In einer Zeit des allgemeinen Niedergangs der hebräischen Buchdruckerkunst bildet eine 1816 in Basel gedruckte Pessach-Haggada eine Ausnahme. Diese Haggada, die sich in unserer Bibliothek befindet, ist eines der schönsten Beispiele des Buchdrucks zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die von dem berühmten Drucker Wilhelm Haas veröffentlichte Haggada ist in hebräischer Sprache gedruckt und mit einer deutschen Übersetzung in hebräischen Buchstaben (Aschkenas) versehen (Nicht zu verwechseln mit Jiddisch). Auf der ersten Seite der Haggada finden wir eine kleine Erklärung, die nur in Aschkenas gedruckt ist:

Diese Seder-Haggada ist zwar nur einfach ohne Perush [Kommentar], allein die darauf verwendete Sorgfalt, Korrektheit, und durchaus mit grossen Buchstaben gedruckt, auch mit einer Menge passender Bildern geziert [verziert], verschaffen dieser Ausgabe gewiss den Vorzug:
Die sogenannten „passenden Bilder“, d.h. die Holzschnitte, sind jedoch nicht immer passend, denn sie stammen aus der 1710 ebenfalls in Basel erschienenen christlichen Deutschen Bibel von Johann Brandmüller. Da entweder der Wille oder die finanziellen Mittel fehlten, einen Künstler mit der Anfertigung von Originalbildern für die Haggada zu beauftragen, schienen die Holzschnitte aus dem 100 Jahre zuvor veröffentlichen Buch eine gute Lösung zu sein.

Und obwohl viele dieser Bilder dem Ereignis entsprechen, das sie beschreiben sollen, gibt es doch einige bemerkenswerte Kuriositäten, die entweder auf Versehen, auf das Fehlen eines geeigneten Bildes oder auf Absicht zurückzuführen sind.

So zeigt das Bild, das angeblich den Durchzug des israelitischen Volkes durch das Rote Meer darstellt, ursprünglich die Überquerung des Jordans unter der Führung Josuas.

Dieser vermeintliche Fehler ist wahrscheinlich auf den fehlenden Zugang zu allen Holzschnitten in der Originalausgabe der Bibel zurückzuführen, da es ein Bild gibt, das genau diese Szene beschreibt, aber aus irgendeinem Grund nicht verwendet wurde.

Eine umstrittenere Verwendung eines Bildes findet sich in dem Teil der Haggada, in dem der Begriff „Pessach“ erklärt wird. Es wird mit “ Überschreitungsopfer “ übersetzt und von einem scheinbar harmlosen Bild begleitet, das Menschen am Seder-Tisch zeigt.

Betrachtet man jedoch das Originalbild, stellt man fest, dass es sich, wenn auch leicht verändert, um das Bild von Jesus beim Letzten Abendmahl aus dem Matthäusevangelium im Neuen Testament handelt. Die Aureole, die Jesus über dem Kopf hat, wie es auf solchen Bildern üblich ist, wurde auf dem Bild in der Haggada geschickt entfernt, so dass Jesus wie ein ganz normaler Mensch aussieht.

Das letzte zu besprechende Bild ist auch das letzte in der Haggada. Es steht direkt unter dem Segen לשנה הבאה בירושלים„Nächstes Jahr in Jerusalem“ und vor dem Segen über den Wein (Schöpfer der Frucht des Weinstocks). Das Bild zeigt zwei Männer, die eine sehr grosse Traube tragen.

Gesegnet seist du, unser Gott, Herr der Welt, Schöpfer der Frucht des Weinstocks.
Das Original findet sich auch in der Brandmüller-Bibel im Buch Numeri (4. Buch Mose). Dort wird die Geschichte der zwölf Kundschafter (Spione) erzählt, die Moses nach Kanaan schickt, um die dortigen Verhältnisse zu erkunden. Die Kundschafter kehren mit einer sehr grossen Traube zurück und beschreiben das Land als sehr fruchtbar, aber sie sündigen auch, indem sie sagen, es sei gefährlich und unmöglich zu erobern.

Man könnte sich fragen, ob das Bild in die Haggada passt, aber sowohl die Tatsache, dass es sich um Trauben vor dem Weinsegen handelt, als auch die Tatsache, dass das Volk Israel nach der Sünde der Spione für 40 Jahre aus dem Heiligen Land verbannt wurde, machen es im Zusammenhang mit „nächstes Jahr in Jerusalem“ plausibel.

Das Titelblatt der Haggada trägt den Namen des Rabbiners Salomon Coschelsberg. Er wurde 1770 in Winzenheim geboren, war Korrektor und Herausgeber, die Seele der hebräischen Abteilung der Druckerei Haas und von 1802 bis etwa 1830 initiativer und sachkundiger Herausgeber zahlreicher Werke. Coschel(sberg), eine wichtige jüdische Persönlichkeit in der Schweizer Geschichte, über die jedoch nur wenig bekannt ist, war einer der ersten Juden, die sich in Basel niederlassen durften und eines der ersten Vorstandsmitglieder der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB).
Oded Fluss. Zürich, 9.4.2025.


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Chana Berlowitz
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