor allem der Monatsschrift Der Morgen. 1937 lernte sie den Schriftsteller und Rechtsanwalt Jacob Picard (1883-1967) kennen. Die beiden verlobten sich, trennten sich aber wieder, vermutlich wegen ihrer Emigrationsbestrebungen.

Der Morgen – Monatsschrift der Juden in Deutschland. August 1936. Z 21.

Ihre seltsame Novelle Der Hund Ossip – Eine Flucht durch Prag erschien August 1936 in Der Morgen. Sie handelt von einer Frau, die auf der Suche nach Ruhe und Frieden allein nach Prag reist. Dort erwartet sie jedoch weder Ruhe noch Frieden, denn ein ihr zunächst unbekannter Hund folgt ihr auf Schritt und Tritt. Erschwerend kommt hinzu, dass niemand ausser ihr den Hund sieht, was Zweifel an ihrer geistigen Gesundheit aufkommen lässt.

„Habben Sie Winsche?“ fragt der Boy, ehe er geht.
„Danke! Nur — der Hund —“, sage ich hoffnungslos. „Er gehört nicht zu mir — vielleicht nehmen Sie ihn mit hinunter und geben ihm etwas zu fressen, damit er davonläuft!“
„Biittä — waas?“ fragt der Boy. Mir läuft es kalt über den Rücken.
„Gut, gut — danke!“ sage ich mühsam. Der Boy dienert und geht. Ich bin mit einem fremden Hund in einem fremden Hotelzimmer.

Der Hund, der sich später als Ossip, der verstorbene Hund der Protagonistin aus ihrer Kindheit herausstellt, bringt weitere seltsame Gestalten aus dem Jenseits mit sich, darunter vor allem den schrecklichen Golem. Auf der Flucht vor ihm begegnet sie einem alt aussehenden jüdischen Rabbi, der sich als Rabbi Loeb vorstellt, dem der Legende nach die Erschaffung des Golem zugeschrieben wird.

Plötzlich tritt mir ein alter Jude in den Weg, faßt mich bei der Schulter und sieht mich an. Er ist fremdartig gekleidet, sein Kaftan ist grau und verblichen, als sei er tausende von Jahren alt.
„Was läufst du?“ fragt er mich. Die Stimme kommt von weit. Kluge Augen, gute Augen — ich fasse Mut.
„Der Golem!“ flüsterte ich ihm ins Ohr. Von Ossip, den ich nicht fürchte, wage ich nicht zu sprechen.
Der Jude lacht. „Golem!“ sagt er singend. „Ein Klumpen Lehm, ein wenig Atem von meinem Atem,— Lebender, was fürchtest du? Sei freundlich mit Geistern und Gestorbenen, und man wird auch mit dir freundlich sein!“

Wir werden nun sehen, dass die Geschichte die alte traditionelle Legende vom Golem benutzt, um (wenn auch nur andeutungsweise) etwas über die Situation der Juden in den 1930er Jahren zu sagen, als diese Geschichte geschrieben wurde. Der Hund ist hier ein Symbol für eine bevorstehende Katastrophe, für den Tod.

Rabbi Loeb hat seinen Arm um mich gelegt, er führt mich durch die Gassen bis zu seinem Grabe und zu seinem Tempel — „was lauschst du, was sprichst du? Es tut dem Lebenden nicht not, uns Abgestorbene zu fürchten. Tod und Leben gehen Hand in Hand durch diese Stadt! Gewöhne dich! Wir sind in Prag!…“
Wir sind im Ghetto. Die Häuser liegen tief und nah dem Grund der Moldau. Mit Bogen überbaute Gassen halten das Gemäuer voneinander. Die Tore führen in die Dunkelheit. Es stinkt. Das Tages­licht versiegt vor all dem Schwarz und Grau.
Wo war eure Luft, Brüder? Wo spielten eure Kinder? Welcher Frühling brachte euren Siechen Heilung? Wo war eure Freude, —ach, und in welchem Käfig blühte eure Zuversicht?
„Wir hatten Pest, wir hatten Armut, wir hatten Verachtung!“ sagt Rabbi Loeb. „Was wißt ihr, was wißt ihr!“ (Wir wissen, sagt mein Herz! Aber ich schweige. —)

Visumantrag von Mala Laaser, 28.2.1936.

Umgeben von Schrecken und Tod, die keine zeitlichen Grenzen kennen, wählt unsere Protagonistin den einzigen Ausweg: die Flucht. Sie packt ihre Sachen, lässt ihren Hund zurück und steigt in den Zug. Ihre letzten Gedanken an den Hund sind zugleich eine Prophezeiung dessen, was kommen wird. Es wird auch das Schicksal der Autorin Mala Laaser sein, die rechtzeitig aus Deutschland nach England fliehen konnte.

Ich bin nur ein Lebender, du weißt es! Mein Gesetz ist die Luft, das Blau des jungen Himmels, das Meer in seiner ewigen Wanderung und der scharfe, schneebeladene Kamm der Berge. Ich reise, Ossip, meine Fahrt geht in die Zukunft. Friede für euch alle, ihr Geister der Vergangenheit! —
Aus dem Zuge rufe ich meinem toten Hunde die letzten Grüße zu. Kläffend, jammernd, winselnd läuft das Tier ein Stück neben den Schienen mit. Bei den ersten Feldern bleibt Ossip zurück. Eine Weile sieht es aus, als suche er zu folgen — endlich aber sehe ich ihn umwenden und in langen Sprüngen querfeldein seinen Weg nordöstlich in die große Dunkelheit beginnen. —

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

Ganz vorn: „Ardon“

Der Pudelmopsdackelpinscher

Verwandlung in einen Hund

Koschere Hunde (auch für Pessach)

Oded Fluss. Zürich. 14.5.2025

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