
Der überholte Spruch „Hinter jedem grossen Mann steht eine grosse Frau” gilt nicht für Hedwig Lachmann (1865–1918). Nicht, weil sie nicht grossartig war, sondern weil man sie – obwohl die Geschichte dies getan hat – nicht einfach hinter ihrem ebenso grossartigen Ehemann Gustav Landauer einordnen kann. Trotz seiner Bemühungen, ihr Werk zu verbreiten, ist Hedwig Lachmann heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Anlässlich ihres 160. Geburtstags ist es an der Zeit, dieses Versäumnis zu korrigieren.

Sie wurde 1865 in Stolp, einer kleinen Stadt in Pommern, als eines von sechs Kindern von Isaak und Mina Lachmann geboren. Ihr Vater war Chasan (Kantor) und ein grosser Bewunderer von Nigunim (religiöse Melodien), die sich von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. Um sein Wissen zu erweitern, zog er mit seiner Familie in das bayerische Dorf Hürben. Neben seiner Arbeit als Kantor der jüdischen Gemeinde verbrachte er dort viel Zeit damit, Neiomot (jüdische Gesänge) zu sammeln und zu dokumentieren. Das daraus entstandene Manuskript Awaudas Jisroel – Traditionelle Gesänge des süddeutschen Ritus ist erhalten geblieben und befindet sich heute in der Israelischen Nationalbibliothek.

Die Arbeit des Vaters hatte einen massgeblichen Einfluss auf Hedwig Lachmanns Liebe zur Sprache und ihr tolerantes und offenes Weltbild. Bereits in jungen Jahren entwickelte sie ein hervorragendes Sprachverständnis für Deutsch, Französisch, Ungarisch und Englisch. Im Alter von nur 15 Jahren hatte sie die Prüfung als Nachhilfelehrerin für Englisch und Französisch bestanden und begann mit 17 Jahren, als Privatlehrerin zu arbeiten.

Ihre Engagements führten sie zunächst nach England, dann nach Dresden und schliesslich nach Budapest. Nach vielen Jahren des Reisens kam sie nach Berlin, um sich um zwei alte und kranke Familienmitglieder zu kümmern. Hier lernte sie das wilde und ausschweifende Leben der Berliner Jugend und Bohème kennen.

Ihre gleichzeitige Hinwendung zur Poesie ist eng mit ihrer Beziehung zu Richard Dehmel verbunden, der zu dieser Zeit zu den einflussreichsten und angesehensten Dichtern zählte. Über den Dehmel-Kreis lernte sie einige der talentiertesten und bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Kulturszene jener Zeit kennen, darunter die Dichter Bruno Wille, Julius und Henrich Hart sowie Karl Wolfskehl, die Dichterin Paula Dehmel, die Schriftstellerinnen Anna Croissant-Rust und Anselma Heine sowie die Malerin Julie Wolfthorn, die 1903 ihr Porträt malte.

Lachmann begann zu schreiben, experimentierte mit Gedichten und verdiente ihren Lebensunterhalt hauptsächlich als Übersetzerin. Dank ihrer Kenntnisse mehrerer Sprachen avancierte sie zu einer der bedeutendsten Übersetzerinnen ins Deutsche, unter anderem von Oscar Wilde, Edgar Allan Poe, Honoré de Balzac, Paul Verlaine und Sándor Petőfi. Ihre bekannteste Übersetzung war Oscar Wildes Salome, die Richard Strauss später für seine weltberühmte Oper verwendete (Uraufführung in Berlin im Jahr 1905).

Leipzig, Insel-Verlag, 1903
Deutsche Übersetzungen von Wilde gab es bereits damals, aber keine konnte seinen sprachlichen Geist so einfangen wie Lachmanns. Darüber schrieb der berühmte österreichische Kunstschriftsteller und -Kritiker Arthur Roessler in einem am 6. August 1903 in der Ostdeutschen Rundschau erschienenen Artikel über Oscar Wilde:
Wie schwierig es darum ist Wildes Schriften zu übersetzen, kann sich jeder beiläufig denken. Die plötzliche Hochflut deutscher Ausgaben seiner Werke hat mich daher erschreckt und misstrauisch gemacht in bezug auf die Güte der Übersetzungen. Leider erhielt ich meine Besorgnis bestätigt, als ich verschiedene der Übersetzungen las. Nur eine Übersetzung ist tadellos: die Verdeutschung der „Salome” von Hedwig Lachmann.

