Königin Esther, der Stürmer und die Schweiz
Aufgrund seines besonderen Charakters und seiner ungewöhnlichen Bräuche wurde das Purimfest von vielen Antisemiten für ihre Propaganda missbraucht. Das alte Sprichwort „des Juden Leid ist der Gojim Freud“ funktionierte für die Antisemiten auch umgekehrt, und Purim, für die Juden ein Fest der Freude und des Feierns, war für sie ein grosses Leid. Die Purim-Geschichte des Widerstands und des vermeintlichen Sieges der Juden über ihre Feinde steigerte nur den Hass und die Verbitterung der Antisemiten, und obwohl der grösste Teil des Hasses Mordechai galt, blieb auch Esther nicht verschont.

Im Juni 1942 erschien in Der Stürmer, dem zentralen Propagandablatt der Nazis, ein kleiner Artikel mit dem Titel «Die jüdische Frau der Zukunft». Dies war eine direkte Anspielung auf einen fast gleichnamigen Artikel, der drei Monate zuvor zum Purimfest in Zürich im Israelitischen Wochenblatt erschienen war. Beide Artikel haben Königin Esther zum Thema, doch während die Autorin des Israelitischen Wochenblatts, Edith Lachmann (1890-1955), Esther als Heldin und Vorbildfigur für junge Mädchen und das Purimfest als Hinweis auf die Bedeutung der Frau in der jüdischen Religion darstellt, verfolgt Der Stürmer naturgemäss einen etwas anderen Ansatz:
Unter der Ueberschrift ‹Esther, die jüdische Frau der Zukunft› feiert das in der Schweiz erscheinende ‹Israelitische Wochenblatt› eine Jüdin als Heldin, mit der die Juden vor Jahrtausenden im alten Persien einen der grössten Massenmorde einleitete [sic] den die Geschichte kennt.
Der Artikel geht noch weiter und zeichnet ein sehr verzerrtes Bild der Purimgeschichte, in dem Esther und Mordechai als die Bösen schlechthin dargestellt werden. Sie verschwören sich gegen König Ahasver und Haman, um den Hof des Königs zu infiltrieren und Macht über das persische Volk zu erlangen. Sie führen die Ermordung Hamans und seiner ganzen Familie mit weiteren 75.000 Menschen an. Das Komplott zur Ermordung des Königs und der Plan Hamans, alle Juden im Königreich zu töten, werden in der Darstellung des Stürmers geschickt ausgelassen.

Der Zweck des Artikels ist offensichtlich: Er soll die antisemitische Verschwörungstheorie verbreiten, nach der die Juden unmoralische Wesen sind, die nach der Weltherrschaft streben. Zu diesem Zweck wird ein religiöser jüdischer Text manipuliert und die darin enthaltene Unmoral den Juden zugeschrieben. Durch das Feiern des Purimfestes werden den Juden die gleichen dubiosen Ziele unterstellt, die in dem Artikel beschrieben werden:
Die Erinnerung an diese Massenabschlachtung im alten Persien feiern die Juden heute noch alljährlich in ihrem Purimfest […] So also feiert das Volk, das im Christentum heute noch als Gottesvolk und als Heilbringer verehrt wird, eine Erzhure und Mordanstifterin. Und da gibt es heute noch Millionen von Nichtjuden, die sich dazu hergeben, die zu beschimpfen, die immer wieder den Nachweis dafür erbringen, dass das jüdische Volk heute noch das ist, als was es im Neuen Testament bezeichnet wird: Ein Volk von Verbrechern seit Anbeginn, ein Teufelsvolk!

Es versteht sich von selbst, dass der Artikel im Israelitischen Wochenblatt, auf dem der Stürmer-Artikel basiert, einen ganz anderen Tenor und Stil hat. Er greift auf die beliebte jüdische Figur der Esther zurück, um zu zeigen, wie es einer mutigen jüdischen Frau gelang, ihr Volk in aller Stille vor dem Massenmord zu retten. In einer Zeit grossen Leids, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, in der ein neuer Haman die Zukunft des jüdischen Volkes bedroht, soll der Text jungen jüdischen Frauen in der Schweiz Inspiration und Trost sein.
Esther hat nicht nur gegen Haman gekämpft, sie kämpft auch mit ihren blitzenden, hoffnungsfrohen Augen, ihrer schweigenden Mahnung, mit jeder jüdischen Frau und jedem jungen Mädchen aller Zeiten — um die jüdische Frauenseele aller Zeiten.
Dass Der Stürmer einen jüdischen Zeitungsartikel aus der Schweiz verwendet und missbraucht, mag rätselhaft erscheinen, lässt sich aber dadurch erklären, dass zu dieser Zeit in Deutschland keine jüdischen Zeitungen gedruckt werden durften. Die Nazis waren dafür bekannt, ihren Einfluss auf die Nachbarländer auszudehnen, und sie versuchten, ihre rassistischen Theorien auch in der Schweiz zu verbreiten, um die Schweizerinnen und Schweizer dahingehend zu manipulieren, die Juden würden eine Bedrohung für sie darstellen. Es war auch eine Art, die Juden in der Schweiz zu warnen, dass auch sie im Visier der Nazis waren. Noch bemerkenswerter ist jedoch, wie die Fälschung des Buches Esther, eines jüdischen Textes, in dem die Juden angeblich „einen der größten Massenmorde“ der Geschichte begingen, zur Rechtfertigung und Ermutigung eines der zweifellos grössten Massenmorde der Geschichte, des Holocaust, wurde.
Oded Fluss. Zürich. 10.3.2025