Verwandlung in einen Hund

Felix Salten – Der Hund von Florenz. Herz Verlag. Wien, 1923.

Das Motiv der magischen Verwandlung, vielleicht am bekanntesten aus Märchen wie Der Froschkönig, wurde auch von Felix Salten (1869-1945) in seinem Der Hund von Florenz verwendet. In diesem Roman – dem einzigen von Salten, der übernatürliche Elemente enthält – wünscht sich ein armer Junge, der sieht, dass das Leben eines Erzherzogshundes besser zu sein scheint als sein eigenes, selbst ein Hund zu werden. Der Wunsch wird erfüllt und ein farbenfrohes Abenteuer beginnt.

Heinrich Heine – Romanzero. Leipzig, 1887. D 60.

Einen Prinzen solchen Schicksals
Singt mein Lied. Er ist geheissen
Israel. Ihn hat verwandelt
Hexenspruch in einen Hund.

Hund mit hündischen Gedanken
Kötert er die ganze Woche
Durch des Lebens Koth und Kericht,
Gassenbuben zum Gespötte.

Salten ist nicht der erste jüdische Autor, der das Motiv der Verwandlung in einen Hund aufgreift. Heinrich Heine verwendet dieses Motiv in seinem Gedicht Prinzessin Sabbath und vergleicht das jüdische Volk mit einem Prinzen, der durch den Zauber einer Hexe in einen Hund verwandelt wird. Erst am Freitagabend, als der Samstag anbricht, ist der Zauber gebrochen und der elende Hund erscheint für einen Moment als er selbst, als Prinz. Aber dieser Zustand währt nicht lange, und sobald der Sabbat vorüber ist, setzt die Metamorphose wieder ein, und der Prinz verwandelt sich zurück in einen Hund.

Doch der schöne Tage verflittert;
Wie mit langen Schattenbeinen
Kommt geschritten der Verwünschung
Böse Stund’ – es seufzt der Prinz.

Ist ihm doch als griffen eiskalt
Hexenfinger in sein Herze.
Schon durchrieseln ihn die Schauer
Hündischer Metamorphose.

Mendale Moicher Sfurim – Der Wunschring. Jüdischer Verlag. Berlin, 1925. D 782

Mendale Moicher Sefarim (1836-1917) verwendet dieses Motiv in seinem Roman Der Wunschring (erschien erstmals 1865 auf Jiddisch) fast genauso wie Heine, wenn er eine seiner Figuren, den Trödler Schmilek, beschreibt. In der Tat haben wir es hier nicht mit echten Hunden und Prinzen zu tun, sondern mit dem elenden Leben eines Ostjuden und seiner Familie, die in einem osteuropäischen Shtetl ihr Hundeleben fristen.

Wenn er sich wie ein Hund müdgelaufen hat, kommt er zerschlagen in sein elendes Häuslein, dieses Hundeloch, mit ein paar Pfennigen Verdienst, manchmal gar mit leerer Tasche, schluckt etwas hinunter, Mittag- und Abendbrot zusammen, ohne satt zu werden, spricht das Nachgebet und wirft sich aufs Bett, um zu schlafen […] So verbringt er während der ganze Woche sein Hundeleben.

Auch hier, wie in Heines Gedicht, geschieht das Wunder sobald der Freitagabend kommt, und dieser „Hund“ verwandelt sich plötzlich in einen Menschen. Nicht nur er, sondern seine ganze Familie ist von diesem Wunder betroffen, und ihr elendes Hundeleben wird plötzlich festlich und schön.

Am Freitagabend bekommt das elende Loch ein ganz anderes Aussehen — jedes Winkelchen ist sauber und rein gewaschen. Der Tisch ist mit einem weissen Tischtuch gedeckt, darauf stehen geputzte Messingleuchter mit den Schabbes-Kerzen, zwei schöne mit Eidotter bestrichene Festtags-Striezel strahlen und entzücken die Augen […] Die Mutter, die ganze Woche über russgeschwärzt und elend, strahlt im Schabbes-‚Schleier‘, Anmut ruht auf ihr. Die blossfüssigen Mädeln, gekämmt und gewaschen, stecken in einem Winkel bei einander, man sieht es ihren Gesichtern an, dass sie etwas mit frohem Herzen erwarten und erharren.
Pst, man hört Schritte… man kommt… die Tür öffnet sich.
„Guten Schabbes!“ sagt Schmilek, aus der Schihl kommend und blickt freundlich mit strahlendem Gesicht auf seine Frau und auf die Kinder.

Die beiden oben genannten Beispiele sind nicht auf den literarischen Bereich beschränkt. Sie sind Beispiele für psychologische Bewältigungsmechanismen, die Jüdinnen und Juden über Jahrhunderte hinweg angewandt haben. Auf der einen Seite ein stolzes Volk, das sich als Königskinder und Auserwählte sieht. Auf der anderen Seite ein gescholtenes Volk, das von seiner Umwelt ständig misshandelt und missbraucht wird. Die Tatsache, dass die Antisemiten den Hund auch oft zur Beschreibung des Juden benutzten (Siehe unseren früheren Blog-Beitrag über das antisemitische Buch Der Pudelmopsdackelpinscher), trug nur dazu bei, dass sich diese Vorstellung durchsetzte. Mit Hilfe der Idee der Verwandlung gelang es den Juden, die Illusion aufrechtzuerhalten, etwas zu sein, was sie nicht sind, oder nicht zu sein, was sie sind. Der Hund, der als eines der intelligentesten und treuesten, aber auch als eines der erbärmlich gehorsamsten Tiere gilt, eignet sich hervorragend, um diese Illusion voll auszuleben.

Thau call’st me dog before thou hadst a cause
but since i am a dog, beware my fangs.
(Du nanntest Hund mich, eh du Grund gehabt;
Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne).

William Shakespeare – Der Kaufmann von Venedig.

Eine andere, radikalere Verwendung der Verwandlung in einen Hund findet sich in der jüdischen Literatur der Neuzeit. Hier wird die Annahme eines doppelten Schicksals als Prinz und Hund nicht akzeptiert, sondern der Charakter des Hundes vollständig angenommen. Eine Aneignung des Stereotyps ad absurdum sozusagen. Dies führt zwar in der Regel zu einem tragischen Ende des Protagonisten, erscheint aber dennoch als Kunst des Widerstands.

Samuel Max Melamed – Gestalten und Schatten. Louis Lamm. Berlin, 1911. D 138.

In Samuel Max Melameds (1885-1938) Erzählung Chaimki Hund’s letzter Tag (Gestalten und Schatten. Louis Lamm Verlag. Berlin, 1919) begegnen wir dem tragischen Leben von Chaimki Hund, der im Alter von 16 Jahren bei einem missglückten Versuch, heimlich die Grenze zu überqueren und dem Militärdienst zu entgehen, beide Beine verlor. Dies führte ihn zu einem Leben als Landstreicher, der die Skandale der Stadtbewohner ausnutzte. Seine Missbildung und seine Missetaten machten ihn zu einer verhassten Person in der Stadt. In seinem Elend versunken, weigert er sich jedoch, seine Fehler einzugestehen und scheint sich sogar am Leid anderer zu ergötzen.

Er hatte eine unsägliche Freude, die Leute zu entlarven, sie zu ärgern , in die Verzweiflung zu treiben. Man nannte ihm deshalb „Hund“, weil er immer bellte und zu beissen wusste.

Chaimki Hund wurde immer mehr gehasst und wie ein Tier behandelt. Die ganze jüdische Gemeinde ignorierte ihn und liess ihn verhungern. In seiner Verzweiflung ging er vor das Haus des katholischen Pfarrers, um Essen zu erbetteln, aber auch dort wurde ihm keine Gnade zuteil. Das einzige Wesen, das ihm Gnade erwies, war ein Hund, den man schickte, um ihn zu verjagen.

Der Hund, als hätte er Erbarmen mit ihm, hörte auf zu bellen, blieb noch eine kurze Weile vor ihm stehen, beschnüffelte ihn und ging dann still-traurig fort.

Chaimki Hund kehrt sozusagen mit eingezogenem Schwanz in die jüdische Gemeinde zurück, nur um zu erfahren, dass seine einzige und wahre Liebe, Zippeli, einen anderen Mann heiraten will. Völlig ausgehungert und nur mit Rachegedanken im Kopf läuft er zwischen Bettelsäcken an der Seitenwand entlang und schreibt mit seinem Blut eine letzte Botschaft, bevor er tot aufgefunden wird:

„Zippeli! Rache!
Chaimki Hund“.

Abraham Reisen (1876-1953)

Eine ganz andere Geschichte, aber mit einem ähnlichen Protagonisten, erzählt der jiddische Schriftsteller Abraham Reisen (1876-1953) unter dem schlichten Titel Der Hund (erstmals auf Deutsch erschienen im Jüdischen Echo 1.12.1916). Wie aus dem Nichts taucht eines Morgens der 15-jährige Waisenjunge Chotzkele in der jüdischen Gemeinde auf. Die Kinder sind entsetzt und zugleich angezogen von dem jungen Wilden.

Was ihnen aber am meisten gefiel, war, daß er genau wie ein Hund zu bellen verstand. „Chotzkel ,belle ein bisschen“, drang Getzel in ihn. „Wau — wau — wau“ begann Chotzkel zu bellen, und die „Bande“ hielt sich die Seiten vor Lachen. „Genau wie ein Hund“, lobten sie ihn.

