Das schweizerisch-jüdische Exlibris par excellence

Oscar Porges (ganz links) mit Vater, Mutter und Bruder.

Oscar Porges (1891-1958) entstammte einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie in St. Gallen – sein Grossvater Adolf Burgauer war der erste jüdische Bürger St. Gallens, sein Vater Josef Porges-Burgauer jahrzehntelang Teilhaber der von seinem Schwiegervater gegründeten Firma Burgauer & Co.

In St. Gallen besuchte Porges die Volksschule und später die Handelsschule, die er mit der Handelsmatura abschloss. Nach einer etwa zweijährigen Tätigkeit bei einer Bank in St. Gallen verbrachte er längere Zeit in Lausanne, London, Mannheim und Leipzig (er war ein Grosscousin des Leipziger Rabbiners Prof. Dr. Nathan Porges). Von 1920 bis 1925 war er Geschäftsführer eines Unternehmens in Plauen, bis er sich 1927 entschloss, seine Leidenschaft mit seinem Beruf zu verbinden: Er wurde Inhaber der 100 Jahre alten Verlags-Antiquariats- und Sortiments-Buchhandlung M. W. Kaufmann in Leipzig.

Porges, der ein Bücherliebhaber und vom Judentum fasziniert war, und der Verlag M. W. Kaufmann, der um 1860 nach Leipzig zog und jüdische Gebetbücher, Predigten und andere religiöse und wissenschaftliche Literatur verlegte, schienen wie füreinander geschaffen.

Obwohl Porges den Verlag erfolgreich führte, sollte die Liebesgeschichte der beiden mit dem Aufkommen des Nazi-Regimes ein tragisches Ende finden. Der Verlag wurde erstmals im Juni 1938 vom Reichskommissar Hans Hinkel als „im Rahmen des jüdischen Buchhandels zugelassen“ bestätigt. Auch in der Oktoberliste wird er noch als solcher geführt, doch Anfang 1939 wird das altehrwürdige Unternehmen verboten und aus dem Handelsregister des Amtsgerichts gelöscht.

Signet des Zürcher Pan Verlags.

Porges kehrte in die Schweiz zurück, wo er seine verlegerische Tätigkeit fortsetzte. Nach einigen Jahren als Teilhaber des Zürcher Humanitas-Verlags gründete er 1944 seinen eigenen Pan-Verlag, in dem neben Belletristik und Psychologie auch bedeutende musikwissenschaftliche Autoren publizierten, wie Alfred Einstein, dessen Werk fast vollständig im Pan-Verlag erschien, und A. M. Rothmüllers Klassiker Die Musik der Juden.

Aron Marco Rothmüller -Die Musik der Juden. Pan Verlag. Zürich, 1951. D 2718 (K).

Als Büchersammler besass Porges eine riesige Judaica-Bibliothek mit Tausenden von seltenen Büchern in vielen Sprachen. Die Bibliothek wurde nach seinem Tod der Stadtbibliothek St. Gallen geschenkt, aber einige Bücher gelangten auch nach Zürich in unsere Bibliothek. Dies geschah wahrscheinlich in der Zeit, als Porges den Pan-Verlag leitete und keine 300 Meter von unserer Bibliothek entfernt an der Alfred-Escher-Strasse in Zürich wohnte.

Einige dieser Bücher tragen Porges‘ einzigartiges Exlibris, das seine ganze Biografie zu vereinen scheint: seine Liebe zu Büchern und seine Arbeit als Verleger, sein Bekenntnis zu seinen jüdischen Wurzeln und seine Verbundenheit mit seinem Heimatland.

Rafael Frank – Exlibris Oscar Porges.

Das Exlibris, dessen Künstler der berühmte Typograf Rafael Frank (1867-1920) ist, enthält hebräische Buchstaben (manchmal spiegelverkehrt oder auf dem Kopf stehend), die als lateinische Buchstaben verwendet werden und den Namen von Oscar Porges bilden. Die Figur auf dem Exlibris trägt eine seltsame Kombination von Büchern: ein Buch über die Schweiz, ein Buch über Richard Wagner und ein hebräisches Exemplar von Maimonides‘ Führer der Unschlüssigen. Ein zu Boden gefallenes Buch, auf das die Figur blickt, erinnert an einen Talmud, ein möglicher Hinweis darauf, dass Porges sich auch aus der Ferne für die jüdische Religion interessierte.

Besitzstempel Oscar Porges.

Oded Fluss. Zürich, 29.5.2024.

image_pdfimage_print

Kommentar verfassen