«Du sollst!»
Rabbiner Leo Baeck und Schawuot
Normalerweise wird das Schawuot-Fest mit Getreidefeldern in Verbindung gebracht. Doch zwischen 1914 und 1918 fanden sich Juden auch auf den Schlachtfeldern wieder. Ein kleines, seltenes Büchlein in unserer Bibliothek trägt den Titel Zum Schowuausfest – dem Tag der Offenbarung und ist als „Gruss an die jüdischen Soldaten im deutschen Heer“ adressiert.

Das im Jahr 1915 vom „Verband der Deutschen Juden” in Berlin herausgegebene schmale Büchlein zeugt vom Engagement und Patriotismus der Juden in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Es handelte sich um eine von mehreren kleinen Publikationen, die jüdischen Soldaten an der Front zugeschickt wurden, damit diese ihren Glauben und ihre Traditionen auch in Kriegszeiten bewahren konnten.

Neben Psalmen, Talmud- und anderen Bibelstellen zum Wochenfest enthält es einen Aufsatz eines gewissen Rabbiners Dr. L. Baeck, „Feldgeistlicher beim Armee Oberkommando I“. Wir kennen ihn als den berühmten Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), einen bedeutenden jüdischen Schriftsteller und Gelehrten. Er war der bekannteste Führer des liberalen Judentums und während vieler Jahre des Holocaust der unbestrittene Leiter und Repräsentant des deutschen Judentums.

Rabbiner Baeck gehörte damals zu den führenden Köpfen, die zu zeigen versuchten, dass ein gläubiger Jude und ein deutscher Patriot sich nicht ausschliessen, sondern ergänzen. In seinem Text Du sollst! versucht er, die Verleihung der Zehn Gebote am Berg Sinai, die an Schawuot gefeiert wird, mit den damals aktuellen historischen Ereignissen des Krieges und der Pflicht, für Recht, Frieden und das Vaterland zu kämpfen, in Verbindung zu bringen. Für ihn ist der Ausdruck „Du sollst” der Schlüssel zum Verständnis.
du sollst! du sollst! es klingt darin etwas, was zum Kampfe auffordert, zum Kampfe um des Gewissens willen, zum Kampfe für Wahrheit und Recht, hin zum Ziele des Friedens unter den Menschen.
Die deutsche Denkweise war geprägt von der Überzeugung, dass nur diejenigen, die ihre Pflichten erfüllen und für sie einstehen, auch wirklich wissen, wer sie sind.
„Tue deine Pflicht, dann weisst du, wer du bist,“ so hat Goethe es an den Anfang seiner „Sprüche der Weisheit“ gestellt[…]
Laut Baeck geht das jüdische Denken, das an Schawuot seinen Höhepunkt erreicht, noch einen Schritt weiter.
[…]Unser Fest der Offenbarung führt tiefer hinein, es spricht zu uns das stärkste Wort: bringe Opfer, dann weisst du, wer du bist und was an dir ist. So haben unsere Weisen das „du sollst“ der Bibel immer aufgefasst und uns gelehrt: ‘nur, wer Opfer bringt, weiss um sein ganzes Herz, seine ganze Seele, seine ganze Kraft’. Und so empfinden wir es jetzt alle, über jedes Besondere und jedes Scheidende hinweg, wir Kinder des Vaterlandes. Wir erfahren an uns und aneinander, wer wir sind.
Die Identität als Jude und als Deutscher scheint sich unter dem jüdischen religiösen Gebot und dem deutschen sittlichen (kantianischen) Imperativ „Du sollst!” zu vereinen. Wenn man diesem folgt, wird der einzelne deutsche Jude mit dem historischen Juden verbunden und versteht, wer seine Brüder sind und wer er selbst ist. Mit diesem Aufruf wollte Baeck die Juden einerseits dazu ermutigen, für ihr Vaterland zu kämpfen und sich sogar zu opfern. Andererseits wollte er den Deutschen versichern, dass Juden genauso patriotisch sind wie sie. Interessanterweise kommt „du sollst” nur in der deutschen Übersetzung der Zehn Gebote vor. Im Hebräischen wird dafür das Verb „sollen” nicht benötigt.

Trotz seines Dienstes in der deutschen Armee, seiner patriotischen Gesinnung und seines Aufrufs an die deutschen Juden, sich für „das Vaterland“ zu opfern, wurde Baeck 1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort erlebte er, wie diejenigen, die er zum Sich Opfern für das Vaterland ausgesandt hatte, selbst zu Opfern des Dritten Reiches wurden. Leo Baeck überlebte das Konzentrationslager nur knapp und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod der Förderung des jüdischen Denkens und des interreligiösen Dialogs.
Oded Fluss. Zürich, 26.5.2025.