
Die Schlauheit des Fuchses war ein beliebtes Thema in den Fabeln und Parabeln früherer Zeiten. Wenn auch die anderen Tiere in diesen Geschichten nicht ganz naiv dargestellt wurden, so war es doch meist der Fuchs, der sie zu überlisten versuchte. Oft wurde er Opfer seiner eigenen Schlauheit, manchmal war es aber auch der Fuchs, der die Bosheit eines anderen Tieres entlarvte. Wie dem auch sei, die Moral oder das Gleichnis der Fabeln sollte klar sein, und wir sollten in der Lage sein, eine Lektion aus ihnen zu lernen.

Auch in der jüdischen Tradition spielten Tierfabeln eine wichtige Rolle. Chaz“al (die verstorbene geistigen Führer der Juden) vertraten oft die Ansicht, dass die gesamte irdische Schöpfung eins sei und ein Ziel habe, und dass auch die Eigenschaften der Tiere einen erzieherischen Zweck für die Menschen hätten. Der hebräische Begriff Mishlè Shu’alim (Fuchsfabeln) ist so alt wie der Talmud, wird aber oft mit einem Buch mit diesem Titel in Verbindung gebracht.

Es handelt sich um eine Sammlung von Fabeln, die im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert von Rabbi Berechiah ha-Nakdan verfasst und übersetzt wurde. Über die Biographie des jüdischen Exegeten, Ethikers, Grammatikers, Übersetzers, Dichters und Philosophen Berechia ha-Nakdan ist wenig bekannt. Man nimmt an, dass er zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert lebte, wahrscheinlich in der Normandie und auch in England. Sein Nachname ha-Nakdan („der Punktierer“) deutet darauf hin, dass Berechiah hebräische Bücher punktierte. Wie ein jüdischer Gebrüder Grimm sammelte er Fabeln und übersetzte sie ins Hebräische.

Das Buch, das mit seiner scharfen Ironie, seinen schillernden Figuren und seinem Humor in der trockenen jüdischen Literatur des Mittelalters sehr ungewöhnlich ist, wurde erstmals 1557 gedruckt, aber erst durch eine jiddische Übersetzung im 18. Jahrhundert bekannt (eine lateinische Übersetzung von Melchior Hanel erschien 1661 in Prag). Es enthält mehr als 100 Fabeln (die grösste Sammlung in der hebräischen Literatur), von denen die meisten aus ausländischen Fabelbüchern des Mittelalters stammen, insbesondere aus dem berühmten französischen Fabelbuch der Marie de France und aus den äsopischen Fabeln. Hinzu kommen Fabeln aus dem Talmud, dem Midrasch und anderen jüdischen Quellen. Im Unterschied zu Kindermärchen enden diese oft ohne Happy End. In einer kurzen Einleitung erläutert Rabbiner Berechiah ha-Nakdan die Beweggründe für die Entstehung des Buches:

Um die Törichten klug zu machen, den Jüngling zu belehren, den Unvernünftigen, erfand ich das treffliche Mittel meines Denkens, die Herzen wie einen Garten zu tränken – mit Fabeln von Füchsen und anderen Tierwesen – die die Leute im Munde führten. Zwar sind diese Tierfabeln – schon in allen Sprachen zu lesen; aber in der Form – wich ich von der Norm anderer Schriftsteller ab. – Denn ich schmückte alle Geschichten aus, die mir geeignet schienen – dem Leser Nutzen zu bringen – in vielen Dingen. Sie sind köstlicher als Goldglanz; – herrlicher als Perlenkränze – wie die sehen werden – die zu urteilen wissen.
Nicht nur Füchse kommen vor, sondern fast alle den Menschen bekannten Wild- und Haustiere, einschliesslich des Menschen selbst. Jeder Fabel ist eine kurze Einleitung und ein kleines Gedicht vorangestellt. Obwohl die meisten Fabeln aus anderen Quellen stammen, wurden sie für den jüdisch-hebräischen Leser bearbeitet. Die hebräische Sammlung von Berechiah erhält ihren klassischen Wert durch die biblischen Idiome und moralischen Bezüge, die in die Fabeln eingewoben sind und in einigen von ihnen zu einer bezaubernden Poesie werden, die nicht unbedingt religiöser Natur ist.

