Vorgeschichte mit Nachgeschmack

Thomas Mann – Wälsungenblut. Mit Steindrucken von Th. Th. Heine. Phantasus Verlag. München, 1921.

Das Besondere an Thomas Manns Wälsungenblut ist, dass zwar viele die Vorgeschichte kennen, aber nur wenige die Novelle selbst gelesen haben. Was 1906 veröffentlicht werden sollte, erschien schliesslich erst 15 Jahre später in einer Luxusausgabe von nur 530 Exemplaren. Später erschien die Novelle nach dem Tod des Autors, was einerseits die geringe Anzahl ihrer Leserinnen und Leser erklärt und andererseits auf ihren zweifelhaften Ruf hinweist, der bis heute anhält.

Aus „Der Querschnitt“ Dezember, 1921.

Abgesehen von der Unsittlichkeit, die Wälsungenblut beherrscht, war der Hauptgrund für den Skandal um das Werk wohl die biografischen Elemente, die eher mit Katia Mann, der Ehefrau des Autors, als mit diesem selbst zu tun haben. Wie die Geschichte erzählt, hatte dies den Zorn von Katias Vater geweckt und Thomas Mann dazu gebracht, das Manuskript kurz vor der Veröffentlichung zurückzuziehen.

Thomas und Katia Mann, ca. 1927.

Es waren gerade einmal zwei Jahre vergangen, seit Thomas Mann Katia (damals Pringsheim) kennengelernt hatte, und nur ein Jahr seit ihrer Hochzeit, als er die Novelle schrieb. Und doch lag die Vermutung nah, dass die Geschichte von der Familie Pringsheim handelt oder von dieser ausgeht. Die wohlhabende Familie, in die Thomas Mann eingeheiratet hatte, scheint sich in fast jedem Detail der Novelle wiederzufinden.

Alfred Pringsheim (1850-1941).

Neben den allgemeinen Merkmalen der Familie – versnobt, der Oberschicht angehörend– waren es spezifische Elemente, die einen auf die Pringsheim verwiesen. Es handelte sich um eine assimilierte jüdische Familie mit vier Kindern, darunter ein Zwillingsbruder und eine Zwillingsschwester.

Die Zwillinge Pringsheim, Katia und Klaus, sowie die Zwillinge Aarenhold, Siegmund und Sieglinde, dargestellt von Th. Th. Heine in der Luxusausgabe von Wälsungenblut.

Für Aufsehen sorgte, dass der Höhepunkt des Romans eine Inzestszene zwischen den Zwillingen ist und dass Katia Mann einen Zwillingsbruder hatte. Aber auch die Tatsache, dass Thomas Mann für seine Geschichte eine jüdische Familie ausgewählt und die Familienmitglieder scheinbar antisemitisch charakterisiert hatte, veranlasste ihn schliesslich, sich in gewisser Weise davon zu distanzieren.

Der übersteigerte Reichtum, verbunden mit einer völligen verkommenen Moral, die sich vor allem in Gier, Faulheit und Verwöhntheit ausdrückt, und darin, dass Menschen ausserhalb der Familie wie Sklaven oder Spielfiguren behandelt wurden ist kaum zu übersehen. Die verwöhnte und versnobte Familie ist sich ihrer jüdischen Herkunft dabei bewusst – und schämt sich dafür. Die Kinder scheinen ihre Eltern zu hassen, während der Vater sie zu verstehen scheint und sich seines Glücks nicht würdig fühlt:

Er wußte es und gab ihnen gewissermaßen recht; er war nicht ohne Schuldbewußtsein ihnen gegenüber. Aber zuletzt mußte er seine Persönlichkeit behaupten, mußte sein Leben führen und auch davon sprechen dürfen, namentlich dies. Er hatte ein Recht darauf, hatte nachgewiesen, daß er der Betrachtung wert war. Er war ein Wurm gewesen, eine Laus, jawohl; aber eben die Fähigkeit, dies so inbrünstig und selbstverachtungsvoll zu empfinden, war zur Ursache jenes zähen und niemals genügsamen Strebens geworden, das ihn groß gemacht hatte.

Es wurde sich aber nicht nur auf die Beziehung der Familie zu ihrer Herkunft beschränken, sondern auch die körperlichen Merkmale der Familienmitglieder wurden auf problematische Weise beschrieben. Die Betonung von „Hakennase“, „Raubvogelaugen“ und „zusammengewachsene Brauen“ sowie von schwachen, weiblichen und kränklichen Körpern ist sehr auffällig. Die Mutter wird nicht nur als unangenehm und hässlich beschrieben, sondern durch ihre Art des Redens auch als fremd:

Ihre Rede war mit sonderbaren und Kehllauten reichen Worten durchsetzt, Ausdrücken aus dem Dialekt ihrer Kindheit.

Die Zwillinge, die Hauptfiguren der Novelle, die auf den ersten Blick narzisstisch und eitel wirken, leben offenbar eine Lüge. Sie sind mit ihrem Aussehen und der Art und Weise, wie andere sie sehen, überfordert. Dies liegt wohl an ihrem mangelnden Selbstvertrauen und dem Gefühl, nicht in ihre eigene Haut zu passen. Sie sind wie zwei Hälften eines Ganzen, die sich gegenseitig brauchen, um sich vollständig zu fühlen. Deshalb sind sie immer zusammen und halten sich immer an den Händen.

Sie sind voneinander abhängig, denn jeder von ihnen bestätigt die Existenz des anderen. Dies könnte am weit verbreiteten antisemitischen Glauben liegen, Juden würden sich nie wohlfühlen, da sie sich stets tarnen. Die jüdischen Zwillinge, die nur so tun, als wären sie „wahre” Deutsche, benötigen die ständige Bestätigung des anderen, um ihre Fassade aufrechtzuerhalten.

In der Novelle erreicht dies seinen Höhepunkt, als die beiden gemeinsam Die Walküre von Richard Wagner besuchen. Offensichtlich können die beiden die Oper nicht geniessen. Zwar versuchen sie immer wieder, ihr Wissen und ihre Wertschätzung für die deutsche Kultur zu zeigen, doch sie können sich nicht auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Stattdessen betrachten sie die Oper wie von aussen. Da sie nach den Zwillingsfiguren Siegmund und Sieglinde aus der Oper benannt sind, kann der Autor die Unterschiede zwischen ihnen und den Figuren, die den „wahren” Deutschen repräsentieren, herausarbeiten.

Im Gegensatz zu den Zwillingsfiguren in der Novelle, die von Anfang an gemeinsam auftreten und immer zusammenbleiben, haben Siegmund und Sieglinde aus der Walküre eigene Auftritte und sind eigenständige Figuren. Während die Zwillingsfiguren in der Novelle entfremdet, zynisch und künstlich wirken, sind die Wagner-Figuren offen, echt und natürlich. Dies mündet in einem Schlüsselmoment der Geschichte, in dem Siegmund während der Oper Erkenntnis über sich selbst erlangt:

Er sah sein eigenes Leben an, dies Leben, das sich aus Weichheit und Witz, aus Verwöhnung und Verneinung Luxus und Widerspruch, Üppigkeit und Verstandeshelle, reicher Sicherheit und tändelndem Haß zusammensetzte, dies Leben, in dem es kein Erlebnis, nur logisches Spiel, keine Empfindung, nur tötendes Bezeichnen gab,— und ein Brennen oder Zehren war in seiner Brust, irgendetwas wie eine süße Drangsal —wohin? wonach? Nach dem Werk? Dem Erlebnis? Der Leidenschaft?

Neue Zürcher Zeitung. 17.12.1961

Thomas Mann hat wiederholt behauptet, seine Novelle basiere in keiner Weise auf der Familie Pringsheim, und es liege in der Freiheit und dem Recht eines Dichters, Fiktion auf dem realen Leben aufzubauen. Um diese Behauptung zu untermauern, erschien am 17. Dezember 1961 ein Artikel von Klaus Pringsheim, dem Zwillingsbruder von Katia, in der NZZ. Darin enthüllte er, dass Thomas Mann ihm, seiner Schwester und seiner Mutter die Novelle vor der Veröffentlichung vorgelesen und um ihre Zustimmung gebeten hatte.


Der letzte Satz der Novelle in der französischen Übersetzung „Sang Réservé“. Paris, 1931.

Vorwürfen des Antisemitismus war es für ihn jedoch schwieriger zu entgegnen. Hinzu kommt eine eher nebensächliche Tatsache, die den letzten Satz des Originalmanuskripts betrifft. Dieser Satz ist ein Zitat von Siegmund nach dem Inzestakt, in dem er seiner Schwester voraussagt, was mit ihrem zukünftigen Ehemann geschehen werde. In allen veröffentlichten Ausgaben – abgesehen von einer französischen Übersetzung aus dem Jahr 1931, die den Originalsatz aus dem Manuskript enthält – erscheint der Satz wie folgt:

Dankbar soll er uns sein. Er wird ein minder triviales Dasein führen, von nun an.

Der Originalsatz aus dem Manuskript lautet jedoch ganz anders. Klaus Pringsheim zufolge wurde er mithilfe von Katias Vater Alfred Pringsheim konstruiert, ohne dass dieser den Zweck kannte. Aufgrund seiner sehr problematischen Natur sollte er schliesslich geändert werden. Wir finden diesen Satz in einem Exemplar der Novelle, das Mann seinem Freund Ernst Bertram schenkte. Darin löschte Mann den gedruckten Text und fügte handschriftlich die „Originalfassung“ hinzu.

