Der Kinderarzt – wenn Wissenschaft und Religion sich begegnen

(אלהים יצר סמים למרפא ונפש נבון לא תקוץ בם (בן סירא
Gott hat die Arzneien geschaffen, und der Weise hat keinen Ekel davor (Ben Sirah)

Es gibt wohl keine andere Wissenschaft, die so sehr auf Traditionen beruht wie die Medizin. Wer sich ein bisschen krank fühlt, greift auch heute noch lieber zu einem Hausmittel, einem alten Rezept der Grossmutter (תרופת סבתא), als gleich den Hausarzt aufzusuchen. Als Kinder haben wir alle den Fischtran (Lebertran) gefürchtet, den Gogel Mogel (Zuckerei) erlebt und uns mit der Hühnersuppe getröstet. Das ist kein Hexenwerk, sondern bekanntlich in vielen Fällen hilfreich.

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Titelbild von Ma’aseh Toviyyah, das den Körper als Haus zeigt

Die jüdische Geschichte ist sehr stark zwischen der traditionellen, volkstümlichen Mund-zu-Ohr-Medizin und der wissenschaftlichen, experimentellen, objektiven Medizin angesiedelt. Asaph ben Berechia (HaRofè) und Maimonides sind zwei Pioniere der Medizin, lange bevor diese modern wurde. In ihren Schriften vermischten sie das frühe medizinische Wissen der Griechen mit jüdischen religiösen Praktiken. Tobias Kohen ging mit seinem berühmten Buch Ma’aseh Toviyyah noch einen Schritt weiter und legte ein enzyklopädisches Werk über Anatomie und Medizin vor, in dem er Aberglauben und Zauberei kritisierte, aber auch Elemente des Judentums, insbesondere der Kabbala, einfliessen liess.

Maimonides – Sefer pirke Moshe hu Sefer ha-Refu’ot. Wilna, 1887.BH 747.

Eines der ersten hebräischen Bücher überhaupt, das sich mit der modernen Medizin auseinandersetzte, diese aber auch wunderbar mit der jüdischen Tradition zu verbinden wusste, war Der Kinderarzt von M. Studencki, das 1847 in Warschau erschien und sich in unserer Breslauersammlung befindet. Dr. Moshe ben Aharon Studencki (1806-1875) ist eine eher obskure Gestalt der jüdischen Geschichte. Da dies das erste Buch des Autors ist, finden wir auf den ersten Seiten glücklicherweise eine kurze Lebensgeschichte.

M. Studencki – Der Kinderarzt. Warschau, 1847. BH 819.

Studencki wurde 1806 in Sbarasch in der Ukraine als Sohn einer Rabbinerfamilie geboren und verbrachte 14 Jahre seines Lebens mit Talmudstudien „auf dem Schoss meines Vaters“. Als seine Mutter starb, zog er zu seinem Onkel nach Brody und studierte zunächst bei ihm und nach dessen Tod in einer Jeschiwa, bis er 17 Jahre alt war.

Dann kam ein anderer Geist über mich und ich beschloss, mich der Weisheit und den Wissenschaften zu widmen. Ich kam nach Warschau, um in einer Schule namens Lyzäum die Weisheiten zu studieren und zu erforschen. Dort studierte ich Polnisch, Griechisch, Deutsch und Französisch, und als ich dort fertig war, ging ich an die Alexandrinische Universität in Warschau und begann, die Weisheit der Medizin und der Philosophie zu studieren. Dann ging ich nach Berlin, einer Stadt voller Weisheit und Wissenschaft, und setzte dort mein Medizinstudium fort, bis ich im Jahre 1834 den Titel eines Doktors der Medizin und der Chirurgie erhielt; dann kehrte ich nach Warschau zurück und bestand auch dort die Prüfungen und erhielt den Titel eines Doktors erster Klasse und die Erlaubnis, die Kranken zu besuchen und sie zu heilen, soweit Gott es mir gestattete. Und jetzt, im Jahre 1846, habe ich auch den Titel Accoucheur (Geburtshelfer) erhalten und habe auch die Lizenz dazu.

Obwohl Dr. Studencki an offiziellen wissenschaftlichen Instituten studierte und promovierte, wandte er sich nicht völlig vom Judentum ab. Im Gegenteil, er sah seine wahre Berufung darin, seinen kranken jüdischen Brüdern und Schwestern zu helfen, vor allem in den Fällen, in denen sie besonders betroffen sind, weil sie Juden sind, und er sieht darin eine Berufung von Gott:

ונשמרתם לנפשותיכם, ובחרת בחיים, זכרה לי אלהי לטובה.
Nehmt euch in Acht um euer Leben!; Wähle das Leben; Gedenke an mich, mein Gott, und lass mir all das zugute kommen.
Zweisprachige Titelseite des Buches.

Das Buch ist zweisprachig, eine Seite auf Hebräisch, die andere auf Deutsch mit hebräischer Schrift. Obwohl dies nicht erwähnt wird, richtet es sich vor allem an jüdische Mütter, die es täglich anwenden sollen, um ihre Kinder gesund zu erhalten. Wie jeder gute Arzt ist Studencki sehr vorsichtig und rät dem Leser regelmässig, einen Arzt aufzusuchen, wenn der Zustand des Kindes ernst erscheint. Dennoch ist er sich der Probleme bewusst, mit denen Eltern und sogar Ärzte konfrontiert sind, wenn es um kranke Kinder geht:

Das kleine Kind ist nicht in der Lage, seinen Schmerz mit Worten auszudrücken und um Hilfe zu rufen, es kann dies nur durch Schreien. Die Eltern wollen ihm aus Liebe und Mitgefühl mit aller Kraft helfen, wissen aber nicht, wie. Sie beeilen sich, einen Arzt zu rufen, von dem sie hoffen, dass er sie und ihr Kind retten kann. Doch viele werden in ihren Hoffnungen enttäuscht, denn nicht jeder Arzt hat Erfahrung mit Kindern.
Der Arzt, der sich in der Kinderheilkunde auskennt, versteht das Schreien, das Lachen und die Seele der Kinder; der Blick in ihre Augen und in ihr Gesicht verrät ihm ihren Schmerz und ihren Mangel […] Der Kinderarzt muss aus sich selbst heraus die Antworten auf seine Fragen verstehen und daraus die Krankheit erkennen.
Der Bund der Beschneidung – talmud.de
„Beschneidung“ aus Sefer Minhagim. Venedig, 1593.

Eine besondere Herausforderung, die Studencki als Kinderarzt für jüdische Kinder erkennt, ist die Milah (Beschneidung). Er widmet diesem Thema ein ganzes Kapitel, sowohl um die Praxis gegen die Ärzte zu verteidigen, die sie als ungesund für die Kinder ansehen, als auch um zu erklären, wie man sie zum Schutz der Kinder durchführt.

Ein besonderer Teil dieses Buches ist dem Thema Milah gewidmet, da einige Ärzte behauptet haben, dass viele Kinder sich durch Milah alle möglichen Krankheiten einfangen. Ich glaube das nicht und habe versucht, einige Beweise dafür zu liefern, dass die Krankheiten, die manchmal nach der Milah auftreten, viele Ursachen haben und wir sie nicht der Milah selbst zuschreiben sollten. Ich habe mir auch vorgenommen, darüber zu schreiben, wie man Kindern helfen kann, wenn ihnen nach der Milah etwas zustößt, wie man ihnen helfen und sie heilen kann.

Studencki widmet das erste Kapitel seines Buches der Beschneidung und beschreibt mit vielen grafischen Details, was alles schief gehen kann und mit welchen Hausmitteln man dem entgegenwirken kann. Wir wollen die Lesenden nicht mit diesen Beschreibungen belasten, aber es ist wichtig zu wissen, dass Studencki fast alle Probleme, die bei der Beschneidung auftreten, dem Mohel (demjenigen, der die Beschneidung durchführt) zuschreibt. Entweder sei er in seinem Beruf nicht begabt und müsse dann sofort aufhören, oder er sei selbst nicht gesund oder achte nicht auf gute Hygiene. Studencki weigert sich zu glauben, dass es solche Fälle gibt und beschreibt sie, vielleicht ironisch, als etwas das:

… sicherlich weit von der Realität entfernt ist, denn ein solcher Mann würde es nicht wagen, ein so heiliges Werk zu tun und ein hilfloses Kind durch seine eigene Krankheit zu gefährden.

Ein weiteres sehr interessantes Kapitel des Buches bezieht sich auf ältere Kinder und behandelt das heikle Thema der „Selbstbefleckung“ (Masturbation). Hier wird deutlich, wie Studencki von der Wissenschaft zur Theologie übergeht und die Sünde für die angebliche Entstehung bestimmter Krankheiten verantwortlich macht.

Zu den wichtigsten Dingen, die die Gesundheit verderben und alle Kräfte der Seele sabotieren können, gehört die Sünde der Selbstbefleckung. Dieser böse Drang des Herzens würde auf seine Weise alle guten Kräfte des Leibes vernichten und auch die Kräfte der Seele nicht verschonen.

Studencki beschreibt auch die Symptome eines jungen Mannes, der eine solche Sünde begangen hat:

Wir würden die Menschen, die diese Sünde begangen haben, daran erkennen, dass sie ein blasses, silbriges Gesicht hätten, wie wenn sie krank wären, einen blauen Kreis um die Augen, blasse Lippen, Appetitlosigkeit, Trägheit der Hände, ein Vibrieren der Organe, besonders der Hände, wenn sie etwas festhalten wollen, Müdigkeit nach jeder leichten Arbeit und ein Nachlassen des Gedächtnisses.

Auch die Heilung solcher Zustände erfolgt nicht durch die Praxis des Arztes, sondern durch die Führung der Eltern (in diesem Fall natürlich durch den Vater) und durch die Moral:

Das wahre und richtige Heilmittel, um sich vor dieser bitteren und bösen Sünde zu schützen und sie aus dem Herzen des Knaben auszurotten, besteht darin, dem Weg zu folgen, den die Schöpfung in das Herz des Menschen eingeprägt hat, und ihn mit Sittlichkeit und Anstand zu leiten. Wenn man dieses Heilmittel anwendet, wird diese schreckliche Verderbtheit, die so viele Knaben in ihren Bann gezogen hat, verschwinden, und bald werden die Väter die Güte ihrer Kinder sehen, die wie frische Rosen blühen und so rein sind wie Olivenöl.

Oded Fluss. Zürich, 7.3.2014.

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Fuchsfabeln

Berechia ha-Nakdan – Mischle Schualim. Berlin, 1755. BH 612.

Die Schlauheit des Fuchses war ein beliebtes Thema in den Fabeln und Parabeln früherer Zeiten. Wenn auch die anderen Tiere in diesen Geschichten nicht ganz naiv dargestellt wurden, so war es doch meist der Fuchs, der sie zu überlisten versuchte. Oft wurde er Opfer seiner eigenen Schlauheit, manchmal war es aber auch der Fuchs, der die Bosheit eines anderen Tieres entlarvte. Wie dem auch sei, die Moral oder das Gleichnis der Fabeln sollte klar sein, und wir sollten in der Lage sein, eine Lektion aus ihnen zu lernen.

Der Rabe und der Fuchs. Aus Mischle Schualim. Schocken Verlag. Jerusalem, 1945. H 526.

Auch in der jüdischen Tradition spielten Tierfabeln eine wichtige Rolle. Chaz“al (die verstorbene geistigen Führer der Juden) vertraten oft die Ansicht, dass die gesamte irdische Schöpfung eins sei und ein Ziel habe, und dass auch die Eigenschaften der Tiere einen erzieherischen Zweck für die Menschen hätten. Der hebräische Begriff Mishlè Shu’alim (Fuchsfabeln) ist so alt wie der Talmud, wird aber oft mit einem Buch mit diesem Titel in Verbindung gebracht.

Mischle Schualim. Mantua, 1556. David Jeselsohn Sammlung JB957 (NLI).

Es handelt sich um eine Sammlung von Fabeln, die im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert von Rabbi Berechiah ha-Nakdan verfasst und übersetzt wurde. Über die Biographie des jüdischen Exegeten, Ethikers, Grammatikers, Übersetzers, Dichters und Philosophen Berechia ha-Nakdan ist wenig bekannt. Man nimmt an, dass er zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert lebte, wahrscheinlich in der Normandie und auch in England. Sein Nachname ha-Nakdan („der Punktierer“) deutet darauf hin, dass Berechiah hebräische Bücher punktierte. Wie ein jüdischer Gebrüder Grimm sammelte er Fabeln und übersetzte sie ins Hebräische.

