Erich Kästner – Für Kinder und Kenner

Erich Kästner, dessen Todestag sich Ende dieses Monats zum 50. Mal jährt, war ein zynischer Optimist. Zwei widersprüchliche Eigenschaften, die zusammen einen grossen Kinderbuchautor ausmachen. Obwohl er an fast allem zweifelte, glaubte er an die Zukunft, an die Kinder. Er schrieb für sie und über sie, sprach zu ihnen nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe und erreichte damit nicht nur sie, sondern auch das innere Kind in jedem Menschen.

Erich Kästner (1899-1974)

„Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!“

Seine Kindergeschichten waren direkt und ironisch, realistisch und fantastisch zugleich, vor allem aber kindlich, und zwar nicht im negativen Sinne, wie das Wort heute gebraucht wird, sondern in seiner reinen, naiven Bedeutung. Und obwohl sie kindlich waren, behandelten sie Themen, die normalerweise als für Kinder ungeeignet galten, auf unschuldige und vor allem lustige Weise. Wie ein roter Faden zieht sich die kindlichste aller Fragen durch seine Geschichten: „Warum?” Diese Frage, die nicht loslässt, die keine Grenzen kennt, weil jede Antwort auf sie wieder mit ihr konfrontiert werden könnte, eine Frage, die den Erwachsenen irritiert, aber universell alle Kinder und Kinder im Herzen verbindet: „Warum?”

Erich Kästner – Über das Verbrennen von Büchern. Atrium Verlag. Zürich, 1959.

Kästner, der ein solches „Kind im Herzen“ war, schaffte es, auch in den unkindlichsten Zeiten, in denen die Kindheit so wenig Platz hatte wie die Hoffnung, ein Kind zu bleiben, und das, obwohl er die Verbrennung seiner eigenen Bücher miterlebte. In seinem ersten Roman nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Zeit des Zweifels und der Angst, konfrontierte Kästner die Welt noch einmal mit seinem „Warum?” Eine neue Krise, ein neuer Krieg lauerte um die Ecke, und das in einer Welt, die eigentlich schon genug Kriege und Elend haben sollte.

Erich Kästner – Die Konferenz der Tiere. Europa Verlag. Zürich, 1949.

“Eines schönen Tages wurde es den Tieren zu dumm.”

Die Konferenz der Tiere, die vor 75 Jahren in Zürich herauskam, folgt dem Vorbild von Aristophanes‘ Lysistrata, nur dass es hier nicht die Frauen sind, die die ständigen Kriege satt haben, sondern die Tiere. Dies ist jedoch kein einfacher Fall von Vermenschlichung. Der Mensch hat seine Vorbildfunktion verloren. Nun ist es an den Tieren, die Rolle der Menschen zu übernehmen und noch “menschlicher” zu werden.
Anders als ihre irdischen Mitgeschöpfe erkennen die Tiere die grosse Ironie menschlicher Kriege:

»Mir tun bloß die Kinder Leid, die sie haben«, meinte der Elefant Oskar und ließ die Ohren hängen. »So nette Kinder! Und immer müssen sie die Kriege und die Revolutionen und Streiks mitmachen, und dann sagen die Großen noch: Sie hätten alles nur getan, damit es den Kindern später einmal besser ginge. So eine Frechheit, was?«

„Es geht um die Kinder!“

„Es geht um die Kinder“, das zum Motto des Buches wird, ist genau das, was von den Menschen missverstanden und von den Tieren verstanden wird. Das Buch, ein Gemeinschaftsprojekt Kästners mit dem frech-fröhlichen Illustrator Walter Trier (der viele seiner Bücher illustrierte) und der Journalistin, Schriftstellerin und Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek Jella Lepman (beide jüdischer Herkunft), forderte alle Dogmen der Zeit (und aller Zeiten) mit einer dringend notwendigen Einfachheit heraus:

Sie müssen aufhören! Denn sie können aufhören! Und deshalb sollen sie aufhören!

Vergeblich versuchen die Tiere, die Menschen davon abzuhalten, in einen weiteren sinnlosen Krieg zu ziehen, bis sie schliesslich als letzten Ausweg alle Kinder der Welt entführen. Erst dann, in einer Welt ohne Kinder, entdecken die Menschen ihr inneres Kind und erkennen, dass sie ihre Kriege beenden müssen, und die Geschichte findet ihr utopisches Ende. Was wie ein Gruselmärchen klingen mag, wird so farbenfroh und unschuldig erzählt, dass es den jungen Lesenden Spass macht und sie aus der Geschichte etwas lernen können. Das Hauptziel war es jedoch, Erwachsene zu erreichen, auch wenn das ziemlich aussichtslos war.

Der Untertitel „Ein Buch für Kinder und Kenner“ zeigt, dass Kästner nicht damit rechnete, dass sein Buch tatsächlich etwas bewirken würde. Es würde nur die überzeugen, die schon überzeugt waren. Und doch, wie Kästner einmal schrieb:

„Satiriker können nicht schweigen […] im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, dass die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht. Satiriker sind Idealisten“

Kästners Kinderbücher in hebräischer Übersetzung in unserer Bibliothek. Von rechts oben nach links unten: Ora ha-Kfula (Das doppelte Lottchen) ; Pitzponet ve-Anton (Pünktchen und Anton); ha-Ish ha-katan (Der kleine Mann); Erich Kästner mesaper (Erich Kästner erzählt): Emil ve-ha-Balaschim (Emil und die Detektive)

Erich Kästner ist nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Israel einer der bekanntesten Kinderbuchautoren. Trotz des Deutschverbots in Israel zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden fast alle seine Bücher ins Hebräische übersetzt, einige sogar mehrfach und mit grossem Erfolg. [Wenn ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben darf: Mein Grossvater in Jerusalem, der nach dem Holocaust jedes Buch eines nichtjüdischen deutschen Autors boykottierte, hatte trotzdem Bücher von Erich Kästner im Regal, und viele Jahre lang dachte ich, Kästner sei Jude. Als ich schliesslich herausfand, dass er es nicht war, und meinen Grossvater fragte, warum seine Bücher erlaubt seien, antwortete er: „Kästner kann nichts dafür, dass er als Nichtjude geboren wurde“].

אורה הכפולה
Erich Kästner – Ora ha-Kfula (Das doppelte Lottchen).

Um eine allzu wohlwollende Haltung gegenüber Deutschland zu vermeiden, wurden in der hebräischen Übersetzung die Namen der Figuren und manchmal sogar der Ort der Handlung geändert. (Aus den Namen Luise und Lotte, die in „Das doppelte Lottchen“ den Namen der Mutter Luiselotte ergeben, wurden im Hebräischen Li und Ora, was den Namen Liora ergibt. Der Geburtsort München wurde in das „unschuldige“ Zürich geändert).

„Atzeret ha-Chajot“. Hebräische Ausgabe des Buches Konferenz der Tiere, übersetzt 1958 von Miriam Yalan-Shteklis

Vielleicht wäre es angemessen, diesen kleinen Text über Kästner und seine Konferenz der Tiere mit etwas wie „und heute, wo Kriege herrschen und Kinder am meisten leiden, ist diese Geschichte aktueller denn je“ zu beenden. Begnügen wir uns aber mit der Feststellung, dass heute jemand wie Erich Kästner fehlt – ein Satiriker, ein Idealist, ein „Warum“-Frager. Ein Mensch, für den immer das Lebensmotto galt: „Es geht um die Kinder“.

Oded Fluss. Zürich 24.7.2024.

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Der jüdische Klee (2)

In unserem letzten Beitrag (https://breslauersammlung.com/2024/06/20/der-juedische-klee/) haben wir uns vor allem mit Alfred Klee (1875-1943) beschäftigt. Ausgehend von einer Widmung in einem Buch der Bibliothek haben wir seine frühe Freundschaft mit Theodor Herzl, seine Bedeutung in der zionistischen Bewegung und sein Wirken als begnadeter Jurist untersucht. Wir sprachen auch über seine Familie, insbesondere über seine Enkelin Hanneli, die als Anne Franks beste Freundin bekannt werden sollte. Wir zeigten, wie sein Leben 1938 durch den klugen Rat seines Sohnes Hans Klee gerettet wurde, seine Enkelin zu ihrem zehnten Geburtstag in Amsterdam zu besuchen und nicht nach Berlin zurückzukehren.

Hans Klee (1906-1959)

Wenden wir uns nun Alfreds Sohn Hans zu. Hans Klee wurde am 3. November 1906 in Berlin geboren. Als begeisterter Zionist trat er schon in jungen Jahren in die Fussstapfen seines Vaters und war Mitglied und Vorstandsmitglied zahlreicher zionistischer Organisationen und Komitees in Berlin. Zeitweilig redigierte er das weit verbreitete Hamburger Jüdische Familienblatt und gehörte dem Präsidium des Makkabi-Vereins an. Noch 1932 nahm er als Vertreter Deutschlands an der Gründungsversammlung des Jüdischen Weltkongresses in Genf teil. Wie sein Vater wandte er sich dem Jurastudium zu, konnte aber wegen seiner jüdischen Abstammung in Berlin kein Examen ablegen. Er ging nach Basel, wo er 1934 promovierte.