Moses Mendelssohn übersetzte einige der Fabeln ins Deutsche, Ende des 19. Jahrhunderts folgten der Darmstädter Rabbiner Dr. Julius Landsberger und der tschechische Rabbiner Abraham Stein. Die Übersetzungen sind zwar etwas altmodisch, aber sehr schön. Im Folgenden werden einige Beispiele vorgestellt.

Die erste Fabel „Der Fuchs und die Fische“ basiert auf einer Fabel von Rabbi Akiba und stammt aus dem babylonischen Talmud:
Der Fuchs und die Fische
Gar Viele rathen das mit arger List,
Was für sie gut, für andere schädlich ist.
Einst gieng an eines Flusses Saume — ein Fuchs und sah im Wasserraume — einen Fisch in eiliger Flucht — vor einem anderen, der ihn zu Haschen sucht. — Jetzt kam der Verfolger heran — und stieß den Verfolgten an; dieser erwiderte den Stoß — so gieng der Kampf, der heiße, los — und ein Retter war nicht da. Als der Fuchs dies sah, trat er still zum Wasser hin, — denn er führte es im Sinn‘ — beide mit den Zähnen zu fangen — oder sie durch List zu erlangen. Doch nur des scheidenden Wassers willen — konnte er seine Gier nicht stillen. Da gieng er ohne zu sprechen ein Wort — von dieser Stelle fort — hin nach des Wassers anderer Seite. Dort sah er wieder Fische im Streite: die Kleinen werden bedrängt von den Großen, — die Schwachen von den Starken gestoßen. Da rief er den Fischen zu: — ‚Thoren, ihr gönnt euch nicht Ruh‘; umschlingt euch wohl ein brüderlich Band? waltet ein Gesetz in eurem Land , wo Einer dem anderen Verderben bringt. — Der Große den Kleinen verschlingt? Machten mich zum König ihrer Wahl — die Fische allzumal — so ließ ich nichts verletzen — von den bestimmten Gesetzen. —In Furcht und Bangen lebt ihr — euch zu bekämpfen strebt ihr. — Auf eurem Wege ist euch Leid beschieden — ihr kennt nicht Ruh‘ noch Frieden, — ihr werdet zerrissen — zerissen. — Hört deshalb meine Worte! Kommt zu mir nach diesem Orte; hier werdet ihr Freude haben — und des Friedens Gaben. — Befolgt was ich gerathen an , — ihr segnet mich ganz sicher dann! — Kommt, herauf auf trockene Erde — so leben wir zusammen ohne Beschwerde — ihr werdet da nicht hadern, nicht streiten , — noch euch Kampf bereiten — ! Denn bei uns lebt kein Empörer, noch ein Ruhestörer. — Da gibt‘ s Freuden ohne Schranken, — neu zu beleben die Herzens-kranken; auch thun niemand was zu Leide — die Erdbewohner in ihrer Freude — die sie so fröhlich macht — bei Tag und Nacht.
״Wie“, sprach ein Fisch, ״ auf trockener Erden — sollt uns Friede werden? — Sieh, da wir im ruh’gen Wasser leben, — von unseren Familien umgeben, — stiegen Räuber über uns her, — vertilgen der Unsern immer mehr; — wir müssen vor den Netzen bangen, —vor den Fischern, die uns fangen. — Viele kommen mit Angeln herbei, — und wir stoßen aus einen Schmerzensschrei; o kenntest du unser Reich, — würdest du fürchten uns gleich. — Und wenn auch du auf listige Weise — dir jetzt verschafft fette Speise;—so wirst du doch nicht unterliegen, – denn deine Feinde werden dich bekriegen — und es wird dir nicht gelingen, — sie zu bezwingen. — Wie willst du dennoch uns schlau bethören — und auf der Erde Frieden schwören? — Wahrlich dem Vogel in der Luft, — dem Fische in der Wassergruft — und dem Thiere auf dem Feld — wird lauernd nachgestellt; — selbst Menschen fühlen Kampfes Leid — hervorgerufen durch ihren Neid, Ueber dem Hohen gibt’s noch ein höherer Hüter — und über ihne gibt’s noch einen Gebieter?“
Das Gleichnis will vor Rathgebern warnen, — die durch süße Worte umgarnen; — denn der Heuchler Heerde — gleicht dem Staub der Erde. — sowie ihr Mund — dem frechen Hund. — Drum soll jeder auf die Falle achten — der Weise hat Augen zu betrachten.
Mein Gedicht — das spricht:
Die Menschen sind voll Frechheit jetzt — wie Hunde ,
Ihr Wort ist nie von Doppelsinne frei;
Nur Wermuth quillt aus ihres Herzens Grunde.
Ob ihre Zunge auch voll Honig sei. —
Gleich wie der Säugling saugt mit zartem Munde,
So saugen sie an dir mit Heuchelei. —
Sie sind Späher, bringen falsche Kunde,
Nicht Josua , noch Kaleb ist dabei.
Die nächste Fabel „Der Hund, das Schaf, der Löwe, der Wolf und der Bär“ ist in der von Aesop überlieferten Fassung bekannter. Die beiden Versionen sind sich sehr ähnlich, aber statt des Happy Ends bei Aesop ist das Ende hier tragisch und das unschuldige Schaf ist das Opfer.

