Die Basler Haggada

In einer Zeit des allgemeinen Niedergangs der hebräischen Buchdruckerkunst bildet eine 1816 in Basel gedruckte Pessach-Haggada eine Ausnahme. Diese Haggada, die sich in unserer Bibliothek befindet, ist eines der schönsten Beispiele des Buchdrucks zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Seder Haggada shel Pessach. Hrsg. Salomon Coschelsberg. Wilhelm Haas Druckerei. Basel, 1816. H 924.

Die von dem berühmten Drucker Wilhelm Haas veröffentlichte Haggada ist in hebräischer Sprache gedruckt und mit einer deutschen Übersetzung in hebräischen Buchstaben (Aschkenas) versehen (Nicht zu verwechseln mit Jiddisch). Auf der ersten Seite der Haggada finden wir eine kleine Erklärung, die nur in Aschkenas gedruckt ist:

Diese Seder-Haggada ist zwar nur einfach ohne Perush [Kommentar], allein die darauf verwendete Sorgfalt, Korrektheit, und durchaus mit grossen Buchstaben gedruckt, auch mit einer Menge passender Bildern geziert [verziert], verschaffen dieser Ausgabe gewiss den Vorzug:

Die sogenannten „passenden Bilder“, d.h. die Holzschnitte, sind jedoch nicht immer passend, denn sie stammen aus der 1710 ebenfalls in Basel erschienenen christlichen Deutschen Bibel von Johann Brandmüller. Da entweder der Wille oder die finanziellen Mittel fehlten, einen Künstler mit der Anfertigung von Originalbildern für die Haggada zu beauftragen, schienen die Holzschnitte aus dem 100 Jahre zuvor veröffentlichen Buch eine gute Lösung zu sein.

Biblia, Das ist Die Gantze Heilige Schrifft Altes und Neues Testaments. Johann Brandmüller. Basel 1710. ZB AWA 2056.

Und obwohl viele dieser Bilder dem Ereignis entsprechen, das sie beschreiben sollen, gibt es doch einige bemerkenswerte Kuriositäten, die entweder auf Versehen, auf das Fehlen eines geeigneten Bildes oder auf Absicht zurückzuführen sind.

„Die Kinder Israel ziehen trocken durch das Rote Meer“

So zeigt das Bild, das angeblich den Durchzug des israelitischen Volkes durch das Rote Meer darstellt, ursprünglich die Überquerung des Jordans unter der Führung Josuas.

Dieser vermeintliche Fehler ist wahrscheinlich auf den fehlenden Zugang zu allen Holzschnitten in der Originalausgabe der Bibel zurückzuführen, da es ein Bild gibt, das genau diese Szene beschreibt, aber aus irgendeinem Grund nicht verwendet wurde.

Eine umstrittenere Verwendung eines Bildes findet sich in dem Teil der Haggada, in dem der Begriff „Pessach“ erklärt wird. Es wird mit “ Überschreitungsopfer “ übersetzt und von einem scheinbar harmlosen Bild begleitet, das Menschen am Seder-Tisch zeigt.

„Die Feier dem Überschreitungsopfers“

Betrachtet man jedoch das Originalbild, stellt man fest, dass es sich, wenn auch leicht verändert, um das Bild von Jesus beim Letzten Abendmahl aus dem Matthäusevangelium im Neuen Testament handelt. Die Aureole, die Jesus über dem Kopf hat, wie es auf solchen Bildern üblich ist, wurde auf dem Bild in der Haggada geschickt entfernt, so dass Jesus wie ein ganz normaler Mensch aussieht.

Das letzte zu besprechende Bild ist auch das letzte in der Haggada. Es steht direkt unter dem Segen לשנה הבאה בירושלים„Nächstes Jahr in Jerusalem“ und vor dem Segen über den Wein (Schöpfer der Frucht des Weinstocks). Das Bild zeigt zwei Männer, die eine sehr grosse Traube tragen.

Nächstes Jahr in Jerusalem
Gesegnet seist du, unser Gott, Herr der Welt, Schöpfer der Frucht des Weinstocks.

Das Original findet sich auch in der Brandmüller-Bibel im Buch Numeri (4. Buch Mose). Dort wird die Geschichte der zwölf Kundschafter (Spione) erzählt, die Moses nach Kanaan schickt, um die dortigen Verhältnisse zu erkunden. Die Kundschafter kehren mit einer sehr grossen Traube zurück und beschreiben das Land als sehr fruchtbar, aber sie sündigen auch, indem sie sagen, es sei gefährlich und unmöglich zu erobern.

Man könnte sich fragen, ob das Bild in die Haggada passt, aber sowohl die Tatsache, dass es sich um Trauben vor dem Weinsegen handelt, als auch die Tatsache, dass das Volk Israel nach der Sünde der Spione für 40 Jahre aus dem Heiligen Land verbannt wurde, machen es im Zusammenhang mit „nächstes Jahr in Jerusalem“ plausibel.

Im Druck von Wilhelm Haas, von Salomon Coschelsberg. Basel, 1816.

Das Titelblatt der Haggada trägt den Namen des Rabbiners Salomon Coschelsberg. Er wurde 1770 in Winzenheim geboren, war Korrektor und Herausgeber, die Seele der hebräischen Abteilung der Druckerei Haas und von 1802 bis etwa 1830 initiativer und sachkundiger Herausgeber zahlreicher Werke. Coschel(sberg), eine wichtige jüdische Persönlichkeit in der Schweizer Geschichte, über die jedoch nur wenig bekannt ist, war einer der ersten Juden, die sich in Basel niederlassen durften und eines der ersten Vorstandsmitglieder der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB).

Oded Fluss. Zürich, 9.4.2025.