Der junge Chotzkele geniesst seine Rolle als Hund so sehr, dass er die Persönlichkeit eines Hundes vollständig annimmt. In seiner Umgebung ist er nur noch als „der Hund“ bekannt und beschliesst, das freie Leben eines Hundes zu führen, auch wenn das bedeutet, die Menschen zu meiden. Als sein Freund Getzel ihn auffordert, sich nicht mehr wie ein Hund zu benehmen, weil er sonst keine Zukunft habe, erklärt er seine Hundephilosophie:

„Wann wirst du dir endlich das Bellen abgewöhnen?“ fragte Getzel eines Tages den „Hund“, als dieser gerade wieder einen Bellanfall hatte. „Überhaupt nicht“, schrie der „Hund“. „Wenn ich belle, vergesse ich alles Unangenehme. Du denkst wohl , es ist mir gleichgültig, daß ich wie eine Vogelscheuche, in Lumpen und zerfetzt herumlaufe. Weißt du, manchmal habe ich den Wunsch alle Menschen zu beißen, und dann muß ich bellen. Verstehst du?“ „Scher dich zum Teufel, Hund“, erwiderte Getzel ärgerlich. „Wenn du so weiter machst mit deinem Bellen, wirst du es nie zu etwas bringen. Niemand wird dich in sein Haus hineinlassen.“ „Sie mit samt ihren Häusern sollen sich zum Teufel scheren. Mir können sie gestohlen werden.“ „Du wirst noch verrecken wie ein Hund; du wirst es schon sehen, “antwortete Getzel. „Hund oder Mensch, mir ist alles schnuppe,“ philosophierte der Hund. „Mir sind Hunde lieber als Menschen. Pfui die Menschen!“ Er spie aus.

Getzels wütende Prophezeiung sollte sich leider erfüllen. Als Chotzkele eines Tages von einer Aktion in der Stadt hört, bei der wilde Hunde auf dem Marktplatz mit vergiftetem Fleisch vergiftet werden sollen, kann er sein Hundsein nicht verleugnen und wird in der letzten Szene gezeigt, wie er mit den anderen Hunden in den Tod rennt.

Da er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, fühlte er am nächsten Morgen seinen Hunger noch stärker. So hungrig war er noch nie gewesen. „Heute wirft man den Hunden Fleischklöße vor,“ fuhr es ihm den ganzen Morgen über durch den Sinn. Wie gefoltert und unter lautem Bellen rannte er fort . Nach dem Marktplatz….

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

Ganz vorn Ardon

Der Pudelmopsdackelpinscher

Oded Fluss. Zürich. 8.1.2025

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Die Kraft der Wenigen

Eine der Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges war sein grosser Einfluss auf die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Die schrecklichen Folgen für die Juden in Deutschland haben dazu geführt, dass ihre Beteiligung, ihr Patriotismus und ihre grossen Verluste als deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg kaum noch thematisiert werden. Eine der grössten ‚Leistungen‘ der Nazis war es, die Geschichte zu verfälschen und die Juden zu einem Fremdkörper in der deutschen Nation zu machen. Dies gelang, indem ihre Loyalität zu Deutschland immer wieder in Frage gestellt wurde, obwohl sie zu dieser Zeit sehr loyale Bürger waren, die auch für Deutschland kämpften und bereit waren, sich für das „Vaterland“ zu opfern.

Zum Chanukkafest 1915, ein Gruss an die deutschen soldaten im deutschen Heere vom Verband der deutschen Juden. B 1111

Ein kleines, seltenes Büchlein in unserer Bibliothek trägt den Titel Zum Chanukkafest 1915 und ist als „Gruss an die jüdischen Soldaten im deutschen Heere“ adressiert. Es zeigt das Engagement und den Patriotismus der Juden in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Das schmale Büchlein, 1915 vom Verband der deutschen Juden in Berlin herausgegeben, enthält neben Chanukka-Liedern, Aufsätzen aus dem Makkabäerbuch und Chanukka-Gebeten auch einen Aufsatz von Rabbiner Dr. Baeck, „Feldgeistlicher bei der Armee v. Scholz“. Wir kennen ihn als den berühmten Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), einen bedeutenden jüdischen Schriftsteller und Gelehrten, der der bekannteste Vertreter des liberalen Judentums und der unbestrittene Repräsentant des deutschen Judentums während vieler Jahre des Holocaust war.

Aus: Michael A. Mayer – Leo Baeck: Rabbiner in bedrängter Zeit. D 40789

Leo Baeck war damals einer der führenden Köpfe, die zu zeigen versuchten, dass ein gläubiger Jude und ein deutscher Patriot keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen. In seinem Text Die Kraft der Wenigen versucht er aufzuzeigen, wie die jüdische Geschichte von Chanukka und den Makkabäern – die Wenigen gegen die Vielen – mit der damaligen Situation in Deutschland verglichen werden kann, das ebenfalls einen Krieg mit einer zahlenmässigen Unterlegenheit führt.

So tragen wir denn auch heute in uns die starke Zuversicht, dass Deutschland in seinem Kampfe gegen die Feinde rings umher siegreich bleiben wird, und wir Israeliten im Lande, wir empfinden dieses Vertrauen besonders innig und tief. Denn es ist unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart und noch für lange hin die kommende Zeit, dass wir die Wenigen sind.

Für Baeck besteht die Welt aus zwei Hauptparteien, die sich ständig bekämpfen. Die eine besteht aus Menschen, die immer in der Menge sein wollen und sich nur dort geborgen fühlen. Die andere findet die Festigkeit in ihrer Seele und kann deshalb einen Platz unter den Wenigen haben. Die Juden, so Baeck, gehörten aufgrund ihrer besonderen Geschichte zur zweiten Gruppe. Aber nicht nur das: Das Judentum – und hier kommt die Geschichte von Chanukka ins Spiel – sei auch ein Beweis und Garant dafür, dass die Wenigen über die Vielen siegen können, wenn sie stark im Geiste sind.

Denn so lange es ein Judentum gibt, ist bewiesen, dass die Ueberzeugung sich nicht meistern und nicht zwingen lässt durch die Mehrheit. Da wir da sind, ist dargetan, dass die Idee doch stärker sein kann als die Zahl.

Gustave Doré – Judas Makkabäus vor der Armee Nikanors

Nach Baeck gehört Mut dazu, Jude zu sein. Wenn die Juden den einfachen Weg wählten, sich der Masse anzuschliessen und ihr Judentum hinter sich zu lassen, gäbe es heute kein Judentum mehr. Die Makkabäer sind für ihn ein Beispiel für Mut und dafür, für seinen Glauben einzustehen, obwohl man in der Unterzahl ist.

Wenn einer inmitten der Mehrheit wohnt, so darf er vielleicht bisweilen sich vergessen oder sich verlieren, denn er ist unter vielen einer. Wer unter den Wenigen steht, muss immer ein Ganzer sein, einer, der den Mut zu sich und zu seiner Pflicht in der Seele trägt.

Leo Baeck wollte die deutsch-jüdischen Soldaten ermutigen, für ihr Land zu kämpfen, aber er wollte auch die deutschen Nichtjuden erreichen. Für ihn verkörperte das Judentum die Überwindung der Menge durch die Idee . Im Ersten Weltkrieg konnten sich die nichtjüdischen Deutschen darauf verlassen, dass die deutschen Juden auf ihrer Seite standen, und sie taten dies mit grosser Überzeugung aufgrund der jüdischen Geschichte und der Geschichte von Chanukka.

Von Feinden umringt, hat jetzt das deutsche Volk es so erfahren und bewiesen. Wir, die Kinder unserer Glaubensgemeinde im Vaterland, wir wissen es so von ehegestern und ehedem. Wir haben, im Kriege wie im Frieden, das Erbe der Makkabäer zu hüten. Wie sie werden auch wir immer wieder es erleben, was das Prophetenwort unseres Chanukkafestes kündet „Nicht durch Menge und nicht durch die Macht, sondern durch meinen Geist, so spricht der Herr der Heerscharen.“

Rabbiner Baecks Aufruf an die deutschen Juden war auch eine Antwort auf den bereits damals erhobenen antisemitischen Vorwurf. Die Loyalität der Juden zu Deutschland wurde in Frage gestellt, was die jüdischen Führer in Deutschland dazu veranlasste, ihre Glaubensgenossen zum Kriegseinsatz aufzurufen und sich damit als loyale deutsche Staatsbürger zu rechtfertigen.

Das jüdische Echo. 4.8.1914.

Baecks Antwort auf diese antisemitischen Vorwürfe, die Juden hätten aufgrund ihres Glaubens eine „doppelte Loyalität“, bestand darin, die Dinge einfach auf den Kopf zu stellen:

Nur wer sich treu bleibt, kann anderen treu sein, kann dem grossen das Seine leisten.


Leo Baeck gelang es, die deutschen Juden zu erreichen und zu überzeugen, bei den deutschen Nichtjuden scheiterte er leider. Trotz seines Dienstes in der deutschen Armee, seiner patriotischen Gesinnung und seines Appells an die deutschen Juden, sich für das „Vaterland“ zu opfern, wurde Baeck 1943, keine 20 Jahre später, nach Theresienstadt deportiert. Dort musste er erleben, wie diejenigen, die er ausgesandt hatte, sich für das Vaterland zu opfern, selbst zu Opfern des Dritten Reiches wurden. Er musste mit ansehen, wie das deutsche Volk fast geschlossen die Gruppe der Menge wählte und Macht dem Geist vorzog.
Leo Baeck überlebte das Konzentrationslager nur knapp und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod der Förderung des jüdischen Denkens und des interreligiösen Dialogs.

Oded Fluss. 19.12.2024.

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Zum Buch „Jüdische Exlibris in der Schweiz“

Die Vorbesitzerin eines Buches ist für den Buchliebhaber immer von grossem Interesse. Manchmal macht die Vorbesitzerin das Buch viel interessanter und bedeutender, als es eigentlich ist, manchmal sogar noch seltener und wertvoller. Es ist ein Gefühl von Prestige, ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft, das Buch zu besitzen, das einst einer bedeutenden Persönlichkeit gehörte.  Es gibt aber auch Fälle, in denen ein Buch der einzige Hinweis auf seinen Vorbesitzer ist, der ohne das Buch völlig unbekannt bleiben würde. In solchen Fällen ist es die Aufgabe, vielleicht sogar die Pflicht der wahren Buchliebhaberin, mehr über den Vorbesitzer des Buches herauszufinden. In unserer Bibliothek, finden sich viele Spuren solcher Vorbesitzer. Ob handschriftliche Notizen, Eselsohren, Kaffeeflecken oder Barthaare – all dies sind Hinweise und Spuren des Vorbesitzers eines Buches.