Der Hund, das Schaf, der Löwe, der Wolf und
der Bär.
Es ist ein Uebel gar folgenschwer,
Wenn Herrscher achten auf Lügenmähr.
Vor des Löwen Gerichtshof klagte — bitterlich ein Hund und sagte: — „O, Herr, hab‘ doch Erbarmen, — mit deinem Knecht, dem armen; — das Brot, das ich zur Nahrung — mir legte in Verwahrung, — stahl mir dies Schaf am gestrigen Tage. “ — Doch dies erwiderte auf die Klage: — „Er lügt, bei wem du findest das Brot, — erleide den Verbrechertod.“ — Da sprachen die Richter zum Hunde: — „Hast du Zeugen für deine Kunde? “ — Der entgegnete: „Meiner Worte Wahrheit — beweisen Zeugen mit Klarheit. — Wolf und Bär haben dies Schaf gesehn — heimlich in meine Hütte gehn; — hier stahl’s mein Brot mein liebes; — o schonet nicht des Diebes!“ Da lud man die hohen Herrn, — welche waren fern — zur Zeugenaussage — an einem bestimmten Tage. — Doch beriethen, um Widerspruch zu meiden — zuvor das Zeugniß die Beiden, — setzten zusammen die Lügen — mit denen sie wollten betrügen. — Dann traten sie vor’s Gericht, — wo die Richter nicht forschten nach Pflicht; — denn sie waren mit jenen einen Weg gegangen — hatten Bestechung empfangen — und halfen den Zeugen — das Recht beugen. Das Urtheil lautete daher: — „Ein Brot, wie das gestohlene schwer, — soll das Schaf dem Hunde zahlen.“ — Dies eilte hinweg voll Qualen; — denn es hatte nichts im Haus; — doch es bot seine Wolle zum Kaufe aus. — Da fanden die Scheerer sich ein, — das Schaf trug still des Scheerens Pein — und für die Wolle , ihm entnommen, — hat es das Brot bekommen, — das es reichte dem Hunde dar, — obwohl es unschuldig war. — Das Schaf litt aber neue Qual, — es wich des Sommers heißer Strahl, — der Winter stieg zur Erde nieder — und Frost schüttelte des Schafes Glieder, — weil ihm fehlte die Wolle, die warme. — Da ergab es sich dem Harme, — betrübte sich wegen seiner Kleinen, — hörte um seiner Kinder willen nicht auf zu weinen — und da der Winter herrschte mit Strenge — und Schnee fiel in großer Menge — starb’s auf einem von den Wegen — die es hatte zurückzulegen. Wolf und Bär, die gehofft auf sein Ende, — liefen nun zur Todesstätte behende — und sprachen : „Dies Schaf ist wohl erworben, — denn durch unser Zeugniß ist’s gestorben.“—
Dies Gleichniß ist gegen dies Geschlecht, — das der Frechheit Knecht, — deß‘ Zähne Schwerter sind , — zu vertilgen der Armuth Kind — welches Alle hassen, — weil’s nicht will vom Rechte lassen — und den Trug umfassen. — Für seine Fehler giebt’s viele Späh’r — und der Herrscher achtet auf Lügenmähr.
Mein Gedicht, — das spricht:
Ach, daß der Leu dem Fuchs verwandt,
Der Fromme küßt dem Schelm die Hand,
Betrüger schmückt das Ordensband,
Und Niedre stehen hoch im Land!
Doch wird vom Taumel übermannt,
Auch der, den Thoren Gott genannt. —
Sein Thun bleibt doch für ihn nur Tand,
Er stürzt trotz seinem Kriegsgewand.
Und daß wer fiel nicht mehr erstand,
Ist armen Leuten wohl bekannt. —
Eine der merkwürdigsten Fabeln (die eigentlich gar keine ist) in der Sammlung ist die Erzählung von dem Weibe, ihrem Manne, dem Ritter und dem Minister. Abgesehen von der ungewöhnlichen Handlung und der seltsamen Moral zeigt sie, wie offen und sogar radikal die hebräische Kultur im Mittelalter war, und wie sie sich von anderen Kulturen beeinflussen liess.