Was wird mit ihm sein? Beganeft haben wir ihn, den Goi!

[„Beganeft“ ist das jiddische Wort für „stehlen“ und „Goi“ bezeichnet Nichtjuden, wie den zukünftigen Ehemann von Sieglinde.]

Zum Schluss noch ein letzter Satz aus dem oben erwähnten NZZ-Artikel von Klaus Pringsheim. Er wurde vor 64 Jahren geschrieben und ist auch heute, am 150. Geburtstag von Thomas Mann, noch aktuell:

Oded Fluss. Zürich, 5.6.2025.

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«Du sollst!»

Rabbiner Leo Baeck und Schawuot

Normalerweise wird das Schawuot-Fest mit Getreidefeldern in Verbindung gebracht. Doch zwischen 1914 und 1918 fanden sich Juden auch auf den Schlachtfeldern wieder. Ein kleines, seltenes Büchlein in unserer Bibliothek trägt den Titel Zum Schowuausfest – dem Tag der Offenbarung und ist als „Gruss an die jüdischen Soldaten im deutschen Heer“ adressiert.

Zum Schowuausfest – dem Tag der Offenbarung. Verband der Deutschen Juden. Berlin, 1915.

Das im Jahr 1915 vom „Verband der Deutschen Juden” in Berlin herausgegebene schmale Büchlein zeugt vom Engagement und Patriotismus der Juden in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Es handelte sich um eine von mehreren kleinen Publikationen, die jüdischen Soldaten an der Front zugeschickt wurden, damit diese ihren Glauben und ihre Traditionen auch in Kriegszeiten bewahren konnten.

Eine Anzeige für das Büchlein in „Das jüdischen Echo“. Berlin, 14.05.1915.

Neben Psalmen, Talmud- und anderen Bibelstellen zum Wochenfest enthält es einen Aufsatz eines gewissen Rabbiners Dr. L. Baeck, „Feldgeistlicher beim Armee Oberkommando I“. Wir kennen ihn als den berühmten Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), einen bedeutenden jüdischen Schriftsteller und Gelehrten. Er war der bekannteste Führer des liberalen Judentums und während vieler Jahre des Holocaust der unbestrittene Leiter und Repräsentant des deutschen Judentums.

Rabbiner Baeck gehörte damals zu den führenden Köpfen, die zu zeigen versuchten, dass ein gläubiger Jude und ein deutscher Patriot sich nicht ausschliessen, sondern ergänzen. In seinem Text Du sollst! versucht er, die Verleihung der Zehn Gebote am Berg Sinai, die an Schawuot gefeiert wird, mit den damals aktuellen historischen Ereignissen des Krieges und der Pflicht, für Recht, Frieden und das Vaterland zu kämpfen, in Verbindung zu bringen. Für ihn ist der Ausdruck „Du sollst” der Schlüssel zum Verständnis.

du sollst! du sollst! es klingt darin etwas, was zum Kampfe auffordert, zum Kampfe um des Gewissens willen, zum Kampfe für Wahrheit und Recht, hin zum Ziele des Friedens unter den Menschen.

Die deutsche Denkweise war geprägt von der Überzeugung, dass nur diejenigen, die ihre Pflichten erfüllen und für sie einstehen, auch wirklich wissen, wer sie sind.

„Tue deine Pflicht, dann weisst du, wer du bist,“ so hat Goethe es an den Anfang seiner „Sprüche der Weisheit“ gestellt[…]

Laut Baeck geht das jüdische Denken, das an Schawuot seinen Höhepunkt erreicht, noch einen Schritt weiter.

[…]Unser Fest der Offenbarung führt tiefer hinein, es spricht zu uns das stärkste Wort: bringe Opfer, dann weisst du, wer du bist und was an dir ist. So haben unsere Weisen das „du sollst“ der Bibel immer aufgefasst und uns gelehrt: ‘nur, wer Opfer bringt, weiss um sein ganzes Herz, seine ganze Seele, seine ganze Kraft’. Und so empfinden wir es jetzt alle, über jedes Besondere und jedes Scheidende hinweg, wir Kinder des Vaterlandes. Wir erfahren an uns und aneinander, wer wir sind.

Die Identität als Jude und als Deutscher scheint sich unter dem jüdischen religiösen Gebot und dem deutschen sittlichen (kantianischen) Imperativ „Du sollst!” zu vereinen. Wenn man diesem folgt, wird der einzelne deutsche Jude mit dem historischen Juden verbunden und versteht, wer seine Brüder sind und wer er selbst ist. Mit diesem Aufruf wollte Baeck die Juden einerseits dazu ermutigen, für ihr Vaterland zu kämpfen und sich sogar zu opfern. Andererseits wollte er den Deutschen versichern, dass Juden genauso patriotisch sind wie sie. Interessanterweise kommt „du sollst” nur in der deutschen Übersetzung der Zehn Gebote vor. Im Hebräischen wird dafür das Verb „sollen” nicht benötigt.

Benjamin Sagal – Leo Beack. «Und vor allem Köpfe, jüdische Köpfe» : Porträts jüdischer Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. BQ 1716

Trotz seines Dienstes in der deutschen Armee, seiner patriotischen Gesinnung und seines Aufrufs an die deutschen Juden, sich für „das Vaterland“ zu opfern, wurde Baeck 1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort erlebte er, wie diejenigen, die er zum Sich Opfern für das Vaterland ausgesandt hatte, selbst zu Opfern des Dritten Reiches wurden. Leo Baeck überlebte das Konzentrationslager nur knapp und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod der Förderung des jüdischen Denkens und des interreligiösen Dialogs.

Oded Fluss. Zürich, 26.5.2025.

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Hundeelend

"Wenn ein Hund sehr lange bellt, hört es sich an, als übergebe sich einer."
Kurt Tucholsky - Traktat über den Hund

Wir sind es gewohnt, vom Hund als Begleiter des Menschen, als seinem besten Freund zu sprechen. Es gibt aber auch Fälle, die in der Literatur recht häufig vorkommen, in denen der Hund unerwünscht oder gar lästig ist, im Extremfall sogar Ursache eines Nervenzusammenbruchs. In diesen Fällen stehen natürlich die negativen Eigenschaften des Hundes im Vordergrund, wie z.B. Bellen, Beissen, völlige Abhängigkeit oder geringes Selbstwertgefühl.

painting of Jezebel's dead body being consumed by dogs as Jehu gestures at her body in triumph
Andrea Celesti – Königin Isebel von Hunden gefressen.

Auch in der jüdischen Literatur sind solche hundeelende Geschichten nicht selten. Hier findet man eine Urangst vor Hunden und den Glauben, dass sie gewissermassen ein Symbol für den bevorstehenden Tod sind. Folgt man dem Talmud oder der Halacha, so wird der Hund fast ausschliesslich negativ erwähnt. Der Hund gilt als unheiliges, unreines Tier, wird oft als Schimpfwort verwendet, und von Hunden gefressen zu werden, wird in der Bibel als eine der schlimmsten Strafen erwähnt, die ein Sünder erleiden kann. Wir wissen zum Beispiel von Isebel, der Frau Ahabs, die wissentlich gegen Gott sündigte und von streunenden Hunden gefressen wurde.

Otto Weininger (1880-1903)

Der Hund als Unheiliges, als böses Omen, als Symbol des Todes lässt sich zwar bis zum biblischen Exodus zurückverfolgen (Siehe unseren Beitrag Koschere Hunde auch für Pessach), aber man muss gar nicht so weit zurückgehen. Der berüchtigte selbsthassende Jude Otto Weininger hatte dies sehr eindrucksvoll in Worte gefasst:

Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund ein Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir neuen, durchdringenden Weise bellen und hatte im gleichen Momente unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand sterbe […] Ähnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der letzten Strophe von Heines bedeutendestem und schönstem Gedichte „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ heisst es, wie die vom Leben erlösende Mutter Gottes dem kranken sich naht:
„Die Hunde bellten so laut.“

Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Hund (wie im Fall Weininger deutlich wird) meist nur Auslöser, Metapher und Symbol für etwas ist, worunter der Protagonist selbst leidet oder worüber er sich Sorgen macht.

Yosef Tunkel „Der Tunkeler“ (1881-1949)
"אַז אַ ייִד האָט אַ הונט, איז אָדער דער הונט נישט קיין הונט, אָדער דער ייִד נישט קיין ייִד.‏“
„Wenn ein Jude einen Hund hat, ist entweder der Hund kein Hund oder der Jude ist kein Jude.“
Alter jüdischer Spruch.