Hedwig Lachmanns erste Begegnung mit Gustav Landauer fand Anfang 1899 in einer Berliner Kunstgalerie statt. Er war sofort von ihr fasziniert, was zu einer umfangreichen Korrespondenz zwischen den beiden führte. Lange Zeit redeten sie sich dabei mit dem formalen „Sie” an.
Sehr geehrtes Fräulein,
1/2 6 Uhr morgens, eben aus Berlin zurückgekehrt, sehe ich nach meinem Kind das lieb schläft, und sitze jetzt am Schreibtisch, um Ihnen zu schreiben. Ich hätte Sie vor einigen Stunden beinahe kennen gelernt. Beinahe – Ich scheine also doch keiner von denen, die dem Schicksal gewachsen sind. Glauben Sie mir, bitte: ich bin nicht dekadent, und ich bin auch nicht verliebt. Nicht Liebe auf den ersten Blick ist mein Fall, vielmehr etwas psychologisch weniger Naheliegendes: nennen wir’s Freundschaft, Freundschaft auf den ersten Blick.(Aus dem ersten Brief von Gustav Landauer an Hedwig Lachmann. 28.02.1899)
Ihre Beziehung begann unter schwierigen Umständen, denn Landauer war zu diesem Zeitpunkt noch mit seiner ersten Frau Margarethe Leuschner verheiratet. In ihrer wunderbaren Biografie Mein Rundgang erzählt die zu Unrecht vergessene Anselma Heine (1855-1919), die damals mit Hedwig Lachmann befreundet war, von den Anfängen der Romanze zwischen den beiden.
So oft sie „Gustav Landauer“ sagte, sah sie mich strahlend und lächelnd an, als habe sie mir damit ein köstliches Geschenk gemacht […]Noch war er verheiratet. Mit einer Frau, die ihn nicht freigab. In seiner ersten Jugend hatte er, der Hochkultivierter, ein Mädchen aus dem Proletariat geheiratet, wohl um vor sich selbst und anderen Zeugnis abzulegen von der Unbedingtheit seiner sozialen Einstellung. Bald aber — und ihm selber sehr unerwartet — verwandelte sich die Proletarierin in eine Kleinbürgerin mit all den Eigenschaften, die zu bekämpfen Gustav Landauer Lebenswerk war. „Es stösst sich die Flügel stumpf an ihrer Enge“, sagte mir Hedwig Lachmann mit Tränen des Zorns.
Darüber hinaus befand sich der junge Anarchist in einer sehr schlechten finanziellen Lage und musste eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wegen „Störung der öffentlichen Ordnung” absitzen. Hedwig war immer noch eng mit Richard Dehmel verbunden, der sie nicht so leicht ziehen liess. Ausserdem missbilligten ihre Familie, insbesondere ihr Vater und ihr Bruder Norbert, dass ein Mann in ihr Leben getreten war, der anscheinend nichts als Ärger mit sich brachte.

Erst nach dem Tod ihres Vaters konnte sich die Beziehung entfalten. Die beiden reisten mit finanzieller Unterstützung von Auguste Hauschner, einer engen Freundin Landauers, die ihn sein ganzes Leben lang unterstützte, nach England. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1903 heirateten sie und bekamen ihre erste Tochter Gudula, ein Jahr später folgte die zweite Tochter Brigitte. 1906 kam auch Charlotte, Landauers Tochter aus erster Ehe, in die Familie.

In einem schönen Aufsatz, der am 22. August 1926 im Berliner Tageblatt veröffentlicht wurde, berichtet Gudula Landauer von einem Gedicht, das ihre Mutter zum Geburtstag ihres Vaters geschrieben und das die Töchter vor ihm rezitiert hatten:

Im selben Artikel schreibt Gudula über ihre Mutter:
Wie haben wir unsere Mutter so geliebt, wie in den Augenblicken, da sie uns an ihrem eigensten Leben teilnehmen liess und uns ein Gedicht schenkte, das uns verständlich war. Aus den einfachen Kinderworten ahnten wir schon die höhere Welt, in der sie lebte, und es füllte sich uns der Begriff ‚Dichterin‘ mit Heiligkeit.
Nach ihrem Tode sagte mir mein Vater: „Weine nicht, mein Kind, man kann es nie zu Ende weinen.“