Edith Klee-Spira (1908-1964)

Nach seiner Übersiedlung nach Genf lernte er dort seine Frau und Lebensgefährtin Dr. Edith Klee-Spira (1908-1964) kennen. Die in Bleistadt als Tochter des Arztes Bernhard Spira und seiner Frau Irma (geb. Meisels) geborene Klee-Spira besuchte das Realgymnasium in Graslitz, absolvierte zwei Semester an der tschechischen Handelsschule in Prag und studierte schliesslich an der Deutschen Universität in Prag. Sie spezialisierte sich auf Zahnheilkunde und kam nach Abschluss ihres Studiums im Herbst 1938 erstmals als Feriengast in die Schweiz.

Israelitisches Wochenblatt 28.5.1943.

Die Achterbahnfahrt, die die ersten Jahre des Paares bedeuteten, kann in diesem kurzen Bericht nicht beschrieben werden. Sie mussten nicht nur mit dem Arbeitsverbot in der Schweiz während der Kriegsjahre zurechtkommen (beide waren staatenlos), sondern auch unermüdlich versuchen, den Rest von Hans‘ Familie zu retten, die nun in den von den Nazis besetzten Niederlanden zurückgeblieben war. Der tragische und frühe Tod von Hans‘ Schwester Ruth Judith war schon schwer zu verkraften, aber das war nur die erste von vielen Tragödien, die noch folgen sollten.

S. Posener – Adolphe Cremieux. Editions de la Terre Retrouvee. Paris, 1939.

Inzwischen lebten Alfred und Theresa Klee in Den Haag und der trauernde Ehemann Hans Goslar mit seinen beiden Töchtern Hanneli und Gabrielle in Amsterdam. Die Briefe zwischen Den Haag und Genf gingen unermüdlich hin und her. Trotz der sich ständig verschlechternden Bedingungen in den Niederlanden versuchte Alfred Klee, so etwas wie einen normalen Tagesablauf aufrechtzuerhalten. Er widmete sich vor allem dem Studium und der Lektüre, und viele seiner Briefe an seinen Sohn handelten von Büchern, die er gelesen hatte. Eine dieser Buchkorrespondenzen findet sich, wenn auch nicht als Brief, so doch in Form einer Widmung in einem der Bücher unserer Bibliothek. Das geistige Niveau von Vater und Sohn wird in der altgriechischen Widmung deutlich. Die Übersetzung lautet schlicht „in wahrer Freundschaft“.

Alfred Klee mit seiner Tochter Ruth Judith Klee-Goslar

Hans und seine Schwester Esther (Eugenie) in London versuchten alle Kontakte zu nutzen, um Ausreisevisa für ihre Eltern, ihren Schwager und ihre beiden Nichten zu bekommen. Alle Möglichkeiten werden in Betracht gezogen: Palästina, USA, Argentinien und auch die Schweiz. Diese Bemühungen werden zu einem mühsamen Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung, das zusammen mit den sich ständig verschlechternden Bedingungen in den Niederlanden die Familie Klee schwer belastet. Die Bemühungen der Klees und Goslars, Holland zu verlassen, wurden noch dringlicher, nachdem beide Familien am 20. Juni 1943 zusammen mit den anderen Juden aus dem Süden Amsterdams in das Konzentrationslager Westerbork deportiert worden waren. Für den bereits herzkranken Alfred Klee war dies der endgültige Todesstoss: Vier Monate später erlag er einem Herzversagen. Er wurde auf dem alten jüdischen Friedhof in Muiderberg neben seiner Tochter beigesetzt.

Grabstein von Alfred Klee in Muiderberg

Kurz nach dem tragischen Tod von Alfred Klee wurde die verbliebene Goslar-Familie zusammen mit Therese Klee in das Lager Bergen-Belsen gebracht. Obwohl dies als bessere Alternative zu Auschwitz galt, wurde der Kontakt zwischen Hans und seiner Schwester und dem Rest der Familie fast unmöglich. Im Januar 1945 gab es einen Hoffnungsschimmer, als das Gerücht aufkam, dass ein Zug mit Therese und Hans Goslar und ihren beiden Töchtern aus Bergen-Belsen in der Schweiz eintreffen würde. Als Hans Klee zum Bahnhof ging, um seine Mutter und den Rest der Familie abzuholen, erfuhr er zu seinem Entsetzen, dass Hans Goslar kurz vor der Abfahrt des Zuges wegen einer Rippenoperation ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Therese Klee durfte mitfahren, wollte aber nicht von ihrer Familie getrennt werden.

Israelitisches Wochenblatt 20.7.1945.

Leider war dies die letzte Chance für Therese Klee und Hans Goslar, gerettet zu werden. Beide starben, Hans im Februar 1945 an den schlechten hygienischen Bedingungen nach seiner Operation und Therese Klee einen Monat später an Erschöpfung. Das Lager Bergen-Belsen wurde erst einen Monat später von der britischen Armee befreit. Lange Zeit war das Schicksal der verbliebenen Familie Spira ungewiss und es wurden endlose Anstrengungen unternommen, um ihren Verbleib zu klären. Die beiden Schwestern Hanneli und Gabrielle wurden schliesslich gefunden, nachdem sie den so genannten „Verlorenen Transport“ bestiegen hatten. Krank und erschöpft wurden sie in einem Krankenhaus in Holland von Otto Frank gefunden, der sich auch um sie kümmerte und nach ihrer Genesung half, sie mit Hans und Edith Klee in Zürich wieder zu vereinen.

Hans Klee als Leiter der Flüchtlingsvertretung für Rück- und Weiterwanderung (Ca. 1945).

Hans Klee setzte das Erbe seines Vaters fort und verfolgte seine zionistische Arbeit mit noch grösserem Eifer. Seit 1937 hatte er an allen Zionistenkongressen teilgenommen, 1937 in Zürich als deutscher Delegierter, 1946 in Basel und seither an den Kongressen in Jerusalem. In den Kommissionen, meist in der Organisationskommission, hatte er ein gewichtiges Wort mitzureden und dem Plenum des Kongresses Bericht zu erstatten. Er war Mitglied des Exekutivkomitees des Zionistischen Weltbundes und dessen europäischer Schatzmeister. In der Schweiz war er seit 1947 Präsident des Zionistischen Weltbundes, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Zionistenbundes und später dessen Vizepräsident. Der tragische Tod eines Grossteils seiner Familie hinderte Hans Klee nicht, sondern motivierte ihn noch mehr, anderen jüdischen Flüchtlingen zu helfen, und er wurde Leiter der Flüchtlingsvertretung für Rück- und Weiterwanderung.

Hans Klee – Hugo Grotius und Johannes Selden. Verlag Paul Haupt Bern, 1946. B 6172.

Im Gegensatz zu seinem Vater war er nicht nur ein begnadeter Redner, sondern schrieb auch fliessend, und viele seiner Bücher befinden sich in unserer Bibliothek. Eine Widmung in einem von ihm verfassten Buch über die Juristen Hugo Grotius und Johannes Selden zeugt von einem Vortrag, den er 1946 in der Augustin Keller Loge hielt. Auf der ersten Seite des Buches ist eine bewegende Widmung an seinen drei Jahre zuvor verstorbenen Vater abgedruckt. Wie als Antwort auf die Widmung, die ihm sein Vater sechs Jahre zuvor geschrieben hatte, endet auch diese Widmung mit einem Satz in altgriechischer Sprache.

Sowohl Hans Klee als auch seine Frau Edith Klee-Spira waren in ihren Berufen in Zürich bekannt. Hans als langjähriger Redakteur des Israelitischen Wochenblatts in Zürich und bekannter Jurist und Edith als begabte Zahnärztin, die sich auf Zahnkorrekturen spezialisiert hatte (siehe den wunderbaren nostalgischen Kommentar unseres geschätzten Lesers Jacques Korolnyk im vorigen Beitrag). Beide waren sehr aktive Mitglieder der ICZ-Gemeinde und besonders an der Bibliothek interessiert. Edith war sowohl Mitglied der Kultur- als auch der Bibliothekskommission und Hans war sowohl Vorstandsmitglied als auch Präsident der Bibliothekskommission. Fast alle in diesem Artikel erwähnten Bücher wurden der Bibliothek aus ihrem Nachlass geschenkt.

Oded Fluss. 27.6.2024.

