Rabbiner Goethe

„Wenn er aufwachte, kam er sich vor wie jener Deutsche, von dem der Dichter sagt: `Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.´“
„כיוון שננער רואה היה את עצמו כאותו גרמני שפייט עליו פייטנם ´הנה אנכי עומד אני שוטה עלוב, והרי אני חכם כמות שהייתי´.“
S.J Agnon – Gestern, Vorgestern ש.י עגנון – תמול שלשום

Es gibt eine bekannte Geschichte über den Rabbiner Zwi Hirsch Chajes, ein berühmter Rabbiner und Talmudlehrer, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Zolkiew lebte. 1832 wurde er in der Synagoge der Stadt gesehen, wie er mit verstörtem Gesicht still dasass. Als er gefragt wurde, was passiert sei, antwortete er: „Der Rabbiner ist gestorben! Rabbiner Goethe ist gestorben!
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war in der Tat eine Art Rabbiner, zumindest was die geistige Bewegung der Haskala (jüdische Aufklärung) und die Wiedergeburt der hebräischen Sprache angeht. Man ist erstaunt, wenn man hebräische Zeitschriften wie „Bikhure ha-Itim“ oder „Kokhave Izchak“ aufschlägt und schon ab 1825 eine Fülle von Versuchen findet, Goethe in die heilige Sprache zu übersetzen. Tatsächlich ist Goethe einer der meistübersetzten Dichter in die hebräische Sprache, an zweiter Stelle vielleicht nur nach Heinrich Heine, aber im Gegensatz zu letzterem war er kein Jude.

Zeichnung von Goethes Gedicht „Der Fischer“ von Max Liebermann.

Die Faszination der Juden für Goethe kann auf viele Arten erklärt werden. Erstens war (und ist) er einfach der bekannteste Dichter der deutschen Sprache. Zweitens wurden seine Ideen, die fast immer eine universelle Qualität hatten, von den säkularen Juden, die sich assimilieren wollten, begeistert aufgenommen. Sein ständiges Wiederauftauchen in der Bibliothek des Breslauer Rabbinerseminars bedarf jedoch einer etwas genaueren Erklärung; Goethe war natürlich stark vom Alten Testament beeinflusst, aber das waren fast alle grossen Dichter. Seine Bücher, wie andere Bücher der westlichen Literatur in unserer Sammlung (Platon, Homer, Sophokles, Shakespeare usw.) sind ein Beweis für die radikale Wende, die das Seminar bei der Ausbildung zukünftiger Rabbiner vollzog. Die Idee war, einen modernen Rabbiner zu schaffen, der genauso gut aus Goethe wie aus dem Talmud zitieren kann.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung 1867

Dies wird deutlich, wenn man die vielen Jahresberichte des Seminars aufschlägt und die Kurse untersucht, die es seinen Studenten anbot: Kurse, die von Talmud und Halacha über Homer und Platon bis Goethe reichen. Es ist also kein Wunder, dass die Bibliothek des Seminars Bücher anbot, die diese Kurse begleiteten, darunter einige echte Perlen:

Meir (Max) ha-Levi Letteris – Tofes Kinor ve-Ugav, Wien 1860. BH 3625

Das erste Buch, das wir besprechen werden, wurde 1860 in Wien gedruckt. Es ist eine Sammlung von Gedichten und Übersetzungen des hebräischen Schriftstellers, Dichters, Literaturforschers und Orientalisten Meir (Max) ha-Levi Letteris (1800-1871). Das Buch mit dem schönen Titel „Tofes Kinor ve-Ugav“, ein Teil eines Verses aus dem Buch Genesis („Der Stammvater aller Zither- und Flötenspieler“), ist einer der ersten Versuche, die klassische deutsche Poesie ins Hebräische zu bringen. Letteris, der ein großer Bewunderer Goethes war und drei Jahre später auch die erste hebräische Adaption des „Faust“ veröffentlichen sollte, brachte zwei Balladen von Goethe in das Buch ein: „Der Schatzgräber“:

„Arm am Beutel, krank am Herzen,

Schleppt’ ich meine langen Tage.

