Das Gebot Pidjon Schwujim (Auslösung der Gefangenen) ist eine der höchsten Mizwot des jüdischen Ethos. Schon im Talmud wird das Gebot als „Mizwa Raba“ (ein grosses Gebot) bezeichnet, und Maimonides schreibt in seiner Mischne Tora: „Es gibt keine grössere Mizwa als Pidjon Schwujim“. Joseph Karo weist in seinem Schulchan Aruch auf die Dringlichkeit dieser Mizwa hin, wenn er schreibt, dass jeder Augenblick, der vergeht, ohne dass die Gefangenen ausgelöst werden, “einem Blutvergiessen gleichkommt”. Es ist verständlich, dass diese Mizwa im jüdischen Ethos eine so wichtige Rolle spielt, da die Gründungsgeschichte des jüdischen Volkes, der Auszug aus Ägypten, als Befreiung aus Sklaverei und Gefangenschaft gilt.

Diese Mitzwa war für das jüdische Volk immer eine Quelle des Stolzes, aber auch der Sorge. Die Judenfeinde lernten schnell, dass ihnen für die Freilassung eines jüdischen Gefangenen kein Preis zu hoch war, und sie nutzten dies zu ihrem Vorteil aus. Jüdische Gefangene wurden zu einem lukrativen Geschäft und Juden und Jüdinnen werden bis heute wie als Ware betrachtet. Man versuchte, dieses Problem zu lösen, indem man sich zum Beispiel auf Maimonides berief, der schrieb: „Wir lassen Gefangene nicht für mehr frei, als sie wert sind“. Der Wert eines Menschen lässt sich jedoch nicht bestimmen, und in der Regel haben Juden im Laufe der Geschichte immer alles in ihrer Macht Stehende getan – einschliesslich der Gründung spezieller Institutionen nur zu diesem Zweck -, um ihre Brüder und Schwestern aus der Gefangenschaft oder von einem feindlichen Regime zu befreien, koste es, was es wolle.

So wurden zu fast allen Zeiten und an fast allen Orten Juden und Jüdinnen gefangen genommen, eingesperrt und von ihren Familien und Gemeinden getrennt, um sie wie eine Ware wieder zu verkaufen. Im Mittelalter wurden Juden von Piraten, Kaisern, Herzögen, Fürsten und Bischöfen verkauft, die manchmal eine prominente jüdische Persönlichkeit gefangen nahmen und einsperrten, um von deren Familie oder Gemeinde Geld zu erpressen.

Bereits im 13. Jahrhundert begegnet uns der tragische Fall des Rabbiners Meir von Rothenburg. Nach einem gescheiterten Versuch, nach Palästina auszuwandern (was damals verboten war), wurde er von König Rudolf I. gefangen genommen und eingekerkert. Für seine Freilassung wurde ein sehr hohes Lösegeld ausgesetzt, welches die jüdische Gemeinde zwar akzeptierte, der Rabbiner selbst aber verbot, zu bezahlen. Rabbi Meir starb im Gefängnis, und um seine Gebeine freizubekommen und ihn zu beerdigen, musste schliesslich ein noch höherer Preis gezahlt werden.

In seinem Buch Emek ha-Bacha (Tal der Tränen) erzählt Rabbiner Joseph ha-Kohen die tragischen Geschichten von Pidjon Schwujim in der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki im 16. Jahrhundert. In dem Buch „Yeven Mezulah“ (Venedig, 1653) erzählt der Autor Nathan Hannover, wie während des Chmelnyzkyj-Aufstandes Juden von Kosaken gefangen genommen und als Ware nach Istanbul verkauft wurden; viele Gemeinden in Europa schlossen sich zusammen, um genug Geld für ihre Freilassung zu bezahlen.

Am berüchtigtsten ist der bis heute unter dem Namen סחורה תמורת דם „Ware gegen Blut“ bekannte Deal, den Adolf Eichmann Joel Brand von der „Waada Ezra we Hazalah“ (Rat für Hilfe und Rettung) in Budapest anbot, um eine Million ungarische Jüdinnen und Juden im Tausch gegen Lastwagen voller Waren aus dem Westen zu verkaufen. Leider hing das Gelingen dieses Austausches nicht nur vom jüdischen Ethos ab, sondern auch von der Zustimmung an der Westfront, die ausblieb. Bekannt ist das Zeugnis Brands, der einen hohen britischen Beamten mit den Worten zitiert: „Was soll ich mit einer Million Juden machen? Wo sollen wir sie unterbringen?”

Wir werden daher nie erfahren, wie ernst Eichmann sein Angebot meinte und was passiert wäre, wenn der Westen den Nazis die Lastwagen geliefert hätte. Aber auch für die Zeit nach der Gründung Israels wissen wir, dass kaum ein Jude aus Ceaucescus Rumänien ohne Lösegeldzahlung freigelassen wurde. Und in der Sowjetunion war die Zahlung einer „Erziehungsgebühr“ Voraussetzung für die Ausreise eines jeden Juden. Auch die „Operation Salomon“, die 15.000 Juden aus Äthiopien nach Israel brachte, hätte ohne die Zahlung von 35 Millionen Dollar Lösegeld an den Diktator Mengistu Haile Mariam nicht stattgefunden.
Und in unserer Zeit, in der Jüdinnen und Juden von einer mörderischen Organisation als Geiseln genommen und als Ware behandelt werden, nicht für Geld, sondern für terroristischen Handel, bleibt zu hoffen, dass das jüdische Ethos von Pidjon Schwujim trotz aller Schwierigkeiten weiterlebt und dass auch sie befreit werden, koste es, was es wolle.
Oded Fluss. Zürich, 11.4.2024