Wir beginnen mit dem grossen jiddischen Humoristen Yosef Tunkel (1881-1949), der vor allem unter dem Pseudonym דער טונקעלער „der Tunkeler“ bekannt ist. Seine Erzählung Ich hab mir einen Hund angeschafft erschien erstmals Ende 1934 in deutscher Übersetzung in der jüdischen Zeitschrift Die neue Welt. Die pseudobiografische Erzählung handelt von einem einsamen, gelangweilten Dichter, der sich auf Anraten seiner Freunde einen Hund anschafft. Er wünscht sich, dass der Hund, dem er den treffenden Namen „Plagiatschik“ gibt, ihm Gesellschaft leistet und ihn sogar zum Dichten inspiriert:

„Was ich mir wünsche“, erklärte ich weiter, „ist ein kluger Hund. Er soll niemand in Anspruch nehmen müssen. Im Gegenteil wäre es forteilhaft, wenn man gelegentlich von ihm einen Gedanken, ein Thema für ein Gedicht, irgend eine dichterische Anregung beziehen könnte.“

Viel komplizierter erweist sich jedoch die Realität. Da er niemanden hat, der sich in seiner Abwesenheit um den Hund kümmert, muss der Hund unseren Dichter überallhin begleiten. Abgesehen davon, dass der Hund ihn beim Schreiben stört, ist es besonders unangenehm, wenn er in Begleitung des Hundes bestimmte Redaktionen besucht. Hierin zeigen sich die beiden damals gängigen jüdischen Vorstellungen vom Hund:

In einer Redaktion sitzt ein Redakteur, ein eingefleischter Nationalist, der Hunde haßt. Hunde, sagt er, ist eine goische Angelegenheit. Ein Hund ist ein Antisemit, und er könne nicht leiden, daß ich mich mit einem Hund herumdrehe, und für mich, einen einsamen lyrischen Dichter, schicke es sich überhaupt nicht. Denn wie könne man einsame Lieder schreiben, wenn man einen Hund habe! Mit einem Hund sei man nicht einsam.
Ein zweiter Redakteur wiederum ist zu all dem Jammer ausgerechnet ein Assimilant, ein Fortschrittler, ein Freidenker und großer Kämpfer. Er kommt aus dem Kämpfen nicht heraus, vor nichts hat er Angst, er hat alles Jüdische völlig abgestreift, nur ein Tropfen ist ihm geblieben: die Angst vor Hunden. Er zittert geradezu vor jedem Hund. Selbstverständlich steht er meinem Hund nicht sympathisch gegenüber, und darunter leiden meine Gedichte. Aus Haß gegen den Hund wirft er meine Manuskripte in den Papierkorb.

Die Geschichte endet damit, dass der Dichter seinen Hund zu einem Bankett mitnimmt, wo dieser von den vielen angebotenen Speisen isst. Da er an die Gewürze nicht gewöhnt ist, wird er krank und unser Dichter muss die Arztrechnungen bezahlen und ihn jeden Tag im Tierspital besuchen. Am Ende der Geschichte steht der zynische Satz:

Ich habe mir einen Hund angeschafft. Geradezu ein Vergnügen.

Karl Kraus – Die Fackel, 28.4.1908.

Eine andere, eher zynische Geschichte findet sich bei dem österreichisch-jüdischen Journalisten und Essayisten Anton Kuh (1890-1941). In seiner skurrilen Liebes- und Hassgeschichte Der Hund als Stammgast taucht man in eine heute als toxisch zu bezeichnende Beziehung zwischen einem Mann und seinem Hund ein.

Anton Kuh (1890-1941).

Erst 1927 in Der Querschnitt veröffentlicht, ist die Geschichte von Anfang an ungewöhnlich. Der Erzähler, der auch die Hauptfigur ist, spricht von seinem Hund in einer Weise, die an jemanden erinnert, der von seiner Geliebten spricht.

Findlingsgeheimnis war um seinen kleinen Kopf; woher kam er, wohin zog es ihn? War ich für ihn Endziel oder Station? Die Ungewißheit lag wie schwarzer Schatten über unserer Beziehung. Zuerst von seiner Seite (wie bei ihr!); er heulte zum Erbarmen, wenn ich ihn einen Augenblick im Stich ließ, sein Winseln sagte: „Schon wieder… zurück ins Nichts!“, ich mußte ihn auf die kleinsten Gänge mitnehmen. Später, wenn er mir auch nur auf eine Stunde entwischte, war es umgekehrt; Vorwürfe bestürmten mein Herz: Warst du phantasievoll genug? Hast du seine Angst nicht zu leicht genommen? Botest du ihm, was er brauchte? …

Was als Haupteigenschaft des Hundes gilt, seine Treue, wird von unserem Protagonisten immer wieder in Frage gestellt, was ihn schliesslich in eine psychische Krise und in ein Sanatorium treibt. Als er zurückkehrt, stellt er fest, dass der Hund seine Rolle als „Literat“ übernommen hat und ohne ihn weiterhin alle Cafés besucht, in denen er früher Stammgast war.

Mein Hund war Literat geworden! Er hatte sich in meiner Abwesenheit selbständig gemacht und gegen Zuckerstücke, Eiskaffee und Knochenreste Proben jener geselligen Grazie geboten, von der sein Herr solange den Unterhalt zu bestreiten hatte.

Der Hund, so heisst es immer wieder, ist der Vorläufer einer späteren Frau im Leben unseres Erzählers. Am Ende verschwindet er im Nichts, so wie sie es schliesslich auch tun wird.

Mala Laaser (1911-1953). Um 1935 (Foto von Abraham Pisarek). Bildarchiv Pisarek / akg-images
„drumb magstu wol dein maul zu drücken
und liest den hundt wol billig schlafen.“
Hans Sachs

Über die nächste Autorin ist leider nicht viel bekannt. Mala Laaser wurde 1911 in Königsberg geboren und arbeitete Mitte bis Ende der 1930er Jahre als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Mit Gedichten und kleinen Prosastücken, sprachlich sorgfältig und inhaltlich spannend, war sie Mitarbeiterin zahlreicher jüdischer Zeitungen, vor allem der Monatsschrift Der Morgen. 1937 lernte sie den Schriftsteller und Rechtsanwalt Jacob Picard (1883-1967) kennen. Die beiden verlobten sich, trennten sich aber wieder, vermutlich wegen ihrer Emigrationsbestrebungen.

Der Morgen – Monatsschrift der Juden in Deutschland. August 1936. Z 21.

Ihre seltsame Novelle Der Hund Ossip – Eine Flucht durch Prag erschien August 1936 in Der Morgen. Sie handelt von einer Frau, die auf der Suche nach Ruhe und Frieden allein nach Prag reist. Dort erwartet sie jedoch weder Ruhe noch Frieden, denn ein ihr zunächst unbekannter Hund folgt ihr auf Schritt und Tritt. Erschwerend kommt hinzu, dass niemand ausser ihr den Hund sieht, was Zweifel an ihrer geistigen Gesundheit aufkommen lässt.

„Habben Sie Winsche?“ fragt der Boy, ehe er geht.
„Danke! Nur — der Hund —“, sage ich hoffnungslos. „Er gehört nicht zu mir — vielleicht nehmen Sie ihn mit hinunter und geben ihm etwas zu fressen, damit er davonläuft!“
„Biittä — waas?“ fragt der Boy. Mir läuft es kalt über den Rücken.
„Gut, gut — danke!“ sage ich mühsam. Der Boy dienert und geht. Ich bin mit einem fremden Hund in einem fremden Hotelzimmer.

Der Hund, der sich später als Ossip, der verstorbene Hund der Protagonistin aus ihrer Kindheit herausstellt, bringt weitere seltsame Gestalten aus dem Jenseits mit sich, darunter vor allem den schrecklichen Golem. Auf der Flucht vor ihm begegnet sie einem alt aussehenden jüdischen Rabbi, der sich als Rabbi Loeb vorstellt, dem der Legende nach die Erschaffung des Golem zugeschrieben wird.

Plötzlich tritt mir ein alter Jude in den Weg, faßt mich bei der Schulter und sieht mich an. Er ist fremdartig gekleidet, sein Kaftan ist grau und verblichen, als sei er tausende von Jahren alt.
„Was läufst du?“ fragt er mich. Die Stimme kommt von weit. Kluge Augen, gute Augen — ich fasse Mut.
„Der Golem!“ flüsterte ich ihm ins Ohr. Von Ossip, den ich nicht fürchte, wage ich nicht zu sprechen.
Der Jude lacht. „Golem!“ sagt er singend. „Ein Klumpen Lehm, ein wenig Atem von meinem Atem,— Lebender, was fürchtest du? Sei freundlich mit Geistern und Gestorbenen, und man wird auch mit dir freundlich sein!“

Wir werden nun sehen, dass die Geschichte die alte traditionelle Legende vom Golem benutzt, um (wenn auch nur andeutungsweise) etwas über die Situation der Juden in den 1930er Jahren zu sagen, als diese Geschichte geschrieben wurde. Der Hund ist hier ein Symbol für eine bevorstehende Katastrophe, für den Tod.

Rabbi Loeb hat seinen Arm um mich gelegt, er führt mich durch die Gassen bis zu seinem Grabe und zu seinem Tempel — „was lauschst du, was sprichst du? Es tut dem Lebenden nicht not, uns Abgestorbene zu fürchten. Tod und Leben gehen Hand in Hand durch diese Stadt! Gewöhne dich! Wir sind in Prag!…“
Wir sind im Ghetto. Die Häuser liegen tief und nah dem Grund der Moldau. Mit Bogen überbaute Gassen halten das Gemäuer voneinander. Die Tore führen in die Dunkelheit. Es stinkt. Das Tages­licht versiegt vor all dem Schwarz und Grau.
Wo war eure Luft, Brüder? Wo spielten eure Kinder? Welcher Frühling brachte euren Siechen Heilung? Wo war eure Freude, —ach, und in welchem Käfig blühte eure Zuversicht?
„Wir hatten Pest, wir hatten Armut, wir hatten Verachtung!“ sagt Rabbi Loeb. „Was wißt ihr, was wißt ihr!“ (Wir wissen, sagt mein Herz! Aber ich schweige. —)

Visumantrag von Mala Laaser, 28.2.1936.

