Weckruf für Schweizer Juden

Anfang November 1938 erfuhren Juden auf der ganzen Welt von der schrecklichen Pogromnacht in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Notlage der Juden in Europa fast ihren Höhepunkt erreicht. In Zürich erschien derweil eine äusserst ungewöhnliche Broschüre, die sich in unserer Bibliothek befindet.

Ben Chaim – Juda erwache! Proklamation an das jüdische Volk. J. Rüegg Schnee. Zürich, 1938. B 526.

Mit ihrem auffälligen Titel Juda, erwache! Proklamation an das jüdische Volk von „Ben Chaim“ – ein sehr jüdisch klingender Name – schien diese Broschüre auf den ersten Blick eine von vielen Publikationen zu sein, die zu dieser Zeit erschienen, um den Juden Trost zu spenden – eine Art Antwort auf den damals weit verbreiteten Nazi-Slogan „Deutschland, erwache! Jude verrecke!“.

Der allgemeine Haß und die allgemeine Ablehnung, die unserem Volk in der Welt, vor allem in Europa zuteil wird, erreicht in unserer Zeit ein Ausmaß, wie es kaum noch überboten werden kann. Wie ein Mann haben sich die Völker erhoben und erklären zwar mit verschiedener Lautstärke, aber im wesentlichen übereinstimmend, daß sie der sogenannten „Judenfrage“ überdrüssig geworden sind und verlangen nach radikalen Lösungen, angefangen von öffentlicher nationaler Diskriminierung bis zur zwangsweisen Vertreibung unserer einzelnen Volksgruppen. Die Leiden unseres armen jüdischen Volkes haben damit einen Grad erreicht, der bis zu seiner völligen Ermattung und völligem Untergang nicht mehr sehr weit ist

Zunächst scheint es tatsächlich so, als stamme dieser Text von einem besorgten Juden. Liest man jedoch etwas weiter, nimmt die Argumentation des Autors eine scharfe, düstere Wendung. In Gestalt eines harmlosen Büchleins verbreitet er auf sehr listige Weise etwas, das nur als verschleierte Nazi-Propaganda bezeichnet werden kann. Als ob es persönlich von Goebbels stamme, lobt das Buch Hitler als Genie und von der Vorsehung gesandten Führer des deutschen Volkes. Ausserdem ruft das in der Schweiz veröffentlichte Buch „zur Sammlung“ aller Deutschen – auch der „deutschen Schweizer“ – unter dem Führer auf.

Neue Zürcher Zeitung. 7. November 1938.

Die Publikation wurde als „ein nichtantisemitisches Dokument” beworben, entpuppte sich jedoch als extrem antisemitisch. Laut Ben Chaim sind die Juden selbst schuld an ihrer tausendjährigen Verfolgung. Sie müssten sich von der Vorstellung lösen, das auserwählte Volk Gottes zu sein. Sie sollten sich vom Bolschewismus lossagen und sich mit der nationalsozialistischen sowie der faschistischen Bewegung versöhnen.

Ausserdem sollten die Juden aufhören, in „jüdischen Berufen” zu arbeiten. Der Autor schlägt vor, dass sie 50 Jahre lang nicht als Advokaten und 100 Jahre lang nicht in kaufmännischen Berufen arbeiten sollten. Zudem sollten sie eine eigene „Nationalsemitismus”-Bewegung gründen und die Araber in Palästina bekämpfen – jedoch nicht, um dort religiös zu leben, sondern um das Land für das Dritte Reich zu erobern. Die erste Massnahme des künftigen Judenstaates müsse das Verbot der Ausübung der jüdischen Religion sein.

Abrascha Stutschinsky

Abgesehen von einigen faschistisch und antisemitisch eingestellten Schweizer Zeitungen wurde das Buch heftig kritisiert. Fast alle, einschliesslich der jüdischen Presse, waren der Meinung, dass der Autor kein Jude war. Man war sich einig, dass es sich bei dem Buch um ein Machwerk der Nazi-Propaganda handelte, das in der Schweiz Chaos stiften sollte. Ein kreativer Versuch, das Buch lächerlich zu machen, kam von dem zu Unrecht vergessenen Journalisten und Dramaturgen Abrascha Stutschinsky (1907-1978). Der aus Suwałki stammende Autor behauptete, Ben Chaim als einen Kownoer Juden erkannt zu haben, und schrieb einen offenen Brief an den Leiter einer der grössen Irrenanstalten in Litauen. Dieser wurde in einer litauischen Zeitung veröffentlicht. Der Brief trug die Überschrift „Herr Doktor, ein Patient ist Ihnen entlaufen!”.

Aus Der Stürmer. Januar 1940.

Der grösste Schaden durch das Buch entstand jedoch ausserhalb der Schweiz. Die gut geölte Propagandamaschinerie der Nazis wusste genau, wie sie es zu ihrem Vorteil missbrauchen konnte. Zitate daraus wurden in allen populären Publikationen und Zeitungen der Nazis verbreitet. Dass ein Jude solche Dinge über sein eigenes Volk zugab, war natürlich eine Sensation. So schrieb zum Beispiel der nationalsozialistische Journalist und Politiker Hermann Esser in seinem Buch Die jüdische Weltpest.

«Juda, erwache!» ist ein Selbstspiegel des Judentums, der in grauenvoller Wirklichkeit die jüdische Weltpest zeigt, wie sie in ihrer unüberbietbaren Abscheulichkeit ist. Ein Jude hat diese Selbstkritik seiner Rasse niedergeschrieben, ein Jude von reinstem Wasser mit dem Namen Ben Chaim. Mit brutalster Schonungslosigkeit, die in der politischen Weltliteratur kaum ihresgleichen hat, geht Ben Chaim gegen seine Rassebrüder und Rasseschwestern vor, geisselt sie mit geistigen Peitschenhieben bis zum Weissbluten und gipfelt in der Feststellung, dass der Jude Weltparasit ist und sein muss, einfach deshalb, weil die jüdische Religion nicht Religion, sondern politische, auf Zersetzung aller Nichtjuden eingestellte Erziehung ist.

Hermann Esser – Die jüdische Weltpest. Zentralverlag der NSDAP. München, 1939. (Giftschrank der ICZ-Bibliothek).

Die Identität des sogenannten Ben Chaim ist bis heute unklar. War er ein selbsthassender Jude? Ein getarnter Antisemit, der als Schraube in der Nazi-Propagandamaschine diente? Oder war er, wie Stutschinsky glaubte, eine „harmlose, tragische Figur”? Vielleicht werden wir es nie erfahren. Eines war jedoch klar: Juda erwache! wurde ein echter Weckruf für die Juden in der Schweiz. Es zeigte ihnen, wie nah die Nazi-Propagandamaschinerie ihnen bereits gekommen war.

Oded Fluss. Zürich, 17.7.2025.