Ein grimmiges Märchen
Die Märchen der Gebrüder Grimm sind längst ein wichtiger Teil unserer Kultur – nicht nur für Deutschsprachige, für die sie ursprünglich gedacht waren, sondern für die gesamte westliche Welt. Sie wurden in unzählige Sprachen übersetzt und werden weltweit von Kindern und Erwachsenen gelesen und geliebt. Auch Juden und Jüdinnen bildeten da keine Ausnahme. Die assimilierten Deutschen gehörten zu denen, die schon früh mit den Märchen der Gebrüder Grimm in Berührung kamen. Auch in Israel sind sie in ihren zahlreichen hebräischen Übersetzungen sehr beliebt. In fast jedem Haushalt sind sie ein Begriff.

Und obwohl die meisten dieser Märchen universelle Elemente enthalten, mit denen sich alle identifizieren können, gibt es einige, die eine bestimmte Stimmung erzeugen, die vor allem Juden beunruhigt. Insbesondere vier Märchen fallen in diese Kategorie: In ihnen taucht eine jüdische Figur auf, die stets antisemitisch dargestellt wird und meist ein tragisches Ende nimmt. Es handelt sich um die Märchen „Der gute Lappen”, „Der gute Handel”, „Die klare Sonne bringt’s an den Tag” und „Der Jude im Dorn”, das Thema unseres Beitrags.
All diese kurzen Märchen sind online verfügbar. „Der Jude im Dorn” ist hier zu finden: https://de.wikisource.org/wiki/Der_Jude_im_Dorn_(1857)
Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung des Märchens:

Ein naiver junger Knecht arbeitet drei Jahre lang fleissig und loyal, ohne dafür bezahlt zu werden. Als er endlich von seinem sehr geizigen Herrn entlohnt wird, begibt er sich in die Welt hinaus und verschenkt sein wenig Geld an den ersten Bettler, den er trifft. Dieser gewährt ihm drei Wünsche. Der junge Mann wünscht sich ein Vogelrohr, das alles trifft, eine Fidel, die jeden, der sie hört, unkontrolliert tanzen lässt, und die Fähigkeit, dass niemand seine Wünsche abschlagen wird.
Später trifft der junge Mann auf einen Juden, den er an seinem langen Ziegenbart erkennt, während dieser einem Vogel beim Singen lauscht. Grosszügig bietet er ihm an, den Vogel für ihn zu erschiessen. Als der Vogel in einen Dornbusch unter dem Baum fällt, kriecht der Jude hinein, um ihn zu holen. Der junge Mann beginnt, auf der Fidel zu spielen, sodass der Jude unkontrolliert tanzen muss. Erst als der Jude blutüberströmt und seine Kleidung zerfetzt ist, hört der junge Mann auf – allerdings nur, weil der Jude ihm sein ganzes Geld anbietet. In der nächsten Stadt beschuldigt der Jude den jungen Mann des Raubes. Eine Anschuldigung, die den dortigen Beamten plausibel erscheint. Der junge Knecht wird zum Tod durch den Strang verurteilt. Er bittet um eine letzte Chance, auf seiner Fidel zu spielen, und lässt alle tanzen, bis der Richter ihm die Freiheit verspricht, wenn er nur aufhört. Dann gesteht der Jude aus unerfindlichen Gründen, das Geld gestohlen zu haben, das der junge Mann nun „redlich verdient“ habe. Er wird an seiner Stelle gehängt.