Eine alte Besitzhandschrift, die in einem der Bücher der Breslauer Sammlung gefunden wurde: [Gott gehört die Erde und was sie erfüllt und er hat mich auch mit der Fähigkeit beschenkt, dieses Buch an andere zu verleihen. Der junge Yekutiel Salman Poznan]
לה‘ הארץ ומלואה וזה אשר חנן לי להשאיל לאחרים. הצעיר יקותיאל זלמן פוזנן.


Das Exlibris, eine kleinformatige Grafik, die meist auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels angebracht wird, ist das bekannteste Besitzzeichen in der Welt der Bücher. Als Objekt, das oft auf künstlerisch anspruchsvolle Weise Schrift und Bild verbindet, trägt es den Namen des Bucheigentümers. Für die Juden der Antike galt es noch als Sünde, Gegenstände zu bewundern und zu besitzen. Dennoch finden wir in vielen alten Büchern unseres Bestandes am Anfang des Buches die apologetische Worte לאלוהים הארץ ומלואה… „Gott ist der einzige Eigentümer der Erde und ihres Inhalts…“, gefolgt vom Namen des Buchbesitzers. Ab dem 19. Jahrhundert wurden Besitzstempel und Exlibris in der bekannten Form auch bei Jüdinnen und Juden üblich.

Ein in der Breslauer Sammlung gefundener alter Besitzstempel des Büchersammlers Abraham Cohn (1816-1902)

In der ICZ-Bibliothek haben wir im Laufe der Jahre viele Exlibris in den Büchern unseres Bestandes entdeckt. Die Schicksale, die sich hinter diesen Exlibris verbergen, sind nicht immer grossartig, aber in einigen Fällen verbergen sich dahinter unglaubliche Geschichten. Einige dieser Geschichten erzählt das neue Buch Jüdische Exlibris in der Schweiz, das Mitte Dezember 2024 erscheint.

Eine der Vitrinen der Ausstellung „Jüdische Exlibris in der Schweiz“ im Jahr 2023.

Geschichten vom Sohn eines Schweizer Pfarrers, der zum Judentum konvertiert, vom Schweizer Verleger, der zwischen seiner jüdischen und seiner Schweizer Identität hin- und hergerissen ist, vom Attentäter auf den Schweizer Landesgruppenleiter der Nazis in Davos. Geschichten von Holocaust-Opfern, von Flüchtlingen, die in der Schweiz Zuflucht fanden, vom letzten Rabbiner einer untergegangenen jüdischen Gemeinde, von einer einzigartigen jüdischen Bibliothek ohne Standort und vieles mehr. Aus all diesen Geschichten entstand 2023 die Ausstellung Jüdische Exlibris in der Schweiz, zu der wir dieses Jahr dieses einzigartige Buch mit dem gleichen Titel herausgeben.

Eine der Vitrinen der Ausstellung „Jüdische Exlibris in der Schweiz“ im Jahr 2023.


Mit Hilfe der besonderen Kunst des Exlibris, die das Wesen, die Leidenschaften und die Geschichte der Besitzer einzufangen versucht und eine besondere Verbindung zwischen Künstler und Sammler, Sammler und Buch, Vergangenheit und Gegenwart zum Ausdruck bringt, haben wir versucht, das Verlorene wiederherzustellen.

Beide Ausgaben des Buches


Das Buch, das sowohl für die jüdische als auch für die Schweizer Geschichte von grossem Interesse ist, wird in zwei Ausgaben erscheinen: einer Standardausgabe und einer auf 100 Exemplare limitierten Vorzugsausgabe. Diese werden anlässlich der Buchvernissage am 15. Dezember 2024 um 15.00 Uhr im ICZ-Gemeindehaus in Zürich (Lavatestrasse 33) vorgestellt. Es sprechen zum Thema Martin Dreyfus und Oded Fluss. Zudem wird eine Pop-up-Ausstellung mit zahlreichen Exlibris aus dem Buch gezeigt werden.
Eine Anmeldung unter bibliothek@icz.org oder unter 0442832250 ist erforderlich.

Oded Fluss. 2.12.2024.

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Der Pudelmopsdackelpinscher

In einem früheren Beitrag (Der Giftpilz – Antisemitisiche Nazipropaganda in Kinderbüchern. ) haben wir bereits über zwei antisemitische Kinderbücher berichtet, die in den 1930er Jahren als eine Form der Nazi-Propaganda erschienen sind. Ein drittes Buch, über das wir noch nicht berichtet haben, steht in direktem Zusammenhang mit unserem aktuellen Thema Koschere Hunde und der Ausstellung dazu, die wir gerade in der Bibliothek aufbauen.

Ernst Hiemer – Der Pudelmopsdackelpinscher und andere besinnliche Erzählungen. Der Stürmer Buchverlag. Nürnberg, 1940.

Der Autor dieses Buches ist uns bereits bekannt. Ernst Hiemer war Lehrer, Journalist und Autor des schrecklichen und leider sehr populären Kinderbuches Der Giftpilz, das 1938 im Julius Streichers Stürmer Verlag erschien, und das wir bereits im obigen Beitrag besprochen haben. Weniger bekannt, aber sehr ähnlich ist das zwei Jahre später erschienene Buch Der Pudelmopsdackelpinscher und andere besinnliche Erzählungen, das letzte Kinderbuch des Stürmer Verlags, dessen „Hauptschriftleiter“ Hiemer in dieser Zeit war.

Wie sein Vorgänger zielt es darauf ab, die jungen Seelen seiner Leser mittels unschuldigen, kindlichen Motiven und bunten Bildern so zu manipulieren, dass sie zu den schrecklichsten Überzeugungen kommen. Wie beim Giftpilz besteht das Hauptziel darin, den Glauben zu erwecken, dass „der Jude“, obwohl er unschuldig aussieht, sein wahres böses Wesen und seine üblen Absichten verbirgt. Der Giftpilz verwendet die Metapher des unschuldig aussehenden Pilzes, der in Wirklichkeit giftig ist. In Der Pudelmopsdackelpinscher wird der Jude mit verschiedenen Tieren verglichen.

Der Stürmer. Herausgeber: Julius Streicher. Nürnberg, 19.12.1940.

In jeder der elf märchenartigen Geschichten dieses Buches werden die Juden mit Tieren und unangenehmen Lebensformen verglichen. Sie werden mit dem Kuckuck verglichen, der die Häuser anderer stiehlt. Sie werden als Hyänen bezeichnet, die Jagd auf Schwache und Benachteiligte machen, als Betrüger wie das Chamäleon, als Blutsauger wie die Bettwanze, als Parasiten wie der Bandwurm, als giftige Schlange, die in der Bibel als Betrügerin der Menschheit dargestellt wird. Schliesslich werden die Juden mit lebensbedrohlichen Mikroben verglichen, die die Existenz der Menschheit gefährden und deshalb ausgerottet werden müssen. In der Einleitung wird das Ziel des Buches sehr direkt formuliert:

Lieber Leser!
Das Buch, das du eben aufgeschlagen hast, bietet Dir bunte Erzählungen aus dem geheimnisvollen Reiche der Tiere. Aber du sollst nicht nur Tiere beobachten, sondern auch gewisse – -Menschen. Du sollst an diesem Buche Deinen Spass haben, und gleichzeitig dabei — lernen.
„Und wer sind nun diese Tiere und Menschen?“ so fragst Du, lieber Leser.
Nur Geduld! Das Buch wird deine Frage beantworten.

Der seltsame Name des Buches stammt von einer gleichnamigen Kurzgeschichte, die im Buch enthalten ist. Es ist eine Geschichte, die dem schlechten Charakter und den Untaten eines Mischlingshundes folgt. Der antisemitische Vergleich von Juden mit Hunden ist so alt wie der Antisemitismus selbst. Die bekannten Schilder vor Geschäften „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten“ gab es schon im 19. Jahrhundert. Die Nazis waren als Hundeliebhaber zwar bekannt, aber die Metapher des Mischlingshundes kam ihnen entgegen, wenn sie ihre Rassentheorie untermauern wollten.

©United States Holocaust Memorial Museum

Die Erzählung handelt von einem bösen, elenden Hund, der keine Heimat und keinen Namen hat. Er ist eine Mischung aus Pudel, Mops, Dackel und Pinscher und wird deshalb unter dem seltsamen Namen Pudelmopsdackelpinscher geführt. Im Gegensatz zu anderen Hunden zeigt er keine Loyalität oder Freundschaft gegenüber Menschen, aber auch nicht gegenüber Artgenossen. Er ist bekannt dafür, dass er beisst, stiehlt und betrügt, und zwar mit voller Absicht und ohne Rücksicht auf andere. Er ist immer schmutzig, stinkt und hält sich für etwas Besseres. Dies ist in der Tat eine Liste von Eigenschaften, die damals dem Klischee von Juden entsprachen. Wie mit diesem „Hund“ umzugehen ist, wird in einem der Sätze kurz angedeutet:

Seit Jahren treibt sich der Pudelmopsdackelpinscher, dieser Rassenmischling in unserer Nähe herum. Wir haben ihn kennengelernt in seiner Niedertracht und Gemeinheit. Aber wir wissen es: Eines Tages muss und wird sich sein Schicksal erfüllen. Erst dann ist wieder Ruhe und Ordnung in den Strassen unserer Stadt.

Und für diejenigen, die die Anspielung nicht verstanden haben (obwohl völlig klar ist, wer das eigentliche Thema dieses Buches ist), wird es im nächsten Satz sonnenklar, der so ziemlich alle antisemitischen Parolen enthält, die es gibt:

Mischlinge gibt es unter den Tieren und unter den Menschen. Auch die Juden sind Mischlinge. Sie weisen Rassenmerkmale von weissen, gelben und schwarzen Völkern auf. Ihre krausen Haare und die herabhängende Unterlippe erinnern an die Neger. Typische Kennzeichen der Juden sind auch ihre krummen Beine und Plattfüsse. Viele Juden haben eine an ihrer Spitze verbogene Nase und henkelartig abstehende Ohren. Auch ihr ekelhafter Körpergeruch kennzeichnet sie als Fremdrassige. Ihr schleichender Gang und ihr Körperhaltung erinnern an die Affen. Diese Juden haben eine schmale fliehende Stirne und eine Schädelbildung wie ein Gorilla. Wie der Pudelmopsdackelpinscher ein Mischling unter den Hunden ist, so ist der Jude ein Mischling unter den Menschen.