Umgeben von Schrecken und Tod, die keine zeitlichen Grenzen kennen, wählt unsere Protagonistin den einzigen Ausweg: die Flucht. Sie packt ihre Sachen, lässt ihren Hund zurück und steigt in den Zug. Ihre letzten Gedanken an den Hund sind zugleich eine Prophezeiung dessen, was kommen wird. Es wird auch das Schicksal der Autorin Mala Laaser sein, die rechtzeitig aus Deutschland nach England fliehen konnte.

Ich bin nur ein Lebender, du weißt es! Mein Gesetz ist die Luft, das Blau des jungen Himmels, das Meer in seiner ewigen Wanderung und der scharfe, schneebeladene Kamm der Berge. Ich reise, Ossip, meine Fahrt geht in die Zukunft. Friede für euch alle, ihr Geister der Vergangenheit! —
Aus dem Zuge rufe ich meinem toten Hunde die letzten Grüße zu. Kläffend, jammernd, winselnd läuft das Tier ein Stück neben den Schienen mit. Bei den ersten Feldern bleibt Ossip zurück. Eine Weile sieht es aus, als suche er zu folgen — endlich aber sehe ich ihn umwenden und in langen Sprüngen querfeldein seinen Weg nordöstlich in die große Dunkelheit beginnen. —

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

Ganz vorn: „Ardon“

Der Pudelmopsdackelpinscher

Verwandlung in einen Hund

Koschere Hunde (auch für Pessach)

Oded Fluss. Zürich. 14.5.2025

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Die Basler Haggada

In einer Zeit des allgemeinen Niedergangs der hebräischen Buchdruckerkunst bildet eine 1816 in Basel gedruckte Pessach-Haggada eine Ausnahme. Diese Haggada, die sich in unserer Bibliothek befindet, ist eines der schönsten Beispiele des Buchdrucks zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Seder Haggada shel Pessach. Hrsg. Salomon Coschelsberg. Wilhelm Haas Druckerei. Basel, 1816. H 924.

Die von dem berühmten Drucker Wilhelm Haas veröffentlichte Haggada ist in hebräischer Sprache gedruckt und mit einer deutschen Übersetzung in hebräischen Buchstaben (Aschkenas) versehen (Nicht zu verwechseln mit Jiddisch). Auf der ersten Seite der Haggada finden wir eine kleine Erklärung, die nur in Aschkenas gedruckt ist:

Diese Seder-Haggada ist zwar nur einfach ohne Perush [Kommentar], allein die darauf verwendete Sorgfalt, Korrektheit, und durchaus mit grossen Buchstaben gedruckt, auch mit einer Menge passender Bildern geziert [verziert], verschaffen dieser Ausgabe gewiss den Vorzug:

Die sogenannten „passenden Bilder“, d.h. die Holzschnitte, sind jedoch nicht immer passend, denn sie stammen aus der 1710 ebenfalls in Basel erschienenen christlichen Deutschen Bibel von Johann Brandmüller. Da entweder der Wille oder die finanziellen Mittel fehlten, einen Künstler mit der Anfertigung von Originalbildern für die Haggada zu beauftragen, schienen die Holzschnitte aus dem 100 Jahre zuvor veröffentlichen Buch eine gute Lösung zu sein.

Biblia, Das ist Die Gantze Heilige Schrifft Altes und Neues Testaments. Johann Brandmüller. Basel 1710. ZB AWA 2056.

Und obwohl viele dieser Bilder dem Ereignis entsprechen, das sie beschreiben sollen, gibt es doch einige bemerkenswerte Kuriositäten, die entweder auf Versehen, auf das Fehlen eines geeigneten Bildes oder auf Absicht zurückzuführen sind.

„Die Kinder Israel ziehen trocken durch das Rote Meer“

So zeigt das Bild, das angeblich den Durchzug des israelitischen Volkes durch das Rote Meer darstellt, ursprünglich die Überquerung des Jordans unter der Führung Josuas.

Dieser vermeintliche Fehler ist wahrscheinlich auf den fehlenden Zugang zu allen Holzschnitten in der Originalausgabe der Bibel zurückzuführen, da es ein Bild gibt, das genau diese Szene beschreibt, aber aus irgendeinem Grund nicht verwendet wurde.

Eine umstrittenere Verwendung eines Bildes findet sich in dem Teil der Haggada, in dem der Begriff „Pessach“ erklärt wird. Es wird mit “ Überschreitungsopfer “ übersetzt und von einem scheinbar harmlosen Bild begleitet, das Menschen am Seder-Tisch zeigt.

„Die Feier dem Überschreitungsopfers“

Betrachtet man jedoch das Originalbild, stellt man fest, dass es sich, wenn auch leicht verändert, um das Bild von Jesus beim Letzten Abendmahl aus dem Matthäusevangelium im Neuen Testament handelt. Die Aureole, die Jesus über dem Kopf hat, wie es auf solchen Bildern üblich ist, wurde auf dem Bild in der Haggada geschickt entfernt, so dass Jesus wie ein ganz normaler Mensch aussieht.

Das letzte zu besprechende Bild ist auch das letzte in der Haggada. Es steht direkt unter dem Segen לשנה הבאה בירושלים„Nächstes Jahr in Jerusalem“ und vor dem Segen über den Wein (Schöpfer der Frucht des Weinstocks). Das Bild zeigt zwei Männer, die eine sehr grosse Traube tragen.

Nächstes Jahr in Jerusalem
Gesegnet seist du, unser Gott, Herr der Welt, Schöpfer der Frucht des Weinstocks.

Das Original findet sich auch in der Brandmüller-Bibel im Buch Numeri (4. Buch Mose). Dort wird die Geschichte der zwölf Kundschafter (Spione) erzählt, die Moses nach Kanaan schickt, um die dortigen Verhältnisse zu erkunden. Die Kundschafter kehren mit einer sehr grossen Traube zurück und beschreiben das Land als sehr fruchtbar, aber sie sündigen auch, indem sie sagen, es sei gefährlich und unmöglich zu erobern.

Man könnte sich fragen, ob das Bild in die Haggada passt, aber sowohl die Tatsache, dass es sich um Trauben vor dem Weinsegen handelt, als auch die Tatsache, dass das Volk Israel nach der Sünde der Spione für 40 Jahre aus dem Heiligen Land verbannt wurde, machen es im Zusammenhang mit „nächstes Jahr in Jerusalem“ plausibel.

Im Druck von Wilhelm Haas, von Salomon Coschelsberg. Basel, 1816.

Das Titelblatt der Haggada trägt den Namen des Rabbiners Salomon Coschelsberg. Er wurde 1770 in Winzenheim geboren, war Korrektor und Herausgeber, die Seele der hebräischen Abteilung der Druckerei Haas und von 1802 bis etwa 1830 initiativer und sachkundiger Herausgeber zahlreicher Werke. Coschel(sberg), eine wichtige jüdische Persönlichkeit in der Schweizer Geschichte, über die jedoch nur wenig bekannt ist, war einer der ersten Juden, die sich in Basel niederlassen durften und eines der ersten Vorstandsmitglieder der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB).

Oded Fluss. Zürich, 9.4.2025.

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Koschere Hunde (auch für Pessach)

Unsere kommende Ausstellung Koschere Hunde, die sich mit der interessanten Verbindung zwischen Hunden und dem Judentum beschäftigt, bietet uns die Gelegenheit, dieses ohnehin ungewöhnliche Thema zu untersuchen und zu sehen, ob wir unsere Hunde nicht nur koscher, sondern auch „koscher für Pessach“ machen können. Nun könnte man fragen: Was haben Hunde mit Pessach zu tun? Die Antwort ist: nicht viel, aber es gibt einige Stellen, an denen die Vierbeiner in unserem Seder und in der Geschichte vom Auszug aus Ägypten vorkommen.

Menachem Birnbaum – Chad Gadjo

Ein Hund, den wir alle sehr gut kennen, ist der Hund aus dem Lied Chad Gadja in der Pessach-Haggada. Dieses traditionelle aramäische Kettenlied, in dem jede auftretende Figur die vorhergehende übertrifft, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Teile des Pessach-Seders. Der Hund (Kalba) steht an vierter Stelle zwischen der Katze (Shunra), die er beisst, und dem Stock (Chutra), der ihn schlägt. Da die Pessach-Haggada eine der wenigen jüdischen Schriften ist, in denen Bilder üblich sind, finden wir in vielen von ihnen wunderbare Beispiele für die Darstellung von Hunden.

El Lisitski – ve-ata Kalba (Chad Gadja).

Ein weiteres interessantes Auftreten von Hunden findet sich in der Geschichte der zehnten Plage, die Gott über das Volk Ägypten brachte: der Tod aller Erstgeborenen. Diese letzte und verheerendste Plage wird von Gott durch Moses auf sehr interessante Weise beschrieben:

In der Hälfte der Nacht ziehe ich aus mittdurch Ägypten, dann stirbt alljeder Erstling im Land Ägypten, vom Erstling Pharaos, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstling der Magd hinter der Handmühle, und alljeder Erstling eines Tiers. Dann wird ein grosser Schrei in allem Land Ägypten sein, desgleichen nie noch war, desgleichen nie wieder sein wird. Aber gegen alle Söhne Israels soll kein Hund seine Zunge regen, weder gegen Mensch noch Tier.
Exodus 11: 4-7

Was es genau bedeutet, dass kein Hund seine Zunge regte, würden wir nur verstehen, wenn wir den Talmud zu Rate zögen. Im Talmud Mesechet Brachot werden Hunde als Tiere beschrieben, die um Mitternacht bellen. Da sie zur Zeit der zehnten Plage (ebenfalls um Mitternacht) nicht gebellt haben, wird dies als Wunder beschrieben. Es gibt aber auch eine andere Deutung:

Wenn der Todesengel in die Stadt kommt, weinen die Hunde; wenn der Prophet Elijahu in die Stadt kommt, spielen die Hunde. (Masechet Baba Kama).