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Der jüdische Klee

Eine schöne Widmung, die man zufällig in einem Buch findet, ist kaum zu übersehen. Geschrieben vom Dresdner Oberrabbiner Jakob Winter (1857-1940) und adressiert an Dr. Alfred Klee (1875-1943), erinnert die Widmung aus dem Jahr 1925 an einen gemeinsamen Tag des Oberrabbiners und des Anwalts in St. Moritz. Neben dem Namen des Adressaten, Dr. Klee, finden wir in hebräischer Schrift die Worte כלי קדש [Klee Kodesh], was „heilige Gefässe“ bedeutet und ein Wortspiel mit Klees Namen ist, das nahelegt, dass er selbst ein heiliges Gefäss war.

Dr J. Winter – Stellung der Sklaven bei der Juden. Breslau, 1886. B 3042

Aber das ist nicht der Punkt, an dem die Geschichte beginnt, und es ist auch nicht der Punkt, an dem sie endet. Alfred Klee ist nicht der einzige Klee, der in den Büchern und Broschüren unserer Bibliothek immer wieder auftaucht. Auch sein Sohn, Dr. Hans Klee (1906-1956), und dessen Frau, Dr. Edith Klee-Spira (1908-1964), tauchen in den Beständen unserer Bibliothek immer wieder auf. Dies erlaubt uns, ein wenig tiefer in die faszinierende und tragische Geschichte der Familie Klee einzutauchen, eine Geschichte, die von Theodor Herzl bis Anne Frank, von St. Moritz bis zum Konzentrationslager Westerbork, von der Staatenlosigkeit bis zum Vorstand der ICZ-Gemeinde reicht.

Alfred Klee (1875-1943)

Alfred Klee, der heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist, war einer der prominentesten und brillantesten deutschen zionistischen Juden. Als früher Anhänger und Weggefährte Theodor Herzls (er half Herzl bei der Ausarbeitung des „Charter“-Entwurfs) machte er es sich zur Aufgabe, die zionistische Idee so weit wie möglich zu verbreiten, auch in einer Zeit, in der diese Idee äusserst unpopulär war. Klee, der für seine erstaunlichen rhetorischen Fähigkeiten bekannt war, trat in ganz Europa vor Massen in Berlin oder vor wenigen Zuhörern in einem abgelegenen Dorf auf und predigte mit grosser Überzeugungskraft den zionistischen Traum. Sein guter Freund und Arbeitskollege Sammy Gronemann beschrieb ihn als jemanden, der allein mit seiner Stimme „tote Seelen zum Leben erwecken“ konnte.

Delegation deutscher Zionisten beim Grossherzog von Baden. Alfred Klee ganz links. ca. 1902.

Vielleicht ist es jetzt etwas leichter, die obenerwähnte Widmung von Rabbiner Winter zu verstehen, denn Alfred Klee hatte sich tatsächlich in ein Gefäss im Dienste der zionistischen Bewegung verwandelt. Er nutzte seine rhetorischen Fähigkeiten und seine durchsetzungsfähige Persönlichkeit, um unzählige Juden, vor allem im Osten, von der Notwendigkeit eines jüdischen Landes zu überzeugen und sie zu beeinflussen. Der Mann, der selten schrieb, hinterliess einen kleinen Artikel, in dem er sein Hauptargument beschrieb:

Und doch ist es leicht, den Inhalt der notwendigen jüdischen Politik auf eine kurze Formel zu bringen: sie soll dem anormalen jüdischen Leben normale Bedingungen verschaffen. Damit ist, als Grundlage der politischen Forderung, die Erkenntnis der Abnormität der Jüdischen Lage gegeben […] Die Herstellung normaler Bedingungen für ein Volksleben muß daher das Ziel jüdischer Politik sein. Diese Forderung ergibt sich insbesondere auch aus der kulturellen Situation der Juden. Freies geistiges Schaffen nach eigenen Gesetzen ist für die Juden heute eine Unmöglichkeit. Ihnen fehlt die Sicherheit und Ruhe des eigenen, von seiner Zukunft überzeugten Volkslebens. Woher sie kommen, sie sind überall Einzelne und Versprengte, die feindlich oder mißtrauisch betrachtet werden. Das kann erst anders werden, wenn sie ein Land haben, das ihr Land ist, wo sie so unbefangen und selbstverständlich leben können wie andere Völker […] Im Vertrauen auf die geistige Leistung der Juden liegt die Hoffnung des Zionismus. In ihm liegt auch die Gewähr, daß die politischen Ziele des jüdischen Volkes den kulturellen Interessen der Menschheit dienen.
Alfred Klee – „Tatsachen Jüdischer Politik“. Der Spiegel – Beiträge zur sittlichen und künstlerischen Kultur. Berlin, 1920

Klee gehörte 1909 zu den Mitbegründern der Jüdischen Volkspartei, die programmatisch für ein positives und schöpferisches Judentum eintrat, und er war zeitweilig Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Er war langjähriges Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees, gehörte dem Rat der ICA an, war Mitglied zentraler Hilfs- und Kolonialgesellschaften und wurde 1929 auch in die Jewish Agency gewählt. Seine rhetorischen Fähigkeiten und seine Überzeugungskraft setzte Klee nicht nur in der Politik, sondern auch als Anwalt ein.

Ankündigung eines Vortrags von Alfred Klee in der Zeitung „Das jüdische Echo“. München, 13.3.1925.

Als gefragter Strafverteidiger widmete er einen Grossteil seiner Zeit und Energie der Verteidigung des jüdischen Volkes. Berühmt wurde seine meisterhafte Prozessführung gegen die verleumderische Schrift des Grafen Reventlow über die „Weisen von Zion“. Er setzte sich weiterhin für Juden ein, die zu Unrecht aus antisemitischen Gründen angeklagt wurden, bis das nationalsozialistische Arbeitsverbot von 1938 dies nicht mehr zuliess. Kurz darauf floh er mit seiner Frau nach Amsterdam, wo er mit seiner Tochter Ruth und seiner Enkelin Hanneli wiedervereint wurde.

Hannah „Hanneli“ Pick-Goslar mit ihrem Grossvater Alfred Klee

Der Name Hanneli mag den meisten bekannt vorkommen. Es handelt sich dabei um Hannah „Hanneli“ Pick-Goslar (1928-2022), bekannt als die beste Freundin von Anne Frank, die in dem berühmten Tagebuch mehrfach erwähnt wird. In ihrem Erinnerungsbuch „Meine Freundin Anne Frank“ erzählt sie von ihrem Grossvater Alfred Klee und wie ihr zehnter Geburtstag ihm zufällig das Leben rettete:

„Was tust du denn hier, Opa?“, quietschte ich.
Ich konnte es nicht glauben. Auf dem Rückweg von der Synagoge hatten meine Eltern und ich in der Ferne einen Mann allein auf der Treppe zu unserem Wohnhaus sitzen sehen. Er trug einen runden Hut und einen eleganten Wollmantel, zu seinen Füßen stand ein kleiner Koffer. Als ich begriff, dass das mein Großvater Alfred Klee war, sah ich zu meinen Eltern auf, doch die wirkten genauso überrascht wie ich. Er lebte in Berlin, und keiner von uns erwartete ihn zu Besuch.
Ich rannte los und warf mich in seine Arme.
„Wie ich höre, hat hier heute jemand Geburtstag“, sagte er, und hinter dem Zwicker funkelten seine Augen.
Es war Samstag, der 12. November 1938, mein zehnter Geburtstag. Doch obwohl er ihn ansprach, war das nicht der Grunde, weshalb er hier in Amsterdam, auf unserer Treppe saß. Drei Tage zuvor war er von seiner Wohnung in Berlin nach Hamburg gefahren. Mein Großvater war eingeladen worden, dort einen Vortrag über den Zionismus zu halten. Die Stimmung in Deutschland war angespannt. Ein siebzehnjähriger polnischer Jude hatte einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Frankreich niedergeschossen, um auf die schlimme Lage polnischer Juden in Deutschland aufmerksam zu machen. Am 9. November, dem Reisetag meines Großvaters, erlag der Botschaftsangehörige seinen Verletzungen, und die Nationalsozialisten benutzten den Vorfall als Vorwand, um, angeblich zum Schutz der Ehre Deutschlands, Juden anzugreifen.
In Hamburg sah mein Großvater, wie Horden von NS-Braunhemden, also paramilitärische Einheiten der Partei im Stadtzentrum jüdische Geschäfte stürmten, Schaufenster einschlugen, Waren auf das Pflaster warfen und jüdische Bewohner verprügelten. Schreiende, johlende Horden warfen Steine in die Glasfenster von Synagogen und zündeten sie an. Einige Juden versuchten, Thorarollen aus den Synagogen zu retten, bevor sie in Brand gerieten. Überall in Deutschland ereigneten sich am 9. und 10. November ähnliche Szenen von Chaos und Zerstörung. Unsere frühere Berliner Synagoge brannte genauso nieder wie über tausend andere im ganzen Land. Die Feuerwehr erhielt von den Behörden die Anweisung, das Feuer in brennenden Synagogen nicht zu löschen, sofern keine benachbarten Gebäude gefährdet waren. Anfangs sprach man von einem Pogrom -wie bei den Angriffen auf russische Juden unter der zaristischen Regierung. Schon bald aber verbrämten die Nazis diese Nacht der Scherben mit dem Wort „Kristallnacht“.
Am Morgen des 10. Novembers rief mein Großvater seinen Sohn, meinen Onkel Hans, an und fragte ihn, ob er sicher nach Berlin zurückkehren könne. Onkel Hans antwortete kryptisch; Du hast eine Enkelin, die in zwei Tagen Geburtstag hat. Auf der Stelle begriff Opa die versteckte Botschaft: Geh nach Amsterdam. Und so saß er nun auf unserer Treppe, mit dem kleinen Reisekoffer, den er für eine Nacht in Hamburg gepackt hatte – plötzlich war er ein Flüchtling, und meine Großmutter noch in Berlin.

