Eine der Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges war sein grosser Einfluss auf die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Die schrecklichen Folgen für die Juden in Deutschland haben dazu geführt, dass ihre Beteiligung, ihr Patriotismus und ihre grossen Verluste als deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg kaum noch thematisiert werden. Eine der grössten ‚Leistungen‘ der Nazis war es, die Geschichte zu verfälschen und die Juden zu einem Fremdkörper in der deutschen Nation zu machen. Dies gelang, indem ihre Loyalität zu Deutschland immer wieder in Frage gestellt wurde, obwohl sie zu dieser Zeit sehr loyale Bürger waren, die auch für Deutschland kämpften und bereit waren, sich für das „Vaterland“ zu opfern.

Ein kleines, seltenes Büchlein in unserer Bibliothek trägt den Titel Zum Chanukkafest 1915 und ist als „Gruss an die jüdischen Soldaten im deutschen Heere“ adressiert. Es zeigt das Engagement und den Patriotismus der Juden in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Das schmale Büchlein, 1915 vom Verband der deutschen Juden in Berlin herausgegeben, enthält neben Chanukka-Liedern, Aufsätzen aus dem Makkabäerbuch und Chanukka-Gebeten auch einen Aufsatz von Rabbiner Dr. Baeck, „Feldgeistlicher bei der Armee v. Scholz“. Wir kennen ihn als den berühmten Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), einen bedeutenden jüdischen Schriftsteller und Gelehrten, der der bekannteste Vertreter des liberalen Judentums und der unbestrittene Repräsentant des deutschen Judentums während vieler Jahre des Holocaust war.

Leo Baeck war damals einer der führenden Köpfe, die zu zeigen versuchten, dass ein gläubiger Jude und ein deutscher Patriot keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen. In seinem Text Die Kraft der Wenigen versucht er aufzuzeigen, wie die jüdische Geschichte von Chanukka und den Makkabäern – die Wenigen gegen die Vielen – mit der damaligen Situation in Deutschland verglichen werden kann, das ebenfalls einen Krieg mit einer zahlenmässigen Unterlegenheit führt.
So tragen wir denn auch heute in uns die starke Zuversicht, dass Deutschland in seinem Kampfe gegen die Feinde rings umher siegreich bleiben wird, und wir Israeliten im Lande, wir empfinden dieses Vertrauen besonders innig und tief. Denn es ist unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart und noch für lange hin die kommende Zeit, dass wir die Wenigen sind.
Für Baeck besteht die Welt aus zwei Hauptparteien, die sich ständig bekämpfen. Die eine besteht aus Menschen, die immer in der Menge sein wollen und sich nur dort geborgen fühlen. Die andere findet die Festigkeit in ihrer Seele und kann deshalb einen Platz unter den Wenigen haben. Die Juden, so Baeck, gehörten aufgrund ihrer besonderen Geschichte zur zweiten Gruppe. Aber nicht nur das: Das Judentum – und hier kommt die Geschichte von Chanukka ins Spiel – sei auch ein Beweis und Garant dafür, dass die Wenigen über die Vielen siegen können, wenn sie stark im Geiste sind.
Denn so lange es ein Judentum gibt, ist bewiesen, dass die Ueberzeugung sich nicht meistern und nicht zwingen lässt durch die Mehrheit. Da wir da sind, ist dargetan, dass die Idee doch stärker sein kann als die Zahl.

Nach Baeck gehört Mut dazu, Jude zu sein. Wenn die Juden den einfachen Weg wählten, sich der Masse anzuschliessen und ihr Judentum hinter sich zu lassen, gäbe es heute kein Judentum mehr. Die Makkabäer sind für ihn ein Beispiel für Mut und dafür, für seinen Glauben einzustehen, obwohl man in der Unterzahl ist.
Wenn einer inmitten der Mehrheit wohnt, so darf er vielleicht bisweilen sich vergessen oder sich verlieren, denn er ist unter vielen einer. Wer unter den Wenigen steht, muss immer ein Ganzer sein, einer, der den Mut zu sich und zu seiner Pflicht in der Seele trägt.
Leo Baeck wollte die deutsch-jüdischen Soldaten ermutigen, für ihr Land zu kämpfen, aber er wollte auch die deutschen Nichtjuden erreichen. Für ihn verkörperte das Judentum die Überwindung der Menge durch die Idee . Im Ersten Weltkrieg konnten sich die nichtjüdischen Deutschen darauf verlassen, dass die deutschen Juden auf ihrer Seite standen, und sie taten dies mit grosser Überzeugung aufgrund der jüdischen Geschichte und der Geschichte von Chanukka.
Von Feinden umringt, hat jetzt das deutsche Volk es so erfahren und bewiesen. Wir, die Kinder unserer Glaubensgemeinde im Vaterland, wir wissen es so von ehegestern und ehedem. Wir haben, im Kriege wie im Frieden, das Erbe der Makkabäer zu hüten. Wie sie werden auch wir immer wieder es erleben, was das Prophetenwort unseres Chanukkafestes kündet „Nicht durch Menge und nicht durch die Macht, sondern durch meinen Geist, so spricht der Herr der Heerscharen.“
Rabbiner Baecks Aufruf an die deutschen Juden war auch eine Antwort auf den bereits damals erhobenen antisemitischen Vorwurf. Die Loyalität der Juden zu Deutschland wurde in Frage gestellt, was die jüdischen Führer in Deutschland dazu veranlasste, ihre Glaubensgenossen zum Kriegseinsatz aufzurufen und sich damit als loyale deutsche Staatsbürger zu rechtfertigen.

Baecks Antwort auf diese antisemitischen Vorwürfe, die Juden hätten aufgrund ihres Glaubens eine „doppelte Loyalität“, bestand darin, die Dinge einfach auf den Kopf zu stellen:
Nur wer sich treu bleibt, kann anderen treu sein, kann dem grossen das Seine leisten.
Leo Baeck gelang es, die deutschen Juden zu erreichen und zu überzeugen, bei den deutschen Nichtjuden scheiterte er leider. Trotz seines Dienstes in der deutschen Armee, seiner patriotischen Gesinnung und seines Appells an die deutschen Juden, sich für das „Vaterland“ zu opfern, wurde Baeck 1943, keine 20 Jahre später, nach Theresienstadt deportiert. Dort musste er erleben, wie diejenigen, die er ausgesandt hatte, sich für das Vaterland zu opfern, selbst zu Opfern des Dritten Reiches wurden. Er musste mit ansehen, wie das deutsche Volk fast geschlossen die Gruppe der Menge wählte und Macht dem Geist vorzog.
Leo Baeck überlebte das Konzentrationslager nur knapp und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod der Förderung des jüdischen Denkens und des interreligiösen Dialogs.
Oded Fluss. 19.12.2024.