Wie viele Bücher dieser Art endet auch dieses mit einem Aufruf zum Handeln. Ernst Hiemer war einer der entschiedensten Befürworter der Endlösung der Judenfrage. Der letzte Satz des Buches unter dem Kapitel Ruf an die Jugend der Welt macht dies deutlich:

Darum rufen wir heute die Jugend der Welt! Wir rufen sie zum Kampfe um die Freiheit der Menschheit. Der Untergang des Jüdischen Völkerschmarotzers wird die Welt für immer befreien von „Drohnen“, „Heuschrecken“, „Wanzen“, „Hyänen“, „Giftschlangen“, „Bazillen“ und „Pudelmopsdackelpinschern“ in Menschengestalt!

Unsere weiteren Beiträge zum aktuellen Thema Koschere Hunde sind hier zu finden:

Wie ein Hund sterben

„Ganz vorn: ‚Ardon’“

Oded Fluss. Zürich, 6.11.2024.

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Ki hine ka-Chomer

Saul Kaatz – Alter Vogel. Louis Lamm Verlag. Berlin, 1919. D 114 (K)

Eines der berühmtesten und einzigartigsten Pijutim aus der Gattung der Selichot ist כי הנה כחומר Ki hine ka-Chomer. Dieses uralte Pijjut, das normalerweise an Jom Kippur im Arvit-Gebet rezitiert wird, hat den Geist vieler Generationen eingefangen und ist bis heute ein Gegenstand des Staunens und des Studiums. Der Autor dieses Pijjuts ist unbekannt, und die Tatsache, dass es nicht vollständig überliefert ist, erschwert seine Interpretation. Nichtsdestotrotz spielte es eine zentrale Rolle in der jüdischen Tradition und wurde immer wieder komponiert.

Chava Alberstein – Ki hine ka-Chomer. komponiert von Sholom Charitonov

Ein Gedicht zu übersetzen ist fast unmöglich, ein Pijjut noch schwieriger, und doch wurden einige Versuche unternommen, von denen manche entweder die Schönheit der Reime oder die Intertextualität einiger Verse verloren haben. Unten sehen wir eine klassische deutsche Übersetzung dieses Pijjuts, wie sie im Machzor der sämtlichen Festgebete der Israeliten des jüdischen Hebraisten Salomo Gottlieb Stern aus dem Jahre 1859 erscheint:

Gleich wie Thon in Bildners Hand, den er nach Gefallen dehnt und kürzt, so auch sind wir in deiner Hand, die in Gnaden schafft: so betrachte den Bund, der ohne eigenen Willen ist.
Gleich wie der Stein in Bildhauers Hand, der er nach Gefallen fügt oder bricht: so auch sind wir in deiner Hand, Du belebst und tötest. So betrachte den Bund, der ohne eigenen Willen fortlebt.
Gleich wie das Eisen in Schmiedes Hand, das er im Feuer fugt und spaltet: so auch sind wir in Deiner Hand, die die Armuth stützt. So betrachte den Bund, der ohne eigenen Willen wird was er ist.
Gleich wie der Anker in des Schiffers Hand, den er nach Gefallen einzieht oder auswirft: so auch sind wir in Deiner Hand, Allgültiger und versöhnlicher Gott. So betrachte den Bund, der durch Deine Güte besteht.
Gleich wie Glas in Schmelzers Hand, das er nach Gefallen formt und schmelzt: so auch sind wir in Deiner Hand, der Vorsatz wie Irrthum vergibt. So betrachte den Bund, der ohne Willen handelt.
Gleich wie der Teppich in Webers Hand, den er nach Gefallen in verschiedene Formen wirft: so auch sind wir in Deiner Hand, Gott der Alles rächt. So betrachte den Bund, der ohne Willen lebt und webt.
Gleich wie Silber in des Läuterers Hand, das er nach Gefallen verschlackt und läutert: so auch sind wir in Deiner Hand, der für die Wunde den Balsam bereitet. So betrachte den Bund, der ohne Selbstwillen fortbesteht.

Ein moderner Übersetzungsversuch findet sich bei Leo Hirsch in seinem Buch Jüdische Glaubenswelt:

Denn sieh, wie der Lehm in des Töpfers Hand –
wie er will, macht er weit, wie er will macht er eng –
so sind wir in deiner Hand, der du Gnade bewahrst;
schau auf den Bund und wende dich nicht zum Trieb.
Denn sieh, wie der Stein in des Steinhauers Hand –
wie er will, erfasst er, und wie er will, zerschlägt er –
so sind wir in deiner Hand, gütiger und verzeihender Gott.
Denn sieh, wie das Glas in des Glasbläsers Hand –
wie er will, formt er, und wie er will, schmelzt er –
so sind wir in deiner Hand, der du Frevel und Irrtum vergibst.
Denn sieh, wie der Teppich in des Wirkers Hand –
wie er will, wirkt er grad, wie er will, wirkt er schräg –
so sind wir in deiner Hand, eifriger, rächender Gott.
Denn sieh, wie das Feuer in des Schmiedes Hand –
wie er will, bläst er an, wie er will, bedeckt er es –
so sind wir in deiner Hand, der du den Atem einhauchst,
schau auf den Bund und wende dich nicht zum Trieb.

Die Einzigartigkeit dieses Pijjuts liegt in seinem Unterschied zu anderen Selichot. Während die Hauptthemen dieser Selichot normalerweise die Sünden, die Reue und die Bitte um Gottes Vergebung haben, verfolgt Ki hine ka-Chomer einen anderen Ansatz. In einer manchmal stoisch anmutenden Haltung scheint dieses Pijjut zunächst die völlige Abhängigkeit der Schöpfung von Gott zu bestätigen. Der Mensch wird immer mit einer Art passivem Material oder Objekt verglichen und Gott mit dem aktiven Künstler oder Handwerker, der diesem Objekt seine Form gibt oder es benutzt. Aber hier scheint es einen Widerspruch zu geben. Wenn wir tatsächlich nur ein passives Objekt in Gottes Hand sind, wenn wir völlig seinem Willen unterworfen sind, warum sollten wir dann an Jom Kippur Busse tun und um Vergebung bitten?

Maurycy Gottlieb – Juden in der Synagoge am Jom Kippur

Wenn man das Pijjut aufmerksam liest, entdeckt man eine tiefere Bedeutung. Die Analogien, die den Menschen beschreiben, entwickeln sich allmählich und ähneln der Entwicklung des Menschen in der Welt. Am Anfang können wir nur Rohstoffe wie Ton und Lehm mit blossen Händen bearbeiten, dann kommen wir zur Steinzeit (Stein und Steinhauer), zur Bronzezeit (Eisen und Schmiede) und von da zur Eroberung des Meeres (Anker und Seefahrer). Der Mensch entwickelt und erhebt sich in seinen wissenschaftlichen und mechanischen Kenntnissen, indem er sich Glas, Stoff und Feuer untertan macht. In jeder dieser Entwicklungsphasen darf Gott als Schöpfer nicht vergessen werden.

Aus einem in Berdytschiw gedruckten Machsor von 1818. Breslauer Sammlung BH 1496.

Man müsse sich daran erinnern, dass man nach dem Bilde Gottes geschaffen sei, dass man wie er die Fähigkeit habe, seine Umwelt zu gestalten und zu beherrschen, dass man aber vor allem darauf achten müsse, dieses Bild nicht durch die Sünde zu beflecken. Man solle sich stets daran erinnern, dass Gott der einzige Schöpfer und Herr über alles ist, und man solle sich bemühen, dem Beispiel Gottes zu folgen und stets nach dem Guten streben.

Oded Fluss. Zürich, 10.10.2024.

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Rosch ha-Schana-Mahlzeit aus alten Kochbüchern

Ein traditioneller Rosch ha-Schana-Taamim-Teller.

Rosch ha-Schana ist nicht für sein Essen bekannt. Die Taamin, die traditionell gegessen werden, sind in der Regel klein und eher symbolisch (Apfel und Honig für ein süsses Jahr, Granatapfel für viele Mizwot wie Rimon usw.) und reichen nicht aus, um einen hungrigen Magen zu füllen. Die meisten Menschen essen als Hauptgericht das traditionelle Essen ihrer Familie, das von Familie zu Familie sehr unterschiedlich ist.

Ein handgeschriebenes Rezept in einem der alten Kochbücher der Bibliothek.

Wenn wir aber Anregungen für ein richtiges Rosch ha-Schana-Mahl suchen, ein echtes Spezialrezept, dann können wir in unserer Bibliothek in alten Kochbüchern stöbern. In diesen Büchern, die zum Teil über 100 Jahre alt sind und manchmal handschriftliche Rezepte der Vorbesitzerinnen enthalten, findet sich vielleicht ein überraschendes Rosch ha-Schana-Menü.

Rebekka Wolf geb. Heinemann – Kochbuch für Israelitische Frauen. Verlag von J. Kaufmann. Frankfurt a . M, 1896. D4911

Wir beginnen mit dem ältesten Kochbuch in unserem Bestand, dem Kochbuch für israelitische Frauen. (Aufgrund ihrer Entstehungszeit richten sich die meisten Kochbücher an Frauen, Ehefrauen und Töchter. Wir möchten aber auch unsere männlichen Leser ermutigen, einige dieser Gerichte nachzukochen.)