Parabolae vulpium. Rabbi Barachiae Nikdani. Translatae ex Hebraica in linguam Latinam opera M. Hanel. Prag, 1661.

Das Buch, das mit seiner scharfen Ironie, seinen schillernden Figuren und seinem Humor in der trockenen jüdischen Literatur des Mittelalters sehr ungewöhnlich ist, wurde erstmals 1557 gedruckt, aber erst durch eine jiddische Übersetzung im 18. Jahrhundert bekannt (eine lateinische Übersetzung von Melchior Hanel erschien 1661 in Prag). Es enthält mehr als 100 Fabeln (die grösste Sammlung in der hebräischen Literatur), von denen die meisten aus ausländischen Fabelbüchern des Mittelalters stammen, insbesondere aus dem berühmten französischen Fabelbuch der Marie de France und aus den äsopischen Fabeln. Hinzu kommen Fabeln aus dem Talmud, dem Midrasch und anderen jüdischen Quellen. Im Unterschied zu Kindermärchen enden diese oft ohne Happy End. In einer kurzen Einleitung erläutert Rabbiner Berechiah ha-Nakdan die Beweggründe für die Entstehung des Buches:

Um die Törichten klug zu machen, den Jüngling zu belehren, den Unvernünftigen, erfand ich das treffliche Mittel meines Denkens, die Herzen wie einen Garten zu tränken – mit Fabeln von Füchsen und anderen Tierwesen – die die Leute im Munde führten. Zwar sind diese Tierfabeln – schon in allen Sprachen zu lesen; aber in der Form – wich ich von der Norm anderer Schriftsteller ab. – Denn ich schmückte alle Geschichten aus, die mir geeignet schienen – dem Leser Nutzen zu bringen – in vielen Dingen. Sie sind köstlicher als Goldglanz; – herrlicher als Perlenkränze – wie die sehen werden – die zu urteilen wissen.

Nicht nur Füchse kommen vor, sondern fast alle den Menschen bekannten Wild- und Haustiere, einschliesslich des Menschen selbst. Jeder Fabel ist eine kurze Einleitung und ein kleines Gedicht vorangestellt. Obwohl die meisten Fabeln aus anderen Quellen stammen, wurden sie für den jüdisch-hebräischen Leser bearbeitet. Die hebräische Sammlung von Berechiah erhält ihren klassischen Wert durch die biblischen Idiome und moralischen Bezüge, die in die Fabeln eingewoben sind und in einigen von ihnen zu einer bezaubernden Poesie werden, die nicht unbedingt religiöser Natur ist.

Rabbiner Dr. Julius Landsberger (1819-1890)

Moses Mendelssohn übersetzte einige der Fabeln ins Deutsche, Ende des 19. Jahrhunderts folgten der Darmstädter Rabbiner Dr. Julius Landsberger und der tschechische Rabbiner Abraham Stein. Die Übersetzungen sind zwar etwas altmodisch, aber sehr schön. Im Folgenden werden einige Beispiele vorgestellt.

„Die Form des Rabbi Akiba“ aus der Mantua-Haggada.

Die erste Fabel „Der Fuchs und die Fische“ basiert auf einer Fabel von Rabbi Akiba und stammt aus dem babylonischen Talmud:

Der Fuchs und die Fische

Gar Viele rathen das mit arger List,
Was für sie gut, für andere schädlich ist.

Einst gieng an eines Flusses Saume — ein Fuchs und sah im Wasserraume — einen Fisch in eiliger Flucht — vor einem anderen, der ihn zu Haschen sucht. — Jetzt kam der Verfolger heran — und stieß den Verfolgten an; dieser erwiderte den Stoß — so gieng der Kampf, der heiße, los — und ein Retter war nicht da. Als der Fuchs dies sah, trat er still zum Wasser hin, — denn er führte es im Sinn‘ — beide mit den Zähnen zu fangen — oder sie durch List zu erlangen. Doch nur des scheidenden Wassers willen — konnte er seine Gier nicht stillen. Da gieng er ohne zu sprechen ein Wort — von dieser Stelle fort — hin nach des Wassers anderer Seite. Dort sah er wieder Fische im Streite: die Kleinen werden bedrängt von den Großen, — die Schwachen von den Starken gestoßen. Da rief er den Fischen zu: — ‚Thoren, ihr gönnt euch nicht Ruh‘; umschlingt euch wohl ein brüderlich Band? waltet ein Gesetz in eurem Land , wo Einer dem anderen Verderben bringt. — Der Große den Kleinen verschlingt? Machten mich zum König ihrer Wahl — die Fische allzumal — so ließ ich nichts verletzen — von den bestimmten Gesetzen. —In Furcht und Bangen lebt ihr — euch zu bekämpfen strebt ihr. — Auf eurem Wege ist euch Leid beschieden — ihr kennt nicht Ruh‘ noch Frieden, — ihr werdet zerrissen — zerissen. — Hört deshalb meine Worte! Kommt zu mir nach diesem Orte; hier werdet ihr Freude haben — und des Friedens Gaben. — Befolgt was ich gerathen an , — ihr segnet mich ganz sicher dann! — Kommt, herauf auf trockene Erde — so leben wir zusammen ohne Beschwerde — ihr werdet da nicht hadern, nicht streiten , — noch euch Kampf bereiten — ! Denn bei uns lebt kein Empörer, noch ein Ruhestörer. — Da gibt‘ s Freuden ohne Schranken, — neu zu beleben die Herzens-kranken; auch thun niemand was zu Leide — die Erdbewohner in ihrer Freude — die sie so fröhlich macht — bei Tag und Nacht.
״Wie“, sprach ein Fisch, ״ auf trockener Erden — sollt uns Friede werden? — Sieh, da wir im ruh’gen Wasser leben, — von unseren Familien umgeben, — stiegen Räuber über uns her, — vertilgen der Unsern immer mehr; — wir müssen vor den Netzen bangen, —vor den Fischern, die uns fangen. — Viele kommen mit Angeln herbei, — und wir stoßen aus einen Schmerzensschrei; o kenntest du unser Reich, — würdest du fürchten uns gleich. — Und wenn auch du auf listige Weise — dir jetzt verschafft fette Speise;—so wirst du doch nicht unterliegen, – denn deine Feinde werden dich bekriegen — und es wird dir nicht gelingen, — sie zu bezwingen. — Wie willst du dennoch uns schlau bethören — und auf der Erde Frieden schwören? — Wahrlich dem Vogel in der Luft, — dem Fische in der Wassergruft — und dem Thiere auf dem Feld — wird lauernd nachgestellt; — selbst Menschen fühlen Kampfes Leid — hervorgerufen durch ihren Neid, Ueber dem Hohen  gibt’s noch ein höherer Hüter — und über ihne gibt’s noch einen Gebieter?“
Das Gleichnis will vor Rathgebern warnen, — die durch süße Worte umgarnen; — denn der Heuchler Heerde — gleicht dem Staub der Erde. — sowie ihr Mund — dem frechen Hund. — Drum soll jeder auf die Falle achten — der Weise hat Augen zu betrachten.

Mein Gedicht — das spricht:
Die Menschen sind voll Frechheit jetzt — wie Hunde ,
Ihr Wort ist nie von Doppelsinne frei;
Nur Wermuth quillt aus ihres Herzens Grunde.
Ob ihre Zunge auch voll Honig sei. —
Gleich wie der Säugling saugt mit zartem Munde,
So saugen sie an dir mit Heuchelei. —
Sie sind Späher, bringen falsche Kunde,
Nicht Josua , noch Kaleb ist dabei.

Die nächste Fabel „Der Hund, das Schaf, der Löwe, der Wolf und der Bär“ ist in der von Aesop überlieferten Fassung bekannter. Die beiden Versionen sind sich sehr ähnlich, aber statt des Happy Ends bei Aesop ist das Ende hier tragisch und das unschuldige Schaf ist das Opfer.

Der Hund, das Schaf, der Löwe, der Wolf und
der Bär.

 
Es ist ein Uebel gar folgenschwer,
Wenn Herrscher achten auf Lügenmähr.

Vor des Löwen Gerichtshof klagte — bitterlich ein Hund und sagte: — „O, Herr, hab‘ doch Erbarmen, — mit deinem Knecht, dem armen; — das Brot, das ich zur Nahrung — mir legte in Verwahrung, — stahl mir dies Schaf am gestrigen Tage. “ — Doch dies erwiderte auf die Klage: — „Er lügt, bei wem du findest das Brot, — erleide den Verbrechertod.“ — Da sprachen die Richter zum Hunde: — „Hast du Zeugen für deine Kunde? “ — Der entgegnete: „Meiner Worte Wahrheit — beweisen Zeugen mit Klarheit. — Wolf und Bär haben dies Schaf gesehn — heimlich in meine Hütte gehn; — hier stahl’s mein Brot mein liebes; — o schonet nicht des Diebes!“ Da lud man die hohen Herrn, — welche waren fern — zur Zeugenaussage — an einem bestimmten Tage. — Doch beriethen, um Widerspruch zu meiden — zuvor das Zeugniß die Beiden, — setzten zusammen die Lügen — mit denen sie wollten betrügen. — Dann traten sie vor’s Gericht, — wo die Richter nicht forschten nach Pflicht; — denn sie waren mit jenen einen Weg gegangen — hatten Bestechung empfangen — und halfen den Zeugen — das Recht beugen. Das Urtheil lautete daher: — „Ein Brot, wie das gestohlene schwer, — soll das Schaf dem Hunde zahlen.“ — Dies eilte hinweg voll Qualen; — denn es hatte nichts im Haus; — doch es bot seine Wolle zum Kaufe aus. — Da fanden die Scheerer sich ein, — das Schaf trug still des Scheerens Pein — und für die Wolle , ihm entnommen, — hat es das Brot bekommen, — das es reichte dem Hunde dar, — obwohl es unschuldig war. — Das Schaf litt aber neue Qual, — es wich des Sommers heißer Strahl, — der Winter stieg zur Erde nieder — und Frost schüttelte des Schafes Glieder, — weil ihm fehlte die Wolle, die warme. — Da ergab es sich dem Harme, — betrübte sich wegen seiner Kleinen, — hörte um seiner Kinder willen nicht auf zu weinen — und da der Winter herrschte mit Strenge — und Schnee fiel in großer Menge — starb’s auf einem von den Wegen  — die es hatte zurückzulegen. Wolf und Bär, die gehofft auf sein Ende, — liefen nun zur Todesstätte behende — und sprachen : „Dies Schaf ist wohl erworben, — denn durch unser Zeugniß ist’s gestorben.“—
Dies Gleichniß ist gegen dies Geschlecht, — das der Frechheit Knecht, — deß‘ Zähne Schwerter sind , — zu vertilgen der Armuth Kind  — welches Alle hassen, — weil’s nicht will vom Rechte lassen — und den Trug umfassen. — Für seine Fehler giebt’s viele Späh’r — und der Herrscher achtet auf Lügenmähr.

Mein Gedicht, — das spricht:
Ach, daß der Leu dem Fuchs verwandt,
Der Fromme küßt dem Schelm die Hand,
Betrüger schmückt das Ordensband,
Und Niedre stehen hoch im Land!
Doch wird vom Taumel übermannt,
Auch der, den Thoren Gott genannt. —
Sein Thun bleibt doch für ihn nur Tand,
Er stürzt trotz seinem Kriegsgewand.
Und daß wer fiel nicht mehr erstand,
Ist armen Leuten wohl bekannt. —

Eine der merkwürdigsten Fabeln (die eigentlich gar keine ist) in der Sammlung ist die Erzählung von dem Weibe, ihrem Manne, dem Ritter und dem Minister. Abgesehen von der ungewöhnlichen Handlung und der seltsamen Moral zeigt sie, wie offen und sogar radikal die hebräische Kultur im Mittelalter war, und wie sie sich von anderen Kulturen beeinflussen liess.

die Erzählung von dem Weibe, ihrem Manne, dem Ritter und dem Minister. Aus Mischle Schualim. Schocken Verlag. Jerusalem, 1945. H 526.