Abgesehen von der Anspielung auf den Propheten Elijahu, die sich ebenfalls auf das Pessachfest bezieht, kann diese Stelle zusammen mit der vorhergehenden so gedeutet werden, dass die Hunde der Israeliten nicht gebellt und damit ihre Erstgeborenen dem Todesengel nicht verraten und sie somit gerettet haben.

Perek Schira; kopiert und gestaltet von Meshullam Zimmel aus Polna. Wien, 1719. Braginsky Collection 257

Diese besondere Gunst, die die Hunde dem Volk Israel erwiesen haben, bleibt nicht ohne Belohnung. Wir finden sie in dem wunderbaren Buch Perek Schira. Dieses Buch, dessen Ursprung unbekannt ist, beschreibt den Lobpreis Gottes durch alle Geschöpfe: die natürlichen und übernatürlichen Ordnungen, die unbelebte Natur, die Himmel und ihre Heerscharen, die Welten der Pflanzen und Tiere.

Die Hunde singen: Kommt, lasst uns demütig niederknien vor Gott, unserem Schöpfer.

In diesem Buch darf auch der Hund ein Loblied auf Gott singen, und der Talmudgelehrte Rabbi Jishajau fragt: Warum? Hunde sind bekanntlich niedere Wesen, und es scheint nicht in ihrer Demut zu liegen, Gott zu loben. Die Antwort, die wir sofort von einem „Himmelengel“ erhalten, ist die, von der wir schon gesprochen haben, nämlich das Verhalten des Hundes während der zehnten Plage.

Und hatten nicht die Hunde in Ägypten, als unsere Vorfahren dort Dienst taten, ein gewisses Mitleid mit den Israeliten, gegen die kein Hund seine Zunge regte?

Ein weiterer, etwas zeitnaher Dienst, den uns der Hund zu Pessach erweist, ist die Hilfe beim Pessachverbot des Chametz [Gesäuerten]. Da das Gesäuerte vor Pessach verbrannt werden muss, stellt sich die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist. Muss wirklich alles, was Gesäuertes enthalten könnte, verbrannt werden, auch das Ungeniessbare? Die Antwort auf diese Frage finden wir im Masechet Pesachim des Babylonischen Talmuds:

Die Rabbanan lehrten: Wenn Brot schimmlig geworden, und für Menschen ungeniessbar, jedoch für Hunde geniessbar ist, so ist es in Eigrösse als Speise verunreinigungfähig, auch darf es am Pessachfest zusammen mit Unreinem verbrannt werden.

Gesäuertes gilt nur dann als Chametz, wenn es vom Hund gefressen wird. Der Hund gilt hier als halachischer Parameter. Dies ist auch ein Zeichen dafür, dass der Hund schon in früheren Zeiten die Juden begleitete und ihnen nicht nur bei der Bewachung, sondern auch in halachischen Fragen half.

Oded Fluss. Zürich. 2.4.2025.

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Ein Buch für Töchter und Mütter

Eines der seltensten Bücher, die während der Zeit des Nationalsozialismus erschienen sind, befindet sich in unserer Bibliothek. Selten nicht nur, weil es ein Thema behandelt, das in dieser Zeit meist totgeschwiegen wurde, sondern auch, weil es nach dem Druck nie in den Buchhandel kam und nur noch eine Hand voll Exemplare bekannt sind. Es wurde im Herbst 1938 kurz vor der vollständigen Einstellung des jüdischen Kulturlebens gedruckt und gilt als das letzte jüdische Kinderbuch, das in der Zeit des Nationalsozialismus gedruckt wurde.

Eine Anzeige in der jüdischen Zeitung „Central Verein“ in Berlin. 19.5.1938.

Es war ein jüdisches Kinderbuch, aber auch eine Autobiographie, ein Zeugnis aus einer Zeit, in der alle Zeugen entweder zu ängstlich waren, um auszusagen, oder zum Schweigen gebracht wurden. Es wurde von einer Mutter für ihre Tochter geschrieben, aber wie es in der Zeitungen angekündigt wurde, war es „ein Buch für Töchter und Mütter“. Eine Geschichte, die von vielen Familien, vielen Müttern und Töchtern geteilt wurde, und obwohl sie einzigartig war, zeichnete sie ein Bild, mit dem sich viele in dieser Zeit identifizieren konnten.

Meta Samson 1894 -1942

Die Autorin Meta Samson war Pädagogin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Sie wurde in Berlin geboren und lebte dort mit ihren drei Kindern (über den Vater ist nichts bekannt). Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, musste sie ihren Beruf als Pädagogin aufgeben und begann für jüdische Zeitungen zu schreiben, vor allem über aktuelle Themen des Alltags, die jüdische Frauen und Mädchen betrafen. Und so wird sie über den Umzug von einem grossen Haus in eine kleine Wohnung schreiben, über die „Zweckmässigkeit im Kinderzimmer“, über die Erziehung des Kindes zu mehr Reife, über die Bereitschaft und das Packen für eine sehr lange Reise.

Meta Samson: Das möblierte Zimmer. Der Morgen. Mai. 1934.

Spatz macht sich, das einzige Buch, das Samson je geschrieben hat, behandelt all diese Themen, allerdings nicht aus pädagogischer Sicht wie in ihren Zeitungsartikeln, sondern aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Das Buch basiert auf ihrer leiblichen Tochter Marlene Samson und folgt realistischen Ereignissen aus ihrem Leben. So verliessen die älteren Geschwister von Eva (so heisst das Mädchen im Buch) ihr Zuhause in Berlin und emigrierten nach Palästina und in die USA, und Eva musste mit ihrer Mutter in eine kleine Wohnung ziehen. Auch Marlenes ältere Bruder und Schwester emigrierten nach Palästina und in die USA, und auch sie musste mit ihrer Mutter Meta Samson in eine kleine Wohnung ziehen.

Meta Samson – Spatz macht sich. Illustrationen von L. Szkolny. Philo G.m.b.H. Jüdischer Buchverlag und Buchvertrieb. Berlin, 1938. D 1664 (k).

Das Buch könnte als Entwicklungsroman bezeichnet werden, aber nicht im üblichen Sinne. Eva, die den Spitznamen „Spatz“ trägt, weil, wie ihr Bruder sagt, „sie ist klein, sie ist frech, und sie drängt sich überall vor, also ist sie unser Spatz“, ist kein normales Mädchen unter normalen Umständen. Sie ist ein sehr trotziges, manchmal unhöfliches und freches, aber auch sehr selbstbewusstes Mädchen, das in einer Zeit lebt, in der diese Eigenschaften nicht gerade von Vorteil sind. Sie hat auch mit Problemen zu kämpfen, die für die Zeit, in der der Roman geschrieben wurde, einzigartig sind.

Marlene Samson 1928-1942

Wie in anderen Jugendromanen werden die üblichen Themen der Pubertät und der ersten Liebe behandelt, hier jedoch begleitet von der anhaltenden Angst vor dem Unbekannten, dem Gefühl des Fremdseins, der Einsamkeit und der erzwungenen Reife der Hauptfigur. Aufgrund der deutschen Zensur konnte Samson damals nicht explizit über die Nazi-Terrorherrschaft schreiben, aber heute kann man den Subtext erkennen und das Unausgesprochene entschlüsseln. So ist zum Beispiel selbst eine Kleinigkeit, wie eine Freundin zum Spielen einzuladen, aufgrund der äusseren Umstände unmöglich geworden:

Wenn sich doch Spatz ihre Freundinnen hätte einladen dürfen wie die anderen Kinder! Sie allein aber brachte Unruhe genug in das Haus, so daß Mutti schon froh sein mußte, wenn in ihrer Abwesenheit alles gut mit Spatz abgelaufen war. Wie sehr sehnte sich Spatz nach einer Freundin. Und wie gern wollte sie mit ihr nach Herzenslust wieder einmal durch die Zimmer toben, wie sie es nur zu oft in ihrer Wohnung getan hatte. Aber niemand anderes kam in ihre Nähe als Miriam, und auch das war nur möglich, wenn sich jemand dazu fand, Miriam zu bringen oder abzuholen.“

Auch die Rolle der Mutter in einer solchen Zeit wird sehr wahrheitsgetreu beschrieben. Die ständige Angst bei jeder noch so kleinen Verspätung der Tochter, die sofortige Annahme des Schlimmsten, was hätte passieren können, ist so geschrieben, wie es nur jemand schreiben kann, der es wirklich erlebt hat.

Um sieben musste sie spätestens zu Haus sein, alle Zwischenfälle — dass Spatz vor irgendeinem Laden stehen geblieben war oder einen »Fund« gemacht hatte — eingerechnet. Wäre Spatz bei Bekannten gewesen, die sie unterwegs getroffen hätte, so würden sie selbst verständlich schon angerufen haben. Also war Spatz etwas zugestossen. Also hatte Spatz vielleicht ein Kätzchen entdeckt, als sie über den Fahrdamm ging und nicht aufgepasst. Oder Spatz hatte sich mit irgendeinem der frechen Jungens geboxt, mit denen sie es immer gleich aufnahm, um nicht feige zu erscheinen[…] Wahrscheinlich war bei der Boxerei irgendein Unglück geschehen! Oft genug kam Spatz mit einem blauen Auge oder mit aufgeschlagenen Knien nach Haus.