Bild aus dem Buch: Meine Freundin Anne Frank : die Geschichte unserer Freundschaft und mein Leben nach dem Holocaust. Penguin Verlag München, 2023. D 41124

Wir sehen also, dass Alfred Klee auch ein Familienmensch war. Mit seiner Frau Teresa (1877-1945) hatte er zwei Töchter, Esther und Ruth, und einen Sohn, Hans. Die ältere Tochter Esther war eine bekannte Biologin. Sie heiratete den Philosophen Simon Rawidowicz und wurde als Esther Eugenie Klee-Rawidowicz (1900-1980) bekannt. Sie und ihr Mann flohen 1933 aus Deutschland nach London und emigrierten später in die USA. Die andere Tochter von Alfred Ruth Judith (1901-1942) war die Mutter der oben erwähnten Hanneli. Sie war mit dem Journalisten und Pressechef des Preussischen Staatsministeriums Hans Goslar (1889-1945) verheiratet und kam bei einer Totgeburt im Kreise ihrer Familie in Amsterdam tragisch ums Leben.

Israelitisches Wochenblatt 13.12.1942

Eine zweite Widmung (genauer: zwei Widmungen) findet sich in unserem Bestand in einem Buch über Adolphe Cremieux, den französischen Rechtsanwalt, Politiker, Journalisten und Vertreter des Consistoire central israélite, der vor allem durch seinen Kampf für die Emanzipation der Juden in Frankreich bekannt wurde. Der Autor Solomon Posener widmete das Buch Alfred Klee, der es wiederum seinem Sohn Hans widmete. Die Widmung ist auf den 25.1.1940 in Den Haag datiert.

S. Posener – Adolphe Cremieux. Editions de la Terra Retrouvee. Paris, 1939. B 3621.

Hans Klee war zuvor schon von Hanneli als derjenige erwähnt worden, der ihrem Grossvater kryptisch geraten hatte, nicht nach Berlin zurückzukehren. Über den Sohn Hans Klee, seine Frau Edith Klee-Spira, ihre Verbindung zur Schweiz und zur ICZ-Gemeinde und wie diese Bücher in unsere Bibliothek kamen, lesen Sie im zweiten Teil unseres Beitrags: https://breslauersammlung.com/2024/06/27/der-juedische-klee-2/

Oded Fluss. Zürich, 20.6.2024.

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Liebesgeschichte zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter

Jakob Steinhardt – Rut und Noemi

Zwischen den Büchern Hiob und Kohelet, die zu den pessimistischsten Büchern der Bibel gehören, steht das optimistische Buch Rut, das eine echte Anomalie darstellt und die vielleicht utopischste aller biblischen Geschichten erzählt. Die zur Erntezeit spielende Idylle handelt von der Moabiterin Rut, die trotz grosser Not und nach dem Verlust ihres Mannes in einem Akt grossen Glaubens die jüdische Religion annimmt. Sie verlässt ihre Familie, ihr Land und ihr Volk, um ihre Schwiegermutter Noemi in deren Heimatstadt Bet Lechem zu begleiten. Dort, umgeben von reifen Gerstenfeldern, trifft Rut ihren zukünftigen Ehemann Boas, der sie wegen ihrer tugendhaften Taten in sein Herz schliesst. Die Idee der Nächstenliebe und des Mitgefühls, die sowohl Rut gegenüber ihrer Schwiegermutter als auch Boas gegenüber Rut zeigen, als er ihr erlaubt, auf seinem Feld zu ernten, sind mit der Idee der Chesed (Güte) und des Altruismus verbunden, für die Schawuot (das Wochenfest) bekannt ist. Die Aufnahme der nichtjüdischen Rut in die Familie und in die jüdische Religion zeigt die Toleranz des Judentums gegenüber anderen Religionen. Dies wird durch die Tatsache verstärkt, dass das Buch mit der Erwähnung endet, dass König David ein Nachkomme Ruts ist. 

Nachum Gutman – Rut und Noemi

Die Geschichte verläuft völlig konfliktfrei, die Figuren sind einfach und positiv gezeichnet und streben immer nach dem Guten. Sogar Orpa, die andere Schwiegertochter Noemis, die sich entscheidet, zurückzubleiben, tut dies auf Noemis Wunsch und aus einem sehr logischen Grund.

Marc Chagall – Noemi mit Rut und Orpa

Am bemerkenswertesten und manchmal übersehen ist die besondere Beziehung zwischen Rut und Noemi. Wir sind es gewohnt, das Buch Rut als eine Liebesgeschichte zwischen Rut und Boas zu sehen, aber wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass es auch eine Liebesgeschichte zwischen diesen beiden Frauen ist. Schwiegermutter und Schwiegertochter, was normalerweise als Klischee einer toxischen Beziehung gilt, erscheint hier als Ideal.

Das Buch Ruth in einer Miniaturbibel aus der Breslauer Sammlung

Noemi kümmert sich von erstem Moment der Geschichte an um Rut und schlägt ihr vor, bei ihrer Familie zu bleiben. Ruth ist Noemi von Anfang an treu und die einzige Bitte ihrer Schwiegermutter, die sie ablehnt, ist die, sie zu verlassen und zu ihrer moabitischen Familie zurückzukehren: «Dränge mich nicht, dich zu verlassen und mich von dir abzuwenden. Denn wo du hingehst, da will ich auch hingehen, und wo du bleibst, da will ich auch bleiben; denn dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott». Die beiden so gegensätzlichen Frauen – die eine alt, die andere jung, die eine Jüdin, die andere Nichtjüdin, die eine aus einer angesehenen, die andere aus einer einfachen Familie – werden von da an unzertrennlich: «Nur der Tod soll uns scheiden».

Hermann Fechenbach – „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen…“ Israelitisches Familienblatt 13.6.1929. Z 406

Rut, durchsetzungsfähig, mutig, unabhängig und gleichzeitig loyal zu Noemi, handelt mit göttlicher Demut und Vertrauen in ihre ältere Schwiegermutter Noemi, die ihrerseits alles in ihrer Macht Stehende tut, um ihrer Schwiegertochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Selbst der erotische Teil der Verführung des Boas durch Rut wird ganz von Noemi inszeniert. Diese sagt Rut genau, was sie tun soll und Ruth befolgt ihre Anweisungen bis ins kleinste Detail.

Rembrandt – Rut und Noemi

Die Namen Rut und Noemi werden zu Synonymen für eine untrennbare himmlische Verbindung (Chaim Nachman Bialik war bekannt für seine Aussage, dass Jiddisch und Hebräisch wie Rut und Noemi seien). Die beiden sehr unterschiedlichen Frauen, die die Geschichte beginnen, sind auch diejenigen, die sie beenden. Wie eine untrennbare Einheit erscheint die Geburt Obeds, als ob sie von beiden gemeinsam ausgegangen wäre. In der Schlussszene nimmt Noemi Ruts Neugeborenes auf ihren Schoss, als die Nachbarinnen rufen: «Ein kleiner Junge für Noemi, sein Name ist Obed, und er wird der Vater von Isai sein, dem Vater Davids.»

Simeon Solomon – Noemi, Rut und Obed

Mehr über das Buch Rut und Schawuot erfahren Sie in unserem früheren Beitrag: https://breslauersammlung.com/2022/06/02/das-buch-ruth-und-schawuot/

Oded Fluss. Zürich. 6.6.2024.

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Das schweizerisch-jüdische Exlibris par excellence

Oscar Porges (ganz links) mit Vater, Mutter und Bruder.

Oscar Porges (1891-1958) entstammte einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie in St. Gallen – sein Grossvater Adolf Burgauer war der erste jüdische Bürger St. Gallens, sein Vater Josef Porges-Burgauer jahrzehntelang Teilhaber der von seinem Schwiegervater gegründeten Firma Burgauer & Co.