Erzählung von dem Weibe, ihrem Manne, dem Ritter und dem Minister

Nur Wenige bleiben stets treu ergeben
Den Todten, die sie geliebt im Leben.

Traurig ringt das Weib die Hände — Thräne folgt der Thrän‘ behende — seht das Leid sie einsam tragen — und vor Schmerz die Brust sich schlagen, — weil ihr Gatte sank ins Grab.— Schauet jetzt die Trift hinab! — Dort hängt ein Ritter todt am Pfahl, — denn, wie der König es befahl, — durch den Minister und treuen Rath — an jedem Ort in jeder Stadt, — niemand sollt vom Galgen schneiden, — wollt‘ er nicht selbst erleiden —den Tod durch Henkers Hand — und endlich werden noch verbrannt.
Doch, als des Ritters Bruder sah — ihn, weil gehenkt, der Straße nah — der Verachtung preisgegeben, — fühlte er sein Herz erbeben; — denn beide hatten ja fürwahr — dasselbe Elternpaar. — Kein Maß für seinen Zorn kennt er — drum des Nachts vom Galgen trennt er — den todten Leib waghalsig los : — und senkt ihn in der Erde Schoß.
Doch sehr ist ihm das Herz beklommen — aus Furcht ums Leben selbst zu kommen, — weil er des Königs Wort verletzt! — vor Angst sträubt sich das Haar ihm jetzt. — Er floh daher und barg sich — im Hause jener Frau, die arg sich — grämt und weint um ihren Mann. Er spricht zu ihr, so gut er kann — tröstliche Worte mit seinem Munde — als Balsam für ihre Herzenswunde. . — Zuletzt sagt er: Werde mein — ich will Dein treuer Gatte sein; — vergiss den Kummer, den Gemahl — und sei das Ehweib meiner Wahl.
Und sie? sie spricht zufrieden: — Da das Schicksal mich beschieden — Dir zur Gefährtin Deines Lebens — sei Dein Werben nicht vergebens. — Sie bat ihn dann um seine Erlebniße — und er erzählte seine Begegniße, — wie seine Seele niedergebeugt, — weil er sich ungehorsam gezeigt — dem König in dieser Nacht — und dass er werde umgebracht — in der Jahre Kraft — seiner Familie entrafft. Da sprach die Frau: Sei ohne Bangen; statt Deines Bruders, der gehangen — knüpfen wir an jenen Pfahl — meinen Gemahl,— den sie haben — begraben . — Bevor es tagt soll es geschehen — und wer kann das Dunkle erspähen? Wer verrathen — geheime Thaten? — Befolge, was ich vorgeschlagen, — Dein Glück hat Dich zu mir getragen. Nun führt sie rasch zum Grab ihn hin; — verkehrt die Lieb doch oft den Sinn! — dort nahmen sie aus dem Sarg — den Todten, den er barg — und haben es vollbracht, — wie sie es ausgedacht. — Zur Trift eilt sie so schnell sie kann — zu hängen ihren todten Mann.
Dies soll lehren: Nur Wenige bleiben stets treu ergeben — der Todten , die sie geliebt im Leben. — Ihre Liebe schwindet bald dahin; – ihr kann nicht trau’n des Sterbenden Sinn. — Haben sie ihn auch umarmt, geküsst, — ihr Herz des Todten doch vergisst; sie denken nicht, sobald er todt — an seine Wohlthat, sein Gebot. — Spricht er: Eingedenk meiner Liebe sei, — meinen Kindern, Enkeln bleibe treu! Ist er todt, vom Staub erfüllt, bleibt doch sein Wille unerfüllt.

Oded Fluss. Zürich, 22.2.2024.

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Das Grab am Weg: Sali Levi, der letzte Mainzer Rabbiner.

Feldrabbiner Sali Levi in Uniform (ca. 1915).

Ein etwas ungewöhnliches Buch in unserer Bibliothek enthält einige Spuren des Rabbiners Sali Levi (1883-1941), eines bekannten Feldrabbiners im Ersten Weltkrieg, der auch als letzter Rabbiner der jüdischen Gemeinde Mainz in die Geschichte eingegangen ist. Dies und die Tatsache, dass Rabbiner Levi Student am Theologischen Rabbinerseminar in Breslau war und dort auch promovierte, gibt Anlass, mehr über diese interessante und leider in Vergessenheit geratene Persönlichkeit zu erfahren.

Samuel Krauss – Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen. S. Calvary & Co. Berlin, 1902. D 7175

Das vor uns liegende Buch „Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen“ wurde 1902 in Berlin gedruckt und von Rabbiner Samuel Krauss (1866-1948) herausgegeben, einem Lehrer für hebräische und jüdische Geschichte und Talmudgelehrten, der sowohl an der Jüdischen Lehrerseminare in Budapest als auch an der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt in Wien unterrichtete.

Exlibris Dr. Rabbiner Sali Levi

Auf der Innenseite des Buchdeckels befindet sich das einzigartige Exlibris des Rabbiners Sali Levi. Es zeigt zwei bekannte jüdische Motive, den Davidstern oben und die Menora unten. Auf der rechten Seite des Exlibris finden wir einen Hirsch und die hebräische Inschrift רץ כצבי „schnell wie ein Hirsch“ und auf der linken Seite einen Löwen und die hebräische Inschrift וגבור כאריה „und stark wie ein Löwe“. Dies ist ein direktes Zitat des Spruchs von יהודה בן תימא Jehuda ben Tema, aus der Mischna: „Sei mutig wie ein Leopard, leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch und stark wie ein Löwe, um den Willen deines Vaters im Himmel zu tun (Masechet Abot 5:20). Oben auf der Titelseite finden wir auch den Stempel von „Rabbiner Dr. S. Levi. Mainz“.

Stempel Dr. Rabbiner Sali Levi

Rabbiner Levi wurde 1883 in Waldorf (Baden) geboren und trat im Alter von 20 Jahren in das Theologische Rabbinerseminar in Breslau ein (wir erfahren dies aus dem Jahresbericht des Seminars von 1903). Das Schicksal wollte es, dass unmittelbar nach seinem Abschluss der Erste Weltkrieg ausbrach. Sali Levi wurde als Feldrabbiner in das Armeeoberkommando (10. Armee) berufen. Während des Krieges wurde er mit dem Eisernen Kreuz und dem Zähringer Löwenorden ausgezeichnet.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung 1903

Über Levis patriotische Gesinnung im Ersten Weltkrieg erfahren wir aus einer kleinen Broschüre „Ein Gruss der Feldrabbiner an die jüdischen Kameraden im Deutschen Heere“, die 1915 vom Verband der deutschen Juden herausgegeben wurde und in der er sich zusammen mit anderen Rabbinern an seine jüdischen Kameraden wandte.

Ein Gruss der Feldrabbiner an die jüdischen Kameraden im Deutschen Heere. Berlin, 1915.

In dem Artikel „Das Grab am Wege“ vergleicht er das improvisierte Grab eines jüdischen Kameraden, das er auf dem Schlachtfeld gesehen hat, mit dem biblischen Grab der Rachel. Auch wenn beide Gräber einsam und abgelegen stehen, weit weg von Familie und Freunden, sind sie ein Zeichen für ein höheres spirituelles Ziel.

Aber eines Helden Stimme spricht aus dem Grabe: „Dort, wo ich stritt und litt, dort wo ich stand und fiel, dort will ich ruhn: im Tode, noch will ich ein Zeuge sein, dass der deutsche Krieger nicht wankt und nicht weicht!“[…]Das Grab am Wege zeigt die Bahn, die schlichten Hügel halb verwittert und verweht, sie werden Euch zur Höhe führen, in freie Zukunft, frohen Frieden: ins Land der Verheißung.
Beiträge zur Geschichte der ältesten jüdischen Grabsteine in Mainz. Mainz, 1926. B 2191.

Gräber sollten ein wiederkehrendes Motiv in den Schriften von Rabbi Levi werden. Er wurde 1918 Nachfolger des berühmten Rabbiners der Mainzer jüdischen Gemeinde, Professor Sigmund Salfeld (1843-1926), der aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand treten musste. Im Jahr 1926 veröffentlichte Levi sein Buch „Beiträge zur Geschichte der ältesten jüdischen Gräber in Mainz“, ein äusserst wichtiges Dokument über die alten jüdischen Gräber in Mainz, mit Fotos und Transkriptionen der Inschriften auf den Grabsteinen.

Einweihung des Denkmalfriedhofs im Oktober 1926 durch Rabbiner Dr. Sali Levi

Das Büchlein erschien begleitend zu einem anderen grossen Projekt des Rabbiners Levi. Als im 19. Jahrhundert bei Bauarbeiten in der Stadt Mainz rund 180 mittelalterliche Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs gefunden wurden, entstand der Plan, sie an alter Stelle wieder aufzustellen. Im Oktober 1926 weihte schliesslich Rabbiner Sali Levi im Beisein zahlreicher staatlicher, kommunaler und kirchlicher Würdenträger den Gedenkfriedhof auf dem Gelände oberhalb des frühneuzeitlichen Friedhofs ein.

Das Lehrerkollegium der Jüdischen Bezirksschule Mainz mit Schulleiter Dr. Sali Levi (rechts) ca. 1935.

1934, nach der Machtübernahme durch die Nazis, wurde Levi zum Leiter der jüdischen Bezirksschule in Mainz ernannt, die in der Synagoge in der Hindenburgstrasse untergebracht und ausschliesslich für jüdische Schüler/innen bestimmt war. Dieses Amt übte er bis Mai 1936 aus. Nach einem Besuch in den USA kehrte er 1938 nach Mainz zurück, um seine Gemeinde weiter zu unterstützen und ihnen bei der Beschaffung von Visa für die Auswanderung aus Deutschland behilflich zu sein. Sali Levi blieb bis zum Frühjahr 1941 in Mainz, als er sich zur Emigration entschloss. Er reiste nach Berlin, um von dort aus seine Auswanderung in die USA vorzubereiten. Nach wochenlangem Warten auf ein Visum starb er dort am 25. April 1941 an einem Herzinfarkt.

Aufbau. New York, 9.5.1941.

Der Mann, der so viel von seinem Leben der Geschichte der Mainzer Gräber gewidmet hat, ist leider ausserhalb der Grenzen seiner geliebten Gemeinde begraben. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee beigesetzt, auf dem Weg zwischen seiner Mainzer Gemeinde und seiner Frau und seinen Kindern, die in die USA fliehen konnten. Dennoch ist Rabbiner Sali Levi bis heute als letzter Rabbiner der jüdischen Gemeinde Mainz bekannt.

Grabstein des Rabbiners Dr. Sali Levi auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weissensee

Oded Fluss. Zürich, 1.2.2024.

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Ich und Du, der Baum

Martin Buber portrait, Israel - PICRYL - Public Domain Media Search Engine  Public Domain Search
Martin Buber (1878-1965)

Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie zu bekriegen, sie einzunehmen, verdirb nicht den Baum, indem du die Axt daran legst, denn von Ihm nährst du dich; ihn sollst du nicht ausrotten, denn der Mensch ist ein Baum des Feldes… (Deuteronomium 20,19).

Martin Bubers wohl bekanntestes und wichtigstes philosophisches Werk Ich und Du, das vor 100 Jahren erschien, bildet die Grundlage für sein Verständnis vom Menschen als dialogisch Geschaffenem: Der Mensch ist kein isoliertes Wesen, sondern bildet sich in Beziehung zu seiner Umgebung. Die Sprache spielt bei der Bildung des Menschen eine entscheidende Rolle, denn sie ermöglicht es ihm, mit seinen Mitmenschen in Beziehung zu treten und sich dadurch selbst zu bilden.

Martin Buber – Ich und Du. Insel Verlag. Leipzig, 1923.

Das Hauptaugenmerk in Bubers Werk liegt daher traditionell auf der Beziehung zwischen Menschen (Ich-Du). Ein ganz entscheidendes Element seiner dialogischen Philosophie liegt jedoch in der Affinität zwischen Mensch und Gegenstand (Ich-Es).

Ich nehme etwas wahr. Ich empfinde etwas. Ich stelle etwas vor. Ich will etwas. Ich fühle etwas. Ich denke etwas. Aus alledem und seinesgleichen allein besteht das Leben des Menschenwesens nicht.
All dies und seinesgleichen zusammen gründet das Reich des Es.

