(אלהים יצר סמים למרפא ונפש נבון לא תקוץ בם (בן סירא
Gott hat die Arzneien geschaffen, und der Weise hat keinen Ekel davor (Ben Sirah)
Es gibt wohl keine andere Wissenschaft, die so sehr auf Traditionen beruht wie die Medizin. Wer sich ein bisschen krank fühlt, greift auch heute noch lieber zu einem Hausmittel, einem alten Rezept der Grossmutter (תרופת סבתא), als gleich den Hausarzt aufzusuchen. Als Kinder haben wir alle den Fischtran (Lebertran) gefürchtet, den Gogel Mogel (Zuckerei) erlebt und uns mit der Hühnersuppe getröstet. Das ist kein Hexenwerk, sondern bekanntlich in vielen Fällen hilfreich.

Die jüdische Geschichte ist sehr stark zwischen der traditionellen, volkstümlichen Mund-zu-Ohr-Medizin und der wissenschaftlichen, experimentellen, objektiven Medizin angesiedelt. Asaph ben Berechia (HaRofè) und Maimonides sind zwei Pioniere der Medizin, lange bevor diese modern wurde. In ihren Schriften vermischten sie das frühe medizinische Wissen der Griechen mit jüdischen religiösen Praktiken. Tobias Kohen ging mit seinem berühmten Buch Ma’aseh Toviyyah noch einen Schritt weiter und legte ein enzyklopädisches Werk über Anatomie und Medizin vor, in dem er Aberglauben und Zauberei kritisierte, aber auch Elemente des Judentums, insbesondere der Kabbala, einfliessen liess.

Eines der ersten hebräischen Bücher überhaupt, das sich mit der modernen Medizin auseinandersetzte, diese aber auch wunderbar mit der jüdischen Tradition zu verbinden wusste, war Der Kinderarzt von M. Studencki, das 1847 in Warschau erschien und sich in unserer Breslauersammlung befindet. Dr. Moshe ben Aharon Studencki (1806-1875) ist eine eher obskure Gestalt der jüdischen Geschichte. Da dies das erste Buch des Autors ist, finden wir auf den ersten Seiten glücklicherweise eine kurze Lebensgeschichte.

Studencki wurde 1806 in Sbarasch in der Ukraine als Sohn einer Rabbinerfamilie geboren und verbrachte 14 Jahre seines Lebens mit Talmudstudien „auf dem Schoss meines Vaters“. Als seine Mutter starb, zog er zu seinem Onkel nach Brody und studierte zunächst bei ihm und nach dessen Tod in einer Jeschiwa, bis er 17 Jahre alt war.
Dann kam ein anderer Geist über mich und ich beschloss, mich der Weisheit und den Wissenschaften zu widmen. Ich kam nach Warschau, um in einer Schule namens Lyzäum die Weisheiten zu studieren und zu erforschen. Dort studierte ich Polnisch, Griechisch, Deutsch und Französisch, und als ich dort fertig war, ging ich an die Alexandrinische Universität in Warschau und begann, die Weisheit der Medizin und der Philosophie zu studieren. Dann ging ich nach Berlin, einer Stadt voller Weisheit und Wissenschaft, und setzte dort mein Medizinstudium fort, bis ich im Jahre 1834 den Titel eines Doktors der Medizin und der Chirurgie erhielt; dann kehrte ich nach Warschau zurück und bestand auch dort die Prüfungen und erhielt den Titel eines Doktors erster Klasse und die Erlaubnis, die Kranken zu besuchen und sie zu heilen, soweit Gott es mir gestattete. Und jetzt, im Jahre 1846, habe ich auch den Titel Accoucheur (Geburtshelfer) erhalten und habe auch die Lizenz dazu.
Obwohl Dr. Studencki an offiziellen wissenschaftlichen Instituten studierte und promovierte, wandte er sich nicht völlig vom Judentum ab. Im Gegenteil, er sah seine wahre Berufung darin, seinen kranken jüdischen Brüdern und Schwestern zu helfen, vor allem in den Fällen, in denen sie besonders betroffen sind, weil sie Juden sind, und er sieht darin eine Berufung von Gott:
ונשמרתם לנפשותיכם, ובחרת בחיים, זכרה לי אלהי לטובה.
Nehmt euch in Acht um euer Leben!; Wähle das Leben; Gedenke an mich, mein Gott, und lass mir all das zugute kommen.