In St. Gallen besuchte Porges die Volksschule und später die Handelsschule, die er mit der Handelsmatura abschloss. Nach einer etwa zweijährigen Tätigkeit bei einer Bank in St. Gallen verbrachte er längere Zeit in Lausanne, London, Mannheim und Leipzig (er war ein Grosscousin des Leipziger Rabbiners Prof. Dr. Nathan Porges). Von 1920 bis 1925 war er Geschäftsführer eines Unternehmens in Plauen, bis er sich 1927 entschloss, seine Leidenschaft mit seinem Beruf zu verbinden: Er wurde Inhaber der 100 Jahre alten Verlags-Antiquariats- und Sortiments-Buchhandlung M. W. Kaufmann in Leipzig.

Porges, der ein Bücherliebhaber und vom Judentum fasziniert war, und der Verlag M. W. Kaufmann, der um 1860 nach Leipzig zog und jüdische Gebetbücher, Predigten und andere religiöse und wissenschaftliche Literatur verlegte, schienen wie füreinander geschaffen.

Obwohl Porges den Verlag erfolgreich führte, sollte die Liebesgeschichte der beiden mit dem Aufkommen des Nazi-Regimes ein tragisches Ende finden. Der Verlag wurde erstmals im Juni 1938 vom Reichskommissar Hans Hinkel als „im Rahmen des jüdischen Buchhandels zugelassen“ bestätigt. Auch in der Oktoberliste wird er noch als solcher geführt, doch Anfang 1939 wird das altehrwürdige Unternehmen verboten und aus dem Handelsregister des Amtsgerichts gelöscht.

Signet des Zürcher Pan Verlags.

Porges kehrte in die Schweiz zurück, wo er seine verlegerische Tätigkeit fortsetzte. Nach einigen Jahren als Teilhaber des Zürcher Humanitas-Verlags gründete er 1944 seinen eigenen Pan-Verlag, in dem neben Belletristik und Psychologie auch bedeutende musikwissenschaftliche Autoren publizierten, wie Alfred Einstein, dessen Werk fast vollständig im Pan-Verlag erschien, und A. M. Rothmüllers Klassiker Die Musik der Juden.

Aron Marco Rothmüller -Die Musik der Juden. Pan Verlag. Zürich, 1951. D 2718 (K).

Als Büchersammler besass Porges eine riesige Judaica-Bibliothek mit Tausenden von seltenen Büchern in vielen Sprachen. Die Bibliothek wurde nach seinem Tod der Stadtbibliothek St. Gallen geschenkt, aber einige Bücher gelangten auch nach Zürich in unsere Bibliothek. Dies geschah wahrscheinlich in der Zeit, als Porges den Pan-Verlag leitete und keine 300 Meter von unserer Bibliothek entfernt an der Alfred-Escher-Strasse in Zürich wohnte.

Einige dieser Bücher tragen Porges‘ einzigartiges Exlibris, das seine ganze Biografie zu vereinen scheint: seine Liebe zu Büchern und seine Arbeit als Verleger, sein Bekenntnis zu seinen jüdischen Wurzeln und seine Verbundenheit mit seinem Heimatland.

Rafael Frank – Exlibris Oscar Porges.

Das Exlibris, dessen Künstler der berühmte Typograf Rafael Frank (1867-1920) ist, enthält hebräische Buchstaben (manchmal spiegelverkehrt oder auf dem Kopf stehend), die als lateinische Buchstaben verwendet werden und den Namen von Oscar Porges bilden. Die Figur auf dem Exlibris trägt eine seltsame Kombination von Büchern: ein Buch über die Schweiz, ein Buch über Richard Wagner und ein hebräisches Exemplar von Maimonides‘ Führer der Unschlüssigen. Ein zu Boden gefallenes Buch, auf das die Figur blickt, erinnert an einen Talmud, ein möglicher Hinweis darauf, dass Porges sich auch aus der Ferne für die jüdische Religion interessierte.

Besitzstempel Oscar Porges.

Oded Fluss. Zürich, 29.5.2024.

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Schon wieder Pessach?

Nein, Sie müssen Ihr Haus nicht noch einmal gründlich putzen und auch nicht eine Woche lang auf Chametz verzichten. Pessach sheni (zweites Pessach), auch Pessach katan (kleines Pessach) genannt, wird am 14. des Monats Ijar, 30 Tage nach Pessach, gefeiert und ist viel entspannter als dieses. Weniger bekannt, doch spielte das zweite Pessach in der Vergangenheit und spielt auch heute noch eine sehr wichtige Rolle.

Félix Emmanuel Philippoteaux – Die Israeliten in der Wüste.

Der Grund für das zweite Pessach findet sich bereits im Buch ba’Midbar (Numeri), als die Israeliten Mose fragen, was mit denen geschehen soll, die kein Pessachopfer darbringen können, weil sie unrein (unheilig) sind, da sie einen Toten berührt haben. Mose wendet sich mit dieser Frage an Gott, der ihm die Antwort gibt:

Sag den Israeliten: Wenn einige von euch oder von euren Nachkommen unrein sind wegen eines Toten oder wenn sie weit weg auf einer Reise sind, aber trotzdem das Paschafest für den Herrn feiern wollen / dann sollen sie es im zweiten Monat am vierzehnten Tag in der Abenddämmerung feiern; zu ungesäuerten Broten und Bitterkräutern sollen sie das Paschalamm essen (Num 9, 19-11)

איור משנת 1553
König Hiskia – Guillaume Rouille – Promptuarii Iconum Insigniorum,. Lyon, 1553.

In diesem Sinne ist das zweite Pessach eine Art „besser spät als nie“, denn es gibt denjenigen, die Pessach wegen Unheiligkeit oder Reisen nicht feiern konnten, eine zweite Chance, das Gebot zu befolgen. Diese zweite Chance kam zur Zeit des Königs Hiskia gerade recht, und das zweite Pessach trat sogar an die Stelle des ersten, wie wir im Buch der Chronik (Divre ha-Yamim) lesen:

 2Und der König hielt einen Rat mit seinen Obersten und der ganzen Gemeinde zu Jerusalem, das Passah zu halten im zweiten Monat.  3 Denn sie konnten’s nicht halten zur selben Zeit, darum daß der Priester nicht genug geheiligt waren und das Volk noch nicht zuhauf gekommen war gen Jerusalem. 4 Und es gefiel dem König wohl und der ganzen Gemeinde, 5 und sie bestellten, daß solches ausgerufen würde durch ganz Israel von Beer-Seba an bis gen Dan, daß sie kämen, Passah zu halten dem Herrn, dem Gott Israels, zu Jerusalem; denn es war lange nicht gehalten, wie es geschrieben steht. (Buch der Chronik. 2, 30)

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Gustave Doré – Judas Makkabäus vor dem Heer des Nikanor

In der Zeit der Hasmonäer, als der Krieg ebenfalls im Frühling stattfand, wurde das Pessach-Sheni fast zur Gewohnheit, wie uns der Historiker Salomon Zeitlin in seinem Buch The Rise and Fall of the Judaean State mitteilt.

Pessach katan wäre fast ein Nationalfeiertag zur Zeit der Häsmonäer geworden, denn durch ihren Krieg mit den Griechen fielen einige Kämpfe in den Frühling, in den Monat Nissan, und sie konnten das Pessachopfer nicht zur rechten Zeit durchführen, denn die Hasmonäer waren auch Hohepriester (Kohanim) und weit vom Tempel entfernt.

Solomon Zeitlin – The Rise and Fall of the Judaean State. Jewish publication society of America. Philadelphia, 1968. D 15115 (k).

Man könnte sich fragen, warum Pessach der einzige Feiertag ist, an dem man eine zweite Chance bekommt. Eine mögliche Antwort ist, dass das Pessachopfer oft als die erste Handlung des israelitischen Volkes als Volk angesehen wird und dass das Feiern des Pessachfestes bedeutet, sich als Teil des israelitischen Volkes zu bekennen. Das Pessach-Opfer und die Beschneidung sind die einzigen beiden jüdischen Mitzwot, deren Nichterfüllung mit Kareth כרת (Ausrottung) bestraft wird, und gelten daher als äusserst wichtige Bestandteile des Zusammengehörigkeitsgefühls des jüdischen Volkes. Die zweite Chance soll also zeigen, dass es auch für die Fernstehenden und Unreinen immer einen Weg zurück ins Volk gibt.


Wenn wir versuchen, dem Muster der Pessach-Fragen (Kuschijot) zu folgen, sollten wir dann fragen: Ma Nishtana? was unterscheidet Pessach sheni von Pessach? Wie in vielen Fällen kommt uns Maimondes zu Hilfe und sagt uns in seiner Mischne Torah:

Was ist der Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Pessach-Opfer? Beim ersten ist es verboten, Chametz zu sehen oder zu besitzen. Es darf nicht geschlachtet werden, während man im Besitz von Chametz ist. Sein Fleisch darf nicht aus der Gesellschaft entfernt werden, in der es gegessen werden soll. Beim Verzehr muss das Hallel rezitiert werden. Man muss ein Festtagsopfer bringen […]
Beim zweiten Pessachopfer hingegen dürfen sowohl das Chametz als auch die Matze zu Hause sein. Das Hallel wird nicht rezitiert, während es gegessen wird. Es darf aus der Gesellschaft, in der es gegessen wird, mitgenommen werden [..]