Obwohl nach Buber die Affinität zwischen Mensch und Gegenstand normalerweise die Sphäre der “Erfahrung” schafft (im Gegensatz zur Sphäre der “Beziehung” in der Ich-Du-Affinität), gibt es die Möglichkeit, sie umzuleiten und eine Beziehung zu einem Gegenstand zu schaffen. in diesem Fall würde ein Es zu einem Du.

Der Jude – Eine Monatsschrift. Herausgegeben von Martin Buber. Baum Zeichnung von Emil Rudolf Weiss.

Ich betrachte einen Baum


Als Paradebeispiel für diese Verwandlung führt Buber den Baum an. Natürlich kann man den Baum als ein Bild betrachten, als einen Gegenstand, als eine physikalische oder chemische Zusammensetzung, als eine Mischung aus Licht und Bewegung, als einen unter vielen, als etwas in Zeit und Raum, als eine blosse Zahl, wie es die Wissenschaft normalerweise tut. Dies würde unsere „Erfahrung“ des Baumes konstruieren.

Ich betrachte einen Baum.
Ich kann ihn als Bild aufnehmen: starrender Pfeiler im Anprall des Lichts, oder das spritzende Gegrün von der Sanftmut des blauen Grundsilbers durchflossen. Ich kann ihn als Bewegung verspüren: das flutende Geäder am haftenden und strebenden Kern, Saugen der Wurzeln, Atmen der Blätter, unendlicher Verkehr mit Erde und Luft – und das dunkle Wachsen selber. Ich kann ihn einer Gattung einreihen und als Exemplar beobachten, auf Bau und Lebensweise. Ich kann seine Diesmaligkeit und Geformtheit so hart überwinden, daß ich ihn nur noch als Ausdruck des Gesetzes erkenne – der Gesetze, nach denen ein stetes Gegeneinander von Kräften sich stetig schlichtet, oder der Gesetze, nach denen die Stoffe sich mischen und entmischen. Ich kann ihn zur Zahl, zum reinen Zahlenverhältnis verflüchtigen und verewigen. In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand und hat seinen Platz und seine Frist, seine Art und Beschaffenheit.

Buber würde jedoch behaupten, dass es eine andere Art gibt, den Baum zu betrachten. Der Baum selbst bliebe derselbe, nichts an ihm würde sich ändern, wohl aber die Art und Weise, wie wir ihn betrachten. Hier käme ein spirituelles, religiöses Element ins Spiel, das den Baum als ein ausschliesslich spirituelles Wesen darstellen und eine zweiseitige Beziehung zwischen uns herstellen würde. Der Baum würde aufhören, ein blosser Gegenstand der Erfahrung zu sein und in die Sphäre des Ich-Du eintreten.

Es kann aber auch geschehen, aus Willen und Gnade in einem, daß ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefaßt werde, und nun ist er kein Es mehr. Die Macht der Ausschließlichkeit hat mich ergriffen. Dazu tut nicht not, daß ich auf irgend eine der Weisen meiner Betrachtung verzichte. Es gibt nichts, wovon ich absehen müßte, um zu sehen, und kein Wissen, das ich zu vergessen hätte. Vielmehr ist alles, Bild und Bewegung, Gattung und Exemplar, Gesetz und Zahl, mit darin, ununterscheidbar vereinigt. Alles, was dem Baum zugehört, ist mit darin, seine Form und seine Mechanik, seine Farben und seine Chemie, seine Unterredung mit den Elementen und seine Unterredung mit den Gestirnen, und alles in einer Ganzheit.
Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen, wie ich mit ihm – nur anders. Man suche den Sinn der Beziehung nicht zu entkräften: Beziehung ist Gegenseitigkeit. So hätte er denn ein Bewußtsein, der Baum, dem unsern ähnlich? Ich erfahre es nicht. Aber wollt ihr wieder, weil es euch an euch geglückt scheint, das Unzerlegbare zerlegen? Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber.

Buber begründete eine Religionsphilosophie, die nicht nur die Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen und zu Gott, sondern auch seine Beziehung und Verantwortung gegenüber der Mitwelt thematisiert. Der Mensch soll seine Umwelt nicht nur konsumieren, sondern ist von ihr ebenso abhängig wie sie von ihm. Diese Denkweise, die wir in den letzten Generationen immer mehr zu schätzen gelernt haben, hat ihre Wurzeln (kein Wortspiel beabsichtigt) in der jüdischen Religion. Dass Buber den Baum als sein Paradebeispiel für die Umwelt des Menschen heranzieht, mag mit der Bedeutung des Baumes in der jüdischen Religion und im Zionismus zusammenhängen, eine Bedeutung, die im Tu Bischwat – dem neuen Jahr der Bäume – sicherlich ihren Höhepunkt findet.

Als Gott den Adam erschaffen hatte, führte er ihn zu allen Bäumen im Paradiese und sprach zu ihm: Siehe meine Werke, wie lieblich und vortrefflich sie sind und alles habe ich deinetwegen erschaffen. Nimm dich in Acht, dass du meine Welt nicht verunstaltest und zerstörst, denn es ist niemand da, der sie wieder herstellen könnte (Kohelet Rabba 7,13).

Mehr über Tu Bischwat und den Zionismus erfahren Sie in unserem Beitrag: https://breslauersammlung.com/2023/02/01/dort-wo-die-herzlzeder-tu-bischewat-und-der-zionismus/

Oded Fluss. Zürich 18.1.2024

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Chanukkabaum – Theodor Herzl und der Weihnachtsbaum

Ich wurde in ein großes Empfangszimmer eingelassen und fand – man stelle sich meine Überraschung vor – einen großen Weihnachtsbaum. Kurz darauf kam Herzl in Begleitung von Oppenheim, der auch Herausgeber der Neuen Freien Presse war. Die Unterhaltung – in Gegenwart des Christbaums – war schleppend, und ich empfahl mich bald.
(Oberrabbiner Moritz Güdemann. 24 Dezember 1895).

In unserem Blog wurde schon viel über Theodor Herzl und seine besondere Beziehung zu Chanukka geschrieben. In den bisherigen Beiträgen haben wir uns vor allem auf zwei von Herzls Schriften konzentriert: eine Erzählung mit dem Titel „Die Menorah“, die er geschrieben hat und die am 31. Dezember in der Welt unter dem Namen Benjamin Seff veröffentlicht wurde. Und ein Gedicht, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde und schlicht „Menorah“ heisst.
https://breslauersammlung.com/2022/12/15/herzl-und-chanukka/
https://breslauersammlung.com/2022/12/19/das-volk-allein-dem-es-geschah-das-feiert-lieber-chanukah/

Theodor Herzl – Menorah

In den Beiträgen sprachen wir über Herzls Faszination für die Form der Chanukka-Menorah (Leuchter) und die Ähnlichkeit, die er zwischen ihr und einem Baum fand. Wir sprachen über die Bedeutung eines Baumes, der Wurzeln hat, und über die Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln durch den Zionismus, über den starken Stamm des Baumes als Analogie für die Stärke und Widerstandskraft des Judentums. Und über das Wachsen und Blühen des Baumes und seine Entsprechung im Wachsen und Blühen des jüdischen Volkes.

Schlemiel – Jüdische Blätter für Humor und Kunst. 10.12.1919.

Jetzt, da wir in die Weihnachtszeit eintreten und von Freunden und Kollegen umgeben sind, die dieses wunderbare Fest feiern, sollten wir noch etwas erwähnen. Herzl war ein assimilierter Jude, der von vielen Christen/innen umgeben und mit ihnen befreundet war. Weihnachten war auch für ihn ein sehr wichtiges Fest, das er selbst mit seiner Familie feierte. In einem kleinen Tagebucheintrag vom Heiligabend, dem 24. Dezember 1895, verrät er uns ein Detail, das uns einen weiteren Einblick in seine Gedanken zu Chanukka und zum Weihnachtsbaum gibt:

Eben zündete ich meinen Kindern den Weihnachtsbaum an, als Güdemann kam. Er schien durch den „christlichen“ Brauch verstimmt. Na, drücken lasse ich mich nicht! Aber meinetwegen soll’s der Chanukabaum heissen — oder die Sonnenwende des Winters?
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Herzl mit seinen Kindern

Es gibt viel über Herzl in diesem kleinen Eintrag zu erfahren. Zunächst einmal, dass er Weihnachten mit seinen Kindern feierte und sogar einen Weihnachtsbaum in seinem Haus hatte. Dass er sich der damit verbundenen Schwierigkeiten bewusst war, aber nicht darauf verzichten wollte (Siehe oben die Verachtung, mit der sein Gast, Oberrabbiner Moritz Güdemann, über diesen Besuch in seinen Notizen schrieb). Und dass ihm schon damals die Verbindung zwischen dem christlichen Lichterfest und dem jüdischen sehr wichtig war und dass er die Verbindung zwischen beiden in ihren dafür bekannten Symbolen fand: der Chanukka-Menorah und dem Weihnachtsbaum, zwischen denen er eine grosse Ähnlichkeit sah und die er sogar zu einem Begriff verband: dem „Chanukkabaum“.

Aus Schlemiel – Jüdische Blätter für Humor und Kunst.

Die ICZ-Bibliothek wünscht frohe Festtage!

Oded Fluss. 21.12.2023

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„Und nachher wird getrendeIt!“

Wenn mir mein vierjähriges Söhnchen die Chanukageschichte zum so und so vielten Male erzählt — und es versteht darunter nicht ihren historischen Theil, sondern die Art und Weise, wie Chanuka praktisch, begangen wird — wie erst der Chanukaleuchter herbeigeholt und gefüllt, dann Abends Berocho gesagt, angezündet und Moaus Zur gesungen wird, dann lautet der Schlußrefrain der ganzen Darstellung regelmäßig: und nachher wird getrendelt! (Naftoli Hertz Ehrmann [Judäus]: Eine ungekannte Welt: Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben. Frankfurt a.M. 1907)

Nach der Chanukkia [Chanukka-Menorah] ist der Dreidel das erste, woran wir denken, wenn wir an Chanukka denken. Im Hebräischen als סביבון Sewiwon bekannt, hat der Dreidel im Deutschen mehrere Namen und wird auch als Trendel und Kreisel bezeichnet. Seine ungewöhnliche Form eines Würfels mit einem Bein und seine sehr unorthodoxe Funktion – die eines Wettspiels – machen ihn zu einem einzigartigen und faszinierenden jüdischen Objekt. Die hebräischen Buchstaben, die ihn verzieren, machen aus diesem gewöhlichen Spielzeug einen mystischen Gegenstand.

Illustration von Victor Kosak (1922)

Die hebräischen Buchstaben נ-N, ג-G, ה-H, ש-S, die zunächst für den Einsatz und das, was man bekommt, standen: (N = nichts, G = ganzer Einsatz, H = halber Einsatz, S = setzen, d.h. man muss einsetzen), erhielten erst später ihre heute bekannte Bedeutung als נס גדול היה שם Nes Gadol Haya Scham (ein grosses Wunder geschah dort). Ein kleines Gedicht im Israelitischen Familienblatt vom 3. Dezember 1936, unterzeichnet mit „Ben Menachem“ (wahrscheinlich ein Pseudonym für den Dichter Ludwig Strauss), weist auf diese frühe Verwendung der Buchstaben hin.

Israelitisches Familienblatt 3.12.1936

Wegen seines spielerischen und kindlichen Charakters wurden viele Lieder über den Dreidel geschrieben. Die bekanntesten sind auf Hebräisch, aber wir haben auch einige deutsche Übersetzungen gefunden. Als erstes stellen wir ein Lied des Kinderbuchautors und Dichters Levin Kipnis (1894-1990) vor. Kipnis (der auch das bekannte hebräische Lied „סביבון סוב סוב סוב“ „Sewiwon, sow sow sow“ schrieb) schrieb hauptsächlich auf Hebräisch und Jiddisch, aber wir hatten das Glück, eines seiner Dreidel-Gedichte zu finden, das von keiner Geringeren als der Dichterin Mascha Kaléko übersetzt wurde.

Eine weitere Übersetzung, von der wir weder die Quelle noch den Übersetzer kennen, findet sich in der Zeitung Die Neue Welt vom 9. Dezember 1936. Ausser der Tatsache, dass es aus dem Hebräischen übersetzt und „gesungen von Kindern in Erez Israel“ wurde, können wir nicht viel über dieses schöne Lied herausfinden.