Das Buch ist zweisprachig, eine Seite auf Hebräisch, die andere auf Deutsch mit hebräischer Schrift. Obwohl dies nicht erwähnt wird, richtet es sich vor allem an jüdische Mütter, die es täglich anwenden sollen, um ihre Kinder gesund zu erhalten. Wie jeder gute Arzt ist Studencki sehr vorsichtig und rät dem Leser regelmässig, einen Arzt aufzusuchen, wenn der Zustand des Kindes ernst erscheint. Dennoch ist er sich der Probleme bewusst, mit denen Eltern und sogar Ärzte konfrontiert sind, wenn es um kranke Kinder geht:
Das kleine Kind ist nicht in der Lage, seinen Schmerz mit Worten auszudrücken und um Hilfe zu rufen, es kann dies nur durch Schreien. Die Eltern wollen ihm aus Liebe und Mitgefühl mit aller Kraft helfen, wissen aber nicht, wie. Sie beeilen sich, einen Arzt zu rufen, von dem sie hoffen, dass er sie und ihr Kind retten kann. Doch viele werden in ihren Hoffnungen enttäuscht, denn nicht jeder Arzt hat Erfahrung mit Kindern.
Der Arzt, der sich in der Kinderheilkunde auskennt, versteht das Schreien, das Lachen und die Seele der Kinder; der Blick in ihre Augen und in ihr Gesicht verrät ihm ihren Schmerz und ihren Mangel […] Der Kinderarzt muss aus sich selbst heraus die Antworten auf seine Fragen verstehen und daraus die Krankheit erkennen.

Eine besondere Herausforderung, die Studencki als Kinderarzt für jüdische Kinder erkennt, ist die Milah (Beschneidung). Er widmet diesem Thema ein ganzes Kapitel, sowohl um die Praxis gegen die Ärzte zu verteidigen, die sie als ungesund für die Kinder ansehen, als auch um zu erklären, wie man sie zum Schutz der Kinder durchführt.
Ein besonderer Teil dieses Buches ist dem Thema Milah gewidmet, da einige Ärzte behauptet haben, dass viele Kinder sich durch Milah alle möglichen Krankheiten einfangen. Ich glaube das nicht und habe versucht, einige Beweise dafür zu liefern, dass die Krankheiten, die manchmal nach der Milah auftreten, viele Ursachen haben und wir sie nicht der Milah selbst zuschreiben sollten. Ich habe mir auch vorgenommen, darüber zu schreiben, wie man Kindern helfen kann, wenn ihnen nach der Milah etwas zustößt, wie man ihnen helfen und sie heilen kann.
Studencki widmet das erste Kapitel seines Buches der Beschneidung und beschreibt mit vielen grafischen Details, was alles schief gehen kann und mit welchen Hausmitteln man dem entgegenwirken kann. Wir wollen die Lesenden nicht mit diesen Beschreibungen belasten, aber es ist wichtig zu wissen, dass Studencki fast alle Probleme, die bei der Beschneidung auftreten, dem Mohel (demjenigen, der die Beschneidung durchführt) zuschreibt. Entweder sei er in seinem Beruf nicht begabt und müsse dann sofort aufhören, oder er sei selbst nicht gesund oder achte nicht auf gute Hygiene. Studencki weigert sich zu glauben, dass es solche Fälle gibt und beschreibt sie, vielleicht ironisch, als etwas das:
… sicherlich weit von der Realität entfernt ist, denn ein solcher Mann würde es nicht wagen, ein so heiliges Werk zu tun und ein hilfloses Kind durch seine eigene Krankheit zu gefährden.
Ein weiteres sehr interessantes Kapitel des Buches bezieht sich auf ältere Kinder und behandelt das heikle Thema der „Selbstbefleckung“ (Masturbation). Hier wird deutlich, wie Studencki von der Wissenschaft zur Theologie übergeht und die Sünde für die angebliche Entstehung bestimmter Krankheiten verantwortlich macht.
Zu den wichtigsten Dingen, die die Gesundheit verderben und alle Kräfte der Seele sabotieren können, gehört die Sünde der Selbstbefleckung. Dieser böse Drang des Herzens würde auf seine Weise alle guten Kräfte des Leibes vernichten und auch die Kräfte der Seele nicht verschonen.
Studencki beschreibt auch die Symptome eines jungen Mannes, der eine solche Sünde begangen hat:
Wir würden die Menschen, die diese Sünde begangen haben, daran erkennen, dass sie ein blasses, silbriges Gesicht hätten, wie wenn sie krank wären, einen blauen Kreis um die Augen, blasse Lippen, Appetitlosigkeit, Trägheit der Hände, ein Vibrieren der Organe, besonders der Hände, wenn sie etwas festhalten wollen, Müdigkeit nach jeder leichten Arbeit und ein Nachlassen des Gedächtnisses.
Auch die Heilung solcher Zustände erfolgt nicht durch die Praxis des Arztes, sondern durch die Führung der Eltern (in diesem Fall natürlich durch den Vater) und durch die Moral:
Das wahre und richtige Heilmittel, um sich vor dieser bitteren und bösen Sünde zu schützen und sie aus dem Herzen des Knaben auszurotten, besteht darin, dem Weg zu folgen, den die Schöpfung in das Herz des Menschen eingeprägt hat, und ihn mit Sittlichkeit und Anstand zu leiten. Wenn man dieses Heilmittel anwendet, wird diese schreckliche Verderbtheit, die so viele Knaben in ihren Bann gezogen hat, verschwinden, und bald werden die Väter die Güte ihrer Kinder sehen, die wie frische Rosen blühen und so rein sind wie Olivenöl.
Oded Fluss. Zürich, 7.3.2014.




























































