Maimondies – Mishne Torah. Das Buch der Opfergaben. Pessach. 10. 15. HQ 5 B/1

Auch in der Neuzeit, als das Pessach-Opfer nicht mehr galt, wurde die Möglichkeit des Pessach Scheni häufig genutzt. Jüdische Gemeinden in der Diaspora wurden manchmal von den Behörden daran gehindert, Pessach zu feiern. Sie verwendeten dann das weniger bekannte Pessach Sheni, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen. Auch in der Zeit des modernen Staates Israel wurde Juden, die nach Israel eingewandert und nach Pessach angekommen waren, ein zweites Pessach zugestanden, um es symbolisch im wahren Sinne im Heiligen Land zu feiern.

In den letzten Jahren hat das Pessach sheni eine weitere symbolische Rolle übernommen, nämlich die einer Brücke des Dialogs und der Toleranz zwischen den Religionen. In vielen jüdischen Gemeinden (auch in Zürich https://ncbi.ch/veranstaltungen/respect-seder-am-pessach-scheni/) wird der 14. des Monats Ijar genutzt, um gemeinsam mit unseren christlichen und muslimischen Freund/innen Pessach zu feiern.

Oded Fluss. Zürich, 15.5.2024.

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Kant in Jerusalem

Einer der hinterhältigsten und wirkungsvollsten Aspekte der Nazi-Propaganda war die Fähigkeit, sich das Gedankengut weltbekannter Denker und Philosophen anzueignen. Es ist leicht vorstellbar, dass Charles Darwins „Survival of the fittest“ und Friedrich Nietzsches „Übermensch“ so manipuliert wurden, dass sie in die Rassentheorie passten, aber auch Immanuel Kants „kategorischer Imperativ“ wurde von den Nazis korrumpiert.

Immanuel Kant (1724-1804)

Obwohl der Imperativ, dessen Hauptmerkmale Vernunft, Universalität und vor allem Autonomie waren, in direktem Gegensatz zur Irrationalität, Partikularität und blinden Unterwürfigkeit des Dritten Reiches zu stehen schien, gehört Immanuel Kant neben Nietzsche (zu Unrecht) und Heidegger (zu Recht) bis heute zu den Philosophen, die am häufigsten mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden. Dies sollte allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg seine volle Wirkung entfalten.

Yitzhak Rave (1906-1989)


Bei einer der bekanntesten Nachwirkungen des Holocaust, dem Prozess gegen Adolf Eichmann, der 1961 in Jerusalem stattfand, kam es zu einem kuriosen Zwischenfall. Zum Erstaunen vieler im Gerichtssaal behauptete Eichmann, er habe sein Leben lang versucht, dem kategorischen Imperativ Kants zu folgen. Der Richter Yitzhak Rave, der selbst nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen war, interessierte sich besonders dafür und befragte Eichmann zu seinem Verständnis von Kant, woraus sich ein faszinierender Dialog entwickelte, der auch Kant auf die Anklagebank brachte.

Adolf Eichmann

Raveh: Also ich sehe, dass Ihnen der kategorische Imperativ von Kant, als Sie das gesagt haben, genau gegenwärtig war?
— Eichmann: Jawohl.
— Raveh: Dann wollen Sie also damit sagen, dass Ihre Tätigkeit im Rahmen der Deportationen der Juden dem Kant’schen kategorischen Imperativ entsprach?
— Eichmann: Nein, das in keiner Weise, denn diese Tätigkeit und diese Zeit hatte ich ja unter einem Zwang, Zwang eines Dritten zu leben und zu wirken während aussergewöhnlicher Zeiten. Ich meinte damit, mit dem Leben nach dem Kant’schen Grundsatz, so weit ich Herr über mich selbst bin und mein Leben nach meinem Wollen und nach meinen Wünschen einrichten kann. Das Ist ja auch selbstverständlich, anders kann es nicht gemeint sein, denn wenn ich einer höheren Gewalt und einer höheren Kraft unterworfen werde, dann ist ja mein freier Wille an sich ausgeschaltet und dann, nachdem ich nicht mehr Herr meines Willen und Wollens sein kann, kann ich mir ja keine irgendwelchen Prinzipien zu eigen machen, die ich nicht beeinflussen kann, wohingegen ich den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit in diesen Begriff hineinbauen muss und auch darf verantworten muss ihn ja dann die Obrigkeit. Das gehört meinem Ermessen nach dazu.
— Raveh: Diese Jahre, wo Sie ein blinder Befehlsempfänger waren, die fallen heraus aus dem lebenentsprechend dem kategorischen Imperativ?
— Eichmann: Es kann nicht im Sinne der Kant´schen Forderung liegen, Menschen gewaltsam zu töten, weil es an sich Gottgewolltes ist.
— Raveh: Das heisst, es gab eine Zeit, wo Sie nicht nach dem Kant´schen Imperativ gelebt haben?
— Eichmann: Nicht leben konnte, weil ich durch höhere Gewalten nicht in der Lage war, danach zu leben. Ich habe während dieser Zeit die Kant´sche „Kritik der Praktischen Vernunft“ gelesen.
— Raveh: So dass Sie damals also erst den Begriff des Kategorischen Begriffs kennengelernt haben?
— Eichmann: Den kannte ich schon vorher, aber ich habe mich nicht so beschäftigt gehabt damit, sondern der Kant´scehe „Kategorische Imperativ“ war kurz abgetan mit dem Worten „Getreu nach dem Gesetz, gehorsam, selber ein ordentliches Leben führen, nicht mit den Gesetzen in Konflikt kommen“. Dieser ist, ich möchte sagen, der Kategorische Imperativ für den Hausgebrauch eines kleinen Mannes.


In ihrem berühmten Buch Eichmann in Jerusalem widmet Hannah Arendt dieser ungewöhnlichen Episode des Prozesses fast ein ganzes Kapitel. Es mag verlockend sein, den banalen Bürokraten Eichmann mit Immanuel Kant zu vergleichen, dessen Biographie die eines langweiligen, berechenbaren Mannes ist, nach dem die Nachbarn ihre Uhren stellen. Die Kant-Expertin Arendt zeigt jedoch, dass Eichmann den kategorischen Imperativ völlig missverstanden hat. Obwohl er die Definition des Imperativs korrekt zitieren konnte, hat er dessen Bedeutung völlig auf den Kopf gestellt.

Hannah Arendt – Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper Verlag. München, 1964. D 72375.


Kants kategorischer Imperativ ist, wie der Name schon sagt, kategorisch. Er gilt zu jeder Zeit und unter allen Umständen, insbesondere in „aussergewöhnlichen“ Zeiten und Umständen. Eichmann nimmt sich die Freiheit, den kategorischen Imperativ zu einem rein formalen Imperativ herabzustufen und reduziert ihn auf das, was er als „Hausgebrauch eines kleinen Mannes“ bezeichnet. Diese Art fader Unterwerfung ist genau das, was Arendt die „Banalität des Bösen“ nennen würde.
In Kants Formulierung des Imperativs ist der Gesetzgeber das moralische Selbst und alle Menschen sind Gesetzgeber: 

Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Eichmann benutzte Kants Formel, verdrehte sie aber so, dass der Führer an die Stelle des autonomen Selbst trat. Nach Arendt ist Eichmanns Version des Imperativs eine Verzerrung des Originals, die eher der des Nazi-Philosophen Hans Frank entspricht. In seinem 1942 erschienenen Buch Die Technik des Staates, das Eichmann laut Arendt gekannt haben muss, definiert Frank den Kategorischen Imperativ im Dritten Reich folgendermassen:

Handle so, daß der Führer, wenn er von Deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde.
Hannah Arendt während des Eichmann-Prozesses.

Statt im sittlichen Selbst, im eigenen Willen und in der eigenen Vernunft seinen Ursprung und seine Rechtfertigung zu finden, bestand in Eichmanns verzerrter Sicht die moralische Forderung nicht nur darin, den Buchstaben des Gesetzes zu befolgen und sich damit innerhalb der Grenzen der Legalität zu bewegen, „sondern den eigenen Willen mit dem Geist des Gesetzes zu identifizieren — mit der Quelle, der das Gesetz entsprang“.

In Kants Imperativ war diese Quelle die praktische Vernunft, in Eichmanns war diese Quelle identisch geworden mit dem Willen Hitlers.

Oded Fluss. Zürich, 29.4.2024.