Erzählung von dem Weibe, ihrem Manne, dem Ritter und dem Minister
Nur Wenige bleiben stets treu ergeben
Den Todten, die sie geliebt im Leben.
Traurig ringt das Weib die Hände — Thräne folgt der Thrän‘ behende — seht das Leid sie einsam tragen — und vor Schmerz die Brust sich schlagen, — weil ihr Gatte sank ins Grab.— Schauet jetzt die Trift hinab! — Dort hängt ein Ritter todt am Pfahl, — denn, wie der König es befahl, — durch den Minister und treuen Rath — an jedem Ort in jeder Stadt, — niemand sollt vom Galgen schneiden, — wollt‘ er nicht selbst erleiden —den Tod durch Henkers Hand — und endlich werden noch verbrannt.
Doch, als des Ritters Bruder sah — ihn, weil gehenkt, der Straße nah — der Verachtung preisgegeben, — fühlte er sein Herz erbeben; — denn beide hatten ja fürwahr — dasselbe Elternpaar. — Kein Maß für seinen Zorn kennt er — drum des Nachts vom Galgen trennt er — den todten Leib waghalsig los : — und senkt ihn in der Erde Schoß.
Doch sehr ist ihm das Herz beklommen — aus Furcht ums Leben selbst zu kommen, — weil er des Königs Wort verletzt! — vor Angst sträubt sich das Haar ihm jetzt. — Er floh daher und barg sich — im Hause jener Frau, die arg sich — grämt und weint um ihren Mann. Er spricht zu ihr, so gut er kann — tröstliche Worte mit seinem Munde — als Balsam für ihre Herzenswunde. . — Zuletzt sagt er: Werde mein — ich will Dein treuer Gatte sein; — vergiss den Kummer, den Gemahl — und sei das Ehweib meiner Wahl.
Und sie? sie spricht zufrieden: — Da das Schicksal mich beschieden — Dir zur Gefährtin Deines Lebens — sei Dein Werben nicht vergebens. — Sie bat ihn dann um seine Erlebniße — und er erzählte seine Begegniße, — wie seine Seele niedergebeugt, — weil er sich ungehorsam gezeigt — dem König in dieser Nacht — und dass er werde umgebracht — in der Jahre Kraft — seiner Familie entrafft. Da sprach die Frau: Sei ohne Bangen; statt Deines Bruders, der gehangen — knüpfen wir an jenen Pfahl — meinen Gemahl,— den sie haben — begraben . — Bevor es tagt soll es geschehen — und wer kann das Dunkle erspähen? Wer verrathen — geheime Thaten? — Befolge, was ich vorgeschlagen, — Dein Glück hat Dich zu mir getragen. Nun führt sie rasch zum Grab ihn hin; — verkehrt die Lieb doch oft den Sinn! — dort nahmen sie aus dem Sarg — den Todten, den er barg — und haben es vollbracht, — wie sie es ausgedacht. — Zur Trift eilt sie so schnell sie kann — zu hängen ihren todten Mann.
Dies soll lehren: Nur Wenige bleiben stets treu ergeben — der Todten , die sie geliebt im Leben. — Ihre Liebe schwindet bald dahin; – ihr kann nicht trau’n des Sterbenden Sinn. — Haben sie ihn auch umarmt, geküsst, — ihr Herz des Todten doch vergisst; sie denken nicht, sobald er todt — an seine Wohlthat, sein Gebot. — Spricht er: Eingedenk meiner Liebe sei, — meinen Kindern, Enkeln bleibe treu! Ist er todt, vom Staub erfüllt, bleibt doch sein Wille unerfüllt.
Oded Fluss. Zürich, 22.2.2024.