Bereits im Jahr 1867 stösst man auf eine äusserst interessante Aussage des bekannten jüdischen Autors und Dichters Berthold Auerbach (1812-1882). In einem Brief an seinen Freund, den Pädagogen Jakob Auerbach, bringt er die jüdische Haltung zu diesem Märchen in einem herzzerreissenden Satz auf den Punkt:
Ach, lieber Jakob, wie geplagt sind wir Juden und werden oft so grausenhaft aufgeschreckt. Ich werde nie vergessen, wie ich, ganz verzaubert von den Grimm’scehen Märchen, plötzlich auf das Märchen „der Jude im Dorn“ kam, das riss mir wie leibhaftig Wunden.
Die Worte „leibhaftige Wunde“ sind kein Zufall und mehr als nur eine Metapher oder poetische Sprache. Sie zeigen, wie sehr sich Auerbach mit dem elenden Charakter des Juden in diesem Grimmschen Märchen identifiziert. Dies drückt sich nicht nur in körperlichem Schmerz, sondern auch in Erniedrigung aus. Das Märchen erreicht sein „Happy End“ durch den vollständigen Untergang des unschuldigen Juden, der erst gezwungen wird, im Dornenbusch zu tanzen, und dann gehängt wird, sowie durch das ungestrafte Davongelangen des Knechts, der ihn beraubt hat, und des Herrn des Knechts, der wiederum den Knecht beraubt hat.
Schon lange wird behauptet die Tatsache, dass die meisten Märchen alte Volkssagen sind, die von den Gebrüdern Grimm gesammelt wurden, könne Aufschluss über die psychologische Entwicklung eines Volkes geben. Die Gebrüder Grimm haben die deutschen Märchen gewissermassen aus dem Munde des Volkes genommen und sie in einer unvergleichlich schönen, volkstümlichen Form dem deutschen Volk wiedergeschenkt. Darüber hinaus kann man der Meinung sein, dass diese Märchen aufgrund ihrer häufigen Lektüre durch Kinder deren noch nicht gefestigte Persönlichkeit beeinflussen können. In gewisser Weise spiegeln sich die bewussten und unbewussten Eigenschaften eines Volkes, sein Wille und seine Ängste, in diesen Märchen wider.

Einer der ersten, der die Märchen der Gebrüder Grimm mit dem Nationalsozialismus in Verbindung brachte, war der deutsch-jüdische Schriftsteller Arnold Zweig. 1936 veröffentlichte er im Exil in Die Neue Weltbühne den Beitrag „Der Jude im Dorn”.
In diesem Buch nun, das unter leichter Verhüllung ältestes und urältestes Mythen- und Vorstellungsgut der Menschen deutscher Zunge wiedererzählt, befindet sich auch ein antisemitisches Stück: „Der Jude im Dorn“. Als Kinder liebten wir nicht, es beim Aufblättern zu treffen, wir lasen es auch nicht so häufig wieder wie die anderen. Aber als ich es mir jüngst von meinenı kleinen Sohn vorlesen liess, gingen mir Ohren und Augen auf. Dieses Märchen bestätigt unsere Meinungen über den deutschen Antisemitismus so grundsätzlich und so durchaus, als hätten wir es erfunden. Man höre und urteile selbst.

Auf sehr interessante Weise, die später auch den jüdischen Psychoanalytiker Otto Fenichel inspirieren sollte, bringt Zweig das zum Ausdruck, was später als „Sündenbock-Theorie“ bekannt wurde. Ähnlich wie im jüdischen Brauch, bei dem ein Ziegenbock die Sünden der Gemeinschaft auf sich nimmt und geopfert wird, wurden die Juden im Laufe der Geschichte dazu gemacht, die Sünden der herrschenden Klasse zu tragen – und dafür geopfert.
[…]der deutsche Antisemitismus diene dem Deutschen als Ventil, Hass, Wut und Empörung gegen seine Herrenklasse abzuführen, die er aus guten Gründen diesen unbarmherzigen und wohlbewaffneten Gruppen gegenüber nicht zu äussern wage. […] wir haben ferner dargelegt, dass und warum der Jude den deutschen Untertanen besonders geeignet erscheinen musste, eine solche Ersatzgestalt zu werden – unter anderem, weil er zum Unterschied von seinem Herrn eben unbewaffnet, zahlenmässig schwach und de facto ungefährlich war. Ihm gegenüber durften sich Racheimpulse austoben, die dem Herrn gegenüber am besten nicht einmal in die Mienen, ja, noch besser, nicht einmal ins Bewusstsein der Untertanen stiegen.

