Wie ein Hund sterben

‚Wie ein Hund!‘ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

Die Redewendung „wie ein Hund sterben“ ist zwar weit verbreitet, könnte aber gerade für die jüdische Literatur des 20. Jahrhunderts als charakteristisch gelten. Der obige Satz ist der Schlusssatz des berühmten Romans Der Prozess, der 1925, ein Jahr nach dem Tod des Autors Franz Kafka, veröffentlicht wurde. Er beschreibt das elende und sinnlose Sterben des Protagonisten Josef K.
Erich Fried, der rund 40 Jahre später seine Warngedichte veröffentlichte, muss Kafka im Kopf gehabt haben, als er sein Gedicht Definition schrieb:

Die zahlreichen Pogrome und vor allem der Holocaust haben diesen Vergleich zwischen der Tötung eines Hundes – der ungerechtfertigten, sinnlosen Tötung eines unschuldigen Wesens – und der Tötung eines Juden leider angebracht erscheinen lassen. In Chaim Nachman Bialiks Epos בעיר ההרגה In der Stadt des Würgens, das er nach dem Pogrom von Kischinjow 1903 schrieb und in dem er dieses schildert, findet diese Redewendung ihren vielleicht grössten Ausdruck:

וּבָרָחְתָּ וּבָאתָ אֶל-חָצֵר, וְהֶחָצֵר גַּל בּוֹ – / עַל הַגַּל הַזֶּה נֶעֶרְפוּ שְׁנַיִם: יְהוּדִי וְכַלְבּו/ קַרְדֹּם אֶחָד עֲרָפָם וְאֶל-אַשְׁפָּה אַחַת הוּטָלוּ/ וּבְעֵרֶב דָּם שְׁנֵיהֶם יְחַטְטוּ חֲזִירִים וְיִתְגּוֹלָלוּ
In ein Gehöft dann fliehst du, drin mitten erhebt sich ein Hügel/ Wo ein Jude der Axt erlag mitsamt seinem Hunde/ Beide Leiber in einem Haufen zusammen verwesten,/ Und im Gemenge der beiden, da wühlen und wälzen sich Schweine.

Dieses sozusagen gemeinsame Schicksal von Juden und Hunden hat seinen Niederschlag in der jüdischen Literatur gefunden. Hier finden sich zahlreiche Beispiele, in denen der tragische Tod eines Hundes dem Autor als Quelle künstlerischer Inspiration dient. Eines der bedeutendsten Beispiele soll im Folgenden vorgestellt werden.

Rabtschik (a idisher hunt) – (a ma’ase far idishe kinder) fun Shalom Alechem. Der Jude. Krakau, 14.3.1901.

Der wohl bekannteste Hund der jüdischen Literatur ist der Rjabtschik (ראבטשיק) von Scholem Alejchem. Dieser „jüdische Hund“, wie ihn der Autor nennt, ist der Protagonist einer der tragischsten Hiob-Kindergeschichten, die je geschrieben wurden. Von Unglück zu Unglück, von Leid zu Leid findet der Rjabtschik keinen Frieden und keinen Freund in der Welt. Dieses naive Wesen, das überall, wo es hinkommt, von Mensch und Tier misshandelt wird, gibt dem Ausdruck „ein Hundeleben“ eine neue Bedeutung. Er wird zum Hundephilosophen, wenn er über seine Leiden nachdenkt:

[…] warum ein Hund wie er mehr auf der Welt leiden müsse, als alle übrigen Geschöpfe. Warum hat der Vogel sein Nest? Warum findet die Eidechse ihre Höhle? Da summt ein Käfer, da kriecht ein Würmlein, da läuft eine Ameise! Alle haben sie ein Heim, und ihre Nahrung; und ich armer Hund, habe nichts und muss immer bellen: wau, wau!

Der bereits erwähnte Franz Kafka, ein grosser Liebhaber der jiddischen Literatur, hat sich wohl von dieser Geschichte inspirieren lassen und in seinen Forschungen eines Hundes seine eigene Hundephilosophie niedergeschrieben. Doch während Kafkas Hund mit einer etwas optimistischen Sicht auf die Möglichkeit der Freiheit endet (wenn auch als „kümmerliches Gewächs“), ist dies bei Rjabtschik ganz anders. Selbst der letzte Ausweg für ein wenig Freiheit, der Tod, erreicht ihn nicht, und am Ende der Geschichte finden wir ihn, sein Leben und die Welt verfluchend:

— „Du schwarze Erde!“ — dachte Rjabtschik. — Ein Hund soll unter den Seinigen, unter Eingeborenen, noch nicht einmal einen Tag leben können? Da soll ja die Welt untergehen!!..


Unter folgendem Link können Sie die ganze Geschichte von Rjabtschik in deutscher Übersetzung lesen:

Anatoli Kaplan – Rabchik. Farblithographie.