Das Buch kam nie in die Buchläden, wurde aber von vielen jüdischen Zeitungen rezensiert. Die meisten waren positiv, aber einige konnten mit dem frechen und „nervösen“ kleinen Mädchen nichts anfangen, zumal in einer solchen Zeit. Meta Samson schwieg zu solchen Kritiken nicht und schrieb ihre eigene Meinung in einer Kolumne im Sommer 1938 im Jüdischen Gemeindeblatt für Berlin. In ihrem Text wird deutlich, wie wichtig es ihr war, nicht nur ein fiktives Buch zu schreiben, sondern eine Realität zu beschreiben, die viele kleine jüdische Mädchen in dieser Zeit erlebten und von der viele Mütter lernen könnten.

Jüdisches Gemeinblatt für Berlin. 19.6.1938.

Obwohl die Atmosphäre sehr düster ist, wirkt die Geschichte von Spatz hoffnungsvoll und ermutigend. Das Ende der Geschichte bleibt zwar offen, verspricht aber Überstehen und Überleben. Spatz erhält von Michael, ihrer ersten Liebe, ein Abschiedsgeschenk, einen handgefertigten Leuchter. In einem beigelegten Brief verspricht er ihr: „Sowie ich groß bin, komm ich und hole dich.“ Die passende Illustration zu dieser Szene ist nur eine von vielen der talentierten Künstlerin Lilli Szkolny (1906-1942), deren wunderschöne, naive Illustrationen das Buch füllen.

Letzte Szene im Buch, wie von Lilli Szkolny illustriert


Dieser hoffnungsvolle Schluss des Buches war leider kein Zeichen für das, was in Wirklichkeit geschehen sollte. Tragischerweise fielen Meta Samson, ihre Tochter Marlene und die Künstlerin Lilli Szkolny, also alle „realen“ Personen, die dieses Buch möglich gemacht haben, dem Holocaust zum Opfer. Sie alle starben innerhalb von drei Monaten zwischen August und November 1942: Lilli Szkolny im August 1942 in Riga, Meta Samson und ihre Tochter Marlene im November 1942 gemeinsam in Auschwitz.

Central Verein Zeitung. Berlin, 5.5.1938.

Spatz macht sich wurde für Kinder bis 14 Jahre ausgeschrieben und beworben. Marlene Samson, der echte Spatz, konnte sich leider nie machen, da sie drei Tage vor ihrem 14. Geburtstag ermordet wurde.

Oded Fluss. Zürich, 26.3.2025.

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Königin Esther, der Stürmer und die Schweiz

Aufgrund seines besonderen Charakters und seiner ungewöhnlichen Bräuche wurde das Purimfest von vielen Antisemiten für ihre Propaganda missbraucht. Das alte Sprichwort „des Juden Leid ist der Gojim Freud“ funktionierte für die Antisemiten auch umgekehrt, und Purim, für die Juden ein Fest der Freude und des Feierns, war für sie ein grosses Leid. Die Purim-Geschichte des Widerstands und des vermeintlichen Sieges der Juden über ihre Feinde steigerte nur den Hass und die Verbitterung der Antisemiten, und obwohl der grösste Teil des Hasses Mordechai galt, blieb auch Esther nicht verschont.

Der Stürmer . 11.6.1942.

Im Juni 1942 erschien in Der Stürmer, dem zentralen Propagandablatt der Nazis, ein kleiner Artikel mit dem Titel «Die jüdische Frau der Zukunft». Dies war eine direkte Anspielung auf einen fast gleichnamigen Artikel, der drei Monate zuvor zum Purimfest in Zürich im Israelitischen Wochenblatt erschienen war. Beide Artikel haben Königin Esther zum Thema, doch während die Autorin des Israelitischen Wochenblatts, Edith Lachmann (1890-1955), Esther als Heldin und Vorbildfigur für junge Mädchen und das Purimfest als Hinweis auf die Bedeutung der Frau in der jüdischen Religion darstellt, verfolgt Der Stürmer naturgemäss einen etwas anderen Ansatz:

Unter der Ueberschrift ‹Esther, die jüdische Frau der Zukunft› feiert das in der Schweiz erscheinende ‹Israelitische Wochenblatt› eine Jüdin als Heldin, mit der die Juden vor Jahrtausenden im alten Persien einen der grössten Massenmorde einleitete [sic] den die Geschichte kennt.

Der Artikel geht noch weiter und zeichnet ein sehr verzerrtes Bild der Purimgeschichte, in dem Esther und Mordechai als die Bösen schlechthin dargestellt werden. Sie verschwören sich gegen König Ahasver und Haman, um den Hof des Königs zu infiltrieren und Macht über das persische Volk zu erlangen. Sie führen die Ermordung Hamans und seiner ganzen Familie mit weiteren 75.000 Menschen an. Das Komplott zur Ermordung des Königs und der Plan Hamans, alle Juden im Königreich zu töten, werden in der Darstellung des Stürmers geschickt ausgelassen.

Antisemitisches Plakat, das das deutsche Volk auffordert, das Buch Esther zu lesen, um die jüdische Verschwörung besser zu verstehen. Hamburg, 1930.

Der Zweck des Artikels ist offensichtlich: Er soll die antisemitische Verschwörungstheorie verbreiten, nach der die Juden unmoralische Wesen sind, die nach der Weltherrschaft streben. Zu diesem Zweck wird ein religiöser jüdischer Text manipuliert und die darin enthaltene Unmoral den Juden zugeschrieben. Durch das Feiern des Purimfestes werden den Juden die gleichen dubiosen Ziele unterstellt, die in dem Artikel beschrieben werden:

Die Erinnerung an diese Massenabschlachtung im alten Persien feiern die Juden heute noch alljährlich in ihrem Purimfest […] So also feiert das Volk, das im Christentum heute noch als Gottesvolk und als Heilbringer verehrt wird, eine Erzhure und Mordanstifterin. Und da gibt es heute noch Millionen von Nichtjuden, die sich dazu hergeben, die zu beschimpfen, die immer wieder den Nachweis dafür erbringen, dass das jüdische Volk heute noch das ist, als was es im Neuen Testament bezeichnet wird: Ein Volk von Verbrechern seit Anbeginn, ein Teufelsvolk!

Israelitische Wochenblatt. 6.3.1942. Z 251.

Es versteht sich von selbst, dass der Artikel im Israelitischen Wochenblatt, auf dem der Stürmer-Artikel basiert, einen ganz anderen Tenor und Stil hat. Er greift auf die beliebte jüdische Figur der Esther zurück, um zu zeigen, wie es einer mutigen jüdischen Frau gelang, ihr Volk in aller Stille vor dem Massenmord zu retten. In einer Zeit grossen Leids, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, in der ein neuer Haman die Zukunft des jüdischen Volkes bedroht, soll der Text jungen jüdischen Frauen in der Schweiz Inspiration und Trost sein.

Esther hat nicht nur gegen Haman gekämpft, sie kämpft auch mit ihren blitzenden, hoffnungsfrohen Augen, ihrer schweigenden Mahnung, mit jeder jüdischen Frau und jedem jungen Mädchen aller Zeiten — um die jüdische Frauenseele aller Zeiten.

Dass Der Stürmer einen jüdischen Zeitungsartikel aus der Schweiz verwendet und missbraucht, mag rätselhaft erscheinen, lässt sich aber dadurch erklären, dass zu dieser Zeit in Deutschland keine jüdischen Zeitungen gedruckt werden durften. Die Nazis waren dafür bekannt, ihren Einfluss auf die Nachbarländer auszudehnen, und sie versuchten, ihre rassistischen Theorien auch in der Schweiz zu verbreiten, um die Schweizerinnen und Schweizer dahingehend zu manipulieren, die Juden würden eine Bedrohung für sie darstellen. Es war auch eine Art, die Juden in der Schweiz zu warnen, dass auch sie im Visier der Nazis waren. Noch bemerkenswerter ist jedoch, wie die Fälschung des Buches Esther, eines jüdischen Textes, in dem die Juden angeblich „einen der größten Massenmorde“ der Geschichte begingen, zur Rechtfertigung und Ermutigung eines der zweifellos grössten Massenmorde der Geschichte, des Holocaust, wurde.

Oded Fluss. Zürich. 10.3.2025

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Ein Andersen-Märchen zu Tu biSchwat?

Aufgrund seiner starken Abhängigkeit von einem bestimmten Klima war Tu biSchewat in der Diaspora lange Zeit ein eher unbedeutender Feiertag. Dieses Fest, auch Neujahr der Bäume genannt, markiert das Ende der alten und den Beginn der neuen Regenzeit und kündigt den Frühling an. Das mag in Israel der Fall sein, wo der jüdische Kalender dem entspricht und es Begriffe wie Joreh (der erste Regen der Jahreszeit) und Malkosh (der letzte Regen der Jahreszeit) gibt, nicht aber in der Schweiz und anderen Ländern, wo der Regen nicht an Jahreszeiten gebunden ist, sondern fast das ganze Jahr über fällt. Zudem sind die Monate Januar und Februar, in denen Tu biSchwat normalerweise stattfindet, in der Diaspora noch tiefster Winter, und der Frühling, den Tu biSchwat begrüssen soll, ist noch nicht in Sicht.