Rebekka Wolf geb. Heinemann – Kochbuch für Israelitische Frauen. W. Adolf & Comp. Berlin,, 1859. D4911(1)

Dieses Buch, das erstmals 1851 in Berlin von Rebekka Wolf (geb. Heinemann) veröffentlicht wurde, war ein grosser Erfolg und erschien in 14 Auflagen. Es enthält nicht nur Rezepte, sondern auch Ratschläge zur Führung einer koscheren Küche und eines koscheren Haushalts. Alles ist darin zu finden: wie man Fleisch koscher macht, wie man Butter „klärt“, wie man Rüböl „glüht“, wie man den Speisezettel für ein ganzes jüdisches Kalenderjahr zusammenstellt. In der dritten Auflage, die wir ebenfalls in unserer Bibliothek haben, gibt es auch die Möglichkeit, die Rezepte in raffinierte Gerichte (Feinere Küche) und einfache Gerichte (Hausmannskost) einzuteilen.

Der Einfachheit halber sind die Menüs am Ende des Buches nach Monaten geordnet. Im September finden wir Rosch ha-Schana, hier mit dem Titel „Das Neujahrsfest“. Da Rosch Haschana mehr als einen Tag dauert, haben wir ein komplettes Menü für den ersten Vorabend, den ersten Feiertag, den zweiten Vorabend und den zweiten Feiertag. Auf der linken Seite finden Sie die einfache Hausmannskost und auf der rechten Seite die raffiniertere „Feinere Küche“. Am ersten Tag gibt es zum Beispiel Nudelsuppe mit Makronen, Karpfen und Fleischkugel im „Hausmannskost-Menü“ und Bouillonsuppe mit Markklößchen, frischem Lachs und Kalbszungen in der „Feineren Küche“. Beide Menüs sind klassisch, aber sehr abwechslungsreich und enthalten Fleisch, Obst und Kohlenhydrate. Nur beim Menü der „Feineren Küche“ wird Wein angeboten.

Kochbuch für die jüdische Küche. Herausgegeben vom jüdischen Frauenbund. Düsseldorf, 1926. D2553.

Das zweite Kochbuch Kochbuch für die jüdische Küche wurde 1926 in Düsseldorf vom Jüdischen Frauenbund herausgegeben. Es wirkt schon wesentlich moderner, da es Themen wie Kinderernährung und spezielle Diäten für Kranke behandelt und auch vegetarische Varianten anbietet. Wie in dem bereits erwähnten Kochbuch gibt es auch hier einer „Speisezettel“ für besondere Anlässe und Feiertage und auch hier eine Unterteilung in „Einfache Küche“ und „Feinere Küche“.

Obwohl das Layout sehr ähnlich ist und ebenfalls in zwei Menüs, ein einfaches und ein raffiniertes, unterteilt ist, unterscheiden sich die Gerichte in diesem Buch deutlich von denen in dem oben erwähnten älteren Kochbuch. Hier werden nicht einfach Grossmutters Hühnersuppe und Kompottrezepte reproduziert, sondern innovative Gerichte mit einem zeitgemässen, modernen Touch präsentiert. So ersetzt zum Beispiel die Tomatensuppe die klassische Hühnersuppe und moderne Gerichte wie Roastbeef werden eingeführt.

Abschliessend wünscht die Bibliothek allen ein frohes jüdisches Jahr und gibt Ihnen einige Rezepte mit auf den Weg, die Sie und Ihre Familie zu Hause ausprobieren können.

Oded Fluss. Zürich, 26.9.2024.

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„Ganz vorn: ‚Ardon'“

In unserem letzten Beitrag Wie ein Hund sterben haben wir über das sozusagen gemeinsame Schicksal von Hunden und Juden gesprochen, insbesondere über den „jüdischen Hund“ Rajbtschik, der sowohl eine fiktive Figur in Scholem Aleichems Geschichte als auch eine reale Figur in seinem Leben war. In diesem Beitrag werden wir sehen, wie ein jüdischer Dichter seinen geliebten Hund zu seiner Muse macht und wie dieser Hund zu einem der wichtigsten Elemente in seinem Werk wird.

Almanach das siebenundsiebzigste Jahr. S. Fischer Verlag, 1963.

Der bedeutende jüdische Dichter Richard Beer-Hofmann (1866-1945) ist heute vor allem für sein Schlaflied für Mirjam bekannt, ein Gedicht, das auch Rainer Maria Rilke auswendig rezitieren konnte. Dabei war Beer-Hofmann alles andere als ein One-Hit-Wonder. Zu seiner Zeit galt er weltweit als einer der herausragenden deutschsprachigen Lyriker. Beer-Hofmann war auch ein grosser Hundeliebhaber, und einer seiner wichtigsten Protagonisten war sein Hund Ardon. Dieser geliebte schwarzgraue zottige Schnauzer taucht in unzähligen Briefen, in Beer-Hofmanns biographischem Werk und auch in seinem dichterischen Werk auf. Oben sehen wir zum Beispiel eine sehr interessante Postkarte, die Stefan Zweig 1932 an Beer-Hofmann schickte. Aus Zweigs Worten geht hervor, dass er dieses Foto von Beer-Hofmann und dem Hund Ardon selbst gemacht hat:

Verehrter Herr Beer Hofmann, hoffentlich enttäuscht Sie eher meine photographische Kunst als die andere, in der ich mich versuche.
Nehmen Sie, bitte, dies kleine Blatt als Zeichen grosser Verehrung. Ihr,
Stefan Zweig.

Jüdischer Almanach auf das Jahr 5697 [1936-1937].  „Selbstwehr“ Jüdisches Volksblatt. D 2520(K)

Im Jüdischen Almanach von 1936/7 finden wir zum zweiten Mal ein Bild von Beer-Hofmann und seinem Hund Ardon, diesmal von der jüdischen Fotografin Trude Geiringer (1890-1981) aufgenommen und mit einem kleinen Widmungsgedicht versehen. Das Gedicht mit dem passenden Titel Hintergrund stellt den Hund Ardon „ganz vorn“ und den Rest (einschliesslich des Dichters selbst) in den Hintergrund. Schon hier zeigt sich die grosse Bedeutung, die Beer-Hofmann seinem jungen Begleiter beimass.

Hintergrund
Alt-Aussee, Herbst 1934.

Ganz vorn : „Ardon“, ein sehr geliebter junger Hund –
Dahinter, ein – nun – – nicht mehr junger Mann,
Und – füllend ganz den tiefen Hintergrund –
Gelagert Gross: Berg, Wiesenhang und See,
Mit jeder Zeit des Jahrs sich wandelnd wohl – doch wann
Du sie auch siehst: nicht alt , nicht jung, nur – da – seit je!

Richard Beer-Hoffman – Paula. Ein Fragment. Verlag der Johannespresse. New York, 1949. D 4722.

In seinen wunderschönen Memoiren über seine Frau Paula – ein Fragment, die 1944 geschrieben, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, erwähnt Beer-Hofmann unzählige Male den Hund Ardon. Der Hund wird zu einem untrennbaren Bestandteil der Beziehung des Paares. Es gibt eine sehr schöne Szene, in der Paula, , ihren Mann, ausschimpft, der Hund aber irrtümlich annimmt, die Schelte gelte ihm:

„Schäm dich!“
Ein wildes Jauchzen antwortet—mit drei Sätzen stürmt Ardon herein, ist schon im Bett, und streckt sich seiner ganzen Lange nach aus. “Schäm dich!” hatte er gehört, und gewohnt, dass der Anruf ihm gilt, wenn er versucht, mit sanften Pfotengriffen eine noch nicht flügge Amsel, oder einen grossen Käfer im Garten zum Spielen aufzufordern, meldet er sich—aber nicht zerknirscht, sondern im Gefühl seiner Unschuld übermütig gurgelnd.
„Nein – nein!“ lacht Paula, „nicht du – dein Herr! mein ich – das soll sich schämen, aber das folgt mir ja nicht!“

Richard Beer Hofmann – Verse. Hermann-Fischer Verlag. Stockholm – New York, 1941.

Doch erst in Beer-Hofmanns letztem Gedichtband Verse, der 1941 im New Yorker Exil erschien, wird die Bedeutung seines Hundes für den Dichter deutlich. Das monumentale Gedicht Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte, das längste des Bandes, ist ein wunderschönes Liebesgedicht und ein Nachruf, der die Geschichte einer reinen Liebe, des Vertrauens und des gemeinsamen Schicksals zwischen Mensch und Hund erzählt. Diese Geschichte wird sowohl aus der Sicht des Dichters als auch aus der des Hundes geschildert, wobei die beiden oft verglichen und immer auf die gleiche Stufe gestellt werden, wie Geschwister.
Wir lassen das Gedicht für sich sprechen:

Lied an den Hund Ardon – da er noch lebte

Du reine Seele, nicht verstört von Menschenwirrnis,
Du – stumm in eines zottigen Hundes Leib gebannt –
Fragst du empor zu mir aus braunen Augen, suchst du
Den Weg zu mir durch ewige unsichtbare Wand?

Ein Häuflein Pelz – feucht schwarz quoll draus die Trüffelnase-
So sah ich dich zuerst, du lagst – wie warst du klein! –
Geschmiegt in deiner Mutter Weiche – ihre Zunge
Wusch zärtlich deiner Augen wässrig blauen Schein.

Im Winter war’s. Im März, da trug ich aus dem Zwinger
Nach Hause dich, schob zwischen Rock und Hemd
Dein Körperchen – wild schlug dein Herz an meines,
Bang ging dein Blick zu mir: „Wer bist du? Du bist fremd!“

„Ein Mensch“ – und drum ein Drohen! – Seit ich dich zuerst,
Umhegt von deiner Mutter Zärtlichkeit, gesehn,
War – keiner sagte mirs, doch merkt ichs-, war wohl
Gewalt und Weh von Menschen dir geschehn.

Denn schien dir streng mein Blick – schon kauertest du, wandtest
Den Kopf, bargst schützend mit dem Hinterlauf vor mir
Die Augen, bebtest – also stiess schon einmal
Ein Mensch im Zorn den Fuss ins Antlitz dir!

„Ein Mensch“: Gewalt, der du von je anheimgegeben,
Weil Schicksal so für dich die dunkeln Würfel warf,
Dass tiefste Treue dir zu dem ward eingeboren,
Der – will ers – dich verstossen – martern – töten darf.