Die neue Welt. 9.12.1936.

Es wurden nicht nur Lieder, sondern auch Geschichten über den Dreidel geschrieben, die wir auch im deutschen Original gefunden haben. In diesen Geschichten geht es meist um den Dreidel als Zauberwesen, das sich endlos drehen oder manchmal sogar sprechen kann. Eine dieser Wunder-Dreidel-Geschichten finden wir in der Zeitung Der Israelit vom 10. Dezember 1936. Es ist die Geschichte einer armen Familie, in der die Kinder von einem magischen Dreidel zu einem Schatz geführt werden. Der/die Autor/in ist unbekannt und hat nur mit dem Namen „Deka“ signiert.

Der Israelit 10.12.1936

Es ist schon dunkel, Die Chanuckahlichtlein erhellen mit ihren freundlichen Strahlen die Straßen des friedlichen Dorfes; In allen jüdischen Häusern herrscht Chanuckafreude. Nur in einem Hause scheint sie nicht eingekehrt zu sein. Wohl brennen auch hier im Stüblein am Fenster die Lichtlein. Jedoch von Freude ist nichts zu merken. Traurig sitzt am Ofen im Lehnstuhl eine Frau mit bleichem Gesicht. Man sieht es ihr an, daß sie geweint hat. Wie war doch immer das Chanuckahfest eine Freude als ihr sel. Mann noch lebte. Armut und Entbehrung sind seitdem eingekehrt. Am Tische sitzen zwei muntere Buben, Chajim der ältere und Menachem der jüngere. Ein Trendelcheh hat ihnen die Mutter zum Spielen gegeben. Statt der wohlschmeckenden Nüsse hat jeder ein Häufchen Brotstückchen vor sich liegen. Das Spiel beginnt. Chajim läßt das Trendelchen schnurren. Wie es auf dem glatten Tisch saust! Die Augen der Buben sind auf das Trendelchen gerichtet. Wird Chajim gewinnen oder verlieren? Das Trendelchen hört ja gar nicht auf zu schnurren. Plötzlich springt es auf die Erde und von hier zur Türe, die geöffnet ist. Es saust zur Türe hinaus. Die beiden Buben hinterher. Sie wollen es fassen. Aber es ist schon auf der Straße. Nun geht es schnell durch das Dörfchen über Stock und Stein in den Wald. Es ist eine sternenklare Nacht, so daß sie ihm leicht folgen können Aber o weh, das Trendelchen ist plötzlich verschwunden. Da stehen sie nun die Beide allein im Walde. Der kleine Menachem fängt an zu weinen. „Wo sind wir, wie kommen wir wieder nach Hause? Die Mutter weiß nicht, wo wir sind!“ Aber Chajim legt seine Hand auf die Schulter des kleinen Bruders und sagt: „Weine nicht, G’tt wird uns nicht verlassen, wenn es hell wird, finden wir auch den Weg wieder nach Hause. Was war das ? Ein Vöglein sang auf einen Ast, ganz nahe bei den Kindern. Die Kinder blicken ängstlich zu ihm empor. „Fürchtet Euch nicht, liebe Kinder, ihr werdet noch eine Chanuckahfreude erleben, und zu Euerm Mütterlein werdet ihr auch bald wieder kommen. Folgt nur dem Trendelchen nach“, so sprach das Vöglein: und war verschwunden. Und siehe , da war auch wieder das Trendelchen, munter, schnurrte es weiter. Die Kinder hinterher.
„Halt, halt, ihr lieben Kinder!“ Vor ihnen stand ein Englein im weißen seidenen Gewand und sprach: „Der liebe G’tt hat gesehen wie gut und lieb ihr zu euerm Mütterlein gewesen seid. Ihr habt soviel entbehren müssen seitdem euer Vater nicht mehr lebt. Darum soll euch eine Chanuckahfreude beschieden sein, wie sie kein Kind erlebt hat. Seht hier, in diesen Berg wollen wir gehen, da gibt es viel Schönes und Kostbares. Ihr dürft euch nehmen, soviel ihr tragen könnt. Aber eins müßt ihr mir versprechen, so bald ihr im Berg seid, dürft ihr nicht sprechen. Wenn nur ein Wort über eure Lippen kommt, hat alle Herrlichkeit ein Ende. Könnt ihr das?“ Und Beide nickten, denn sie waren so benommen, daß sie nicht sprechen konnten. Indem dies der Engel gesagt hatte, führte er sie in den Berg. Was war da eine Pracht und Herrlichkeit! Die Wände glitzerten in purem Gold. Auf dem Boden lagen Berge von Goldstücken und Edelsteinen. Chanuckahleuchter in allen Größen und Formen aus Gold standen an den Seiten. Chajim konnte sich des Staunens nicht erwehren. Er öffnete seinen Mund und wollte einen Schrei der Verwunderung ausstoßen, aber schnell hielt ihm Chajim die Hand vor den Mund, so daß er nicht mehr weitersprechen konnte. „Nehmt euch liebe Kinder soviel ihr wollt, bringt alles euerm Mütterchen. Da liegen Säcke zum Füllen.“ Und nun ging es an die Arbeit. Schnell waren die Taschen mit Edelsteinen und Gold gefüllt. Dann kamen die Säcke an die Reihe. Sie konnten sie kaum tragen, so schwer waren sie.
Der Engel führte sie wieder zum Berg hinaus, legte auf beide seine Hände: „Geht heim, grüßt euer Mütterlein, seid weiter so lieb und fromm, Dann verläßt euch G’tt nicht“. Mit diesen Worten war der Engel verschwunden, und die Kinder standen plötzlich vor dem Hause ihrer Mutter. Sie stürzten in die Stube. Wie groß war die Freude der Mutter, als sie ihre Kinder wiedersah! Wie groß war aber ihr Erstaunen, als die Kinder die Säcke und Taschen ausleerten. Alle Not hatte nun ein Ende, und Chanuckah erstrahlte im neuen Licht.
Siegfried Abeles – Das lustige Buch fürs jüdische Kind. Illustration von Willy Braun. Breslau, 1926. D 798

Eine weitere Geschichte über einen Wunderdreidel finden wir in „Das lustige Buch fürs jüdische Kind“ von Siegfried Abeles, das 1926 in Breslau erschien. Wir haben Abeles bereits einen Artikel gewidmet (Sie finden ihn hier: https://breslauersammlung.com/2022/09/22/abeles/ ). In der Geschichte Das Trendel mit Kopf und Fuss geht es um Akiba, den faulen Rabbinersohn, und die Lektion, die er von einem sehr klugen und aussergewöhnlichen Dreidel lernt.

Das Trendel mit Kopf und Fuss

Akiba war das zehnjährige Söhnchen eines gelehrten Rabbiners, aber selbst wollte er nichts von Gelehrsamkeit wissen. Heute hatte er bereits seine hebräische Aufgabe begonnen, aber sehr unwillig waren schon die ersten Zeilen voll Fehler. Plötzlich und deshalb warf er den Federstiel fort, liess das Heft offen liegen und lief dann in den rückwärtigen Hof des Tempelgebäudes, in dem er wohnte. In diesem Hof hielt sich Akiba besonders gern auf, denn dort lagen viele alte, unbrauchbar gewordene Sachen, auf denen er gern herumturnte und unter denen er gern umherkramte.
„In einigen Tagen kommt Chanukkah“, dachte Akiba, „da will ich mir ein Trendel schnitzen.“ Und er schnitt mit seinem Taschenmesser ein Stück Holz von einem alten Betstuhl. Wie wunderbar! Das Stückchen hatte sogleich die Form eines Trendels: ein Würfel, aus dessen Mitte oben ein Griff, unten ein zugespitzter Fuss hervorwuchs. Der Griff war aber nicht, wie sonst, oben zu einer Halbkugel abgerundet, sondern da sass auf dünnem Hals ein kleiner lustiger Bubenkopf und der Fuss lief nicht glatt zu einer Spitze zu, sondern unten befand sich ein kleiner Menschenfuss, der auf der Spitze seines schmalen Schuhes stand. Akiba sah zuerst verwundert diese Figur an, dann aber lachte und hüpfte er vor Freude und lief mit dem komischen Trendel in sein Zimmer, um die Buchstaben, die man zum Spiele benötigte, auf die vier Seitenflächen des Würfels zu schreiben. Aber er hatte vergessen, welche Lettern auf seinem vorjährigen Trendel gestanden, und als er vor seinem Schreibpult sass, rief er unwillkürlich: „Wenn ich nur die Buchstaben wüsste!“ Dabei drehte er gedankenlos das Trendel. Dieses begann zu tanzen und zu hüpfen, sprang in das Tintenfass und wieder hinaus, dann tanzte es mit dem von der Tinte schwarz gewordenen Schuh über ein weisses Blatt Papier.
Was war aber das! Die Tintenspuren der Schuhspitze auf dem Blatt sahen wie geschriebene hebräische Buchstaben aus! ,,Ness gadol hajah scham“ konnte Akiba deutlich lesen. „,Spassig !“ rief er aus. ,,Gadol, das heisst ja ,,gross“. Aber das kann doch alles nur Zufall sein. Und das Ganze ist gewiss ein Unsinn. So ein dummes Trendel kann doch nicht schreiben und nichts wissen.“ Da klappte plötzlich der Fuss des Trendels um, so dass er auf der Sohle stand, und die wundersame Figur hielt in ihrem Tanze inne. ,,Du junges Menschlein“, sagte sie plötzlich, ,,du glaubst klüger zu sein als ich? Mehr als tausend Jahre stand ich auf dem Libanongebirge, denn ich bin ein Stück einer alten Zeder. Dann nahm ein frommer Mann Zedernholz aus Palästina mit hierher, um sich einen Betstuhl daraus machen zu lassen. So stand ich nun wieder mehr als zweihundert Jahre im Bethaus und hörte viele Gebete und gelehrte Gespräche. Da bin ich also ein sehr kluges Trendel geworden. Das, was ich dir aufgeschrieben habe, heisst übersetzt: Grosses Wunder geschah damals. Die Anfangsbuchstaben, ein Nun, ein Gimmel, ein Heh und ein Schin musst du mir auf den Körper schreiben. ,,Aber Herr Trendel“, sagte Akiba verlegen stotternd ,,ich habe gar nicht gewusst, dass Sie auch reden können. Jetzt getrau ich mich nicht, auf Ihrem Leib mit der Feder zu kritzeln. „Schreibe nur ruhig“, erwiderte das Trendel. ,,Ich bin ja aus Holz und nicht ein bisschen kitzlig.“ Da legte Akiba das Trendel auf den Rücken und zeichnete ihm ein hebräisches N in Druckschrift auf den Bauch. .,Jetzt erinnere ich mich schon“, rief er dabei, ,,das Nun bedeutet „,nichts“. Wenn das obenauf liegt, erhält man nichts aus der Kasse.“ „,Und nichts hatten deine Väter“‚, sagte das Trendel, ,die vor Antiochus Epiphanes in die Höhlen des Gebirges flohen, um nicht Götzen anbeten zu müssen und ihrem Gotte treu bleiben zu können,“ „,Und Heh bedeutet, halb“, sagte Akiba. ,Da habe ich immer die Hälfte aller Nüsse der Kasse erhalten.“
,,Diesen Buchstaben musst du mir auf den Rücken schreiben. Lege mich nur ruhig auf den Bauch“, lief sich wieder das Trendel hören und fuhr sogleich fort. „Halb hat der greise Priester Mathatias der den Kampf gegen Antiochus begann, den Sieg errungen.“ ,,Aber was bedeutet das Schin?“ fragte der Knabe. ,,Stell ein, zahl ein“, erwiderte das hölzerne Lehrerlein. Stell ein, zahl ein“, so hiess es im Kampf für viele wackere Juden, sie wurden verwundet oder getötet. Dennoch kamen immer mehr jüdische Kämpfer hinzu, denn sie alle liebten ihren Gott und ihr Vaterland. So, nun fehlt dir nur noch das Gimmel, das bedeutet ,,ganz“. „Hei!“ rief Akiba fröhlich, „wenn das obenauf liegt, gehört die ganze Kasse mir!“ „Und ,,ganz“ hat Juda Makkabi, der Sohn des alten Priesters den Sieg erkämpft“, fuhr das Trendel fort. ,,Drum gefällt uns Juda, denn nur das hat Wert, was man ,,ganz“ ausführt.“ Auch ich will alles g a n z ausführen“, rief Akiba begeistert. Das Gimmel soll von nun an mein Zeichen sein. Was ich lerne, was immer ich beginne, will ich ,ganz“ erreichen. „So?“ sagte das Trendel. ,Wie steht es dann mit der hebräischen Aufgabe?“ Da schämte sich Akiba sehr, denn die Aufgabe lag noch immer unfertig und voller Fehler auf dem Tisch. „Ich werde sie schon besser machen“, sagte er verlegen. Da sprang das Trendel auf und tanzte auf der Fussspitze quer über die hebräische Aufgabe und weil der Schuh des Trendels noch immer von der Tinte feucht war, gab das einen dicken Strich über das ganze Blatt. Nun legte sich das Trendel ruhig nieder und blickte nur neugierig nach Akiba, was dieser nun wohl sagen würde. Aber der Knabe murrte nicht und schrieb die Aufgabe sogleich noch einmal. Diesmal aber zu Ende und sehr sorgfältig. Seit dieser Zeit hat das sonderbare Trendel nie wieder gesprochen und nie wieder von selbst getanzt; aber immerfort lächelte es zufrieden, denn es wusste, dass es einen faulen Jungen gebessert hatte.

