Der Oelbaum gibt im Höchsten Alter noch schöne Früchte — wie manche glauben, die schönsten. Das jüdische Volk ist solch ein Stamm, der trotz Alter und Unwetter seine Schöpfungskraft bewahrt hat. Noch immer reifen Früchte an den belaubten Zweigen, und reiche Ernten winken dem, der des alten Baumes wartet.
Grob lässt sich sagen, dass die deutschen Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von zwei gegensätzlichen Zweigen geprägt waren: Auf der einen Seite stand der Wille, sich in die deutsche Welt zu integrieren. Die deutsche Identität über die jüdische zu stellen und sich so weit wie möglich der deutschen Nation und Kultur anzupassen. Auf der anderen Seite stand das entgegengesetzte Bestreben, zu den jüdischen Wurzeln zurückzukehren. Der Wunsch, sich die jüdische Identität anzueignen und die verlorene jüdische Kultur wiederzuentdecken oder gar wiederherzustellen. Diese beiden Ideen lebten in allen Schattierungen, oft widersprüchlich, in ein und derselben Person nebeneinander und spiegelten die gegensätzlichen Bestrebungen der erwachenden zionistischen Bewegung und ihrer Gegner wider. In beiden Fällen spielte die Sprache eine wesentliche Rolle.
Vom alten Stamm: Schalom Asch – Im Lande der Väter D 1724 (K); Scholem Aleichem – Die verlorene Schlacht D 156/1; Sch. Gorelik – Die liebe Provinz D 187; J. L. Perez – Volkstümliche Erzählungen D5967 (K).
Die Einstellung zur jiddischen Sprache, dem Mame-Loschen, bestimmte in der Regel die Annäherung an die eine oder andere Strömung. Es gab Juden, die ihr gegenüber eine negative Haltung einnahmen und sie als etwas Primitives betrachteten. Manchmal übernahmen sie auch die antisemitischen Vorstellungen von den Ostjuden, die am stärksten mit dieser Sprache verbunden waren. Auf der anderen Seite gab es diejenigen, die in der jiddischen Sprache die Verkörperung des „echten Juden“ sahen, d.h. etwas Authentisches. Eine etwas nostalgische Haltung gegenüber einer „verlorenen“ jüdischen Welt, die durch die Sprache wiederhergestellt werden könnte.
Werbung für die Buchreihe im Gedichtband „Junge Harfen“.
Eine Brücke zwischen diesen beiden Tendenzen sollte eine 1912 erschienene Buchreihe mit dem schönen Titel Vom alten Stamm schlagen. Den vier von Menachem Birnbaum wunderschön gestalteten Büchern dieser Reihe mit dem anspruchsvollen Untertitel Eine Sammlung jüdischer Bücher war gemeinsam, dass sie alle von jiddischen Autoren verfasst und ins Deutsche übersetzt worden waren. Die Autoren: Schalom Asch, Schmarja Gorelik, Jizchok Leib Perez und Scholem Aleichem waren sehr bekannte jiddische Schriftsteller, die es verstanden, Altes mit Neuem zu verbinden.
Dieses Verständnis spiegelt sich in den Kurzgeschichten wider, die jedes Buch der Reihe enthält. Geschichten aus dem alten jüdischen Ghetto, in denen es um Chagim (Feiertage), die Jeschiwa, weise Rabbiner und alte Gebräuche wie die des Schidech (Heiratsvermittlers) geht. Aber nicht nur das. Wir finden auch Geschichten über das neue Palästina, das nach und nach für Juden aus der ganzen Welt interessant wurde; bekannte biblische Geschichten, die neu und anders erzählt werden; lustige Geschichten mit jüdischem Humor, die die Grenzen der Zeit überschreiten; aber auch sozusagen „moderne“ Geschichten: Geschichten mit einer avantgardistischen Kraft, die das Denken radikalisieren können. Letzteres wäre noch zu erweitern.
Aus dem Prospekt zu Vom Alten Stamm (Jüdischer Verlag. Berlin,1912)
Die Buchreihe, die den Nerv der Zeit traf, wurde mit grossem Interesse, aber auch mit Stirnrunzeln und Kritik aufgenommen. Die Fragen betrafen vor allem die Relevanz der Geschichten für den modernen Juden. Die Reihe, die den Anspruch erhob „das Leben der Juden wahrhaftig schildern, mit jener Wahrhaftigkeit, die echten Dichtungen eigentümlich ist“, obwohl sie nur einen sehr kleinen, esoterischen Teil des Judentums zu behandeln schien, wurde in Frage gestellt. Da die Geschichten fremd und altmodisch wirkten, konnten viele nicht erkennen, was man aus ihnen lernen könnte, wenn überhaupt.
Max Brod (1884-1968)
Eine zweite Auflage dieser Reihe erschien 1916 in einem Band als Anthologie (ohne das Buch von Shalom Asch) unter dem Titel Dreibuch. Für diese war es für notwendig erachtet worden, eine Einleitung hinzuzufügen, die von keinem Geringeren als dem jungen Max Brod verfasst wurde. Wie sein guter Freund Franz Kafka war Brod ein grosser Liebhaber der jiddischen Sprache und Literatur. In seiner Einleitung mit dem Titel Wie soll man diese Geschichten lesen? wendet er sich direkt an die Kritiker der Reihe und wirft ihnen vor, die Geschichten „falsch“ gelesen zu haben.