Weniger bekannt ist, dass diese Kurzgeschichte von Scholem Alejchem autobiographische Elemente enthält. Der Hund Rjabtschik war eine reale Figur in Scholem Alejchems Jugend, und er erzählt davon in seinem autobiographischen Buch חיי אדם [Ein Menschenleben], das leider nie ins Deutsche übersetzt wurde. Im Gegensatz zum Rjabtschik aus der Geschichte war der echte Rjabtschik ein glücklicher und geliebter Hund. Zwar wurde er von der Köchin Fruma schlecht behandelt (wie alle Tiere) und einmal mit heissem Wasser übergossen, aber die anderen Hausbewohner, vor allem die Kinder, liebten den Hund sehr.

Stimmt, er hatte es so gut und sein Schicksal war so schön im Haus seiner kleinen Freunde! Nicht jeder Hund hat so viel Glück! Von dem, was sie auf dem Tisch hatten, und von den besten Knochen, die sie hatten, gaben sie ihm jeden Tag etwas und trugen es heimlich in ihren Taschen, ganz vorsichtig und heimlich, damit niemand es sah und den Erwachsenen davon erzählte, denn das wäre schlecht für sie und für Rjabtschik. Und Rjabtschik kannte schon die genauen Zeiten für das Schacharit-, das Mittags- und das Arvit-Essen und stand pünktlich da und wartete auf seine Freunde, bis sie mit dem täglichen Brot zu ihm kamen […] Der Rabbi hielt ihn sogar für eine Uhr, denn er wusste genau, wann es sieben Uhr war und ließ die Kinder wissen, dass es Zeit war, die Bücher zuzumachen und nach Hause zu gehen, um Arvit zu essen. „Euer Hund ist die Verwandlung eines Menschen“, sagte der Rabbi.

Rjabtschik wird jedoch wie ein Hund sterben. Scholem Alejchem erzählt uns sehr bewegt von diesem tragischen Tod. Da einige Hunde in der Gegend mit Tollwut infiziert waren, wurden zwei „Tyrannen“ beauftragt, alle verdächtigen Hunde zu identifizieren und zu töten. Da die beiden ihr Geld pro Kopf verdienten, töteten sie ungerechterweise auch „unschuldige“ Hunde. Rjabtschik war einer von ihnen. Scholem Alejchem beschreibt seine Gefühle, als er als Kind vom Tod seines geliebten Hundes erfuhr:

Mehr als alle anderen Freunde Rjabtschiks war der Schreiber dieser Zeilen über den seltsamen Tod seines treuen Dieners betrübt und trauerte um ihn, wie man um einen Menschen trauert. Einige Tage nach der Tat aß er nichts mehr, einige Nächte konnte er die Augen nicht schließen, wälzte sich im Bett und weinte heimlich, sein Kopfkissen füllte sich mit Tränen, und er fand keinen Trost. Er konnte die Sünde der bösen und grausamen Menschen nicht verzeihen, die in ihrem Herzen kein Mitleid mit der Seele eines koscheren, elenden Tieres hatten, das zwar nicht sprechen konnte, aber Glück und Leid wie die Menschen kannte und fühlte. In seiner Schlaflosigkeit machte er sich viele Gedanken und suchte eine Antwort auf dieses unmögliche Rätsel, das ihm keine Ruhe ließ: Warum ist der Hund dem Menschen treu, während die Menschen immer grausam zu ihm sind und sein Leben als wertlos betrachten? Plötzlich erinnerte er sich an Rjabtschik, an seine klaren Augen und seinen weisen Blick, der Sanftmut, Liebe und grenzenlose Hingabe ausstrahlte – er vergrub sein Gesicht in seinem Kissen und weinte bitterlich vor Schmerz und Verzweiflung.

Dies ist der erste einer Reihe von Beiträgen, die für eine kommende Ausstellung in der Bibliothek geschrieben werden. Die Ausstellung Koschere Hunde wird sich mit der besonderen Beziehung zwischen Juden und Hunden in Literatur, Kunst und Kultur beschäftigen.

Oded Fluss. Zürich 12.9.2024.

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10 Kommentare zu „Wie ein Hund sterben

  1. Dass Hunde in der jüdischen und hebräischen Literatur vorkommen, wusste ich bis anhin nicht. Umso schöner beim lesen dieses Blogbeitrags die Vielfalt solcher Geschichten zu entdecken. Auf die Ausstellung bin ich gespannt: Bitte im Blog mitteilen, wenn sie eröffnet llwird!

  2. Ganz tolle Zusammenstellung und gut aufgemacht. Überraschend, krass, erhellend, kreativ und auch sehr traurig. Schön, dass ihr euch Zeit nehmt. Vielen Dank

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