Ki hine ka-Chomer

Saul Kaatz – Alter Vogel. Louis Lamm Verlag. Berlin, 1919. D 114 (K)

Eines der berühmtesten und einzigartigsten Pijutim aus der Gattung der Selichot ist כי הנה כחומר Ki hine ka-Chomer. Dieses uralte Pijjut, das normalerweise an Jom Kippur im Arvit-Gebet rezitiert wird, hat den Geist vieler Generationen eingefangen und ist bis heute ein Gegenstand des Staunens und des Studiums. Der Autor dieses Pijjuts ist unbekannt, und die Tatsache, dass es nicht vollständig überliefert ist, erschwert seine Interpretation. Nichtsdestotrotz spielte es eine zentrale Rolle in der jüdischen Tradition und wurde immer wieder komponiert.

Chava Alberstein – Ki hine ka-Chomer. komponiert von Sholom Charitonov

Ein Gedicht zu übersetzen ist fast unmöglich, ein Pijjut noch schwieriger, und doch wurden einige Versuche unternommen, von denen manche entweder die Schönheit der Reime oder die Intertextualität einiger Verse verloren haben. Unten sehen wir eine klassische deutsche Übersetzung dieses Pijjuts, wie sie im Machzor der sämtlichen Festgebete der Israeliten des jüdischen Hebraisten Salomo Gottlieb Stern aus dem Jahre 1859 erscheint:

Gleich wie Thon in Bildners Hand, den er nach Gefallen dehnt und kürzt, so auch sind wir in deiner Hand, die in Gnaden schafft: so betrachte den Bund, der ohne eigenen Willen ist.
Gleich wie der Stein in Bildhauers Hand, der er nach Gefallen fügt oder bricht: so auch sind wir in deiner Hand, Du belebst und tötest. So betrachte den Bund, der ohne eigenen Willen fortlebt.
Gleich wie das Eisen in Schmiedes Hand, das er im Feuer fugt und spaltet: so auch sind wir in Deiner Hand, die die Armuth stützt. So betrachte den Bund, der ohne eigenen Willen wird was er ist.
Gleich wie der Anker in des Schiffers Hand, den er nach Gefallen einzieht oder auswirft: so auch sind wir in Deiner Hand, Allgültiger und versöhnlicher Gott. So betrachte den Bund, der durch Deine Güte besteht.
Gleich wie Glas in Schmelzers Hand, das er nach Gefallen formt und schmelzt: so auch sind wir in Deiner Hand, der Vorsatz wie Irrthum vergibt. So betrachte den Bund, der ohne Willen handelt.
Gleich wie der Teppich in Webers Hand, den er nach Gefallen in verschiedene Formen wirft: so auch sind wir in Deiner Hand, Gott der Alles rächt. So betrachte den Bund, der ohne Willen lebt und webt.
Gleich wie Silber in des Läuterers Hand, das er nach Gefallen verschlackt und läutert: so auch sind wir in Deiner Hand, der für die Wunde den Balsam bereitet. So betrachte den Bund, der ohne Selbstwillen fortbesteht.

Ein moderner Übersetzungsversuch findet sich bei Leo Hirsch in seinem Buch Jüdische Glaubenswelt:

Denn sieh, wie der Lehm in des Töpfers Hand –
wie er will, macht er weit, wie er will macht er eng –
so sind wir in deiner Hand, der du Gnade bewahrst;
schau auf den Bund und wende dich nicht zum Trieb.
Denn sieh, wie der Stein in des Steinhauers Hand –
wie er will, erfasst er, und wie er will, zerschlägt er –
so sind wir in deiner Hand, gütiger und verzeihender Gott.
Denn sieh, wie das Glas in des Glasbläsers Hand –
wie er will, formt er, und wie er will, schmelzt er –
so sind wir in deiner Hand, der du Frevel und Irrtum vergibst.
Denn sieh, wie der Teppich in des Wirkers Hand –
wie er will, wirkt er grad, wie er will, wirkt er schräg –
so sind wir in deiner Hand, eifriger, rächender Gott.
Denn sieh, wie das Feuer in des Schmiedes Hand –
wie er will, bläst er an, wie er will, bedeckt er es –
so sind wir in deiner Hand, der du den Atem einhauchst,
schau auf den Bund und wende dich nicht zum Trieb.

Die Einzigartigkeit dieses Pijjuts liegt in seinem Unterschied zu anderen Selichot. Während die Hauptthemen dieser Selichot normalerweise die Sünden, die Reue und die Bitte um Gottes Vergebung haben, verfolgt Ki hine ka-Chomer einen anderen Ansatz. In einer manchmal stoisch anmutenden Haltung scheint dieses Pijjut zunächst die völlige Abhängigkeit der Schöpfung von Gott zu bestätigen. Der Mensch wird immer mit einer Art passivem Material oder Objekt verglichen und Gott mit dem aktiven Künstler oder Handwerker, der diesem Objekt seine Form gibt oder es benutzt. Aber hier scheint es einen Widerspruch zu geben. Wenn wir tatsächlich nur ein passives Objekt in Gottes Hand sind, wenn wir völlig seinem Willen unterworfen sind, warum sollten wir dann an Jom Kippur Busse tun und um Vergebung bitten?

Maurycy Gottlieb – Juden in der Synagoge am Jom Kippur

Wenn man das Pijjut aufmerksam liest, entdeckt man eine tiefere Bedeutung. Die Analogien, die den Menschen beschreiben, entwickeln sich allmählich und ähneln der Entwicklung des Menschen in der Welt. Am Anfang können wir nur Rohstoffe wie Ton und Lehm mit blossen Händen bearbeiten, dann kommen wir zur Steinzeit (Stein und Steinhauer), zur Bronzezeit (Eisen und Schmiede) und von da zur Eroberung des Meeres (Anker und Seefahrer). Der Mensch entwickelt und erhebt sich in seinen wissenschaftlichen und mechanischen Kenntnissen, indem er sich Glas, Stoff und Feuer untertan macht. In jeder dieser Entwicklungsphasen darf Gott als Schöpfer nicht vergessen werden.

Aus einem in Berdytschiw gedruckten Machsor von 1818. Breslauer Sammlung BH 1496.

Man müsse sich daran erinnern, dass man nach dem Bilde Gottes geschaffen sei, dass man wie er die Fähigkeit habe, seine Umwelt zu gestalten und zu beherrschen, dass man aber vor allem darauf achten müsse, dieses Bild nicht durch die Sünde zu beflecken. Man solle sich stets daran erinnern, dass Gott der einzige Schöpfer und Herr über alles ist, und man solle sich bemühen, dem Beispiel Gottes zu folgen und stets nach dem Guten streben.

Oded Fluss. Zürich, 10.10.2024.

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