Lang brauchtest du, bis in dir solch Erinnern
Verblich, Vertrauen wieder kam zurück,
Nur manchmal noch – jäh flammend, jäh erloschen –
Durchzuckt – wild, irr – tödliche Angst den Blick.

Der Sommer ward, du wuchsest, in dir wachte
Weisheit der Ahnen auf – ein Erbe, dir bestellt – :
Es warnte, hemmte, trieb dich, wies dir, wie man
Erschaut, erlauscht, erriecht gefahrerfüllte Welt.

Uralte Bräuche übtest du – nicht wissend, welch
Verborgner Sinn in ihnen waltend sei –
Aus Zeit aufragend, da dein Stamm, noch nicht verfallen
Den Menschen, einsam hauste, wild, umdroht – doch frei!

Sich drehn, eh man dem Schlaf sich anvertraut, als scharre
Die Lagergrube man, war heiliges Gebot –
Zum Mond emporzuweinen, vor ihm auszuschütten
Alles Geborenen Angst vor dumpf erahntem Tod.

Doch wenn auch so, Gewesenem tief verhaftet,
Zwang nichts, zu treten vorgetretne Spur –
Altem entringt sich Neues -nie vorher gewesen,
Nie wiederholt – einmalig – formt sich Kreatur!

Gestalt, Gang, Antlitz, Stimme – wohl: die gleiche Tracht ists,
Die dich, wie jeden deines Stammes, eumes, umfängt umfängt–
Doch dein – nur dein – ist schon : wie stark, fromm hingegeben,
Nach meiner Seele suchend, deine Seele drängt!

Dein Erbteil: dass dichs lockt zu haschen nach
Huschenden Schatten, irr versprengtem Licht,
Nach Sonnenkringeln, Blinken, das aus Fenstern,
Spiegeln, aus Erzes Glanz und Glätte bricht –

Dein Erbteil: Jagdlust – und ererbt, dass Schatten
Und Licht dir gleich lebendger Beute gilt —
Doch nicht ererbt – ganz dein – dass du dir fandest,
Wie selbst man schafft solch Licht- und Schattenwild!

Durchsonnte Fensterflügel stehen offen, schwanken,
Wenn du mit starkem Pfotenschlage sie bewegst –
Lichtfunken irren dann durchs Zimmer – Wild, das
Du Jäger – selbst dir schaffst – im Sprung jagst – nie erlegst!

Dein Tun gleicht meinem ! Körperloses lock ich
Hervor, wie du — rings regt sich Scheingestalt,
Und Scheingeschick – das ich doch selbst gewoben –
Erschüttert mich mit wirklichen Geschicks Gewalt.

Wir gleichen uns, mein Hund – doch eine Gnade
Ward mir voraus vor dir: dass Tag um Tag
Ich Glück dir schenken, dich umsorgen, dir ein
Gütiger treuer Gott zu sein vermag.

Wir gleichen uns, mein Hund – doch andre Gnade
Ward dir voraus vor mir dass nie du wissen musst,
Wohin uns, Schritt um Schritt, die Füsse tragen –
Und welches Ende wartet aller unsrer Lust!

Wie du – auch ich: Dunklem anheimgegeben,
Das Antwort weigernd – mir die Würfel warf,
Auch mir, im tiefsten, Treue gläubig eingeboren
Zu dem, der mich verstossen – martern – töten darf!

Hinschwindend wie ein Hauch, ward Beiden uns kein Bleiben —
Erst noch nicht – dann nicht mehr ! – im Weltentakt gewiegt,
Umblinkt von gleicher Sterne gleichem Kreisen, treiben
Wir Zwei im Raum, ein Weilchen aneinand geschmiegt!

Und wie, geschöpft in hohlen Händen, Wasser
Zwischen den Fingern, eh mans merkt, verrinnt —
Verlässt uns Jugend, über uns sinkt Altern,
Siechtum bespeit den Leib, wir sterben, und dann sind

Wir – eben noch geliebt – schon Schaudern, eisig Fremde,
Den Reichen, die noch nicht enterbt des warmen Lichts-
Vergessne erst – Verschollne dann – dann Namenlose –
Zuletzt, verwest, zerstäubt: Heimkehrer in ein Nichts!

Du reine Seele du – von Wem? – mir anvertraute,
In dich, mein Ardon, stumm – von Wem? – gebannt —
Hierher! – Mein schweigender Gefährte – mein Geschwister –
Aus gleichem kommen wir – wir gehn in gleiches Land!
1938.

Dies ist der zweite Beitrag zur Bibliotheksausstellung Koschere Hunde, die derzeit vorbereitet wird.

Oded Fluss. Zürich. 23.9.2024.

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Wie ein Hund sterben

‚Wie ein Hund!‘ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

Die Redewendung „wie ein Hund sterben“ ist zwar weit verbreitet, könnte aber gerade für die jüdische Literatur des 20. Jahrhunderts als charakteristisch gelten. Der obige Satz ist der Schlusssatz des berühmten Romans Der Prozess, der 1925, ein Jahr nach dem Tod des Autors Franz Kafka, veröffentlicht wurde. Er beschreibt das elende und sinnlose Sterben des Protagonisten Josef K.
Erich Fried, der rund 40 Jahre später seine Warngedichte veröffentlichte, muss Kafka im Kopf gehabt haben, als er sein Gedicht Definition schrieb:

Die zahlreichen Pogrome und vor allem der Holocaust haben diesen Vergleich zwischen der Tötung eines Hundes – der ungerechtfertigten, sinnlosen Tötung eines unschuldigen Wesens – und der Tötung eines Juden leider angebracht erscheinen lassen. In Chaim Nachman Bialiks Epos בעיר ההרגה In der Stadt des Würgens, das er nach dem Pogrom von Kischinjow 1903 schrieb und in dem er dieses schildert, findet diese Redewendung ihren vielleicht grössten Ausdruck:

וּבָרָחְתָּ וּבָאתָ אֶל-חָצֵר, וְהֶחָצֵר גַּל בּוֹ – / עַל הַגַּל הַזֶּה נֶעֶרְפוּ שְׁנַיִם: יְהוּדִי וְכַלְבּו/ קַרְדֹּם אֶחָד עֲרָפָם וְאֶל-אַשְׁפָּה אַחַת הוּטָלוּ/ וּבְעֵרֶב דָּם שְׁנֵיהֶם יְחַטְטוּ חֲזִירִים וְיִתְגּוֹלָלוּ
In ein Gehöft dann fliehst du, drin mitten erhebt sich ein Hügel/ Wo ein Jude der Axt erlag mitsamt seinem Hunde/ Beide Leiber in einem Haufen zusammen verwesten,/ Und im Gemenge der beiden, da wühlen und wälzen sich Schweine.

Dieses sozusagen gemeinsame Schicksal von Juden und Hunden hat seinen Niederschlag in der jüdischen Literatur gefunden. Hier finden sich zahlreiche Beispiele, in denen der tragische Tod eines Hundes dem Autor als Quelle künstlerischer Inspiration dient. Eines der bedeutendsten Beispiele soll im Folgenden vorgestellt werden.

Rabtschik (a idisher hunt) – (a ma’ase far idishe kinder) fun Shalom Alechem. Der Jude. Krakau, 14.3.1901.

Der wohl bekannteste Hund der jüdischen Literatur ist der Rjabtschik (ראבטשיק) von Scholem Alejchem. Dieser „jüdische Hund“, wie ihn der Autor nennt, ist der Protagonist einer der tragischsten Hiob-Kindergeschichten, die je geschrieben wurden. Von Unglück zu Unglück, von Leid zu Leid findet der Rjabtschik keinen Frieden und keinen Freund in der Welt. Dieses naive Wesen, das überall, wo es hinkommt, von Mensch und Tier misshandelt wird, gibt dem Ausdruck „ein Hundeleben“ eine neue Bedeutung. Er wird zum Hundephilosophen, wenn er über seine Leiden nachdenkt:

[…] warum ein Hund wie er mehr auf der Welt leiden müsse, als alle übrigen Geschöpfe. Warum hat der Vogel sein Nest? Warum findet die Eidechse ihre Höhle? Da summt ein Käfer, da kriecht ein Würmlein, da läuft eine Ameise! Alle haben sie ein Heim, und ihre Nahrung; und ich armer Hund, habe nichts und muss immer bellen: wau, wau!

Der bereits erwähnte Franz Kafka, ein grosser Liebhaber der jiddischen Literatur, hat sich wohl von dieser Geschichte inspirieren lassen und in seinen Forschungen eines Hundes seine eigene Hundephilosophie niedergeschrieben. Doch während Kafkas Hund mit einer etwas optimistischen Sicht auf die Möglichkeit der Freiheit endet (wenn auch als „kümmerliches Gewächs“), ist dies bei Rjabtschik ganz anders. Selbst der letzte Ausweg für ein wenig Freiheit, der Tod, erreicht ihn nicht, und am Ende der Geschichte finden wir ihn, sein Leben und die Welt verfluchend:

— „Du schwarze Erde!“ — dachte Rjabtschik. — Ein Hund soll unter den Seinigen, unter Eingeborenen, noch nicht einmal einen Tag leben können? Da soll ja die Welt untergehen!!..


Unter folgendem Link können Sie die ganze Geschichte von Rjabtschik in deutscher Übersetzung lesen:

Anatoli Kaplan – Rabchik. Farblithographie.

Weniger bekannt ist, dass diese Kurzgeschichte von Scholem Alejchem autobiographische Elemente enthält. Der Hund Rjabtschik war eine reale Figur in Scholem Alejchems Jugend, und er erzählt davon in seinem autobiographischen Buch חיי אדם [Ein Menschenleben], das leider nie ins Deutsche übersetzt wurde. Im Gegensatz zum Rjabtschik aus der Geschichte war der echte Rjabtschik ein glücklicher und geliebter Hund. Zwar wurde er von der Köchin Fruma schlecht behandelt (wie alle Tiere) und einmal mit heissem Wasser übergossen, aber die anderen Hausbewohner, vor allem die Kinder, liebten den Hund sehr.