Wir schliessen mit einem wunderschön illustrierten Dialog zwischen einem Dreidel und einer Chanukka-Menorah, geschrieben von der unbekannten Else Schwoner aus Olmüth im Kinderteil der Jüdischen Rundschau vom 20. Dezember 1935. Die Beziehung zwischen der hochmütigen Menorah und dem frechen Trendel ist ein bekanntes Thema in Chanukka-Geschichten:

Oded Fluss. Zürich. 7.12.2023 נר ראשון של חנוכה

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Ein Kibbuz in den Schweizer Alpen

Kibbuz-Hanoar 1933 : 1. zion. Jugendrepublik der Schweiz. B Q 130.

Wir leben hier bei körperlicher Arbeit, die uns von Haus aus fremd ist, in den Schweizerbergen, aber die Arbeit, die wir leisten, gilt Palästina.

Am 18. Juli 1933 wurde mitten in den Bündner Alpen in der Schweiz eine „zionistische Jugendrepublik“ gegründet. Die Jugendbewegung Brith-Habonim nutzte zusammen mit anderen zionistischen Jugendbewegungen aus Deutschland und Frankreich die Sommerferien, um den Kibbuz-Hanoar zu errichten: Ein Sommerlager für junge Zionisten, das dem Ideal des palästinensischen Kibbuz folgte, in dem „fröhliche Tätigkeit und ernste Arbeit“ mit „Spielen und Sport, Wandern, Musizieren und Feiern die jungen Menschen zu einer fröhlichen und bewussten Gemeinschaft zusammenfügen“. Auch die schweizerischen Ideale der Republik wurden berücksichtigt, denn im Kibbuz „hatten Jung und Alt die gleichen Rechte, waren zum gleichen persönlichen Einsatz verpflichtet. Ordnung nach freiwillig geschaffenen Gesetzen und Selbstdisziplin waren die Fundamente“.

Ein seltenes Büchlein aus unserer Bibliothek fasst die Idee hinter dieser Initiative zusammen. Begleitet von schönen, naiven Zeichnungen hilft es uns, den Zeitgeist der jungen Schweizer Juden in einer sehr kritischen Zeit einzufangen. Schon die zweisprachige Karte des Lagers (die vielleicht absichtlich ein wenig der Karte Palästinas ähnelt) zeigt, dass dieses Sommerlager anders war als alle anderen. Zelte für mehr als hundert junge Chawerim, ein grosses Gemeinschaftszelt, ein Büro für die Leitung, eine Lagerbibliothek, eine Küche, und in der Mitte die israelische Flagge – 15 Jahre vor der Gründung des Staates Israel. Wir sehen auch Wachzelte, die in der Schweiz vielleicht nicht so nötig sind, aber die Jugendlichen auf ein weniger sicheres Leben in Palästina vorbereiten sollen.

Das beispielhaft angeführte Tagesprogramm vom 2.8.1933 zeigt uns den Tagesablauf der jungen Zionisten. Nach dem Wecken um 6.30 Uhr folgt eine zehnminütige Hitamlut, hebräisch für „Übung“. Nach dem Frühstück gibt es bereits eine Stunde Ivrit (Hebräisch). Die hebräische Sprache spielte im Lager eine sehr wichtige Rolle und ein grosser Teil der täglichen Zeit war dem Erlernen dieser Sprache gewidmet. Um 11.00 Uhr wird die immer aktuelle „Araberfrage“ diskutiert und um 16.45 Uhr ein Esrah Rischonah (Erste Hilfe)-Kurs durchgeführt. Der Tag endet mit einem Lagerfeuer und Neschef (hebräisch für Abschlussball).

Am eindrücklichsten sind vielleicht die Berichte der Jungen und Mädchen, die in dieser Broschüre vorgestellt werden. Sie sprechen über ihre Erlebnisse im Lager, wie es Jugendliche eben tun, aber die zionistische Haltung, die immer im Hintergrund bleibt, ist nicht zu übersehen. Das Sommerlager sollte vor allem das Leben in Palästina simulieren und auf die Alija (Einwanderung) vorbereiten, und so war es nicht nur Spiel und Spass, sondern auch harte Arbeit. Ein Beispiel sind die Worte der jungen Eva W. aus Zürich, die ihren Beitrag mit „Es ist nicht leicht“ überschrieben hat.

Bis jetzt ging ich in die Sommerfrische, um mich zu erholen, alles Anstrengende wegzuwerfen, Bergtouren zu machen und sonstigen Vergnügungen nachzugehen. – Diese 3 Woche sind eine Probe für alle. Kann ich körperliche Arbeit verrichten?
Unsere 7 Zelte stehen auf einer grossen Wiese, die auf der einen Seite von einem Wald begrenzt ist. Ich liege am Waldrand und betrachte mit Augen und Verstand das Lager.
Inmitten der Zelte flaggt die grosse, blau-weisse, zionistische Fahne mit dem Magen David. Jüngere und ältere Chawerim führen ernste und lustige Gespräche; man hört Hammerschläge, immer tönen hebräische Lieder herüber […] Wir leben hier bei körperlicher Arbeit, die uns von Haus aus fremd ist, in den Schweizerbergen, aber die Arbeit, die wir leisten, gilt Palästina.

Einen etwas lustigen und sehr jugendlichen Beitrag lesen wir von Eli und Sari aus Zürich, die von ihrer ersten Nachtwache erzählen:

Ein weiteres interessantes Erlebnis schildert Elischewa, ein junges Mädchen aus Frankfurt. Der Kibbuz fand während des jüdischen Trauertages Tischa Be-aw statt und sie schrieb über ihre Erfahrungen in diesem Zusammenhang:

Kibbuz Hanoar war ein grosser Erfolg und wurde noch dreimal in der Schweiz wiederholt, bis die Situation der Juden in Europa dies verhinderte. Im Jahre 1937 fand er zum letzten Mal in Grindelwald statt, nun nur noch für Jugendliche aus der Schweiz. Jugendliche aus anderen europäischen Ländern würden sich tragischerweise zum Teil in einer anderen Art von Lager wiederfinden.

Letzte Seite der Broschüre mit dem hebräischen Wort „Schalom“

Oded Fluss. Zürich, 30.11.2023

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Die Reichspogromnacht in den Schweizer Medien.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es in Deutschland zu einem der grausamsten und schrecklichsten Ausbrüche von Hass und Antisemitismus gegen die deutschen Juden. In einer scheinbar spontanen, aber von den Führern des NS-Regimes, allen voran Joseph Goebbels, wohl geplanten Aktion kam es zu einem flächendeckenden Angriff auf jüdische Menschen, Einrichtungen, Geschäfte, Friedhöfe und vor allem Synagogen. Die deutschen Juden mussten hilflos mit ansehen, wie ihre Mitmenschen ermordet und angegriffen und ihre Häuser und Geschäfte geplündert und niedergebrannt wurden, weil Polizei und Feuerwehr angewiesen waren, ihnen nicht zu helfen.

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Die brennende Synagoge in Siegen während der ‚Reichspogromnacht 10.11.1938

Der Hauptvorwand der Nazis für diese Angriffe war das Attentat auf den deutschen Nazi-Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan als Vergeltung für die Deportation seiner ganzen Familie im Rahmen der Polenaktion. Joseph Goebbels nutzte die Propagandamaschinerie der Nazis, um es so aussehen zu lassen, als sei das Attentat im Namen aller Juden als Angriff auf Deutschland geplant gewesen. Raths Tod wenige Tage später war das Signal für die Nazimassen, den grausamen Angriff auf ganz Deutschland zu beginnen.

Die Pogrome gegen die Juden wurden von den Medien weltweit fast einhellig verurteilt. In diesem Artikel geben wir einen Überblick über die Reaktionen und die Berichterstattung der Schweizer Medien – sowohl der allgemeinen als auch der jüdischen – über diese Nacht und die folgenden Tage.

In der Morgenausgabe der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 9. November findet sich ein erster Hinweis auf die Ereignisse in Deutschland, allerdings unter dem Thema des Attentats an Ernst vom Rath. Interessanterweise beziehen sich die Schweizer Medien auch auf ein anderes Attentat, das vor etwas mehr als drei Jahren in Davos von David Frankfurter verübt wurde, der den Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff ermordete (Mehr dazu in einem unserer früheren Beiträge: https://breslauersammlung.com/2022/09/01/david-frankfurter/). Unter dem Untertitel Vergeltungsmaßnahmen gegen die deutschen Juden erwähnt der Artikel die Sofortmassnahmen gegen die Juden, wie das Verbot jüdischer Zeitungen und den Ausschluss jüdischer Schüler von nicht-jüdischen deutschen Schulen.

Am gleichen Tag berichtet das Oberländer Tagblatt in Thun über „antisemitische Exzesse in Deutschland“. Neben der Warnung vor den Folgen des Pariser Attentats für die deutschen Juden wird auch von der Aufforderung des deutschen Polizeipräsidenten an die Juden berichtet, alle in ihrem Besitz befindlichen Waffen abzugeben.

Am nächsten Tag, dem 10. November, berichtet die NZZ über die Panik, die sich in deutschen jüdischen Gemeinden ausbreitet. Unter der Überschrift Die Lage der Juden in Berlin berichtet der Artikel von zahlreichen Juden, die nach dem Attentat auf Ernst vom Rath und den harten Massnahmen des deutschen Regimes zur Bestrafung der deutschen Juden aus Deutschland zu fliehen versuchen. Unter dem Untertitel Judenfeindliche Ausschreitungen berichtet die NZZ von ersten Ausschreitungen gegen Juden in Berlin, bei denen vor allem jüdische Geschäfte beschädigt werden. Aus München wird bereits vom Brand einer Synagoge und aus Dessau von „spontanen Demonstrationen“ gegen Juden berichtet, die von der Polizei geschützt werden.

In einer späteren Ausgabe der NZZ wird unter der Überschrift Vergeltungsaktion gegen die deutschen Juden und dem Untertitel Eine Schreckensnacht in Berlin über die Zerstörung und Plünderung jüdischer Geschäfte und die Inbrandsetzung mehrerer Synagogen berichtet, wobei die Konstanzer Synagoge im Mittelpunkt steht.

Die Konstanzer Synagoge vor und nach dem Brand.

Am 11. November erreichten die ersten Nachrichten über das Ausmass der Schrecken der vergangenen Nacht die Schweiz. Unter dem Titel Die Aktion gegen die Juden in Deutschland berichtet die NZZ über die Gräueltaten dieser Nacht. Die meisten Einzelheiten betreffen die Zerstörung und Plünderung jüdischen Eigentums und jüdischer Geschäfte, aber auch die Evakuierung der Juden aus ihren Häusern durch die Nazis, die Untätigkeit von Polizei und Feuerwehr und die Gleichgültigkeit der deutschen Mitbürger gegenüber diesen Ereignissen. Wir hören auch, dass fast alle Synagogen in Deutschland niedergebrannt wurden.

