Erich Kästner – Für Kinder und Kenner

Erich Kästner, dessen Todestag sich Ende dieses Monats zum 50. Mal jährt, war ein zynischer Optimist. Zwei widersprüchliche Eigenschaften, die zusammen einen grossen Kinderbuchautor ausmachen. Obwohl er an fast allem zweifelte, glaubte er an die Zukunft, an die Kinder. Er schrieb für sie und über sie, sprach zu ihnen nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe und erreichte damit nicht nur sie, sondern auch das innere Kind in jedem Menschen.

Erich Kästner (1899-1974)

„Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!“

Seine Kindergeschichten waren direkt und ironisch, realistisch und fantastisch zugleich, vor allem aber kindlich, und zwar nicht im negativen Sinne, wie das Wort heute gebraucht wird, sondern in seiner reinen, naiven Bedeutung. Und obwohl sie kindlich waren, behandelten sie Themen, die normalerweise als für Kinder ungeeignet galten, auf unschuldige und vor allem lustige Weise. Wie ein roter Faden zieht sich die kindlichste aller Fragen durch seine Geschichten: „Warum?” Diese Frage, die nicht loslässt, die keine Grenzen kennt, weil jede Antwort auf sie wieder mit ihr konfrontiert werden könnte, eine Frage, die den Erwachsenen irritiert, aber universell alle Kinder und Kinder im Herzen verbindet: „Warum?”

Erich Kästner – Über das Verbrennen von Büchern. Atrium Verlag. Zürich, 1959.

Kästner, der ein solches „Kind im Herzen“ war, schaffte es, auch in den unkindlichsten Zeiten, in denen die Kindheit so wenig Platz hatte wie die Hoffnung, ein Kind zu bleiben, und das, obwohl er die Verbrennung seiner eigenen Bücher miterlebte. In seinem ersten Roman nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Zeit des Zweifels und der Angst, konfrontierte Kästner die Welt noch einmal mit seinem „Warum?” Eine neue Krise, ein neuer Krieg lauerte um die Ecke, und das in einer Welt, die eigentlich schon genug Kriege und Elend haben sollte.

Erich Kästner – Die Konferenz der Tiere. Europa Verlag. Zürich, 1949.

“Eines schönen Tages wurde es den Tieren zu dumm.”

Die Konferenz der Tiere, die vor 75 Jahren in Zürich herauskam, folgt dem Vorbild von Aristophanes‘ Lysistrata, nur dass es hier nicht die Frauen sind, die die ständigen Kriege satt haben, sondern die Tiere. Dies ist jedoch kein einfacher Fall von Vermenschlichung. Der Mensch hat seine Vorbildfunktion verloren. Nun ist es an den Tieren, die Rolle der Menschen zu übernehmen und noch “menschlicher” zu werden.
Anders als ihre irdischen Mitgeschöpfe erkennen die Tiere die grosse Ironie menschlicher Kriege:

»Mir tun bloß die Kinder Leid, die sie haben«, meinte der Elefant Oskar und ließ die Ohren hängen. »So nette Kinder! Und immer müssen sie die Kriege und die Revolutionen und Streiks mitmachen, und dann sagen die Großen noch: Sie hätten alles nur getan, damit es den Kindern später einmal besser ginge. So eine Frechheit, was?«

„Es geht um die Kinder!“

„Es geht um die Kinder“, das zum Motto des Buches wird, ist genau das, was von den Menschen missverstanden und von den Tieren verstanden wird. Das Buch, ein Gemeinschaftsprojekt Kästners mit dem frech-fröhlichen Illustrator Walter Trier (der viele seiner Bücher illustrierte) und der Journalistin, Schriftstellerin und Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek Jella Lepman (beide jüdischer Herkunft), forderte alle Dogmen der Zeit (und aller Zeiten) mit einer dringend notwendigen Einfachheit heraus:

Sie müssen aufhören! Denn sie können aufhören! Und deshalb sollen sie aufhören!

Vergeblich versuchen die Tiere, die Menschen davon abzuhalten, in einen weiteren sinnlosen Krieg zu ziehen, bis sie schliesslich als letzten Ausweg alle Kinder der Welt entführen. Erst dann, in einer Welt ohne Kinder, entdecken die Menschen ihr inneres Kind und erkennen, dass sie ihre Kriege beenden müssen, und die Geschichte findet ihr utopisches Ende. Was wie ein Gruselmärchen klingen mag, wird so farbenfroh und unschuldig erzählt, dass es den jungen Lesenden Spass macht und sie aus der Geschichte etwas lernen können. Das Hauptziel war es jedoch, Erwachsene zu erreichen, auch wenn das ziemlich aussichtslos war.

Der Untertitel „Ein Buch für Kinder und Kenner“ zeigt, dass Kästner nicht damit rechnete, dass sein Buch tatsächlich etwas bewirken würde. Es würde nur die überzeugen, die schon überzeugt waren. Und doch, wie Kästner einmal schrieb:

„Satiriker können nicht schweigen […] im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, dass die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht. Satiriker sind Idealisten“

Kästners Kinderbücher in hebräischer Übersetzung in unserer Bibliothek. Von rechts oben nach links unten: Ora ha-Kfula (Das doppelte Lottchen) ; Pitzponet ve-Anton (Pünktchen und Anton); ha-Ish ha-katan (Der kleine Mann); Erich Kästner mesaper (Erich Kästner erzählt): Emil ve-ha-Balaschim (Emil und die Detektive)

Erich Kästner ist nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Israel einer der bekanntesten Kinderbuchautoren. Trotz des Deutschverbots in Israel zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden fast alle seine Bücher ins Hebräische übersetzt, einige sogar mehrfach und mit grossem Erfolg. [Wenn ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben darf: Mein Grossvater in Jerusalem, der nach dem Holocaust jedes Buch eines nichtjüdischen deutschen Autors boykottierte, hatte trotzdem Bücher von Erich Kästner im Regal, und viele Jahre lang dachte ich, Kästner sei Jude. Als ich schliesslich herausfand, dass er es nicht war, und meinen Grossvater fragte, warum seine Bücher erlaubt seien, antwortete er: „Kästner kann nichts dafür, dass er als Nichtjude geboren wurde“].

אורה הכפולה
Erich Kästner – Ora ha-Kfula (Das doppelte Lottchen).

Um eine allzu wohlwollende Haltung gegenüber Deutschland zu vermeiden, wurden in der hebräischen Übersetzung die Namen der Figuren und manchmal sogar der Ort der Handlung geändert. (Aus den Namen Luise und Lotte, die in „Das doppelte Lottchen“ den Namen der Mutter Luiselotte ergeben, wurden im Hebräischen Li und Ora, was den Namen Liora ergibt. Der Geburtsort München wurde in das „unschuldige“ Zürich geändert).

„Atzeret ha-Chajot“. Hebräische Ausgabe des Buches Konferenz der Tiere, übersetzt 1958 von Miriam Yalan-Shteklis

Vielleicht wäre es angemessen, diesen kleinen Text über Kästner und seine Konferenz der Tiere mit etwas wie „und heute, wo Kriege herrschen und Kinder am meisten leiden, ist diese Geschichte aktueller denn je“ zu beenden. Begnügen wir uns aber mit der Feststellung, dass heute jemand wie Erich Kästner fehlt – ein Satiriker, ein Idealist, ein „Warum“-Frager. Ein Mensch, für den immer das Lebensmotto galt: „Es geht um die Kinder“.

Oded Fluss. Zürich 24.7.2024.

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