Stimmt, er hatte es so gut und sein Schicksal war so schön im Haus seiner kleinen Freunde! Nicht jeder Hund hat so viel Glück! Von dem, was sie auf dem Tisch hatten, und von den besten Knochen, die sie hatten, gaben sie ihm jeden Tag etwas und trugen es heimlich in ihren Taschen, ganz vorsichtig und heimlich, damit niemand es sah und den Erwachsenen davon erzählte, denn das wäre schlecht für sie und für Rjabtschik. Und Rjabtschik kannte schon die genauen Zeiten für das Schacharit-, das Mittags- und das Arvit-Essen und stand pünktlich da und wartete auf seine Freunde, bis sie mit dem täglichen Brot zu ihm kamen […] Der Rabbi hielt ihn sogar für eine Uhr, denn er wusste genau, wann es sieben Uhr war und ließ die Kinder wissen, dass es Zeit war, die Bücher zuzumachen und nach Hause zu gehen, um Arvit zu essen. „Euer Hund ist die Verwandlung eines Menschen“, sagte der Rabbi.

Rjabtschik wird jedoch wie ein Hund sterben. Scholem Alejchem erzählt uns sehr bewegt von diesem tragischen Tod. Da einige Hunde in der Gegend mit Tollwut infiziert waren, wurden zwei „Tyrannen“ beauftragt, alle verdächtigen Hunde zu identifizieren und zu töten. Da die beiden ihr Geld pro Kopf verdienten, töteten sie ungerechterweise auch „unschuldige“ Hunde. Rjabtschik war einer von ihnen. Scholem Alejchem beschreibt seine Gefühle, als er als Kind vom Tod seines geliebten Hundes erfuhr:

Mehr als alle anderen Freunde Rjabtschiks war der Schreiber dieser Zeilen über den seltsamen Tod seines treuen Dieners betrübt und trauerte um ihn, wie man um einen Menschen trauert. Einige Tage nach der Tat aß er nichts mehr, einige Nächte konnte er die Augen nicht schließen, wälzte sich im Bett und weinte heimlich, sein Kopfkissen füllte sich mit Tränen, und er fand keinen Trost. Er konnte die Sünde der bösen und grausamen Menschen nicht verzeihen, die in ihrem Herzen kein Mitleid mit der Seele eines koscheren, elenden Tieres hatten, das zwar nicht sprechen konnte, aber Glück und Leid wie die Menschen kannte und fühlte. In seiner Schlaflosigkeit machte er sich viele Gedanken und suchte eine Antwort auf dieses unmögliche Rätsel, das ihm keine Ruhe ließ: Warum ist der Hund dem Menschen treu, während die Menschen immer grausam zu ihm sind und sein Leben als wertlos betrachten? Plötzlich erinnerte er sich an Rjabtschik, an seine klaren Augen und seinen weisen Blick, der Sanftmut, Liebe und grenzenlose Hingabe ausstrahlte – er vergrub sein Gesicht in seinem Kissen und weinte bitterlich vor Schmerz und Verzweiflung.

Dies ist der erste einer Reihe von Beiträgen, die für eine kommende Ausstellung in der Bibliothek geschrieben werden. Die Ausstellung Koschere Hunde wird sich mit der besonderen Beziehung zwischen Juden und Hunden in Literatur, Kunst und Kultur beschäftigen.

Oded Fluss. Zürich 12.9.2024.

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Vom alten Stamm

Der Oelbaum gibt im Höchsten Alter noch schöne Früchte — wie manche glauben, die schönsten. Das jüdische Volk ist solch ein Stamm, der trotz Alter und Unwetter seine Schöpfungskraft bewahrt hat. Noch immer reifen Früchte an den belaubten Zweigen, und reiche Ernten winken dem, der des alten Baumes wartet.

Grob lässt sich sagen, dass die deutschen Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von zwei gegensätzlichen Zweigen geprägt waren: Auf der einen Seite stand der Wille, sich in die deutsche Welt zu integrieren. Die deutsche Identität über die jüdische zu stellen und sich so weit wie möglich der deutschen Nation und Kultur anzupassen. Auf der anderen Seite stand das entgegengesetzte Bestreben, zu den jüdischen Wurzeln zurückzukehren. Der Wunsch, sich die jüdische Identität anzueignen und die verlorene jüdische Kultur wiederzuentdecken oder gar wiederherzustellen. Diese beiden Ideen lebten in allen Schattierungen, oft widersprüchlich, in ein und derselben Person nebeneinander und spiegelten die gegensätzlichen Bestrebungen der erwachenden zionistischen Bewegung und ihrer Gegner wider. In beiden Fällen spielte die Sprache eine wesentliche Rolle.

Vom alten Stamm: Schalom Asch – Im Lande der Väter D 1724 (K); Scholem Aleichem – Die verlorene Schlacht D 156/1; Sch. Gorelik – Die liebe Provinz D 187; J. L. Perez – Volkstümliche Erzählungen D5967 (K).

Die Einstellung zur jiddischen Sprache, dem Mame-Loschen, bestimmte in der Regel die Annäherung an die eine oder andere Strömung. Es gab Juden, die ihr gegenüber eine negative Haltung einnahmen und sie als etwas Primitives betrachteten. Manchmal übernahmen sie auch die antisemitischen Vorstellungen von den Ostjuden, die am stärksten mit dieser Sprache verbunden waren. Auf der anderen Seite gab es diejenigen, die in der jiddischen Sprache die Verkörperung des „echten Juden“ sahen, d.h. etwas Authentisches. Eine etwas nostalgische Haltung gegenüber einer „verlorenen“ jüdischen Welt, die durch die Sprache wiederhergestellt werden könnte.

Werbung für die Buchreihe im Gedichtband „Junge Harfen“.

Eine Brücke zwischen diesen beiden Tendenzen sollte eine 1912 erschienene Buchreihe mit dem schönen Titel Vom alten Stamm schlagen. Den vier von Menachem Birnbaum wunderschön gestalteten Büchern dieser Reihe mit dem anspruchsvollen Untertitel Eine Sammlung jüdischer Bücher war gemeinsam, dass sie alle von jiddischen Autoren verfasst und ins Deutsche übersetzt worden waren. Die Autoren: Schalom Asch, Schmarja Gorelik, Jizchok Leib Perez und Scholem Aleichem waren sehr bekannte jiddische Schriftsteller, die es verstanden, Altes mit Neuem zu verbinden.

Dieses Verständnis spiegelt sich in den Kurzgeschichten wider, die jedes Buch der Reihe enthält. Geschichten aus dem alten jüdischen Ghetto, in denen es um Chagim (Feiertage), die Jeschiwa, weise Rabbiner und alte Gebräuche wie die des Schidech (Heiratsvermittlers) geht. Aber nicht nur das. Wir finden auch Geschichten über das neue Palästina, das nach und nach für Juden aus der ganzen Welt interessant wurde; bekannte biblische Geschichten, die neu und anders erzählt werden; lustige Geschichten mit jüdischem Humor, die die Grenzen der Zeit überschreiten; aber auch sozusagen „moderne“ Geschichten: Geschichten mit einer avantgardistischen Kraft, die das Denken radikalisieren können. Letzteres wäre noch zu erweitern.

Aus dem Prospekt zu Vom Alten Stamm (Jüdischer Verlag. Berlin,1912)

Die Buchreihe, die den Nerv der Zeit traf, wurde mit grossem Interesse, aber auch mit Stirnrunzeln und Kritik aufgenommen. Die Fragen betrafen vor allem die Relevanz der Geschichten für den modernen Juden. Die Reihe, die den Anspruch erhob „das Leben der Juden wahrhaftig schildern, mit jener Wahrhaftigkeit, die echten Dichtungen eigentümlich ist“, obwohl sie nur einen sehr kleinen, esoterischen Teil des Judentums zu behandeln schien, wurde in Frage gestellt. Da die Geschichten fremd und altmodisch wirkten, konnten viele nicht erkennen, was man aus ihnen lernen könnte, wenn überhaupt.

Max Brod (1884-1968)

Eine zweite Auflage dieser Reihe erschien 1916 in einem Band als Anthologie (ohne das Buch von Shalom Asch) unter dem Titel Dreibuch. Für diese war es für notwendig erachtet worden, eine Einleitung hinzuzufügen, die von keinem Geringeren als dem jungen Max Brod verfasst wurde. Wie sein guter Freund Franz Kafka war Brod ein grosser Liebhaber der jiddischen Sprache und Literatur. In seiner Einleitung mit dem Titel Wie soll man diese Geschichten lesen? wendet er sich direkt an die Kritiker der Reihe und wirft ihnen vor, die Geschichten „falsch“ gelesen zu haben.

Ich schreibe nicht euch zu gefallen,
ihr sollt von mir lernen.

Brod verwendet dieses Goethe-Zitat sehr bewusst als Beleg für eine Literatur, die das Gegenteil einer Goethe-Literatur zu sein scheint. Er würde sagen, ja, es gibt etwas von der jiddischen Literatur zu lernen, oder besser gesagt, zu verlernen. Naivität, die Hauptqualität der jiddischen Literatur, ist etwas, zu dem der moderne deutsche Jude nicht mehr fähig ist. Um von der jiddischen Literatur zu lernen, muss man sie mit naiven Augen lesen, nicht mit einer fremden Brille.

Alle diese Kritiker gehen von einem durchaus nichtjüdischen Begriff des Kunstwerks aus. Es tut endlich not, diesem ständig wiedergekauten Vorurteil eine eigenberechtigte, im jüdischen Gefühl wurzelnde Kunstanschauung entgegenzusetzen. Nur wenn wir aufhören, uns selbst durch fremde Brillen zu betrachten, werden wir zu dem eigentlich Schöpferischen in unserer Brust vordringen können, unsere Quellen von jahrhundertealten Staubkrusten befreien und zum Leben, zum realen gütigen Leben erwachen.