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Eine Pessach-Haggada (auch) für Frauen

Die Pessach-Haggada ist ein sehr männlicher Text. Frauen werden darin nicht erwähnt, und Frauen und Mädchen, die am Sederabend teilnehmen, werden nicht aufgefordert, eine aktive Rolle bei der Lesung zu übernehmen.

Seder Haggada al Pessach. Verlag der jüdischen Freyschule. Berlin, 1785.

Eine sehr seltene Pessach-Haggada, die 1785 in Berlin gedruckt wurde, versucht, diese Ungerechtigkeit auszugleichen. Die Haggada, die sich in unserer Bibliothek befindet, wurde von Joel (Löwe) Brill (1760-1802) gedruckt, einem deutschen Bibelkommentator, der der Haskala-Bewegung (jüdische Aufklärung) angehörte und einer der engsten Schüler und Anhänger Moses Mendelssohns war. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Psalmenkommentar.

Moses Mendelssohn (1729-1786)

Die Haggada wurde im Verlag der von Mendelssohn gegründeten jüdischen Freyschule in Berlin gedruckt, der ersten modernen jüdischen Schule in Deutschland und einer wichtigen Institution der jüdischen Haskala-Bewegung. Brill (ברי“ל) machte es sich zur Aufgabe, die Haggada den Frauen und Mädchen seiner Zeit näher zu bringen. Zu diesem Zweck nahm er die Dienste des Dichters Isaak Satanow (1733-1804) in Anspruch, mit dem er eine deutsche Übersetzung (in hebräischer Schrift) anfertigte, die den Frauen und Mädchen seiner Zeit geläufiger war:

Diejenigen unter meinen Leserinnen, denen die wahre Andacht nicht gleichgültig ist, dieses Fest mit wahrer Frömmigkeit zu feiern, wird es gewiss angenehm sein, wenn ich ihnen dieses Büchlein in ihre Muttersprache übersetze – und dort, wo es dunkle Stellen enthält, die der Text erfordert, mit Anmerkungen versehen – in die Hand gebe.
„Meiner würdigen Gönnerin Madam Blümche Friedländer gewidmet“

Das Büchlein hat Brill Madam Blümchen Friedländer (1752-1814) gewidmet, der Tochter des Hoffaktors und Bankiers Daniel Itzig (1723-1799) und Ehefrau des berühmten David Friedländer (1750-1834), der nach Mendelsohns Tod einer der führenden Köpfe und Organisatoren der jüdischen Aufklärung in Berlin war und sich für die Emanzipation der Juden einsetzte. Brill war häufiger Gast im Hause Friedländer, wo er auch als Privatlehrer tätig war.

Widmung von Brill an Madam Blümchen Friedländer.

Madam!
Sie erlauben, dass ich den Namen einer der würdigsten ihres Geschlechts einer Übersetzung vorsetzen darf, welche aus Achtung für dieses Geschlecht ihr Dasein erhält. Abgesehen von der besonderen Hochachtung, die ich Ihnen geehrteste Frau! schulde, werde ich immer das weibliche Geschlecht als Solches, zu schätzen wissen, das edle Frauen, zärtliche Gattinnen, verständige Mütter und kluge Hauswirtinnen vorzuzeigen hat; so wie wir das Beispiel hiervon in Ihnen sehen.
Diese meine geäusserte wahre Gesinnung wird Sie versichern, dass ich mir Jederzeit eine Ehre draus machen werde, mich nennen zu können, Madam, Ihr ergebener Diener,
Joel Brill
Blümchen Friedländer (1752-1814). Nach einer Silberstiftzeichnung von Anton Graff.

Die Haggada beginnt mit einer an „geneigte Leserinnen“ gerichteten Einleitung, die den Exodus als das herausragende Ereignis der jüdischen Geschichte erwähnt und damit auf den Exodus der Frauen anspielt. Inhaltlich scheint die Haggada nicht ungewöhnlich zu sein, bis man auf einige kleine Unterschiede zwischen dem hebräischen Original und der deutschen Übersetzung stösst. Obwohl der hebräische Originaltext nicht verändert werden durfte, gab es bei der Übersetzung etwas mehr Spielraum (insbesondere bei der Verwendung des deutschen Neutrums, das es im Hebräischen nicht gibt). So wird z.B. im hebräischen Original der Sohn aufgefordert, Ma Nishtana zu fragen „und der Sohn fragt“ [והבן שואל], in der deutschen Übersetzung ist es die viel schwächere Umschreibung „Jüngste der Gesellschaft“ (ohne explizite Nennung des Geschlechts).

„Und hätte der Heilige, gelobt sei er! unsere Vorfahren nicht aus Mizraim herausgeführt: so wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder auf immer denen Pharaos“

Auch der folgende Absatz, in dem es auf Hebräisch heisst: „Wenn Gott unsere Väter [אבותינוֿ] nicht aus Ägypten herausgeführt hätte, wären wir und unsere Söhne ֲ[בנינו] und die Söhne unserer Söhne immer noch Sklaven des Pharao in Ägypten“, wird in der Übersetzung in das neutrale „Vorfahren“ [פארפאהרן] anstelle der männlichen „Väter“ und „Kinder“ [קינדר] anstelle der männlichen „Söhne“ umgewandelt.

„Vier Kinder, verschiedener Gemütsart, lehrt die Torah [Gesetzbuch]“

Man könnte sagen, dass dies eine übertriebene und anachronistische Lesart ist, aber das folgende Beispiel scheint viel radikaler zu sein:
Die bekannte Passage „כנגד ארבעה בנים דברה תורה“ über die vier Söhne/Knaben/Jungen (Banim) kann nur in der männlichen Form gelesen werden und wurde immer so übersetzt. Wir finden hier jedoch das neutrale „vier Kinder“ [פיער קינדר], was nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen einschliesst.

„Geneigte Leserinnen“

Obwohl sie in hebräischen Buchstaben geschrieben ist, gilt sie als die erste deutsche Übersetzung der Haggada überhaupt. Um der Haggada jedoch mehr Prestige zu verleihen, wurde Brills Name als Übersetzer in späteren Ausgaben durch den von Moses Mendelssohn ersetzt. In späteren Ausgaben verschwand auch jeder Hinweis darauf, dass diese Haggada für Frauen bestimmt war.

Eine spätere Ausgabe der Haggada von 1797, in der der Name des Übersetzers in Moses Mendelssohn geändert wurde und die sich an „geneigte Leser“ statt wie im Original an „geneigte Leserinnen“ wendet.

Oded Fluss. Zürich, 18.4.2024.

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Pidjon Schwujim

Das Gebot Pidjon Schwujim (Auslösung der Gefangenen) ist eine der höchsten Mizwot des jüdischen Ethos. Schon im Talmud wird das Gebot als „Mizwa Raba“ (ein grosses Gebot) bezeichnet, und Maimonides schreibt in seiner Mischne Tora: „Es gibt keine grössere Mizwa als Pidjon Schwujim“. Joseph Karo weist in seinem Schulchan Aruch auf die Dringlichkeit dieser Mizwa hin, wenn er schreibt, dass jeder Augenblick, der vergeht, ohne dass die Gefangenen ausgelöst werden, “einem Blutvergiessen gleichkommt”. Es ist verständlich, dass diese Mizwa im jüdischen Ethos eine so wichtige Rolle spielt, da die Gründungsgeschichte des jüdischen Volkes, der Auszug aus Ägypten, als Befreiung aus Sklaverei und Gefangenschaft gilt.

„“Es gibt keine grössere Mizwa als Pidjon Schwujim, da der Gefangene unter denen ist, die hungrig, durstig, nackt und in Todesgefahr sind“. Maimonides – Mischne Torah – Halakhot matanot anijim. Berlin : Yulyus Ziṭṭenfeld, 1863 HQ 6.C

Diese Mitzwa war für das jüdische Volk immer eine Quelle des Stolzes, aber auch der Sorge. Die Judenfeinde lernten schnell, dass ihnen für die Freilassung eines jüdischen Gefangenen kein Preis zu hoch war, und sie nutzten dies zu ihrem Vorteil aus. Jüdische Gefangene wurden zu einem lukrativen Geschäft und Juden und Jüdinnen werden bis heute wie als Ware betrachtet. Man versuchte, dieses Problem zu lösen, indem man sich zum Beispiel auf Maimonides berief, der schrieb: „Wir lassen Gefangene nicht für mehr frei, als sie wert sind“. Der Wert eines Menschen lässt sich jedoch nicht bestimmen, und in der Regel haben Juden im Laufe der Geschichte immer alles in ihrer Macht Stehende getan – einschliesslich der Gründung spezieller Institutionen nur zu diesem Zweck -, um ihre Brüder und Schwestern aus der Gefangenschaft oder von einem feindlichen Regime zu befreien, koste es, was es wolle.

Aus „Aufbau“ 1.6.1945.