Tu biSchwat – Zeichnung von Igna Beth

Fast in Vergessenheit geraten, wurde das Fest mit dem Aufkommen des Zionismus wiederentdeckt, allerdings in einer anderen Form, die der Lebenserfahrung der Jüdinnen und Juden in der Diaspora besser entsprach. Die Bräuche des Festes, wie das Essen von in Palästina üblichen Früchten und das Pflanzen von Bäumen im Heiligen Land wurden durch den Verzehr von getrockneten Früchten – die leichter aus Palästina zu transportieren waren als frische – und durch Spenden in Form des Kaufs eines Baumes in Erez Israel ersetzt.

Eine Zeitungsanzeige des KKL mit der Bitte um Baumspenden für Erez Israel. Stuttgart, 16.1.1938.

Auch in der Literatur stellte der Feiertag eine Schwierigkeit dar, die die meisten jüdischen Autor/innen in der Diaspora dazu veranlasste, ihre Geschichten in Palästina spielen zu lassen, um mit der Feiertagsstimmung übereinzustimmen.
Ein interessantes Gegenbeispiel findet sich in unserer Bibliothek in der ersten hebräischen Übersetzung des Märchens Der Traum der alten Eiche von Hans Christian Andersen.

Andersen in 1869
Hans Christian Andersen (1805-1875).

Dieses schöne Märchen, das zu Unrecht wenig bekannt ist, wurde bereits 1896 von dem begabten Dichter und Übersetzer David Frischmann (1859-1922) ins Hebräische übertragen und in einer Sammlung von Andersens Werken in Warschau veröffentlicht. Es ist die Geschichte einer uralten Eiche, die Mitleid mit all den vergänglichen Wesen um sie herum hat. Inmitten eines schrecklichen Wintersturms träumt sie von der Vergänglichkeit und der Ewigkeit aller Dinge und lernt, mit ihrem eigenen bevorstehenden Ende umzugehen.

H. Andersen – Hagadoth ve-Sipurim. Übersetzt von David Frischmann. Warschau, 1896. H 4.

Das so schön übersetzte Märchen hat allerdings eine Kuriosität: Der Untertitel, der im dänischen Original und in allen anderen Übersetzungen „Ein Weihnachtsmärchen“ lautet, erscheint hier als לחמישה עשר בשבט [„Zu Tu biSchwat“]!

Zwar wurde in vielen frühen hebräischen Übersetzungen versucht, die Namen der Figuren zu hebräisieren (bekannt sind die frühen Shakespeare-Übersetzungen, in denen aus Othello Itiel und aus Romeo und Julia Ram und Yael wurden), aber ein ganzes Märchenmotiv von einem christlichen in ein jüdisches zu verwandeln?! Der Übersetzer geht sogar so weit, den letzten Absatz, der im Original eine direkte Ansprache an die Christen in Form eines Liedes enthält, durch einen Vers aus den Psalmen zu ersetzen.

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Hermann Struck – Porträt David Frischmann.

In der kurzen Einleitung zum Buch erläutert Frischmann die Änderungen, die er an der Übersetzung vorgenommen hat:

Ich habe versucht, die Geschichten auszuwählen, die dem Geist des hebräischen Lesers am besten entsprechen, und dabei habe ich manchmal die Geschichten weggelassen, die dem christlichen Geist entsprechen, und manchmal musste ich den ersten Eindruck des Autors ändern, wie bei der Geschichte Der Traum der alten Eiche.

Das erklärt aber nur die Hälfte, denn die Winterzeit, in der das Märchen spielt, ist so wichtig, dass man sagen könnte, sie ist eine der Hauptfiguren, und damit die Übersetzung funktioniert, muss sie in einen Kontext gestellt werden, der den Lesenden vertraut ist. Frischmann, ein Gegner des Zionismus, verbrachte sein ganzes Leben in der Diaspora. Seine Vorstellung von Tu biSchwat stand daher immer in einem osteuropäischen Kontext von Winter und Kälte.

Er hatte sogar eine eigene Erzählung zu Tu biSchwat geschrieben, die dem von ihm übersetzten Märchen von Hans Christian Andersen sehr ähnlich war. Auch in seiner Erzählung ביער [Im Walde], in der es darum geht, wie sich die Bäume des Waldes auf ihren Rosch ha-Schana, ihren Tag des Gerichts, vorbereiten, spielt der Winter eine sehr wichtige Rolle:

Alle Baume ringsum standen in weiße Gewänder gehüllt.
Schimmernder Schnee bildete ihre „Tallesim“ [Gebetsmäntel], kristallklare, funkelnde Eiszapfen ihre Zissis. Eine alte Akazie hatte sich mit einer großen, weißen Haube geschmückt.

Da Tu biSchwat ein Feiertag ist, der traditionell den Frühlingsanfang ankündigt, konnte Frischmanns Übersetzung von Hans Christian Andersen nur Jüdinnen und Juden in der Diaspora ansprechen, die diesen Feiertag mitten im Winter erlebt haben. Nur in diesem besonderen Diasporakontext konnte ein Weihnachtsmärchen zu einem Tu biSchwat-Märchen werden.

Oded Fluss. Zürich, 10.2.2025.

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Sechs fehlende Seiten

Dass in einem Bibliotheksbuch Seiten fehlen, ist nichts Ungewöhnliches. Bibliotheksbücher werden immer wieder ausgeliehen, sie nutzen sich ab und irgendwann kann es passieren, dass sich eine oder mehrere Seiten lösen. Manchmal begeht eine eifrigere Leserin die ultimative Bibliothekssünde und reisst eine Seite aus einem Buch heraus, um sie für sich zu behalten. Der folgende Fall ist jedoch anders gelagert. Es ist die Geschichte eines Schweizer Rabbiners, der in einer Zeit, in der zu viele litten und noch mehr schwiegen, versuchte, die Wahrheit in einem Buch festzuhalten, nur damit die Schweizer Behörden die Seiten, die diese Wahrheit enthielten, herausreissen konnten.

Elijahu Botschko (1888-1956).

Rabbiner Jerachmiel Elijahu Botschko (1888-1956), Gründer und Leiter der Jeschiwa Ez Chaim in Montreux, ist noch heute bekannt für die grosse Hilfe, die er und seine Frau Riwka jüdischen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkriegs leisteten bzw. zu leisten versuchten. Die Jeschiwa Ez Chajim spielte bei dieser Rettungsaktion eine wichtige Rolle, da das Ehepaar über sie Flüchtlinge rekrutierte und als Studenten immatrikulierte. Rabbiner Botschko benutzte das hebräische Wort דף Daff, um die Philosophie hinter dieser Rettungsmission zu erklären. Dabei half ihm eine berühmte Geschichte aus dem Talmud:

Einst wurde Rabbi Akiba bei einer Seefahrt vom Sturm überrascht. Das Schiff ging unter und versank. Die Freunde von Rabbi Akiba beweinten und betrauerten ihn. Als er nach einer kurzen Zeit wieder unten sie trat, fragten sie ihn, wie seine Rettung denn möglich wurde. Und Rabbi Akiba entgegnete דף נזדמן לי ein Daff, ein Brett aus den Schiffsstrümmern kam mir entgegen und ich klammerte mich mit meiner ganzen Kraft daran, so dass ich das Ufer erreichte.
(Elijahu Botschko – „Schatten über Israel“. Israelitischen Wochenblatt 1.8.1942)

Botschkos Wortspiel mit dem Wort „Daff“, das sowohl Brett als auch Seite bedeutet und vor allem als Gemara-Blatt verwendet wird, ist wunderbar umgesetzt. Es gelang ihm, die Flüchtlinge zu retten, indem er ihnen ein Rettungsbrett schenkte, sie in die friedliche Schweiz brachte und ihnen gleichzeitig in seiner Jeschiwa das Gemara-Blatt beibrachte. Die Schweiz war für ihn der ideale Ort für diese Rettungsaktion:

Wir wissen nicht, aus welcher Sechus [Sonderrecht/Vorrecht] wir Schweizer Juden das Glück haben, aus dem Mabul [Sintflut] gerettet zu werden, frei zu atmen, ohne Fesseln herumzugehen und satt und sorglos schlafen gehen zu können.
(Eliyahu Botschko – „Schatten über Israel“. Israelitischen Wochenblatt 1.8.1942)

Elijahu Botschko – Jiskaur…Seelenspiegel. Montreux, 1943. D 8133 (k)

In unserer Bibliothek befinden sich zwei Exemplare des 1943 erschienenen Buches von Rabbiner Botschko Jiskaur. Seelenspiegel. Diese beiden Exemplare sind einzigartig, nicht weil sie etwas haben, sondern weil ihnen etwas fehlt. Unmittelbar nach seinem Erscheinen fiel das Buch der Schweizer Zensur in die Hände. Sechs Seiten unter dem Kapitel „Dokumente, die für sich sprechen…“ wurden als der schweizerischen Neutralität widersprechend und als „Greuelpropaganda“ deklariert. Die Zensur begründete die Entfernung dieser Seiten damit, dass sie “Behauptungen, die nicht überprüft werden können [enthalten] und für die bis heute Beweismaterial fehlt”.

Diese sechs Seiten, die frühe Zeugenaussagen über die grausamen Verbrechen der Nazis enthalten und hauptsächlich aus Artikeln aus renommierten Zeitungen wie der Londoner National Review und sogar der Basler National Zeitung bestehen, wurden aus unseren Exemplaren des Buches herausgeschnitten. In einem dieser Bücher findet sich auf der nächsten Seite eine kleine handschriftliche Notiz: “Dieser Teil musste auf Anweisung der Zensur weg”.

