Liebesgeschichte zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter

Jakob Steinhardt – Rut und Noemi

Zwischen den Büchern Hiob und Kohelet, die zu den pessimistischsten Büchern der Bibel gehören, steht das optimistische Buch Rut, das eine echte Anomalie darstellt und die vielleicht utopischste aller biblischen Geschichten erzählt. Die zur Erntezeit spielende Idylle handelt von der Moabiterin Rut, die trotz grosser Not und nach dem Verlust ihres Mannes in einem Akt grossen Glaubens die jüdische Religion annimmt. Sie verlässt ihre Familie, ihr Land und ihr Volk, um ihre Schwiegermutter Noemi in deren Heimatstadt Bet Lechem zu begleiten. Dort, umgeben von reifen Gerstenfeldern, trifft Rut ihren zukünftigen Ehemann Boas, der sie wegen ihrer tugendhaften Taten in sein Herz schliesst. Die Idee der Nächstenliebe und des Mitgefühls, die sowohl Rut gegenüber ihrer Schwiegermutter als auch Boas gegenüber Rut zeigen, als er ihr erlaubt, auf seinem Feld zu ernten, sind mit der Idee der Chesed (Güte) und des Altruismus verbunden, für die Schawuot (das Wochenfest) bekannt ist. Die Aufnahme der nichtjüdischen Rut in die Familie und in die jüdische Religion zeigt die Toleranz des Judentums gegenüber anderen Religionen. Dies wird durch die Tatsache verstärkt, dass das Buch mit der Erwähnung endet, dass König David ein Nachkomme Ruts ist. 

Nachum Gutman – Rut und Noemi

Die Geschichte verläuft völlig konfliktfrei, die Figuren sind einfach und positiv gezeichnet und streben immer nach dem Guten. Sogar Orpa, die andere Schwiegertochter Noemis, die sich entscheidet, zurückzubleiben, tut dies auf Noemis Wunsch und aus einem sehr logischen Grund.

Marc Chagall – Noemi mit Rut und Orpa

Am bemerkenswertesten und manchmal übersehen ist die besondere Beziehung zwischen Rut und Noemi. Wir sind es gewohnt, das Buch Rut als eine Liebesgeschichte zwischen Rut und Boas zu sehen, aber wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass es auch eine Liebesgeschichte zwischen diesen beiden Frauen ist. Schwiegermutter und Schwiegertochter, was normalerweise als Klischee einer toxischen Beziehung gilt, erscheint hier als Ideal.

Das Buch Ruth in einer Miniaturbibel aus der Breslauer Sammlung

Noemi kümmert sich von erstem Moment der Geschichte an um Rut und schlägt ihr vor, bei ihrer Familie zu bleiben. Ruth ist Noemi von Anfang an treu und die einzige Bitte ihrer Schwiegermutter, die sie ablehnt, ist die, sie zu verlassen und zu ihrer moabitischen Familie zurückzukehren: «Dränge mich nicht, dich zu verlassen und mich von dir abzuwenden. Denn wo du hingehst, da will ich auch hingehen, und wo du bleibst, da will ich auch bleiben; denn dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott». Die beiden so gegensätzlichen Frauen – die eine alt, die andere jung, die eine Jüdin, die andere Nichtjüdin, die eine aus einer angesehenen, die andere aus einer einfachen Familie – werden von da an unzertrennlich: «Nur der Tod soll uns scheiden».

Hermann Fechenbach – „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen…“ Israelitisches Familienblatt 13.6.1929. Z 406

Rut, durchsetzungsfähig, mutig, unabhängig und gleichzeitig loyal zu Noemi, handelt mit göttlicher Demut und Vertrauen in ihre ältere Schwiegermutter Noemi, die ihrerseits alles in ihrer Macht Stehende tut, um ihrer Schwiegertochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Selbst der erotische Teil der Verführung des Boas durch Rut wird ganz von Noemi inszeniert. Diese sagt Rut genau, was sie tun soll und Ruth befolgt ihre Anweisungen bis ins kleinste Detail.

Rembrandt – Rut und Noemi

Die Namen Rut und Noemi werden zu Synonymen für eine untrennbare himmlische Verbindung (Chaim Nachman Bialik war bekannt für seine Aussage, dass Jiddisch und Hebräisch wie Rut und Noemi seien). Die beiden sehr unterschiedlichen Frauen, die die Geschichte beginnen, sind auch diejenigen, die sie beenden. Wie eine untrennbare Einheit erscheint die Geburt Obeds, als ob sie von beiden gemeinsam ausgegangen wäre. In der Schlussszene nimmt Noemi Ruts Neugeborenes auf ihren Schoss, als die Nachbarinnen rufen: «Ein kleiner Junge für Noemi, sein Name ist Obed, und er wird der Vater von Isai sein, dem Vater Davids.»

Simeon Solomon – Noemi, Rut und Obed

Mehr über das Buch Rut und Schawuot erfahren Sie in unserem früheren Beitrag: https://breslauersammlung.com/2022/06/02/das-buch-ruth-und-schawuot/

Oded Fluss. Zürich. 6.6.2024.