Der Einfluss von Hedwig Lachmann auf Gustav Landauer kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihre Korrespondenz zeugt von grenzenloser Liebe und übereinstimmender Meinung zu fast jedem Thema. Selbst der antisemitische Philosoph Hans Blüher erkannte die Schönheit dieser Briefe. In seiner Autobiografie Werke und Tage widmet er diesem Briefwechsel die folgenden Sätze:
Wenn mich jemand fragen würde, welches die schönsten Liebesbriefe der letzten fünfzig Jahre seien, so würde ich unbedenklich antworten: die Briefe Gustav Landauers an Hedwig Lachmann. Von zarter Freundschaft und Innigkeit zu stürmender Begierde – aber ohne jede Gier – steigen sie an, gerichtet an eine schöne Jüdin und Dichterin.
Auch die Philosophin und Dichterin Margarete Susman, eine enge Freundin des Paares, würde die Schönheit und Einzigartigkeit dieser Briefe anerkennen. In einem 1929 in der Zeitschrift Der Morgen veröffentlichten Artikel schrieb sie:
Welch eine männliche Kraft und Festigkeit in der fast weiblich zentrierten Liebe und Hingabefähigkeit der wundervollen frühen Briefe an seine spätere Frau Hedwig Lachmann. Da ist kein Bruch, keine Problematik, keine Zerrissenheit und Müdigkeit wie die, durch die der moderne Mann die Gaben der Frau gar nicht mehr anzunehmen vermag. Im Gegenteil: hier ist der Mann der Gebende, der Schenkende, der Tragende.

Der einzige Gedichtband, den Lachmann zu Lebzeiten herausbrachte, erschien ein Jahr vor ihrer Hochzeit mit Landauer. Im Bilde, 1902 im Schuster & Loeffler Verlag in Berlin veröffentlicht, ist ein wirklich bewegendes Werk einer reifen Dichterin, die die Natur und die Menschheit liebt. Die Gedichte sind zugleich unschuldig-kindlich und idealistisch-mündig.

Auch wenn Lachmann danach keine Gedichtbände mehr veröffentlichte, sondern sich mehr auf das Übersetzen konzentrierte, hörte sie nie auf, Gedichte zu schreiben. Diese nahmen eine politischere, humanistischere Haltung ein und predigten vor allem den Pazifismus. Eines der schönsten Gedichte Lachmanns ist in einem Brief aus dem Jahr 1915 an Landauer zu finden. Es wurde später in Martin Bubers Monatsschrift Der Jude veröffentlicht.

Auf dieses Gedicht antwortete Landauer mit den Worten:
Geliebte Frau! Zu allererst von Deinem Gedicht. Ich finde es wunderschön und bin innig gerührt, daß gerade dieses Gedicht in Dir nach dem vollendeten Ausdruck sucht.
Ich danke Dir, Hedwig, Frau, Jüdin, Meine.
Dein Mann.
Es ist durchaus möglich, dass Lachmann der Grund dafür war, dass Landauer seine sehr antimilitaristischen Ansichten auch während des Ersten Weltkriegs beibehielt, während viele deutsche Intellektuelle und seine engen Freunde wie Martin Buber dem patriotischen Wahn verfallen waren. Ebenso wahrscheinlich ist, dass Lachmann eine bedeutende Rolle bei Landauers späterer Rückkehr zum Judentum spielte. Sie hatte ihre jüdischen Wurzeln und ihre Abstammung, insbesondere aufgrund ihres Vaters, auch nach dessen Tod nie vergessen.

Der schreckliche Krieg und finanzielle Schwierigkeiten forderten ihren Tribut. Am 21. Februar 1918 starb Hedwig Lachmann schliesslich an einer Lungenentzündung. Kurz danach erschien in der Schaubühne ein beeindruckender Nachruf des Journalisten, Theaterkritikers, Dramaturgen und Historikers Julius Bab, der ein enger Freund von Hedwig Lachmann und ihrem Mann gewesen war. Bab hob den scheinbar widersprüchlichen Aspekt von Lachmanns Persönlichkeit hervor: Sie war sowohl still als auch stark. Über ihre Übersetzungsfähigkeiten schrieb er:
Hedwig Lachmann war eine Künstlerin, die ihr deutsches Sprachgefühl restlos fremdem Befehl hingab. Sie schuf aus innerster Hingabe die Verse Verlaines und Rosettis, Swinburnes, Poes und Wildes nach und gab den rhythmischen Ekstasen des Wallonen so lebendig deutschen Leib wie dem aristokratischen Raffinement der berühmten ‚Salome‘.