In der Zentralbibliothek Zürich befindet sich das Buch vollständig, jedoch mit einem beigefügten Brief der Ez Chajim Jeschiwa vom 29.11.1943, in dem die Bibliothekare aufgefordert werden, die sechs Seiten gemäss der Zensuranweisung herauszuschneiden, was die Bibliothekare nicht befolgten.

Der Umgang der Schweizer Behörden mit Botschkos Buch hat etwas tragisch Poetisches. Der Rabbiner, der ein Daff (Seite) als metaphorisches Mittel zur Rettung der Opfer des Dritten Reiches vorgeschlagen hatte, liess sechs Seiten aus seinem Buch herausreissen, die genau dies bewirken sollten.

Elijahu Botschko – Der Born Israels. Montreux, 1943-1944. B 2089a

1945, kurz nach Kriegsende, veröffentlichte Rabbiner Botschko ein dreibändiges Buch mit dem Titel Der Born Israels. Im Kapitel „Mitschuld“ schreibt er:

Im August 1943 veröffentlichte der Schreiber dieser Zeilen ein Buch unter dem Titel “Jiskaur”, in welchem eine gedrängte Aufzählung von der polnischen Exilregierung bekanntgegebener Gräueltaten gegen die Juden des Warschauer Ghetto aufgezählt wurden. Dieses Buch wurde von der Zensur verboten und dem Verfasser ein Strafverfahren angedroht. Auch dies gehört zum Kapitel Mitschuld.

Botschko, der während der schweren Zeit des Holocaust in der Schweiz lebte, war einer der Zeugen dessen, was damals und bis heute geleugnet wird: die Schweizer Mitschuld. Indem er sich als einer der Ersten dazu äusserte, sorgte er dafür, dass das in seinem Buch zensierte Kapitel zu einem Kapitel der Schweizer Geschichte wurde.

Eliyahu Botchko - Wikipedia
Elijahu Botschko (1888-1956).

Die sechs fehlenden Seiten aus Botschkos zensiertem Buch wurden von uns in der Bibliothek kopiert und stehen nun unseren Leserinnen und Lesern zur Verfügung. Und doch zeigt dieser Fall, dass manchmal nicht das, was in einem Buch steht, eine wichtige Geschichte erzählt, sondern das, was fehlt.

Oded Fluss. Zürich, 30.1.2025.

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Da liegt der Hund begraben

Ein Gedicht, das über eine verstorbene Person geschrieben wurde, ist nichts Ungewöhnliches. Wir kennen unzählige Beispiele von Dichtern und Dichterinnen, die einem geliebten Menschen, den sie verloren haben, ein Gedicht gewidmet haben. Was aber, wenn dieser geliebte Verstorbene kein Mensch, sondern ein Hund ist? Bei der Materialsammlung für unsere neue Ausstellung Koschere Hunde stiessen wir zu unserer Überraschung auf mehrere Beispiele jüdischer Dichterinnen und Dichter, die genau dies getan haben. Dies sollte eines der eindrucksvollsten Beispiele für die besondere Beziehung zwischen Juden und Hunden werden.

Richard Beer-Hofmann mit seinem Hund Ardon. Jüdischer Almanach auf das Jahr 5697 [1936-1937].  „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt. D 2520(K)

In einem frühen Beitrag („Ganz vorn: ‚Ardon'“) haben wir bereits über das monumentale Gedicht Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte des jüdischen Dichters Richard Beer-Hofmann (1866-1945) gesprochen. Es ist ein wunderschönes Liebesgedicht, das die Geschichte einer reinen Liebe, des Vertrauens und des gemeinsamen Schicksals zwischen Mensch und Hund erzählt. Dies ist jedoch kein Einzelfall, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Aus Julius Bab – Ausgewählte Gedichte. Privatdruck , 1930.

Das Gedicht An unsern toten Hund stammt von Julius Bab (1880-1955), der nicht als Dichter, sondern als Journalist, Theaterkritiker, Dramaturg und Historiker bekannt ist. Er war auch Mitbegründer des Kulturbundes Deutscher Juden. Dieses sehr anrührende Gedicht wurde über seinen ersten Hund „Fuchs“ geschrieben (aus dem Gedicht geht bereits hervor, dass Bab mehrere Hunde hatte), den er zusammen mit seiner Frau Elisabeth (geb. Loos) Bab hielt.

Julius Bab und Elisabeth (Loos) Bab mit dem Hund Fuchs. AdK, Berlin, Julius-Bab-Archiv 1299.

Dieses persönliche Gedicht erschien in dem sehr persönlichen Buch Ausgewählte Gedichte, das Bab zu seinem 50. Geburtstag als Privatdruck für einen kleinen Kreis seiner engsten Freunde herausgab. Abgesehen von dem sehr emotionalen Eindruck, den das Gedicht hinterlässt, wird die Bedeutung des Hundes dadurch deutlich, dass das Gedicht zwischen einem Wiegenlied, das Bab für seinen Sohn geschrieben hat, und einem Liebesgedicht an seine Frau zum siebenjährigen Ehejubiläum steht.

Karl Kraus mit seinem Hund Bobby. St. Moritz, Villa Manin. 25.2.1916.

Sehr vertraut war Julius Bab mit dem grossen „Anti-Journalisten“ Karl Kraus (1874-1936). Der sonst so zynische Kraus, als Menschenhasser bekannt und gefürchtet, war überraschenderweise ein grosser Hundeliebhaber. Im Laufe der Jahre veröffentlichte Kraus zahlreiche Aphorismen über Hunde, in denen er sie mit dem Menschen verglich, aber immer den Vorteil des Hundes sah:

Karl Kraus – Die Fackel. 21.3.1910.

Kraus, der das sinnlose Sterben von Menschen im Krieg immer sehr kritisch und lautstark verurteilte, war dieser Meinung auch in Bezug auf das unnötige Sterben eines immer unschuldigen Hundes. In einem kurzen Bericht in seiner Fackel vom 30.5.1913 schildert er den sinnlosen Tod des ihm bekannten Hundes Woodie.

Karl Kraus – Die Fackel. 30.5.1913.

Auch drei Jahre später lässt ihn das Ereignis nicht los und er muss es erneut in Gedichtform niederschreiben, diesmal unter dem Titel Grabschrift für ein Hündchen.

Karl Kraus – Die Fackel 16.11.1916.

Die Trauer von Kraus erreichte jedoch ihren Höhepunkt, als wenige Monate später sein geliebter Hund Bobby starb. Bobby war eigentlich der Hund von Kraus‘ Geliebter Sidonie Nádherny, doch in seinen zahlreichen Briefen an sie, in denen der Hund immer wieder vorkommt, betrachtete Kraus ihn auch als seinen eigenen. In seinem Gedicht Als Bobby starb, das am 1.4.1917, gut einen Monat nach dem Tod des Hundes, in der Fackel erschien, schrieb er die ultimative Elegie:

Karl Kraus – Als Bobby starb. Die Fackel. 1.4.1917.

Fast neidisch beschreibt Kraus in seinem Gedicht das Leben des Hundes – ohne die täglichen Streitigkeiten der Menschen und die Hektik des menschlichen Lebens. Er hebt die Treue und bedingungslose Liebe des Tieres hervor und stellt sie der Wankelmütigkeit und dem Egoismus des Menschen gegenüber. Er zeigt auch, wie der Hund mit einer einfachen, wortlosen Geste viel mehr ausdrücken kann als jede menschliche Sprache.

Karl Kraus mit seinem Hund Bobby. St. Moritz, Villa Manin. 25.2.1916.

Wir schliessen mit der zu Unrecht vergessenen jüdischen Dichterin Friederike Kempner (1828-1904). Ihre Gedichte sind vielleicht zu Recht in Vergessenheit geraten, nicht aber die Philanthropin, die Kämpferin, die Menschenfreundin. Diese äusserst produktive und wegweisende Frau war sowohl eine schöpferische Schriftstellerin als auch eine vehemente Kämpferin für die Menschenrechte. Sie kämpfte nicht nur für das Wohl der Menschen, sondern auch für das der Tiere, die in ihrem Leben und in ihren Gedichten eine wichtige Rolle spielen.

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Friederika Kempner

Neben den vielen Vögeln, die in ihren Gedichten auftauchen und meist die Freiheit symbolisieren, spielt ihr Hund mit dem feurigen Namen Nero eine zentrale Rolle. Der Vierzeiler über den Vierbeiner, der ihn als Mittelpunkt ihres Lebens und mit einer gewissen therapeutischen Kraft beschreibt, ist aufrichtig empfunden, wenn auch etwas grotesk ausgedrückt:

Kein Wunder also, dass Kempner, als es an der Zeit war, Abschied zu nehmen, dem Hund ein sehr sentimentales Gedicht widmete. Das Gedicht Neros Angedenken beschreibt in erster Linie nicht den Hund selbst, sondern den Hund in Bezug auf die Dichterin. Seine Treue zu ihr, seine Sympathie für sie, sein Glück, wenn sie nach Hause zurückkehrt. Der letzte Vers ist dem Platz gewidmet, den der Hund für ewig in ihrem Herzen einnimmt.

Allen Gedichten in diesem Beitrag ist das Motiv einer gewissen moralischen Überlegenheit des Hundes über den Menschen gemeinsam. Dies sollte jedoch nicht überromantisiert werden. Karl Kraus hat es in einem seiner Aphorismen humorvoll, aber treffend so ausgedrückt:

Karl Kraus – Die Fackel, 28.4.1908.

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

Ganz vorn: „Ardon“

Der Pudelmopsdackelpinscher

Verwandlung in einen Hund

Oded Fluss. Zürich, 16.1.2025.

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