Armuth ist die größte Plage,

Reichthum ist das höchste Gut!“

Und „Der Fischer“:

„Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.“

Gehen wir chronologisch weiter zu einem Buch, das wir schon einmal besprochen haben, Jochanan Wittkowers 1880 in Altona erschienenen „Blüthenstrauss“ (אגודת פרחים)(https://breslauersammlung.com/2021/10/12/der-dichter-der-blumen-schrieb/). Dieses Buch, das eine unerschöpfliche Quelle für Gedichte, Epigramme, Legenden und Übersetzungen ist, ist in einer Form der Zweisprachigkeit gehalten und hebt so die Verbindung zwischen Deutsch und Hebräisch hervor.
Auch in diesem Buch finden wir viele von Goethes Gedichten, aber auch Epigramme, die ins Hebräische übersetzt wurden:

J. W. Goethe – Hermann und Dorothea, Übersetzt von Sh. Ben-Zion. Berlin, 1922. BH 282

Das dritte vor uns liegende Buch ist eine Übersetzung von Goethes „Hermann und Dorothea“, die 1922 in Berlin im Moriah Verlag erschienen ist. Dies ist schon die zweite Übersetzung des Buches, die erste wurde bereits 1857 unter dem Titel „Neweh Hazedek“ („Wohnung der Tugend“) in Warschau veröffentlicht. Während in der ersten Übersetzung des Buches versucht wurde, das Originalbuch zu verwischen und die Geschichte so „jüdisch“ wie möglich zu gestalten, versucht diese Übersetzung, so nah wie möglich an der deutschen Quelle zu bleiben. Diese Publikation enthält auch das berühmte klassische Gemälde von Wilhelm von Kaulbach (1805-1874), auch wenn es ihm nicht zugeschrieben wird.

Viele jüdische Gelehrte fühlten sich von der Geschichte von Hermann und Dorothea angezogen, da sie einerseits den universellen Zustand der Heimatlosigkeit beschreibt, andererseits aber auch stark vom Buch Rut inspiriert ist, indem Hermann den biblischen Boas darstellt und die ausländische Dorothea, die er zur Frau nimmt, Rut.

Unsere Ausgabe des Buches trägt einen Geschenkstempel von Lippmann Bloch (1849-1934), ein berühmter Spender unter anderem für das Breslauer Seminar und ein Zionist aus dem Kreis von Theodor Herzl.

Saul Tschernichowski „Schirim“ (Gedichte). Leipzig, 1923. BH13412

Einer der bekanntesten modernen hebräischen Dichter und Übersetzer ist Saul Tschernichowski (1875-1943). Auf der letzten Seite des letzten Kapitels eines Buches mit seinen Gedichten aus dem Jahr 1923 finden wir ein übersetztes Lied von Goethe. Obwohl das Gedicht ohne Titel ist, kann man leicht erkennen, dass es sich um Goethes bekanntes Gedicht „Über allen Gipfeln“ handelt:

Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Dieses Gedicht ist Goethes meistübersetztes Gedicht ins Hebräische und wurde mehr als 35 Mal in die hebräische Sprache übersetzt (Tschernichowski selbst hatte es fünf Mal übersetzt).
Salomon Mandelkern (1846 – 1902), ein ukrainischer Autor, Dichter und Übersetzer, nannte seine Übersetzung dieses Gedichts מנוחה „Menucha“ (Ruhe). Es erschien in seinem berühmten Gedichtband „שירי שפת עבר“ „Hebräische Gedichte“ im Jahr 1882.

Ein weiteres Gedicht von Goethe, das wir in diesem Buch finden, ist „Grenzen der Menschheit“:

„Wenn der uralte,
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät
Küss ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.

Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was underscheidet
Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sie dauernd,
An ihres Daseins
Unendliche Kette.“

Goethe war von der hebräischen Sprache begeistert. In seiner Autobiografie erzählt er von seinem erfolgreichen Versuch, seinen Vater davon zu überzeugen, sie zu lernen: „Ich eröffnete daher meinem Vater die Notwendigkeit, Hebräisch zu lernen, und betrieb sehr lebhaft seine Einwilligung: denn ich hatte noch einen höhern Zweck.“ Auch das Thema Übersetzungen faszinierte ihn und er las seine Werke gerne in anderen Sprachen. In dem Buch „Gespräche mit Goethe“ von Johann Peter Eckermann wird er mit den Worten zitiert: „‚Hermann und Dorothea‘ […] ist fast das einzige meiner grösseren Gedichte, das mir noch Freude macht; ich kann es nie ohne innigen Anteil lesen. Besonders lieb ist es mir in der lateinischen Übersetzung, es kommt mir in da vornehmer vor, als wäre es, der Form nach, zu seinem Ursprunge zurückgekehrt.'“ (18.1.1825). Und wir müssen uns fragen, was Goethe über seine hebräischen Übersetzungen geäussert hätte.

Pyramidenförmige Goethe-Statue des jüdischen Bildhauers Nat Smolin in der Bibliothek der Yale University – Forwart Magazin, 1932.
Oded Fluss 21.3.2022

2 Kommentare zu „Rabbiner Goethe

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