Ich schreibe nicht euch zu gefallen, ihr sollt von mir lernen.
Brod verwendet dieses Goethe-Zitat sehr bewusst als Beleg für eine Literatur, die das Gegenteil einer Goethe-Literatur zu sein scheint. Er würde sagen, ja, es gibt etwas von der jiddischen Literatur zu lernen, oder besser gesagt, zu verlernen. Naivität, die Hauptqualität der jiddischen Literatur, ist etwas, zu dem der moderne deutsche Jude nicht mehr fähig ist. Um von der jiddischen Literatur zu lernen, muss man sie mit naiven Augen lesen, nicht mit einer fremden Brille.
Alle diese Kritiker gehen von einem durchaus nichtjüdischen Begriff des Kunstwerks aus. Es tut endlich not, diesem ständig wiedergekauten Vorurteil eine eigenberechtigte, im jüdischen Gefühl wurzelnde Kunstanschauung entgegenzusetzen. Nur wenn wir aufhören, uns selbst durch fremde Brillen zu betrachten, werden wir zu dem eigentlich Schöpferischen in unserer Brust vordringen können, unsere Quellen von jahrhundertealten Staubkrusten befreien und zum Leben, zum realen gütigen Leben erwachen.
Dreibuch – Mit Einleitung von Max Brod. Jüdischer Verlag. Berlin, 1916. D 4097.
Laut Brod ist der jüdische Geist, aus dem diese Geschichten hervorgehen, ein anderer als der, an den der moderne Leser gewöhnt ist. Die Welt, die diese Geschichten aufbauen, ist anders, besser geordnet. Sie ist erfüllt von Wesen, von Phänomenen, von einer Spiritualität, die dem modernen Leser fremd, ja beängstigend geworden ist.
Wie soll man diese Novellen lesen? — Mit dem deutlichen Verständnis dafür, dass sie in einer Welt spielen, die prinzipiellanders und besser geordnet ist als die unsrige, die wir nicht begreifen können, so lange wir den durchaus unjüdischen, jedoch auch uns von der umgebenden Literaturmode eingeimpften Standpunkt in sie hineintragen, dass Geistigkeit etwas Gekünsteltes, Sekundäres, dass sie nichts Unmittelbares sei, dass Geist die Substanz der Welt verdünne und das Wunderbare, Schöne, Anschauliche in ihr ernüchtern wolle.
Anzeige für „Dreibuch“ in der „Jüdischen Rundschau“ vom 23. März 1917.
Für Brod existieren zwei Welten nebeneinander. Sie sind völlig unterschiedlich geordnet, und die eine ist eindeutig besser als die andere. Die Buchreihe Vom alten Stamm gibt uns einen Einblick in diese bessere Welt. Eine Welt, in der der jüdische Geist herrscht, Wunder möglich sind und vor allem Zeit im Überfluss vorhanden ist. Das kann man lernen und lehren. Aber eine Paradoxie unserer Realität lässt es nicht zu. Wie schreibt Brod so treffend in seinem 1917 erschienenen Text Zwei Welten:
Ich sprach neulich in einer Versammlung von Kaufleuten. „Wenn Sie diese und diese Bücher lesen, so werden Sie einsehen, wie sinnlos und in sich widerspruchsvoll Ihre heutige Zeiteinteilung ist.“ Ein ernster Herr antwortete: „Wir können aber nicht dazu kommen, diese Bücher zu lesen. Abends sind wir müde vom Geschäft. Wir haben keine Zeit.“ — Das ist der klare Zirkelschluss, an dem die Menschheit krepiert. Kein Geist, weil keine Zeit — und keine Zeit ,weil kein Geist. […] Die Zeit als Geld oder als Freiheit betrachten: das sind die zwei Welten vor denen der Genius der Menschheit sich zu entscheiden haben wird. (Aus „Der Jude – eine Monatsschrift“. 1917. Erstes Heft. S.49)
Bemerkenswert ist die Verbindung, die Brod zwischen dem jüdischen Geist, der die jiddischen Geschichten beherrscht, und einem scheinbar sozialistischen, antikapitalistischen Ansatz herstellt. Es scheint, dass diese Geschichten, so Brod, in einem Klassenkonflikt radikal instrumentalisiert werden könnten, wie er am Beispiel der Geschichte Sabbat in Jerusalem von Schalom Asch zeigt:
Der Ruhetag wird hier mit derselben Gründlichkeit, mit demselben unerschütterlichen Ernst geregelt, wie in Amerika der Arbeitstag. —Zwei Welten! Der Hölle entronnen, glaube ich fast ins Paradies einzutreten. (Aus „Der Jude – eine Monatsschrift“. 1917. Erstes Heft. S.50)
Es kann angenommen werden, dass Brod die Rolle der jiddischen Literatur übertrieben und überromantisiert hat. Dies ist jedoch nur eine von vielen Formen, in denen diese einst fast völlig vernachlässigte und als altmodisch angesehene Literatur nicht nur zu einem ästhetischen, sondern auch zu einem politischen und ideologischen Faktor geworden ist. Dies sollte die deutsch-jüdische Debatte in den kommenden Jahren massgeblich beeinflussen und beweisen, dass dem alten Stamm immer noch neue Triebe spriessen können.