So wurden zu fast allen Zeiten und an fast allen Orten Juden und Jüdinnen gefangen genommen, eingesperrt und von ihren Familien und Gemeinden getrennt, um sie wie eine Ware wieder zu verkaufen. Im Mittelalter wurden Juden von Piraten, Kaisern, Herzögen, Fürsten und Bischöfen verkauft, die manchmal eine prominente jüdische Persönlichkeit gefangen nahmen und einsperrten, um von deren Familie oder Gemeinde Geld zu erpressen.

 Gedenktafel für Meir von Rothenburg.


Bereits im 13. Jahrhundert begegnet uns der tragische Fall des Rabbiners Meir von Rothenburg. Nach einem gescheiterten Versuch, nach Palästina auszuwandern (was damals verboten war), wurde er von König Rudolf I. gefangen genommen und eingekerkert. Für seine Freilassung wurde ein sehr hohes Lösegeld ausgesetzt, welches die jüdische Gemeinde zwar akzeptierte, der Rabbiner selbst aber verbot, zu bezahlen. Rabbi Meir starb im Gefängnis, und um seine Gebeine freizubekommen und ihn zu beerdigen, musste schliesslich ein noch höherer Preis gezahlt werden.

RabbinerJoseph ha Kohen – Emek Habacha. Übersetzt von Dr. M. Wiener. Leipzig, 1858. D 1302c (k)

In seinem Buch Emek ha-Bacha (Tal der Tränen) erzählt Rabbiner Joseph ha-Kohen die tragischen Geschichten von Pidjon Schwujim in der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki im 16. Jahrhundert. In dem Buch „Yeven Mezulah“ (Venedig, 1653) erzählt der Autor Nathan Hannover, wie während des Chmelnyzkyj-Aufstandes Juden von Kosaken gefangen genommen und als Ware nach Istanbul verkauft wurden; viele Gemeinden in Europa schlossen sich zusammen, um genug Geld für ihre Freilassung zu bezahlen.

Joel Brand( 1906-1964)


Am berüchtigtsten ist der bis heute unter dem Namen סחורה תמורת דם „Ware gegen Blut“ bekannte Deal, den Adolf Eichmann Joel Brand von der „Waada Ezra we Hazalah“ (Rat für Hilfe und Rettung) in Budapest anbot, um eine Million ungarische Jüdinnen und Juden im Tausch gegen Lastwagen voller Waren aus dem Westen zu verkaufen. Leider hing das Gelingen dieses Austausches nicht nur vom jüdischen Ethos ab, sondern auch von der Zustimmung an der Westfront, die ausblieb. Bekannt ist das Zeugnis Brands, der einen hohen britischen Beamten mit den Worten zitiert: „Was soll ich mit einer Million Juden machen? Wo sollen wir sie unterbringen?”

„Pidjon Schwujim“ – eine Anzeige, in der zu Spenden für Kinder aufgerufen wurde, die in den von den Nationalsozialisten beherrschten Ländern gefangen genommen worden waren, um sie nach Palästina zu bringen. (ca.1940)


Wir werden daher nie erfahren, wie ernst Eichmann sein Angebot meinte und was passiert wäre, wenn der Westen den Nazis die Lastwagen geliefert hätte. Aber auch für die Zeit nach der Gründung Israels wissen wir, dass kaum ein Jude aus Ceaucescus Rumänien ohne Lösegeldzahlung freigelassen wurde. Und in der Sowjetunion war die Zahlung einer „Erziehungsgebühr“ Voraussetzung für die Ausreise eines jeden Juden. Auch die „Operation Salomon“, die 15.000 Juden aus Äthiopien nach Israel brachte, hätte ohne die Zahlung von 35 Millionen Dollar Lösegeld an den Diktator Mengistu Haile Mariam nicht stattgefunden.

Und in unserer Zeit, in der Jüdinnen und Juden von einer mörderischen Organisation als Geiseln genommen und als Ware behandelt werden, nicht für Geld, sondern für terroristischen Handel, bleibt zu hoffen, dass das jüdische Ethos von Pidjon Schwujim trotz aller Schwierigkeiten weiterlebt und dass auch sie befreit werden, koste es, was es wolle.

Oded Fluss. Zürich, 11.4.2024

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Purim-Schattenspiel

Die jüdischen Feiertage werden nicht als etwas angesehen, mit dem man spielen kann. Normalerweise sind sie sehr streng und reglementiert und sprechen Kinder nicht wirklich an. Das Gegenteil ist der Fall bei Purim, dem vielleicht kinderfreundlichsten jüdischen Feiertag, an dem es tatsächlich erlaubt und erwünscht ist, aus der Ernsthaftigkeit auszubrechen, zu scherzen, zu tanzen und zu spielen.

Der bekannteste und beliebteste Purimbrauch ist natürlich das Verkleiden und das Lesen der Esther-Megillah. Aus diesen beiden Elementen entstand die wunderbare Tradition des Purimspiels (Purimshpiel): Eine komische Dramatisierung des Buches Esther, bei der sich die Schauspielerinnen und Schauspieler (meist Laien) entsprechend ihrer Rolle verkleiden.

Alex und Lotte Baerwald: Esther – ein Schattenspiel für Jung und Alt. Welt Verlag. Berlin, 1920.

Ein ganz besonderes Buch, das 1921 in Berlin gedruckt wurde, versucht diese Tradition einen Schritt weiter zu führen. Das Buch Esther – ein Schattenspiel für Jung und Alt war ein schöner Versuch, das Purimspiel für das damals sehr beliebte Schattentheater zu adaptieren, eine Theaterform, bei der eine Geschichte durch den Schattenwurf auf eine beleuchtete Fläche erzählt wird. Um die Sache noch komplizierter zu machen, sollte dies in Buchform geschehen.

Lotte Baerwald (ca. 1925).

Diese Aufgabe sollten zwei hochbegabte Menschen übernehmen, die zugleich ein Ehepaar waren. Alex Baerwald (1877-1930) und seine Frau Lotte (geb. Eisenberg) (?-1937) waren das, was man heute ein Power-Paar nennen würde. Beide waren schon in jungen Jahren Zionisten und inspirierende Künstler. Alex Baerwald wurde ein weltberühmter Architekt, Künstler und Musiker, der zu den Pionieren der israelischen Architektur zählte. Er entwarf das berühmte alte Technion-Gebäude in Haifa und war Mitbegründer der dortigen Architekturfakultät. Lotte, Künstlerin und Schriftstellerin, wurde bekannt für ihre Puppentheater.

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Alex Baerwald (ca. 1926)

In einem Werbetext für das Buch, der in der Februar/März-Ausgabe 1921 von Ewer: Blätter der vereinigten Verlagsanstalten Jüdischer Verlag, Welt-Verlag in Berlin erschien, erläuterten die beiden ihre Motivation, das Buch zu schreiben:

Ewer: Blätter der vereinigten Verlagsanstalten Jüdischer Verlag, Welt-Verlag. Berlin, März 1921.

Die Baerwalds stellten die originellen Puppen aus Sperrholz her, deren Arme mit Drahtstäben gesteuert wurden. Lotte Baerwald, entwarf und spielte die Puppen, während Alex Baerwald den Text schrieb. Während die Originalpuppen farbig waren und ohne Schattenschirm gespielt wurden, sind sie in diesem Buch als schwarze Silhouetten wie Schattenpuppen dargestellt.

Die jüdische Zeitung Bar Kochba warb 1919 für ein Miniaturtheater „aus sehr starker Pappe gearbeitet und vollständig gebraucht fertig“, das man separat kaufen konnte, komplett mit Figuren „auf steifem Karton zum Ausschneiden gedrückt“ und Kulissen, um das Stück zu Hause aufzuführen. Ewer Blätter veröffentlichte 1920 eine Abbildung dieses Theaters.

Das Buch ist wunderschön in Reimform geschrieben und beginnt mit der Vorstellung der Hauptfiguren durch Darstellungen in Form von Silhouetten (Scherenschnitte). Danach wird die ganze Geschichte von Esther auf sehr farbenfrohe und lustige Weise erzählt, ganz in der Tradition des Purimspiels. Bemerkenswert ist die Verwendung von Einhörnern als Reittiere.

Ein gutes Indiz für den Erfolg des Buches als Theaterstück ist eine Anzeige aus dem Jahr 1935, 15 Jahre nach der Entstehung des Buches, in der eine Live-Aufführung des Buches in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt angekündigt wird:

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main. März 1935.

Ein weiteres Buch, das eindeutig von den Baerwalds inspiriert wurde, ist Megillath Esther – die Purimgeschichte für Kinder von Eddy Goldschmidt. Das seltene, 1931 in Hamburg erschienene Buch, das sich in unserer Bibliothek befindet, enthält sehr ähnliche Scherenschnittillustrationen der begabten Künstlerin Irma Cohn.

Eddy Goldschmidt: Megillath Esther – die Purimgeschichte für Kinder. Hamburg, 1931. B 3362.

Oded Fluss. Zürich, 21.3.2024.

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