Gustav Landauer verarbeitete den Verlust seiner Frau in der ergreifenden Schrift Wie Hedwig Lachmann starb, die er nur seinen engsten Freunden schenkte. Darin beschreibt er die Kraft, die ihm aus dem Schmerz um seine verstorbene Frau erwächst. Das äusserst bewegende und ungewöhnliche Prosastück schildert die letzten Tage ihres Lebens.

In einem seiner letzten Briefe an seinen Onkel Hugo Landauer schrieb er:
Es ist jetzt, um Hedwigs und um der Erneuerung der Menschheit willen, der Zeitpunkt, wo ich mich zu verbrauchen und nicht mehr zu schonen habe. Was ich von meinem Herzen zu erwarten habe, weiss ich; immerhin ich es so weit stärken, als es möglich ist.
Nur ein Jahr später wurde Landauer, der sich für die Revolution engagiert hatte, in einer Gefängniszelle erschossen. Zuvor hatte er sich noch um die Herausgabe von Lachmanns Werk bemüht. Die gesammelten Gedichte und die meisten Übersetzungen von Hedwig Lachmann wurden 1919 bei Gustav Kiepenheuer veröffentlicht.

Drei Monate vor seinem eigenen schrecklichen Tod nahm Landauer an der Beerdigung von zwei weiteren grossen Denkern und Mordopfern der Revolution teil: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Wie Martin Buber später erzählte, schloss Landauer in seine Grabrede ein Gedicht des ungarischen Nationaldichters und Revolutionärs Sándor Petőfi mit ein, der selbst Kriegsopfer geworden war. Er verwendete die Übersetzung seiner kurz zuvor verstorbenen Frau Hedwig Lachmann:
Mich quält ein leises Angstgefühl:
Ich möchte nicht sterben auf weichem Pfühl-
Will mich nicht qualvoll in Kissen wälzen,
Will nicht langsam verwelken, zerschmelzen,
Wie die Kerze, die man im Zimmer vergisst,
Wie die Blume, die ein Wurm zerfrisst.
Ein Baum will ich sein und im Blitze zersplittern,
Vom Sturm entwurzelt den Boden erschüttern,
Ein Fels, den der Donner vom Riffe löst,
Mit Titanenfaust in die Tiefe stösst.
Wenn einst ein freiheitstrunkener Geist
Die Sklavenvölker dem Schlummer entreisst,
Sie sich den Schlaf aus den Augen reiben
Und WELTFREIHEIT auf die Fahne schreiben
Und auf gemeinsamen Kampfesplane
Mit flammendem Antlitz und blutroter Fahne
Dem Tyrannen entgegentreten –
Und die schmetternden Kriegsdrommeten
Weithin erschallen –
Dann will ich fallen!
Mein letztes Stöhnen
Verschlinge das Dröhnen
Der Schlachtkolosse,
Und wiehernde Rosse
Sollen über mich fliegen –
So will ich liegen,
Bis einst der grosse Begräbnistag graut,
Da man mit Trauergesängen
Und ernsten, gemessenen Klängen
Die toten Helden dem Grabe vertraut,
Die dir, o Freiheit, sich weihten,
Dir hohen, gebenedeiten!

Oded Fluss. Zürich, 27.8.2025.


Ich danke für den berührenden Bericht: ein toller Fund, umsichtig ausgebreitet. Ich werde mir den Band in der Bibliothek näher ansehen.
Danke dir Kati! Du bist immer willkommen.
Herzlich, Oded.
Vielen Dank für die Veröffentlichung. Ich forsche seit vielen Jahren zu Julie Wolfthorn, die das wunderbare Porträt von ihrer Freundin Hedwig Lachmann geschaffen hat.
Vielen Dank für Ihren freundlichen Kommentar, Frau Carstensen!
Gibt es eine bekannte Korrespondenz zwischen Lachmann und Wolfthorn?
Herzlich, Oded Fluss.