Die NZZ bringt eine Falschmeldung über die jüdischen Besitzer des Bekleidungsunternehmens Bamberger & Hertz in Leipzig, die die Situation in Deutschland ausnutzen wollten, um die Versicherung zu betrügen und ihr eigenes Geschäft niederzubrennen. Dies wurde später als Propagandalüge der Nazis entlarvt. Die Firmeninhaber wurden im KZ Riga-Kaiserwald und im KZ Theresienstadt ermordet.

Ebenfalls am 11. November findet sich in der Berner Tagwacht ein Bericht mit dem Titel Judenpogrome in Deutschland. Neben dem, was wir schon in der NZZ gelesen haben ( hier allerdings ausführlicher), lesen wir auch über die Nazi-Gesänge „Jude verrecke“ und „Tod den Juden“, die die Pogrome begleiteten. Wir lesen auch über den jüdischen Bankier Emil Krämer, der nach der Zerstörung seiner Bank und seines Hauses zusammen mit seiner Frau Selbstmord beging.

Die Tagwacht bringt auch die Rede von Joseph Goebbels, in der er alle Gewalt und Misshandlung der Juden rechtfertigt und weitere gesetzliche Massnahmen gegen sie verspricht. Wir hören auch vom Protest des Jüdischen Weltkongresses in Genf, der die Ermordung vom Raths verurteilt, aber die Nazis als die Schuldigen für das, was dazu geführt hat und für das, was noch folgen wird, sieht.

Nun zu den jüdischen Medien in der Schweiz: Die beiden grössten und meistgelesenen jüdischen Zeitungen in der Schweiz waren damals die Jüdische Pressezentrale Zürich und das Israelitische Wochenblatt, die keine Tages-, sondern Wochenzeitungen waren. Der 11. November, als die meisten Schweizer Zeitungen bereits auf dem neuesten Stand waren, war für beide die erste Gelegenheit, ihre Lesenden über die Situation der deutschen Juden zu informieren. Überraschenderweise beginnen beide Zeitungen nicht auf der ersten Seite mit den Nachrichten aus Deutschland. Die Jüdische Pressezentrale bringt sie auf der zweiten Seite, das Israelitische Wochenblatt auf der fünften. Beide Zeitungen konzentrieren sich mehr auf das Attentat in Paris, das nun fast schon eine Woche zurückliegt, als auf die Situation der deutschen Juden.

Unter dem Titel Das Attentat in Paris bringt das Israelitische Wochenblatt vom 11. November 1938 zunächst die Geschichte des Attentäters Herschel Grynszpan. Obwohl die Zeitung den Mord verurteilt, berichtet sie im Gegensatz zu anderen überlieferten Zeitungen voller Empathie die ganze Geschichte Grynszpans und seiner Familie. Sie geht sogar so weit, den Brief der Familie Grynszpan zu zitieren, in dem sie die tragische Geschichte ihrer Vertreibung aus Deutschland erzählt.

Über die Situation der deutschen Juden nach dem Attentat macht die Zeitung keine Angaben, aber sie weiss, dass die Nazis das Attentat sicher zu ihrem Vorteil ausnutzen werden und dass alles, was danach mit den deutschen Juden geschieht, bereits gut geplant ist.

Auch die Pressezentrale vom 11. November geht nicht näher auf die Ereignisse in Deutschland ein. Sie verurteilt das Attentat von Grynszpan und betont dessen Sinnlosigkeit. Vor allem aber versucht sie, den Schweizer Juden Worte des Trostes und der Ermutigung zu vermitteln und dem jüdischen Schicksal durch die Hilfe der Mitjuden einen Sinn zu geben.

Eine Woche später ist alles anders. Beide Zeitungen veröffentlichen auf ihren Titelseiten einen Aufruf zu einem allgemeinen Fasttag nach den Gräueltaten an den deutschen Juden. Der Aufruf ist von allen Rabbinern der Schweiz unterzeichnet.

Unter der Überschrift Unsagbares ist geschehen berichtet das Israelitische Wochenblatt am 18. November auf der Titelseite von den tragischen und schrecklichen Ereignissen der Nacht des 9. November. Der Schock über das Grauen zieht sich durch den ganzen Artikel. Es scheint, als hätten selbst die grössten Pessimisten nicht geglaubt, dass ein Pogrom diesesn Ausmasses und dieser Grausamkeit stattfinden könnte. Die Geschichten werden sehr persönlich und einfühlsam erzählt, und ein Aufruf zum Handeln, zum Helfen – auch wenn man nicht weiss wie – beherrscht die Zeilen.

Die Ereignisse der Nacht werden nun in ihrer Gesamtheit dargestellt, jede Stunde des Geschehens wird gezählt. Die Geschichte der Opfer, derer, die körperlich verletzt oder ermordet wurden, und derer, die alles verloren und in Konzentrationslager deportiert wurden, wird sehr detailliert erzählt. Auch die Verantwortung der NS-Führung wird nicht ausgespart. Die beispiellosen Proteste aus aller Welt werden ebenfalls dargestellt.

Eine andere Haltung nimmt die Pressezentrale vom 18. November ein. Im Hauptartikel Das deutsche Judentum rechtlos und wehrlos geht sie auf die innen- und weltpolitischen Folgen der Ereignisse in Deutschland ein. Der Autor, der Jurist Dr. O. Z., befasst sich mit den historischen und finanziellen Auswirkungen des Ereignisses ein und stellt die Neutralität der Schweiz in Frage.

Breiten Raum nimmt auch die Berichterstattung über die Reaktionen auf das Pogrom in der Welt ein, sowohl von Prominenten als auch von offiziellen Stellen der Länder. Zwei Seiten mit dem Titel Zeugen einer vergangenen Epoche zeigen zahlreiche Bilder von Synagogen, die während des Pogroms zerstört wurden.

In einem anderen Beitrag, dem wir geschrieben haben, konnten Sie die Auswirkungen des Novemberpogroms von 1938 auf das Rabbinerseminar in Breslau sehen, aus dessen Bibliothek eine Sammlung von Büchern erhalten geblieben ist, die wir in unserer Bibliothek aufbewahren: https://breslauersammlung.com/2025/11/05/novemberpogrom-breslauer-rabbinerseminar/

Oded Fluss. Zürich , 9.11.2023

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Lobagola: Die verzwickte Geschichte eines jüdischen afrikanischen „Wilden“.

Bata Kindai Amgoza Ibn Lobagola ca. 1911

Anfang der 1930er Jahre ging eine Sensation durch die jüdische Welt. Eine Autobiografie, die zunächst auf Englisch erschien und kurz darauf ins Deutsche übersetzt wurde, avancierte schnell zum Bestseller. Der Titel des Buches: Lobagola. Der Untertitel: Die Geschichte eines afrikanischen Wilden, seine Erlebnisse in den Urwäldern Afrikas, seine Kämpfe mit Leoparden, Affen, Schlangen und weißen Menschen.
Doch das Erstaunlichste sollte noch folgen:

Dies ist die Autobiographie von Bata Kindai Amgoza Ibn Lobagola, einem schwarzen Juden, einem Nachkommen der verlorenen Stämme Israels, einem Wilden, der aus dem afrikanischen Busch in die Länder moderner Zivilisation kam und sich seitdem als Fremdling erkannte, fremd unter seinem eigenem Volk und fremd in der Welt des Zwanzigsten Jahrhunderts
Lobagola : die Geschichte eines afrikanischen Wilden, seine Erlebnisse in den Urwäldern Afrikas, seine Kämpfe mit Leoparden, Affen, Schlangen und weissen Menschen : [von ihm selbst erzählt]. Hagenberg Verlag. Wien, [ca. 1934]. D 1733.

In seinen eigenen Worten und mit vielen Details erzählt Lobagola die erstaunliche Geschichte seiner Kindheit. Geboren wurde er im Dorf Nodaghusa im Ondo-Busch im französisch kolonisierten Sudan, drei Tagesmärsche von Timbukto entfernt. Die Häuser waren aus Bambus gebaut und mit Kokosfasern gedeckt. Das Wetter war extrem, manchmal bis zu 55 Grad im Schatten. Zwischen Juni und August konnte es sechs Tage lang ununterbrochen regnen. Die unmittelbaren Feinde der Dorfbewohner waren Elefanten, Reptilien, Löwen, vor allem aber die Affen:

Die großen Affen sind die geschworenen Feinde der Menschen. Oft überfallen sie die Gemeinden und richten großen Schaden an. Wenn es den Affen gelingt, in ein Dorf einzudringen, so zerstören sie es, und wir müssen ein neues aufrichten. Sie ziehen in Herden oder Stämmen von drei- bis vierhundert einher. Kommen sie in eine Einzäunung, so reißen sie die Pfähle heraus, auf denen das Haus steht und zerstören alles, was ihnen in die Hände kommt. Erwischen sie ein menschliches Wesen, so reißen sie es in Stücke, nicht weil sie es fressen wollen, sondern weil Zerstören und Töten ihnen Vergnügen macht.

Lobagola weiss auch viel über seine jüdische Herkunft zu erzählen. Er stammt aus einem Volk, das sich selbst „Bnei Ephraim“ nennt, einer der zehn verlorenen Stämme Israels. Sie brachten die Tora nach Afrika, nachdem sie vor mehr als 1800 Jahren aus dem Heiligen Land vertrieben worden waren. Ihre Tora ist in aramäischer Sprache geschrieben und nicht mit Tinte, sondern mit glühendem Eisen auf Pergament gebrannt. Deshalb kann keine Buchseite verändert werden. Sie kennen nur die Tora, nicht den Talmud. Ihre Zahl beläuft sich auf etwa 2000 Personen, die von sieben Rabbinern angeführt werden, die ihren Titel innerhalb der Familie weitergeben; niemand kann zum Rabbiner gemacht werden, man muss als Rabbiner geboren werden. Über die Feiertage und Rituale schreibt er:

Unsere Feste sind: Pessach, Schewuoth, Rosch-Haschanah, Yom Kippur und Sukkoth. Wir brauchen keine Speisegesetze, da wir niemals Fleisch essen und nie Milch trinken. Es gibt für uns nicht das Problem des Mischens von Milch und Fleisch. Wir essen Fleisch nur während des Pessach-Opfers, und auch da essen es nur die sieben Rabbiner und ihre Familien, nicht das Volk. Unser Volk beschneidet seine Knaben im Alter von acht Tagen, wobei es den Ritus nach dem Buchstaben ausführt.

Die Geschichte geht weiter und Lobagola erzählt, wie er fast zufällig aus dem wilden Afrika herauskam und schliesslich die ganze Welt bereiste, sie mit den Augen eines Wilden erlebte, aber es auch schaffte, die westliche Kultur zu lernen und sich ihr anzupassen. Sein Buch ist voll von unglaublichen Geschichten und Abenteuern, aber eine ist besonders interessant: Während des Ersten Weltkriegs hörte er von weissen Juden, die in der jüdischen Legion am Krieg teilnahmen. Er beschloss, sich ihnen anzuschliessen, und kämpfte Seite an Seite mit ihnen bei den britischen Bemühungen, Palästina vom Osmanischen Reich zu erobern. Er sollte der einzige Schwarze in der jüdischen Legion sein, und obwohl er nach dem Krieg in Palästina bleiben wollte, wurde ihm dies verwehrt.

Ich wünschte, in Palästina zu bleiben, aber der jüdische Oberst widersetzte sich dem und erklärte, ich sei ein Mensch von schlechtem Charakter. Da mein Leumundszeugnis seine Behauptung widerlegte, bestritt ich das in einem an das Generalhauptquartier gerichteten Protest. […] Aber letzten Endes erreichte dieser Oberst sein Ziel — wenigstens vorübergehend. (Ich erlebte es, ihn viel später in Palästina wieder zu treffen, wo er mir den Aufenthalt mit solcher Erbitterung streitig gemacht hatte.) Demzufolge wurde ich zur Demobilisierung nach England geschickt.
Wladimir Zeev Jabotinsky

Wie man sich vorstellen kann, wurden viele Augenbrauen hochgezogen, als die sensationelle Autobiographie von Lobagola veröffentlicht wurde. Sie war das Gesprächsthema des Tages, aber viele zweifelten an ihrer Authentizität. Der Kritiker der New York Times Robert L. Duffus war berühmt für seine Aussage: „Die einzige Möglichkeit, dass diese Geschichte wahr ist, ist, dass es unmöglich ist, eine so verrückte Geschichte zu erfinden“. Ein Teil der Geschichte wurde jedoch von einer überraschenden Quelle als wahr bestätigt. Der berühmte Zionist und Schriftsteller Wladimir Zeev Jabotinsky (1880-1940) war auch der Gründer der jüdischen Legion im Ersten Weltkrieg. In einem Artikel, der am 19.12.1930 in der jiddischen Zeitung Haynt unter dem Titel „Legionär Lobagola“ erschien, berichtet er von seiner Begegnung mit dem afrikanischen Wilden während seiner Dienstzeit.