Koschere Hunde (auch für Pessach)

Unsere kommende Ausstellung Koschere Hunde, die sich mit der interessanten Verbindung zwischen Hunden und dem Judentum beschäftigt, bietet uns die Gelegenheit, dieses ohnehin ungewöhnliche Thema zu untersuchen und zu sehen, ob wir unsere Hunde nicht nur koscher, sondern auch „koscher für Pessach“ machen können. Nun könnte man fragen: Was haben Hunde mit Pessach zu tun? Die Antwort ist: nicht viel, aber es gibt einige Stellen, an denen die Vierbeiner in unserem Seder und in der Geschichte vom Auszug aus Ägypten vorkommen.

Menachem Birnbaum – Chad Gadjo

Ein Hund, den wir alle sehr gut kennen, ist der Hund aus dem Lied Chad Gadja in der Pessach-Haggada. Dieses traditionelle aramäische Kettenlied, in dem jede auftretende Figur die vorhergehende übertrifft, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Teile des Pessach-Seders. Der Hund (Kalba) steht an vierter Stelle zwischen der Katze (Shunra), die er beisst, und dem Stock (Chutra), der ihn schlägt. Da die Pessach-Haggada eine der wenigen jüdischen Schriften ist, in denen Bilder üblich sind, finden wir in vielen von ihnen wunderbare Beispiele für die Darstellung von Hunden.

El Lisitski – ve-ata Kalba (Chad Gadja).

Ein weiteres interessantes Auftreten von Hunden findet sich in der Geschichte der zehnten Plage, die Gott über das Volk Ägypten brachte: der Tod aller Erstgeborenen. Diese letzte und verheerendste Plage wird von Gott durch Moses auf sehr interessante Weise beschrieben:

In der Hälfte der Nacht ziehe ich aus mittdurch Ägypten, dann stirbt alljeder Erstling im Land Ägypten, vom Erstling Pharaos, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstling der Magd hinter der Handmühle, und alljeder Erstling eines Tiers. Dann wird ein grosser Schrei in allem Land Ägypten sein, desgleichen nie noch war, desgleichen nie wieder sein wird. Aber gegen alle Söhne Israels soll kein Hund seine Zunge regen, weder gegen Mensch noch Tier.
Exodus 11: 4-7

Was es genau bedeutet, dass kein Hund seine Zunge regte, würden wir nur verstehen, wenn wir den Talmud zu Rate zögen. Im Talmud Mesechet Brachot werden Hunde als Tiere beschrieben, die um Mitternacht bellen. Da sie zur Zeit der zehnten Plage (ebenfalls um Mitternacht) nicht gebellt haben, wird dies als Wunder beschrieben. Es gibt aber auch eine andere Deutung:

Wenn der Todesengel in die Stadt kommt, weinen die Hunde; wenn der Prophet Elijahu in die Stadt kommt, spielen die Hunde. (Masechet Baba Kama).

Abgesehen von der Anspielung auf den Propheten Elijahu, die sich ebenfalls auf das Pessachfest bezieht, kann diese Stelle zusammen mit der vorhergehenden so gedeutet werden, dass die Hunde der Israeliten nicht gebellt und damit ihre Erstgeborenen dem Todesengel nicht verraten und sie somit gerettet haben.

Perek Schira; kopiert und gestaltet von Meshullam Zimmel aus Polna. Wien, 1719. Braginsky Collection 257

Diese besondere Gunst, die die Hunde dem Volk Israel erwiesen haben, bleibt nicht ohne Belohnung. Wir finden sie in dem wunderbaren Buch Perek Schira. Dieses Buch, dessen Ursprung unbekannt ist, beschreibt den Lobpreis Gottes durch alle Geschöpfe: die natürlichen und übernatürlichen Ordnungen, die unbelebte Natur, die Himmel und ihre Heerscharen, die Welten der Pflanzen und Tiere.

Die Hunde singen: Kommt, lasst uns demütig niederknien vor Gott, unserem Schöpfer.

In diesem Buch darf auch der Hund ein Loblied auf Gott singen, und der Talmudgelehrte Rabbi Jishajau fragt: Warum? Hunde sind bekanntlich niedere Wesen, und es scheint nicht in ihrer Demut zu liegen, Gott zu loben. Die Antwort, die wir sofort von einem „Himmelengel“ erhalten, ist die, von der wir schon gesprochen haben, nämlich das Verhalten des Hundes während der zehnten Plage.

Und hatten nicht die Hunde in Ägypten, als unsere Vorfahren dort Dienst taten, ein gewisses Mitleid mit den Israeliten, gegen die kein Hund seine Zunge regte?

Ein weiterer, etwas zeitnaher Dienst, den uns der Hund zu Pessach erweist, ist die Hilfe beim Pessachverbot des Chametz [Gesäuerten]. Da das Gesäuerte vor Pessach verbrannt werden muss, stellt sich die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist. Muss wirklich alles, was Gesäuertes enthalten könnte, verbrannt werden, auch das Ungeniessbare? Die Antwort auf diese Frage finden wir im Masechet Pesachim des Babylonischen Talmuds:

Die Rabbanan lehrten: Wenn Brot schimmlig geworden, und für Menschen ungeniessbar, jedoch für Hunde geniessbar ist, so ist es in Eigrösse als Speise verunreinigungfähig, auch darf es am Pessachfest zusammen mit Unreinem verbrannt werden.

Gesäuertes gilt nur dann als Chametz, wenn es vom Hund gefressen wird. Der Hund gilt hier als halachischer Parameter. Dies ist auch ein Zeichen dafür, dass der Hund schon in früheren Zeiten die Juden begleitete und ihnen nicht nur bei der Bewachung, sondern auch in halachischen Fragen half.

Oded Fluss. Zürich. 2.4.2025.