Dreibuch – Mit Einleitung von Max Brod. Jüdischer Verlag. Berlin, 1916. D 4097.

Laut Brod ist der jüdische Geist, aus dem diese Geschichten hervorgehen, ein anderer als der, an den der moderne Leser gewöhnt ist. Die Welt, die diese Geschichten aufbauen, ist anders, besser geordnet. Sie ist erfüllt von Wesen, von Phänomenen, von einer Spiritualität, die dem modernen Leser fremd, ja beängstigend geworden ist.

Wie soll man diese Novellen lesen? — Mit dem deutlichen Verständnis dafür, dass sie in einer Welt spielen, die prinzipiell anders und besser geordnet ist als die unsrige, die wir nicht begreifen können, so lange wir den durchaus unjüdischen, jedoch auch uns von der umgebenden Literaturmode eingeimpften Standpunkt in sie hineintragen, dass Geistigkeit etwas Gekünsteltes, Sekundäres, dass sie nichts Unmittelbares sei, dass Geist die Substanz der Welt verdünne und das Wunderbare, Schöne, Anschauliche in ihr ernüchtern wolle.

Anzeige für „Dreibuch“ in der „Jüdischen Rundschau“ vom 23. März 1917.

Für Brod existieren zwei Welten nebeneinander. Sie sind völlig unterschiedlich geordnet, und die eine ist eindeutig besser als die andere. Die Buchreihe Vom alten Stamm gibt uns einen Einblick in diese bessere Welt. Eine Welt, in der der jüdische Geist herrscht, Wunder möglich sind und vor allem Zeit im Überfluss vorhanden ist. Das kann man lernen und lehren. Aber eine Paradoxie unserer Realität lässt es nicht zu. Wie schreibt Brod so treffend in seinem 1917 erschienenen Text Zwei Welten:

Ich sprach neulich in einer Versammlung von Kaufleuten. „Wenn Sie diese und diese Bücher lesen, so werden Sie einsehen, wie sinnlos und in sich widerspruchsvoll Ihre heutige Zeiteinteilung ist.“ Ein ernster Herr antwortete: „Wir können aber nicht dazu kommen, diese Bücher zu lesen. Abends sind wir müde vom Geschäft. Wir haben keine Zeit.“ — Das ist der klare Zirkelschluss, an dem die Menschheit krepiert. Kein Geist, weil keine Zeit — und keine Zeit ,weil kein Geist. […] Die Zeit als Geld oder als Freiheit betrachten: das sind die zwei Welten vor denen der Genius der Menschheit sich zu entscheiden haben wird.
(Aus „Der Jude – eine Monatsschrift“. 1917. Erstes Heft. S.49)

Bemerkenswert ist die Verbindung, die Brod zwischen dem jüdischen Geist, der die jiddischen Geschichten beherrscht, und einem scheinbar sozialistischen, antikapitalistischen Ansatz herstellt. Es scheint, dass diese Geschichten, so Brod, in einem Klassenkonflikt radikal instrumentalisiert werden könnten, wie er am Beispiel der Geschichte Sabbat in Jerusalem von Schalom Asch zeigt:

Der Ruhetag wird hier mit derselben Gründlichkeit, mit demselben unerschütterlichen Ernst geregelt, wie in Amerika der Arbeitstag. —Zwei Welten! Der Hölle entronnen, glaube ich fast ins Paradies einzutreten.
(Aus „Der Jude – eine Monatsschrift“. 1917. Erstes Heft. S.50)

Es kann angenommen werden, dass Brod die Rolle der jiddischen Literatur übertrieben und überromantisiert hat. Dies ist jedoch nur eine von vielen Formen, in denen diese einst fast völlig vernachlässigte und als altmodisch angesehene Literatur nicht nur zu einem ästhetischen, sondern auch zu einem politischen und ideologischen Faktor geworden ist. Dies sollte die deutsch-jüdische Debatte in den kommenden Jahren massgeblich beeinflussen und beweisen, dass dem alten Stamm immer noch neue Triebe spriessen können.

Oded Fluss. Zürich. 21.8.2024.

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Megillath Echa – ein Meisterwerk der Poesie.

Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, dass Traurigkeit oder Kummer sich emotional, unreflektiert und unmittelbar ausdrücken. Wenn sie rationalisiert, kalkuliert und aufgeschoben werden, werden sie unnatürlich, unecht und drücken keinen authentischen Schmerz aus. Weinen in melodischen Reimen mit poetischen Reflexionen, Schreien in Versen, all das wäre verpönt. Und doch ist eine der echtesten und authentischsten Ausdrucksformen der Trauer in der jüdischen Welt die Rezitation. Die Kinot – hebräische Klagelieder oder Elegien – sind fast so alt wie die jüdische Geschichte. Viele von ihnen werden seit Generationen von Juden rezitiert, ohne ihre ursprüngliche Form und Melodie zu verlieren.

E. M. Lilien – „Megillath Echa“. Die Klagelieder. Harz Verlag. Berlin, 1923. D 1932a.

Eine Kina ist ein sehr persönlicher Ausdruck der Gefühle des Dichters und zugleich zutiefst überpersönlich. Jedes Wort nimmt je nach Umgebung eine andere Färbung an. Die Worte verwandeln sich, wenn sie zitiert werden. Indem der Kina-Sänger biblische Worte aufgreift, identifiziert er sich und sein Schicksal mit dem seiner Vorfahren und reiht sich ein in die ununterbrochene Kette der Generationen, die alle das gleiche Schicksal teilten. Väter und Enkel werden untrennbar miteinander verbunden, das Schicksal des Einzelnen weitet sich zum Geschick der Geschlechter und wird zur Geschichte des Volkes.

Bekhi Tamrurim – Seder Kinot ke-Minhag Ashkenaz. Metz, 1768. Breslauer Sammlung BH 131

Die bekannteste dieser besonderen Kunstform der Kinot ist Megillath Echa (Klagelieder Jeremias), die traditionell am Abend von Tischa beAv gelesen wird. Echa, das erste Wort der Megilla und der Name, unter dem sie hauptsächlich bekannt ist, ist ein poetisches Fragewort, das „wie?“ oder „warum?“ bedeutet. Der Verfasser dieser Megilla, die traditionell dem Propheten Jirmijahu zugeschrieben wird, ist unbekannt. Sie ist eine der fünf Megillot, die im Buch Ktuvim zum biblischen Kanon gehören. Ihr Hauptthema ist die Zerstörung Jerusalems und des Tempels und das Leid, das sie über die Menschen brachte.

Die Klagelieder. Nach der Übersetzung von Mendel Hirsch. Verlag von J. Kauffmann. Frankfurt a. M, 1903. H 259.

Das Besondere an der Megillath Echa ist, dass es sich um eine sehr hohe Kunstform handelt. Die Megilla ist in einem ganz besonderen Rhythmus aufgebaut, der einer ganz bestimmten poetischen Regel folgt. Und nicht nur das: Sie folgt auch einer alphabetischen Ordnung, in der jeder Vers mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets beginnt (gefolgt von einem Kapitel, in dem sich das Alphabet dreimal wiederholt). Und doch gelingt es ihr trotz dieser strengen Ordnung, in uns eine sehr emotionale Reaktion hervorzurufen und ein tiefes Gefühl der Trauer auszudrücken. Dies beweist, dass Weinen und Stöhnen nicht wild sein müssen, sondern schmerzhafte Poesie sein können. Diese Poesie braucht eine Melodie, die ihr nicht die Kraft nimmt, sondern sie stärkt.

Jakob Steinhardt – Tisha Be-Av.

Inhaltlich erzählt die Megilla die Geschichte einer Katastrophe und tut dies sehr anschaulich:

דבק לשון יונק אל חכו בצמא עוללים שאלו לחם פרש אין להם
Die Zunge des Säuglings klebt am Gaumen vor Durst, kleine Kinder baten um Brot, allein es war keiner da, der es ihnen reichte.

Oder:

ידי נשים רחמניות בשלו ילדיהן היו לברות למו בשבר בת-עמי
Die Hände weichherziger Frauen kochten ihre Kinder: sie waren ihnen zur Nahrung bei dem Bruche der Tochter meines Volkes.

Aber sie bringt nicht nur Details und harte Fakten, sondern vermittelt uns auch einen moralischen Gehalt. Diese Katastrophe besteht nicht nur aus Zerstörung, Hunger und Armut, sondern auch aus menschlichen Grunderfahrungen: Angst, Reue, Depression und vor allem Scham durchziehen die Megilla, die Schande einer untergegangenen Grösse:

רבתי בגוים שרתי במדינות הייתה למס
Die Herrin über die Völker, die Fürstin über die Provinzen, ist tributpflichtig geworden.

Ironie und Kritik an den Führern des Volkes sind ebenfalls reichlich vorhanden, denn in der Megilla sind sie es, die für die Katastrophe verantwortlich sind:

היו שריה כאילים לא מצאו מרעה וילכו בלא כח לפני רודף
Ihre Führer waren wie Rehe, die keine Nahrung fanden, und da gingen sie denn kraftlos dahin vor dem Verfolger

Megilath Echa. Getreue Wiedergabe aus der Antwerpener Bibel vom Jahre 1566 und der alphabetarischen Übersetzung von Ludwig Philippson, Leipzig 1859. Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin. 1938. B 1949.

Wie ihre zwei biblischen Schwestern basiert Megillath Echa auf einem historischen und nationalen Ereignis. Wie diese spiegelt sie jedoch nicht nur dieses spezifische Ereignis in Zeit und Ort wider, sondern geht darüber hinaus und wird zu einer universellen, visionären, fast abstrakten Schöpfung, die sowohl die Menschheit im Allgemeinen als auch den einzelnen Menschen betrifft. So wie das Hohelied eine Hymne an die Liebe und Kohelet eine Hymne an die Philosophie sein sollen, so soll Megillath Echa eine Hymne der Trauer über das Leid der Einen und der Vielen sein, ein ewiges Meisterwerk der Poesie.

Oded Fluss. Zürich, 7.8.2024.

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