Ich und Du, der Baum

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Martin Buber (1878-1965)

Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie zu bekriegen, sie einzunehmen, verdirb nicht den Baum, indem du die Axt daran legst, denn von Ihm nährst du dich; ihn sollst du nicht ausrotten, denn der Mensch ist ein Baum des Feldes… (Deuteronomium 20,19).

Martin Bubers wohl bekanntestes und wichtigstes philosophisches Werk Ich und Du, das vor 100 Jahren erschien, bildet die Grundlage für sein Verständnis vom Menschen als dialogisch Geschaffenem: Der Mensch ist kein isoliertes Wesen, sondern bildet sich in Beziehung zu seiner Umgebung. Die Sprache spielt bei der Bildung des Menschen eine entscheidende Rolle, denn sie ermöglicht es ihm, mit seinen Mitmenschen in Beziehung zu treten und sich dadurch selbst zu bilden.

Martin Buber – Ich und Du. Insel Verlag. Leipzig, 1923.

Das Hauptaugenmerk in Bubers Werk liegt daher traditionell auf der Beziehung zwischen Menschen (Ich-Du). Ein ganz entscheidendes Element seiner dialogischen Philosophie liegt jedoch in der Affinität zwischen Mensch und Gegenstand (Ich-Es).

Ich nehme etwas wahr. Ich empfinde etwas. Ich stelle etwas vor. Ich will etwas. Ich fühle etwas. Ich denke etwas. Aus alledem und seinesgleichen allein besteht das Leben des Menschenwesens nicht.
All dies und seinesgleichen zusammen gründet das Reich des Es.

Obwohl nach Buber die Affinität zwischen Mensch und Gegenstand normalerweise die Sphäre der “Erfahrung” schafft (im Gegensatz zur Sphäre der “Beziehung” in der Ich-Du-Affinität), gibt es die Möglichkeit, sie umzuleiten und eine Beziehung zu einem Gegenstand zu schaffen. in diesem Fall würde ein Es zu einem Du.

Der Jude – Eine Monatsschrift. Herausgegeben von Martin Buber. Baum Zeichnung von Emil Rudolf Weiss.

Ich betrachte einen Baum


Als Paradebeispiel für diese Verwandlung führt Buber den Baum an. Natürlich kann man den Baum als ein Bild betrachten, als einen Gegenstand, als eine physikalische oder chemische Zusammensetzung, als eine Mischung aus Licht und Bewegung, als einen unter vielen, als etwas in Zeit und Raum, als eine blosse Zahl, wie es die Wissenschaft normalerweise tut. Dies würde unsere „Erfahrung“ des Baumes konstruieren.

Ich betrachte einen Baum.
Ich kann ihn als Bild aufnehmen: starrender Pfeiler im Anprall des Lichts, oder das spritzende Gegrün von der Sanftmut des blauen Grundsilbers durchflossen. Ich kann ihn als Bewegung verspüren: das flutende Geäder am haftenden und strebenden Kern, Saugen der Wurzeln, Atmen der Blätter, unendlicher Verkehr mit Erde und Luft – und das dunkle Wachsen selber. Ich kann ihn einer Gattung einreihen und als Exemplar beobachten, auf Bau und Lebensweise. Ich kann seine Diesmaligkeit und Geformtheit so hart überwinden, daß ich ihn nur noch als Ausdruck des Gesetzes erkenne – der Gesetze, nach denen ein stetes Gegeneinander von Kräften sich stetig schlichtet, oder der Gesetze, nach denen die Stoffe sich mischen und entmischen. Ich kann ihn zur Zahl, zum reinen Zahlenverhältnis verflüchtigen und verewigen. In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand und hat seinen Platz und seine Frist, seine Art und Beschaffenheit.

Buber würde jedoch behaupten, dass es eine andere Art gibt, den Baum zu betrachten. Der Baum selbst bliebe derselbe, nichts an ihm würde sich ändern, wohl aber die Art und Weise, wie wir ihn betrachten. Hier käme ein spirituelles, religiöses Element ins Spiel, das den Baum als ein ausschliesslich spirituelles Wesen darstellen und eine zweiseitige Beziehung zwischen uns herstellen würde. Der Baum würde aufhören, ein blosser Gegenstand der Erfahrung zu sein und in die Sphäre des Ich-Du eintreten.

Es kann aber auch geschehen, aus Willen und Gnade in einem, daß ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefaßt werde, und nun ist er kein Es mehr. Die Macht der Ausschließlichkeit hat mich ergriffen. Dazu tut nicht not, daß ich auf irgend eine der Weisen meiner Betrachtung verzichte. Es gibt nichts, wovon ich absehen müßte, um zu sehen, und kein Wissen, das ich zu vergessen hätte. Vielmehr ist alles, Bild und Bewegung, Gattung und Exemplar, Gesetz und Zahl, mit darin, ununterscheidbar vereinigt. Alles, was dem Baum zugehört, ist mit darin, seine Form und seine Mechanik, seine Farben und seine Chemie, seine Unterredung mit den Elementen und seine Unterredung mit den Gestirnen, und alles in einer Ganzheit.
Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen, wie ich mit ihm – nur anders. Man suche den Sinn der Beziehung nicht zu entkräften: Beziehung ist Gegenseitigkeit. So hätte er denn ein Bewußtsein, der Baum, dem unsern ähnlich? Ich erfahre es nicht. Aber wollt ihr wieder, weil es euch an euch geglückt scheint, das Unzerlegbare zerlegen? Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber.

Buber begründete eine Religionsphilosophie, die nicht nur die Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen und zu Gott, sondern auch seine Beziehung und Verantwortung gegenüber der Mitwelt thematisiert. Der Mensch soll seine Umwelt nicht nur konsumieren, sondern ist von ihr ebenso abhängig wie sie von ihm. Diese Denkweise, die wir in den letzten Generationen immer mehr zu schätzen gelernt haben, hat ihre Wurzeln (kein Wortspiel beabsichtigt) in der jüdischen Religion. Dass Buber den Baum als sein Paradebeispiel für die Umwelt des Menschen heranzieht, mag mit der Bedeutung des Baumes in der jüdischen Religion und im Zionismus zusammenhängen, eine Bedeutung, die im Tu Bischwat – dem neuen Jahr der Bäume – sicherlich ihren Höhepunkt findet.

Als Gott den Adam erschaffen hatte, führte er ihn zu allen Bäumen im Paradiese und sprach zu ihm: Siehe meine Werke, wie lieblich und vortrefflich sie sind und alles habe ich deinetwegen erschaffen. Nimm dich in Acht, dass du meine Welt nicht verunstaltest und zerstörst, denn es ist niemand da, der sie wieder herstellen könnte (Kohelet Rabba 7,13).

Mehr über Tu Bischwat und den Zionismus erfahren Sie in unserem Beitrag: https://breslauersammlung.com/2023/02/01/dort-wo-die-herzlzeder-tu-bischewat-und-der-zionismus/

Oded Fluss. Zürich 18.1.2024

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2 Kommentare zu „Ich und Du, der Baum“

  1. Danke lieber Oded Fluss für diesen schönen Artkel zu Tu Bischwat.
    Eine sehr alte Dame hat mir mal geraten, beim Spazieren im Wald einen Baum zu umarmen, dies beruhige und gebe Kraft. Nach ihrem Rat mache ich das immer wieder, der Baum, mein Freund und Kraftspender.
    Herzliche Tu Bischwat Grüsse
    Dalia Teplitz

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