Für Zweig ist das Märchen Der Jude im Dorn die Verkörperung der antisemitischen psychologischen Verfassung der Deutschen. Da sie sich im Laufe der Geschichte nicht gegen diejenigen erheben konnten, die sie wirklich misshandelt hatten, suchten sie sich als Ersatz diejenigen, die immer unter ihnen standen und immer ungeschützt waren: die Juden. Die herrschende Klasse, die ebenfalls davon profitierte, hat dies gefördert, um nicht für das von ihr verursachte Leid verantwortlich gemacht zu werden. Zweig zeigt jedoch auch, wie das Märchen den Deutschen ein gutes Gewissen und sogar Freude („Spass“) an ihrer sadistischen Behandlung der Juden vermittelt. Dies fasst er auf tiefgründige Weise zusammen, bis hin zu den damals bereits aktuellen Konzentrationslagern.
Zergliedert man dieses kleine Stück ausgezeichneter Prosa, so hat man alles beisammen, was den europäischen Antisemitismus macht: erstens den Juden, der an dem Unrecht, das dem Knecht widerfuhr, schuldlos ist, und der durch seinen orientalischen Bart fremdartig, durch seinen Sinn für das Naturwunder des Vogelgesanges als geistig überlegen, auf einer älteren und höheren Kulturstufe stehend, anerkannt wird; der schliesslich diesen singenden Vogel besitzen will, wie die Herren und Fürsten, Minister und Paschas sich Singvögel in ihren Häusern halten. Dann die plumpe zerstörende Art, mit der der Knecht das Verlangen des Juden erfüllt, indem er dem Rausch der Waffe nachgibt; schliesslich den Sadismus der Konzentrationslager, das Volksfest mit Spass und Jokus beim Pogrom, endlich die Erpressung der Beute: der mit Gold gefüllte Beutel, den eigentlich der Knecht seinem Herrn hätte abverlangen müssen, und den er daher guten Gewissens der Ersatzfigur raubt. Und als Schlusspunkt des Ganzen der Hohn, mit dem das Opfer seines qualvollen Springens wegen bedacht wird.

Es ist wichtig hinzuzufügen, dass dieses und andere Märchen, die als Symptom des Antisemitismus angesehen werden können, später im Kampf gegen Antisemitismus und Faschismus verwendet wurden. Bertolt Brecht, Erich Weinert und Erika Mann griffen sehr geschickt auf die Märchen der Gebrüder Grimm zurück, um ihren Kulturkampf gegen den Nationalsozialismus zu führen. Ausgehend von traditionellen Grimmschen Märchen und allgemeinen Märchenmotiven schufen Erika und Klaus Mann Lieder und Kostümentwürfe für ihre „Pfeffermühle”-Aufführung „Lauter Märchen”. Damit lösten sie die Märchen aus ihrem vertrauten klassischen Kontext und verliehen ihnen eine zeitgenössische Bedeutung. Wie Erika Mann in der Rolle der Märchendichterin deutlich machte, sollten diese Entwürfe die Märchen von ihren Missbrauchern zurückgewinnen und die zeitgenössische Welt kritisch reflektieren.
Lauter Märchen, – jetzt kommen lauter richtige Märchen, wie sie im Märchenbuch stehn und wie das Volk und die Dichter sie erfunden haben in grauer Vorzeit und zu ihrer reinen Belustigung. Heut erzählt man sie den kleinen Kindern, und allenfalls noch die Freunde von der rückwärts gewandten Sorte nehmen sie für sich in Anspruch und für ihre romantisch-chaotische Denkungsart. Lasst doch einmal sehen, was sich zuträgt in diesen Geschichten und ob sie nicht vielleicht für uns geschrieben worden sind, auch für uns, — gerade für uns und ob es nicht unsere eigene, sonderbare Menschenwelt ist, – die sich – noch immer, – in ihnen spiegelt.
Oded Fluss. Zürich, 10.7.2025.