Lobanola ist eine wirkliche Gestalt von Fleisch und Blut; eine Menge seiner merkwürdigen Schilderungen wird man gewiss bezweifeln ein Abschnitt darin aber ist unantastbare Wahrheit und ich bin sein Zeuge: er ist der afrikanische Wilde Soldat in der jüdischen Legion gewesen und hat bei uns in Erez Israel gedient!
W. Jabotinsky – Legionär Lobagola. Haynt. Warschau, 19.12.1930

Obwohl Jabotinsky Lobagolas Geschichte als sehr einfühlsam empfand und sein Buch als „eines der stärkesten, wirkungsvollen, die ich in den letzten Jahren zu lesen Gelegenheit hatte“ bezeichnete, zweifelte er auch an den meisten Aussagen, vor allem an Lobagolas jüdischer Herkunft. Er erzählt von einem Freund, der Lobagola ebenfalls kannte und zu ihm zu sagen wusste:

Er ist ein Jude, wie ich ein Toter bin. Und Westafrika hat er in seinem Leben nicht gesehen. Er hat euch alle zum Narren gehalten. Lobagola ist ein gewöhnlicher amerikanischer „Nigger“. einer jener unzähligen schwarzen Badchonim [Komiker], die in den unzähligen „Music-Halls“ von America auftreten. Ich selbst sah ihn in einer Music-Hall irgendwo in Saint Louis und half ihm daraus einer Missverständnisaffäre mit der Polizei, ohne dass er davon Erwähnung tat , er halte sich für einen Juden.


Und tatsächlich: 1934, als er kurz vor der Deportation in seine „Heimat“ stand, gestand Lobagola schliesslich die Wahrheit: in Wirklichkeit war er in Baltimore, USA, geboren. Sein richtiger Name war Joseph Howard Lee. Seine Herkunftsgeschichte und seine Religion waren erfunden. Sein Charisma und sein schauspielerisches Talent ermöglichten es ihm, fast jeden, den er traf, zum Narren zu halten. In den vier Jahren nach der Veröffentlichung seines Buches, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erschien er in unzähligen Zeitschriften und wurde sogar zu Vorträgen an Universitäten in der ganzen Welt eingeladen.

Norwegische Ausgabe des Buches

Über das Schicksal des Mannes, der sich Lobagola nannte, ist wenig bekannt. Nach seiner Enttarnung schien er von der Bildfläche verschwunden zu sein. Sein Buch, das aus dem Nichts auftauchte und die Welt im Sturm eroberte, verschwand noch schneller in der Versenkung. Seine sterblichen Überreste befinden sich heute in Parzelle 29 des Attica-Gefängnisses in New York, was darauf hindeutet, dass er dort als Gefangener starb.

Logabola signiert sein Buch in einer Schule in New York. ca. 1930.

Oded Fluss. Zürich. 25.10.2023

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Rosinkes mit Mandlen – Jüdische Schlaflieder und Gedichte

Sie sind das Letzte, was wir vor dem Einschlafen hörten und der Hintergrundton unserer Kindheitsträume. Sie prägten unsere ersten Erinnerungen, manchmal sind ihre Worte und Melodien die ersten, die wir nachsprechen können. Wiegen- und Schlaflieder sind ein wichtiger Teil unserer Identität, der unserer Vorfahren und unserer Nachkommen, der persönlichen und der kollektiven Identität.
Das wohl bekannteste jüdische Wiegenlied ist Rosinkes mit Mandlen [Rosinen mit Mandeln].

Unter Yideles vigele, אונטער יידעלעס וויגעלע
Shteyt a klor-vays tsigele, שטייט א קלאר וייס ציגעלע
Dos tsigele iz geforn handlen – דאס ציגעלע איז געפארן האנדלען
Dos vet zayn dayn baruf: דאס וועט זיין דיין בארוף
Rozhinkes mit mandlen. ראזשינקעס מיט מאנדלען

Dieses jiddische Volkslied wurde erstmals 1880 von Abraham Goldfaden (1840-1908) in seinem berühmten Theaterstück Sulamith bearbeitet und auf die Bühne gebracht und seither in zahlreichen Fassungen und immer wieder neu komponiert. In ihrem Buch Memoiren einer Grossmutter erzählt Pauline Wengeroff (1833-1916), wie das Kindermädchen ihres Neffen dieses Lied sang:

Ein sehr schönes, naives Schlaflied schrieb die junge Mascha Kaléko (1907-1975) zur Geburt ihrer kleinen Schwester Rachel (Puttel genannt). Das Lied Einem Kinde im Dunkeln wurde 1933 in Kalékos ersten Gedichtband Das lyrische Stenogrammheft veröffentlicht. Es handelt von der Angst kleiner Kinder von der Dunkelheit und dem Alleinsein und einfachen, vertrauten Gegenständen wie Blumen, Bäumen und dem Mond.

Manchmal werden diese Lieder aber auch zu Gedichten und enthalten Botschaften und Moral, Humor und Kritik, während sie ihre „kindliche“ Form und Sprache behalten. Wie in vielen anderen Fällen ist die Zielgruppe nicht das Kind, sondern die Eltern, die sie vorlesen. Statt Liedern, die die Kinder ins Bett bringen, sind es eigentlich Gedichte, die Themen behandeln, die den Eltern den Schlaf rauben. Jüdische Gedichte dieser Art haben oft traditionelle Themen, die sich auf die Bibel, aber auch auf aktuelle Ereignisse beziehen.

Schlaflied für Mirjam des Dichters und Schriftstellers Richard Beer-Hofmann (1866-1945) ist eines seiner bekanntesten und berühmtesten Gedichte. Er schrieb es 1897 zum Geburtstag seiner Tochter Mirjam und veröffentlichte es ein Jahr später, am 15. November 1898, erstmals in der Zeitschrift Pan. Es erlangte schnell Weltruhm wurde mehrfach komponiert und selbst Rainer Maria Rilke soll es auswendig gekannt haben.

Max Ettingers Komposition von Schlaflied für Mirjam aus der Max Ettinger Sammlung der ICZ Bibliothek.


Das Besondere an diesem Gedicht ist, dass es, obwohl es in Struktur und Sprache sehr einfach ist, sehr ernste Themen wie Tod und Gefahr vermittelt und voller Melancholie ist. Das Kind soll das Gedicht nur in seiner Melodie, in seinem „Schall“ erleben: „Schlaf mein Kind – und horch nicht auf mich!/ Sinn hat’s für mich nur, und Schall ist’s für dich!“. Es soll die Worte, den Sinn des Gedichts noch nicht verstehen, und darin liegt auch der Trost.

Fritz Rosenthal (Ben-Chorin) – Das Mal der Sendung. B. Heller Verlag. München, 1935

Ein weiteres interessantes jüdisches Gedicht dieser Art ist Ruths Schlaflied von Fritz Rosenthal, bei uns besser bekannt unter dem Namen Schalom Ben-Chorin (1913-1999). Das Gedicht erschien erstmals 1935 in Ben-Chorins erstem Gedichtband Das Mal der Sendung, einem für die damalige Zeit bahnbrechenden Buch, das jüdische Geschichte, Sagen und aktuelle Ereignisse in poetischer Form miteinander verband. In einer für die deutschen Juden sehr sorgenvollen Zeit sollte es Hoffnung und Trost spenden und zum Handeln aufrufen.

Das Gedicht basiert auf dem biblischen Buch Ruth, wie man an den Namen der Personen leicht erkennen kann. Die Mutter Ruth singt dieses Lied für ihren Sohn Owed, der der Überlieferung nach der Grossvater des Königs David sein soll. Das Landschaftsbild sind die Jehuda-Berge und die Motive sind, wie im Buch Ruth, die Natur, die Ernte und die offenen Felder. Der „Meschiach“, der im letzten Vers erscheint, ist sowohl König David als auch das Ideal der zionistischen Bewegung, die ihr Erlösung im verheissenen Land finden will.

Selma Meerbaum-Eisinger

In ihrem kurzen Leben von 18 Jahren schrieb Selma Me(e)rbaum-Eisinger (1924-1942) 52 Gedichte in ein Album, das nach ihrem tragischen Tod entdeckt wurde. Von diesen 52 Gedichten tragen fünf den Titel Schlaf- oder Wiegenlieder. Meerbaum-Eisinger wurde in Czernowitz als Tochter einer deutschsprachigen Familie geboren. Schon in jungen Jahren begann sie Gedichte zu schreiben, die sie meist ihrem Geliebten Leiser Fichman widmete. Sie sind von unvergleichlicher Authentizität und poetischer Kraft und beschreiben ihre Träume und ihren Schmerz. Selma überlebte das Czernowitzer Ghetto, aber nicht den Holocaust. Sie starb 1942 im Alter von 18 Jahren im Konzentrationslager Michailowka an Typhus.

Glücklicherweise hat ihr Gedichtalbum Blütenlese überlebt, aus dem wir das Gedicht Schlaflied zitieren, das sie im Januar 1941 schrieb, kurz vor ihrer Deportation und ihrem frühen Tod. Das Gedicht zeigt die grosse Originalität ihres Werkes, die Schönheit und die verborgene Düsternis wenn der Schlaf dem Erwachen vorgezogen wird. In all ihren Schlafliedern versuchte Meerbaum-Eisinger nicht nur den kleinen Kindern, sondern auch den grossen Kinder (wie ihr selbst) Trost und Einfühlungsvermögen zu vermitteln. So heisst es in einem von ihr aus dem Jiddischen übersetzten Gedicht von H. Lejwik: „Kleine Kinder schlafen schon,/ große muss man wiegen“.

Das nächste Gedicht, Schlaflied für ein Emigrantenkind, erschien am 4. Januar 1940 in der deutschsprachigen Exilzeitung Aufbau in New York. Der Autor ist Günther (Stern) Anders (1902-1992), Philosoph, Dichter und erster Ehemann von Hannah Arendt. In diesem Gedicht ist bereits eine direkte kritische Auseinandersetzung mit dem damals aktuellen Thema Exil und Emigration zu erkennen. Die sich wiederholende erste Zeile jeder Strophe: „Schlaf, mein gutes Kind“, die an ein gewöhnliches Schlaflied erinnert, löst beim Lesen des restlichen Verses Befremden aus, denn es geht um Entwurzelung, um den Verlust des Vaters und vor allem um die Endlosigkeit dieser Situation, da das Kind selbst zum Vater wird.

Einen ähnlich kritischen Ton, nun aber wie an das Kind selbst gerichtet, finden wir in dem Gedicht Schlaflied des Exildichters Hans (Salomon) Sahl (1902-1993), das erstmals 1942 in seinem Gedichtband Die hellen Nächte in New York erschien. Dieses sehr kurze Gedicht wirkt fast grausam, da es das weinende Kind als jemanden anspricht, der lernen sollte, schnell erwachsen zu werden. Es ist natürlich mehr eine Kritik an der Zeit, die dies von dem Kind verlangt, als an dem Kind selbst.

Um den Kreis zu schliessen, bringen wir das Gedicht Schlaflied für eine deutsche Mutter des Schriftstellers, Journalisten und Publizisten Friedrich Torberg (1908-1979), das 1. Juni 1945 kurz nach Kriegsende in der Exilzeitung Aufbau erschien. Torberg zitiert eine deutsche Mutter (aus dem Time Magazine, April 1945), die erleichtert ist, als ihr Sohn in amerikanische Gefangenschaft gerät und sagt, dass sie nun „wieder ruhig schlafen“ kann. Indem er die deutsche Mutter als Objekt benutzt, kritisiert er in diesem Gedicht das ganze deutsche Volk, das selbst während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten nachts ruhig schlafen konnte.

Oded Fluss. Zürich, 12.10.2023

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